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Full text of "Germania"

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GERMANIA. 



VIERTELJAHRSSCHRIFT 



KHK 



DEUTSCHE ALTEßTHTJMSKUNDE. 



BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER. 



.HERAUSGEGEBEN* 



KARL BARTSCH. 



NEUNZ KFINTER JAHRGANG. 









V/**' 



WIEN. 

V ER LAG VON CA R I. C EROLD'S SOH N. 

1874. 



INHALT. 



Seite 

Freimarkt. Von K. Maurer 1 

Beiträge zur Kritik der Eddalieder. Von Ludwig Ettmüller 5 

Zur deutschen Declination. Von E. Wilken 18 

Der Vers von vier Hebungen und die Langzeile. Von W. Gern oll . . . . 35 

Zerstreute Beiträge. Von Fedor Bech ... 45 

Mhd. baeken. Von E. Wilken 59 

Über Geschlechtsnamen auf -eisen, -isen. Von M. Bück 62 

Der Marienkäfer im niederösten eichischen Kinderspruch. Von CM. Blaas. .... (57 

Arenga de commendatione studii. Von W. Wattenbach 72 

Zwei geistliche Gedichte aus Schlesien. Von H. Rückert 75 

Aus dem Buch Weinsberg. Von A. Birlinger 78 

Grammatische Versuche eines Kölners aus dem XVI. Jahrh. Von demselben . . 94 

Sprüche im Kölner Dialect. Von demselben 97 

Ateo bar. Von W. Crecelius 99 

Beiträge zur Kenntniss der langobardischen Sprache. Von Karl Meyer 1 "20 

Das Gottesurtheil im altnordischen Rechte. Von K. Maurer 139 

Zu Reinmar von Hagenau. Von E. Regel . 14'.) 

Christi Blumen. Von J. Zingerle 182 

Bruchstück einer Amicus ok Amilfus Saga. Von E. Kölbing 184 

Das Schicksalsrad und der Spruch vom Frieden. Von R. Köhler. ..... 189 

Bruchstück von Herzog Ernst A. Von K. Bartsch 195 

Freyr und Baldr und die deutschen Sagen vom verschwindenden und wieder- 
kehrenden Gott. Von Ferd. Vetter 196 

Kleine Beiträge. Von demselben 211 

Kleine Beiträge zur Mythologie. Von A. Lütolf 214 

Bruchstück einer Handschrift von Heinrici Summarium. Von K. Bartsch 215 

Der jüngere Todtentanz. Von M. Rieger 257 

Über den Accusativus cum Infinitivo im Gothischen. Von Otto Apelt . . . 280 

Lateinisches Liebesgedicht. Von W. Watten b ach 297 

Maerlants Merlin. Von Nordhoff 300 

Niederrheinische Sprüche und Priameln. Von Dr. Nolte 303 

Mitteldeutsche Predigtbruchstücke. Von L. Diefenbach . . 305 

Zum jüngeren Hildebrandsliede. Von A. Edzardi 315 

Zum Codex Exoniensis. Von J. Schipper 327 

Bruchstücke einer gereimten Bibelübersetzung. Von W. Gemoll . ■ • • 339 

Die Stadt Wien im Nibelungenlied. Von Alois Knöpfler 343 

Mhd. iener, niener, niuwan, ninwene und niene. Von E. Wilken . • 346 

Nöne. Von Ig. Zingerle 349 

Nachträge zu Lemckes Jahrbach VI, 350. Von Lg. Zingerle und EL Köhler 349 

Zu Laurembergs Scherzgedichten. Von F. Latendort .'>■"> 1 

Zu Gudrünarkvidha II. Von E. Kölbing 351 

Zum Rolandsliede. Von K. Bartsch ■ . . 385 

Heinrich von Morungen. Von Fedor Bech 419 

Urkundliche Nachwcix- aber das Geschlecht und dir Heimat der Dichter Beinrich 

und Johannes von Freiberg. Von demselben 120 

Ulrich von Zatziklioven. Von Dr. J. Baechtold 424 

Mittelalterliche Ansichten über die Träger des Namens Petras, Von K. Köhler 426 

Dienstag- Zinstag. Von Adalberl Jeitteles 128 

Sonnenuntergang, Geilätc, Gustr&te u. a. Gott folgen gehn. Von Schröer . . . 430 

Lütbrechic. Von Adalbert Jeitteles . 138 

Ahd. Glossen aus Bcheftlarn und Tegernsee. Von K. Bartsch ■ 134 



LITTERATUR. Seit e 

Zur neueren Litteratur über nordische Philologie und Geschichte. Von K. Maurer 101 

Karl Schröder, Reinke de Vos. Von Dr. H. ßaethcke 105 

M. Heyne, kleine altsächsische und altniederfränkische Grammatik. Von H. Paul 217 
K. A. Hahns Althochdeutsche Grammatik. — Auswahl aus Ulfilas gothischer Bibel- 
übersetzung. Von E. Wilken 227 

Gregorius von Hartmann von Aue. Von K. Bartsch 228 

Dr. Hermann Fischer, die Forschungen über das Nibelungenlied seit Karl Lach- 
mann. — Dr. Karl Vollmöller, Kürenberg und die Nibelungen. Von K. Bartsch 352 
Dr. Friedr. Wilh. Bergmann, Vielgewandts Sprüche und Groa's Zaubersang. Von 

E. Kölbing 359 

Dr. Anton Birlinger, Alemannia. Von E. Wilken 369 

Lorenz Diefenbach und Ernst Wülcker, hoch- und niederdeutsches Wörterbuch. 

Von K. Bartsch 370 

Dr. H. Schreyer, Untersuchungen über das Leben und die Dichtungen Hartmann's 

von Aue. Von K. Bartsch 371 

Fedor Mamroth , Geoffrey Chaucer, seine Zeit und seine Abhängigkeit von Boc- 
caccio. Von E. Kölbing .. • 373 

O. Erdmann, Untersuchungen über die Syntax der Sprache Otfrids. Von P. Piper 437 
J. Chr. Cederschiöld, Bandamanna saga. Von K. Maurer 443 

BIBLIOGRAPHIE. 

Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen 

Philologie im Jahre 1873. Von Karl Bartsch 449 

MISCELLEN. 

Übersicht der germanistischen Vorlesungen an den Universitäten Deutschlands, Öster- 
reichs, der Schweiz, Hollands und in Dorpat im Winter 1873/74, Sommer 1874, 

Winter 1874/75 120 254 501 

Karl Schiller. Von A. Lübben 123 

Hermann Kurz. Von A. v. Keller 124 

Artur Köhler. Von Eugen Kölbing 126 

Personalnotizen 128 256 384 508 

Zu Germania XVIII, 454, Zeile 13 v. u 128 

Hoffmann von Fallersleben. Von K. Bartsch 235 

Moritz Haupt. Von demselben 238 

Eduard von Kausler. Von A. v. Keller 242 

Arthur Amelung. Von E. Kölbing 244 

Briefe von Jakob Grimm an K. W. Bouterwek. Von W. Crecelius 247 

Ein Brief Schmellers 25.'? 

Preisaufgaben 256 

Bekanntmachung 256 

Übersicht der germanistischen Thätigkeit M. Haupts. Von F. Ignatius 373 

Hans Ferdinand Massmann. Von K. Bartsch . 377 

Kobersteinstif'tung in Pforte 381 

Uhlandsstiftung in Tübingen 382 

Berichtigungen zur Zeitschrift für deutsches Alterthum. . 383 

Bericht über die Sitzungen der deutsch-romanischen und der Section für neuere Spra- 
chen auf der XXIX. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu 

Innsbruck, vom 28. Sept. bis 1. Oct. 1874. Von Dr. J. Egger 492 

Oscar Jänicke. Von Joseph Strobl 503 

Jacob Grimm an Adelbcrt von Keller 504 

Denkmal für Walther von der Vogelweide 505 

Hern Walthers sanc. Von Karl Bartsch 506 

Jacob Grimm. Von demselben 507 

Denkmal für Hoffmann von Fallersleben 507 

Berichtigungen 508 



FREIMARKT. 



Studien über die ältesten norwegischen, schwedischen und däni- 
schen Hofrechte haben mich veranlasst, der Bedeutung des Ausdruckes 
Freimarkt nachzugehen, welcher in einigen von ihnen vorkommt; 
das Ergebniss aber meiner Nachforschungen scheint mir in rechts- 
geschichtlicher sowohl als culturgeschichtlicher Beziehung interessant 
genug, um hier erwähnt werden zu dürfen. 

Die Aufzeichnung, welche Joh. Hadorph im Anhango zu seiner 
Ausgabe von Biärköa Ratten (Stockholm 1687) unter dem Titel: „Kon- 
ung Magnus Erichssons Gardz Rätt 1319" abgedruckt hat, ent- 
hält in ihrem §.8 (S. 9) mehrfache Bestimmungen , welche das Spielen 
um Geld und Geldeswerth beschränken; in §. 9 aber wird sodann 
bestimmt: „Framledhis forbiudher min herre nokor frijmark holdha, 
eller rijda: Hwar mz thy faar, wari ogilt, oc wari samme Raetther 
ther wm som wm dobel." In dem Dienstrechte, welches derselbe 
Verfasser unter dem Titel „Drottningh Margretas Gärdz Rsett" 
giebt. heißt es, S. 33, in §.9 in demselben Zusammenhange: „Ingen 
Man ma Frimarknath hafwa, eller i Frimark ridha widher sama 
plicht, som sakl <t vm dobel"; in der dänischen Übersetzung aber 
dieses letzteren Denkmales, welche Joh. Henr. Schröder unter dem 
Titel: „Reginas Margarethse jus aulicum Svecanum Daniee" heraus 
he,, hat (Upsala, 1842), lautet die Stell.', ij.it, folgendermaßen: 
„Engen man ma fiymarkiieth liatl'ue eller tVvm.n knet rydhe wedher 
samme plicht Born Bagii ser <>ni dobbel." — Schon Hadorph hat be- 
merkt, daß mit dem Dienstrechte der Königin Margarete ein anderes 
wesentlich gleichlautend sei. welches den Namen K. Erichs von Pom- 
mern trage; dieses letztere, welches sowohl in dänischer als schwedi- 
scher Sprache vorkommt, und unter dem Titel „Den gainle Gaards 
ret w in Kolderup-Rosenvinge'a Sämling af gamle danske Luve. IM \'. 
dänisch abgedruckt stellt (Kopenhagen 1827), bringl aber in £. 10, 
ebenfalls im Zusammenhange mit Beschränkungen des Dobbelspieles, 
die Vorschrift, S. 29: „Item forbiuder mvn herre koning al ride tri i 

(JKK.MAMA Reue Eteih« VII. (XIX.) Jahrg. 1 



2 K. MAURER 

market oc halde. Huo thermeth faar. wsere ugild. och weere therora 
sorn om dobler". Die späteren schwedischen Hofrechte des 16. und 
17. Jhdts. sind mir nicht zur Hand; aber „Kong Frederik den 
Anden s Gaardsret" vom Jahre 1562 enthält, S. 42, in §. 25 die 
Bestimmimg: „Forbiuder och Konningen, att ingen skal riideFeylemarckit 
eller fare mett nogen Daarespill eller Daarskaff. Huo thet giör were 
ugilder oc stände thend same Rett, som för er sagdt om Dobbellspill". 
Was soll es nun heißen, einen Freimarkt reiten, halten oder 
machen (yde)? Kofad An eher hat in seiner sehr verdienstlichen 
Abhandlung „Om vore gamle Gaards-Retter, isser Kong Eriks af Pom- 
mern" (Samlede Skrifter, II, S. 590 — 91), wenn auch zweifelnd, die 
Meinung ausgesprochen, daß darunter ein öffentlicher Markt zu ver- 
stehen sein möge, welcher unter dem Schutze des Gesetzes frei von 
aller Gewalt und Störung gehalten werden durfte. Er beruft sich zu 
Gunsten dieser Deutung auf die Marktprivilegien, welche vielfach den 
Städten ertheilt wurden, und welche dieser Befriedung oft genug ge- 
denken, sowie auf den Gebrauch, vor Beginn der Marktzeit einen 
besondern Frieden verrufen, und allenfalls sogar beschwören zu lassen, 
und wirklich bestätigt der von ihm angeführte Schilter, Thesaur. Antiqu. 
Teuton., III, S. 573, den Gebrauch des Ausdruckes „freyer Marck" 
in diesem Sinne. Der Verfasser meint nun, vielleicht hätten einzelne 
von des Königs Dienstleuten auf eigene Hand Markt gehalten, und 
dabei solche Thorheiten getrieben, wie sie auf den Märkten vor- 
gekommen seien, so daß der König sich veranlasst gesehen habe sol- 
ches Treiben abzustellen, theils um die Marktprivilegien der Städte 
aufrecht zu halten, theils um den Dienstleuten allen Anlass zu Völlerei 
und anderen Unziemlichkeiten zu benehmen. Auf eine ganz andere 
Spur hatte dagegen schon um ein Jahrhundert früher Christen Oster s- 
sön Veylle in seinem Glossarium juridicum Danico-Norwegicum ge- 
wissen, dessen von mir benützte dritte Ausgabe im Jahre 1665 er- 
schien. Zum Ausdruck Feylemarcket wird hier, S. 267, unter Berufung 
auf die mündliche Angabe eines Adeligen, dessen Vater die Sache noch 
selbst mitgemacht hatte, erwähnt, daß es bei adeligen Trinkgelagen 
wohl vorgekommen sei, daß der eine oder andere Zechbruder gefragt 
babe, ob man nicht „Fejlemarket ride" wolle? Seien die Anderen auf 
den Vorschlag eingegangen, so habe man über dem Zechtische einen 
Dolch in die Decke gestoßen, und nun habe Jeder dem Andern ab- 
tauschen können, was er an fahrender Habe bei sich gehabt habe, 
z. B. Kleider, Stiefel, Sporen, Gürtel u. dgl. m. Das habe gewährt, 
bis der Dolch von der Decke herabfiel; dann aber habe Jeder be- 



FREI MARKT. 3 

halten müssen, was er in diesem Momente gehabt habe, so daß Man- 
cher ganz oder halbnackt habe davon gehen müssen, da Keiner dem 
Anderen einen angetragenen Tausch abschlagen durfte. Ihre, in seinem 
Glossarium Suiogothicuin, s. v. Frimark, hat sich dieser Erklärung 
bereits angeschlossen, und sich nur dagegen erklärt, daß Osterssön 
den Ausdruck Feilemark auf die Spielleute, d. h. doch wohl ihre Fiedel, 
zurückführen wollte, während in demselben doch nur eine Verderbniss 
für Frimark zu sehen sei. Das Wörterbuch der dänischen Aka- 
demie, s. v. Feilemarked, folgt wieder in allen Stücken der Deutung 
Osterssön's (1802), und auch Kolderup-Rosenvinge schließt sich 
a. a. 0., V, S. 587, an dieselbe an, jedoch die Identität von Frimarket 
und Feilemarket betonend; die Bezeichnung Freimarkt leitet er davon 
ab, daß die Handelschaft nichts kostete, — wenn er aber bemerkt, daß 
mit Osterssön der Name Feilemarket daher abzuleiten sei, daß man 
dabei leicht fehl greifen könne, so benützt er eben nur eine andere 
Andeutung des Genannten als die, welche Ihre aufgegriffen hatte. 
Übrigens hat Ihre bereits darauf aufmerksam gemacht, daß Halt aus 
in seinem Glossare, s. v. Freymarck, freymareken, die Bedeutung des 
Tauschens in dem Worte nachgewiesen habe; nicht übersehen darf aber 
auch werden, daß ein von Letzterem angeführter Leipziger Schöffen- 
spruch aus dem 15. Jahrhunderte vom „fryinarch" bemerkt: „das toppil 
speyl vnde wete glich ist". Wir werden damit wieder auf den Zusammen- 
hang mit dem Doppelspiel und Tafelspiel zurückgeführt, in welchem 
unsere Dienstrechte des Freimarktes erwähnen. 

Ich glaube unter solchen Umständen bei Seite liegen lassen zu 
sollen, daß das Bremisch Niedersächsische Wörterbuch (1767) 
die Bezeichnung Frij-markt für „das große jährliche Jahrmarkt in 
Bremen auf Lucas-Tag, welches neun Tage währt 1 ', anmerkt; dagegen 
erwähne ich eine in Grimm's Wörterbuch unter Freimarkt, ohne alle 
Erklärung, angeführte Strophe aus Unlands Alten hoch- und nieder- 
deutschen Volksliedern I, S. 613, wo es von Zechbrüdern heißt: 

„Und so her get die morgenröt 

do iederman zur kirchen get, 

ersl U'ilw sie freimarkt halten; 

und wer do gute kleider hat, 

dem werden böse an die stat, 

dir lmiss er dann behalten". 
Offenbar wird in diesen Versen ganz derselbe Gebrauch vorausgesetzt, 
welchen Osterssön für Dänemark bezeugt. Weitaus den lebendigsten 
und genauesten Bericht über den Hergang bei einem Freimarkt giebt 

1* 



4 K. MAURER, FREIMARKT. 

aber die Zimmerische Chronik, welcher wir so viele culturhisto- 
risch interessante Belehrung verdanken. Sie erzählt, Bd. II, S. 111 bis 
114, wie Herr Johannes Wernher Freiherr zu Zimmern im Jahre 1502 
einen „freien markt" nach Oberndorf ausrufen ließ, welcher von Ade- 
ligen und Unadeligen zahlreich besucht wurde. Der freie Markt wurde 
in diesem Falle im Namen der Herrschaft durch den Stadtknecht in 
der Kirche öffentlich verrufen und auf dem Rathhause abgehalten. 
Einen eigenen Schultheißen und zwölf Richter, dazu einen eigenen 
Gerichtsknecht ließ die Herrschaft setzen; ein „baderhüetle", d. h. 
Badhemd (vgl. Lexer, Mittelhochd. Handwörterbuch, s. v. bade-huot) 
wurde an drei Fäden über dem Tische aufgehängt, welches ,,der König" 
genannt wurde, und welches jeder Eintretende zu begrüßen und in 
bestimmt bezeichneter Weise durch Einlegung eines Hellers zu ehren 
hatte, widrigenfalls er straffällig wurde. Hat sich ein Eintretender 
gegen diese Förmlichkeiten irgendwie verfehlt, so mag jeder andere 
Anwesende, der will, gegen ihn das Gericht anrufen, und in bestimmt 
geregeltem Verfahren gegen ihn vorgehen. Der Kläger kann dabei mit 
jedem beliebigen Stücke seines Gutes, das er sofort abzuthun hat, 
dem Beklagten auf jedes beliebige Stück seines Gutes „auffahren", 
„allain das underhemet aussgenomen", und auch dieser muß sofort 
das bezeichnete Stück von sich thun. Doch tritt hinterher noch die 
Frage an die Parteien, ob sie „bössern", d. h. nachzahlen wollen oder 
nicht, und weiterhin kommt es zu einer Schätzung durch das Gericht, 
sowie zu der nochmaligen Frage an die Parteien, ob sie „behalten oder 
lassen" wollen, wobei die Meinung die zu sein scheint, daß je nach- 
dem eine Nachzahlung der Werthdifferenz oder eine Lösungssumme 
zu entrichten sein soll. Jeder Verstoss im Verfahren und jeder durch 
eine Lösungssumme erkaufte oder gutwillig erzielte Rücktritt vom 
Geschäfte macht aber die betreffende Partei, oder auch beide Theile, 
bußfällig, und werden die sämmtlichen angefallenen Bußen an einem 
späteren Termine vertrunken und verjubelt. 

Dieß der Bericht der Chronik. Derselbe schildert uns nun aller- 
dings das Verfahren beim Freimarkt ungleich complicierter als Osters- 
sön oder das Volkslied bei Uliland. Von einem Ausschreiben durch 
die Obrigkeit, einer Einhaltung gerichtlicher Formen, einem Ab- 
schätzungsverfahren und nachträglicher Einlösung u. dgl. ist in den 
letzteren beiden Angaben nicht die Rede; vielmehr setzen dieselben 
gerade umgekehrt ein ganz spontanes Abhalten des Freimarktes durch 
eine lustige Gesellschaft, die bereits ohnehin beisammen ist, voraus. 
Aber doch sind die Grundzüge des wunderlichen Spieles hier wie dort 



L. ETTMÜLLEK, BEITRAGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 5 

dieselben, und es kann auch nicht auffallen, daß an verschiedenen 
Orten und zu verschiedenen Zeiten dessen Ausprägung im Einzelnen 
sehr verschieden sich gestaltete. Interessant wäre zu wissen, wie weit 
dasselbe in der Zeit hinaufreicht, und ob die volleren Formen, wie 
sie die Zimmerische Chronik, oder die einfacheren, wie sie das Volks- 
lied und Osterssön kennen, die älteren seien. Die schwedisch-dänischen 
Dienstrechte, deren ersten Ursprung man doch dem 14. Jahrhunderte 
scheint zuweisen zu dürfen, möchten eher für die letztere Alternative 
sprechen; aber freilich weiß der norwegische Borgar arettr (Norges 
gamle Love, III, Nr. 61, S. 144 — 45), welcher die kürzeste Gestalt 
jener Dienstmannenrechte zeigt, noch nichts von dem Freimarkte, wel- 
cher überhaupt, wie schon die Bezeichnung erkennen lässt, von Deutsch- 
land aus in den Norden hinübergedrungen sein muß*). 

K. MAURER. 



BEITRAGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 

VON 

LUDWIG ETTMÜLLER. 



9) Gudrünarkvida I. 

Dieß Lied ist weit besser erhalten als manches andere. Es hat 
zwar einige nur dreizeilige Strophen, diese lassen jedoch sich leicht 
und mit genügender, ja fast völliger Sicherheit ergänzen. Die Zusätze, 
die hie und da zu entfernen sind, ergeben sich ebenfalls leicht. 

Gleich Str. 4 zeigt einen solchen Zusatz, nämlich die Worte: 
tveggja deetra, pi'iggja systra. 
Man sieht, daß schon der Stabreim mangelt, da t, d und p nicht mit 
einander verbunden werden dürfen. Die fünf Gatten und acht Brüder, 
deren Tod Giaflaug zu beklagen hat, schienen nicht hinreichend, 
darum wurden zwo Töchter und drei Schwestern hinzugefügt. Der 
Hinzufüger bedachte nicht, daß Übertreibungen immer das Gegentheil 
von dem bewirken, was man bezweckt. 

In Str. 6 beklagt Berborg den Tod ihres Gatten und den ihrer 
sieben Sühne. Das war aber «hin Ausschmücker nicht genug, er fügte 
in drei Zeilen den Tod von Vater und Mutter und vier Brüdern hinzu. 



*) Während des Druckes stossc ich in einer Sammlung von Schöffensprüchen, 
welche Was serschleben im ersten Bande Beiner Sammlang <lnitscher Rechtsquellen 
(1860) mitgetheilt hat, in cap. 164 - 6 auf einen a, sehr interessanten 

Beleg über den „frymarg". 



6 L. ETTMÜLLER 

Wer hier keine Übertreibung sehen will, der kann die Strophe (7) zu 
einer regelrechten vierzeiligen dadurch machen, daß er Herborg am 
Schlüsse der Rede ihre Worte: „ließ ek hardara härm at segja u wieder- 
holen lässt. 

Str. 5 und 11 sind ganz gleichlautend, beide jedoch nur dreizeilig. 
An einen Leich, gleich dem Hludwigsliede Hugbalds, ist begreiflich 
unter den Liedern der Edda nicht zu denken. Übrigens ist die Vier- 
zeiligkeit der Strophen hier sehr leicht herzustellen. Man schiebe beide 
Mal, in Str. 5 und Str. 11 nach der ersten Zeile (aus Str. 1) ein: ne 
kveina um sem konur adrar. 

Str. 8, 3 lese man einu misseri (dat. sing.) statt ein misseri (acc. 
plur.). Dieser Casus ist völlig unstatthaft, und ein als nom. sing. gen. 
fem. zu nehmen, geht auch nicht, weil misseri ein Beiwort haben muß. 
Str. 12, 4: varadi hon at hylja um hrer fylkis. Lüning übersetzt 
unter dem Texte diese Worte also: „Sie wehrte es, die Leiche zu ver- 
hüllen, d. h. sie wollte nicht, daß die Leiche verhüllt bliebe." Er nimmt 
also varadi (von vara) = vardi (von verja). Aber kann sein erster Satz 
wirklich für seinen zweiten stehen? Schwerlich, denn nach dem ersten 
Satze ist die Leiche unverhüllt und Gullrönd will sie nicht verhüllen 
lassen; nach dem zweiten ist sie verhüllt, soll aber nicht verhüllt blei- 
ben. Im Wörterbuch unter vara erklärt er: „sie wahrte sich zu ver- 
hüllen, d. h. sie ließ nicht länger verhüllt; varadi für varadisk? oder 
für vardi von verja?'' Man sieht, Lüning kann mit der Stelle nicht 
fertig werden. Egilsson im großen Wörterbuche fährt nicht besser; er 
lässt zwar, wie billig, verja (vardi) aus dem Spiele, aber er übersetzt: 
„monuit, cavit, ne occuleretur funus regis"; als ob monere und cavere 
gleichbedeutend wären und nur so eines für das andere stehen könnte! 
Allerdings bedeutet im Altnordischen vara gemeiniglich monere und 
varask sibi cavere. Aber varask bietet der Text nicht, und monere passt 
hier nieht in den Sinn. Thatsache ist, daß die Leiche verhüllt ist, 
denn Str. 13 wird erzählt, daß Griillrönd die Hülle wegzieht. Es ist 
also nöthig, sich nach einer anderen Bedeutung von vara umzusehen, 
und da das Altnordische bis jetzt uns keine bietet, so müssen wir uns 
schon zu anderen Dialectcn wenden. Nun bedeutet im Altsächsischen 
vardn observare, animadvertere, und diese Bedeutung passt hier trefflich. 
Aber dabei kann der Infinitiv at hylja nicht bestehen. Hat man nicht 
etwa bloß falsch gelesen, was gar nicht unwahrscheinlich ist, so ist 
hylja ein Schreibfehler für hylja. Varadi hon at hylja um hrer fylkis, 
d. h. sie blickte hin auf die Hülle um die Leiche des Fürsten. Diesen 
Sinn, und nur diesen können wir hier brauchen, und so lese man. — 



BEITRAGE ZUB KRITIK DEB EDDALIEDER. 7 

Schließlich noch eine Bemerkung zu hrer. Die gothische Form dieses 
Wortes ist hrdiv (hrdivis), die ags. hrdv (hräves), die altsächsische 
hreu (hreves), die ahd. hreo (hretves), die mhd. re (riwes), die gewöhn- 
liche altnord. hrce (hrces, gen. plur. hrceva). Wie kommt nun r zu die- 
sem Worte hinzu? In unserem Liede findet sich die Form mit r drei- 
mal (zweimal hrer, einmal hrör (d. h. mit durchstrichenem o geschrieben). 
Anderwärts liest man auch hrair. Könnte das r nicht bloß verlesen 
sein statt v? r und v kommen in altnordischer Schrift einander sehr 
nahe. Ich wüsste weder Grund noch Erklärung für dieß r anzugeben. 

Str. 15 ist wiederum nur dreizeilig. Man kann als zweiten Vers 
einschieben entweder: sorgfull sat hon yfir Siguräi (nach Str. 1) oder: 
var hon harcthugutt um hrce fylkis (nach Str. 11). 

Str. 16, 2. svä at tär ßugu treysk i gögnum. Aus diesem treysk 
weiß Niemand etwas zu machen. Egilsson sagt darüber: „videtur treysk 
esse acc. sing. nom. treyskr, m. incertae significationis, forte: pars ali- 
qua domus, tabulatum, limen". Lüning schreibt tresk und fragt: „Ist 
tresk oder treysk vielleicht mit dem schwed. tröskel, Schwelle, zusammen- 
zustellen? — Das schwed. tröskel lautet altnord. preskiöldr, pröskuldr, 
ags. preskvald, peorscvold, perxold, precsvald, ahd. aber driscufli. Diese 
Wörter haben also mit unserem treysk nichts zu schaffen, wenn auch 
die Bedeutung die gleiche (Schwelle, Diele) sein sollte. Ich vermuthe, 
treysk bezeichne eine Baumart, die man zur Dielung der Zimmer 
benutzte, und da finde ich bei Schmeller das bis auf den Umlaut genau 
entsprechende trausch, trosch f. Baum, der keine Früchte trägt, bei 
Stalder: trös, trosle, alnus viridis, Bergerle. Ob man das thrdsc (glis, 
glidis) bei Graff auch hieher nehmen darf, weiß ich nicht, da mir das 
lat. Wort fremd ist. Der Sinn ist also: Gudhrun weinte so sehr, daß 
die Zähren über die Diele hinflössen; allerdings eine starke Hyperbel. 

Str. 17 hat eine Zeile zu viel. Der Dichter ließ Gullrönd sagen: 
ykkwr vissa ek ästir mestar (eure Liebe kannte ich als die größeste), 
das war jedoch dem Ausschmücker aichl genug, und so fügte er hinzu: 
manna aüra fyr mold ofan (aller Menschen auf der Erde), ohne sich 
um die Zerstörung der Strophe dadurch weiter zu kümmern. 

Str. l s that er ganz das Gleiche. Der Dichter ließ Gudhrun 
sagen: „Mein Sigurd war neben den Söhnen Giuki's wie «'in glänzen- 
der Stein im Ringe"; der AuBSchmücker Betzte hinzu: w/rknasteinn yfir 
öälingwm (ein Edelstein über den Fürsten), was etwas albern klingt. 
Man streiche diese Zeile und die Strophe wird regelrecht. 

Str. 21 findet ganz das gleiche Matt: die fünfte Zeih- er pH Sigurdi 
svaniir eida ist völlig tiberflüssig, man streiche Bie also. 

Str. 24 sind zwei Zeilen eingeschoben, nämlich; 



8 L. ETTMÜLLER 

rekr pik alda hverr (oder hver, f.) illrar skepnit, 
sorg sdra siau konunga 
sie überlasten die Strophe und zerstören ihren einfach schönen Sinn. 
Damit ist dieß Gedicht in Ordnung und eines der schönsten Edda- 
lieder gewonnen. 

10. Gudrünarkvida önnur. 
Dieß Lied ist aus zwei Liedern zusammengesetzt. Dem ersten 
Liede gehören die Strophen 1 — 35. In ihm, einem Selbstgespräche, be- 
klagt Gudhrfm ihr Schicksal, und zwar thut sie das, als sie so eben 
ihre Söhne von Atli umgebracht und den Entschluß gefasst hat, auch 
ihren Gatten zu tödten. Daß sie ihre Klagen dem Thiodrek gegen- 
über erhoben habe, das sagt uns nur die kurze prosaische Einleitung, 
die von dem Sammler und Ordner der Lieder herrührt, und diese 
Annahme ist zurückzuweisen. In beiden Liedern wird auch nicht 
mit einem Worte darauf hingedeutet, daß Gudhrün zu Thiodrek 
spreche. Es ist dieß also jedenfalls nur eine willkürliche Annahme des 
Sammlers, die in den Liedern selbst durchaus keinen Grund hat. — 
Zum zweiten Liede, — schon der Ton ist ein ganz anderer, — ge- 
hören die Strophen 36 — 43, in welchen Gudhrün dem Atli seine Träume 
deutet; ein Gespräch im Bette zwischen beiden. Gewiß ein nicht min- 
der sonderbarer Gegenstand im Munde der Gudhrün dem Thiodrek 
gegenüber! Da das nächstfolgende Lied, das dritte Gudhrünlied, 
nach so ziemlich allgemeiner Ansicht 1 ) ein Werk des Sammlers, 
Ssemunds des Weisen, ist, so wird man ihm auch die Zusammenheftung 
dieser Lieder nebst allen Zusätzen und Einschaltungen im ersten zu- 
schreiben dürfen. Sie betreffen vor Allem den Aufenthalt der Gudhrün 
bei Thöra, der Gattin Alfs, in Dänemark, und haben keinen anderen 
Zweck, als dieser Sage in Skandinavien mehr heimische Anknüpfungs- 
punkte zu verschaffen. Das Hauptergebniss ist, daß dieVerbindung 
der Sage von den Niflungen mit der von Dietrich nur ein 
Werk Ssemunds des Weisen ist, und daß die echte altnor- 
dische Gestaltung der Sage diese Verbindung der beiden 
Sagen ganz und gar nicht kennt. Sie beruht einzig auf 
Ssemunds drittem Gudhrünliede und auf seinen prosaischen 
Zusätzen zu einigen andern Liedern. Vermuthlich hatte er in 
Deutschland die Verbindung der Sage von Sigfrid mit der von Diet- 
rich kennen gelernt, als er durch Deutschland nach Frankreich zog, 
um in Paris zu studieren. 



*) P, E. Müller hat sie zuerst ausgesprochen. 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 9 

Dießmal jedoch wird es gut sein, wenn ich diejenigen Strophen 
des ersten Liedes, die ich allein für echt anerkennen kann, ganz und 
in ihrer richtigen Folge hier mittheile; ich würde, wenn ich wie bisher 
verführe, vielleicht des Raumes noch mehr bedürfen. Unter dem Texte 
stehen dießmal meine Bemerkungen nebst den als Zusätze ausgeschie- 
denen Strophen. 

1 . Meer var ek meyja, modir mik feeddi 

biört 1 bfo'i; unna ek vel breedrum, 
unz mik Giüki gulli reifdi, 
gulli reifdi, gaf Sigurdi. 

2. Svä var Sigurdr of sonum Giüka, 

sem vceri greenn laukr or grasi vaxinn, 
eda hiörtr habeinn um hvössum dfjrum, 
eda gull gludrautt of grd silfri. 

3. Unz mer fyrmundu minir brozdr, ') 

at ek cetta ver Öllum fremra; 

sofa peir ne mättud ne of sakar dozma, 

ädr ])eir Sigurd svelta letu. 

4. Grani rann at ])ingi, gnfjr var at heyra, 

en pä Sigurdr sialfr eigi kom; 
Öll väru söduldijr sveiti stokkin 
ok of varid 3 ) väsi af vegöndum. 

5. Gekk ek grätandi vid Grana rozda, 

ürughlijra i6 frä ek spialla; 

hnipnadi Grani pä, drap i gras höf&i: 

iör put vissi, eigendr ne lif&ut*). 

6. Gengi hvarfada, b-ngi hugir deildusk, 

ädr ek of freegak folkvörd <it grani. 



7. Hnipnadi Gunnarr, sagdi Högni mer 5 ) 
frä Sigurdar särum dauda: 



■ Str. -i schließt .sich an Str. 1 an. 3 ) vanid, Hs. *) Die eigendr sind 

wohl Bigard and Brynhild, der Grani früher gehört« . abei Brynhild lebl mich in 
dem Augenblicke, da Gndhrün mit Grani spricht, und so bat man doch wohl den Satz 
im Singular zu lesen, nämlich eigemdi >>■ lifdit, der Eigenthümer (Sigurd) lebte nicht. — 
In der Lücke nach c, 2 kann etwas gestanden haben, wie wir es Brot aj Bryrü 
heida 6 lesen: „h/van Sigwdr, v . tm, er framdr m&nir fyrri r%&* 

& ) mer Högni, Sa. 



10 L. ETTMÜLLER 

„liggr of höggvinn fyr handan ver 
Guthorms bani ok gefinn ulfum. 

8. Littu par Sigurd ä sudrvega, 

]>ä heyrir pü hrafna gialla, 
ihmu gialla, aizli fegna, 
varga pidta um veri ]nnum u , 

9. Hvi 'pü mer, Högni! harma slika 

viljalaussi vill um segja? 
pitt skyli hiarta hrafnar slita 
v?ä lönd yfir, en pü vitir manna! 

10. SvaracU Högni, sinni einu 

traudr götts hugar af trega storum: 
n pess ättu, Gudrun, graiti at fleiri, 
at liiarta mitt hrafnar sliti! u 

1 1 . Hvarf ek ein paäan andspilli frä 

ä viälcesar varga leifar; 
gerctiga ek hiüfra ne liöndum slä, 
ne kveina um sem konur aärar 6 ). 

12. Nutt potti mer, nictmyrkr vera 

er ek särla satk yfir Sigurdi; 

ulfar pöttumk öllu beim, 

ef peir leti mik Irfi tyna"'). 
Nach der 12. Strophe folgt Fahrt und Aufenthalt der Gudhrün 
bei Thora in Dänemark, nämlich Str. 13—16, die ich, wie gesagt, für 
einen Zusatz Ssemunds halte. Auch Drap Niflunga weiß davon nichts. 
Die darin erwähnten Kämpfe bei Fife in Schottland erinnern an 
Saxo Gramraaticus und dessen Zeit. Wenn eine Papierhandschrift die 
Insel Fiön (Ftthnen) statt Fife nennt, so beweist das nur, daß ihr 
Schreiber das Alberne jener Ortsbestimmung fühlte. 

Die von Ssemund eingeschalteten 3 1 /,, Strophen lauten: 

13. For ek af fialli fimm deegr talid, Unz ek höll Hälfs hdva 

pekdak; Sat ek med Poru siau misseri, Dcetr Häkonar % 
Danmörku. 

14. Hon mer at gamni gull bdkadi, Sali sudroena ok svani danska. 

15. Höfdu vit ä Skriptum pat er skatar leku, Ok at hannyrdum 

hilmis pegna, Randir raudar, rekka Ilüna, Hiördrott hidlm- 
drott, hilmis fylgju. 

6 ) pd er sat soltin um Sigurdi. Diese angehängte Zeile findet sich früh genug 
12, 2. ') Hier wird angehängt: eäa brendi mik sem birkinn vid. Können Wölfe 

Jemand verbrennen? 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. H 

16. Skip Signmndar skridu frä landi, Gyltar grimur, grafnir 

stafnar; Byrdu vit ä borda pat er peir bördusk Sigarr ok 

Siggeirr siutr ä Ffß. 

Hier herrscht ein ganz anderer Ton als in den echten Strophen 

des Liedes. Auch die große Stickerei weist auf das 11. Jahrhundert hin. 

13 (17). pä nam s ) Grimildr, gotnesk kona°) 

Jn-agiarnliga ]>ess at spyrja, 
hverr midi son systur boeta 
eda ver veginn vildi gialda. 

14 (18). Gerr lezk Gunnarr gull at bioda, 

sdkar at bozta, ok it sama Högni 10 ); 
(19). inn gengu pä iöfrum likir 

Langbards lidar, höfdu loda rauda 11 ). 

15 (20). Hverr vildi mer hnossir velja, 

hnossir velja ok hugat ma>la, 
ef peir mostti mer margra süta 
trygdir vinna, ef ek trüa gerota. 

16 (21). Fcerdi mer Grimildr füll at drekka 

svalt ok sdrlild, ne ek sakar mundak; 
pat var um aukit iardar v2 ) magni, 
svalköldum sce ok sonor dreyra. 

17 (22). Vdru i hoimi hvers kyns stafir 

ristnir ok rodnir, rada ek ne mättak; 
lyngfiskr langr lands Haddingja, 
ax oskorit, innleid d/fjra ,3 ). 



') jra, Hs. - Hierauf werden zwei Zeilen eingeschoben, hvat ek vcera hygij- 

juil um Atta. Hon hri'i borda ok buri heimti. Die Worte um Atla fehlen in der Hs. 
virma darf man nicht ergänzen vor hyggjud, weil dann das Ilült'sverb in Allitteration 
käme. — Von Saemund können diese Zeilen nicht kommen; denn er schickte ja Gudhrün 
nach Dänemark, kann also die Grfmild sie gar nicht fragen lassen. Beide Verse dürften 
einer anderen Gestaltung dieser Strophe angehören. ,0 ) Die hier nun folgenden 

Zeilen: Hon fretti at jbtÄ, hverr fara vildi Vigg at södla, vagn at beifa , llesti rtda, 
hauka fteygja, Orum at skidta . — Valdarr at Dönum med Jarizleiß, Eymödr 

pridi med Jaria kari — . Die ersten vier sind gräulich überladen, 19, 1 hat keinen Stab- 
reim; die slavischen Namen «reisen auf Ssemunds Zeit hin. Audi bei Sazo Gramm, 
kommen eine Menge Slaven als dänische Vasallen vor. Alles Beweise, daß dieß Zu- 
Bätze. ". Hier folgl wiederum ein überladener, der einfachen Haltung des Liedes 

widersprechender Zusatz, nämlich: Skreyttar brynjw, steypta hidlma; Skälmum gyrdir 
höfdu skarar iarpar. ,s ) )ir<hu\ II-. Die Berichtigung ist von Lüning. ") Die 

Erläuterung dieser Stelle nach Liljegren !" i Lüning. 



12 L. ETTMÜLLER 

18 (23). Väru % peim biöri böl mörg saman, 

urt alls vktar ok akarninn, 

umdögg arins, idrar blotnar, 

svms lifr sodin, pviat hon sahar deyfdi. 

19 (24). En pä gleymäum er getit höfdum 

öllum i'öfurs ordum i sal; 
kvämu konungar fyr kne prennir, 
ädr hon sidlfa mik sotti at mäli. 

20 (25). „ Gef ek per, Gudrun, gull at piggja, 

fiöld alls fidr at pinn födur daudan; 
hringa rauda } Hlödves sali, 
drsal allan at iöfur fallinn. 

21 (26). Hünskar meyjar, poer er hlada spiöldum, 

göra 14 ) gull fagrt, svä at per gaman Pykki; 
ein skaltu rdda audi Budla, 
gulli göfgud ok gefin Atla! u 

22 (27). Vilk eigi ek med veri ganga, 

ne Brynhildar brodur eiga; 
samir eigi mer vid son Budla 
aitt at auka ne una lifi. 

23 (28). „Hirda pü höldum heiptir gialda, 

Pviat ver höfum valdit fyrri; 

svd skaltu lata, sem peir lifi bädir 

Sigurdr ok Sigmundr, ef pü sonu fo2dir. u 

24 (29). Mdka ek, Grimildr, glaumi bella, 

ne vigrisins vdnir telja; 
siz Sigurdar sdrla drukku 
hraigifr, huginn hiariblod saman. 

25 (30). Pann hefi ek allra aittgöfgastan 

fylki fundit, ok framask nekkvi lb ); 
hann skaltu eiga unz pik aldr vidr, 
verlaus vera, nema pü vilir penna u . 

26 (31). Hirda pü biöda bölvafullar 

prägiarnliga pcer kindir mer! 
hann mun Gunnar grandi beita, 
ok oi' Högna hiarta slita. 



l4 ) ok göra, Hs. ,s ) Die drei letzten Worte bedeuten: und er thut sich 

durch einiges hervor. Liiniüg nahm ohne Grund Anstoss an diesen Worten. 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 13 

27 (32). Grätandi Grtmildr greip vid ordi, 

er burum sinum bölva vcenti 16 ). 
„lönd gef ek enn ]>er, Itjda sinnt, 17 ) 
eigpu um aldr pat ok uni, döttir! u 

28 (33). Pann mun ek kiösa af konungum, 

ok ])o af nktjum naudig hafa; 
verdr eigi mer verr at yndi, 
ne hol brcedra at bura skiöli. 

29 (34). Senn var ä hesti hverr drengr litinn 18 ); 

ver stau daga svalt land ridum, 

en adra stau unnir knidum, 

en ina ])ridju siau purt fand, stigum. 

30 (35). Par hlidverdir härar bor gar 

grind iqip luku, adr i gard ridum. — 
(31). Munkat ek letta, adr lifshvatan 
eggleiks hvötud aldri nemik! 19 ) 

Man lese jetzt hier dieß Lied, und man wird finden, daß es an 
einfacher Schönheit kaum einem der anderen nachsteht. 

Das zweite Lied, Str. 3G — 43, ist nur ein Bruchstück. Es ist ein 
Gespräch zwischen Gudhrun und Atli bei nächtlicher Weile im Bette. 
Alle Reden der Gudhrun sind hier voll von Hohn und Spott. Gudhrun 
ist also hier bleibend in einer ganz anderen Gemüthsstimnrung als im 
ersten Liede; schon deshalb können beide Stücke ursprünglich nicht 
wohl ein Lied gebildet haben. 

Das Bruchstück beginnt und schließt mit einer Halbstrophe, diese 
aber gehören zusammen und haben die erste Strophe zu bilden. Wahr- 
scheinlich gelangte die zweite Halbstrophe später zur Kenntniss des 
Schreibers der Handschrift, und damit sie nicht verloren gehe, setzte 
er sie an das Ende des ganzen, vielleicht sogar mit einem auf den 
rechten Ort hinweisenden Zeichen, das dann später bei Abschrift dieser 
Handschrift übersehen ward. Ich lese also Str. 1: 



" ] ) vmii, Es. Nach diesem Verse ward eingeschoben: ok rrwgum t&num mevna 
storra, tautologisch mit dem vorherstehenden. l7 .i Hierauf der Zusatz: Vvribiörg, 

VaXbiörg, >f Jbfl rill piggja. Scheint Nachahmung eon Helg. Hund. II 33, oder llel^. 
Hund. I, 8. Allein in Frauenhand kommt nicht Grundbesitz; zumal nicht, wo Brüder 
oder Söhne d.-i sind. ,s ) Hierauf folgt: en r'ij vabieak i wgna hqfii. Bin über- 

flüssiger, die Strophe zerstörender Zusatz, denn daß Gudhrun ihre Mägde begleiten, 
versteht sich ganz. 7on selbst. Auch ist das Geleite Bchon durch das folgende vSr 
genugsam angedeutet ,<J ) eggleiJa hvötudb- ist Atli. — Diese beiden Zeilen sind 

an Str. 31 angehängt, wo sie den engen Zusammenhang /.wischen 31 and 32 stören; 
hier schließen sie seinin das Lied ab, 



14 L. ETTMÜLLER 

Vakdi mik Atli, en ek vera potttimk 

füll ills hugar at frcendr daucta; 

lag e& 20 ) sidan, ne sofa vildak, 

prägiöm" 1 ) t kör. pat man ek görva. 
Str. 2 spricht Atli, aber sie bedarf einer Berichtigung; ich lese sie: 
Svä mik nyliga n&rnir vekja 

valsinnis spä; vilda at pü redir: 

hagda ek pik, Gudrun, Giüka döttir, 

Iwblöndnum hiör leggja mik % gögnum. 
valsinnis (statt vilsinnis) ist schöne Besserung von Lüning; vil- 
sinnis spä ist in der That nicht erträglich. Statt vilda at pü redir hat 
die Hs. vildi at ek reda, er wollte, daß ich deutete. So können diese 
Worte nur Worte der Gudhrün sein. Derjenige, der beide Lieder zu 
einem zusammenschweißte, und das Ganze der Gudhrün als Erzäh- 
lung in den Mund legte, erlaubte sich die Änderung, ohne zu be- 
denken, daß solche versprengte Sätze und Satztheile häufig zwar in 
der Skaldenpoesie, doch nirgends in den alten Eddaliedern vorkommen. 
Die Strophen 38—40 geben mir zu keiner Bemerkung hier An- 
lass; Str. 41 dagegen Zeile 4 muß man, meine ich, lesen: naudigr nä 
nfjta ek skyldak. Die Hs. bietet nvdigra, woraus man fälschlich naudigra 
gemacht hat, welches nicht in den Sinn passt. 
Str. 42. ]>ar munu seggir um sceing dcema, 

ok hvitinga höfdi nema; 

peir munu feigir fära nätta 

fyr dag litlu drottum bergja. 
sceing giebt keinen Sinn, man mag nun das Wort als Dat. (am Bette) 
oder als Acc. (über das Bette) nehmen. Da Gudhrün in ihrem Hohne 
nothwendig verharren muß, wird man soäning zu lesen haben. Auch 
den beiden letzten Zeilen lässt, wie sie jetzt lauten, durchaus kein 
Sinn sich abgewinnen. Ich schreibe daher: 

par munu seggir um sodning daima, 

ok hvitinga höfdi nema; 

Peim munu feigum fära nätta 

fyr dag litlu droit ir bergja"' 1 ). 
Das heißt nun: Da werden Männer über das Kochen sich unterreden 
und die Frischlinge des Hauptes berauben; die dem Tode verfallenen 



20 ) lega ek, Hs., woraus man leega ek (conj. praet. 1 ) gemacht hat, und zwar zu 
Anfang einer Strophe! 21 ) Jirät/iarn, Hs. 22 ) Da drott ein Mehrheitsbegriff 

ist, kann mau auch drott um bergja lesen; passiv jedoch darf man nicht construieren, 
weil bergja den Dat. der Sache verlaugt. 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 15 

wird in wenig Nächten kurz vor Tage das Hofvolk verspeisen. — Wer 
etwas besseres weiß, der theile es mit! Wohl zu erwägen ist dabei 
jedoch, daß es sich hier nur um die beiden Söhne Atlis und der Gudhrün 
handelt, welche die Mutter selbst tödtet und deren Fleisch sie dem 
Vater und seinen Mannen als Speise beim Mahle vorsetzt. 



Auf Gudrünarkvkta ]>ri(Tja, die man besser, weil deutlicher, mit: 
„Von Gudhrün und Herkja" benennen würde, habe ich näher nicht 
einzutreten. Das Gedicht ist vollständig und unverletzt erhalten, was 
sich leicht begreifen lässt. Ich bemerke einzig, daß die beiden Halb- 
strophen 6 und 7 eine Strophe zu bilden haben. Man hat sie getrennt, 
weil mit 7 die Ausführung des in 6 gemachten Vorschlages beginnt. 
Dieß ist jedoch kein Grund die Strophe zu zerreißen. 

11. Oddrünar grätr. 

Auch dieß Lied ist ein später gedichtetes und es enthält so man- 
ches, was uns in der That auffallend erscheinen muß. Es ist jedoch 
noch von einem Heiden gedichtet, wie Str. 10 beweist, während das 
Gedicht von Gudhrün und Herkja einen christlichen Geistlichen zum 
Verfasser hat, wie schon das Ordale des Kesselfangs bezeugt. 

Besonders auffallend in der Oddrün-Klage ist, daß der Dichter 
diese, die Schwester Atlis, gleichsam als Hebamme im Lande herum- 
ziehen und einer von ihr durch Zaubersprüche entbundenen Unver- 
mählten ihr eigenes Unglück in ihrer Liebe zu Gunnar erzählen lässt. 
Das hätte allenfalls einen Sinn, wenn es sich um das Schicksal der 
eben geborenen Zwillinge -handelte, und wenn dieses ein bedeutsames, 
in die Sage selbst tief eingreifendes wäre; aber davon ist keine Spur 
vorhanden. 

I ljrigens ist dieß Lied noch recht einfach gehalten und fern von 
der steifen Geziertheit der beiden Atlilicder. In dieser Beziehung ver- 
räth der Dichter eine ganz gute Schule. 

Da dieß Gedicht auf jeden Fall ein jüngeres ist, so sollte man 
es frei von Lücken und Zusätzen erwarten; aber dem ist nicht so. 
Man wird also auch hier überall, wo die vierzeilige Strophe des Star- 
kadharlag — denn in diesem ist das Lied gedichtet — zerstört ist, 
Verderbniss anzuerkennen haben. Einen Zusatz, wenn auch keinen 
ungeschickten, haben wir gleich in Str. .'5. Der Vers nämlich: n 8vipti 
hm 8ödli af svöngwm iö u ward ohne Zweifel für geboten erachtet, weil 
es Str. 2 heißt: <//.• ä svartan södul of lagdi. Aber die Eddalieder streben 
ganz und gar nicht nach homerischer Ausführlichkeit, und ohne Zweifel 



16 L. ETTMÜLLER 

fanden sich in dem Gehöfte eines Häuptlings wohl Knechte, welche 
die Königstochter dieser Mühe überheben konnten. 

Die beiden Halbstrophen 4 und 5 sind zu einer Strophe, was 
sie ursprünglich waren, zu verbinden. Nur weil 4 eine Frage und 5 
die Antwort darauf enthält, wurden sie von den Herausgebern (kaum 
wohl von der Handschrift) getrennt. Im ersten Verse v Hvat erfragst 
ä foldu u ist am Ende „o/em" hinzuzufügen, weil der Vers sonst kein 
Vers ist. 

Ebenso sind die Halbstrophen 6 und 7 zu einer Strophe wieder 
zu vereinigen. Auch hier gab wiederum Frage und Antwort den Her- 
ausgebern Anlass die Strophe zu zerreißen. Die letzte Zeile von 7 ist 
zu streichen; denn daß die Liebschaft zwischen Borgny und Wilmund 
fünf ganzer Jahre, ihrem Vater verheimlicht, angedauert habe, oder 
genauer nach dem Texte, daß beide fünf Jahre lang zusammen in 
demselben Bette geschlafen haben, das macht hier nicht das geringste 
aus, und man braucht folglich das gar nicht zu wissen. Die Zeile also : 
„fimm vetr alla svä hon sinn födur leyndi u wird, da sie die Strophe 
vernichtet, zu streichen sein. 

Str. 10 hat nur drei Verszeilen; die jetzt fehlende vierte wird 
den in Z. 3 ausgedrückten Gedanken mit anderen Worten, vielleicht 
ihn näher bestimmend, wiederholt haben. 

Str. 11 hat zwischen v. 3 und 4 den Zusatz: at ek hmvetna hialpa 
skyldak. Sein Gehalt ist aber vollkommen genügend durch das voran- 
stehende „er ek hinig mcelta u ausgedrückt. Streicht man jenen über- 
flüssigen Satz, so wird die Strophe regelrecht. 

Str. 12, 2 ist kvazt (statt kvad) und Str. 13, 3 kvaztattu (statt 
kvadattu) zu lesen. In der ersten Stelle geht ja pu voraus und in der 
zweiten ist es im Worte selbst enthalten. Schreibfehler der Hs. zu be- 
wahren ist man doch wohl nicht gehalten. 

Str. 14 hat die zweite Hälfte eingebüßt; es ist mithin eine Lücke 
von zwei Versen anzumerken. 

Str. IG, nur aus zwei Zeilen bestehend, ist ein ganz überflüssiger 
Zusatz; obendrein hat die zweite Zeile nicht einmal Stabreim, denn 
auf sid (Artikel) und sylti kann dieser unmöglich ruhen. Auch schließt 
sich Str. 17 ganz genau an Str. 15 an. 

18, 4 ]>ä er bani Fafnis borg um patti. Das letzte Wort ist ent- 
weder ein Schreibfehler für pekti von pekkja, cognoscere, oder diabe- 
tische Nebenform zu pekti, und dann wohl pätti zu schreiben. Es ent- 
spräche also dem deutschen dachte von denken. Die langsilbigen 
Verba der altnord. 1. schwachen Conjug. haben allerdings in dem 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 17 

Präteritum keinen Rückumlaut, und das macht es vielleicht bedenklich, 
pätti als Nebenform zu fwkti anzunehmen. Indeß, da von Pykkja das 
Prät. potta lautet, so lässt sich auch wohl pdtta von pekkja recht- 
fertigen. Was Egilsson über jiatti fabelt, ist wahrhaft ergötzlich. Er 
sagt unter patti: incertura; puto esse formara obsoletam imperf. ind. 
verbi intrans. piöta, j<<iut (d. i. ahd. diozan [ddz]), vel peyta [peytti] 
(d. i. ahd. dozan, dözta) ! Und doch hatten die Kopenhagener bereits 
das richtige erkannt. 

Str. 24. Die Strophe hat mit den Worten v ne löst göra u regel- 
recht zu schließen. Die beiden angehängten Zeilen enthalten ein Urtheil 
über das Verhältniss der Oddrün zu Gunnar, das wohl ein Fremder, 
aber unmöglich sie selbst aussprechen kann. 

Str. 27 ist nur eine Halbstrophe. Niemand hat eine Lücke an- 
gemerkt. Es ist aber wohl nicht bloß eine Halbstrophe ausgefallen, 
sondern eher eine halbe und eine ganze Strophe, wenn nicht noch 
mehr. Ihr Inhalt war wohl die Einladung der Giukunge durch Atli 
und die vergebliche Warnung der Gudhrun; denn Str. 28 erzählt die 
Ankunft der Giukunge und ihren Tod. 

Str. 29 und Halbstrophe 30 bildeten ursprünglich wohl nur eine 
Strophe, die da lauten mochte: 

Var ek enn farin einu siimi 

til Geirmundar görva drykkju; 

nam horskr konungr hörpu sveigja: 

hätt par af sttri&um strengir guttu. 
So sagte wohl der Dichter; ein späterer Ausschmücker jedoch, der 
d;is af struhtm falsch deutete und nicht wusste oder sich nicht er- 
innerte, daß Gunnar im Ormgardr die Harfe schlägt, um die Schlangen 
zu besänftigen, schiebt einen anderen Grund des Harfenspiels unter 
und fugt nach sveigja ein : pviat kann hugdi mik til hialpar 9er, kynrtkr 
konungr, of koma mundu „weil er, der edle König glaubte, daß ieli 
ihm zu Hülfe kommen würde". Auf diesen Grund zu kommen, war 
nun zwar leicht, denn Oddrun sagt Str. 31 selbst: vilda ek fylkis jwrvi 
biarga. Aber diesen Entschluß konnte Oddrun recht wohl fassen, so- 
bald sie die Harfe hörte, ohne daß Gunnar eine solche Absich 1 mit 
seinem Spiele hatte. Wenn nun aber einmal der Fertiger des Zusatzes 
diesen für nöthig wähnte und deßhalb die Strophe zu überladen kein 
Bedenken trug, so hätte er um so weniger die Albernheit begehen 
sollen, Geirmunds Wohnung auf der Insel Lässö anzunehmen; denn 
er lässl oach mundu) die Üddrun aoeh Bagen: Nam ek at heyra or 
Hleseyju, hve par etc. Wie kam er aber zu seinem Lässö? 

GERM \M \ ' vii \l\ . 2 



18 E. WILKEN 

Str. 31 lesen wir letum ßiöta far lund yfir, d. h. wir ließen unser 
Schiff durch den Wald schwimmen (natürlich auf der Donau, denn 
da liegt unserm Dichter Hunland). Man nimmt an dem lund Anstoß 
und will dafür sund lesen. Es ist sehr wohl denkbar, ja wahrschein- 
lich, daß bereits eine alte Handschrift sund bot, und so kam unser 
Zusetzer sehr begreiflich auf sein Lässö. So entstund der Unsinn, daß 
man den Klang einer Harfe, die man an der Donau spielte, auf Lässö 
im Kattegat gehört haben soll. — Wir haben vielmehr uns Geirmunds 
Sitz an der Donau, in der Nähe von Atlis Ormgardr zu denken; so 
will es der Dichter. 



ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 



Daß es sich hier um die Auffassung der gesammten germanischen, 
weiterhin aber auch indogermanischen Declination handelt, sei voraus 
bemerkt, doch werde ich als Germanist immer zunächst das Gotische 
und Germanische ins Auge fassen, und die übrigen Spi'achen nur so 
weit heranziehen, als es zur Verständigung unerlässlich Noth thut. Ich 
denke nun, um meine Auffassung zu begründen I. die praktischen 
Bedenken gegen die bisherige Grimm-Boppsche Erklärung der starken 
oder vocalischen Declinationsclassen vorzubringen, IL theoi'etische 
Bedenken gegen den bez. Standpunkt anzuschließen, III. theore- 
tische Begründung einer neuen Auffassung zu versuchen und IV. die 
praktische Anwendung derselben zu erörtern. Überall werde ich, da 
es sich hier ja nur um die erste Orientierung und allgemeinste Dar- 
legung handeln kann, möglichst kurz verfahren. 

Was I betrifft, so spricht für die Grimmsche Auffassung der drei 
vocalischen Declinationsclassen, der a-, i- und w-Classe, allerdings Man- 
ches, so namentlich die Form des Dat. und Acc. Plur. in den drei 
Classen: am, ans; im, ins] um, uns. Dagegen aber spricht erstens der 
Sing, der masc. z'-Stämme, der bekanntlich mit denen der c-Stämme 
identisch ist; zweitens Nom. und Gen. Plur. masc. und fem. der 
«-Stämme, die von der Regel abweichen; drittens die Formen des 
Gen. Plur. in -e und -ö, die keineswegs den verschiedenen Classen 
analog unterschieden sind; viertens die Gestalt der regelmäßigen 
schwachen oder consonantischen Declination, die eine auffällige Ver- 
wandtschaft mit der a-Classe offenbart; fünftens die Spielarten der 



ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 19 

conson. Docl. ; wozu namentlich die ?'-Stämme, sowie die auf Gutturale 
oder Dentale auslautenden Stämme gehören, die vielfach zur Analogie 
der i- und «-Stämme hinneigen; sechstens eine Fülle von Anomalien 
der Declinationsweise , die sich ganz besonders stark in den Eigen- 
namen vertreten finden; siebentens die häufige Nichtübereinstimmung 
der gotischen Declinationsclassen mit denen der andern germanischen 
Dialecte einerseits und den übrigen indogermanischen Sprachen anderer- 
seits; achtens die Vergleichung der Adjectivdeclination. 

Was den Sing, der i-Stämme betrifft, so sind die künstlichen 
Versuche balgis aus balgias, balga aus balgiai zu erklären, von Joh. 
Schmidt Zur Gesch. des indogerm. Vocalismus S. 51 Anm. mit Recht 
verworfen, vom Standpunkt der bisherigen Auffassung lässt sich nur 
sagen, daß in balgis, balga die Analogie der a-Stämme vorliege. — 
Was den Plur. sunjus, sunive betrifft, so zeigt sich hier jedenfalls ein 
j oder i, das die schematische Richtigkeit der w-Decl. schon im Goti- 
schen trübt, in den andern deutschen Dialecten ist, wie es bekanntlich 
heißt, die y-Classe mit der {-Classe allmählich ganz zusammengefallen. — 
Der Gen. Plur. hat wahrscheinlich in den Masculinis der drei sog. voca- 
lischen Classen früher gleichmäßig auf -e gelautet: fast alle oder alle 
Fremdwörter, die im Ganzen der w-Classe folgen, zeigen den Gen. Plur. 
in -''. bo apanstaulS, GaddarenS (Mc. 5, 1), Judaie (Mtth. 27, 11), prau- 
/-/'. agg/'/r n. s. w. Außerdem zeigen die Fem. der t-Classe bekanntlich 
-elbe Form, während andere Gen. Plur. auf -ö den jetzigen Erklärern 
viele Schwierigkeit machen. (Vgl. M. Heyne Ulfilas 5 A. S. 421.) — 
Was die conson. Declination betrifft, so sind Formen wie Gen. Sing. 
hanins wohl nur auf hananis, PI. Nom. und Acc. hanans auf hananas, 
ha mi na us zurückzuführen, und mit den übrigen Casus steht es nicht 
viel anders. Wenn ich hiernach nun vorläufig als Vermuthung aus- 
spreehen möchte, daß die angeblichen a-Stämme in der That auch 
consonantische seien (und ein umgekehrtes Verhältniss ist nicht 
wohl denkbar), bo widersprichl dem durchaus nicht das Verhalten jener 
vereinzelten Bildungen conson. Stämme, *\\<- man früher als Anomalien 
aufzufassen geneigt war. Denn eh auch bawrgs, brüste und einige andere 
scheinbar der /-Classe folgen, und im Acc. Plur. oaikte neben vaihtins 
Bteht, so zeigen doch halle wie der Dat. Plur. nahtevm von nahte, m&nd- 
jniui von mendp, daß auch bei diesen conson. Stämmen ein ahnliches 
Schwanken wie bei den vocalischen herrscht 1 ), und »rieder bo, daß im 

') VgL auch <lii- Plur. in fu» der Worte bröj a, B.w. Hier and weiter- 

hin entnehme ich die Beispiele meist der U161asausgabe \'>u II, II 

2* 



20 E. WILKKN 

Ganzen die a-Clsse als Regel, die beiden andern mein- nur als Spiel- 
arten erscheinen 2 ). — Nimmt man hiezu die Anomalien, die uns überall 
da in der got. Declin. entgegentreten, wo es sich um Einführung neuer 
und fremder Worte handelte, so kann das oft fast komische Schwanken 
zwischen der a-, i- und tt-Declin. wohl auch nur auf ursprüngliche 
Identität hindeuten. Ich hebe hier folgende Fälle hervor: aggilus, PI. 
aggiljus und aggileis] aipistule {-ei) Acc. PI. aijpistulans] apaustaulus, 
PI. apaustauleis ; diakaunus mit der Nebenform diakun (für die Identität 
mit der conson. Declin. sprechend); Fareisaius, PI. Fareisaieis ; Galatius, 
PI. Galateis, Gaumaurreis, Dat. Gaumaurjam\ Johannes, -is, Gen. -nes, 
-ni», Dat. -ne, -nen, -nau, Acc. -nen, -nein, -ne\ Jairusaulyma, PI. Jairu- 
saulymeis] Jacobus, Gen. Jacobis, Dat. Jacoba neben den Formen nach 
der w-Declin.; von Jaurdanus scheint der Dat. Jaurdane Mc. I, 5, 9 
vorzukommen, wo Heyne freilich einen Nom. Jaurdanes annimmt; 
Jaissais, Joses u. A. Gen. Jaissaizis, Josezis; Jesus, Gen. Jesuis, Dat. 
Jesua und Jesu] Iscariotes, Dat. -tau, Acc. -tu und -ten\ MattatMus, 
Gen. -tlüaus und -thivis\ praufetes neben praufetus\ sabbatus, Dat. Plur. 
-tum und -tim\ Saudaumeis, Dat. -mim und -mjam] Seimon neben Sei- 
monus; Teitus, Dat. und Acc. auch Teitauhj Tibairias, Dat. Tibairiadau. 

Um zu zeigen, daß nicht bloß Fremdworte diesen Schwankungen 
unterliegen, will ich noch auf einige echt gotische Anomalien der Art 
hinweisen: aivs, Dat. PI. aivam, Acc. aivins; bajops, Dat. bajopum neben 
fidvorim von fidvor; haims hat im Plur. Acc. haimos, Dat. haimom, Gen. 
haimo; vegs hat regelwidrig den Nom. Plur. vegos neben dem Dat. PI. 
vegim. Eine Menge Worte lassen es bei ihrem sparsamen Vorkommen 
überhaupt zweifelhaft, welcher Classe sie zufallen, vgl. Gr. P 598 
Anm. 1. — Über reiks und veitvods vgl. Heyne Ulfilas 5 A. S. 418. 

Die Fremdworte im Gotischen zeigen aber nicht bloß dieß oben 
berührte Schwanken in der Flexion, sondern auch vielfach die Fähig- 
keit, sich der fremden (griechischen) Flexionsweise analog zu verhalten. 
In einigen Fällen, wo solche Analogie angenommen wird, bleibt sie 
allerdings zweifelhaft: will man den Dat. Teüaun (s. oben) mit Heyne 
(S. 434) aus Tita erklären, so bleibt das auffällige n gerade unerklärt. 
Merkwürdig ist auch, daß griech. Fremdworte weiblichen Geschlechts 
wie Marja und Aiwa der Analogie einer Declinationsclasse folgen, 
der von echt gotischen Worten nur Masculina zufallen, und umgekehrt 
griech. Masculina wie Aharön, Apaullo u. A. sich der Analogie von 

J ) Der a-Classe schließen sich auch die Part, auf -and im Dat. Plur. an. Übri- 
gens setzen ja neuerdincrs Einige a, e, o als die drei Classenvocale an, was zu unserer 
Ansicht auch wohl passen könnte. 



Zli; DEUTSCHEN DECLINATION. 21 

tuggd anschließen, was wiederum für die freie Auffassung 3 ) der Decli- 
nationsclassen zeugt. Besonders wichtig ist aber, daß alle im gfiech. 
Nora, consonan tisch auslautenden Nomina (mit Ausnahme derer auf 
-og (= got. -us) und -ccg (= got. as oder a nach der Analogie von 
hana) der sog. vocalischen a-Declination folgen! Vgl. Heyne S. 434. 
Was die übrigen deutschen Dialecte betrifft, so zeigen sie theils 
ähnliehe Schwankungen in ihrem eigenen Gebiet, theils untereinander. 
Im Ags. z. B. hat man (homo) im Dat. PI. mannum (got. mannam), im 
Altn. 4 ) entspricht bei den Verwandtschaftsnamen fadir, brddir zwar 
der Dat. Plur. scheinbar dem Gotischen, aber der Umlaut in fed/rum 
zeigt, daß die Endung früher den i-Vocal besaß, und es wird hier 
der Plur. (Nom. Acc. fear) früher entschieden der ^-Classe gefolgt sein, 
während die obliquen Casus des Sing, ebenso entschieden der w-Classe 
sich anschließen, wie dieß im got. Plural der Fall ist. Dasselbe Schwan- 
ken zeigt sich bei den (wirklich vocalischen) Feminin -Stämmen auf 
ä oder a — die Quantität ist bekanntlich zweifelhaft — wo z. B. got. 
giba (ahd. k! : pa), altn. giöf '= gi(a)fu, got. airpa, ahd. iirda altnordischem 
iörd entspricht. Es zeigt sich durch diese Beispiele ferner, daß Umlaut 
auch durch sog. unorganisches u gewirkt werden kann, wie denn 
überhaupt gerade auf altnord. Gebiet die bisherige Umlautslehre sich 
als besonders willkürlich erweist 5 ). Und wie bequem weiß man nicht 
den Gen. Sing, der Masc. nach der sog. i- und zt-Classe auf -ar als 
Entlehnung aus dem Feminin zu erklären! Bekanntlich ist aber das 
Suffix auch des masc. Genetivs ebenso wie das des Nominativ Pluralis 
ursprünglich -as, welches -as im Got. Plural schon zu -äs gedehnt, im 
Ags. noch in der Form -as (schwerlich -as), im Altn. in der Form -ar 
erscheint; ist das -ar in armar nun auch eine Entlehnung aus dem 
Feminin, weil dieses dasselbe Suffix zeigt? Natürlich fehlt es auch 
nicht an Anomalien: eine ganze Reihe von Worten (vgl. Wimmer S. 44) 
können für das regelrechte (aber unverstandene) -ar im Gen. s haben, 
und wiederum tritt für regelrechtes -s ar ein (Wimmer S. 38 und 39) 
in hjarar neben hjörs, in snaevar neben maes, in sarrar neben saevs, 
in bekkjar neben bekks. l>aß demnach dieß -s des Gen. wohl vermittels! 
-18 (und seihst us) aus as ebenso abzuleiten ist wie -ar aus -as. dürfte 
einige Wahrscheinlichkeit haben. Von diesem Standpunkt aus betrachte! 



3 ) Vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt kann die-. Freiheit natürlich durch- 
aus nicht auffallen, da die Flexionsweise ursprünglich für all.' Genera fast identisch 
war. *) VgL Wimmer Altn. Gramm. 8. 64. Womit ich nicht sagen will, 

daß ich den neuesten Umlauttheorien unbedinert beistimmen könnte. 



22 E. WILKEN 

gewinnt freilich die bisherige Schematisierung der vocalischen Classen 
ein gefährliches Aussehen. 

Gehen wir einen Schritt weiter und betrachten die urverwandten, 
zunächst die classischen Sprachen, so zeigen sich dieselben Erschei- 
nungen überall. An die von der scholastischen Grammatik sogenannten 
Heteroklita und Metaplasien im Griech. will ich nur kurz erinnern: 
die Fälle solcher Freiheiten mögen in den classischen Sprachen, die 
früh unter die regelrechte Scheere der Grammatiker kamen, etwas 
seltener sein als in den altd. Dialecten, wo der Anomalien wahrschein- 
lich noch weit mehr zu Tage treten würden, wenn uns alle Casusformen, 
die überhaupt vorkamen, zur Prüfung vorlägen. Von den Schwan- 
kungen zwischen den einzelnen Sprachen möge hier einiger gedacht 
werden. So entspricht unserm got. fisk nach der sog. a-Classe der 
vocalischen Declin. das lat. piscis, das seiner ganzen Flexion nach 
entschieden mit unserer sog. z-Classe sympathisiert, und auch von Leo 
Meyer z. B. als pisci- unserm got. fisca- zur Seite gestellt wird. Dieses 
pisci- zeigt aber wiederum auffallende Ähnlichkeit in der Flexion 6 ) 
mit dem consonantischen Thema vöc- (Nom. vox für vocis u. s. w.), 
während das entsprechende Nomen im Sanscr. väc wieder in seiner 
Flexion eine gewisse Conspiration mit der vocalischen a-Classe (im 
Sanscr. und Gotischen) durchaus nicht verbirgt. Kurz man kann sieh 
bei der bisherigen Auffassung in angenehmster Weise beständig im 
Kreise drehen und nach dem Motto: „exceptio firmat regulam" die 
gute alte Regel von den drei Classen der vocalischen Declination 
gerade wegen der Menge der Ausnahmen, welche diese Theorie ge- 
stattet, aufs bequemste gegen jeden leichtfertigen Angriff vertheidigen. 
Anders läge die Sache freilich, wenn man auch theoretisch die Mängel 
des alten Systems aufdecken könnte — doch zuvor werfen wir noch 
einen Blick auf die Adjectiv-Declination. 

Diese ist, sofern sie nicht zur Pronominal-Declination stimmt 7 ), 
wohl identisch gewesen und vielfach noch ähnlich der Substantiv- 
Declin. Im Gotischen ist uns zunächst auffallend, daß die {-Declin. 



6 ) Auf Unterschieds im Gen. Plur. (ium neben um) komme ich hier noch nicht 
zu sprechen. T ) Das Verliältniss ist allerdings sehr zweifelhaft. Im Sing. Acc. 

z. B. got. Llindana ist mir eine Zusammensetzung mit einem Pronominal-Casus nicht 
sehr wahrscheinlich, blindana im Got. scheint mit dem ahd. plintan verglichen als rich- 
tige, nur etwas erweiterte adjectivische Flexion, die wieder durch seltene Fälle in der 
Sub.stant.-Declination wie Christan (lat. Christum) und cotan (= deum, Graff IV, 149), 
sowie durch die Anal, der classischen Sprachen auch für das Substantiv sich fol- 
gern lässt. 



ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 23 

bei den Adj. nur nocli im Nom. Sing. masc. und fem., und fast ebenso 
kärglich die M-Declin. zu erkennen ist, wogegen alle anderen Casus 
der i- und w-Declin. „die jüngere Entartung" -ja erkennen lassen. Im 
Altn. geht die sog. starke Form des Adj. im Plural nach Analogie der 
vocalischen a- und i-Declin. des Subst, nur daß der Dat. hier wie dort 
der Analogie der w-Declin. folgt. Im Sing, ist der Dativ beim Adj. wieder 
ebenso nach «-Declin. gefärbt, Nom. und Gen. würde man herkömm- 
licher Weise der ä-Declin. zuweisen, wogegen die i-Declin., glaube ich, 
mindestens ebenso viel Recht hätte, und der Acc. Sing, riecht wieder 
nach a-Declination! 

Was die theoretische Auffassung der indogerm. Declination 
betrifft, so werde ich mich im Wesentlichen auf Bopps Standpunkt als 
den bisher geltenden zu beziehen haben, da alle übrigen Forscher mit 
nur geringen Variationen der Boppschen Ansicht gefolgt sind. Bopp 
trennt (vgl. Gr. I 3 , 197) die Wortwurzeln überhaupt in zwei Classen: 
Verbal- und Pron ominal-Wurzeln. In Bezug auf erstere giebt er 
allerdings zu, daß diese Bezeichnung nur eine herkömmliche und 
ungenaue sei, da auch Nomina unmittelbar aus solchen Wurzeln ent- 
springen könnten. Da diese übliche Bezeichnung „Verbalwurzeln" aber 
zu der meiner Ansicht nach entschieden falschen Auffassung, als ob 
das Verbum überhaupt eine ältere Sprachform sein müsse als das 
Nomen, Anlaß gegeben hat, so möchte ich diese Bezeichnung gerne 
verbannt wissen. Wenn ich nun für „Verbalwurzeln" in demselben 
Umfang die Bezeichnung „Nominalwurzeln" vorschlage, so mag 
dieß zuerst etwas paradox klingen, doch sei bemerkt, daß ich den 
Ausdruck Nomen weiter fasse als dieß gewöhnlich geschieht; ich sehe 
Substantiv, Adjectiv und Verbum als drei Unterscheidungen desNomens 
an. Da nicht bloß Infinitiv, Particip, Gerundiuni u. s. w. des Verbums 
entschieden der Nominalbildung zufallen, sondern auch Formen wie 
lat. amamini entschieden als Participia und somit als nominale Bil- 
dungen sich ausweisen, so scheint mir die Unterordnung auch des 
Verbums unter dem Nominalbegriff zulässig. Für die Nominalwurzeln 
würde ich nun ein ursprünglich weder substantivisches noch verbales, 
eher adjectivisches oder füglicher vielleicht prädicativ zu nennendes 
Gepräge annehmen; so erscheint /. B. di Verbalwurzel vi<l = 

scire in dem Comp, d'arma-vid noch als einlaches Prädicat, d'arma- 
vid = rechtskundig. 

Außer den Nominal- und Pronominal -Wurzeln hätte eine dritte 
Classe etwa die Bezeichnung [nterjectionswurzeln zuführen, und 
auch aus diesen lassen sich direcl Substantive und Verben ableiten. 



24 E. WILKEN 

So ist z. B. die got. Interjection vai, mhd. tu« substantiviert als mhd. 
dcuz we, und um den berüchtigten Wauwau noch einmal zu mißbrau- 
chen, so ist die verdoppelte Interjection Wau in dem Wauwau zum 
Substantiv erhoben, und wauwauen wäre ein ganz verfassungsmäßiges 
Verbura. 

Die gewöhnliche Ansicht von den „Verbalwurzeln", aus denen 
alle oder fast alle Nominalstämme sollten abgeleitet sein, hat zu der 
Annahme geführt, als ob die Nomina der Regel nach durch Bildungs- 
suffixe aus jenen Verbal wurzeln abgeleitet seien, und auch Fälle, wo 
von derartigen Suffixen nichts wahrzunehmen war, so beurtheilen lassen, 
als ob hier ein Suffix eben nur abgefallen sei, wenn man sich nicht 
begnügte, solche Fälle eben als Ausnahmen von der Regel anzusehen*). 
Als das erste und häufigste dieser zur Nominalbildung verwandten 
Suffixe hat Bopp °) kurzes a angesetzt, das dann im Griech. und Lat. 
zu o (oder u) hinabgesunken, auch der Schwächung zu i unterworfen 
war. So haben wir von der lat. Verbalwurzel pisc (für pasc? vergl. 
pasc-ere) den Stamm oder das Nominalthema pisci-, woraus durch An- 
tritt des s (aus sa nach Bopp) piscis wurde; got. fisks = fiskas geht 
ebenso angeblich auf eine Wurzel fisk (== pisc, pasc), dann auf das 
Thema fiska- zurück. Scheinbare Ausnahmen wie lat. puer (waln'schein- 
lich älter pur oder por) werden nun so erklärt, daß das Thema puero 
im Nom. in der abgestumpften Form puer mit Einbuße auch des Casus- 
zeichens vorliege. Um den wahren Stamm eines Wortes zu erhalten, 
hat man sich mit Vorliebe an Composita gehalten, und z. B. aus %r]vo- 
ßoöxog den Stamm %rji>o- , oder gar aus einem Gen. Plur. civitatium 
(obwohl civitatum die häufigere Form zu sein scheint) das Thema 
civitati- gefolgert 10 ) u. s.w. Auf das leicht täuschende Verhältniss der 
Composita hat Bopp selbst (vgl. Gramm. I 3 , 246) aber sehr treffend 
hingewiesen, und auch aus andern Gründen lässt sich die bezeichnete 
Auffassung angreifen. Wenn nämlich Interjectionen, selbst auch Pro- 
nomina (z. B. das Ich) ohne Weiteres substantiviert werden können, 
so wäre gar merkwürdig, wenn aus jenen andern Wurzeln, die man (um 
die Ausdrücke nominal und verbal zu vermeiden) am besten wohl mit Max 
Müller Fr ädicats wurzeln nennen könnte, nur oder doch fast nur 
durch Suffixe Substantiva gebildet Averden könnten. Wenigstens müsste 
man consequent sein und auch neutrale Bildungen wie das got. blind 
aus blindam 11 ), unser nhd. gut, wo es masc. ist aus guter, wo es fem. 



6 ) Bopp Kurze Sanscr. Gr. (3 A.) §§. 527, 571 und namentlich 572. 9 ) Bopp 
a. a. O. §. 575 '). ,n ) Vgl. Leo Meyer Gr. und lat. Decliii. S. 3, 4. ll ) So 

erklärt Leo Meyer in der That diese Bildung. 



ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 25 

aus gute ? wo es neutr. aus gutes entstehen lassen 12 ) — aber die andere 
Auffassung, wonach in gut als Adj. und Subst., in vaurd als Subst., 
in puer u. s. w. eben nichts abgefallen ist, sondern die Wurzel zugleich 
als Thema oder Stamm 13 ) fungiert, ist offenbar weit einfacher und, 
glaube ich, hinreichend gesichert. — Was nun die Casusbildung be- 
trifft, so nimmt Bopp als Nomin. -Zeichen ein 5 an, das er auf das 
Pron. sa zurückführt. Ein schlagender Beweis für die Richtigkeit dieser 
Annahme soll sein (vgl. Gr. I 3 , 280), ..daß das genannte Pron. in der 
gewöhnlichen Sprache sich über die Grenze des Nom. masc. und fem. 
generis nicht hinaus erstreckt". Ich fühle mich durch diesen Beweis 
nicht sehr geschlagen: gesetzt auch, sa = griech. o, sä = gr. y\ kämen 
sonst nicht vor, und wären nicht identisch auch mit ö?, r\ (Ö) und 
vielleicht noch andern Bildungen — folgte aus diesem übrigen Nicht- 
vorkommen, daß sie uns mumienhaft in den Casuszeichen erhalten 
sein müssten? Überdieß ist die durchgängige Abstumpfung von sa 
zu s für mein sprachliches Gefühl eine sehr harte Zumuthung: weit 
leichter ließe sich s als 's aus as erklären, wenn dieß sonst angienge. 
Und warum nicht? Giebt man jenes armselige a, das als Suffix zur 
Bildung männlicher Hauptwörter verwandt sein soll — wogegen doch 
auch schon einige Bedenken laut geworden 14 ) — einfach auf, so er- 
halten wir ja in Worten wie sanscr. sivas, griech. ccv&Qcortog, lat. muii- 
dus, got. ßsk(a)s u. s. w. eben as, resp. os oder us als Zeichen des 
Nominativs, welches as ja ein wohlbekanntes Pronomen und auch als 
Nominalsuffix, wenn auch in sehr geringem Umfange, bereits anerkannt 
ist ' ■'). Nun glaube ich freilich nicht, daß dieses -as als eigentliches 
Nominativzeichen anzusehen: Nom. und Voc. sind, wie ich vermuthe, 
ursprünglich ohne besonderes Zeichen gewesen 16 ). Dagegen scheint 
freilich u. A. zu sprechen 1. daß neben puer älteres puerus, neben 
socer älteres socerus 17 ) sich nachweisen lässt, 2. der Noin. der Neutra 
auf am oder auf einen Dental endend. — Indeß was 1. betrifft, so 
glaube ich, daß man in älterer Zeit puer und puerus beliebig 



IJ ) In diesen Beispielen ließ sich der sog. Themavocal von dem Casuszeichen 
nicht wohl trennen. 3chon durch solche bildliche Bezeichnungen lässt man 

sich leicht zu irriger Anschauung verleiten I * i • Wort sind eben keine Pflanzen, son 
dem vielfach wenigstens wie Minerva fix und fertig dem Geist oder der Phani 

entsprungen. '*) 80 bat z. B. I Meyei Got, Spr. §, 364 in dem a nur eine 

Verkürzung von ">< und weiterhin emt erblicken wollen, aber schwerlich mit Recht. 
,s ) Vergl. Hopp K. Sanscr. Hr. §. 57ö, 13. — Wie weil dieses a» mit dem Pronom.- 
Btamm a Bopp %. 247) zusammenhängt, lasse ich liier dahingestellt, '") Vom 

Vocativ nimmt man dieß zum Theil Bchon an. '") Vergl, Leo Meyei griech, und 

lat. Declin. S. 6 oben. 



2ß E. WILKEN 

brauchen konnte und erst der Einfluß der Grammatik hier den Usus 
endgiltig feststellte; was 2. betrifft, so ist im Neutr. Nom. und Acc. 
bekanntlich gleichlautend, der Acc. wahrscheinlich aber in diesem Fall 
für den Nom. maßgebend gewesen, und wohl selbst nur aus dem 
Acc. des Masc. entlehnt. Was den neutralen Nom. und Acc. z. B. im 
lat. istud betrifft, so glaube ich, daß der Dental nur Rest eines Demon- 
strativ-Pronomens ist, und istud aus istumd(e) etwa zu erklären wäre. 
Von einem wirklichen Casuszeichen ist also auch hier wohl nicht zu 
reden. 

Die Casusbildung würde sich meiner Ansicht nach im Sanscr. 
z. B. so zugetragen haben : vom Paradigma sivas ist kein Thema siva, 
sondern nur die Wurzel svi = siv zugleich als Thema anzusetzen. In 
einer älteren Periode wird siv zugleich als Nom. des Adj. und Subst. 
gegolten haben, sowie wir im Nhd. noch jetzt gut (bonus) neben guter 
gebrauchen, als (einfaches) Genetiv- Suffix aber -as angetreten sein, 
welches selbe Suffix vielleicht auch den Nom. Plur. sivas (für sivas 
vgl. unten) gebildet haben wird. Diese zwiefache Verwendung des 
Suffixes -as ließe sich wohl am einfachsten durch den Partitivbegriff, 
der in ähnlicher Art dem Gen. Sing, und Nom. Plur. inhäriert, er- 
klären: Brotes deutet zunächst auf eine Theilung, dann aber auch 
auf eine Vielheit der Brottheile oder Brote hin 18 ). — Dieses einfache 
Genetiv- Suffix -as erfuhr aber späterhin eine Verstärkung durch -ja, 
so daß nun asja das vollere Gen.-Suffix wurde, das aber nicht überall 
antrat. Wo es antrat, konnte nun das ältere einfache Suffix als eine 
Art Nominativzeichen verwandt werden, da es bei dem häufigen Ge- 
brauch gerade dieses Casus doch seine Bedenken hatte, ihn ganz 
unbezeichnet zu lassen. Daher finden wir auch da, wo dem Genetiv 
einfaches -as als Endung genügte, aus diesem -as auch eine ähnliche, 
aber etwas variierte Endung für den Nomin. entwickelt, und z. B. neben 
vocis Gen. das identische, aber variierte vocs, vox als Nom. oder neben 
nubis Gen. das gedehnte nubes als Nom. angewendet. — Ganz ähnlich 
wie mit dem Gen. verhält es sich meiner Ansicht nach mit dem Dativ: 
das ältere Suffix ist -ai, e, das aber auch durch ja verstärkt, also zu 
äja (aus ai -\- ja) werden konnte, so steht siv-dja neben vac-e. — Der 
Accusativ hat die Endung -am, und diese ist im Neutr. auch für 
den Nom. eingetreten. — Wie weit einige Locativbildungen auf -am 



,8 ) Das franz. du pain = Brot (worunter auch mehrere Brote gedacht sein 
können, nur daß diese in ihrer Besonderheit nicht einzeln bemerkt werden dürfen, in 
welchem Falle des pains richtiger wäre) ist wohl noch deutlicher. 



ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 27 

und -am etwa diesem Accus.-Suffix verwandt sind, lasse ich hier dahin- 
gestellt. — Die gewöhnliche Locativendung ist -i, doch konnte, wo 
der Dativ das vollere Suffix dja gewählt hatte, die einfache Dativ- 
endung ai = e auch für den Locat. eintreten, also sive Loc. neben 
vaci. — Als Endung des Ablativs nehme ich natürlich nicht -t wie 
Bopp 19 ), sondern -at an, woraus sich -dt durch Dehnung (vgl. w. 
unten) bildet. — Der Instrumental hat d zur Endung, kann aber 
durch nachgesetztes -na verstärkt werden, also sivena für sivdna aus 
siv-d -\- na. 

Im Plural war einst vielleicht Nom.- und Acc.-Endung identisch 
und zwar -as"°), woraus durch Dehnung und erweiternde Nasalierung 
alle die Formen, welche uns jetzt entgegentreten, geworden sein 
mögen. Im Gen. Plur. hat das einfache Suffix -dm wiederum Verstär- 
kung erfahren durch vorgesetztes -an* 1 ) (an) oder -as, letzterer Fall 
(also as -f- dm) tritt im lat. Gen. Pluralis auf -arum, -omni zu Tage 22 ). — 
Für Instr., Dativ, Ablat. und Locativ sind als ursprüngliche Endungen: 
abhis, abhjas, asu anzusetzen, was zum Theil schon von Benfey 23 J und 
Ad. Bezzenbergcr 24 ) vermuthet ist, an welche Formen sich auch der 
Dual Gen. auf abhjdm anschließt, während ich die andern Dualformen 
hier bei Seite lassen will. Bekanntlich wird der Anlaut dieser eben ge- 
nannten Suffixe in der Declination gedehnt und zwar nach ionisch- 
gotischer Weise 25 ) zu e, siveshu, sivübhis und Instr. Sing, sivena, wahr- 
scheinlich aus euphonischen oder Accentuationsgründen. 

Ehe ich indeß weitergehe, möchte ich einigen Einwendungen, 
die man mir leicht machen könnte, zu begegnen suchen. Man sagt 
vielleicht, gesetzt auch, siv-as, dev-as u. s. w. lasse sich wohl ansetzen, 
aber nicht j-as, k-as u. s. w. In diesen Fällen seien ja, ka die Themen, 
aus denen durch Antritt von -as jäs, käs hätte werden müssen. Aber 
in solchen Fällen ist das a des Stammes wohl nur als eine Art Hülfs- 
vocal anzusehen , ja ist nur eine Entfaltung von i, na (z. B. in der 



'"i Vergl. Gramm. I 3 , 348, wo die Ansicht <icr indischen Grammatiker, welche 
«' als Ablativ-Endung ansetzen, bekämpft wird. J0 ) Interessant ist, daß in den 

Veden (vergl. 1 1 . . p ] . K. Kanscr. Gr. §. Ml' Änm.) sich auch das verdoppelte Suffix 
äsas, welches Bopp sicher mit ßechl aus tu -f tu erklärt, findet, Xl ) Ursprünglich 

ü7ii? Daraus an, an, hi u. s. w. Ea wäre dann das Suffix des Gen. Plur. wohl ebenso 
als verdoppelt anzusehen, wie das des Nom. in den Veden. Die ursprüngliche Quai 
bleibt mehrfach zweifelhaft. ") Auch tum gehl in einiges Fällen wohl auf aham 

= asam zurück-. Kurzi 9a icr. Gr. §§. lö'.» und I*;,. '") Untersuche 

über die gotischen AdveAiien B. 8, iura. '■'•. Die aber auch im Englischen, 

Schwedischen, Friesischen und .-on.it im Nd. oft genug auftritt, im Englischen meisl 
nur in der Aussprache. 



28 E. WILKEN 

7. Conjug.-Classe) nur Ersatz für n, und so befremdet es nicht, wenn 
aus ja -f- as nur jas, und leicht auch jis, aber nicht jäs geworden ist. 
Etwa das umgekehrte Verhältniss zeigt der Nomin. Plur. siväs, 
den ich nicht aus siva -\- as, sondern nur aus siv-as erkläre durch 
eine Dehnung, die ich dem Einfluß des s glaube zuschreiben zu dürfen, 
und die ich ganz ähnlich erkläre wie die Dehnung von i und u im 
sanscr. Passiv vor den Lauten r und v 26 ), und wie die got. Potenzie- 
rung von i und u vor r, v, hv zu ai und aü. — Als Grund aller dieser 
Erscheinungen glaube ich die Schwäche der nachfolgenden Liquida 
oder Spirans ansehen zu dürfen, vor welcher ein kurzer Vocal zu sehr 
des Haltes entbehrte, um nicht die Neigung zu spüren, durch Dehnung 
sich zu befestigen 27 ). Vergleicht man im Griech. Formen wie noAtog 
mit dem jüngeren jroAfcag, lafog mit /Uog; im Lat. nubes (Nom.) 
neben nubis (Gen.), vocis neben voces 28 ), welche letztere Form nach 
dem griech. oitss, sanscr. vacas zu schließen, ursprünglich ebenso gut 
kurzen Vocal besessen haben muß; im Deutschen got. fiskös mit alt- 
nord. fisJcar, so wird man nicht leugnen können, daß überall der kürzere 
Vocal organisch ist, und daß sich die Dehnung nur aus phonetischen 
Motiven wird vollzogen haben. Wo sonst Dehnungen eingetreten sind, 
z. B. im Gen. Plur. sivänäm für siv-an-äm, vielleicht für urspr. siv-am-ant, 
werden entweder dieselben Gründe maßgebend gewesen sein, da auch 
m und n als Liquidae Dehnung vorhergehender Vocale begünstigten, 
oder es mag der Accent eingewirkt haben. Übrigens müssen auch 
Bopp und seine Anhänger einige Dehnungen von ihrem Standpunkte 
aus zugeben, denn sivebhjas ist nach ihnen aus siva-bjas, siveshu aus 
siva-su entstanden. (Vgl. Bopp K. Sanscr. Gr. §§. 149, 151). Daß 
übrigens auch bh ein sehr weicher Laut war, vor welchem Dehnung 
des Vocals beliebt werden konnte, zeigt der völlige Ausfall des bh im 
Instrum. Plur. siväis für siv-abhis, woraus ebenso gut sivebhis hätte 
werden können 29 ). 



26 j Vergl. Bopp Kurze Sanscr. Gr. §. 448. 27 ) Die Erklärung der sog. got. 

Brechung konnte ich hier eben nur berühren. Das gotische r war gewiß, wie noch 
jetzt im Nd., ein sehr weicher Laut. 28 ) Vergl. Leo Meyer griech. und lat. 

Declin. S. 7 — 11, wo ich freilich nicht jedem Satze beipflichten kann, z. B. wenn 
S. 10 die Länge des e im griech. öaqpjjg erklärt wird als Ersatz eines verlorenen 
Zischlautes. Ich erkläre oacprjg = actcpug oder oaepsg, auch das lat. homines, con- 
suleis u. s. w. aus consulis nach dem von mir angenommenen Einfluß des .«. Das 
Digamma wird auf Formen wie Afoog für Xccfog schwerlich gewirkt haben. *") Wenn 

Bopp K. Sanscr. Gr. §. 448 die Vocaldehnung in föjatä, srnjatä daraus ableitet, daß 
i und u hier als Endvocale (doch nur der Silbe!) stehen, so mag auch hier vielmehr 
vor dem schwachen J-Laut eine Vocalcorroboration stattgefunden haben. 



ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 29 

Was die Feminina betrifft, so glaube ich, daß sie an und für 
sich kein besonderes Merkmal weder im Thema noch in den Endungen 
bedurften 30 ), und daß erst mit der Zeit der Wunsch, sie von den 
Masculinis schärfer zu unterscheiden, aufgetreten ist. Feminina als 
solche wurden nunmehr kenntlich gemacht durch Antritt von ä an 
den Stamm, das auch zu e, o, i, ei, vielleicht auch ü variiert werden 
konnte. In Bezug auf die Flexion der Femin. scheint man sich, um 
einen Unterschied vom Masc. zu machen, zum Theile derselben Suffixe 
in umgekehrter Folge bedient zu haben; ich erkläre: 

Gen. Masc. sivasja aus siv-as -\- ja\ Fem. siväjäs aus sivä-ja -\- as; 
Dat. M. siväja aus siv-ai -\- ja; Fem. siväjai aus sivä-ja -f- ai; andere 
Unterschiede z. B. im Loc. müssen hier unberührt bleiben. 

Während wir also bei den meisten Femininis ein vocalisches 
Thema zugeben, halte ich es für zweifelhaft, ob es im Germanischen 
überhaupt vocalische Masculinthemen giebt: die consonantischen Masc- 
Themen gliedern sich aber in zwei Gruppen, je nachdem der End- 
consonant schon der Wurzel oder aber nur einem Ableitungssuf'fix 
gehört. Diese letztere Gruppe ist bisher vorzugsweise als die con- 
sonantische, oder bei Grimm als die schwache bezeichnet. Letztere 
Bezeichnung, gegen die schon vielfach Bedenken laut geworden 31 ), 
lässt sich in dem Sinne allerdings nicht unpassend beibehalten, daß 
hier die durch Suffixe erfolgte Wurzelerweiterung, die man nun als 
Stamm oder Thema bezeichnen mag, früher eine Abstumpfung oder 
Schwächung der Casuszeichen eintreten ließ — der leichteren Aus- 
sprache wegen — als bei den kürzeren Wurzelthemen 32 ). Schwä- 
chung oder Abstumpfung ist hier, meine ich, ebenso durch vorher- 
gegangene Verstärkung hervorgerufen wie bei einem ähnlichen Falle 
in der Conjugation 33 ). 

Besondere Berücksichtigung verdienen noch die auf dem ger- 
manischen Gebiet so häufigen, durch die Suffixe ja oder va gebildeten 
M.iseulina. Da, wie schon bemerkt, das a in diesem Falle nur als 
Ilülfsvocal auftritt, und j und v nach bekannten Lautgesetzen auch 
in i oder u sich auflösen können, so ist hier freilich ein Schein 
vocalischer Declin. vorhanden, und in einzelnen Fällen lässt sich ein 

30 ) Beispiele dafür würden sich aus dem Lateinischen leicht häufen lassen. 
Sl ) Unter Andern schon von E. ('•. Graff in Beiner noch immer Kenntnissnahme ver- 
dienenden: Theorie der schwachen Declination, Sep.-Abdr. aus dem Neuen Jahrbuch 
der Berl. Ges. für d. Spr. u. Alt. Berlin 1836 Plalm. 35 j Natürlich verstehe ich 

darunter solche Wurzeln, die zugleich in die grammatische Kategorie der Themen 
fallen. 33 ) Vergl. Göttinger Gel. An/, ist:; s. :ti". unten. 



3() E. WILKEN 

Zweifel denken, wie das Thema des betr. Wortes anzusetzen sei. 
Betrachten wir z. B. im Gotischen das Wort sunus, so tritt hier der 
w-Vocal in der Declin. so entschieden auf, daß wir versucht sind, 
sunu = sunva als Thema anzusetzen, und den Nom. sunus also aus 
sun _|_ u (= va ) -j- 's (für as) zu erklären. Aber in den andern Dia- 
lecten 34 ) liegt die Sache ganz' anders: im Ags. erscheint u nur noch 
im Nom. Acc. Sing, sowie im Dat. Plur., welcher letztere Casus aber 
nicht in Betracht kommt, da im Ags. der Dat. Plur. überhaupt in um 
endet. Die andern Casus wird ein unbefangener Beurtheiler wohl nur 
auf das Thema sun- zurückführen können, und diese Annahme bestätigt 
das Altnordische. 

Hier zeigt nur Dat. und Acc. Plur. den w-Laut, und das Verhältniss 
des Dat. Plur. ist hier ebenso wie im Ags. — die andern Casus würden, 
wenn man nicht aus dem Got. sich der Declin. von sunus erinnert 
hätte, sich schwerlich je bei den Grammatikern in eine altnordische 
£7-Declination verirrt haben 35 ). Wer nun freilich das einzige Heil 
seines grammatischen Gewissens in Regeln und Ausnahmen erblickt, 
der mag nach wie vor die drei Classen der vocalischen Declin. fest- 
halten, uns aber und Gleichgesinnten wird sich ein anderer Weg zeigen. 

Wir theilen, um von der Theorie zur praktischen Durchführung 
zu schreiten, die deutsche Declin. in die Classen der consonantischen, 
der halbvocalischen und der vocalischen Stämme ein. Erstere umfasst 
aber einmal (A) die consonant. Stämme mit starker, d. h. vollerer 
Flexionsweise und dann die mit geschwächter oder abgestumpfter 
Flexion (B). Beide Unterabtheilungen lassen sich dann bez. der Flexions- 
silbe noch in Fractionen zerlegen: bei (A) lässt sich eine a-, i- und u- 
Fraction 36 ) in der Weise annehmen, daß der ursprüngliche a-Vocal 
der Flexionssilbe der Schwächung i, der Trübung u Platz machen, 
auch wohl ganz ausfallen konnte 37 ). 



34 ) Daß Ahd., Ags., Altnord, dem Gotischen als entschieden jüngere, grammatisch 
entartete Dialecte nachständen, war eine voreilige Annahme der Grammatiker. 
3S ) Im Got. selbst zeigt die sog. EADeclin. sehr bedeutende Schwankungen, vergl. Heyne's 
Ulfilas 5 A. S. 420. Der Umstand, daß nicht bloß im Acc. und Voc. au für u, im Dat. 
u für au, sondern selbst im Nom. au für u (sunaus filius Lc. IV, 3) begegnet, lässt wohl 
überall das au nur als phonetische Dehnung von u (vors oder am Wortschluß), « aber 
als Trübung von a erscheinen. Im Plur. ist sunjus = sunüs für svn\us, und dieß für 
sun-as, wie es altn. sonar im N. Plur. ebenso gut heißen könnte für das gebräuchliche 
synir. _ Der got. Gen. sunwe steht wohl für sunjue mit irrthümlicher Verwendung 
des Nominativs als Thema, ähnlich wie tvaddje = tvaje = tvaie vom Nom. tvai u. A. 
3 «) Ich entlehne diese Bezeichnung Bopp, der sie Vergl. Gr. I 3 , XVI in etwas anderer 
Weise fürs Armenische verwendet. 37 ) In diesem Falle war wohl die Schwächung 

in i vorhergegangen, Nom. ßsks steht wohl zunächst iürßskis, dieses aber für ßskas. 



ZUE DEUTSCHEN Dl-X'LINATION. 31 

Diese drei Fractionen der starken consonantischen Decli- 
nation würden einigermaßen den drei Classen der von Grimm und 
Bopp so genannten starken oder vocalischen Declin. entsprechen 
mit Ausschluß aber der Feminina wie giba u. a. — Bei der schwa- 
chen consonantischen Declin. (B) sind nach dem Grade der Schwä- 
chung ebenfalls weitere Sonderungen zu machen: denn die Participia 
auf -and lassen sich den Flexionsvocal 38 ) noch mehr verflüchtigen als 
die nach hana gehenden Subst. (wenn nämlich Dat. hanin für hanani 
steht, wogegen von nasjands Dat. nasjand), und die auf Gutturale 
und Dentale endenden Stämme zeigen weit mehr Variationen des Fle- 
xionsvocals, als die auf n (für nd?) schließenden Themen. 

Folgendes Paradigma würde meine Auffassung der starken con- 
sonantischen Declination veranschaulichen : 
Grundform pisk (pask?) 



Lat. piac-is Nom. 




Got 


. fish-s 


Altnd 


. fixk-r 


Ags 


• fisc 


Ahd 


. fisk 


pisc-is Gen. 






ßsk-is 




fisk-s 39 ) 




fisc-es 




fisk- es 


pisc-i Dat. 






fisk-a 40 ) 




fisk-i 




fisc-e 




fisk-e(a) 


pisc-em Acc. 






fisk-(am) 




fisk 




fisc 




fisk 


pisc-es N. Plur. 






fish- os 




fisk-ar 




fisc-as 41 ) 




fisk-a 


pisc-ium G. Plur 






fisk-e 




fisk-a 




fisc-a 




fisk-o 


pisc-ibus 4V ) Dat. 


PI. 




fisk-am 




fisk-um 




fisc-um 




fisk-iun 


pisc-es Acc. PI. 






fisk-ans 




fisk-a 




fisc-as 




fisk-a 



Zu den halbvocalischen Stämmen würde ich namentlich die 
durch -ja und -va gebildeten zählen, zu den rein vocalischen wohl 
nur die Feminina auf a (z. B. got. gib-a), das dann freilich auch in 
andere Vocale ausweichen kann. Diese vocalischen Femininthemen 
haben als Nominativzeichen nur das genannte Fem. -Suffix, während die 
consonantischen Fem. -Themen sich ebenso wie die Mascul. verhalten. 
Ob es voc&Ksche Xcutral-Themen, etwa got. faih-u gebe, bezweifle ich 
sehr, die lat. Formen pecus, pecudis, pecoris neben pecu sprechen 
nicht sehr dafür. Vielleicht ist pec-u(s), faih-u(s) anzusetzen, ähnlich 
wie navit-a(s), nauta im lat. Mascul. — Zu den conson. Femininstämmen 
rechne ich die durch ansf.s und hantln* im Gotischen gewöhnlich repräsen- 
tierte!] Worte: neben dem Nom. ansts für anstis steht der Gen. anst- 



%% ) Die Flexion ist hier natürlich = Declination. 3 '| Der Genetiv bewahrt 

hier also die ältere Form, da r = s ist. *°) Ob dieser got. Dativ, dessen ge- 

wöhnliche Erklärung (nach WeBtpbal) ans fisk-ai mir zweifelhaft bleibt, den enl 
sprechenden Casm der andern Dialeete auch historisch entspricht? I>as % und e der 

.ludern Dialeete (a im Ahd. ist jünger als r) erinnert mehr an Locativfonmn. 
*') Vielleicht gedehnt fiseäs nach Anal, des (int. und Lat. •*) Die german. Dati\ e 

Plur. entsprechen scheinbar mehr alten Dual-Dativen auf -abjüm. 



32 E- WILKEN 

ais ähnlich wie im Lat. (mit anderer Folge) der Nom. nub-es neben 
dem Gen. nub-is. Ebenso ist hand-aus historisch nur hand-üs neben 
dem Nom. handus. Im Plur. ist anst-eis nur wieder gedehntes anst-is, 
ganz ähnlich wie im Altlat. consuleis, vir-eis (Nom. Plur.) eis (= ii), 
host-is, imbr-is u. A. (Vgl. Leo Meyer Griech. und lat. Declin. S. 65 
bis 68). Im Plur. Nom. handjus ist ju = iu ebenso Dehnung von u, 
wie ei und ai von i in Formen wie änsteis und anstais, letztere wohl 
durch den Dat. anst-ai graphisch bedingt, in dem ich die alte Dativ- 
endung ai wenigstens eher erkenne als in dem masc. Dat. fiska. Nach 
Westphals Gesetz wäre freilich altes ai in gotischen Endsilben uner- 
laubt, und dafür einfaches a zu erwarten, aber ich möchte auf dieß 
Gesetz so wenig schwören wie auf irgend eine Grammatikerregel, wenn 
demselben auch nicht unrichtige Beobachtungen zu Grunde liegen. 

Noch ein Problem germanischer Declination will ich schließlich 
berühren, nämlich die historische Erklärung unserer schwachen con- 
sonantischen Declination, indem ich zur Orientierung auf die über- 
sichtliche Skizzierung der Frage durch Delbrück (bei Zacher II, 398 fg.) 
verweise. So nahe die Vergleichuag dieser conson. Stämme mit den 
entsprechenden der elass. Sprachen zu liegen scheint, so bietet sie 
doch bei näherer Betrachtung Schwierigkeiten, namentlich wenn man 
auch die andern Dialecte des German. , nicht bloß das Gotische ins 
Auge fasst. Sollte z. B. altnord. gumi direct altlat. homon- entsprechen 
können? Überhaupt zeigt das altnord. Paradigma dieser schwachen 
Declin. so recht, daß wir es hier mit keinem reinen Entwicklungs- 
process, vielmehr mit einem durch zufälligen Usus bedingten Bequem- 
lichkeitsschema zu thun haben. Um aufs Gotische zurückzukommen, 
so nehme ich an, daß für den Nom. Masc. und Neutr. vollere Formen, 
noch in gotischer Zeit, bestanden: etwa hanans oder hanands analog 
nasjands, naman (später namo) entspr. dem lat. nomen, Gen. hanans 
vielleicht wechselnd mit hanins, namins u. s. w. — Wie entstanden nun 
die kürzeren Formen? Werfen wir einen Blick auf die Adjectivflexion, 
so wäre an und für sich möglich, blinda aus blindja zu erklären (so 
auch fara aus farja in der Conjug.), und da das Suffix -ja i3 ) beson- 
ders gut zur Adjectivierung sich eignete, so lässt sich wohl denken, 
daß zu einer Zeit im Altgermanischen erlaubt schien, jedes Adject. 
(etwa mit leichter Verstärkung des Begriffs) mit -ja zu componieren. 
So trat zu den schon vorhandenen Formen blind (unflectiert, im Got. 
später nur fürs Neutr. gebräuchlich) und Uinds für blind-as**) eine 



43 ) Es bedeutet (nach Benfey) ursprünglich so viel als eigen, eigentümlich. 
*) Wenn es nämlich = blindas, vergl. weiter unten. 



ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 33 

dritte Form blinda für blindja, deren Flexion aber zu sehr mit der 
von blinds zusammengefallen wäre, wenn man z. B. im Nom. blind-eis, 
blinds oder blindis, Gen. blindis u. s. w. gesagt hätte. Oder sollte jenes 
blinds, blindis, blindamma u. s. w. wirklich das in Frage stehende flec- 
tierte blind-ja sein? Ich lasse dieß unentschieden 45 ): jedenfalls handelte 
es sich für die Sprache darum , eine andere, bestimmt unterschiedene 
Flexion für das aus blindja entsprungene blinda zu gewinnen, sollte dieß 
nicht so unflectierbar bleiben wie die Form blind. Man entlehnte nun, 
meine ich, aus der schwachen conson. Subst. Declin. den Gen. u. die 
fg. Casus und flectierte : blinda, blindins (nach hanins) u. s. w. Und indem 
nun diese adj. Classe mit der substantivischen fast ganz zusammenfiel, 
die bestimmte Unterscheidung des Nom. Sing, vom Gen. Sing., Nom. 
und Acc. Plur. in der adjectiv. Flexion aber vortheilhaft sich vor der 
substantivischen Monotonie (hanans Nom. Sing, und Plur. Abc. Plur.) 
auszeichnete, dazu noch bequemer war, so mochte man sich mit der 
Zeit gerne gewöhnen, wie blinda, blindins nun auch hana, hanins (Plur. 
hanans) zu beugen. Diese Ableitung des Nom. hana aus der adjectiv. 
Flexionsweise empfiehlt sich auch deßhalb, weil die Nom. des Fem. 
und Neutr. tuggo und hairto in ihrer gleichlautenden Endung auch auf 
den Einfluß adjectivischer Flexionsweise* 6 ) hinzudeuten scheinen. Das 
Femin. blindo erklärt sich uns leicht als blind(j)a -j- ä (Fem.-Char.) 
und nach monotoner adjectiv. Weise 47 ) ist das Neutr. blindo dem Fem. 
einfach entlehnt. 

Sollte aber auch diese Auffassung der schwachen consonantischen 
Declin. Einigen zu künstlich und die eine oder die andere meiner Ver- 
muthungen zu kühn erscheinen, so wird ein unbefangener Beurtheiler 
doch nicht leugnen können, «daß in der Hauptsache meine Ansicht aber 
das Wesen der indogermanischen Declin. einfacher ist als die herr- 
schende, und vorläufig hinreichend begründet ward, um einige Berück- 
sichtigung und genauere Prüfung zu verdienen. Sollten dabei auch 
noch einige Bedenken aufsteigen, wie ich denn selbst bei meiner nur 
mangelhaften Kenntniss der asiatischen Sprachen längere Zeit mit 



4S ) Wenn ich oben die Zusammensetzung mit einem Pronomen für die starke 
Adject. -Flexion bezweifelte, so ist die Composition mit einem einfachen Suffix nicht 
darunter verstanden. *') Nur dieser eigne! die Verwischung der Genera im st« 

«l>ii Grade, in der Bubst.-Declin. wird das Neutr. >" viel ich sehe nie vom Fem. i" 
stimmt, nur von dem Dia *') Das germanische Adjectiv erstrebt, namentlich 

im Plural , Gleichförmigkeil der Geschlechter. Im Altnordischen hat 1 das schwach 
Adjectiv im Plural um Eine, im Bing, auch nur drei Formen t'iir alle Casus und 
r. Mit langt vgl. Doch ahd. guecU nti, mit plinto wü 
• QEEMAKL* s ra <\l\ J.a.rg ) 3 



34 E. WILKEN, ZUR DEUTSCHEN DECLINATION. 

meiner Ansicht zurückgehalten habe, und noch jetzt bei etlichen Worten 
im Sanscrit und selbst im Griech. schwanken muß, wie hier die Themen 
aufzustellen seien, so möge man doch bedenken, daß keine derartige 
Hypothese über jeden Zweifel und jede Anfechtung erhaben sein kann. 
Erst nachdem ich bei Kundigeren theils Zustimmung, theils Bedenken, 
doch ohne entscheidende Argumente gefunden, habe ich meine Ansicht 
vorgetragen, deren Bedeutung freilich, wenn sie richtig wäre, um so 
größer würde, da sich dann auch die Conjugation müsste analog auf- 
fassen lassen. Das meine ich nun allerdings auch, doch möchte ich 
nicht mit zu viel Neuerungen auf einmal kommen. — Zum Schluß will 
ich nur darauf noch kurz hinweisen, wie die neue Ansicht 1. ein- 
facher ist als die frühere, da wir nun in vielen Fällen nicht erst 
künstlich ein Thema aufstellen müssen, sondern den Stamm mit der 
Wurzel gleichsetzen können; 2. natürlicher erscheint im Hinblick 
auf die zahlreichen oben beleuchteten Schwankungen der bisher sog. 
drei vocalischen Declinationsclassen. Wenn ich statt dieser drei Classen 
drei Fractionen der starken conson. Declin. unterscheide, so ist das 
ja keine bloße mutatio nominum, sondern der Ausdruck Fractionen 
d. h. Brechungen oder Spaltungen deutet schon darauf hin, daß hier 
nur leicht wieder vereinbare Spielarten derselben Classe gemeint 
seien. Endlich wird 3. meine Ansicht auch durch gewichtige Ana- 
logien der indogermanischen Grammatik unterstützt. Betrachten wir 
die von Grimm Gr. II, 97 fg. vorgeführten conson. Suffixe 48 ): -al, -il, 
ul; is-al; ar und ir\ am und um', an, in, un, ein (und ön?); die Ad- 
verbialsuffixe -aba und -uba i9 ) u. s. w., so haben wir hier ja die besten 
Erläuterungen unserer starken conson. Declination mit den Suffixen 
-as, -is, -us (alle aus urspr. as) in Fülle vor uns. Dieselben Suffixe sind 
auch in der schwachen conson. 50 ) Declin. erhalten, nur sind sie hier 
(namentlich bei den schon mit dem Suff, -and versehenen Stämmen) 
verkümmert: „die Belastung des Worts durch Composition" nimmt 
zur Erklärung eines ähnlichen Umstandes schon M. Heyne 51 ) an. 
GÖTTINGEN. E. WILKEN. 



48 ) Über den Sinn dieses „eonsonantisch" vgl. S. 97 unten. 49 ) Die neuer- 

dings von A. Bezzenberger neu vertretene Ansicht, wonach diese Adverbsuffixe auf 
altes -vant zurückgiengen, modificiere ich nur dahin, daß ich dem -vant älteres avant 
supponiere. 50 ) Auch der vocal. Declin. eignen im Grunde, wie erwähnt, dieselben 

Suffixe. 5l ) Laut- und Flexionslehre der altgerman. Sprachstamme 1. A. S. 23$ 

Anm. 



W. GEMOLL, DER VERS VON VIER HEBUNGEN. 35 



DER VERS VON VIER HEBUNGEN UND DIE 

LANGZEILE. 

Fast durchgchends unterscheiden sich im Mhd. Volks- und höfi- 
sche Epen durch ihr Metrum, diese gebrauchen die kurzen Reimpaare 
mit viermal gehobenem Vers, jene die Langzeile von acht Hebungen; 
denn daß eine Langzeile von acht Hebungen dem Nibelungenlied, der 
Gudrun, Ortnit und überhaupt allen Volksepen, welche Langzeilen an- 
wenden, zu Grunde liegt, geht aus den Strophen der mhd. Volksepen 
selbst hervor, die als mehrfach variiertes Grundthema die Langzeile von 
acht Hebungen deutlich erkennen lassen. Die Betrachtung dieser Ver- 
schiedenheit führte, weil gegenseitige Einwirkungen beider Dichtungs- 
arten feststehen, auf die Frage: Sind beide Metra gleich ursprünglich 
oder ist eins von dem andern abgeleitet und welches? Ist doch die 
achtmal gehobene Langzeile genau gleich zwei Versen von vier Hebungen, 
und die Diärese in jener schien ein Zeichen zu sein entweder für die 
Zusammensetzung der Langzeile oder das Zerfallen derselben in zwei 
Verse von vier Hebungen. Ich werde im Folgenden versuchen, dieß 
eigenthümliche Verhältniss beider Verse zu betrachten und so vom 
Mhd. ausgehend den deutschen Urvers zu bestimmen. 

Zunächst ist es wichtig zu zeigen, daß in der mhd. Zeit das 
Volksepos nicht ausschließlich die Langzeile, wie die Kunstepen nicht 
ausschließlich den viermal gehobenen Vers anwenden. Wäre das der 
Fall, so würde der Schluß nahe liegen, daß das jedesmalige Versmaß 
im Wesen der betreffenden Dichtungsart begründet, und also ebenso alt 
wie diese sei. Doch finden wir einerseits in Wolfram's Titurel und ein 
wenig modificiert bei seinem Nachfolger Albrecht von Scharfenberg eine 
aus Langzeilen gebildete Strophe verwendet, deren Vorbild ohne Zweifel 
die Nibelungenstrophe war; andererseits sind die Klage, Biterolf und Diet- 
leib u. a. Volksepen in kurzen Reimpaaren gedichtet, so daß der Gegen- 
satz, der auch in Bezug auf das Metrum der Volks und Kunstepen 
mild. Zeit besteht, mehr als ein künstlicher, ersl allmählich gewordener 
erscheint. Da sich mm der Gegensatz zwischen dem viermal gehobenen 
Vers und der Langzeile von acht Hebungen nicht mit «lein Gegensatz 
zwischen höfischer und Volksepik deckt, uns aber nur jener vorzüglich 
beschäftigt, so empfiehlt es sich zunächst historisch festzustellen, wie weit 
sich jede> Metrum rückwärts verfolgen lasse, indem wir ausgehen von 



36 W. GEMOLL 

der Scheide des 12. und 13. Jhs., wo sich ja jene Gegensätze besonders 
zugespitzt hatten und in's Bewusstsein der Nation getreten waren. 

Die kurzen Reimpaare finden wir im 12. Jh. selbst nicht bloß bei 
Heinrich von Veldecke, von dem man ja die Reinheit und Feinheit des 
mhd. Verses ableitet, und dessen Nachfolgern oder den eigentlich höfi- 
schen Dichtern , sondern auch sonst vielfach, aber mit sehr verschiedenem 
Geschick gebraucht. Die Dichter des Prophilias, des Pilatus, des Ägi- 
dius und Eilhard von Oberg beobachten ziemlich genau den viermal 
gehobenen Vers ; weniger sorgfältig sind die Pfaffen Konrad und Lam- 
precht, Heinrich der Glichesäre und Wernher. Mit all diesen Dichter- 
namen und Werken bleiben wir noch innerhalb des zwölften Jahrhunderts, 
weiter hinaus lässt sich der Vers von vier Plebungen historisch nicht 
nachweisen, man müsste denn auf das von Haupt (b. Müllenhoff 
Denkmäler S. 371, 2. Aufl.) als viertactig erkannte Gedicht 'Himmel 
und Hölle' großes Gewicht legen, das der Mitte des 11. Jhs. angehört, 
und, da es ungereimt ist, als ein einzelner Versuch eines Geistlichen 
von der gewöhnlichen Dichtweise abzuweichen , gelten muß. Wenn man 
nun auch Haupt darin Recht geben wird, daß eine Langzeile ohne 
Reim oder Allitteration ein Unding ist, so wird sich andererseits auch 
ein Gedicht in ungereimten, viertactigen Versen schwer nachweisen 
lassen; demnach, wenn Haupt's Eintheilung des Gedichtes über allen 
Widerspruch erhaben ist, darf man es doch mit den oben erwähnten 
in viertactigen Versen abgefassten nicht zusammenstellen, nicht bloß 
weil es nicht reimt, sondern weil es, obwohl der Zeit nach früher liegend, 
viel genauere Verse hat. 

Dagegen die Langzeile blühte ja schon zu Otfrids Zeit, wobei 
ich nur die gereimte Langzeile vorläufig ins Auge fasse, von der Allitte- 
rations-Langzeile noch absehe. Und es wäre, wenn feststände, daß die 
Langzeile des 12. Jhs. identisch mit der Otfridschen wäre, dieser histo- 
rische Nachweis zu Gunsten der Langzeile ausgefallen. Das steht aber 
nicht fest. Zwar reimen beide, aber das mhd. Volksepos schließt der 
durchgehenden Regel nach zwei Langzeilen durch den Endreim anein- 
ander, die ahd. Gedichte reimen die zwei gleichen Hälften der Lang- 
zeile unter sich. 

Die mhd. Langzeile lässt sich erst im 12. Jh. nachweisen, am 
frühsten am Nibelungenlied und des Kürenbergers Liedern, so daß also 
die Priorität des viermal gehobenen Verses über die mhd. Langzeile 
auf historischem Wege gesichert scheint. Nun hat aber die Otfridsche 
Langzeile ebenso acht Hebungen wie die des 12. Jhs., und letztere 
könnte darnach als eine unmittelbare Fortsetzung der Otfridschen 



m.K VERS VON VIER HEBUNGEN. 



37 



Langzeile erscheinen mit verändertem Reim. Fragen wir also, wo liegt 
denn der Übergang aus der einen Reimart in die andere? 

In der ahd. Periode herrscht durchaus die achtmal gehobene 
Langzeile und zwar stets mit Binnenreim, wovon selbst das halb deutsch, 
halb lat. Gedicht de Heinrico: nunc almus assis filius thero tv&gero 
tkiemün keine Ausnahme macht. Diese regelmäßige Langzeile können 
wir bis tief ins 10. Jh. verfolgen, das eben erwähnte Gedicht fällt nach 
Lachmann nicht vor 962, weil Otto Kaiser genannt wird (über die 
Leiche S. 430). Dagegen finden wir in der zweiten Hälfte des 11. und 
im Anfang des 12. Jhs. in den Gedichten der Übergangsperiode zwischen 
ahd. und mhd. Zeit, wie in Ezzo's Gesang von den Wundern Christi, 
im Leben Jesu der Ava etc. den Reim auf das Ende der Zeile verlegt. 
Also ungefähr /.wischen 950 und 1050 fällt der Übergang des Reimes 
aus dem Binnen- zum Endreim. 

Aber was haben diese erwähnten Gedichte aus der Wende des 
11. und 12. Jhs. für einen Vers? Zwischen drei bis sechs, sieben 
Hebungen schwanken die gereimten Zeiten auf und nieder; entartel 
also ist dieser Vers jedesfalls; aber woraus entartet? An und für sich 
kann dieser verwilderte Vers ebenso wohl auf Entartung aus der Lang- 
zeile durch Verminderung der regelmäßigen Anzahl von Hebungen 
als aus dem Vers von vier Hebungen durch Vermehrung der vorge- 
schriebenen Hebungen zurückgeführt werden. Man wird aber vorziehen, 
diesen so vielgestaltigen Vers von der Langzeile abzuleiten, nicht vom 
Vers von vier Hebungen, weil, wie wir oben sehen, letzterer für die 
dem 12. Jh. vorausgehende Zeit nicht sicher feststeht, und es daher 
in diesem Falle unlogisch wäre, aus der verwilderten Form die Existenz 
der regelmäßigen erschließen und behaupten zu wollen. Doch stände 
es auch fest, so ist der Zeitraum von nicht viel über 100 Jahren, der 
zwischen den letzten Spuren der ( >tfridschen Zeile und diesen mit 
Endreim versehenen Versen des endenden 11. Jh. verfloss, viel zu kurz 
für die Ausbildung und Entartung des viermal gehobenen Verses, 
all-, -eleu davon, daß man für die Entstehung des letztern keinen recht 
stichhaltigen Grund Enden wird. Denn so viel haben wir bis jetzt schon 
ben, daß die deutsche Poesie Ins 1150 etwa d. h. dem entschiedenen 
Anfange der mhd. Zeil immer nur eine Art ZU dichten, immer nur eine 
Art zu reimen hat, so setzl Bich die Otfridsche Zeit, die wir bis 950 
ungefähr erstreckten, genau und scharf ab von der Ubergangszeil von 
1050 — 1150, jeih- aber ist in sich einig, ersl in der mhd. Zeit, wo die 
Stände Bich absondern, linden wir höfische und Volkspoesie durch den 
Charakter wie durch das .Metrum ihrer Gedichte geschieden. Diesen 



38 W. GEMOLL 

einheitlichen Charakter der ahd. Gedichte beeinträchtigt eine einzelne 
Abweichung wie das von Haupt viertactig hergestellte Gedicht 'Himmel 
und Hölle 5 nicht; wollen wir ihn aufheben, indem wir für die zwischen 
9 und 1050 liegende Zeit, wo freilich für vage Combinationen ein 
Feld ist, die Ausbildung des viermal gehobenen Verses statuieren, der 
aber dann als ohne sichtbare Spur untergegangen und nur in seinem 
Zerrbild, dem Vers der Übergangsperiode fortlebend gedacht werden 
muß? Also der zwischen drei bis sechs, sieben Hebungen schwankende 
Vers im 11. und 12. Jh. geht zurück auf die achtmal gehobene Lang- 
zeile der ahd. Zeit. 

Natürlich darf man daraus, daß der in Rede stehende Vers nicht 
abgeleitet werden kann aus dem Vers von vier Hebungen, nicht 
etwa schließen wollen, daß sich letzterer nicht auch finden solle unter 
jenen räthselhaften Versen des beginnenden 12. Jhs. Im Gegentheil 
liefert eine genauere Betrachtung der Gedichte, die in solchen gereimten 
Versen von drei bis sieben Hebungen geschrieben sind, das Ergebniss, 
daß die Verse von vier Hebungen, zum Theil ganz regelmäßig, zum 
Theil modificiert und verbildet, sich in ziemlicher Anzahl vorfinden. 
Ein gewiß interessantes Resultat ist hier, daß die ältesten Gedichte die 
größte Länge der Verse erreichen, daß die Zeilen im Lauf der Zeit 
immer kürzer werden und zuletzt den Versen von vier Hebungen 
immer ähnlicher. Die Schöpfung (bei Diemer d. Gedichte S. 93 — 103) 
zeigt noch durchgehends eine weit über die Vierzahl der Hebungen 
hinausgehende Länge der Zeilen und erreicht in gar nicht seltenen 
Fällen den Umfang der Otfridschen Langzeile. Man versuche einmal 
Verse, wie : 

da sihit ein iglicher nach sin selbis wizenicheit 

an denio gotis imo selbimo Hb oder leit 
als Entartungen aus dem Vers von vier Hebungen hinzustellen. Die 
Schöpfung gehört noch dem 11. Jh. an, die vier Evangelien von der 
Wende des 11. und 12. Jhs. stehen, was die Länge der Zeilen betrifft, 
schon nicht mehr mit der Schöpfung auf gleicher Stufe, die Zeilen, 
welche man auf den Vers von vier Hebungen zurückführen kann, sind 
schon nicht mehr so selten; in einigen der späteren Gedichte aber, wie 
z. B. von des todes geliügede, Pfaffenleben, Gebet zu Gott domine labia 
mea aperies erkennt man schon ganz deutlich den Vers von vier He- 
bungen als das Grundthema für die freilich mannigfachen Variationen, 
bis wir später bei Wernher sowie in dem Alexander- und Rolandslied die 
kurzen Reimpaare ziemlich genau und regelmäßig gebraucht rinden. 



DER VERS VON VIEE HEBUNGEN. 39 

Fassen wir demnach die gewonnenen Resultate zusammen , so 
ergiebt sich, daß die rohd. Langzeile auch erst in der mhd. Zeit, im 
12. Jh. sich findet, die Otfridsche Langzeile bis 950 herrscht, von 
1050 — 1150 der mit Endreim versehene Vers von drei bis sechs und 
sieben Hebungen, den man als eine Trübung der Otfridschen Lang- 
zeile anzusehen hat, daß also Otfrids Vers in seiner reinen oder ver- 
dunkelten Gestalt die ganze Zeit von Otfrid selbst bis 1150 umfasst. 
Für den Vers von vier Hebungen ergiebt sich, daß er, rein gebraucht, 
im 12. Jh. auftritt, daß aus dem Vers der Übergangszeit, den wir als 
eine Verbildung der Otfridschen Langzeile fassen, sich allmählich immer 
reiner der viermal gehobene Vers herausbildet. 

So der Thatbestand. Es geht nun zunächst daraus hervor: der 
Übergang des Reims aus dem Binnen- in den Endreim fiel, so weit 
wir sehen, zusammen mit einer laxeren und regelloseren Handhabung 
der achtmal gehobenen Langzeile. Beide Erscheinungen müssen mit 
einander in Zusammenhang stehen, da sie von demselben Ursprung 
ausgehen, dem mit Binnenreim versehenen achtmal gehobenen Vers, 
und an eine ruhige Nebeneinanderentwicklung beider sowohl der Kürze 
der Zeit nach als wegen des Charakters der einen Erscheinung, der 
eine Verbildung, keine Entwicklung ist, nicht gedacht werden kann. 
Nun kann der Übergang des Reimes die Verwilderung der Langzeile 
nicht veranlasst haben, dafür bürgen uns schon die Nibelungenverse, 
demnach ist der Übergang des Reimes eine Folge jener Erscheinung. 
Wurden die acht Hebungen der mit Binnenreim versehenen Langzeile 
allmählich nicht mehr streng aufrecht erhalten, so musste bei abnehmen- 
dem Verstau dniss für den achtmal gehobenen Vers derselbe so ein- 
schrumpfen und verkrüppeln, daß ein Binnenreim gar nicht mehr 
möglich war. Der Binnenreim konnte doch bloß bestehen, wenn die 
beiden Hälften der Langzeile o- ;ill7 , genau correspondierten; schwand 
die Gleichmäßigkeit im metrischen Bau derselben, so hörte die Gegen 
überstellung auf, die beiden Hüllten näherten sieh, zwei wuchsen zu 
einem Ganzen zusammen. So war es natürlich, da man die Halbzeilen 
nieht mehr durch den Keim sich gegenüberstellen und binden konnte, 
die freilich zum Theil bedeutend verkürzten Langzeilen mit einander 
zu reimen; also das Zusammenwachsen je zweier Halbzeilen zu einem 
Ganzen war der Grund für den Bndreim. 

Demnach da 'las Nibelungenlied zur stehenden Regel für Beine 
achtmal gehobenen Verse den Endreim erhoben hat, so darf die mhd. 
Langzeile nieht als eine Fortsetzung der Otfridscheu betrachtet werden, 
sondern der Poesie des 12. Jhs., die den im Anfang völlig verdunkelten 



40 W. GEMOLL 

Vers allmählich wieder klärt und glättet und aus ihm einerseits den 
Vers von vier Hebungen bildet, andrerseits die Langzeile des Volks- 
epos, aber jenen eher. Das geht hervor aus dem Verhältniss, in welchem 
die Nibelungenstrophe zu c des Kürenberges wise' steht: sie stimmen 
vollkommen überein. Wenn nun aus Obigem folgt, daß der regelrechte 
und kunstmäßige Vers des Volksepos etwa so gut eine Neuschöpfung 
ist, wie der Vers der höfischen Epen, so müsste man sich schon deß- 
halb für die Autorschaft des Kürenbergers entscheiden, weil für eine 
allmähliche Entwicklung des Verses der Volksgesänge, der bis 1150 
ohne Zweifel jener Übergangsvers war, unter den Händen der Volks- 
sänger, kein Platz ist. Gegen das Ende des 12. Jhs. tritt uns dieser 
Vers fertig und schon sich unter das Gesetz einer Strophe schmiegend 
entgegen. Zum Überfluß ist der Ausdruck des Kürenbergers: 
da hört ich einen riter vil ivol singen 
in Kürenberges wise al uz der menigln; 
nicht mißzuverstehen. Demnach schuf dieser Sänger aus dem doppelt 
gesetzten viertactigen Vers den mhd. Langvers und zugleich die Strophe, 
und die Sänger des Volksepos nahmen beide an. Sie hatten ihre guten 
Gründe dazu. Seit der bis in die 2. Hälfte des 12. Jhs. hinein auch 
für Volksepen gebräuchliche viertactige Vers durch feinere Ausbildung 
unter den Händen der höfischen Dichter das dem höfischen Epos eigen- 
thümliche Metrum geworden war, seitdem sich die höfische Poesie in 
Form und Stoff von der bis dahin herrschenden Volkspoesie losmacht 
und sich über sie erhebt, hat mit ihr die Volkspoesie einen Kampf auf 
Leben und Tod zu bestehen. Für diesen Kampf nimmt sie die von 
der höfischen Poesie durchgeführten Neuerungen an ; auch ihre Helden, 
die ja zum Theil uralt sind, tragen das höfische Gewand der Ritter 
des 12. Jhs., die Sprache des Volksepos ist dieselbe wie die der höfi- 
schen Dichtungen, und im Metrum will sie sogar ihre vornehmere 
Schwester überbieten. Also aus dem Verhältniss zur höfischen Poesie 
heraus ist die Annahme der Neuerungen des Kürenbergers von Seiten 
der- Sänger des Volksepos zu erklären. 

Die Frage also, ob die Langzeile des 12. und 13. Jhs. oder der 
viermal gehobene Vers aus derselben Periode ursprünglicher ist, haben 
wir so erledigt, daß wir beide auf den verwilderten, aber mit Endreim 
versehenen Vers zurücklciteten , den wir auf der Scheide des 11. und 
12. Jhs. vorfinden. Um aber die Frage nach der Priorität der beiden 
Versarten an sieh beantworten zu können, müssen wir auf den, wie 
wir oben sahen, höchst wahrscheinlichen Stammvater jenes verwilderten 
Verses zurückgehen, die Otfridsche Langzeile und überhaupt die ahd. 
Zeit, um so weit als möglich mit unserer Forschung vorzudringen. 



DER VERS \n\ VIER BEBUNGEN. 41 

Zunächst wird Otfrid betrachtet als Schöpfer des Reimes und 
muß es insofern mit Recht gelten, als wir vor ihm*) kein gereimtes 
Dichterwerk haben, ja der noch allitterierende Heliand wenige Jahr- 
zehnte vor Otfrid's Christ liegt. Nach ihm aber welche Fülle von ge- 
reimten Gedichten, ich erwähne nur die Übersetzung des 139. Psalms 
wellet ir gikoren Daviden den guofen und das Ludwigslied, und alle 
halicn wie Otfrids Christ, die Längzeile von acht Hebungen mit Binnen- 
reim. Das ist ohne Zweifel durch den Einfluß des großen Gedichtes 
Otfrids geschehen. Den Reim nun hat Otfrid höchst wahrscheinlich 
aus der lat. Hymnenpoesie entlehnt, obwohl einzelne Keime auch schon 
früher in deutschen Gedichten sich finden, wie im Hildebrandslied dat 
sogetim ml. dsere liiäi; aber das kann Zufall sein. Die lat. Hymnen- 
poesie hat entweder trochäisches Maß, wie im Lied des Venantius 
Fortunatus : 

Pange, lingua, gloriosi |j Proelium certaminis 
oder jambisches, wie bei Hilarius Pictaviensis : 

Lucis largitor splendide | Cuius sereno lumine — 
und dieser jambische Dimeter ist in den spätem gereimten Hymnen 
wohl Regel, wie beim Ambrosius: 

lux beata trinitas | Et principalis unitas — 
und bei Gregor I: 

Elex Christe, factor omnium | Redemptor et credentium — 

Aber diese troch. oder jamb. Maße, wo regelmäßig betonte mit 
unbetonten Silben abwechseln, im deutschen nachbilden zu wollen, 
konnte Otfrid doch nicht einfallen, obwohl seine Strophen von zwei 
Langzeilen — daß er solche Strophen hatte, steht ja durch die Initialen 
des Widmungsgedichtes fest — den vierzeiligen Strophen der Hymnen- 
poesie entsprechen; er würde, wenn er auch keine klare Einsicht in 
die verschiedenen Principien der lat. und deutschen Verskunst hatte, 
doch bald die Wahrnehmung gemacht haben, welche der Dichter des 
Pilatus noch im 12. Jh. macht: Man sagit von dutischer zungen sin 
$ unbetwungen, ze vuogene herte. Außerdem kennte ihm der Gedanke 



|i !' bauptung bleibt bestehen, sollte sich auch die Vermuthung Wüllen- 

hoffs (Denkm. S. 296) bestätigen, die er in Betreff des 'Christus and die Samariterin 
betitelten Bruchstücks, Lesen wir th macht: „daß d 

Gedicht bis in die Mitte des IX. Jhs. hinaufreichte und Otfrid schon bekannt war. ist 
sehr wnhl möglich." Denn doch erst Otfrids groß) • Werk brachte diese Art zu r< 
zu Ansehen. Übrigens bleiben die Annahmen, die man über den Ursprung dieser Reim- 
art macht, dieselben, ob 'Christus und die Samaril oder nach Otfrid Lii 
denn der Verf. jenes Gedichtes war ja auch ein Geistlicher. 



42 W. GEMOLL 

einer Langzeile nicht aus der lat. Hymnenpoesie kommen. — Aber es 
gab ja schon vor Otfried deutsche Langzeilen, wir finden sie im Wess. 
Gebet, im Hildebrandslied, im Muspilli und noch deutlicher im Heliand, 
es sind dieß die Allitterationslangzeilen. Daß Otfrid die deutsche, zum 
großeD Theil ja noch heidnische Poesie und also auch den Allitterations- 
vers kannte, ist kein Zweifel, war doch sein Zweck die cantilenas 
saeculares zu verbannen, aber natürlich nur in Anlehnung an sie 
Besseres an ihre Stelle zu setzen. Direct beweist seine Bekanntschaft 
mit der im Volk lebenden Poesie die Entstehung des bekannten Verses 
I, 18. 9 Thar ist lip ana tod, Höht ana finstri aus dem Muspilli; denn 
daß aus Otfrid dieser Vers nicht in das Muspilli übergegangen sein 
kann, beweist die Allitteration in demselben und die Stellung dieses 
reimlosen mitten unter gereimten Versen. Solcher allitterierenden, nicht 
gereimten Verse giebt's noch einige bei Otfried, wie I, 5. 5 

floug er sunnun päd sterrono straza, 
woraus zunächst die Verwandtschaft der Otfridschen mit der Allittera- 
tionslangzeile hervorgeht, dann, da Otfrids gereimte Langzeile eine 
Neuschöpfung ist, der Ursprung der Otfridschen aus der Allitterations- 
langzeile; dafür darf man als Beweismoment auch die neben dem 
Reim sich zahlreich findende Allitteration verwenden, wie I, 5. 6 wega 
Wolkono zi deru itis frono. Also den Reim hat Otfrid aus der lat. 
Hymnenpoesie, aber den Vers aus der deutschen allitterierenden Poesie 
entnommen, und es beruht sein Verdienst darauf, der deutschen Dicht- 
kunst, die in Gefahr war in Allitterationsformeln zu erstarren, durch 
den Reim ein neues Element zugeführt zu haben, ohne doch die alte 
Grundlage, die Langzeile von acht Hebungen, umzustossen. Wie zeit- 
gemäß und passend diese Neuerung gewesen, zeigt ja die große Menge 
von Nachfolgern, die gleich nach Otfrid denselben Vers handhaben. Zu- 
gleich erkennt man nun auch, weßhalb Otfrid's Langzeile Binnenreim 
haben musste; ist ja doch die Allitterationslangzeile durch die Lied- 
stäbe in sich oder in ihren zwei Hälften gebunden, ohne an die ihr 
folgende Langzeile sich zu kehren. 

So ergiebt sich also, daß wir gleich im Anfang der ahd. Zeit die 
Langzeile finden, und es scheint damit die Untersuchung über die 
Ursprünglichkeit zu Gunsten der Langzeile auszufallen. Aber um ein 
volles und sicheres Urtheil zu haben, müssen wir auf die Allitterations- 
langzeile selbst eingehen. 

Diese besteht je aus zwei durch den Stabreim verbundenen 
Hälften; ob man diese als zwei besondere Verse schreibt oder zu einem 
vereinigt, ist für unseren Zweck gleichgültig, damit wird weder die 



DER VERS VON VIER BEBUNGEN. 43 

Ursprünglichkeit der Langzeile noch des Verses von vier Hebungen 
dargethan. Der Regel nach erscheint der Stabreim so, daß in der ersten 
Halbzeile zwei Liedstäbe sind, in der zweiten der Hauptstab; aber daß 
jede Halbzeile ursprünglich zwei Liedstäbe hatte, beweisen nicht bloß 
die zahlreichen Verse, wo wir vierfache Allitteration in der Langzeile 
haben, sondern grade die Regel, daß wir dreifache Allitteration haben 
sollen, die doch schwerlich die ursprünglichste Art zu allitterieren war, 
vielmehr aufgestellt scheint, um dem aus den beiden Hälften gebildeten 
Ganzen ein mehr einheitliches Gepräge zu geben, die Spur der Zu- 
sammensetzung zu verwischen. Hierzu ist ein treffendes Analogon die 
Nibelungenstrophe, welche die zweite Hälfte des achtmal gehobenen 
Verses so eigentümlich verändert hat, um sie von der ersten zu unter- 
scheiden. Die Liedstäbe liegen nun stets auf gehobenen Silben; aber 
wir haben in den Liedstäben nur die Haupthebungen, wie die Zusammen- 
stellung von Allitterationsversen und eigentlich Otfridschen im Christ 
und Otfrid's Vers selbst beweisen, der ebenso zwei Haupthebungen — 
die Handschriften bezeichnen sie ja durch Accente über den Silben — 
in jeder Halbzeile hat. Da nun Otfrid ganz genau die Halbzeile von 
vier Hebungen beobachtet, so muß auch für die Allitterationslang- 
zeile eine Achtzahl von Hebungen, vier für die Halbzeile angenommen 
werden. 

Daß aber an eine ursprüngliche Langzeile in der alliterierenden 
Poesie nicht zu denken ist, ergiebt sich aus einer näheren Betrachtung 
des liodahättr, jenes namentlich bei den mythischen Gedichten der 
Edda gebrauchten Versmaßes, das gewöhnlich besteht aus zwei II ;i 1 1 >- 
Strophen, deren jede aus zwei durch Allitteration verbundenen Halb- 
zeilen sich zusammensetzt, worauf eine dritte selbstständige folgt — 
entsprechend der in der eigentlich deutschen Metrik bekannten „Weise". 
Nun wird dieser für sich bestehende Vers oft durch eine Verdopplung 
der Liedstäbe der Langzeile gleich; man bildet also Langzeilen 
noch in der uns vorliegenden Form der Eddalieder aus der Ealbzeile. 
Andrerseits reimen manchmal die dem Metrum nach zu einander ge- 
hörenden Halbzeilen nicht mit einander, sondern für sieh allein, wie 
Hävamäl 79, 143. (bei Lüning) 

Rfinar tmuit jnl jinnn 

6k rädna stafi, 

miök stdra stafi, 

mieik stimm stafi, 

er fadi fimbulpulr 

6k gördu yinnregin ! zweite Balbstrophe. 

ok reist hroptr rögna 



erste Balbstrophe. 



44 W. GEMOLL, DER VERS VON VIER HEBUNGEN. 

Die beiden Hälften der Langzeile stehen sich hier selbständig gegen- 
über. Diese eben angeführte Bildung von Langzeilen und dieß Zer- 
fallen derselben in zwei selbständige Hälften müssen doch wohl als 
wichtige Zeugnisse für den Ursprung der alliterierenden Langzeile an- 
gesehenwerden: sie gieng hervor aus zwei für sich allitterierenden 
Halb zeilen, woraus man weiter eine ältere Periode der deutschen 
Dichtkunst folgern darf, in welcher die Allitteration durchgehends auf 
einen Vers beschränkt war. Da ist die Allitteration also nur Verschöne- 
rungsmittel, erst später wird sie Bindemittel für den Vers. Natürlich 
wurde sie aber, wie jeder Schmuck dem zu Schmückenden gegenüber 
das posterius ist, erst aufgetragen auf den Vers von vier Hebungen, 
der ja, wie wir oben sahen, den zwei Liedstäben der allitterierenden 
Halbzeile zu Grunde liegt. Also ist der Vers von vier Hebungen der 
ursprüngliche deutsche Vers*), denn mit der Allitteration sind wir bis 
in die ältesten Zeiten deutscher Poesie vorgedrungen, und der für sich 
allitterierende Vers von vier Hebungen, sowie der noch frühere Vers 
von vier Hebungen ohne Allitteration entziehen sich schon der histori- 
schen Forschung. 

Der Entwicklungsgang dieses von uns erschlossenen Verses von 
vier Hebungen ist also folgender: Er wird mit Allitteration versehen, 
dann durch dieselbe, welche sich über zwei Verse hin erstreckte, zu- 
nächst mit vier, dann drei Liedstäben, zur Langzeile erweitert; durch 
Otfrid mit Binnenreim versehen, bildet er in der ahd. Zeit das alleinige 
Maß. Aus der Zeit der Verwilderung der Langzeile im 11. Jahrh. geht 
allmählich der Vers von vier Hebungen hervor als eine Neuschöpfung 
und wird von den höfischen Ependichtern in der mhd. Zeit adoptiert. 
Aus diesem und im Gegensatz zu diesem Vers schuf das Volksepos 
die Langzeile und die vierzeilige Strophe. 

PYRITZ. W. GEMOLL. 



*) Von diesem Punkte aus gewinnt das viertactige aber nicht gereimte noch 
mit Allitteration versehene Gedicht 'Himmel und Hölle' ein eigenthümliches Licht; es 
ist wohl zu betrachten als eine Spur des Verständnisses für den Ursprung des deut 
sehen Verses, das bei einzelnen Geistlichen auch in der Zeit der größten Verwilderung 
der d. Verskunst lebendig blieb. Damit schließt es sich an das Lied nunc almus assis 
filius thero h&gero tliicriu'ni, das die Behauptung von der Zusammensetzung der ahd. 
Lauo-zeile und damit der d. Langzeile überhaupt aus zwei viertactigen Versen auf's 
deutlichste bestätigt; denn wäre eine so schroffe Theilung der Langzeile möglich ge- 
wesen, wenn dieselbe im Bewusstsein unserer Väter ein ursprüngliches Ganzes ge- 
bildet hätte? 



P. BECH, ZERSTREUTE BEITRÄGE. 45 

ZERSTREUTE BEITRÄGE. 

VON 

FEDOR BECH. 



Umbe tnon. 
Magdeburger Schöppenchronik 294, 7 steht: se Ugen vor der stad 
taol veir wehen, se blef doch ungeumnnen, se xoolden sik 6Je nicht »mime 
ili'm; dazu bemerkt der Herausgeber Janicke: „was heißt das? Sie, die 
Belagerer, wollten sich nicht nach anderer Hülfe umthun, umsehen?" 
Dieß bedeutete sich umme dun nicht, wie folgende Beispiele darthun. 

Livl. Reimchron. ed. Pfeiffer 5823 den wart geoffenbäret , duz sich 

diu lant geMche Haften alle umbe getan, Die in zu helfe seilten stän\ — 
6118 in was dd von herzen leit, Daz diu reine Christenheit In ir lande 
hate behalt: Sich tet umbe junc und alt, Sivaz der Oeselaere .was\ — 
Johannes von Posilge ed. Voigt u. Schubert S. 37: item in desim järe 
tetin sich umme die stete von Lamparthen unde Ytalien von den Römern, 
den sie doch vor undertänig wb\en\ — 54 (Überschrift: Withaud tat sich 
um mal vorryt dese hüser u. s.w.). Dornoch Lore::! ich in täte sich Wytowt 
umme mit den Sammogyten u. s. w. ; — 85 icend her itezunt den willen 
hatte, das her sich abir umb wolde thün von den Mrin\ — 291 dö wart 
papa Johannes umgetan unde wedirwendig, wy wol her sich deme conciliö 
unde den cardinalibus hatte vorschrebin. An diesen Stellen ist sich umme 
tnon so viel als: sich um- oder abwenden, seinem Herrn oder seiner 
Partei den Rücken kehren, von einem abfallen, abtrünnig werden; 
vergl. umbe tnon im mhd. Wb. III, 141", 39 folg., einen von seiner 
Meinung, seinem Glauben abbringen, ihn abtrünnig machen; dazu noch 
Ludus de beata Katerina (Stephan, Stoffliefer. II, 1G4): is hefte der 
fungiste mndir wän Su mit kunsten ivol umme getan \ Schwester Mech- 
thild ed. Morel S. 136 si werdent alsd sere verhört, daz sie nieman mit 
Worten umbe getuon kan\ Georg 4888 e man die helde umme getuo, ez 
mohte sorge hän dar zuo. 

Sich triegen üf ein •' 
Zunächst verweise ich in Betreff dieser Redensari auf ad. Quellen. 
So die Magdeb. Schöppenchronik 247, 18 de deken van mnte Nicolaus 

schüicrfr ,',l: de riil manne nicht, eft sr sulcu dar la'mtn, und drncli sil: 

Uji sine holen im knüppele] im Glossar dazu ist nichts darüber ver 
merkt; auch anderwärts findet man nichts darüber außer bei Scham- 
bach 4T seh dm/, dreigen, Bich thörichter Weise darauf verlassen; vgl. 



46 F. BECH 

auch Reinke de Vos 4751 se dregen sik mest up ere sterke und dazu 
das Wörterb. in Hoffmanns Ausgabe S. 195. Der Ausdruck lässt sich 
aber auch aus md. Quellen belegen, so aus Nie. von Jerosshin 2207 
der gotis wigant — mit strite überwant Amalech die roten e, Di in vrevele 
wilde Sich trogin uf ire Schilde =■ Judith ed. Vulg. 4, 13 Amalec con- 

ßdentem in virtute sua et in clypeis suis; Jerosch. 14823 di her — 

herber ge vingin Und ir gezelt ufhingin Sich triginde uf ire macht ; 16582 
er troc sich uf den solt, Der di herrin machit holt, Di nicht recht ir 
witze hän; Alsfelder Pass. ed. Grein 4683. 

Regal. 
Magdeb. Schöppenchron. 319, 22 {de borgere) geven om (dem Erz- 
bischof Günther) regäl und confect üt der apoteken und schenkeden om 
icin\ im Glossar wird zu regäl bemerkt: „(kostbare) Bewirthung oder 
besondere Art von Leckerbissen". Daß es nur das letztere bedeuten 
kann, ergiebt sich aus der vorliegenden Stelle sowohl wie aus den 
folgenden: Urkundenbuch der Stadt Göttingen ed. G. Schmidt = Urk. 
des histor. Ver. für Niedersachsen Heft VII, 1867, S. 370 (a. 1491): 
do gingk uppe biddent des rädes hertoge Wilhelme wedder uppe de dorn- 

i zen > unde de rädt — — leydt ome do schencken int erste backen 

erüdt unde daruppe cläret unde wyn, darnä regall unde daruppe averst 
claret unde win u. s. w.; ebenda S. 382 (a. 1497): under deme dantze 
hefft de räd to deme fursten unde furstinnen geschicket, se gebeden leiten 

mitsampi oren güden lüden uppe de räd dorntzen to komen, unde 

hefft one de rädt backen erüth, regal, vorsulvert tabulät, rosßyn unc'e 

ehirbrot, darto claret, must unde fernewin unde Emb. beir läten 

vordragen unde schenken; — bei einer ähnlichen Gelegenheit verbrauchte 
man a. 1497 — 98 aus der Apotheke 10 $. regals unde tabulätes vor- 
sulvert unde anderes backen erüd ebenda S. 383 Anm.; — Alteste 
Statuten von Görlitz 395, 26 — 34 (15. Jahrh.): als denn vormals man- 
cherley unfdr by den fravoen ader junefrawen bylegen gescheen ist, und 

doselbist ggote zeu missebUung und einem gemeinen gutte zeu merek- 

lichenn schaden tewrbar confeckt, regal und obirzcogen zucker vorstreicet 

und zübracht ist, wil der rät mit wissin eldsten und gesworn, das 

fort mer nymand by solichen bylegin eyngerley confeckt, regal, obirzcogen 
zvekir adir wy das gethän wer gebin ader vortragen sulle. Daß das frag- 
liche Wort einen Leckerbissen bezeichnete, mit dem man Jemanden 
zu regalieren pflegte, ist somit klar. Fraglich aber ist es, ob dieser 
von regaler, regalare (Dietz, Etym. Wörterb. I, 345) seinen Namen 
hatte und nicht vielmehr von jenem regal, das bei Cornelius Eil. ed. 



ZEHSTREUTE BEITRÄGE, 47 

Hasselt 525 mit arsenicum, auripigmentum, et aconitum, vulgo realgarum, 
et risagattum erklärt wird; vgl. fr. reagal realgal realgar, Rauschegelb; 
und Nemnich III 1165; Diefenbach Gloss. Lat. Germ. 510° s. v. san- 
daraca. Vielleicht war das Confect damit überzogen, gleichwie man 
vorsulvert tabulät hatte? 

Wapentüer. 

Magdeb. Schöppenchron. 161, 26: markgreve Otte ivart gevangen 
und mit ome dreihundert riddere und knechte, de men dö wapentnre heit\ 
ebenso in dem Urkundenbuch des Klosters Arnsburg aus dem Jahre 
1326 bei Baur 384, 586: wir Johan Eydesel ryther und scheffen der 
stad zu Grünenberg grüzen vnd byden dinest hern Franken von Linden 
eime rither vnd Hartmüde von Clethenberge eime loepintüre, das die herren 
von Arnsburg und Kraft von Rudenhüsen ein wepintüre aller ere sache 
mit ein gesünt smf; ferner in einer Urkunde des Rathes der Stadt Halle 
a. 1324 bei Dreyhaupt, Beschreibung des Saalkreyses I, 55: .beyde die 
icapentüren unde wie bürgere under eynander\ endlich Cornelius Kilianus 
ed. Hasselt 787 wapentüer, egues cataphractus , armiger. Schwierigkeit 
macht die Ableitung der zweiten Hälfte des Wortes -tüer, -iure. Darf 
man dabei an einen Ausdruck wie icäpen tuon denken, entsprechend 
dem französischen faire oder tirer des armes, sich in den Waffen üben? 
vgl. auch den Ruf tuo her den schilt! tuo her sperä sperl bei Ulrich 
v. Liechtenstein 457, 27; 458, 4; oder ist es eine Umdeutung von 
armiduetor? dem Sinne nach ist es wohl gleich ivapenaere, vergl. 
Schneller IV, 121 und mhd. Wb. III, 458. 

A beziere. 
Bei Ebernand von Erfurt heißt es V. 3731-34: 

die hosen abietere 

manege wcb'e mere 

leeren zeiner lugene 

und sprechen ez si ein trvgene; 
das Wort abietere — so schreibt die Handschr. nach Bechsteins aus- 
drücklicher Angabe für das in den Text gesetzte abetiere — habe ich 
früher (im fünften Band'- dieser Zeitschrift S. 501) als Abjetere, Abjä- 
thaere gedeutet. Inzwischen aber haben mich andere Stellen, die mir 
l><-i meiner Leetüre aufgestossen sind, eines andern, wenn nicht eines 
bessern belehrt. Am Schluß von Heinrich Heslers Apokalypse (V. 2l>L'T I 
folg. nach F. K. Köpke in v. d. Ilagens Germania X, 102) steht nämlich: 
so werde dem abezn'rc rjnt grhaz, machende lere in des lebenden buche» teil\ 
bei Daniels und Gruben in der Glosse zum Sachs. Weichb. 221. 
so rvere is nicht ein märer, sundern ein abesfihir\ ferner finde ich in der 



48 F. BECH 

Chronik des Joh. von Posilge ed. Voigt u. Schubert S. 252 (= Scrip- 
tores rer. Pruss. III, 330) und S. 301 (= Script, r. Pr. III, 357) 
den Namen: meister Johannes Abeczier, doctor utriusque juris, prdbist 
czur Vroweriburg; damit vergleiche man das Leben der H. Dorothea 
von Joh. Marienwerder II, 23 (= Scriptores rer. Pruss. II, 263), wo 
das lat. comes mit miteczier verdeutscht ist: unsir herre Jhesus Cristus, 
cd ires iveges ein gnadenreicher miteczier ; ferner uf zieher, ofziher = 
Münzen wäger, in dem Zeitzer Programm von 1870 (Die bischöflichen 
Satzungen über das Eidgeschoss in Zeitz) S. 16 Z. 11; Urkundenbuch 
der Stadt Leipzig von Fr. v. Posern-Klett I, no. 483. Hiernach wird 
es doch sehr wahrscheinlich, daß bei Ebernand abeciere — abeziere im 
Original gestanden hat, d. i. detractor, ganz in Übereinstimmung mit 
der lateinischen Vorlage des Dichters: forte et illud detractoribus fabu- 
losum et inßdelibus incredibile putabitur. Vergl. Diefenbach Gloss. 177° 
detractor, abezerrer; dafür abertzer, abrisser in des Teufels Netz 12868 
(Var. BC) und bei Conr. v. Megenb. 232, 17. 

Härgeplocke. 
Leben der H. Elisabeth ed. Rieger 2345 folg. 

/Si zugete manic lachen, (Tuch von Wolle) 

Hi von si wolde machen 

Doch äne härgeplocke 

Minren brüdern rocke 

Unde anderen heiligen kinden, 

Wä si di künde finden, 

Den si allen kleider gap, 

Di man irzügete unde wap 

Uz ir reinen arbeit. 
Hierzu ist im Glossar über äne geplocke S. 380 vermerkt: „ohne Haar- 
gepflücke, also keine eigentlichen haerin geioant, aus denen man die 
hervorstechenden Haare pflücken kann. Oder härgeplocke? d. i. ohne 
daß sie har vom Rocken zu pflücken brauchte, da sie nach 6978 f. 
keiuen Flachs spinnen konnte". Daß unter geplocke nicht „Pflücken" 
gemeint ist, sondern daß man an ein Collectivum von plocke, jener 
hessischen Form für vlocke flocke nach Vilmar Idiot. 304, zu denken 
hat, scheint mir aus folgenden Stellen hervorzugehen: Bei Boehmer, 
Urkundenb. von Frankfurt, S. 636, in den dort verzeichneten Gewohn- 
heiten der gewandmecher aus dem J. 1355 heißt es: wo man ein düch 
rindet mit lytzen, daz da wurde gemachit mit schroden adir von dromen 
adir von plocken adir von wlzseme garn gebözsirt, daz düch sal sin vir- 



ZERSTREUTE BEITRÄGE. .'i<! 

hrn ; — in den Innungstatuten der tückmecher (oder icullenweber) czu 
Friberc bei Schott Samml. zu den d. Land- und Stadtrechten III, 292: 
welch man begriffen wirt, daz her valsche (Hs. walsche) tüch also von 
hären adir von vlocken hat läzen machen, dye seibin tüch sal man vor 
dy burger brengen: leisen denne dye burger mit den meistirn, daz dye tüch 
valsch (Hs. v unde ungerecht sint, so sal man dye tüch vorbomen, 

unde icas pyne adir buze der feischer, der dy tüch höt läzen machen, 
dorvmme sal liden, daz sal sten czu der burger unde meistir genäden; — 
Lambert, Die Rathsgesetzgebung der freien Reichstadt Mühlhausen in 
Thüringen S. 119: wer här odir pflockin mischete odir mengete czu wollen 
tüch dar üz czu machene, der vorläset zwo marg\ — Rössler, Die Stadtr. 
von Brunn S. 366 (108): Von valschem tuech: wo man ein tüch vail vint f 
da här czu genumen ist, daz schol man pruen\ — Ortloff, Das Rechtsb. 
nach Distinctionen S. 291: daz ist ein gemeine geseeze: kein Fleming sal 
sine icollen felschen w edder mit höre noch mit phluchen (Varr. phloken, 
flehen, wollen) noch mit keinerlei unt ad \ — in den Jahrbüchern' Johannes 
von Guben 26, 31 : mit flockeng eic and e und mit andern falschen geioande, 
daz man macht mit wolle und mit flokken\ — 12, 22 folg. iz hatten die 
tüchmecher in dirre stat (Megdeburg) XV vlockyner tüch uf gehalden, dl 
ii eynes burgers in dirre stat: daz selbe gewant brauten di tüchmecher 
uf dem markte al czu möle. Dazu vergleiche man das Sprichwort här 
under wolle slahen oder mischen bei Berthold ed. Kling S. 40 und 
J. Grimm Kl. Schriften IV, 332 nebst Zarncke zu Seb. Brants Narrensch. 
100, 19. Über flocke pflocke plocke ist nachzusehen Diefenbach Gloss. 
s. v. t Omentum 587" und s. v. lana facta, plocktvollen 317% Frisch I, 278°, 
wo sich flocke, pflocken, pflockentuch aufgeführt finden; dasselbe meint 
Hermann von Bibera bei Kirchhoff, Die ältesten Weisthümer der Stadt 
Erfurt 113 (208) unter fructibus (frustibus?) seu particulis pannorum, 
quae eiduutur inter cameras- pannieidarum, apud beckinas seu moniales 
s, n d ! i,is ad tunicas, tochas seu alia vestimenta. In der oben angeführten 
Stelle der Elisabeth verstehe ich hiernach unter härgeplocke das Ein- 
mengen, die falsche Zuthat von Haarflockeu : Elisabeth lieferte viel- 
mehr nur reine arbeit, wie es weiter unten in V. 2353 heißt. 

Arm, m. = Ärmel. 
Elisabeth ed. Rieger 865: biz dar dt junefrouwe nit enpflac, 
s'i ir arme prfoete] hier ist. wie der Herausgeber selber bemerkt, das 
bei Dietrich von Apolde stehende manicas mit arna wiedergegeben; 
auch in V. 7009 ei hatte ouch lutzel rücl ermel wären Zeri 

<hr vi! clären bieten die Handschriften Aa arm statt des in l> stehen- 

QEEMAN] \ '■ MI. (XIX.) Jutarg. 4 



50 F. BECH 

den ermel. Vgl. Boehmer Urkundenb. von Frankfurt S. 624 (a. 1352) 
ez ensal unsir keiner diekeinen andirn arm dragen dan alse der rock ist. 

Gerjen (Gergen, Gerigen, gerwen, geren). 
Elisabeth 3416 folg. 

Der reine herre wol gedän 

Bat nü den arzet machen 

Nach früntlichen Sachen 

Ein edel lattewerjen: 

Di hiez er starke gerjen, 

Daz si in mochte reizen 

Und innerliche heizen. 
Was soll und kann hier gerjen bedeuten? Wenn man die Lesarten 
betrachtet, in welchen gereicen, gerwen, gerben als auf lattewerien, lacte- 
wergen, lattewarien gereimt aufgeführt werden, so kann man als Reim 
zu lattewerjen oder lattewergen (lattewerigen) nur eine Form wie gerjen, 
gergen (gerigen) für möglich halten; von ungenauen Reimen findet sich 
sonst bei dem Dichter keine Spur. Im Glossar 37 7 b ist nun dieses 
Wort als diabetische Nebenform zu gerwen im Sinne von „zurecht 
machen" gefasst, welches wie gerjen oder garjen (ahd. garaiejan) aus- 
gesprochen worden sei. Von einer solchen Aussprache werden sich, 
zumal in md. Dialecten und gerade bei diesem Worte, kaum analoge 
Beispiele auffinden lassen. Mich hat der Zusammenhang, in welchem 
gerjen hier gebraucht ist, auf eine andere Ableitung geführt, und zwar 
auf geren gerjen, gerigen, ahd. jerian, gerian (Graff I, 611) = fermentare 
von jesen, fermentescere, neben geren ist die Form gerwen noch bekannt. 
Dazu vergleiche man Erlösung 3867 folg., wo es von Johannes dem 
Täufer heißt: keinen vom der herre d/i^anc, Bier noch onch keinen mete 
Und swaz genoen ie gedete: Honic az der wise u. s. w. Gerwen ist hier 
die Lesart der Prager Handschr., wofür in der Nürnberger ieman steht; 
es kann nur gähren, aufregen, berauschen bedeuten. Ferner Nürn- 
berger Polizeiordn. ed. Baader S. 212 ez ist auch gesetzet, daz ein iec- 
lich breuwe, sxoenne er breuwet, sol daz gantze brauioe in einer kfifen mit 
einander . geren; hier hat geren den Sinn von gähren lassen. Während 
in der Stelle der Erlösung dem Johannes aufregende Getränke ver- 
boten werden, soll im Gegentheil in unserer Stelle die Medicin gähren- 
der Natur sein und dadurch eben zur Lust reizen. Die Frage ist nur 
noch, ob man gerjen gerigen als archaistische Form neben geren (wie 
nerigen nergen, werigen irergen, herigen hergen neben neren iceren heren) 
in so später Zeit wie die, in welche die Elisabeth fällt, gelten lassen 



ZERSTREUTE BEITRÄGE. 51 

kann; oder ob man nicht vielmehr an eine Ableitung von dem Adjec- 
tivum geric (cfr. gerbig, gerwig bei Konrad von Megenb. 354, 28; 
gärickt, eßervescens, feculentus bei Stieler I, 609; obergährig, undergährig 
Bier im heutigen Düringeu und anderwärts) zu denken hat, also an 
gerigen = geric machen? vgl. horgen = horwegen, horwee machen und 
andere analoge Bildungen. 

Jämer sehen (schouwen) 
ist ein seltener, bisher wenig belegter Ausdruck. Er findet sich in der 
Elisabeth 5959, da wo von der Ankunft der Leiche des Fürsten die 
Rede ist: auch wären zu der selben not Des lantvolkes michel schar Von 
den dorfen kamen dar, Dl alle jämer sähen u. s. w. ; ebenso in der Er- 
lösung ed. Bartsch 4793; der heilant wart gerecket, Gesperret und ge- 
strecket An des erfices arme iesä. Daz volc sach allez jämer da (wo allez 
mit volc zu verbinden ist); ferner in der Ravennaschlacht 984: si be- 
gründen jämer schouwen, Ir clage was vreissam', endlich bei Muscatblut 
ed. Groote 30, 79 — 80: Adam und Eva, spricht Muscatplüt, Mussten dd 
(Handsohr. den) jämer schouwen j dazu vgl. noch Pass. H. 74, 30 in 
dirre jämer schouxoe. In allen hier aufgeführten Stellen muß jämer sehen 
oder schouwen den Sinn haben: Jammer aus den Augen blicken lassen, 
den Anblick oder das Bild des Jammers gewähren; vgl. das griechische 
(fößov,"s4Qt)v, uttlötiuv ßkbxtiv , daÖOQxivat und xa/.u, ohe&QOv oö- 
öeo&cci (Bernhardy, wiss. Syntax der griechischen Spr. S. 110 — 111). 

Mit lichten vorscheiten und mit der glocken vorlüden. 
Magdeburger Schüppenchron. 414, 3: ein barvdteribrdder von sante 
Franeisous strich — — tip den predingstdle und dede Gersike dm ketter 
mit stuer selschop to banne vnd vorschot de mit lichten und vorludde se 
mit der glocken und predigede und anherdede <l<tt volk dai crücze an to 
nennende jegen de ketter\ darüber ist im Glossar S. 477 unter vorschoten 
(? vielmehr rorsrhriten stv. anzusetzen) vermerkt: „vorschöi de mit lichten 
löschte die Lichter aus?" und unter vorluden ebenda: „und vorludde 
on mit der glocken wohl: durch Glockengeläute der Gemeinde den Bann 
bekannt machen". An beiden Stellen isl das Richtige niohl getroffen. 
Was das erstere zu bedeuten hatte, konnte der Herausgeber aus 
Frisch II, 180' oder aus Oberlin S. 1768 und S. 928 erfahren, wo 
..rrrsrhi, ,.<, n mit Lichtern" erklärt isl durch candelas projiciendo excom 
muniaaMonem indicare. Noch ausführlicher aber bat die Sache Haltaus 
behandelt in seinem Glossarium Germ. m. aevi 417- US a. v. Fackel 
und dureli Beispiele aus dem l 1. Jahrhunderi erläutert. In einem 

1 



52 F. BECH 

Mandat des Erzbischofs Wilhelm von Cöln aus (hin Jahre 1357 heißt 
es: campanis pulsatis candelisque accensis et in terram projectis et pedibus 
conculcatis excommunicatos publice et solenniter nuncietis; andere Stellen 
bei Haltaus zeigen, wie zu diesem feierlichen Acte der Excommunication 
bestimmte Gesänge gesungen und auf Dathan und Abiron, die die Erde 
verschlang, hingewiesen wurde. Beispiele aus dem 16. Jahrhundert, 
namentlich aus Hans Sachs, hat Frommann gebracht in seinen Deut. 
Mundarten VI, 70, wo es ebenfalls heißt bannen einen und mit Hechten 
verschießen oder einen in den schweren ban bringen und, mit wachsliechtern 
verschießen. Im Sinne von verwerfen braucht verschiezen schon der 
Dichter des Servatius 1204: die got mit urteile verschoz (: gröz), vgl. 
1230 — 31. Wie nun verschiezen mit Hellten bedeutet durch schiezen 
(== mittere, werfen, wie in der Redensart die palmen schießen bei Lexer 
HWörterb. II, 199, palmen scheiten Magdeb. Chron. 356, 9) mit lieht en 
einen feierlich verwerfen oder verbannen, so wird vorlüden einen mit 
der glocken nichts anderes sein als durch Läuten mit der Glocke einen 
feierlich für ausgestossen erklären, in den Bann thun. Ganz dem ent- 
sprechend sagte man ehedem in Oberdeutschland einem mit der glocken 
die stat widerteilen, vgl. Schreiber Urkundenb. von Freiburg I, S. 83 
(a. 1275) und S. 106 (a. 1282). 

Ruodel, stn. 
Das im Mhd. Wörterb. von Zarncke-Müller zweifelhaft angeführte 
ruodel, n., Ruder, findet sich schon sehr frühe vor, so in Böhmers 
Urkundenbuch von Frankfurt S. 505 (a. 1309) item ein nache der ein 
stende rüdil hat] in einem nrh. Glossar des 13. Jahrh. bei Aufsess und 
Mone im Anzeiger f. Kunde u. s. w. III, 51 gubernaculum stürrüdel, 
clamis stürrüdelnagel, scrupus, rudelseil, palmula rudellaff\ im Spiegel 
bei Meister Altswert 146, 43 sin rüdel und sin stangen Warf ez von 
siner hand) 156, 32 und nam wider in sin hant Daz rüdel] ebendort 
trifft man das Verbum rädeln, rudern, 146, 10: diser deine marner Dut 
vast zu uns her rüdeln und 204, 9. Vielleicht gehört auch eine Stelle 
des Marner hierher in MSH. II, 253 a : 

ein wiser meister riet mir, daz ich argez rodel (?) würfe hin. 
Die Worte argez rodel geben in diesem Zusammenhange kaum einen 
annehmbaren Sinn. Ich möchte lesen daz ich arge 'z ruodel würfe hin- 
und es wäre naheliegend anzunehmen, daß damit der Marner eine 
Anspielung eines Gegners auf seinen Namen (marnaere) habe wieder- 
geben wollen. Ich arge ist so gut wie ich tumbe bei Ulrich von Liechten- 
stein 383, 9 oder ich arme im Iwein 3299, vgl. Gramm. IV, 565; wenn 
nicht auch arge verlesen ist für verge. 



ZERS1 REUTE BEITRÄGE. 53 

Traister, m. 
Im Buch vom den Wienern gibt Michael Beheim 327, 28 vom einem 
gewissen Walman, einem vom der Partei des Herzogs Albrecht [einem 
: r oder herzoch-albreckter) unter andern folgende Schilderung: 

für edel er sich auch wolt hän. 

d< r st Ib tragscr und traister 

sprach .~w dem harnuschmaister : 

was vShsi mit disem singer (= Beheim) an? 

s, in maul uns niht geschaden Jean, 
Schwierigkeit für das Verständniss machen liier der tragser und der 
traister. Das letztere Wort wird auch bei Schmeller-Frommann I, 676 
aufgeführt, aber ohne Erklärung. Die Bedeutung lässt sich indessen 
erschließen aus zwei Stellen in des Teufels Netz ed. Barack 8924 nach 
der Neustädter Handschr. : 

dasselb tuond die raet und zunfftmaister, 

pfüsen und traisten 

und so herlich schwenken*). 

wer mocht es alles bedenken? 

hat iemand wider si getan ald gesprochen. 

das muos bald werden gerochen. 
Dasselbe enthält die Wallenst siner Handschr. dieses Gedichts nach 
V. 8964, nur schreibt sie pfnusen für phusen. Aus diesen Stellen I 
sich vermuthen, daß traisten ein dem benachbarten phnüsen oder phüsen 
(= niesen, schnauben, sich aufblähen) sinnverwandter Ausdruck war. 
In einem Gedicht „Der Alte und der Junge", aus dein 15. Jahrh., in 
den Altd. Blättern I, 30, 10 folg., sagt der Alte: min gen behilffet sich 
mit eym stab, Und irrist und rutsche**) eüendeclich, Myn gebein das 
heischt zu dem grab, Es ist hergangen umbe mich. Hierzu hat Haupt 
S. 34 auf das in Frisch 1. 2Ö5 Btehende ich dreister, gemo verwies 
Midier bestimmt wird es auch liier durch das daneben gesetzte ich 
rutsche, das wohl ein lautmalender Ausdruck und wahrscheinlich eine 
dialectische Nebenform ist zu ruzen, riuzen, ahd. rüzjan stertere stemutare 
stridere, vgl. Gräfin, 562, Zarncke-Müller Wörterb. H, 825 b , womit 
Doch zu vergleichen i-t eine Stelle im unechten Neidhard bei Haupt 
S.201: ah er dann* gerüzet II . ge\ ' unde gedraset [grdzet inMSH. 



*) £ hier jed( ofallfl den wedelnden, g 

vornehm thuenden Gecken; vom Flu I ilken und dea Adlers braucht i 

frid 13523 and l 

\ gl. Martina 124 Schilderung eine öreü 

im enhiic/dt. Er dra ichit. 



54 F. BECH 

III, 201'', wie in Wolframs Willen. 59, 17 er dreiste unde gräzte) der 
vil iibele man. Ich halte freisten für eine Ableitung von fräsen traesen 
draesen (und dieses wieder von draehen dreien), vgl. Lexers HWörterb. 
I, 459; sei es, daß es unmittelbar aus tr&st drdst (freist) stm. gebildet, 
oder daß das t im Auslaut der ersten Silbe bloßer diabetischer Ein- 
schub ist wie in eister = eiser M. Beheim 77, 7 disen pösiciht und 
aister Sy da saezten hubmaister, oder eistlich eisteclich = eislich eiseclich 
ebenda vgl. Lexer 1. 1. I, 537 oder geniest (: Triest) = geniez bei Beheim 
356, 23; andere Beispiele von diesem eingeschobenen t in Weinholds 
Bairischer Gramm. §. 142, S. 147. Wie nun traisten und phnüsen in 
der obigen Stelle aus des Teufels Netz bildlich zu nehmen sind für 
sich aufblähen, aufblasen, so wird auch traister nichts weiter meinen 
als einen sich aufblasenden eiteln Gecken. Ebenso ist tragser auf draehen 
zurückzuführen und dem traister in seiner Bedeutung verwandt. 

Wenholde. Wenhalden. Wenhaldunge. 
Zu den in dieser Zeitschrift 6, 285 von obigen Wörtern gesammelten 
Beispielen sind noch folgende nachzutragen : Frankenhäusische Statuten 
aus dem Jahre 1558 bei Walch Beitr. I, 201: der rath soll kirchväier, 
altarleute u. s. w. ordenenn undt dennselbigenn bey ihrem eidt einnbindenn 
— — dem armut ohne wähn halde (d. i. xoenholde) außzuteihnn] Lam- 
bert, Die Rathsgesetzgebung der freien Reichstadt Mühlhausen S. 89: 
daz he der stad icillekore äne wenehald halde wolle, und S. 91 die icille- 
kore halde an dem armen als an dem rychen äne ivtnhaldj Frerbergef 
Stadtr. bei Schott III, 303 : were is aber also, das der underrichter icelde 
winhalden oder der oberrichter weide loinhalden durch irer f runde willen, 
daz das den burgern geclait wurde, die sullen is mit dem richter reden', 
dasselbe noch einmal auf S. 90; — in einer Handschrift des Zeitzer 
Collegiatstiftes, einem Handelbuch des Bischofs Dietrich von Buxdorf, 
fol. 34 ;l , sollen die Rathsherren zu Zeitz siceren das sie nindert icen- 
halden, sundern recht urteil finden icollen dem armen als dem riehen, dem 
riehen als dem armen und den joden (a. 1465) ; und fol. 69 b lautet der 
seht ppeneid aus dem Jahre 1466: wir sweren dem hochwirdigen in got 
vater und hern, hern Heinrich bischofe czu Nuburgk, unserm gnädigen 
kern, das wir recht orteil finden und teillen, roenne wir von dem richter 
in gericht dm- wmb gefrait werden, als wir die uf das allir rechtist und 
beste vissen, dem riehen als dem armen, dem armen als dem riehen und 
nyndert wenhalden weder durch lieb noch leit, durch fruntschaft noch 
durch hasfie, durch forcht noch <hn-ch drauioe, durch miet adir durch 
gab, noch durch keinerlei sachen willen, als uch got helf und dy hilligen. 



ZERSTREUTE BEITRÄGE. 55 

Daß in wenehalden, weneholde der erste Theil der Zusammensetzung 

das ahd. wird, mhd. wine ist, unterliegt nun wohl keinem Zweifel, ob- 
wohl dessen Grundbedeutung früh schon nicht mehr gefühlt sein mag. 
Außerhalb dieser Zusammensetzungen kam es im 14. Jahrhunderte 
wohl sehr selten, im 15. und 16. gar nicht mehr vor. Daher ist die 
zweifelhaft geäußerte Vermuthung Karl Janickes in dem Glossar zur 
Magdeburger Schöppenchronik S. 483 1, über das Wort winner zu be- 
richtigen. In der genannten Chronik 172, 5 folg. heißt es nämlich: 
dat satten se (d. h. die, welche sich gegen die damals bestehende Ord- 
nung der Stadt auflehnten) under andern gesettm in dit stucke, ive in 
der vorsten rdde wer edder ore cleiding neme edder w winner were, den 
scholde men voricisen üt dem rdde. Hier lässt der Herausgeber im Glossar 
es unentschieden, ob man winner zu icinnen oder zu ahd. icini zu ziehen 
habe. Wäre das letztere richtig, so müsste man annehmen, daß winm r 
= iciner sich aus toine entwickelt hätte wie etwa Vormünder aus Vor- 
munde (vgl. Schöppenchron. 477"). Die Form iciner ist aber in diesem 
Sinne nirgends belegt; wine oder wm würde im nd. und md. Dialecte 
ohnehin richtiger wene lauten, vgl. z. B. diese Zeitschrift 15, 203 1 ' (46); 
für die Zeit der Abfassung des Textes der Schöppenchronik ist das 
Wort überhaupt als ausgestorben anzusehen. Sonach bleibt für winner 
nur die Ableitung von winnen möglich. Dieß ist dann als nd. Form, 
gleichbedeutend dem mhd. geivinnaere geicinner zu nehmen, welches in 
J. Rothes Chronik cap. 632 denjenigen bedeutet, der für jemand die 
phronde (Pfründe) üz richtit, seine Einnahmen, Renten vermittelt, ihn 
mit Lebensunterhalt versieht, eine Art Verwalter, Schaffner, oeconoums, 
procurator; ähnlichen Sinn hat es schon im Speculum eccles. 148, L58 
(= Haupt Zeitschr. I, 274) so der briester wirt getwihet, Sd ist < r </"/<■ 
vi! lieb, So nril er zewdre In haben zeimme gewinnäre, Sinea vil heren 
amman; vgl. Lexer HWörtefb. I, 992. 

Mit triuicen mute <hi 'hl,, 

Was ich zur Erklärung dieser in Wolframs Parzival XVI, 1149 
stellenden Worte ehemals in dieser Zeitschr. 7, .'!<>2 beigebracht habe, 
nehme ich hiermit zurück, leh erkannte bald darnach, daß an dem 
Worte äderstöz nicht /.u rühren, das \<>n mir in Vorschlag gebrachte 
understoz zu verwerfen wäre, wenn ich es auch nicht wie Scherer meint 
(in der Zeitschr. für d. österr. Gymnasien L869, 11. Beft, S. x '••"' als 
„Unterschied", sondern wie die von mir aufgeführten Beispiele zeigi 
als Beimischung, Hintergedanken, wusch auffassen zu dürfen glaubte. 
Die Erklärungen von Scherer 1. 1. und von Bartsch zu dieser Stelle 



56 F. F. ECU 

sind offenbar dem Wahren näher. Ich will nun versuchen, ob ich durch 
Belege die Richtigkeit ihrer Auffassung noch mehr erhärten kann. 
Auszugehen ist hierbei von dem Worte stoz. Dieß bedeutet aber, zu- 
mal in der Zusammensetzung mit äder, hier den Pulsschlag, das Pochen, 
Klopfen, Zittern, Beben der Pulsader (vgl. Diefenbach 472 c s. v. pulsus), 
namentlich der äder des herzen wie sie Conrad in Engelhard 2313 und 
im Trojanerkriege 12771 "nennt, daher auch der herzenstoz in Pfeiffers 
Marienlegenden 18, 59. Die Pulsader stösst aber oder schlägt heftiger 
beim Eintritt starker Gemüthsbewegungen oder Affecte; sie verräth 
die ungewöhnliche Freude wie den plötzlichen Schmerz, die Lust wie 
das Leid, die Begier wie den Widerwillen; daher bei Wolfram Parz. 
35, 27 sin herze gap von stozen schal, wand ez nach riterschefte swal\ 
Ulrich von Liechtenst. 36, 10 daz herze min mir mangen stoz Mit Sprün- 
gen stiez an mine brüst; 579, 24 mit hohen Sprüngen manegen stoz An 
die brüst ez (daz herze) stoezet mir; 442, 3 an die brüst daz herze stözet; 
Alexius ed. Maßm. 57, 654 vil ofte ez ime umz herze stiez; Helbling 2, 89 
daz get mir stozend umb die 5rws£; Reinfrid 24118 daz herze — — im 
selben tuot den stoz mit snelleclichem gufte; Karlmeinet 320, 48 mm rüwe 
issogioes, Dat ich haen menchen stoes Van herzen ind van sinne; Brants 
Narrenschiff 67, 30 so kumbt im dann der rüicen stoz. Nach den beiden 
letzten Beispielen zu urtheilen, kann also äderstöz den durch die riuwe 
verursachten heftigen Pulsschlag, das Zucken der Ader oder das Herz- 
klopfen als sichtbares Zeichen der riuwe bezeichnen. Und daß dieß 
Wolfram an unserer Stelle im Sinne gehabt hat, dafür spricht eine 
parallele Stelle im Willen. 462, 8, wo am Manne die mute äne riuwe 
gepriesen wird. Schon Hartmann im Erec 2734 sagte : was — er — ■ 
mute äne riuwe; und ebenso heißt es in der Krone 17007 Gawein icas 
— — — der milt stam sunder riuwe; im J. Titurel 1827, 4 mute s an- 
der riuwe und sunder haz; Stricker in v. d. Hagen Germania 2, 85 (82) 
so der arge riche muose geben, So gap er so, daz man sin leben Für den 
muten armen lohte, Sicie er nach der gäbe tobte Mit kerzeclieher rinn-,'. 
In ganz ähnlicher Weise lobt die rückhaltslose, durch nichts beein- 
trächtigte Freigebigkeit Walther in der schon von Pfeiffer und Bartsch 
herbeigezogenen Stelle 127, 13 (ed. Pfeiffei') man sach Liupoltes haut 
da geben, daz si des niht erschrac; und Ernst von Kirchberg S. 798, 
Z. 3: der h<-r::n<i<- Erich da von Sassin Der konig machte sundir lassin 
An dem geschefte rittir Mit milden sundir zittir; und eine ähnliche Aut- 
fassung liegt auch dem Fluche zu Grunde, den Heinrich Frauenlob 
in dem Spruche 325, 15 — 17 ausspricht: ich vluoch der hant, Die dan 
der krampf ziuht, sicenn si loesen sol Der tugeni ir pfant. Fraglich ist 



ZERSTREUTE BEITRÄGE. 57 

mir noch eine Stelle im Karlmeinel 351, 36, wo gesagt wird: Karl war 
so freigebig, so swS (wenn jemand) dch was trlois, Dem gaff hey äne 
stois Alle sine er< wider\ ist äne stois liier so viel wie äne herzen — 
oder äderstdz? 

Niht, nie, niender, niemer. 

Zur Vervollständigung der in dieser Zeitschrift 1, 438 — 39 an- 
geführten Beispiele vom umgestellten niht = auch nicht, nicht einmal, 
nequidem, bringe ich noch folgende Nachträge: 

Einen niht genesen län Wigal. 98, 27; einer möhte nihi genesen 138, 9 
(=: 5318 Benecke und Aura.) ; einer niht Gudrun 110, 4; 120, 3; 911, 4 
(vgl. Hildebrand in der Zeitschr. für D. Piniol. IV, 360); aller tugende 
eine mit Pirlinger Alemannia I, 73, Z. 14; 78, Z. 1; einer nihi Reinfrid 
7968*); Matth. v. Benenn Evangelienb. S. 29 (29); eine .— neu Gode- 
frit Hagen Reimchron. 321. — Ein mensche niht (auch nicht ein M.) 
Partonop. 826 u. 12416; Heinrich Trist. 6030; ein minsche nett Der 
Seelen Trost (Frommann Mund. I) fol. 52"; ein wip — niht I. Büchl. 
106 — 108. — Ein tcort niht (auch nicht ein Wort) Partonop. 18535; daz 
er — ein wort niht ensprach Flore 3131; ein wort niht Amis 1708; Armer 
Heinrich 893; ein icort mit Nie. von Basel 164; ein wort neit Godefrit 
Hagen Reimchron. 290; ein wort neit gesprechen Der Seelen Trost 40 ; 
ein wort reden niht Reinfrid 3042; ein einigß wort nicht sprechen, Fast- 
nachtsp. 1296, Z. 21. — Ein wörtelin niht sprechen Partonop. 8305. — 
Über einen schrit niht Wigal 179, 39; einen halben schrit niht Partonop. 
11007. — Einen fuoz niht färbaz trat er Heilige Magdalena fol. 42'. — 
Des einen stich niht (auch nicht ein Pünktchen, auch nicht das Geringste) 
sehen Amis 529, Dyocletian 2SG5: Keller Altd. Gedd. (Tübingen 1846) 
95, 13: Herbort Troj. Krieg 17178. — Eines puneten niht enbrast 
Reinfrid 24989; eins punts niht Gundacher von Judenburg 152 ; nml> 
einen puneten nihi <m sehen Pfeiffer Predd. u. Tractat. der Mystiker 
(Haupts Zeitschr. VIII) 459, Z. 21. — Einen tac niht (auch nicht einen 
T.) Flore 1806; Der Veter P.uch ed. Palm 52, 3:; : Reinfrid L7605; 
halben tue niht gebeiten 7865. Eim stunde nicht Der Veter Buch ed. 
Palm til . 25. — Umb ein ei niiii vervähen Flore 6490. - Ein clauwe 
dar nicht van ghevunden wart Herrn. Korner in dieser Zeitschr. 9, 21 1 . 26. 
Ein här nicht Veld. 234, 6; eines häres niht Berthold 438, 38; eil 
här niht 467, 28. Einen phenninc nihi Amis 2270. — Ein /'<<<"■ niht 
Meister Eckhart 203, 29; umb ein bonen niht Reinfrid 20837. — 1>>< 
hist der minrn einigen trophen niht Berthold 545, 2; du unsere herren 

ii Reinfrid 17:;-:; hi nicht mit einem (sondern mi 

mehreren), ein sonsl selten vorkommender Fall. 



58 F. BECH, ZERSTEEUTE BEITRÄGE. 

üchamen — drof (■= gutta) niet enachtent Adrian Mitth. 450, 6 (vgl. 
Denkin. von Müllenh. u. Scherer XIII, 23 und Aura.). — So vil niht 
(ne tantillum quidem) I. Büchl. 537; Erec 410—411. — Einz bim an- 
dem niht beleip Herz. Ernst ed. Bartsch 2138, S. 53. — Zwene glich 
einander niht (auch nicht zwei) Konrad v. Würzb. Sprüche 25, 86 (ed. 
Bartsch). — Der abritte nicht Ludwigs Kreuzf. 6206. — Min vier niht 
Eabenschl. 769; der vierde niht Heinrich von Rugge (MSFr.) 108, 31. — 
Fiinve niht Bruder Wernher in MSH. II, 233''. — Vierzehen tage niht 
Hartm. Gregor 2944. — Der drizigiste nicht Ludw. Kreuzf. 2132 u. 
5931. — £e hadden boven 47 glevien nicht Magdeb. Schöppenchron. 
377, 1. — Daz tüsentste teile nicht sagen Johannes Marienwerder 309, 
Z. 11; 312, Z. 3. 

So wie niht wird auch nie zur Verstärkung nachgesetzt im Sinne 
von: niemals auch nur, nicht einmal, auch nicht. Z. B. wan ich der 
eine nie gegen im genoz Bruder Wernher in MSH. II, 233'' (3); eines 
nie vergezzen Reinfrid 12467; eine nieman vant Milst. Hs. 140, 35 (andern 
Sinn dagegen hat nieman einen vant 149, 21). — Daz sie ein ander 
tanb ein här sit nie (niemals wieder auch nur um ein Haar) wurden 
leider Flore 7845. — Einen trit nie Pfeiffer Predd. u. Tractat.. der 
Mystiker 462, Z. 4 von unten. — Um einen fuoz nie Reinfrid 3356. — 
Einen blic nie Pfeiffer 1. 1. 462; einen ougenblic nie Myst. I, 290, 15. — 
Zeiner wile nie Gudrun 556, 3. — Es teil nie gewinnen Hartm. Gregor 
2548. — Einen trophen nie Ettm. Jahrbb. 65, 17. — Umb ein toort nie 
Reinfrid 8063. — Ein esse nieman überga.p Wolfr. Willen. 162, 22. — 
Der minen schaden halben nie gewan Walther 120, 29. — Der sehste nie 
Amis 8. — Vgl. deheinem — nie Konr. von Heimesf. Mar. Himmelfahrt 
786 u. s. w. 

Ferner steht so niemer. Z. B ain här newirdet niemir an im verrucket 
Rolandslied 264, 16. — Ir einigen niemer an gesehen Berthold 464, 7; 
einen niemer an gesehen 464, 31. — Einen trahen daran niemer versagen 
Gottfrieds Tristan 4876. — Einen tac niemer mere geleben Übel Weib 721. 

Endlich auch ni ender. Z. B. eine ädern niender (nirgends auch nur 
eine Ader) er hat Reinmar v. Zweter in MSH. II, 210", 186 b . — Mit eime 
worteline es niender vaelet dar an Walther v. Rheinau 50, 4. — Häres grdz 
n imler GAbent. III, 13, 292. — Aus Vridanks Bescheidenheit 42, 1 isi 
noch zu erwähnen: under ougen eine spanne hat ir fceinz geliehen schin. 

Consequent ist freilich diese Umstellung nicht durchgeführt. Die 
meisten der hier erwähnten Schriftsteller, die sich ihrer bedienen, pfle- 
gen auch auf andere Weise dasselbe auszudrücken. 

ZEITZ in den Osterferien 1873. FP]DOR BECH. 



E. WILKEN, MIID. BAEEEN. .",'.1 



MHD. BÄEHEK 

Die von mir in Nr. 45 des Liter. Centralblattes (1873) versuchte 
Klarlegung des Verses: der tumJtcr tor sich selben baet (Tyrol u. Fridebr. 
II, 40) mißlang gegenüber einem Rec., der sich auf eine Autorität wie 
Lexers Handwörterbuch berufen konnte, wo baehen „durch Überschläge 
erwärmen" erklärt wird. Man wird an einem so verdienten Werke nicht 
einzelne Mißgriffe schärfer urgieren wollen, aber bedenklich war es 
allerdings, den im medicinischen Gebrauch begründeten Wortsinn in 
einer Weise hervorzuheben, als ob er der allein giltige sei. Dieser 
Ansicht scheint freilich Herr W. B. unrettbar verfallen zu sein, denn 
in solchem Sinne versucht er auch jetzt noch an dem dunklen Verse zu 
interpretieren. Das Verbum baehen, mit backen wohl nahe verwandt 
— was in Kuhns Zeitschr. VIII, 202 freilich bestritten wurde — und 
auch von sanscr. päc, gr. ninav etc.*) schwerlich zu trennen, bedeutet 
erwärmen, durch Wärme reif, zeitig, weich u. s. w. machen. So wurde 
es zunächst wohl von der Sonne, dann namentlich vom Feuer und 
heissem Wasser, schließlich auch von anderen Mitteln der Erwärmung, 
Umschlägen u. dgl. gebraucht. Ob in der Stelle Parz. 420, 29 baehen 
durch nhd. brühen oder durch röste* — in letzterer Bedeutung scheint 
baehen nach Grimms Wb. s. v. auch nhd. noch vorzukommen — zu 
übersetzen sei, ist nebensäehlieh . jedenfalls ist hier so wenig, wie an 
der von Lexer citierten Stelle bei Haupt VIII, 152 v. 268 (daz broi 
lachen noch baen) von „warmen Umschlägen" die Rede! Auch braucht 
man baehen nicht nothwendig unserem nhd. brühen (das zunächst auch 
nur = erwärmen und wohl mit brüten nahe verwandt ist I gleichzusetzen**), 
sondern sich nur daran zu erinnern, daß in zahlreichen sprichwört- 
lichen Wendungen (Gebrannte Kinder scheuen das Feuer; Wer sich 
einmal verbrannt hat, bläsl hernach die Suppe Nr. 1290, 91 bei Sim- 
mek, ähnlich ist 10*20 und die bekannte Redensart: sich dabei die 
Finger verbrennen u. s. w.) ein ähnlicher oder eben derselbe Sinn liegt, 
wie hier in dem Verse: der tumber tor sich selben baei (verbrennt, be- 
schädigt sich selbst).- Aber nichl bloß zulässig isl diese Schreibung, 
sondern für den Zusammenhang die einzig richtige. Berr W. B. kann 



*) Siehe G. Curtina Gr. Etymol. b. v. tu-tc — . 

**) Allerdings bleibt der übertragene Gebrauch von brühen = vexare r 
Grimm D. Wb. s. v.) besonders beachtenswert!!. 



60 E - WILKEN 

freilich über die warmen Umschläge und den Judas, der im nächsten 
Verse genannt wird, nicht hinwegkommen, und will a. a. O. mit der 
Hs.*) Jiaet u lesen für botet. Allerdings hat sich Judas gehängt, wie selbst 
einem Ignoranten wie mir bekannt sein dürfte, er ist im nächsten Verse 
genannt, und im folgenden ist sogar von einem Baume die Rede, an 
dem er sich bequem genug gleich aufhängen könnte, wenn hier vom 
Hängen überhaupt irgendwie die Rede wäre. Gerade die triviale Ver- 
ständlichkeit des Wortes haet musste dieß einem umsichtigen Hrgb. 
weniger empfehlen als die schwierigere Variante betet {=becht im Ms.). 

Da ich früher wohl zu starke Ansprüche an das eigene Nach- 
denken der mit meiner Belehrung beauftragten Recensenten gemacht 
habe, so will ich hier die Stelle II, 38 fg. im Zusammenhang erläutern. 
Sie besagt: Der falsche (d. h. gewissenlose) Priester unterlässt es nicht, 
er empfängt (im Sacramente der Messe) auch den lieben Gott (gleich 
dem guten Geistlichen; aber) der einfältige Thor hat selbst den Schaden 
davon; Judas (in der Hölle) und er haben gleiche Pein (zu leiden) 
u. s. w. — Daß bei der „Pein des Judas" in altd. Gedichten nicht an 
sein Aufhängen, sondern an die ewige Höllenstrafe, wie sie Dante im 
letzten Gesänge des Inferno so entsetzlich schildert, zu denken sei, 
darauf hätte Herrn W. B. die Erläuterung zu II, 41 wohl hinführen 
können. Ich bemerke noch, daß dieser Vergleich mit dem Judas darum 
so nahe lag, weil ja auch Judas das h. Abendmahl genossen und 
(nach der kirchlichen Vorstellung) sich zum Gericht genossen hatte. 
Da durch die Transsubstantiation die genossene Hostie in den wahren 
Leib Christi verwandelt gedacht wurde, so war ein leichtsinniger Ge- 
brauch der Messe ebenso gut ein Verrath des Heilandes, wie die 
äußerliche That des Judas. Das ist offenbar der Gedanke, bei aller 
Strenge altkirchlicher Anschauung doch ernst und würdig; hieße V. 40 
dagegen: der einfältige Thor hängt sich selbst, so wäre die verwunderte 
Frage erlaubt: War es denn die üble Gewohnheit schlechter Priester**) 
im MA. sich aufzuhängen? 

Wenn ich es gleichwohl Herrn W. B. überlassen muß, mit Be- 
rufung auf Lexer das Verbum baehen nicht zu verstehen und exegetisch 
Versuche mit warmen Umschlägen weiter hin zu machen, so kann ich 
nicht allen wiederäufgewärmten Ausstellungen desselben aufs Neue be- 
gegnen. Ratio plus valet quam librorum auctoritas pflegen Lateiner zu 



*) Doch gegen das Ms., vergl. weiter u. 
**) Denn auf den Priester ist zunächst II, 40 doch allein zu beziehen, nicht 
auf Judas, mit dem Jener ja erst im fg. Verse verglichen wird. 



MHD. BAEHEN. Gl 

sagen, und die größten Kritiker haben eine Überlieferung, die ungleich 
besser und reicher war als die uns für die Tyrolfragmcnte zu Gebot 
stehende nicht als sacrosanct behandelt. Auch ist es nach Herrn W. B. 
einer „besonnenen Kritik"" nicht verboten, die Fälle, wo klingende 
Verse mit vier Hebungen sich finden*), etwa zu beseitigen. Die be- 
sonnene Kritik scheint vergessen zu haben, daß ähnliche Verse von L. 
zum [weinV. 772 so besprochen sind: „Keines der alleren, genau ge- 
messenen Gredichte**) verschmäht übrigens leicht die vierfach ge- 
hobenen Verse mit klingendem Reim". Man wird deren Zahl erforder- 
lichen Falls also eher vermehren, als mit Herrn W. B. beseitigen dürfen. 
Wenn ich II, 29 und 42 dazt für deist oder daz ist schrieb, so hatte 
ich dabei Ahnliches im Sinn, als L. zu Iwein V. 191 mit der Bemerkung: 
„Man kann daraus (aus der Schreibung in A) schließen, daß einer der 
ältesten Schreiber des Gedichtes neben deiz auch dazz oder daz schrieb" 
u. s. w. Aber die Verbindung zt ist allerdings im Hd. wenig beliebt: 
mit der Zeit pflegt sie gerne in st (auch szt im Nhd.) überzugehen, so 
z. B. in der zweiten Person weist für weizt, welche letztere Form ich 
aus etymologisierender Laune***) zweimal in den Text gesetzt hatte. 
Noch weniger haltbar ist freilich der Imper. bringe III H. 2, 6 — doch 
bleibt mir in diesem Falle von Gedankenlosigkeit wenigstens der Trost, 
einen Leidensgefährten in Leipzig gehabt zu haben. Herr W. B. hat 
nämlich in Nr. 45 des Centralblattes glücklich vergessen, daß er in 
Nr. 31 bez. des Imper. bringe wörtlich so geschrieben hatte: „der 
Sing. Imp. bringe, der, wenn auch nicht unbedingt falsch, so doch 
nicht sehr empfehlenswert!) ist" — und beschuldigt den Hrgb.: „Er 
hat nämlich gar nicht verstanden, weßhalb ich den Imp. bringe nicht 
sehr empfehlenswert]! genannt habe. Dieser Imper. heißt ja bekannt- 
lich (?) correct brinc. u Daß sich Herr W. B. auch in Nr. 35 wohl 
hüten würde, in die schwierigen, literarhistorischen Untersuchungen 
selbst einzutreten, war vorauszusehen: möchte man sich künftig lieber 
von vornherein mit der — ja immer wohllöblichen — Flohhatz auf 



ilcher Fälle habe ich (S. 39) zwei angemerkt, Herr W. B. führt selbst 
drei weitere auf, von denen einer indeß (II, 96) anrichtig ist. Vier sichere Fälle Bind 
füi 40Q Verse schon ziemlich viel. Vgl. auch II, 107—8. 

In diese Classe gehören eben unsere Tyrol-Fragmente auch hinein. 
***) Nicht aus Uhkenntniss der Grammatik, wie Bert W. B. mehrfach bemerken 
zu müssen glaubt. Derselbe scheint keine Ahnung davon zu Italien, daß auf hochd. 

t eigentlich v;eizt ebenso das Sichtige, wie weist, wiat "_ r "t. vaist auf V 
deutschem; got. oaitt aber Btehl bekanntlich für vaitt, und schwerlich blieb dieß ältere 
st ganz anverschoben. 



62 M. BÜCK 

kleine Flüchtigkeiten*) begnügen, und nicht durch übereiltes, unver- 
ständiges Absprechen eine Achtung, wie sie Herr W. B. wegen besserer 
Leistungen allerdings verdient, unnöthig aufs Spiel setzen. Errare est 
humanuni — dieß alte Wort könnten manche junge Recensenten auch 
in ihrem eigenen Interesse öfter beherzigen. 

E. WILKEN. 



ÜBER GESCHLECHTSNAMEN AUF -EISEN, 

-ISEN **). 

Die jetzige Endung der Namen unserer Sippe, wie die schon im 
13. Jhrdt. vorfindliche Schreibung -isen leiten scheinbar auf das Metall 
Eisen hin. Wenn man Namen wie: Hebeisen, Mühleisen, Bammeisen, 
Stemmeisen hört, denkt man unwillkürlich an die Werkzeuge dieses 
Namens und am allerwenigsten an eine ganz andere Bedeutung der 
Geschlechtsnamen auf -eisen. 

Man hat schon öfters darüber gesprochen, ob solche Familien- 
namen, wie Hebeisen etc. nicht etwa aus ursprünglichen Hauszeichen 
wie : zum Hebeisen etc. entstanden seien, da ja bekanntlich die meisten 
Häuser der oberdeutschen Städte das ganze Mittelalter hindurch allerlei 
Schildzeichen, ähnlich unseren Wirthshäusern, zu führen pflegten und 
da ja auch unter diesen Hauszeichen nicht allein die Vögel des Himmels, 
das reissende Gethier der Erde und die Bewohner des Wassers ver- 



*) Dem rühmlichen Eifer des Herrn W. B. verdanke ich die Berichtigung fg. 
theils Druckfehler, theils Flüchtigkeiten: I, 58 lies mit, 86 Juden; I, 118 und II, 70 
himelhort, Note zu II, 40 lies: enpfecht — becht Ms.; II, 65 (Text u. Note) unt mit; 
II, 72 weist, 90 weistü. — III A 3, 3 mit; III C 1, 6 tinnelcleider. D l, 3 mit; 3, 3 
nasen; Note zu E 2, 5 geprubet, G 1, 4 mit, H 2, 5 u. 6 (Text u. Note) bringet. — 
S. 39, Z. 3 v. oben lies: Die Endreime sind mit Ausnahme von IIb 107, 8 durch- 
gängig stumpf; Z. 2 v. unten 1. II, 120, wohl auch 126; S. 43, Z. 1 1. tinnekleider ; 
S. 44 Z. 10 geprubet. (II, 52 1. giht.) 

**) Abkürzungen: E. Eben, Geschichte der Stadt Ravensburg; Egg. Eggmami, 
Geschichte von Waldsee; C. Catalogus personarum Dioecesis Constantiensis de aa. 1779; 
F. D. Freiburger Diöcesanarchiv; A.A. Schriftstücke des gräfl. Königsegg'schen Archivs 
zu Aulendorf; B. Bacmeister, Germanistische Kleinigkeiten; H. Heider, Gründliche 
Ausführung etc. der Reichsstadt Lindau. Nürnberg 1643; H. U. Habsburger Urbar. 
Bibliothek des lit. Vereins in Stuttg. Band XIX; Lz. Geschichtsfreund für die 5 Orte 
Luzcin etc.; W. U. Kausler, Wirt. Urkundenbuch ; U.A. Schriften des Ulmer Alter- 
thuinsvereins. Neue Folge. 



ÜBER GESCIILECIITSNAMEN AUF -EISEN, -ISEN. C3 

treten waren, sondern auch Handwerkserzeugnisse und Geschirre: z. B. 
zu dem Kurnagel, zu dem Rossisen, zu dem Ribisen, zu der Scheren etc. 
Straßburger Gassen- und Häusernamen, Straßbg. 1871. Es wird kaum 
einem Zweifel unterliegen, daß einzelne Häuserbesitzer ihren Ge- 
schlechtsnamen von ihren Häusern, durch einfache Übererbung des 
Hausnamens, erhalten haben werden. So gab es in Straßburg ein Haus 
ze der Megede (Jungfrau) und schon im J. 1285 wird ein Her Conce 
die Maget genannt. Fällt jetzt noch der Artikel weg, so ist der Ge- 
schlechtsname auch formell fertig. 

Wenn wir nun aber die Namen auf -eisen mustern, so kommen 
unter ihnen auch so unmögliche oder wenigstens unverständliche -eisen 
vor, wie z. B. Gengeisen, Raueisen, Schnetzeisen, Übeleisen, daß wir 
offenbar gezwungen sind, nachzudenken, ob es nicht noch eine andere 
Entstehungsart für dieserlei Namen gebe. Beim Durchlesen langer, 
alphabetisch geordneter Namenregister, fiel mir alsbald auf, warum sich 
in der Nähe so vieler Namen auf -eisen stets wie der Abendstern beim 
Monde ein Geschlechtsname aufhält, der dem Namen auf -eisen im 
ersten Theil ganz ähnlich und wie dessen Vater aussieht. Z. B. neben 
Biegeisen Bieg, neben Hocheisen Hoch u. s. w. Ich dachte ferner an 
unsere schwäbischen Hausnamen und an die Art und Weise, wie man 
derlei Namen unter dem Volke decliniert. Meines Nachbars Haus kann: 
Simmisen (Simons), Hannisen (Johanns) oder Seppisen, Theissisen, Bert- 
isen (Alberts u. s. w.) heißen, neben Hannis, Simmis, Sepsis, Theissis, 
Bertis. Ja es kommt vor, daß einer aus der Familie des Simmis oder 
Sinnnisen schlechtweg als Simmiser bezeichnet wird. Gesetzt nun, man 
habe in dieser Weise schon vor alter Zeit verfahren, dann geht für 
die Namen auf -eisen ein neues Licht auf. Hieß ein Mann Billi und 
nach ihm das Haus schlechtweg Billis, so konnten seine Söhne, falls 
er Doch keinen beständigen Geschlechtsnamen hatte, zum Geschlecht 
BiUis genannt werden. Wie anders könnte man sich sonst Namen er- 
klären, wie: Jacobus Berchtoldi, Conradus Meliae, Hedi Sennen (neben 
Joh. Senno), Burchard Heinrichs, Rudolf Ortolfs, P. Rantzen, Johannes 
Qretun, Heinricus Mechtildinun u. s. w. Lz. 24, 113 ff. Nun konnte 
diese genitivische Ellipse fiir das Haus oder das Geschli chl Lillis, nach- 
dem sie lange genug im Munde der Leute herumgekommen war, 
wieder wie ein Nominativ behandelt und so abermals decliniert werden, 
so daß ein Haus Billis im Laufe der Zeil zu Billisen ward. Als man 
aber aus falscher Analogie den Ton von ler ersten Silbe des Wortes 
auf die zweite verlegte, um eine Anlehnung an das bekannte isen zu 
gewinnen, da war auch die Zeil schon nahe, wo dieses lange mhd. i 



64 



M. BÜCK 



sich in ein neuhochdeutsches ei auflöste. Mancher Name unserer Sippe 
wird dann wohl auch im ersten Theil so lang verarbeitet worden sein, 
bis das endständige eisen dem kopfständigen Stammwort den lautlichen 
Betriff irgend eines Werkzeuges aufgenöthigt hatte. Ich erinnere an 
die Verwandlung von Rechseisen in Röscheisen. 

Ich erlaube mir nun in zwei Spalten eine Auswahl entsprechender 
Kamen im Nominativ und im doppelten Genitiv gegenüber zu stellen 
und für beide die Orte des jetzigen oder früheren Vorkommens bei- 
zusetzen. 



Appeli (jetzt Äppli), J. 1306, Lindau. H. 

liieij um Ravensburg. 

Bili Lz. 20 a Register. 

Brech Oberseh waben. 

End, 16. Jb., Meßkirch. A. A. 

Falk überall. 

Felsi Lz. 20 a . 

Frischi Lz. 20 a . 

Füeg Oberschwaben. 

Fyl, Viel, Schwaben. 

Fund, 1750, Ebisweiler. A. A. 



Geng Oberschwaben. 

Halwe, Helwe, Lindau. H. 

Hau, 1684, Oberschwaben. A. A. 

Hebe Oberschwaben. 

Hoch Ober- u. Niederschwaben. 

Höni Schweiz. 

Kalt, 15. Jh., Tuggen (Schweiz), Lz. 25, 

175. 
Keck, Keck, Kecho Lz. 20 a . 
Koch überall. 
Kolb Biberach. 
Küclc, Kick, Biberach. 
Krumm, 14. Jahrb., Mon. Zoll. 1, 291. 

Müele, Müle. Mulin. W. U. 3, 238; 

3, 229. Jetzt um Biberach. 
Milrdi Lz. 20". Schweiz. 



Not, J. 1455, Not in Waldsee. E. 
Ramm Waldsee. 

Waldsee. 
Ruß' Ravensburg. 



98. 



Appeleisen, J. 1498, Ravbg. E. 
Biegeisen, 17. Jh., Lz. 20'. 
Bil'lisen, 14. Jh., Lz. 17, 251. 
Brecheisen, J. 1779. Zeil. C. 
Entissen, 15. Jh., Ravbg. A. A. 
Falkeisen, J. 1508, Basel. B. 20. 
Felfyßen, 16. Jh., Luzern. Lz. 16, 221. 
Frischysen, J. 1499, Luzern. Lz. 20\ 
Füegeisen, J. 1779, Baden-Baden. C. 
fylysen, J. 1337, Hohenzollern. B. 22. 
Fundisen, 15. Jahrb., Pflumern Annal. 

Biberac. Ein Findynsen in Richentals 

Chr. des K. Conc. 
Gengyssen Reuttlingcn. B. 23. 
Halbisen, 15. Jh., Luzern. Lz. 20". 
Hatieise» Riedlingen. Vgl. Hocheisen. 
Hebeisen Oberschwaben. 
Hocheisen Stuttgart. 
Hönisen, J. 1443, Zürich. Lz. 6, 175. 
Hönisen, J. 1315, B. 20. 
Kaltisen, 14. Jh., H. U. 266. 

Keckeisen Ravensburg. 
Kocheisen, J. 1 750, Ravbg. A. A. 
Kolbeisen, J. 1750, Ravbg. A. A. 
Kückeisen, J. 1750, Ravbg. A. A. 
Crumpisen, J. 1219, Franken. W. U. 

3, 99. 
Mtiliscn B. 36 ; jetzt Mühlcisen in Ehnin- 

gen, Gmünd. 
Murdysen, J. 1323, B. 37. 
Mürdenisen, 14. Jh., Ztschr. f. Oberrh. 

17, 96. 
Notisen B. 38. Augsburg. 
Rammeisen um Zwiefalten. 
Raiveisen, J. 1590, Ravbg. A. A. 
Rufeisen, J. 1750, Ravbg. A. A. 



ÜBER GESCHLECHTSNAMEN AUF -ETSEN, -fSEN. 



65 



Recht Lz. 23, 328. 
Rech Lz. 20\ 

Ribi Schweiz. Lz. 20" 



Hink, Ring, Schweiz. 

Sand Schweiz. 
Schenk überall. 
Schleif Schweiz. 
Schmelz Biberach. 
Schmid überall. 



Schnetz Ravensburg. 

Streck, Steub, oberd. FN. 133. 

Silber Stuttgart. 

Stemm, Stümi, Schweiz. 

Stoll überall. 

Sur (Sauer) Altstatt. 



Thurn um Waldsee. 



Übel Oberschwaben. 



Rauffeisen in Waldsee. 
Rechseisen, 16. Jh., B. 20. 

Ribisen,J. 1276, Straßbg. Gassennamen. 

Reibeisen, J. 1713, Ravbg. A. A., jetzt 
ein Hof Reibeisen b. Ravensburg. 

Rinkeisen, J. 1713, Ravensburg. A. A. 

Ringeisen Lz. 20". 

Sandeisen Ravensburg. 

Schenkisen Ravbg. E. 

Schleifinsen Ravbg. E. 

Schneit zinsen, J. 1567, Ravbg. A. A. 

Schmideisen, J. 1590, A. A. — Da der 
Name auchSchmidheißen geschrieben 
ist, kann er, weil in der Gegend der 
Name Heiß daheim ist, alter Haus- 
name sein. Kann aber auch aus 
Schmidhiiusern verballhornt sein. Vgl. 
Thurneisen. 

Schnetzisen, 15. Jh., Ravbg. E. Unweit 
liegt Schnetzenhausen. 

Slreckysen, J. 1500, Basel. B. 20. 

Silberreisen, J. 1451, Stuttgart. B. 45. 

Stemmeisen, J. 1713, um Ravbg. A. A. 

Stolysen, J. 1525, B. 20. 

Surrisen, 15. Jh., Ravensburg, jetzt 
Sauereisen und in Sourisseau ver- 
welscht. 

Tliumeisen. Vgl. B. 20, wo nachgewiesen 
ist, daß die Thurneisen von Basel 
ehedem Thurneyser und Thurnhäußer 
hießen. 
Vbelisen, J. 1324, um Zwiefalten. F. D. 
4, 28. 

Zerrysen, J. 1482, Möhringen. B. 51. 



auf -wer, isser an , da 



Zerr finde ich als Personennamen nur 
im Zerrenhau bei Söflingen. Vgl. 
Sero, Serrald. Förstemann NB. 
1, 1075. 

An die Namen auf isen reihen sich die 
einige dieser Sippe augenscheinlich aus genetivischen Ellipsen auf -is 
weitergebildet sind. Ich .•rinnen- an Albiser und die Bofhamen Albis- 
haus, Albisreul von Albi — Albrecht; an Bilrgisser und dm Namen 
Burgi = Burghart; an Eafiser und die Familiennamen Bans und Hai. 
welche iu der Schweiz und im Algäu vorkommen; an Eiedisser und 
Rudi s.v. a. Rudolf; an Entüser und Entis zu End; an Fryschiser 

ÜERMAMA. Neue Reihe VII. (MX. Jährt;.) ^> 



66 M. BUCK, ÜBER GESCHLECHTSNAMEN AUF -EISEN, 1SEN. 

B. 22 und Frisch; an Välisser B. 21 und den Geschlechtsnamen Väl, 
Vel (Fehl). 

Einige lauten in Folge der unbestimmten Aussprache auch -esser, 
so Riedesser neben Riedisser, Segesser neben Segisser. Der letztere 
Name gehört jedoch nur scheinbar in unsere Sippe, da er alt Segenser 
lautet. Vgl. B. 44. Lz. 20\ Ob er aber zu Segens, Sense oder noch 
wahrscheinlicher zu einem Ortsnamen gehöre, will ich hier nicht unter- 
suchen. Ganz entschieden zu einem Ortsnamen gehört Digiser, was 
die schwäbische Aussprache für Digisheimer ist, denn Digisheim lautet 
bei uns Digisen. Diese Zusammenziehungen scheinen schon alt zu sein, 
wenigstens nennt der Cod. Laures. nr. 2337 das Dorf Lomersheim 
schon im J. 854 Lotmasen. Ganz anders, wenn auch aus einem Orts- 
namen, ist der Geschlechtsname Kniebiser zu erklären. Es gehört zum 
alten Knieboz, Kniebreche, wie steile Bergpfade mitunter heißen. 
Namen wie: Manezze, Mitezze, Verkenesser gehören wohl zu esse 
(edo). Wohin gehört der Isenesser? J. 1275. B. 21. 

Diese Namen auf -isser verdumpfen sich zuweilen in -asser. Im 
Vorarlberg gibt es Familien Gallis, Gallus neben Gallijler und Gal- 
lußer. Es ist auch die Heimat der Riedißer. Unsere Stuttgarter Binkiser 
heißen im 14. Jahrh. Binkusser und Pingosser. B. 17. Diesem Namen 
scheint der Geschlechtsname Bengg näher zu stehen. Der Form nach reiht 
sich dem Binkusser der bei B. 22 angeführte Ganusser Ganasser an. 
Diesen Namen habe ich stark im Verdacht, daß er aus Ganaffer ver- 
lesen sei, denn ganz in derselben Gegend und in derselben Zeit, wo 
die sog. Ganasser um Tübingen und Rottenburg herum Urkunden, 
finde ich auch Ganapher und Genepher (Maulaffenfeilhaber) , z. B. 
einen bertholt den geneppher in den Monum. Zoller. 1, 323. 

Es scheint dieses dumpfe u für i auch in andern nur mittelbar 
hieher gehörenden, zum Theil schwer deutbaren Namen vorzukommen. 
Ich nenne den Ulmer Arlapus, Arlapuz, dessen Wappen einen Erlen- 
busch zeigt, einer ist z. B. z. J. 1298 in der Zeitschr. f. Gesch. d. 
Oberrh. 23, 61 genannt, andere in den Schriften des Vereins für Kunst 
und Alterth. in Ulm und Oberschwaben. Es wird wohl nur Zufall sein, 
wenn nach Merian Topogr. von ( »sterreich S. 31 Bechlarn einstens 
Arlape geheißen hat. Im J. 1442 kommt ein Ulmer Rollubutz vor, 
U. A. 3, 77, der wie mancher andere dieser Form freilich wieder auf 
andere Erklärungspfade führt. Ein Proteus ist der alte Stuttgarter: 
Borrus, Bouruss, Borrhaus, jetzt: Bauereiß, Baureiß, Baureß, Bareß, 
Bareiß B. 16. — Der Vollständigkeit halber mögen noch einige -uz, 
-us hergesetzt sein: Bonruz, Bonros, Bombroz 14. Jahrh. H., in der 



C. M. BLAAS, DEK MARIENKÄFER IM NIED.-ÖSTERR. KINDERSPRUCH. 67 

letztern Form als hieße er Baumknospe, broß Knospe (vgl. Buochen- 
öugli). — J. 1240 dict. Genuz. W. U. 3, 458. — J. 1343 dict. Kruchuz 
Ztschr. f. Oberrh. 16, 43. — J. 1364 dict. Kurlapus ib. 6, 360. Dieser 
Name klingt an Hurlapus, Arlapus und den Stuttgarter Ilurlebausch 
an. — J. 1414 Hurruz in Konstanz. Richentals Chron. - - Eine Straß- 
burger Familie nannte sich Kapnz Straßb. Gassenn. S. 96, eine Schweizer 
Kabis Lz. 20% eine andere Kabi und Kebi. — Die Familie Hoppus 
15. Jh. um Frohnhofen lebt jetzt als Hops zu Markdorf'. Nebenbei 
gibt es eine Familie Hopp, Hoppe und Höbe. Der Hof Baums im 
wirt. 0. A. Wangen ist nichts weniger als latinisiert, es ist der schwä- 
bische Locativ für Baur, dessen Casusendung so dumpf lautet, daß 
man nicht weiß, ob man Baurus oder Bauras, Baures, Bauros oder 
Bauris schreiben soll. 

Zum Schluß noch eine Zubuße für Namenliebhaber. Eisenbeiß, 
Eisobeifi, Tritenbeiß. B. 47. — J. 1424 Bronbisz Lindau. H. — J. 1344 
Huntpisz Ravensburg. B. 28. — J. 1288 Hanebitz Menger Archiv. — 
J. 1448 Affenbitz Lz. 17, 6. — J. 1452 Frumppisz Lz. 11, 99. — J. 1381 
Froioenbisz E. 322. — J. 1247 Katzenbiz B. 30. — Rimpiss B. 40. — 
Vgl. Steub, die oberdeutschen Familiennamen S. 80. 

AULENDORF im September 1873. Dr. BÜCK. 



DER MARIENKÄFER IM NIEDEROSTERREICHI- 
SCHEN KINDERSPRUCH. 

VON 

C. M. BLAAS. 



Schon bei den alten Indern war der Marienkäfer (coccinella 
septempunetata) ein vorzüglich geheiligtes Thierchen (s. v. d. llagens 
Germania 7, 435) und J. Grimm (Deut. Myth. S. 658) deutet seinen 
Namen auf Frouwa, welcher nach J. W. Wolf (Beiträge z. deutschen 
Myth. II. Bd. S. 449 j der Käfer heilig gewesen sein muß. Überdieß 
ha1 \V. Mannhardl in Beinen Germanischen Mythen (S. 243 fg.) ein- 
gehend nachgewiesen, daß die coccinella im Norden Gottheiten, wie: 
Preyr, Freya und Frigg geweihl war, und wie im übrigen Deutsch 
land, ebenso steht der Marienkäfer auch in Niederösterreich, nichl nur 
im besondern Ansehen, sondern er wird im oiedorüsterreichisclmn Wald- 
viertel, gleich der Schwalbe und dem Rothschwänzchen, für „heilig'' 

5* 



68 C. M. BLAAS 

gehalten. Daran gemahnen vor Allem schon die Namen des Käfers in 
Niederösterreich als: Herrgottskäferl, Herrgottskalb'l, Muttergotteskäferl, 
Frauenkäferl und Sonnenkäferl. Nebst diesen mythischen Benennungen 
des Marienkäfers deutet auf die Verehrung desselben in Niederöster- 
reich außer dem Volksglauben, nach welchem dieß Käferchen jedem, 
dem es zufliegt, Glück bringt, auch noch die Meinung der Kinder. 
Diese glauben nämlich, daß derjenige, der ein Frauenkäferl tödte, 
eine schwere Sünde begehe, welche durch einen Sterbefäll in dessen 
Familie, oder durch ein anderes Unglück, welches die Muttergottes 
schicke, bestraft werde 1 ). Übrigens soll der Marienkäfer in Nieder- 
österreich auch einen schönen sonnigen Tag bringen, und die Kinder 
glauben, wenn er von ihrer Hand, während sie ihn besprechen, auf- 
fliege, so werde bald darauf die Sonne aus den Wolken hervor- 
kommen 2 ). 

Indeß erscheinen die Beziehungen des Marienkäfers zur Sonne 
und zum Wetter am klarsten in den hier folgenden Kindersprüchen, 
welche, wenn hiefür auch kein anderer Grund maßgebend wäre, schon 
deßhalb unsere Aufmerksamkeit verdienen, weil nach Rochholz (Alem. 
Kinderlied S. VII) der Kinderspruch so alt wie unsere deutsche Helden- 
sage ist. 

1. Sprinzerl, Sprinzerl 3 ) 

fliag unsan Herrgott in's Tümpferl, 

bring uns heint und moargn a schene Sunni. 

(Reingers.) 

2. Sunnkäferl, Sunnkäferl fliag in'n gold'nen Brunn, 
bring uns heint und moarg'n a rechte schene Sunn. 

(Stockerau.) 

3. Frau'nkäferl fliag in'n Brunn, 

bring uns heint und moarg'n a schene Sunn 4 ). 

(Litschau.) 

4. Frau'nkäferl fliag über'n Brunn 
und bring a schene Sunn 5 ). 

(Stockerau.) 



') In Schwaben wird der Marienkäfer als der Muttergottes geweiht betrachtet 
und man sagt daselbst, wer ihn tödte, komme in die Hölle. E. Meier, Sagen aus 
Schwaben S. 223 und 224. 2 ) Vergl. Panzer, Bayer. Sagen II. Bd. S. 379. 3 ) Im 
niederösterr. Waldviertel wird der Marienkäfer auch Sprinzerl und Sprinzkäferl ge- 
nannt. 4 ) Vergl. Panzer, Bayer. Sagen II. Bd. S. 547. 5 ) Vergl. Mannhardt 
German. Mythen S. 254. 



DER MARIENKÄFER IM NIEDERÖSTERR. KINDERSPRUCH. 69 

5. Frau'nkäferl, Frau'nkäferl fliag nach Hollabrunn 6 ) 

und bring uns heint und moarg'n a rechte schone Sunn. 
(Korneuburg, Hörn, Retz und Groß-Weikersdorf.) 

6. Frau'nkäferl fliag nach Hollabrunn 
und bring a goldene Sunn. 

(Stockerau.) 

7. Frau'nkäferl fliag nach Hollabrunn 
und bring uns moarg'n a schene Sunn. 

(Kirchberg am Wagram und Nalb bei Retz.) 

8. Sunnenkäferl fliag über Hollabrunn 
und bring uns a schene Sunn. 

(Eggenburg.) 

9. Frau'nkäferl, Frau'nkäferl fliag nach Mariabrunn 7 ) 

und bring uns heint und moarg'n a wunderschene Sunn. 

(Wien und Rodaun.) 

10. Frau'nkäferl, Frau'nkäferl fliag über Brunn 8 ) 

und bring uns heint und moarg'n a goldene Sunn. 

(Langenlois.) 

11. Sunnenkäferl fliag über den Rhein 
und lass die Sunn' sehen schein. 

(Tulln.) 

12. Frau'nkäferl fliag über den Rhein, 

daß 's heint und moarg'n recht sehen soll sein. 

(Waidhofen an der Ybbs.) 

13. Frau'nkäferl fliag über den Rhein, 
schau was moarg'n für a Tag wird sein. 

(Senning.) 

14. Frau'nkäferl, Frau'nkäferl fliag davon 

und bring uns heint und moarg'n a schene Sonn. 

(Stockerau.) 



fi ) In Niederösterreich führen zwei, ungefähr 6 Stunden von einander entfernte, 
Orte den Namen Hollabrunn, nämlich Oberhollabrunn and Niederhollabrunn. 7 ) Ein 
Wallfahrtsort in Xiederösterreich, über dessen Bedentang für Legende und Sage s. 
Marian, Geschichte der österr. Klcrisey IV. Tl.. VIII. Bd. S. 394 -409. Gebhart, die 
heilige Sage in Österreich 8. 21. Kaltenback, .Mariensagen 8. 109- 113 and die in 
diesem Werke auf S. 360 verzeichneten Schriften. Ferner vergl. Chambers, Populär 
rhymes of Scotland S. 171. „At Vienna, the childern do the Barne thing crying — 
Käferl, Käferl, Käferl, Flieg n.-t<-h Mariabrunn, Und bring ans a schöne Sonn. — That 
is as much as to say, in the language ol a Scottisfa yonth - Little birdie, little bi 
Fly to Marybrun, And bring OS hame a fioe Min a . [n torrcich gibt es 

mehrere Orte, welche den Namen Brunn fahren, 



70 C. M. BLAAS 

15. Herrgottskalb'l fliag in'n Brunn 

und bring unsan Herrgott a goldene Sunn. 

(Schoderlee bei Stronsdorf.) 

16. Frau'nkäferl fliag nach Brunn 

und bring unsan Herrgott a goldene Sunn. 



17. Frau'nkäferl, Frau'nkäferl fliag davon, 

bring unsan liab'n Herrgott a schene Sonn. 



(Langenlois.) 
(Stockerau.) 



18. Frau'nkäferl fliag nach Karnabrunn 9 ) 

und bring der Muttergottes a goldene Sunn. 

(Stockerau.) 

Hinsichtlich des „gold'nen Brunn" im Spruche 2 sei hier er- 
wähnt, daß sich, wie in Bayern (Panzer, Bayer. Sagen I. Bd. S. 184 
und Schönwerth, Aus der Oberpfalz II. Th. S. 173) und in Tirol (Alpen- 
burg, Mythen und Sagen S. 320 — 321 und Zingerle, Sagen und Ge- 
bräuche S. 107) so auch in Niederösterreich die Sage vom goldenen 
Brunnen localisiert hat, und ich verweise hier nur auf das Sagenreiche 
„gold'ne Brünnl" im Rohrwald bei Rohrbach (unweit Stockerau), 
in dessen Nähe (der Sage nach) eine weiße Frau, vom Volke die 
„Annamiarl" (Anna Maria) genannt, um eine Eiche gehend bemerkt 
wurde, welche sich aber, seit ein Marienbild an den Baum geheftet 
wurde, nicht mehr sehen lässt. — Ob nun diese „Annamiarl "' auf die 
Brunnenfrau Hol da (Holla) zu deuten sei, will ich hier dahingestellt 
sein lassen; ich glaube aber bei dieser Gelegenheit auf den, in den 
angeführten Sprüchen vorkommenden, Ortsnamen „Hollabrunn", ob- 
wohl er mir wie die übrigen Ortsnamen in den Sprüchen nur eine 
zufällige Localisation des betreifenden wirklichen Brunnens oder Ge- 
wässers zu sein scheint, hier aufmerksam machen zu müssen, und zwar 
weil Mannhardt in seinen German. Mythen nachweist, daß die Sprüche 
vom Marienkäfer, sowie der mit demselben in Bezug stehende Brunnen, 
auch auf die deutsche Holda zurückzuführen seien. 

Übrigens soll Oberhollabrunn der Sage nach von einem wirklichen 
Brunnen, in welchem die Hirten der dortigen Gegend in alter Zeit 
ihr Vieh tränkten, den Namen erhalten haben und sein Wappen ist 
„ain Schult Inn der mitte vberzwerch In zwen taill gleich abgethaillt, Das 
ganntz vnndertaill Inn gstalt aines wassers vnnd Inn dem vordern taill 
des Schillts erscheinendt vber sich ain velsen, dar Innen enntspringenndt 



9 ) Ein Wallfahrtsort in Niederösterreich, 



DER MARIENKÄFER IM NIEDERÖSTERR. KINDERSPRUCH. 71 

aus ainer hölle durch ain goldifarbes Nörlc ain Vnimienqucl vnnd gegen 
demselben Im wasser ain Schwannen seiner natturlichen färb vnnd gestallt. 
Das Ober taill des Schillts aber Plaw oder Lasurfarb Inn demselben vber- 
zicerch ain gelber oder goldf arber wolffs Aungl den ainen Spitz gegen dem 
vordem < >b, rn vnnd den anndern gegen dem mindern hindern egg kherendt, 
darnach gegen dem vordern vnndern rund im hindern Obern taill des 
schillts ain goldf arber Steren u . — (S. Mayer, drei Capitel aus der Ge- 
schichte Oberhollabrunns S. 7.) 

Schon in den erwähnten Sprüchen erscheint der Marienkäfer als 
Bote und Vertrauter der Götter (vgl. Grimm deutsche Myth. S. 658), 
noch mehr tritt er aber als solcher in den folgenden hervor: 

19. Herrgottskalb'l [Frau'nkäferl] fliag af d'Woad 
und bring unsan Herrgott a goldenes Kload. 

(Schoderlee bei Stronsdorf. — Großmugl und Wulzeshofen.) 

20. Herrgottskäferl fliag af d'Hoad 

und bring unsan Herrgott a schens Kload. (Retz.) 

21. Sunnkäferl fliag nach Karnabrunu über d'Woad 

und bring der Muttergottes a schens goldenes Kload 10 j. 

(Stockerau.) 
Für die Auffassung des Marienkäfers als Götterbote spricht indeß 
ferners noch der Umstand, daß derselbe den Kindern in Niederöster- 
reich nicht nur Jenseits einen „schönen Ort" suchen soll, sondern daß 
er ihnen auch anzeigt, ob sie in den Himmel oder in die Hölle kom- 
men; denn in Stockerau sagen die Kinder zu ihm, wenn sie ihn auf 
der Hand halten: 

22. Frau'nkäferl, Frau'nkäferl Hing fort, 
such' mir an sehen Ort 
entweder Himmel oder Höll; 
oder: 

23. Frau'nkäferl, komm i in n Himmel oder in d'Höll"? 
und glauben dabei, sobald der Käfer aufwärts fliege, kämen sie in 
den Himmel, wenn aber abwärts, in die Hölle 11 ). 

Zu d>n Anrufungen des Marienkäfers in Niederöstencieli gehören 
endlich noch zwei Sprüche aus dem Waldviertel, und zwar: 
24. Sprinzerl fliag hoam, 

deine Kinda wear'n woan, 
dei Häuser] wird brinna, 
deine Kinda wear'n versinka! 



,0 ) Vergl. Zeitschr. f. d. Myth, IV ") Vcrgl. A. Kuhn, Sagen aus 

Westfalen II. Th. S. 78. 



72 W. WATTENBACH 

25. Sprinzkäferl fliag hoam, 

dei Muada thuad woan, 

deine Kinda thoan singa, 

dei Häuserl thuad brinna! 12 ) 

(Reingers.) 
Schließlich reihe ich an diese Sprüche noch die einzige mir vom 
Marienkäfer bekannte Sage. Dieselbe scheint sowohl mit den Benen- 
nungen des Marienkäfers, als auch mit jenen Kindersprüchen, in wel- 
chen derselbe als eine Milch und Butter bescheerende Kuh aufgefasst 
wird (s. Rochholz, Alemann. Kinderlied S. 93), in Verbindung zu stehen. 
Sie wurde mir erst kürzlich in Stockerau von einem Knaben aus 
Böhmen erzählt, wie folgt: Als Christus geboren wurde, brachten ihm 
die Hirten Milch und Butter, und als die Muttergottes diese Geschenke 
in Empfang genommen hatte, flog auf das Milchgefäß ein Frauenkäferl, 
welches seit dieser Zeit stets bei der heiligen Familie blieb und diese 
erst, als sie vor Herodes nach Egypten flüchten musste, daselbst ver- 
ließ. — Außerdem sagte mir der Knabe noch, Christus habe dem Frauen- 
käferl, weil es der Muttergottes zugeflogen sei und er es lieb hatte, 
den Namen Maidalenka (Magdalena) gegeben, welchen Namen das 
Marienkäferchen bei den Tschechen führt. (Über andere tschechische 
Namen dieses Käfers s. Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus 
Böhmen S. 83 und 233.) 



ARENGA DE COMMENDATIONE STUDIL 



Incipit arenga de commendacione studii humanitatis atque amenitate 

estivalis temporis*). 

I« Arva floribus extant decusata, 

Ave anime mi respira! 5 Prata universa rident, 
Dira hyems iam preteriit, Strident erarii, ludos 

Feriit famelicos atque nudos. Videntes oriri tarn iocundos. 



i2 ) Vergl. Grimm, Deutsch. Myth. 658. Wunderhom, III. Bd. S. 406. Mannhardt, 
Germanische Myth. S. 349 — 351. Landsteiner Keste des Heidenglaubens S. 41. 

*) Die Überschrift von der (gleichzeitigen) Hand der Glossen. [Die strophische 
Abtheilung habe ich hinzugefügt; es sind drei Strophen, die Stollen länger als der 
Abgesang und mit Übergangsreimen (vergl. Germania 12, 181 — 185) versehen. K. B.] 

1 Aye] darüber als Glosse: hortandi est. 2 preteriit] abivit. 3 feriit] seil, 
que percussit. famelicos] esurientes. 4 decusata] ornata. 5 rident] florent. 

6 strident] zanclaffent. erarii] usurarii. 



AEENGA DE COMMENDATIONE STUDII. 



73 



Ut tristemur non est phas. 
Mas bymnisat corde leto; 
Freto rethe inmergitur 

45 Ad prendendura pisces. 

Coniuuctus nunc si sis puellis 
Bellis ([uc 111,'itronis 
Donis ornabis eas. 
Receptabere ad viridaria, 

50 Varia virtute te decorant, 
( > r.int secum una ut meas 
Ac curialia multa disccs. 
§ lliis si comniunices convivis, 
Divis modestiis indulge, 

55 Fulge morali facecia. 

Hec sciunt recensere mores, 
Fores adornanl faceto 
Discreto dant magna precia, 
Ac ipsi rubicundas genas por- 
rigunt. 

60 Hinc ut subserviam sexui 
Pexui mentis erines, 
Fines racionisnetranscendam. 
Detestantur (scio) grossos 
Fossos dura rusticitate. 

65 Late infligunt ipsis mendam 
Acrique iudicio corrigunt. 
§ Olfactu tarn fragranl virencia, 
Aer virtute extal plenus, 
Sed excellit terre encia 

70 Nobile femmeum genus, 

Quod nobis balnea conficit arti- 

ficialia 
Floribus, rosis, herbis, qualia 
Fiunt in Suevia,AthesietAlsacia, 
As1 alibi natura scaturiunt: 

75 In quis populi queritanl solacia 
El heroes i cum i puppis liguriunt. 

- arbusta] heck. 9 segetes] fructus. fundo agro. lt invitant] indicunt. 
16 culcat| terit, pusio] puer. jten. 17 inservit] inhabitat. L8 cetus] 

turba. L9 frei ' '''-• comprus. 

27 ätillarom] guttarum. capitulis] a caput. dulcorat] dulces facit. vorbei 

i. berbaa el capitnr pi nni berba. :;i eum] rast i cum vel ortutanum. serva] &b 

cilla. terit] content. 39 venustate] pulchritudine. 42 phas] licitum. 43 mas 
bymnisat] vir cantat. 45 prendendum] capiendum. IT bellis] com ms. 

|s ornabis] mnnerabis. 50 d 51 jecum] cum 

eis. meas] vadas. 62 II iminunices] communitatem habes. 

r,l Glo cijs 1 1 • mi-, tu inhere. 56 bee] virgini schätzen. 

57 fores] iannas. 60 subserviam] occulte sicrviam. spernnct. 

t',5 mendam] macnlam repreb 67 olfactu] ! fragrant] ■ . < 1 > . i .-i ut . 

71 conficit] alü confert. 71 ast] eciam, scaturiunt] quellent. 76 quis quibus. 

populi] vulgares, queritant] frequenter querunt. 7t", beroes] magni domini, puppis] 
cum dominabufl et virginibus. liguriunt] laute vivunt. 



Vepres arbustaque vireseunt, 
Crescunt segetes ex fundo, 

10 Mundo conferentes solamina. 
Arbor queque suos facit fruetus. 
Luctus acerbos refutemus : 
Nemus ac camporum gramina 
Nos invitant letabundos. 

15 Jam arillator terram sulcat, 
Culcat lianc pusio rastro. 
Castro inservit miles: 
Jam feminarum triumphat cetus, 
Fretus estivali gaudio. 

20 Audio virgines civiles 
Novas psallere cantilenas; 
Coreas dueunt vespertinas. 
Binas video connexas 
Plexas adolescentum digitulis : 

25 Jocus iste est festivus. 
Rivus dulei unda fluit. 
Ruit ymber stillarum capitulis, 
Radices dulcorat et verbenas. 
Jam omnis exultat creatura: 

30 Philomena merula et frigellus 
Equali concinnunt mensura. 
Jam arida feeundatur tellus, 
Jam sua ortulanus sata serit, 
Post eum serva glebas terit. 

35 Jam vinearum prescinduntur 

vites, 
Sed frutices religantur. 
Jam omnes penuriarnm 
Novo fruetu resecantur. 



lites 



IL 



40 



Montes nunc venustate vigent, 
Frigent coli ss yernali ror< . 
Flore vallis respergitur: 



74 



W. WATTENBACH, ARENGA DE COMMENDATIONE STUDH. 



III. 

§ Ubi sat letati fuimus, 

Fumus ignorancie abicietur. 

Detur locus seiende. 
80 Progrediamur ergo foras, 

Oras longinquas visemus. 

Reinus ignave demencie 

Concremetur prorsus. 

Almania hew prostrata iacet, 
85 Tacet preceptoruin vox. 

Nox illic diem retundit. 

Exurge ergo festive studens ! 

Prudens animo nunc si sis, 

Scis : Ytalia doctrinani fundit : 
90 In Liptzk caristie mordet ursus. 

Ytalia pregnantes habet scolas. 

Volas ad ipsius sinurn: 

Trinum sorciaris profectum. 

Illic ars pollet humanitatis, 
95 Satis eciam dicendi generis. 

Veneris haud invenies ibi lec- 
tum, 

Sed florere canones atque leges. 
Aus der Berliner Hs. lat. fol. 
BERLIN. 



Humanitatis arte non imbutus, 
Mutus erit neque doctus, 
100 Coctus aqua ; sednecconditus. 
Arte oratoria vere 
Splendere qui conspicitur, 
Dicitur eloquencie studio peri- 

tus, 
Is imperatores adoritur atque 

reges. 
105 § Hoc qui sum carmen poe- 

tatus, 
Arti humanitatis indulgeo, 
Sumque Samuel vocitatus. 
Lacera quoque facie fulgeo. 
Calciamentorum rostra longa 

gesto, 
110 Sed marsubio gradior mesto. 
Cogor ergo aliorsum prosilire. 
Vale Liptzk! salva semper 

syes. 
Omnipotens te dignetur custo- 

dire 7 
Sit vel alumnis meis parta 

quies. 
49 (15. Jahrh.), f. 91. 

W. WATTENBACH. 



80 progr.] vadamus. 81 oras] patrias. visemus] frequentemus. 82 ignave 

dem.] male stulticie. 83 prorsus] omnino. 84 über hew prostrata: Quo diver- 

tamus. 85 prec. exreeeptorum Hs. ; darüber docencium. 86 retundit] vnder- 

truck (1. undertruckt). 87 festive] celebris. 89 fundit] dat. 91 pregnantes] 

feeundas. 92 volas] velociter curras. sinum] gremium. 93 trinum] triplicem. 

profectum] ibi. 94 illic] eodem loco. pollet] viget. humanitatis] poetrie. 95 die. 
gen.] ars oratoria pollet. 96 ibi] in Ytalia. 98 human.] poesi. non imbutus] est 
expers. 100 coctus] f. (aus s entstellt = seil.) qui non est inbutus arte poesi. 

conditus] salsus. 101 vere] certe. 103 eloquencie] faeundie. 104 is] iste. 

adoritur] alloquitur. 105 Poetatus (darüber dietavij deponentale est a poetor poe- 

taris. 106 indulgeo] insisto, inhereo. 107 Sam. vocit.] hoc nomine vocatus. 

108 lacera] lacerata, wlnerata. 110 mars. gr. m.] bursa transeo vacua. 111 al. 

prosil.] in alias partes transire. 113 omnip.] deus. custodire] protegere. 114 vel] 
eciam. alumnis] nutritoribus. parta] parata. 



H. RÜCKERT, ZWEI GEISTLICHE GEDICHTE AUS SCHLESIEN. 75 

ZWEI GEISTLICHE GEDICHTE AUS SCHLESIEN. 



Aus Cod. Chart. I, 4, 466 der Breslauer Universitätsbibl. hat 
Hoffmann in der Monatsschrift f. Schlesien 738 eine Anzahl von deut- 
schen und böhmischen geistlichen Liedern rnitgetheilt, welche jeden- 
falls für öffentlichen, vielleicht auch für den Gebrauch in der Kirche 
bestimmt waren. Es ist wohl der älteste, dann häufig wiederholte Ver- 
such, dem geistlichen Kirchengesang in der Landessprache, welchen 
die Hussiten sofort durchführten, von katholischer Seite her ein 
Paroli zu biegen. Denn daß sie von dieser Seite ausgegangen sind, 
wird durch ihren Inhalt und durch den Ort ihrer Überlieferung be- 
wiesen. Die bez. Handschrift ist nämlich von dem kathol. Geistlichen 
Nicolaus v. Cossel geschrieben, über den Hoffmann 1. c. die ihm zu- 
gänglichen Notizen gibt, und Theile von ihr sind bis zum. Jahre 1417 
vollendet gewesen, darunter gerade derjenige, vor welchem die von 
H. gegebenen Stücke und unmittelbar hinter welchem die beiden hier 
folgenden stehen, die H. nicht mitgetheilt und die doch der Publication 
werth scheinen. Aus der schles. Monatsschrift sind die deutschen Lie- 
der in H's. Gesch. d. deutschen Kirchenl. von Nr. 63 an übergegangen. 
Wir geben den Text, der in I in abgesetzten Versen, in II in 
fortlaufenden Zeilen geschrieben ist, genau nach dem Original, nur 
mit Auflösung der wenigen Abkürzungen und in unserer Interpunction. 

I. (f. 88 a .) 
Pater noster: 

Ich man dich, valer iesu crist, 

wen du mein dirlözer bist, 

gedenk, herre, an dein erbeyt, 
5 an dein iamer und an dein leyt, 

an dein hunger und an dein durst, 

an dein bieze and an dein vrust, 

an dein czeher und an dein bw< 

der do blutig und ; 
10 obir deynen heyligen rücken vlos 

und eich nedir auf dj erde dergoe. 

Patei ii" • 
Ich man dich, herre, bey der stunden, 
do dich dy Juden vyngen und banden; 
15 zy zogen nicht an dej o enlende, 
zy banden dir rüsse und bende, 
das dir das blut aua den negiln drank. 
züsser got, wy zere dich betwank 



76 H. RÜCKERT 

deyn vetirliche liebe! 
20 gleich einem dybe 

woldistu dich losen vüren 
und vor den zünder rügen! 

Pater n oster: 
Ich man dich, hirre, bey der smacheyt 

25 dy dir dirbot dy valsche Judischeyt: 
do sy dich hatten gebunden, 
ze slugen dir grosse wunden, 
ze slugen dich of deyn heyligen hals 
(f. 88 b ) und ze sprochen, dein lere were yalsch. 

30 ze rofften und vorspeyten dich, 

und ze slugen dir mangen herthen strich, 
das dir das blut obir dein heyligin zeyten ran. 
o süsser got, nu gedenck doran 
und vorgyp mir all meyn schult 

35 und las mich, herre, han deyn hult! 

Pater noster: 

Ich bitte dich, lieber vater meyn, 

gedenk an alle dy martir deyn, 

gedenk an deyn crone so swer, 
40 an deyn negil und an deyn sper; 

gedenk an deyn tyffe wunden 

dy dyr blebin unverbunden; 

gedenk an deyn bittern tot. 

behut mich, hirre, vor allir not 
45 und sych czu der rechtin hant, 

do der schecher dy rewe vant, 

und vorleih myr wäre rewe 

durch deyn vetirliche trewe! 

Pater noster: 
50 Ich man dich bey der lyben muter deyn, 

Maria, dy züsse konygeyn, 

gedenk an yr gros leyt, 

wy eyn swert yr hercze durchsneyt, 

do ir qwomen dy mer, 
55 das yr lybes kynt gevangen wer. 

gedenk an eren grosen smerzen 

und trost meyn betrübtes hercze 

in alle meym leyde. 

ce wen ich von hynne scheyde 
60 zo tröste dy arme zele meyn 

und las mich nicht in nöten zeyn ! 

Pater noster: 
Ich man dich noch, vil guter got, 
gedenk an der Juden spot 



ZWEI GEISTLICHE GEDICHTE AUS SCHLESIEN. 77 

65 und an den bittern gallen trank 
und an den jemmer liehen gank, 

do du czu der marter woldest gen, 
nakt und bloz vor den Juden sten, 
do das ürteyl obir dich dirgynk 
70 das man dich an das creueze hynk. 

Pater noster: 

Ich man dich noch, vil guter heylant, 

al meyn not und al meyn leyt zey dir bekant. 

ich bit dich durch deyn reynes blut 

das du mit geduldigem mut 
75 durch meynen willen woldest vorgissen, 

des las mich, herre, genissen, 

und vorgip mir alle meyn missetat 

dy meyn zundiger leip y begangen hat 

wider dy werk der heyligen barmherezekeit, 
80 und wider dy zyben heylykeit 

und wedir dy czen gebot : 

alle totliche zünde vorgip mir, lieber vater und guter got, 

und las mich nicht dirsterbin, 

ich mus der vor ee dein hulde dirwerbin, 
85 Amen. 

II. Salve regina. 
Gegrusset zeistu könegin, eyn muter der barmherezikeit, 
ein lebin und zussikeit 
und unsir hoffenunge. 
90 bis gegrusset, czu dir schrey wir enelcnden kynder frawen Ewe, 
czu dir irsufeze wir weynende und irsufezende 
in dem tal der czer. 
eya dorumme, unsir vorsprecherynne. dein barmherzigen ougen czu 

uns wende, 
und iesum, dy gebehedeyte vrucht deynes leybes, uns noch desin 

enelende 
95 irzeyge, o gütige, o milde, o süsse Maria- 
Amen. 

Über die sprachlichen Eigentümlichkeiten dieser die echte Fär- 
bung der schieß. .Mundart ihrer Zeit tragenden Lieder, von denen das 
zweite richtig«!- Sequenz zu nennen wäre, das erste wegen der unglei 
chen VersezabJ Beiner Strophen im uneigentlichen Sinne Leich heißen 
könnte, verweisen wir auf unsere Darstellung der Laut- nnd Flexions 
lehre der gen. Mundart in der Zeitschr. d. Ver. f. Gesch. u. AJterth. 
Odiles. Bd. III, 1 — Bd. XI. -. wobei die Bandschr., aus der beide 
Nummern entnommen Bind, vollständig benutzl wurde. 

BRESLAU. B. Kl I kl. KT. 



78 A. BIRLINGER 



AUS DEM BUCH WEINSBERG*). 

Etwas Ähnliches wie die Zimmern'sche Chronik ist das „Buch 
Weinsberg" im Kölner Stadtarchiv, bestehend in vier handschrift- 
lichen (Papier-) Folianten, ehemals dem Syndikatarchive daselbst an- 
gehörig und erst seit einem Jahrzehent von Dr. Ennen aufgefunden. 
Der Verfasser, zugleich ein übereifriger Federzeichner, nennt sich 
Licentiat Hermann von Weinsberg, geb. 1517, f 1598; er war Advocat 
und Assessor am erzbischöflichen hohen Gerichte, Kirchmeister in 
St. Jacob, von seinen Zunftgenossen auf dem Schwarzenhause eilfmal 
in den Rath gewählt. Absicht des Buches ist die herabgekommene 
Patrizierfamilie von Weinsberg auf möglichst edle, alte hohe Abstam- 
mung zurückzuführen. Sein einziger und ewiger Refrain liegt in den 
Reimereien des zweiten Vorsatzblattes: 

Wilt Godt bidden vnd versoenen 
Daß er den Weinsberch laß groenen! 
So führt , er seine Abstammung auf die Grafen von Weinsberg in 
Schwaben zurück und berichtet wie folgt von der Weibertreue; ja die 
bairische noch ältere Abstammung überliefert er echt romanhaft der 
Nachwelt in schönem Kölnisch-Hochdeutsch. Seine Familie ist auch 
mit den Zollern verwandt. Bd. I, 151 a merkt der Verfasser an: „ich 
hab eyn maill von eym blinden lutenisten, Jürgen genent, gehört, wie 
er es darvür hilt, daß die von Zolleren syn grauen vnd die von Weins- 
berg auch grauen eynß stambs oder geschlechtz weren; dasz er 
Jürgen war mit den oberlendischen heren kundich. man hatz doch zu 
erfaren". Dieser Richtung sein Haus zu verherrlichen gelten die unzäh- 
ligen lateinischen Reimereien, die zum Überfluß bis zum Überdruß so 
manche Blätter füllen. Anerkennenswerth ist, wenn er Vater und Mutter 
durch solche Hausgeschichte auch ehren will (Bl. 7 h ) und zugleich 
danken „derwegen man jnnen hynwidderumb ehr vnd danckbarheit 



*) Vorsatz-Pergamentblatt: das boich Weinsberch, nit reine dan das clack- 
boich: were es so balde zu corrigern zu conciliern vnd dan abzucopiern als nyt, es 
were lange eynmaill gescheit, zitverdreif fboich. Eyn spilboich bin ich, lusus 
chartae in qua luditur seriis et jocis domini et familiae (Winsb.). Ferner: 
Das boich Weinsberch heisch ich verwar es doch heimlich 

Der hausfatter leiß mich Das es kein fremder krich 

Vor zeit verdreiff bei sich. zu lesen vnd neit sweich 

Es wirt jm sein nutzlich Das mögt dan syn spotlich. 



AUS DEM BUCH WEINSBERG 79 

zu beweisen schuldich ist nach dem gebot des herrn: ehre dynen 
fatter und dyne mutter vff daß du lankleibich Beiß vn erden vnd der 
weiß man Cato leret: cognatos cole, ehre dyne mage vnd bloitz- 
bewanten vnd sulche ehrerzeigung ^ nd danckbarheit nit bequemer 
ader foglieher gesehein kau ader mag. dan daß jre alte verdunckelte 
gedechtniß vnd memorien vernüwerl werden u. s. w. u Darum schickte 
sich H. von Weinsberg an „zum kurtzwiligen Zitverdreiff" nebenbei 
alles zu sammeln, was zu seinem Kram passte: vnd wan ich lustich 
war vnd mich vermehen (ermeien mhd. belustigen) wolte die alte 
register. anzeigungen vnd abmalungen von mynen vüreltern von handt 
zu handt (wie man sagt) nach verlaißen vnd eitz von altheit scheir 
gar zürstückert vür die handt genomen; hab auch von mynen eitern 
vnd eltsten fründen allerlei erfraigt vnd erfaren vnd alten trembden 
lüthen vill gehört, in historien, Croniken, Schreinen, ahoi breitl'en, 
rechensboechen, missiven vnd ander schrifften fasl geleßen u. s. w." 
(G\)*) 

Die altern Familiennachrichten hatte er, wie Dr. Ennen**) in 
den Annalen des hist. Vereins für den Niederrhein VI (1859), S. 124 
angibt, von seinem Groß oheim Patroclus, einem Mönch in Corvey, der 
mit unermüdlichem Fleiße eine Familiengeschichte zusammengetragen 
und dieselbe bei Gelegenheit eines Besuches in Köln seinem liruder 
Gotschalk als ein für den jedesmaligen Stammhalter der Familie, den 
Eermann immer „Hausvater" heißt, bestimmtes Erbe übergeben. Dieser 
Patroclus war geboren 1441, f 1490. Also knüpfte Hermann hieran 
die Geschichte seiner Großeltern und Eltern, und während 40 Jahren 
wuchs das opus als umfangreiches Tagebuch an, das Bd. II. III. IV 
füllt und darum für Kölns Vorzeil von unschätzbarem Werthe ist. 
Dr. Ennen gedenkt das ganze Material für den Stuttgarter Litterari- 
schen Verein herzurichten, wozu Bd. 1 weniger taugen dürfte; er ent- 
hält Concept und Reinschriften und hat zur Abwechslung auch ein 
opus Beati Rhenani, Druck, mit eingebunden nebst Randbemerkungen. 



i dem i \ atzblatt: macht zu gelegenen zeiten mit gattem 

vorbeil.-flit an i äfften stucken 

wirken, eyn gl lieh boiefa mit »ynen prosen rersen, reimen bilt* 

:i. wapen gemeille ■•■• ai nodicbj deinlich vml zeirlich «Irin mag Btain. -- Was hilffl 

aber vill boieh zu Bcbrinen, wan sie keiner m ler den inbalt leist dreinen 

in eheren hell nit groiC achtet, bo grob Ist daß er nit mirokt wa i « - 1 j myt dissem boioh 

liyn vili will. 

In J. Müllers Zeitschrift für Kulturgeachichte bringt E, die koBtbai 
theiluugeu für dii 1-7 1. 1. Heft, 



80 A. BIELINGER 

Hermann kennt die Kölnischen Chroniken; citiert sie wiederholt und 
merkt aus einer (E a ) an: „alle altheit ist vol vnd vermengt mit fabulen. 
Meint aber seir altheit". Cronica Colonensis civitatis fol. 35 p. 2(?). — 
So entnimmt er — wir haben es hier nur mit Bd. I zu thun — Stellen 
dem Seb. Frank, Munsterus. Seine classischen Kenntnisse sowie die 
der Neulateiner zeugen von Hermann als einem äußerst gebildeten 
und gelehrten Manne. Den mittelalterlichen Cato führt er häufig in 
längern Auszügen an und ist voll seines Lobes. Bl. 176 a virtutem pri- 
main Zarncke S. 175, V. 5. plus vigila 3 ff. que nocitura V. 11 ff. 
constans et lenis V. 13. nil temere V. 15 ff. contra verbosos V. 19 ff. 
(Zarncke). dilige sie alios 21 u. s. w. V. 20 spem tibi promissam u. s. w. 
gibt H. v. W. : „rem tibi" und fügt am Rande bei obseruent mercatores 
plus quam alii u. s. w. Die Hälfte der Disticha sind defect hier wieder- 
gegeben; Zeilen zählt dieses Blatt ungefähr 70. Bl. 170 b stehen eben- 
falls quedam ex Catone moralia, dabei die Notiz (Germania 17, 93) 
Catonis boichlin helt man u. s. w. Zarncke S. 174 erste Reihe No. 1. 
2. 3. 5. 6: foro te para. 51. 7. Dann folgt ad consilium accesseris 
antequam voceris. 9. 10; dabei steht: comis enim et blanda salutio 
sepe conciliat amicitiam, inimicitiam diluit, certe mutuam benevolen- 
tiam alit augetque. Dann minori parce. Vgl. No. 49. — 4. 14. 13; 
sodann cliligentiam adhibe. 50. 18 u. s. w. — Wichtiger dürften die 
Sprüche und Sentenzen in ihrem kölnisch-deutschen Gewände sein 
die ich hier mittheile. Der Kampf des Neuhochdeutschen mit dem Alt- 
kölnischen ist näherer Beobachtung werth. 

Beifügen will ich noch vorher die Sage von der Weibertreue. 
Bl. 151 a b enthält eine Reihe Auszüge über diese Geschichte. Zuerst 
ist genannt ein Chronica civitatis Coloniensis antiquae f. 167 : item als 
Keiser Lüder zu lande quam, so quam ime clage ouer Greue Herman 
u. s. w. Darauf ist eine Chronica civitatis Coloniensis f. 169 angeführt: 
desse konninck Conrat zouch in syme derden jare vür Nürenberch 
vnd Winsburch etc. Ferner Joannes Carion in sua Cronica u. s. w. : 
„im kreich mit den welffen gewan Conradus daß sloß und Stadt wins- 
burg u. s. w. bis: und leiß jnnen jre gutter darzu folgen — ". Cosmo- 
graphia Munsteri f. 592. Cronik der Päpste des Sebastiani Franck 
f. 249. Joannes Oecolampadius. J. Sleidanus Hb. IV fol. 1525. Endlich 
Franck's Deutsche Cronik. Daß H. v. Weinsberg Alles kölnisch-deutsch 
auszog, darf einen nicht wundern. Bl. L" ist unter dem Jahre 1140 
die Weibertreue wiederum mit wenigen Worten erwähnt. Bl. Q b steht: 
zouch Keiser Conradt dar vur mit hereß krafft vnd gewan daß sloß 
vnd Stadt seir balde, leiß alle die vom adel fangen, darunder Balthasar 



AUS DEM BUCH WEINSBERG. 81 

der fatter auch war; aber jren weiberen sagt er: sei mochten dar von 
zehen vnd eyn iede mögt so vil mit nemen als sei tragen mögt, da 
nam Sabin jren son Heinrich, vnd die ander frauwen jre menner vnd 
jre kynder vnd trogen die vß der stadt. dargegen dachten etliche: es 
were gemeint von guttern vnd nit von lüthen vnd wolten die edle 
kynder behaltenn. Aber dem Keiser gefeill die tugent der edler weiber 
woll vnd schaffet, daß sei neyt der jugent sicher daruon quaraen vnd 
leiß innen jre gatten darzu folgenn vnd die moder Sabin flöhe mit 
jrem son Heinrichen u. s. w. Vgl. Bl. 240 b mit einigen Reimen. 
Bl. 203" ist ein Lied, Text und Noten, das heißt: 
Ich haben min Sachen zu Got gestelt 
Er wirt es wol machen wie es im gefeit 
Dem dhoin ich mich befillen. 

Min sei, min leib, min Ehr, min gut 
Erhelt Got stetich in siner hut 
Hie vnd dort zum ewigen leben. 

Was all der wellt verloren acht, 
Das stet doch fast in syner macht 
Es geschieht nach sinem willen. 

Daten begegnen im I. Bd. einige; Bl. H b steht am Schlüsse der 
Einleitung 1560; andere bewegen sich zwischen 1550 und 1560. 

Ich merke noch folgendes an: Die Schrein- oder Schrin- 
boicher in Cöln syn vngeferlich a. 1225 rayn oder mehr angefangen 
vnd man hat die häusser vnd f harren eirst zu Latin geschriben biß 
a. 1390 vngeferlich, do hat man eirst angefangen zu deutschn drin zu 
schriben bis off heutigen tagh. f. 314". — Twerge gesehen, a. 1526: 
wie er auch (der Weinsberg) vff eym wagen vff die Steinen nach Neuß 
solt zehen mit sinen eitern vnd fründen syn angfraw zu visitern hat 
er zwischen wegen zwei twerge gesehen, jedes eyns foiß hoich 
im wege ghonn. f. 325 b . — Von Konrad von Weinsberg, dessen 
Einnahmen- und Ausgaben-Register uns der Stuttgarter litterarische 
Verein V. Jahrg. 1. Lief, brachte, weiß unser Kölner nichts. Er citiert 
f. 151 eine Stelle aus der Chronik der Päpste Sebastiani Franck in 
Dützs (Deutsch) f. 249: Daß die Geistlichen vff dem consilio zu Basel, 
wuchs anno 1438 gehalten dermaissen an eynander gehriten, daß der 
Raidt zu Basel vnd Graiff Conradt van Weinsberch sei schiden moisten, 
vide ibidem, quisnam ille fuerit nescio. — Gemälde im 
Hause Weinsberg. f. 201'' Pietas: bittend — eyn raem oder heister 

GERMANIA. New,- Eteihfl Vil. (XIX.) Jülir«. 6 



82 A. BIRLINGER 

mit eim crucifix in der erde setzende. — Providentia: mater divitiarum, 
sol mit eyner gaffeln mist spreiten. — Cura: soll mit eyner heppen 
die alte reben absniten vnd samlen oder plotzen. — Industria: sol 
gerden oder reben anbynden oder hechten. — Opera: sol mit dem karst 
hacken vnd roden umb einen wynstock. — Custodia: sol mit eyner 
rasseien die foegel von den trüben abweren. — Diligentia: sol trüben 
lesen, sniten tragen eyn kessel im armen in eym teil vnd mit eym 
teil. — Assiduitas: sol keltern oder eyn faß füllen oder trüben intreden 
oder eyn teil tragen. — Parsimonia: sol durch eyn kreingin jn eyn 
schenkengin zappen oder mit eym schenkengin in eyn klein gleslin 
schenken. — Utilitas: steht an eynem stinen hofftaifflin, hat trüben, 
weißbroit vür sich vnd drinckt viß einem gülden oder glisern geschir 
oder ist eyn drube. 

I Sprüche. 

1. Es fengt zeitlich an zu brennen das gut nessel wil werden, f. 16 b . 

2. Alle Anslege gerathen nit 17". 136 b : alle gutte anschlege gerathen nit 

al zit. 

3. Vill willen syn wol geholden 

von nemans werden gescholden. 18\ 

4. Weß man fromlich mag geneissen 

Deß laiß man sich nicht verdreissen. 20*. 

5. Lichter nit: besser ist etwass zu schelten dan zu bessern. 22". 

6. Balder ist etwaß zu sagen, dan zu thoin. 
Lichtlicher zu schelten dan zu bessern. 15*. 

7. Vil besser ists weislich zu wircken, dan weislich zu gedenken. 15". 

8. Nemans byn ich 
Nemans wil ich 
Nemans ist mein 
Nemans eigen will ich sein 
Dan Gottes allein. 49 b . 

9. Wem stedicheit mit trewen ist bereit 
Der leuet in groisser erwerdigheit. 59 b . 

10. Halt dich allein, 
Dein hertz halt rein, 
Vnd acht dich klein. 

Hab lieb, das nymer mach vergain 

So kan dyn herlz in frewden stain. 60 b . 

1 1 . Amoris macht 
Veneris bracht 
Cupidinis swerth 

Hant manchen verzert. 60 b . 



AUS DEM BUCH WEINSBERG. 83 

1 "2. Vif erden ist 
kein bessor list 
dan der syner zongen meyeter ist. a. a. 0. 

13. Frome luyde soicht man gerne, 
weise luyde soicht man ferne. 60 1 '. 

14. Es moiste syn eyn rechter schehn, 
Vnd wer er auch von schilt und heim, 

der wer bei schonen jonffrawen vnd guttem wyn, 
Vnd wolt dan noch seir trurich syn. 71". 

15. Gelt das stum ist 

Macht recht das krum ist: 

drumb daß ich reclit krum vnd krum recht kan machen 
Trach ich syden vnd roit scharlachen, a. a. 0. und 136 b die ersten 

zwei Zeilen. 

16. Es gilt ezunt nit mer dan gelt vnd goit 
Das gibt ehr, gunst vnd hohen moit 

Es gibt der früntschafft auch gar vil 

Zum armen schuyst man nach dem zil. a. a. 0. 

17. Het ich gelt nach willen, 
Ich wult den Pabst stillen: 
Den Keiser vom weib triben 

Vnd noch im landt pliben. a. a. 0. 

18. Ich was leiff alß ich meinde, 

Es ist eyn ander, alß ich befynde: 

Wall hin, ich will mich lyden 

Vp wanckelen bergen ist quaidt ryden. a. a. 0. 

19. Trewe, die ist dhoit 
Vntrewe ist groit. a. a. 0. 

20. Früntschafft geit vor alle dinck: 

Das straffen ich, sprach der pfennink, 

Dan war ich kere vnd wende, 

Dar hat al früntschafft eyn ende. a. a. 0. 

21. Were einer van Judas art, 
Der ärgste der ehe gewart, 

Syn moder eyn hoer, syn vader eyn deiff: 

Ich glcub, het er gelt, so wer er leiff. a. a. 0. 

22. Wer mit schonen jouffrauwen consortia querit habere, 
Vnd kan daß triben et sie de fraude cauere: 

Den will ich achten speciali arte nitere. a. a. 0. 

23. Was helffen kertzen oder brill 

Der nit sehn wil, off sunst nit wil. 71 '. 

24. Es ist verdreit, 
da die hen kreit 

vnd der han neit. 75 b . 



84 A. BIRLINGER 

25. Wer myr thoit waß er mir gan, 
Den wil ich loben als ich kan: 

Es sy gut oder quaidt ich wilß gedenken 
Vnd wil im vom besten inschenken. 82". 

26. Dan heidnisch ist wraggeirichkeit (Rachgirigkeit) 
Schott quidtschlain zu der Christenheit, a. a. 0. 

27. Wiste mancher mynen syn 

so were ich lieber dan ich byn. a. a. 0. 

28. Wer vor mir daß beste klaffet, 
Vnd hinder mir daß ergste schaffet, 
Den achten ich auch anders neit 

Dan Judas der Jhesum verreit., a. a. 0. 

29. Mach seiden sehen frewde geben, 

So hand die blynden eyn frolich leben 
0. Weinsbergh 

30. Seiden sehen dhoit kein goit 
Des trag ich einen sweren moit 

31. Ist lyden froligkeit 

So ist bei myr kein trurigkeit. Dabei: wil sy nit wal. a. a. ' 

32. War daCs T also steyt — Trewe, 

Dar daß L dar bouen geiht — Loißlieit. 

Das V hat dar die macht — Vnrecht, 

Das es das R nit acht — Recht, 

Dar wirt der mensch also verblendt, 

Das er noch E noch G enkenth — Ehr vnd Godt. f. 91 a . 

33. Wan das P geith vur dem G — penninck, Godt 
Vnd das V vur dem T — Vntrew, Treiv, 

So hat V ond P sulche macht 

Das man noch T noch G enacht — Treiv noch Gott a. a. 0. 

34. Such vor dich zu aller stundt 

Dan mancher hat eyn falschen grundt, 
Syn wort, syn guth, ouch sin gebeer, 
Mer mit dem herzen ist er fern. a. a. 0. 

35. Diß ist der werelt eyn: 

Man spricht, Jha, vnd meint Nein. 

Item. 

36. Schoene worth synt nyt dan wynt 
Da die wirken nyt bei en synt. 

Item. 

37. Eyn fruntlich gebiere sonder gunst 
Ist zwar eyn arth van Judas kunst. 

Item. 

38. Schoin in dem mondt ist sitz gemein 
Trew in dem grondt de findt man klein. 



AUS DEM BUCH WEINSBERG. 85 

Item. 

39. Schone worde, vnd die gelogen, 
Haben manchen menschen bedrogen. 

Item. 

40. Adams ryb vnd reiffen naß 

Macht manchen froe, der trurich waß. 

Item. 

41. Gelt, gelt, schreit all die weit. 

42. Er ist geryng gesacht 

Des lange wirt gedacht. 91\ 

43. Leiff hauen und leiff helen 
doit leiff vnd leuen quelen, 

Mer leiff hauen vnd nit leiff syn 

Vff erden ist ghein swerere pyn. a. a. 0. 

44. Rechte trew ist eyn werder gast, 
Wer dieselb hat der halt sy fast, 
Nyt lieber liefft ich vff erden, 

dan daß mir rechte trew mögt werden 

daß ich des gar nit befynden 

thut mir fleisch und bloit verswinden. 

45. Wer Gelt hat nach synem willen 

der kunt den pabst seir wohl stillen u. s. w. (s. oben.) 91*. 

46. Bedench das endt. 

das dich Got schenkt. 99\ 

47. Ich will hoffen vnd herden 

Was nit ist, daß mach werden. 105*. 

48. Het mich hoffnung nit ernert — 
Truren het mich lang verzert. 

49. Wer hat der frewe sich: 
Ich hab nit noch hoff ich. 

50. Ick weit wat ick weit, 

Wist ick nit, dat wer my lcit. 

51. Mancher beneydet daß hie suydt (sieht) 

Vnd moiß doch lyden, daß geschuydt. 105*. 

52. Wem licht daran, 
Was mir Got ghan. 

Derß doch nyt keren kan. 

53. Wan der schriber sitzt, 
vnd die fedder ist gespitzt 
zu schriben ist benidt. 

so kan er so wol schriben Ingen »U warheit, 105". 

54. All myt luyst 

Waß e koist. 105 h . 



86 A. BIRLINGER 

55. Jeder tag bringt syn wirk mit gemach ob ongemach. a. a. 0. 

56. Ich was leiff, daß neinde ich, 

Ich byn vergessen das befinde ich 
Ich gedencke diß vnd al des andern 
Das ich suß in ellendt moiß wandern. 
Wist ich einen so ellendich alß ich byn, 
zu dem wult ich wegen mynen syn. 119\ 

57. Wer daß al wil wrechen 

was er suydt off hoirt sprechen, 

der sal al syn synne zu brechen 

Vnd sich darzu in meir leiden stechen, a. a. 0. 

58. L L L L 

Leibde leirt, leidt, Leiden 

das befynde ich zu dissen zeiden. a. a. 0. 

59. Ach leider ich byn geworden weiß, 
Daß wer da zymmert vff daß eiß 
Syn kost vnd arbeit moiß verlesen, 
dan es mag nit alzyt fresen. 119*. 

60. Och leider, ich byn also beschert, 
Dat niemans myner begert. 

Ich bin alsus geboren, 

Was ich begyn ist al verloren! 

Das mag ich wol klagen mit goidem recht 

Ich byn leider dieser weit zu schlecht, a. a. 0. 

61. Ferne gesessen 
Wirt baldt vergessen 
Nach bei der handt 
Wirt fast bekandt. 119 b . 

62. Gut verloren (klein) nitz verloren 
Ehr verlorn groiß verlorn, 

Moet verlorn all verlorn, a. a. 0. 

63. Fürsten, Herren, Ritter und Knecht 

Wie sie es krigen es dunkt sin syn recht, f. 120 b . 

64. Het mancher nit mehe dan syn weir mit recht 
Der itz ist Her, wer dan wol knecht. 121*. 

65. Verlangen thut wehe 

Mer myden noch vil mehe. 127*. 

66. Der hoffen will sonder volherden 

Dem sol trew seiden zu deinste werden. 

67. Och Got wolde sie alß ich 

So wer myn hertz van freuden rieh! 

68. Ich hoffen zu dir, 
Zweiffei nit an mir. 



AUS DEM BUCH WEINSBERG. 87 

69. In lyden gedult 

Ist besser dan golt, 

70. Wer nit magh lyden 
Der stahe beseyden. 

71. Acht dich klein 
Halt dich allein. 

72. Got ist myn schilt 
Wilt wie du wilt. 

73. In Gotzs gewalt 

Hab ich aldink gestalt. 

74. Der leib hat vnd lieb verkeust 
Vnd lieb vmb liebes willen vcrieust: 
Ich rhade im, das ir also widder kiese, 
Das er lieb vni liebe willen nit Verliese. 

75. Seiden bei bedrohet my 

In lyden fro, wer kan also. 

76. W. W. V. W. W. 

Wer weiß vmb wes willen. 

77. Hab leiff waß nit mach verghain 
So sal dyn hertz jn freuden sthain. 

78. All verlorne weisheit 

In eyns armen manß heupt. 127 b . 

79. Willt nyt messen vor dem dreschen, a. a. 0. 

80. Eyn goit hoerßman ist eyn goit bescheidtzman. a. a. 0. 

81. Wer da mit friden leben will 

Der sehe und hör und swich all still, f. 136". 

82. Swigen zu siner zith ist kunst 

Vil klaffens bringt vnguust. a. a. 0. 

83. Wer allzyt swegh vnd nymmer spreich 
AVer wist was im gebreich, a. a. 0. 

84. Ich bynß alleine nicht 

Der synen willen nit enkricht 

Vnd dem auch vil gebricht, a. a. h . 

84. Gleub jederman nit glich 

Waiit wenich halten ßich. 

85. Eyn weisser hab mit Beiß in butt 

Syn sei, syn leib, syn dir, syn gutt. 200 . 

85. Eyn weisser hab mit fleiß in hutl 

syn seel, syn leib, syn i ihr, n G ■"• f. -00, 

86. Leufft dir das glück 
Zu gut, so zuck, 



18 A. BIRLINGER 

Es wendt sich duck. 

Gehts dan zurück 

Vnd macht dir druck 

Halt moidt, doch bück. f. 208\ 

87. Wer trew eyn orden 

So wer myn frünt Abt worden, f. 234". 

88. Got hatz beschert 
das ich begert 
Got hats gefoigt 

Das mir genoigt. 233 b . 

89. Ich scheide mit dem lieue 

Mit dem hertzen ich vch bleiue. f. 234 b . 

90. Och wie wehe doit jm syn moit, 

Der gerne bliff vnnd scheiden dhoit. a. a. 0. 

91. Fründt, gedencket an mich, 
Gelich als ich an dich: 

Nith mehe begeren ich. a. a. O. 

92. Gewyn vnd myn 

Verwar und spar. f. 235\ 

93. Die frawen haben gut spinnen 

da die menner gnog winnen. a. a. 0. 

94. Wer synen disch wil versorgen 

schlaff nyt steitz zum hellen morgen, f. 236*. 

95. In Collen wenich widdirfirdt 

Das nyt myt wein bedronken wirt f. 254\ 

95. Der vntrew ist baussen so vill, 

Das ich mich binnen halten will. 270°. (eine Schnecke dabei.) 

96. Wo Gott zum hauß nit gibt syn gunst 
So arbeit iederman vmbsunst, 

Wo Got die Stadt nit selbst bewacht 

So ist vmb sunst der wechter macht, f. 270 b . (psalm 217 nisi dominus). 

97. Lehin ich eym fründt, das ist verlorn 
Lehn ich im nit, so ists eyn zorn. 
So ist mir vil lieber eyn zorn 

dan gelt vnd fründt darzu verlorn, f. 277". 

98. Kynder, borgt nemans, vor denen ir vre goede 
moist abzehen, wan ir sie manet. a. a. 0. 
(Vrowins von Weinsberch mines proaui leer.) 

99. Bischoffen in Italia, 
Grauen in Germania, 
Rittern in Hispania 

Sunt in magna copia f, 278*. 



AUS DEM BUCH WEINSBERG. 89 

100. Ir myn kynder vnd enckel, staet all zit nach 
eym gülden wagen, kricbt ir den wagen, so 
mögt ir eyn gülden spannagel daruon krigen ! 
(Marie Keppels leer, myneß fatters motter) a. a. 0. 

101. Wa war der Edelman 

Do Adam groiff vnd Eva span? f. 28 l b . 

102. Respondit Maximilianus primus Ro. Cesar: 
Ich byn eyn man wie eyn ander man, 
wiewol mir Godt der Erhen gan. a. a. O. 

103. Ist dir eyn ampt eyn zit lanck gegeben 

darvff saltu dich nyt zu hoich erheben, f. 282*. 

104. Wan wir all weren megtich rieh 
Auch eyner dem andern gelich, 
Dan an eynem dische gesessen 

Wer sult vfftragen das essen? a. a. O. 

105. Den kuckkertz beirboum heischt man mich 
vil geuch vnd narren speisen ich. 

(Unter einer Federzeichnung einen Baum vorstellend) f. 287". 

(Mit Bild.) 

105. Schendrius est pluris quam tota scientia juris 

Laborat in vanum qui non novit Schenderianum. f. 287". 

105. Eyn zillendt arm vnd from geschlecht 

Meirt auch dem haus Winsberg syn recht, f. 235 . 

106. Wer hat recht vnd darzu macht, 
Des recht wirt groiß geacht. 
Wer der macht aber nit enhat 

Moiß liden, das er wirt geiagt. f. 290 b . 
(Federzeichnung: ein Hirsch vom Hunde verfolgt.) 

107. Fürsten vnd hern, ritter vnd knecht 
wie sie es krigen, so ist in -al recht. 

Nota: Hett mancher nit mehe dan syn wer mit recht 
Der mehe ist her, wer dan wol knecht. f. 291 b . (oben.) 

108. Bei einer Federzeichnung: ein großer Fisch kleine fressend, steht: 
Groisse vngerechte, gewaltdedige, eigennutzige 

herrn, amptlude, kaufflude, wochner, 
fressen den armen man inß leib. f. 291". 

109. Wer zu gericht will gaen 
Moiß drei budel voll han 

Gelds, Gunnsts, Rechts, f. 291 b . 

110. Es darff sich keiner freuwen seir 
vber eyns andern vuglück iweir, 
Der nyt kan wissen ob das \ u 
Glichfalls zu bloühen citz brgyn. f. 296*. 



90 A. BIRL1NGER 

111. Will glück an den man 

So ists all weißheit was er kan 

Wennß jm aber mißgheit 

So ists narheit wa erß besteit. f. 307*. 

112. Zenck ich mich mit eym geck 
vnd reiff mich an eym dreck, 

so krich ich balt eyn fleck, a. a. 0. 

113. Man sal heudt spisen arme leudt 

vir aula pelles cibare brachia pulsa. f. 312 . 

114. Porta patens esto nulli claudaris honesto, 
Hangt jn nit, laist jn leben! f. 313 a . 

115. AI tag moiß man syn noitturft han 
Gedenck daran vnd gwyn sie dan 
AI tag dhu hast scheir eynen last 

Mach dich gefast zu soichen rast. f. 315 . 

116. Gehoirte stim wie wint hynt reibt 
Geschriben wort durhafftich pleibt. Vorsatzbl. 

117. Wilt Godt bidden vnd versoenen 

Daß er den Weinsberch laiß groenen. Bl. A a . 

118. Von frembden schriben fremden vil 
Das ich von fründen auch thoin wil. 
Ist jenen sulchs dan wolgethain: 

Wer wil mir diß vor vbel han? a. a. O. 

119. Weinsberch dein schilt ist sylber weiß 

Das sparkle dem [Altstein] pechswartz gemeiß. C h . 

120. Diß hauß schult ist so weiß als sne 
vnd kolswartz ist der spar vnd kle. C . 



II Geschichten. 

Die historia Aramondi von Weinsberg. 

Daß I Capittel. 

Wie die ro mische botschafft zu Brunsaw quam vnd eyn jonger 

Romer Adel d im leib gewan. 

Nach der gebort Jhesu Christi vnssers selichmechers, do man schreiff sieuen- 
hondert dreivndneunzich jar hat der bapst Adrianus sinen legaten Vincentium 
Procillumm zu Carolo der Francken konink sampt etlichen Dützen fürsten ab- 
gefertiget vnd wie er hyn vnd her in Duytzlandt reißde vnd syn geschefften vyß- 
richte vnd vff die grenße von Beiern tuschen der Donaw vnd Bohemer 
walt bei Fullonium den herren zu Brünßaw quam, wolt er sich etwas myt 
syner geselschafft vur groisser hitzden der hondtach resten. Vnd sobalde 
Fullonius der Romscher (niederrhein. stark) botschafft zukompft vernam, ginck 
er selbst zu jn vnd begerte, daß sei von den perden steigen vnd vber nacht 



AUS DEM BUCH WEINSBERG. 91 

bei im pleiben wolten. Daß wart von Vincentio Procillo bewilliget vnd zu 
groessem danck angenomenn. Fullonius befalch synenn dienern den perdenn 
foterung zugebenn; rüstet eyn herlich abentmaill zu vnd machte sich mit der 
Komscher botschaft't frolich. Indem warff eyn jonger Romer (der mit Vincentio 
war) syn \e\bde vff Adeldim, Fullonii dochter, myt sulcher gebeir daß Adeldis 
deß edlen jongen Romers liebde woll spürde. Derwegen warff Adeldis jre 
leibde hynwider vff den jongen Romer, wie dan den menschen von uatur jn- 
gebildet ist , daß die geliebten die leibhaber gern widder plegen zu lieben, 
iedoch dorften sei sich nit zu eynandern foegen gesprech samen zu halten; 
dan des Romers sprach was italianiseh vnd Adeldis sprach dütz. Aber daß 
füer der groisser leibden gab vrsach daß ein jeder van jn vff wege bedacht 
wäre, wie dem anderen syn verborgen leibde entdeckt mögt werden. Deß andern 
dags als sich die Romische botschaft rüstet gen Wirtzenberch zu reiten, er- 
dacht vnd gebraucht der jonger Romer dissen auslach, do er (f. l b ) vff synem 
perdt saß, gab er zu verstain vnd gebeir von sich, als ob were im swacheit 
von der groisser hitzden ankörnen vnd begunt myt listen vom perdt zu sinken, 
alls ob er van vnmacht fallen moste, daß sagen die diener vnd ergriffen in, 
hoben in vom perde vnd forten jn zum hauß Fullonii. da begert Vincentius 
von Fullonio : er wolte den jongling byß zu syner wederkompt bei jm dulden; 
verleiß jm einen diener zu warten der Deutz reden kunt. Das bewilliget Ful- 
lonius vnd befalch synem gesynde myt fleiß vff den jongen Romer zu sehen, 
daß er widder genesen mogte. 

Daß II Capittel. 

Wie der jonger Romer vnd Adeldis die wirk jrer leibden volle n- 

brachten vnd van eynanderen scheiden. 

Als nahe Vincentius mit syner gesellschaft nach Wirtzenberch verreiset 
war, droieh es sich eynmal zu, daß der jonger Romer vnd Adeldiß allein bey 
eynandren quamen vnd wiewoll keiner dem andern zureden kunt, daß er es 
verstain mocht, idoch halßten sei sich vnd myt vill früntlicher gebeir kortz- 
weileten sei heimlich samen vnd darnach so duck es die bequemicheit gab, biß 
sei entlich alle werk der leibden rollenbrachten vnd eyn dem andern zeychen 
syner treuwen zäunte, dar befandt sich kein swacheit mehe am jongen Romer, 
darvmb wollt er jn myt nach Rom foerenn vnd wiewoll der Romer Adeldin 
vur groisser harte straiff, wilche den Christen begegnet, wan sei sich mit den 
vnchristen angelacht vnd vertrawet hetten; dan der Romer war eyn Christ vnd 
Adeldis vngleubieh. Derhalb gab er Ädeldi eyn zeychen, als ob er mit Vincentio 
wolt verreisenn vnd darnach widder zu jr keren vnd bei jr bleibenn. Vnd als 
er jr die hant gegeben vnd sei geküsset vnd also synen abscheidt mit jr ge- 
macht (f. 2") hatte, zocli er mit Vincentio von Bronßaw nach Rom myt groissem 
swarmoidt synß heizen, aber Adeldis rertroist ßich vS Byn wedcrkompfl vnd 
leiß jn nach mangfeltigem süffzen vnd «reinen verreisen. 

D il IM Capittel. 

Wie Adeldis mit der deinstmagl Cumerellen handiel vnd wie das 

kindt vff dem Weinsberg heimlich geboren wan. 

Vber etliche tag darnach quam Adeldis in er farnn g, daß sei vom jongen 

Romer swanger wäre. Du.' . -i-ln.yil' iidi cyrst eyn weynen vikI clagen; jr hertz 



92 A. BIRLINGER 

war vol trurens vnd mit groisser sorgen benawt: dan der gebrauch war daselbst, 
daß wilche jonckfraw sich betraegen leiß, die wart aller jrer ehren beraubt 
vnd jr fatter mocht sei von allen güttern enterben. Daß beherziget Adeldis 
vnd mirkt nuhe eirst, daß sei vom jongen Romer verlaissen war, wost auch 
niet, weß sei sich troisten solt, sprach duck: o gecke liebde, wie hast du so 
manchen menschen bedragen vnd betrübt. Doch war sei gedencken an jre getrew 
gespillin Cumerel, jrer motter deinstmacht. In hoffnung die worde alle sachen 
heimlich halten vnd jr troist in jren noetten geben, erzallt der alle gelegenheit 
vnd begeit rhat van jr. Cumerell die kloick vnd geschickt war, troist sei mit 
vill gutten worten vnd gab jr disseu rhaidt: sei sulte sich heimlich halten, 
swacheit annemen vnd nemans fill zu sich laissen komen. Wannehe dan die 
zeit der gebort anqueim vnd daß kindt geboren worde, wolde sei es heimlich 
umbprengen, daß jr fatter noch motter, noch kein mensch erinnert sult werden, 
daß sei ehezeitz swanger were gewesen vnd Adeldiß leiß wenicher folks zu ir 
komen on Cumerel, die sei seir leib hatt. Vnd als die zeit der gebort heran 
quam, gincken sei duck samen in daß feldt ader geweldt spacern vnd vff eynen 
morgen frohe, den dritten tag Maij im sibenhondert veirvndneunzichsten jar 
(f. 2 ) hin den Bronßaw vff dem wyngarthen oder Weinberch (negst vür 
dem dem walde gelegen) spacern ginken, ward Adeldi kindtzwehe vnd gepar 
eynen son vnd Cumerell sach umb sich her vnd spurden daß sei allein waren, 
dan im anfang Maiß pleicht wenichs folks in den wimbergen zu handien vnd 
machte eyn noille mit jren henden in die losse erde vnd wolt daß geborn kyndt 
lebentich darin begrabenn. Als daß Adeldis sach, wiewoll sei fast vnmechtich 
war, edoch bewechte sei mütterliche leibde, welche nit leucht vnd sprach zu 
Cumerellen: halt still, daß kindt ist myn fleisch vnd bloidt vnd solde ich aller 
ehren vnd mynes erbtheills beraubet werden, so soll es nit vmbpracht werden 
dan es sali lebentich bleiben vnd greiff es damit in jre armen vnd küsset daß 
kindt vnd vergaß alles smertzen, wolt es auch von sich nit folgen laissen. Die 
deinstmacht Cumerel sach daß gern vnd erfrewt sich der groisser leibde; doch 
gab sei Adeldi dissen rhaidt: sei sulte daß kindt heimlich in dem weinberg 
legen, zu hauß gain vnd bei wilen verschaffen daß es gespeist vnd gelafft worde. 
da tuschen mocht emautz van den heckern daß kyndt wanschaffen finden vnd 
vffzehen, also daß sei gutt achtung künth haben, wa daß kyndt hynqueim vnd 
wie es ufferzogen worde vnd kündt dem kyndt auch woll alle noitturfft ver- 
schaffen vnd zu gelegenen zeiten in jr gewalt bekomen. disser ratschlag gefeill 
Adeldi woll vnd folgden deß vnd lachten daß kyndt vff weiugartz blader, lassen 
es vff dem weinberch liegen vnd geinken heimlich nach Brunßaw zu hauß. 

Daß IUI Capittol. 

Wie Hellonissar daß kyndt fandt vnnd Aramondt von Weinßberch 
nennet vns Adeldi gab vnd wie es gestalt wart. 

Denselben dach nacli dem essen leiß sich Hellonisar Adeldis broder syn 
perde satlen vnd reidt mit etlichen synen dienern vff die jacht vnnd von ferns 
schawt er daß die foegel vnd raben bouen dem weinberch flogen, kreischende, 
gleich ob sei eyn aiß fonden hetten (f. 3\). derhalb reidt Hellonissar zu dem 
weinberch zu besichtigen , waß der foegell flegen vnd kreischen zu bedeuten 
hett vnd alls die jachhondt deß kyndes gewar wordenn, leiffen sei zurück, 



AUS DEM BUCH WEINSBERG. 93 

Hellonissar entgegen mit den zwentzen zauelende, springende vnd geberende, 
ob sei des kyndes bedawret betten, zue lest sach Hellonissar daß kyndt im 
Weinbercb ligen galen vnd schreien vnd mit den beinger zauelenn. Er leiß 
es sich durch syuer diener eynen recken vnd sach daß es eyn wolgestalt hübschs 
keutlynn war; er nam es in syn armen vnd reidt damit zu Brunsaw vff synes 
fatters hauß vnd leiß durch die gansse herschaft verkünden, wem daß kyndt 
zugehorich were ader waher es queim. Aber nemantz vermocht vernemen, wem 
es zuquam. Adeldis hillt sich auch in sulcher gebeirden, daß man jr nicht 
kundt mircken. Derhalb wart daß kindt vur eyn fondelinck von edermann ge- 
halten vnd Aramondt von Weinsberch genant, von dem weinbercb dar- 
vff er fonden wäre vnd Helonissar gab es Adeldi syner suster mit befelch, daß 
sei es nach aller notturft sult vffzehen laissen vnd sagt wiewoll es eyn fonde- 
linck were, so were es dannest eyn mensch vnd moist versorget werden; vil- 
licht mocht etwas gutz vyß im werden. Also foeget daß glück dem nichtz 
wonderlich ist, daß Adeldis iren son in ir eygen bewarsamheit vnd gewalt on 
argwon überquam, den hilt sei bei sich vnd leiß in mit fleiß vffzechen vnd als 
er vffwoisch ward er zymlicher hoichden, small von leib, bleich mit rotem ge- 
mengt vnder dem angesicht; syn har war gell, schlecht vnd lanck biß zu dem 
kyn; syn hart war woliich vnd broun, die augenappel bla, die naß zymlicher 
spitzden vnd grossden, der mont klein, hat lang bein und armen; syn sprach 
war groff vnd hell, syn ganck lansam, syn gebeir ernst, auch frölich vnd goder 
zeren. 

Daß V Capittel. 
Wie Adeldis in der deilung vürab den Weinsberch erlangte vnd 
Aramondt vür jr kindt annam vnd an Trudonem bestatte damyt 

er kyn der gewan. 

Dar tuschen war Fullonius vnd Sigismunda, Adeldis (f. 3 ,J ) fatter vnd 
motter gestorben vnd ir broder Helonissar entfing daß lehen von der herscliaft 
Brunsaw vnd behillt was zu leben gehorich war vnd damit moist er eyn be- 
nogen haben. Aber was Fullonius on daß Leimgut besessen hatte, gereidt vnd 
vngereidt, daß war den andern kyndern zutheil verfallen vnd deß war eyn groist 
werdt, dan Fullonius halt vi 11 <'ygen erbgüttcr der Weinbergen, ackerlandts vnd 
büschen mit siner frawen Sigismunda beheiliget vnd sunst vnder syner her- 
scliaft gegolten. Vnder dissen gegolten güttern war der weinbercli begriffen, 
darvff Aramondt geborn war, doch vnder der herlichkeit Bronßaw gelegen, der 
int fasl hoich war, sonder (lach vür Walde gegen mittach lach, varmaills van 
etlichen leutlien in der herschafft Bransaw durch außrüttung des vraltz mit 

weinstocken beplanzet vnd zum weinbercb gemacht. Do nulie die erbgena n 

Kulionii Barnen quamen die erbschafft zu theilen, begerthe Adeldis vürab des 
wreinberche darvff Aramondt gepom war in dem vür ander gütter glicher ach- 
tung \ d' anderen platzen gelegen zuzutheilen. Sulicha hatten ire broder vnd 
mitgedeling eynen gutten benogen vnd theiltenn jr den weinberch zu vnd 
gaben ir daneben was ir zustendich war. Neben dem I « • i l> Adeldis heimlich zu 
Rom erfaren wie es mit dem jongen Römer irem allerleib ten gelegen were. 
vnd als .sei vernam, daß er gestorben war vnd nit zu der ehe gegriffen hett, 
gedacht sei, daß buII er vnd. vner trewen jr zu l< ■■\i leihen vnd ver- 

newert in irem herzen die alte leib gegen den Homer vnd Bwoir ir lebtach 



94 A. BIKLINGER 

keinen mann zu nemen, dan sei wolt Aramondt von dem Romer vnd ir geporn 
vür ir kindt halten vnd denselben an ir anerstorben erbtheill brengen; ginek 
darnach vür gericht vnd nam Aramondt in kyndes stadt vür iren erben an 
daß im von jedermann gegont wart vnd Adeldis verschaffte, daß ir broder 
Hellonissar Aramondo seyn eldesthe thochter Trudonem zum weib gab, daß 
domaills vff ir heidensche weiß wollgeschein mögt, wiewol doch die sipschaft 
beider eheleuthen vnbewost war. Mit disser Trudone gewann Aramondt folgens 
acht (f. 4 a ) kynder, dar vnden seß sone waren gnant Clodoveus, Tillo, Fullonius, 
Marcus, Eibrardus vnd Gusollus, zwa Dhochter, genant Filana vnd Risia. Als 
nuhe Adeldis jr leben in groisser eynsamheit zu endt pracht hatt, ist sei im 
siben vnd funfzichsten jar jrs alters gestorben vnd ist vff den Weinberch (dar- 
vff Aramondt geboren war) begrauen worden, wie sei selbst begert hat. 

A. BIRLINGER. 



GRAMMATISCHE VERSUCHE EINES KÖLNERS 
AUS DEM XVI. JAHRHUNDERT. 

Aus dem Buch Weinsberg. 



Vom Namen Weinsberg. Vnd der zunam ist nit mehe dan 
eyn bedeutlich wort; dar bei der Stam vnd daß hauß bezeichnet er- 
kant vnd ernant wirt vnd ist eyn compositum nomen, daß ist eyn wort 
van zweyen substantivis samen gefoigt, wuchs bey der reiner latinscher 
Sprach verbotten aber bey den Dützen zugelaissen ist vnd begrifft 
zwa sillaben, der jeder syn besonder bedeudung hat vnd daß ganß 
worth hat acht boichstaben, der etliche dubbel etliche eynletzich synt. 
die weill aber an den boichstaben vill gelegen ist, so will ich folgens 
von jederm jn Sonderheit meldong dhoin; dan wan vff die boichstaben 
kein achtung gehat worde mocht man nemen, der zunam het synen 
vrsprunck vam wint, winde, findt, borch, burch vnd derglichen, so er 
doch allein van eym berch deß weins herkompt, den man drinkt vnd 
an den reben — vff dem berch gestanden — gewassen ist, dan vff 
sulchem berch ist Aramondt geborn. 

Bl. 354", wo dieses Thema kürzer conceptweise als Entwurf wohl 
steht, heißt die Überschrift: Weinsberch. Der zunam, stamnam, agna- 
tionnam, haußnam, geschlechtnam wirt ordentlich rhein vnd woll mit 
acht principalen littern geschreiben und geredt als mit W. EI. N. S. 
B. F. R. CH. darvnden syn drei dubbel vnd fünff eynletzich. 

W. Der ersthe boichstab ist eyn dubbel w, bei den Dützen gar 
gebrüchlich, damit der zunam anhebt, er werde zu latin ader ze Dützen 



GRAMMATISCHE VERSUCHE EINES KÖLNERS. 95 

geschreben vnd dieweill er vür ansteidt, sol er alzeit groisser ge- 
schreben werden, den die ander vnd in syn stadt soll kein eynletzich 
v ader f ader gv gesatzt werden, darauß eyn frembde bedüdung deß 
worts erwassen mocht. 

Bl. 354* der eirste. W disses dubbeln littern brauchen die Deutz- 
chen bei denen er seir gemein ist; vnd sol nit verändert werden, dan 
der name hat synen vrspruugk in Beiern deutscher nation 
vnd man jn schoin latini orthographi gebrauchen moissen vnd willen, 
so sullen sie gu- in die stadt nit setzen wie sie vfi" vil orthen dhoin 
alß Giternerus pro Wernerus, G*<ensbergius pro Weinsbergius. 

Bl. 354 a : Petrus Hompheus dicit, quod EI diphtongus apud anti- 
quos in frequentissimo usu fuit, nunc autem pene exolevit. Ist aber bei 
etlichen Deutzschen wörthern propter pronunciationem hoch nodich alß 
bei Weinsberch vom wein a vino genant; dan Winsperch vom winde 
a vento aut ab alia quadam significatione, daß nit syn sol. 

EL Der zweite boichstab ist eyn diphthongus ei, daß ist zwein 
vür einen gesatzt, die beid jr krafft behalten, dan im hochdützen 
sacht man wem, nit wm; derhalb ist e ader i ader y allein gesatzt 
verbotten vmb frembder bedüdung willen. 

Der zweite: ei; disser ist auch dubbellet diphtongus steht bei 
den deutschen seir wol in prima syllaba vnd ist auch zu theil nodich 
propter etyinologiam et sigtiificationem , wicwol der gmein man deß i 
oder y instatt disser braucht. 

N. Der dritte boichstab ist n vnd kau nit außbleiben ader auch 
verändert werden, dan er leidet keinen andern jn syner Stadt. 

Bl. 354: N. disser ist eynletzich, gepurt sich also vnverend< ii 
zupliben. 

S. Der veirde boichstab ist s vnd bedüdet genitivum singujaris 
nunieri; dan derselb casus will nit vißpleiben, da zwei Substantiv a bei 
eynandern staint, wie man redt: der man, deß man/3; der wein, deß 
weio/J vnd wicwol im gmeinen reden wein Ix-rrli sonder s geschreben 
vnd gcbr.-iuchl wirt, daß soll hei nit irren, dieweil disser zunam bei 
den liuiissLiriiossen alzeit mit dem s gebraucht ist worden vnd zu end 
dißer sillabcn ist daß d ader / ader dt ader tz ader /; verbotten vnd 
waß derglichen ist. 

Bl. 3f>-l": der veirthe, ß. disser ist auch eynletzich, wirt bey den 
deutschen vmb des genitivi casus willen darzugesefed . ist anfencfcdich 
vißpliben vnd wirt hiemit die eirst syllaba que ei dictio est) beschlossen. 

B. Der vünffte boichstab ist b damit die zweite Billaba anfangt 
vnd ist disser boichstab von altera bei den Beierschen ge- 



96 A. BIRLINGER 

brüchlich gewest vnd wiewol die pronunciation vff vil orthen vn- 
glich ist vnd daß p mit mehr scharffheit gebraucht wirt, so ist es doch 
hie verbotten. 

Bl. 354\ Der fünfFte B. d isser boichstab ist eynletzigh der zweite 
in alphäbeth vnd fengt mit dissem die ander syllaba an que etiam 
dictio est vnd vil hohe deutsche setzen ein p in disser statt. 

F. Der sexsthe boichstab ist e und soll kein i ader o ader v ader 
y in syn stadt gesatzt werden, dan es heischt rein borch van steinen 
vnd holtz zur wonung gezymmert, dan eyn berch, dar weinstock vff- 
staint vnd wein vffwescht. 

Bl. 354 a : Der sesthe. disser ist einletzig, sol nit verendert werden 
wiewol etliche daß y oder i in die stat setzen. 

R. Der sibende boichstab ist r, kan nit verändert werdenn, dan 
er leidet keinen andern syner stadt, moiß auch nit aushüben. 

Bl. 354 a : Der Seuende. R. disser moiß notwendich da syn, ist 
auch eynletzich. 

Ch. Der achte vnd lesthe boichstab ist ch vnd laudt so vil als g, 
dan das h ist kein boichstab, aber alleyn ein zeichen deß zublasens; 
doch ist das g im end diß wortz im latin vnd Dutzen zugelaissen, 
aber gh, ck ader gk ader c allein ist verbotten vnd hiemit endet daß 
wort des zunamens. 

Bl. 354 a : der achte, disser scheinet mit der aspiration H dubbel, 
wilche doch kein boichstab ist vnd mag daß g in diß stat gesetzt werden, 
ist zugelaissen; etliche aber setzen ck oder gh, ist nit zugelaissen. 

Bl. 354 b : Daß gu- moiß gar nit voran stain, noch kein ander 
litera dan W; der nam werde zu latin oder deutsch geschriben, die- 
weil man oft und duck namen und zunamen mit 2 littern bezeignet 
aß H : W kan bedüden Herman Winsberg, sult aber stain G in stat W 
alß H : G. wie kunt man darauß Hermann Weinsberg verstaia. Eß sol 
eyn dubbel W geschriben vnd pronunciert werden, licht nit daran wie 
es die Itali oder Galli oder Latini curiosi außsprechen. wir halten unssen 
stylum. 

Bl. 354 a : vide in elencho scriptorum sub dictione (r?«arinus; ibi 
solent Itali et Galli Vu, w germanica pro digamraa gg duplex ponere 
v simplex ut Ghilhelmo pro Vuilhelmo. 

Bl. 354 b folgt die ganze große Anzahl der Schreibarten von Weins- 
berg: Beinsberg, Geinsberg, Wainsberg, Weinsberg etc. 

Vnad mit obbestimpten ach boichstaben schreibt man den zu- 
namen recht vnd rhein vnnd wiewoll er vürmaills vnd auch noch zur 
zeit ader in der eill ader vyß vnwissenheit vngeschicklich geschreben 



SPRÜCHE IM KÖLNER DIALECT. 97 

viid geredt ist wordenn; edoeh sol nemans daß vtir cvn exempel an- 
zehen, sonder sieh mit groissem fleiß vben den zunanien obbemelten 
regelen gemeiß rhein zu schreiben vnd zu redenn, wie auch der wortlin 
zu ader von vur den zunamen gebraucht mogenn werden, ist lichtlich 
anzuzeigen, dan man schreibt vnd redt: hausfater, sorghaber, hauß- 
gnoß, herburger, vnderthain, diener u. s. w. zu Weinßberch. Ist aber 
eyner da her komen ader entsprossen, den nennet man Paulus von 
Weinßberch ader sonder daß wortlin van als Paulus Weinßbercher 
ader durch daß g. Weinßberger, vnd also gebrauchen etliche canzeleien 
bei den hochdeutzen. Aber Paulus Weinßberch, sonder die wortlin zu 
ailcr van gebraucht man seiden, eyner werde dan sonder dauffriamen 
Weinsberch allein mit dem zunanien gnant. Wannehe auch eyn adjee- 
tivum drauß gemacht wirt, gebraucht man es durch k oder (j als: cvn 
Weinsberehisch man. eyn weinbergische fraw vnd so fortan. Glichfalß 
redt man im latin: paterfamilias in Weinsberch: Aramondus de Weins- 
berch. Simon a Weinsberch, Christianus Weinsberchius ader per g: 
Weinsbergius. Also stellt man auch den Adjectiven Weinsberchianus 
m per g aut ch ad libitum vnd es ist verbotten den zunanien vff 
latin zu transfererenn ader zu verändern als Vinimons, Vmimontanus 
etc. ader vff greckisch alls: ohcoo ader senorius ob es schoin bei 
den gelerthen weir ader in frerabder uation. Dan der zunam bedüdet 
nit mehe dan die person, daz zu er gehört, damit zu zeigenen oder 
zu nennen, wie dan vil zunanien sint, die in sich gar kein bedüdung 
haben vnd doch die person da yn erkant wirt; da man nit weiß ob 
er dütz latin, welsch ader derglichen sprach sei. Doch mach disser 
zunam weinsberch von den poeten ader witzhalben woll verändert 
werden. A. BIRLINGER. 



SPRÜCHE IM KÖLNER DIALKCT. 



it, der wail vindt, 
1 1 . w.iil leeffi , der wail endt. 
Der loen Bai duren ewelich, 
Der arbeit naüwe ein ougenblick. 

en doel i chilt, 

Dai um 1 ! leefft ala du sterven will , 
Wal ia i.lit klein an itedich I ven ; 

. uck il it recht lis w uil beven. 

GERMANIA. Neu« Beil« \ll. (XIX. Jal.rg > 



98 A. BIRLINGER, SPRÜCHE TN KÖLNER DIALECT. 

So wer in disser tzyt erkiest, 

Da he sinen got mit verliest, 

Alst komen sal an ein scheiden , 

So moiß he derven alle beiden. 

Ach wie lustich dat wesen mach, 

Da dusent jair is einen dach, 

By dattet is tzo syn aldair, 

Da einen dach is dusent jair. 

Die werlt, der vyant und dat vleisch, 

Als disse dry haven iren heisch, 

So blyfft die edel seel verloren, 

Die got so vrüntlich hat verkoren. 

Die werelt vlye, dem vyant entspringe, 

Dyn vleisch mit bescheidenheit bedwinge, 

Setze dich in die nederste statt, 

So machstu klimmen den hoechsten pat, 

Vertzye dich selven in allen dingen. 

Hangt an got mit rechter mynnen, 

Keert dyn meynunge zo got dem heren , 

So sal dich got die wairheit leren. 

Ach minsch, sxaet up dyn hoede bloiß, 
Want die valsche werelt is so loiß , 
Yr genoecht is vol unreinicheit, 
Yr rait is hoverdy und gyricheit, 
Yr dienst is sueß, yr loen is krauck, 
Yr bloem is schoen, yr vrucht is stanck, 
Yr Sicherheit is verradeniß , 
Yr medecyn is vergiffeniß. 
Want vur vreude gifft sy rouwe, 
Schand vur eer, valscheit vur trouwe, 
Vur rycheit gifft sy groeß armoet, 
Vur ewich leven den ewigen doet, 
Want kurtze vreude und langes leit 
Dat is der werelt lieffden kleit. 

Hedden wyr alle einen gelouven , 
Got und gemeinen nutz vor ougen , 
Ein eile, maiß und gewycht, 
Goede fryd und rechte gericht, 
Ein müntz und goet gelt, 
So stundt ist wail in der weit.*) 

A. BIRLINGER. 

*) Aus: Ein schatzboechlin der Gotlicher lieffden — Gedruckt zo Collen durch 
Eucharium Hirtzhorn, wonende in dem Swan by sant Pauwels Kirche (fol. q. 5— q. 8). 



W. CRECELIUS, ALSO BAI;. 99 

ALSO BAU 



J. Grimm führt im Wb. I. Sp. L056 unter dem Worte baar diese 
Stelle aus Fischarts Gargantua (S. 403 nach der Ausgabe von 1590) 
an: n dise haben gebeieht vnd gereuwet, v und Ablaß bekommen, darumb 
werden sie also Par inns Paradiß fahren, wie ein Sans inn Sack, vnd 
ein Sau inns Mäußloch." Es soll hier also par in dem Sinne von so 
(durch beichte und r< we) ;/< r< imVjrt stehen. Die Vergleicliung der folgenden 
Beispiele aber muß lehren, daß also bar nichts anderes bedeuten kann. 
als 1, also fort, jetzt gleich und 2, in diesem Augenblicke, so eben. 
Fischart Flöhhaz 3372 (Kurz II. S. 89): 
Aber mit gfar werd jrs gewar, 
Wan sie euch haschen also par, 
Vnd werfen euch, bös inißgewächs, 
Inn glut zuprennen wie ein hechs. 
Fischart Jesuiterhütlein 285 (Kurz II, S. 249): 
Hierauff als es nun fertig war, 
Befahl der Satan also par, 
Daß es des Behemots Gesind 
Solt führen durch die Welt geschwind. 
In großer Menge finden sich die Belege für das Wort im ersten 
Buch des Amadis (ich citiere die Seitenzahlen der neuen Ausgabe 
\..i, A. v. Keller Stuttgart 1857): 

Als ich verschiener zeil wider den Elisen Albadan — zuschlagen 
anderstunde vnd also bahr auff der reyß ward etc. S. 45. 

Weh dir, daß du diese Jungfraw jemals gesehen. Dann du mußt 
bahr dein Haupt darumb "dahinden lassen. S. 76. 
Daneben werdet jhr jhm weitters anzeigen, daß mein Herr vml 
Vatter mich höhn lassen. \ ml ich also par wegfertig sey, in 
Britannien zuziehen. 

Demnach soll der streil ynder euch vnd mir allein Beyn. Vnd 
auch also bar, wo jr wölt. S. 98. 

Ich bitl E. L. gantz freundlich, Herr, last jn also bahr beruffeü 
\nd bitten, daß er vns seyn nami 3 108. 

So Int ich euch nun flei /t Galaor, jr wolt mich 

zum Ritter machen. S. I 1 8. 

Vml daneben ersah Schiff von diesem Vngewitter der 

[eben, daß kein hilff sh heyl von en zuhoffen, vnd 

das noch böser, war die nacht bc! also par vorhanden. S. 11 



100 w - CBECELIUS, ALSO BAR. 

Du thust recht, daß du mich vermeinest mit deiuen Worten zu- 
erschrecken, aber die Teuffei werden dich also par viel ängstiger 
machen, denn ich jhnen dein Geist auffopffem wil. S. 207. 

Dann du mußt da deine vbrige Wehr auch lassen, oder also par 
sterben. S. 236. 

Vnd wo ich es jetzunder also bahr thun wolt, ließ mau mich 
nicht hinein? sagt Amadis. S. 283. 

Vnd so schwere ich euch, Antwort der Kitter, daß jhr es durch 
mich nicht innen werden solt, so lang ich das leben hab, vnd wölte 
lieber also bar sterben, denn daß ich euch solches anzeiget. S. 407. 
Da sagt die Jungfrauw: König, Mein gnedigst Frewlin Briolania, 
welche jr vnehrlich enterbet, schicket euch diesen Brieff, welchen jr in 
beyseyn diser Herren also bar lesen lassen sollen, vnnd folgendts zu 
meiner abfertigung mir widerumb antwort zu stellen. S. 414. 

Ir redet so lieblich, sagt sie, daß ich also bar versuchen will, ob 
jr ein so Manlicher gesell seyt, daß jr mich von diesem ort hinweg 
füren dörfft. S. 426. 

Für die zweite Bedeutung so eben finden sich folgende zwei Stellen 
im Amadis: 

E. May. Bruder, der König Perion ist also bahr ankommen. S. 51. 
Ewer starckmütigkeit nach, so ich euch also bar volstrecken vnd 
klärlich erzeigen gesehen etc. S. 118. 

Über ein früheres Vorkommen dieses Gebrauches von also bar 
habe ich mir keine Beispiele aufgezeichnet. Es werden sich aber ge- 
wiß auch bei Schriftstellern aus der ersten Hälfte des 16. Jahrh. deren 
finden, vielleicht fällt die Entstehung der Bedeutung sogar noch in 
die Zeit des Mittelhochdeutschen. In dem Leben der h. Elisabeth 
(herausgegeben von Rieger) stellt der Schenk Walther den Landgrafen 
zur Rede, über dessen harte Behandlung der verwitweten Elisabeth; 
er sagt dabei V. 6124 ff.: 

Ouch sint uns uffenbere 
Von drubeclicher witze 
Forme vnd ouch antlitze 
Vor schäme wurden missevar, 
Daz man so beltliche unde so bar 
Zu disen selben stunden 
Hat an uch, herre, funden 
Solich unverwizzenheit, 
Daz ir uch der unmildekeit 
Nach eren woldet uit bewarn. 



LITTERATUR: ÜBER NORDISCHE PHILOLOGIE UND GESCHICHTE, im 

Rieger erklärt die betreffenden Worte mit ..so frech und unver- 
liüllf. "\" itlKit'lit bedeuten sie aber „so gar bald und sogleich nach 
eurem Regierungsantritt". 

Es wird zunächst darauf ankommen, den berührten Gebrauch von 
also bar, so weil es möglich ist. zu verfolgen, und ich möchte jeden, 
drin Beispiele davon zu Gebote stehen, darum ersuchen, dieselben 
hier mitzutheilen. 

ELBEKrr.il». W. CRECELIUS. 



LITThTvATUR. 



Zur neueren Litteratur über nordische Philologie und Geschichte. 

Ohne irgend welches genauere Eingehen auf Einzelnheiten zu beabsich- 
tigen, oder irgend welchen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, 
möchte ich auf einige neuere Erscheinungen aufmerksam machen, welche auf 
dem Gebiete der nordischen Philologie und Geschichte eine bedeutsame Stelle 
einnehmen, in der Hoffnung, daß eine kurze Charakteristik manchem Leser 
dieser Zeitschrift nicht unerwünscht sein werde. 

An erster Stelle nenne ich das „Jcelandic-English Dictionary" Richard 
Cleasby's, welches Gudbrandr Vigfusson in völlig neuer Bearbeitung 
herausgegeben hat. Das erste Heft dieses großartigen Werkes ist im Jahre 
1869, das zweite im Jahre 1871 erschienen; das dritte und letzte aber trägt 
die laufende Jahrzahl, wurde indessen bereits in den letzten Tagen des Jahres 
1873 ausgegeben. Dieses letzte Heft enthält neben dem Schlüsse des Wörter- 
buches unter Andern auch eine Lebensbeschreibung Cleasby's, sowie einige 
Specimina Beiner eigenen Arbeit, wie er sie bei seinem Tode hinterließ, und 
u diese klar erkennen, welche kolossale Arbeit sein Nachfolger aufzuwenden 
. um diese in diej zu bringen, in welcher dieselbe nunmehr 

vorliegt. Ich habe mich früher schon über den Zustand der altnordischen Lexico- 
graphie vor dem Erscheinen dieses Werkes im Ai ir Kunde der deut- 

schen Vorzeit, 1863, nr. 12, dum Germania, XII, S. 236 40 . dann 
die Anlage dieses Werl n Heftes in dn Bi 

zur Augsburger Allgemeinen Zeitung, 1-7". nr. ,- > and 7 näher ausgesprochen 5 
hier möchte ich aber darauf aufmerksam machen, daß Jon Porkelsson dessen 
erstes lieft im 23. Jal fyödölfr, S. 1 5, 19 — 20 und 

dum dosen zweites Heft im 1 'J. Jabrgan Nbrdanfari, 3 103 1, einer 

eingebenden Besprechung unterzogen hat. [ch bemerke l"i dieser Gelegenheit, 

daß rundliche Kenner der en Litteratur 1 Sprache auch 

r manche Behr werthvolle lexicale sowohl als quellengeschichtliche 

Artikel in isländischen Zeitungen niedergelegl hat, die wohl verdienten gesammelt 

»eben zu werden; ich erwähne nur b die Aufsätze „aldux 

vfsnanna i Grel og fäeinar leidrjettingar vid bana", dann „vi »ur 1 Mork- 



102 LITTERATUK: ÜBER NORDISCHE PHILOLOGIE UND GESCHICHTE. 

inskinnu" (Norctanfari , 7. Jahrg., S. 45 — 46, und 9. Jahrg., S. 19); ferner 
„midstig atviksorda i Islenzku", „um baejanöfn ä Islandi" (ebenda, 8. Jahrg., 
S. 17 — 18, dann S. 85 — 86 und 89 — 90), „um stödu atviksorda i mälsgrein- 
um i Islenzku", und „um nokkurar rangar ordmyndir eda ordskipanir i Is- 
lenzku" (ebenda, 9. Jahrg., S. 55-56, und 59—60, dann S. 82 — 83, 86 bis 
87, und 89 — 90). 

Ivar Aasen's „Norsk Ordbog", welches ich in Bd. XVII der Germania. 
S. 235 — 38 angezeigt habe, ist inzwischen im vorigen Jahre fertig geworden, 
und Asbjörnsen hat am Schlüsse desselben Jahres die fünfte Ausgabe der 
von ihm und J. Moe gesammelten „Norske Folke-Eventyr" ausgehen lassen; 
die Zahl der mitgetheilten Stücke (60) hat sich dabei nicht vermehrt, wogegen 
die Ausstattung des Büchleins, zumal auch durch einen von Markus Grönvold 
vortrefflich entworfenen und durch die Gebrüder Obpacher hier in München in 
Farbendruck geschickt ausgeführten Umschlag gegen früher noch gewonnen hat. 

Sehr werthvolle Arbeiten über die Quellen zur norwegischen Königs- 
geschichte sind neuerdings theils herausgegeben, theils wenigstens herauszugeben 
begonnen worden. Zunächst hat G. Storni einen sehr beachtenswerthen Auf- 
satz: „Norske Historieskrivere paa Kong Sverres Tid" in den Aarböger for 
nordisk Oldkyndighed og Historie, Jahrg. 1871, S. 410 — 31 erscheinen lassen, 
sodann aber eine selbständige Schrift: „Snorre Sturlassöns Historieskrivning", 
Kopenh. 1873 herausgegeben. Weiterhin hat Professor Sophus Bugge in 
denselben Aarböger, Jahrg. 1873, S. 1 — 49 ,,Bemaerkninger om den i Skot- 
land fundne latinske Norges Krönike" mitgetheilt, in welchen er zu nicht 
unwesentlichen anderen Ergebnissen über das Breve chronicon Norwegise gelangt 
als Storm. Endlich ist soeben das erste Heft einer „Undersögelse af Konge- 
sagaens Fremvaext" von A. Gjessing erschienen, welche, von der „Videnskabs- 
Selskab" zu Christiania herausgegeben, die in ihrem Titel bezeichnete Frage 
mit aller Gründlichkeit zu erörtern verspricht. Storms Schriften kehren sich 
hauptsächlich gegen die von mir seiner Zeit aufgestellte Behauptung, daß die 
Konüngasögur wesentlich ein Product der isländischen, nicht der norwegischen 
Litteratur seien, und daß die Heimskrfngla, so wie sie uns vorliegt, nicht aus 
Snorri's Feder geflossen sei ; bei großer Selbständigkeit im Einzelnen sucht der 
Verfasser doch im Großen und Ganzen nur den bekannten, von P. A. Munch 
und R. Keyser vertretenen Standpunkt neuerdings zu verfechten. Bugge sucht, 
mittelst einer ebenso gründliehen als selbständigen Untersuchung darzuthun, 
daß das Agrip af Noregs Koniinga sögum nicht, wie Sform annimmt, das Breve 
chronicon benutzt habe, sondern daß die zwischen beiden Werken bestehen de 
Verwandtschaft aus der Benützung einer beiden gemeinsamen älteren Quelle 
erklärt werden müsse, wie dieß schon von Munch und mir ausgesprochen wor- 
den war; er beweist ferner, daß diese gemeinsame Quelle in nordischer Sprache 
geschrieben war. Wiederum thut er dar, daß das Breve chronicon sowohl als 
die Yngh'nga saga neben rjöctölfs Ynglfngatal noch eine andere prosaische 
Quelle benützt hat, welche aller Wahrscheinlichkeit nach, mittelbar wenigstens, ein 
Werk Ari frödi's war, daß dasselbe ferner, ebenso wie Agrip, Odds Lebens- 
beschreibung des Olafs Tryggvason und überdieß auch noch den Adam von 
Bremen und einige englische Quellen benützt habe, wogegen er die. Benützung 
Theodorichs, der Fagrskinna, der Sagen vom heil. Olaf, wie sie uns vorliegen, 
sowie des Königsspiegels leugnet, was den letzteren betrifft, doch wohl mit 



Mi DERATURt I BEK NORDISCHE PHILOLOGIE UND GESCHICHTE. 103 

Unrecht. Wenn aber der Verf. die Abfassung der Schrifl in die Jahre 1190 
bis 1260, oder noch genauer ungefähr in das Jahr 1230 setzen will, so will 
mir dieß oicht recht einleuchten, [ch gebe zwar gerne zu, daß dieselbe nicht 
erst im 15. Jahrh. entstanden sein kann; aber ihre Angaben über die Bezirks- 
verfassung Norwegens scheinen mir auf' die /fit nach der Entstehung des 
gemeinen Landrechtes 1274 hinzudeuten, während Bich die für eine frühere 
Entstehung angeführten Gründe wohl dürften widerlegen lassen. Gjessing end- 
lich sucht, sii viel sich aus dein bisher veröffentlichten Theile seiner Unter- 
Buchungen erkennen lässt, die erste Grundlage der Konünga BÖgur in einem 
Werke Ali frö&Ts. Hie von mir im XV. Bde. der Germania, S. 300 - 321 ent- 
wickelte Ansicht über die litterarische Wirksamkeit dieses Mannes findet bei 
ihm theils Billigung, theils eine sehr ansprechende Erweiterung. Wie ich, nimmt 
auch G an. daß die verlorene erste Recension der [slendingabök die 

ungleich ausgedehntere gewesen sei, und dal: deren uns erhaltene zweite Recen- 
sion im Wesentlichen durch eine Ausscheidung der aett irtala und der K.oniin<. r a3efi 
entstanden sei. Wie ich, nimmt er ferner an, daß An' neben der zweiten Recen- 
sion Beiner [slendingabök durch die in dieser gestrichene aettartala den Grund 
zur Landnäma, und durch die gleichfalls gestrichenen Konungaaefi den Grund 
zu den Konüngasögur gelegt habe; aber er ergänzt diese Annahme durch die 
weitere Vermuthung, daß Arä selbst auch diese letzteren beiden Bestandteile 
nochmals selbständig überarbeitet, und somit selbst noch eine Landnäma und 
einen Abriß der norwegischen Königsgeschichte verfasst haben möge, und er 
sucht sodann im Einzelnen nachzuweisen, welche Theile der späteren Konünga- 
sögur diesem seinem Werke entnommen sein mögen. Ich sehe der Fortsetzung 
seiner Untersuchung mit Spannung entgegen, und wird diese zugleich den er- 
wünschten Anhaltspunkt bieten zu einer eingehenden Prüfung der. wie mir 
scheint, etwas einseitigen Aufstellungen Storms. 

Der Jahrgang 1873 der Aarböger bringt ferner eine Abhandlung des 
bekannten isländischen Rechtshistorikers VilhjaJmr Einsen: „Gm de [slandske 
Love i Fristatstiden , S. Htl 250. Dieselbe ist, wie sie selber ausspricht, 
aus Anlaß des Artikels „Grag&s" geschrieben, welchen ich für den 7 7. Band 
der Allgemeinen Encyklopädie d i W - enschaften und Künste geliefert hatte 
(1864 , und zu welchem ich im XV. Bd. der Germania, S. 1 — 17, noch einen 
Nachtrag gab. Im Übrigen mit mir wesentlich einverstanden, geht der Verf. 
doch in zwei Punkten von mir ab, soferne er nämlich erstens sowohl die uns 
erhaltenen isländischen Rechtsbücher als auch die ihnen guten Theils zu Grunde 
liegende], der isländischen lögsögumenn lediglich auf da 

liehe Recht beschränkt wissen will, und jede Existenz von Gewohnheitsrecht 
sowie irgend welcher Jurisprudenz leugnet, während er zweitens die Entsteh ut 
zeit unserer Rechtsbücher ungleich weiter in >\<-y Zeit hinaufrücken zu Bollen 
glaubt, als ich dieß gethan hatte. In der ersteren Beziehung muß ich zur 
Richtigstellung der Frage bemerken, daß ich von Gewohnheitsrecht und .luris- 
prudenz redend weder, v, • Verf. thut, den Gerichtsgebrauch von «hin ersteren 

. noch auch unter der letzteren lediglich Btreng theoretische Pro- 
dnete verstanden wissen wollte, wie ich denn ausdrücklich da- Sammeln und 
Glossieren von Legaltezl n . die Construction von Rechtsformeln u. dgl. unter 
die juristische Thätigki I niert habe; außerdem glaube ich auch darauf 

aufmerksam machet) zu dürfen, B :hränkung der Dingzeit auf 



104 LITTERATUR: ÜBER NORDISCHE PHILOLOGIE UND GESCHICHTE. 

14 Tage im Jahre zu der Annahme passt, daß die ganze Masse unserer Rechts- 
bürh'T aus Beschlüssen der lögretta hervorgegangen sei, deren Thätigkeit doch 
nur den kleinsten Theil der vorwiegend gerichtlicher Thätigkeit gewidmeten 
Dingzeit für sieh in Anspruch nehmen durfte. In der zweiten Beziehung aber 
liisst sich aus den vom Verf. hervorgehobenen Momenten meines Erachtens nur 
auf das Älter eines Theiles, und allenfalls eines großen Theiles der einzelnen 
in unsere Rechtsbücher aufgenommenen Stücke, aber nicht auf das Alter dieser 
Rechtsbüchcr selbst ein Schluß ziehen; die Folgerungen aber, welche ich im 
Bd. XV der Gennania aus bestimmten einzelnen Angaben auf deren Abfassung 
nach 1258, resp. 1262, zog, hat der sehr geehrte Verf. meines Erachtens 
unwiderlegt gelassen. Ich bemerke übrigens, daß Jon rorkelsson in einem 
Artikel „um Gragasina", welchen die Zeitschrift Vikverji , Jahrg. 1873, S. 98 
bis 09 und 102 — 3 bringt, sich im Wesentlichen den Ansichten Finsens an- 
schließt. 

Zu Jon Arnason's „Islenzkar rjodsögur ogsefintyri" (vgl. Bd. VII, S. 247 
bis 251, und Bd. IX, S. 231 — 45 der Germania) hat die Verlagshandlung nach- 
traglich noch ein deutsches Sach- und Namenregister nachgeliefert, welches die 
Ausnützung dieser überaus reichen Sammlung islandischer Sagen und Märchen 
gar sehr erleichtern, und damit diese für die mythologische und litterargeschicht- 
liche Forschung erst recht zugänglich machen wird. Einen anderen Beitrag zur 
Kunde des voiksthümlichen Wesens auf Island bietet das soeben von Th eodor 
Möbius mit bekannter Sorgfalt zum ersten Male herausgegebene ., Malshätta 
kvsecti", über welches sich bereits Jon rorkelsson im Vikverji, S. 141 bis 
142 sehr anerkennend ausgesprochen hat. 

Die seit dem Jahre 1871 von der norwegischen historischen Gesellschaft 
herausgegebene „Historisk Tidsskrift" bringt wie in ihren beiden ersten Bänden, 
so auch in dem eben erschienenen ersten Hefte des dritten Bandes manches 
für den Philologen Interessante; für dießmal ist ein Aufsatz E. Jessen's: 
„Notitser om Dialecter i Herjedal og Jemteland", S. 1—57, dann ein solcher 
von G. Storm: „Om Ynglingatal og de norske Ynglingekonger i Danmark", 
S. 58 — 79 zu nennen, zumal aber nicht unerwähnt zu lassen, daß dem neuesten 
Hefte der Zeitschrift der Anfang einer neuen, durch A. E. Eriksen besorgten 
Ausgabe der Dichtungen des Peter Dass folgt. Die Gedichte des im Jahre 1708 
verstorbenen Pfarrers Peter Dass und zumal dessen „Nordlands Trompet" bil- 
den, in zahlreiclien Auflagen verbreitet, bis auf den heutigen Tag herab eine 
Liebüngslecture der nordländischen Bauern und Fischer in Norwegen, und sind 
als Dichtungen sowohl wie in eulturhistorischer Beziehung vom höchsten Werthe; 
eine vollständige und zugleich kritische Ausgabe derselben muß somit im höchsten 
Grade erwünscht kommen. 

Ein hohes Interesse hat ferner auch für den Philologen zu beanspruchen 
eine auf öffentliche Veranstaltung erscheinende und von G. Storm besorgte 
Ausgabe der Abhandlungen P. A. Munch's. Von diesen „Samlöde Afliand- 
lingcr", welche auf vier Bände veranschlagt sind, ist bereits der erste Band, 
sowie Heft 1 — 3 des zweiten erschienen. Wer die Zahl, Bedeutung und Zer- 
streutheit der kleineren Aufsätze Munch's einigermaßen kennt, wird sich freuen, 
dieselben endlich in einer handlichen Gestalt zur Verfügung zu bekommen; ich 
wenigstens muß gestehen, daß mir trotz langjährigen Sammclns nordischer 
Litteratur und vielfach dabei genossener freundlicher Unterstützung manche 
dieser Aufsätze, jetzt zum ersten Male zugänglich geworden sind. 



LITTERATUR: K SCHBÖDEB Rl LNKE DE VOS. 105 

Zum Schlüsse mag es noch gestatte! sein, auf zwei Schriften aufmerksam 
zu machen, welche allerdings nur in weiterem Abstände hieher gehören, näm- 
lich auf Hans Olof Hildebrand Hildebrand's „Statens historiska Museum 
ocli Kongl. Myntkabinettel i Stockholm", und dessen: „De förhistoriska Polken 
i Europa", von welchem letzteren Werke freilich vorläufig nur das erste Heft 
vorliegt. Heide Veröffentlichungen gehören dem vorigen Jahre an; beide sind 
weniger auf Männer vom Fach berechnet, als auf das wissenschaftlich gebil 
Publikum im Allgemeinen; beide werden aber bei ihrer klaren und kurzen 
Darstellung und der reichlichen Beigabe gut gewählter und ausgeführter Illu- 
strationen gewiß gar Manchem als ein willkommener Behelf zur Orientierung auf 
einem Gebiete dienen, welches dem Historiker und Philologen nahe genug liegt, 
um von ihm nicht ignoriert werden zu dürfen, und doch auch wieder ferne 
genug, um ihm gründliches und selbständiges Einarbeiten unmöglich zu machen. 

K. MAURER. 



Reinke de Vos. Herausgegeben von Karl Sehroder. Leipzig. • F. A. Brock- 
haus. 1872. Mit Einleitung, Anmerkungen und Wortregister, kl. 8. XXVIII 
und 332 Seiten. 

Die vorliegende Ausgabe des H. V. bildet den zweiten Band der zweiten 
Folge in der Sammlung deutscher Dichtungen des Mittelalters, herausgeg. zuerst 
von Franz Pfeiffer, jetzt von Karl Bartsch. Bekanntlich verfolgt diese Samm- 
lung ausgesprochenermaßen den Zweck, die hervorragenden Dichtungen des 
Mittelalters auch dem großen Publikum zugänglich zu machen. Je wünschens- 
werther nun aber die Erreichung dieses Zweckes erscheinen muß, um so ent- 
schiedener ist es geboten, gegen eine so unpraktische, unwissenschaftliche und 
flüchtige Ausgabe wie die vorliegende bei Zeiten aufzutreten und diese Art 
des Arbeitens in gehöriger Weise zu beleuchten. 

In der Einleitung gibt der Herausgeber nach einigen Mittheilungen über 
die Geschichte des Thien-pos u. s. w. einen Überblick über die Reimverhältnisse 
im R. V- und ■ damit auf das Gebiet der tonlangen Vocale und des l'm- 

lauts. Hiermit eh zwei Hauptmängel berührt, an denen die vorliegende 

A jgabe leidet. Hr Sehr hat nämlich im R V. (wie ähnlich in Beinen schon 
früher erschienenen Ausgaben mnd. Denkmäler versucht, Nergers principiell ja 
ganz richtige Theorie von dem Unterschied« tonlanger und grammatisch langer 
ile in der Praxis durchzuführen Iramm. d. mecklenburg. Dia- 

lectes. Leipzig 1869 und 1'. G rmania XI S. 152 (F.), indem er die ersteren 

nicht bezeichnet, die letzteren i überall mit dem Circumflex versieht. 

I; l .n wird die vorliegende für die mnd. Längenbezeichnung 

lehrreich, denn Hr. Sehr, verwickelt sich bei seinem Verfahren in die 
größten Widersprüche und beweist damit zugleich, wenn auch sehr gegen Beinen 
Willen, daß N heorie in der Praxis nicht durchführba t. 3o lange es 

sieh nämlich nur am grammatisch lange and tonlange Vocale in offenen Silben 

delt, so lange i-t die Unterscheidung derselben durch Setzen und Nichtsel 
des Circumflexes viellei< annehmbar; sobald aber der Fall eintritt, «laß 

ein tonlai il durch Abfall oder Ausfall des Vocals d< len Silbe 

aus einer offenen Silbe in i beben kommt und seine I 



LQ6 LITTERATUR: K. SCHRÖDER, REINKE DE VOS. 

länge beibehält, dann ist die Verlegenheit wegen der richtigen Bezeichnung groß, 
denn dann handelt es sich um den Unterschied zwischen grammatisch langen, 
tonlangen und kurzen Vocalen. Nerger verwendet in diesem Falle für die ton- 
langen Vocale den Strich statt des Circumflexes ; Hr. Sehr, aber, der wohl mit 
Recht den Strich in der Ausgabe eines Denkmals nicht verwenden zu dürfen 
geglaubt hat, schwankt, in der größten Verlegenheit zwischen dem Circumflex 
und der Nichtbezeichnung hin und her und stempelt dadurch, nach seinem 
Princip, seine tonlangen Vocale entweder zu grammatisch langen, oder er ver- 
leitet den Leser, z. B. das e in mer (Meer) für eben so kurz zu halten als 
das in vel (Fell). Er schreibt also bewärde betälde, vormände, begerde, begert, 
vorworn, tovörn — warum nicht auch gränken, spelde? Er schreibt ferner schär 
Schaar), kär (Karre), war (Waare), hän (Hahn), aber her (her), her (Heer), 
er (ihr), mer (Meer), ber | Bär), smer (Fett), dor (Thür), vel in velvrätz (Viel- 
fraß), spei (Spiel), die ja alle ebenfalls aus zweisilbigen Wörtern verkürzt sind. 
I >«e im Druck von 1498 so häufige Schreibung beer, meerape, veelvratz, beer, 
speel, veel u. s. w. hätte Hrn. Sehr, den Circumflex auch für diese Worte plau- 
sibel macheu müssen, aber er hat sich gefürchtet, damit seinem Princip in's 
Gesicht zu schlagen. Nun sagt Nerger §.26, daß ä und ä allerdings identisch 
seien, stellt aber die Gleichheit von e und e, 6 und ö in Abrede. Wenn sich 
min auch gegen diese Behauptung, namentlich gegen die Art ihrer Begründung 
noch Einiges sagen ließe, so hält sie doch Hr. Sehr, für richtig, und da er 
für die tonlangen Vocale in geschlossenen Silben nur die Wahl zwischen Cir- 
cumflex und Nichtbezeichnung hat, so versieht er die a mit dem Circumflex, 
obwohl auch nicht einmal durchgängig, und lässt die e und o unbezeichnet. 
Allen diesen Widersprüchen wäre Hr. Sehr, entgangen, wenn er sich nicht auf 
die Unterscheidung der tonlangen und der grammatisch langen Vocale gesteift 
und das Mnd. in die Schablone des Mhd. zu pressen versucht hätte. 

Daß die grammatisch langen Vocale in offener Silbe ihre ursprüngliche 
Länge behalten haben, wird heute trotz Grimm Gr. I 3 251 Niemand mehr 
leugnen; dieselbe Länge, wenn auch vielleicht eine etwas andere Aussprache, 
muß man aber auch den tonlangen a, e und o zugestehen, und will man den 
ersteren den Circumflex geben, so gebührt derselbe auch den letzteren. Das 
hieße freilich die Texte ir.it Circumflexen überladen und sie ungenießbar macheu. 
Warum also nicht zu der so einfachen und ungemein praktischen Schreibweise 
zurückkehren, welche Grimm selbst vorgeschlagen hat, nämlich die (grammatisch 
und ton-) langen Vocale nur in geschlossenen Silben mit dem Circumflex zu 
versehen, in offenen dagegen unbezeichnet zu lassen! Selbst der Anfänger, der 
nur Einmal in Grammatiken oder Vorreden auf diese Bezeichnungsart auf- 
merksam gemacht ist, wird sich leicht in dieselbe schicken, während er sich 
in dem Schröderschen Bezeichnungslabyrinth nur mit Mühe zurechtfinden wird. 
Eine zweite Schwierigkeit tritt bei Nergers Unterscheidung der grammatisch 
langen und der tonlangen Vocale dann ein, wenn es sich um die Bezeichnung 
solcher Vocale handelt, die, obwohl ursprünglich kurz, durch den Einfluß der 
•nden Consonanten, insbesondere des r, rd, rt, in, auch 1 und m lang ge- 
worden sind, vgl. Nerger Gr. §. 12, 13 Anm. 2. 20 Anm. 2, 22 u. s. w. Ich 
selbst halte die Länge solcher Vocale, wenigstens im 15. Jahrb., theilweise 
noch für sehr unsicher, da man selbst Denkmäler größeren Umfangs (Rein. V. 
1498. Todtentanz 1489 und 1496 u. s. w.^ durchsuchen kann, ohne nur ein 



LITTERATUR: K. SCHRÖDER, REINKE DE VOS, 107 

einziges Mal vor r.l. rt, m statl eines graminat. kurzen a, e, o ein ae, ee 
zu finden; vor einfachem r erklärt sich dergleichen durch Tonlänge (s. oben) 
nach abgefallenem Endvocal. andererseits aber finden sich auch einzelne baat 

: , was (war», laand Land u. s. w.. die mit demselben Recht dafür citierl 
werden könnten, um auch bat, was, laut u. -s.w. zu schreiben, was meines 
Wissens bis jetzt noch Niemand gethan hat. K< werden also solche vereinzelte 
Längenbezeichnungen vielleicht der breiteren Aussprache eines einzelnen Schrei- 
bers zuzuschreiben sein. Nehmen wir nun aber an. daß in solchen Fällen der 
Vocal wirklich lang geworden sei, so müssten wir nach Nergers Unterscheidungs- 
prineip für diese durch Consonanteneinfluß entstandenen Längen eigentlich noch 
ein drittes Zeichen erfinden, da ja dieselben weder grammatisch lang noch 
tonlang sind und also weder den Circumflex noch den Strich erhalten dürfen. 

»er setzt theilweise den Ersteren, theilweise den Letzteren. Hr. Sehr, aber 
nur den Circumflex, jedoch wiederum mit der größten [nconsequenz. Er sehreibt 
zwar bärt, kreitwärder, erde, gerne, bernen (!! brennen), wört, hörn (Hörn), 
aber swart (wenigstens 3740 und 5909, dagegen im Wortreg. und V. 740 mit 
Circumflex), werden, worden, kort, borde (Bürde), born (Born) u. s. w., ja sogar 
start neben stert; tl^n Verbindungen des r mit anderen Consommten seheint 
er die Verlängerungskraft nicht zuzuschreiben, nur honnichmärket und kerleman 
werden mit dem Circumflex bedacht, jedoch verliert das letztere Wort denselben 
wieder im Wortregister! Eine andere in der Praxis wunderlich genug er- 
scheinende Consequenz der Bezeichnung aller grammatischen Längen ist die, 
daß Hr. Sehr, allen einsilbigen, vocaliseh auslautenden Wintern, sogar dem 
Artikel de (wahrscheinlich «'('gen des alten thie u. s.w.) durchgängig den Cir- 
cumrlex gegeben hat. Ich habe schon einmal gelegentlich auf den schönen Vers 
682 dat was de de de besten grutte konde beroiden u. s. w. aufmerksam ge- 
macht: man kann da nur fragen: Warum nicht beim Alten bleiben und alle 
auslautenden Vocale ebenfalls unbezeichnet lassen? Länge und Kürze ergeben 
sich von selbst durch Hochton und Tiefton. Vgl. Grimm Gr. I' 1 2(50 und Nerger 
Gr. §. 45. Aber auch sonst hat \\r. Sehr, in Bezug auf Langen und Kürzen 
zuweilen ganz eigene Gedanken. Wie <!<"• durch thie, so ließe sieh allenfalls 
auch eschen durch alts. eskon erklären vgl. Nerger §. 66, Anm. , wenn auch 
die durchgehende Schreibung esschen sehr gegen die Länge des e spricht, doch 
beweisen lässt sieh die Kürze nicht. Was soll aber der Circumflex in kräschen und 
Dräschen, welche doch nur Nebenformen von krassen kratzen und brassen sind! 
Ebenso unerklärlich ist sIepen schleppen und segel sTgillum), neben welchem zum 
Überfluß noch ein paar Mal seggel vorkommt! Lud andererseits, warum hat Hr. 
Sehr, den Circumflex nicht gesetzt in blekent (Blöken, onomatopoietikon !), eventür 
(äventiure), licht (leicht, lil I 'I atui 

lautenden !. ; im Original? Daneben aber doch 
richtig Wackei Hen die räthselhaften Worte 

zu Y. stof, mhd. stoup, mit kurzem Vi en di i lautenden f?! 

Vgl. ) Hinzuzufügi >. daß di I des zweiten i 

in [8egrim Behr wahrscheinlich ist vgl. Lübben, die Thiernamen im Rein. 
Oldenb. 1863), und daß die l n henk, genk, venk durch die Neben- 

formen hink, gink, vink -ehr in I teilt wird, vgl. auch vallen, vel, vellen, 

ville. Jedenfalls hätte \lv. Sehr, neben benl nk auch orlicb, licht Licht . 

ordel, vordcl (und zwar nicht nu chreiben müssen. Unser ..II 



108 LITTERATUR: K. SCHRÖDER, KEINKE DE VOS. 

erscheiut im R. V. in drei Formen: here, her und her, von denen die zweite 
meist nur des Reimes wegen einsilbig geworden ist und daher stets mit ee ge- 
schrieben wird; die dritte dagegen hat einen kurzen Vocal und findet sich nur 
vor Namen und Titeln , oft mit diesen zu Einem Worte verbunden und zwar 
stets mit einfachem e geschrieben. Hr. Sehr, schreibt in beiden Fällen her. 

Der zweite noch mehr störende Mißgriff des Herausgebers besteht in der 
Wiedereinführung des von Lübben bereits beseitigten Umlauts. Hr. Sehr, hat 
sich nämlich vor die (wie schon Strobl in seiner Recension von Lübbens Rein. 
Vos. Germania 18(57 richtig ausgesprochen hat) völlig; unnöthige Alternative 
gestellt (S. XIX), entweder leugne man überhaupt das Vorkommen des Umlauts 
im Niederdeutschen vor dem Beginn des 16. Jahrhunderts, und das sei sehr 
gewagt, oder man erkenne sie alle an als factisch, wenn auch mit zweifelhafter 
Berechtigung bestehende. Er entscheidet sich nun für das Letztere, und setzt 
überall, wo im Original (nämlich nach Hackmann, s. unten) über o und u (ein- 
mal über a in ande 6405) ein rechts offenes Häkchen (kein e) steht, den 
Umlaut ä, ce, ö, ü , welches letztere Zeichen er sonderbarer Weise für Länge 
und Kürze verwendet, während er ce und ö von einander scheidet! Die vielen 
unsinnigen Formen, welche durch diese Umlaute entstehen, erklärt Hr. Sehr, 
damit, daß man ähnliche unorganische Umlaute in jeder Mundart kennen lerne, 
Umlaute, die entweder in der Mundart keinen Boden finden und bald wieder 
ausgeworfen werden, wie in unserm Gedichte z. B. hülde, schulde, müre er- 
scheinen, aber in der heutigen Sprache nicht in umgelauteter Form im Ge- 
brauche sind; oder aber, und das sei das Häufigere und wohl zu beachten, 
Umlaute, die trotzdem, daß sie unorganisch sind, dennoch von der Mundart 
festgehalten werden und im Gegensatze gegen die Schriftsprache mit Zähigkeit 
fortleben : noch heute sage man im Niederdeutschen heevet nhd. Haupt, leeven 
(glaeven) nhd. glauben, sceken nhd. suchen, döget nhd. Tugend, jöget nhd. 
Jugend, meet nhd. muß, speeken nhd. spuken — was nennt denn Hr. Sehr, 
unorganischen Umlaut? Ich wenigstens verstehe darunter den Umlaut, der 
ohne den Einfluß eines darauf folgenden ursprünglichen i entstanden ist, und 
begreife nicht, wie Hr. Sehr, als Beispiele für den unorgan. Umlaut heevet 
(haubith), loeven (galaubjan), sceken (sökjan), speeken (spökjan?) citieren kann, 
wenn er, wie es der Fall, im Mnd. überhaupt einen Unterschied zwischen 
organischem und unorganischem Umlaut macht. Jedenfalls glaubt er damit den 
Umlaut überall, wo das Häkchen steht, bewiesen zu haben; nur das deen für 
dön (thun) hat für ihn etwas Befremdendes, aber auch sogar in diesem Worte 
hält er den Umlaut fest, weil in Weinholds alemann. Gramm, der Gebrauch 
von tuen, düen in oberdeutschen Gegenden constatirt wird. 

Man sollte es kaum für glaublich halten , daß dergleichen Experimente 
mit einer Ausgabe gemacht werden, welche dazu bestimmt ist, das größere 
Publikum mit dem Reinke Vos bekannt zu machen! Selbst wenn Hr. Sehr, der 
Ansicht war, daß die Häkchen über den Vocalen den Umlaut bezeichnen, so 
mussten ihm die daneben vorkommenden Formen derselben Worte ohne Häk- 
chen doch sagen, daß die nicht umgelauteten (bis zum Jahre 1494 in Lübecker 
Drucken allein üblichen) Formen jedenfalls tadellos sind, und daß er dem Texte 
durch völliges Ignoriren des Umlauts wenig oder nichts geschadet hätte, daß 
er aber durch seine oe, ö und ü (die noch gar nicht so sicher sind, wie er 



UTTERATUR: K. SCHRÖDER, REINKE DE VOS. 109 

glaubt) die Ausgabe wenigstens für das größere Publikum fast ungenießbar 
gemacht hat. 

Dem Texte liegt nach Hrn. Schr's. Angabt' der Druck von 1 4 U 8 zu Grunde. 

Es ist jedoch dabei, wie sich leicht nachweisen lässt, fast nur Hackmanns Ausgabe 

benutzt, der Druck von 1498 aber, sowie Hoffmanns und Lübbens Ausgaben, wenn 

überhaupt, nur sehr oberflächlich verglichen worden. Solch Verfahren rächt sich 

selbst. Hr. Sehr, gibt zwar alle möglichen Curiositäten des alten Druckes wieder, 

z. 1>. geslachtz (Abkürzung für geslachtet 200, gisterren 284, twalf 2326, 

Beichgede 6311 (dazu eine lange Anm. im Wortregister, daneben aber be- 

seichede 47), aber gleich in V. 12 schreibt er mit gröten schal und erklärt 

dazu ausführlich, di • regelrechte Form sei eigentlich gröteme, grotem u. s.w. 

Hackmann gibt nämlich groten, aber im Druck von 14i*S (ich habe das Wolfen- 

bütteler Exemplar selbst verglichen) steht groß und deutlich da mit grotem 

schal. Denselben Hinweis auf die vollere Form hastigem und dem gibt Hr. 

Sehr, zu hastigen 2522 und den .' > 7 2 2 , wo der Druck von 1498 wiederum 

hastygem und dem, Hackmann aber hastygen und den hat. Ebenso liest er in 

dir Uberschr. zu 1 , 6 einen, 4 "> 7 den, (jberschr. zu 1, 8 in den böme, zu 

I, 18 vor einen kloster, 5161 up den, obwohl der alte Druck .eyne, de, iu 

de bome, vor eyne kloster, up d"? bietet und also die Wahl zwischen den n- 

und den richtigeren m-Formeu freistellt. Hack mann hat überall die ersteren, 

also auch Hr. Schröder. Nur einmal 1007, wo der Druck in de huß, Ha. 

in den huß hat, schreibt er in deine hüs. Fs redueiereii sieh also die 15 Fälle, 

in denen bei Hrn. Sehr, die n-.Form für die m-Form steht, auf 7: 23, 1259, 

1685, 2131, 2157, G17(>, 1390, wo allerdings deutlich in <!• u bot', eynen, 

in den hof, den grevink sinen, unsen vrunt, vor den dot, den Otter vn de kater 

steht Nachweisbar auf dieselbe Weise kommt Hr. Sehr, zu den Formen efte 

fct. eft 649, öges st. ogen 1245 (vgl. G515), mine st. min 1591, vreden st. 

vrede 1720, bildichlich st. bildichlik L921, alle st. al 3562, s§re : h§re st. 

ser : her 5311 : 12, het st. bete G413, bej I begunden 6519, kocke st. 

koke 6622. Auch seine Umlaute gerathen dadurch in Unordnung, z. ß. 6293 

und 6340, wo der Diuek don mit einem Häkchen, Hackmann aber don ohne 

dasselbe und also Hr. Sehr, don ohne Umlaut hat. Aber auch von Hackmann 

finden sieh Abweichungen und zwar gerade an Stellen, wo derselbe den Toxi 

ganz richtig wieder gibt. So schreibt Hr. Sehr. Kustevil Bt. Rustevile 660. bb'5, 

benevart (sogar im Wortregister) *t. bennevärt 2060$ dürb&rsten st. dürbäre- 

sten 4516, underslage ^t. undersloge 4521. lieble- st. hebbel 4666, lest st. 

leste 4784, wat st. wcs5210, don st. deen dit 6401, vinster st. venster 6439, 

proken, st. sproken 6450, se her st. se hir her 6484, Bineme st. sinem 

6723. — Die Glosse hat Hr. Sehr, sieh und dem Leser mit Recht geschenkt. 

in den Anmerkungen sind vor Allem die schwierigeren Verbalformen erklärt 

worden, wobei des Guten vielleicht hin und wieder etwas zu viel gethan i-t; 

um so wünsch nswerther wäre i ■ en, wenn Hr. Sehr. Formen wie 

terer 5006 nicht ganz mit Still.- hweigeu übergangen hatte. Dil m Ligen 

Bachlichen und grammatischen Erklärungen Bind jedoch "it recht bedenklich; 

holt und'- et 215 erklärt er holt unde et, hole es und ib. ohne zu bedenken, 

dafi Isegrim dem Reinke das Krummholz Belber hinreicht V. 217), »lab nicht 

nicht nur im ganzen R. V. Bondern auch Bonst im Mnd. das Wort holen „b 

i In ieben n och wenigstens halt un 



HO LITTERATUR: K. SCHRÖDER, REINKE DE VOS. 

lauten müsste; holt ist natürlich im}), von holden. Seinem hol't zu Liebe nimmt 
er sogar im Wortregister neben halen eine Nbf. holen auf! — 331 will er 
kloke hon zu Einem Wort zusammenfassen, ohne zu bedenken, daß dabei aus 
dem beabsichtigten „Kluckhuhn" beinahe ein „Glockenhuhn" wird. Schon im 
Chyträus (1525) steht S. 365 „Kluekhenne" und das Wort wird als Onoma- 
topoietikoii wohl immer so gelautet haben. Außerdem passt ja „das kluge Huhn" 
ganz vortrefflich in unsere Stelle. — Zu 601. 602 behaupte ich im Gegensatz 
zu Hrn. Sehr., daß der Gedanke bedeutend verlieren müsste, wenn statt 
och im Texte lep stände; daß der Bär blindlings Reinken nachfolgt, setzt 
durchaus nicht unbedingt voraus, daß R. snel unde swinde vorausläuft, vielmehr 
hätte eine solche Eile den Hären mißtrauisch machen müssen, und daß R. 
lügt, ist für den Gedanken durchaus nicht gleichgültig; gerade darin, daß R. 
durch seine Lügen den Bären übertölpelt, liegt hier die Hauptpointe. Außer- 
dem stellt sich ja R. als ob er kaum gehen könnte (V. 589), wie soll er da 
snel unde swinde laufen! — 1740 were he gut erklärt Hr. Sehr, unbegreiflicher 
Weise (wie Lübben): wäre er unschuldig, statt: wäre er edel, nobilis, in wel- 
cher Bedeutung gut ja oft genug vorkommt, vgl. den stehenden Ausdruck gude 
mans, Edelleute, auch R. V. 4422. 834 u. s. w. — In der Überschrift zu I, 21 
hält Hr. Sehr, die Form Reinkens (gen. sg.) für älter als Reinken — etwa 
weil das gothische Paradigma hanins aufweist? — Bei 2821 findet er in der 
Änderung sundeliker statt sunderliker viel Verlockendes; seit wann ist denn 
Brot eine söudliche Speise? Auch im Reinaert 3073 steht Sonderlinge spise 
und für sundelik ist die gewöhnliche Form sundich , sundichlik. — Zu 4748 
men van klokeme räde hebben se nen not erklärt Hr. Sehr., nen not könne 
auch als „keine Nuß, gar nichts" verstanden werden; abgesehen davon, daß 
bei allen solchen Wendungen (nicht ein kaf, nicht eine eierschelle u. s. w.) 
stets nicht ein, nie nen verwendet wird, so hätte Hr. Sehr, nur noch einmal 
in seinen Hackmann sehen sollen; derselbe schreibt ausdrücklich noet, wie der 
alte Druck. — In bringet men her dit vort ersten unde denne noch mer 5368 
fasst er vort als vor dat, für's Erste, vorläufig, statt: dies sofort zuerst u. s.w. 
Oder kann Hr. Sehr, für seine Auffassung Parallelstellen citieren? Für's Erste 
heißt mnd. int erste. — 5949 ist set dö ik hörde ganz unnöthig in set dat 
ik hörde geändert, vgl. auch Reinaert 6585 als ic dese tale hoorde, wo frei- 
lich die Satzverbindung etwas anders ist. Ebenso unnöthig ist die Umstellung 
von scholde und he in 6003 und noch unnöthiger die nicht einmal motivirte 
von Heft und he in 2600, wo auch bei Hackmann richtig Heft he steht. — 
Zu 6228 sagt Hr. Sehr., daß Grimbart die von der Äffin vorgesprochenen 
Worte, nämlich den Zauberspruch, ebenfalls über Reineke gesprochen habe; 
jedoch geht das so sprak ök de greviuk Grimbart allein auf 6227 zurück: 
set Reinke nü sint s;i wol vorwärt. Oder kennt Hr. Sehr. Beispiele davon, daß 
zwei Personen denselben Zauberspruch bei derselben Gelegenheit ab- 
beten , vielleicht um die Wirkung kräftiger zu machen? Warum sprach dann 
nicht lieber gleich die ganze Verwandtschaft den Spruch über Reinke?! — 
In 6616 edder de" recht de wärheit kende ändert Hr. Sein-, das erste de" in d<">; 
de, sagt er, wäre nur zulässig, wenn davor noch was stände. Warum nicht ein 
solches was einfach in Gedanken ergänzen? — 4783 allen dessen is he tö 
behende Unde lieft int lest einen beschetten ende. Hr. Sehr, macht heft zur 
t-Form der 3. pl. praes. und stellt es als Verbum zu einein ergänzten Subject 



LITTERATUR: K. SCHRÖDER: REINKE HE VOS. \\\ 

alle desse, statt einfach als Subj. ein it zu ergänzen; Subjectswechsel findet so 
wie so statt und die t-Form der 3. pl, praes. heißt nicht heft, sondern hcbbet. - 
Aus dem Wortregister liebe ich nur hervor, daß sich Hr. Sehr, zu dein falsch 
abgeleiteten plur, exe 5677 steht exen Äxte einen eigenen sing, ax statt exe 
gebildet hat, und daß er als nom. sg. statt probende, provene, Pfründe, die Form 
proven proeven ansetzt, wahrscheinlich wegen V. '1774. Einige Belege für dies 
Wort finden sich in meinem Lübecker Todtentanz (Heil. 1873) Anm. zu 25, 2. 
Schließlich bleibt noch zu rügen, daß Hr. Sehr, die Erklärungen seiner Vor- 
gänger fast überall benutzt hat, ohne, wie es üblich ist, dessen Erwähnung zu 
thun. Ich glaube mein Gesammturtheil über Hrn. Schröders Ausgabe nicht 
wiederholen zu brauchen; statt dessen noch ein paar Bemerkungen zu einigen 
bisher falsch erklärten Stellen des R. V. 

4425 erklärt Hoffmann: oder kann ich dessen nicht überhoben sein 
(vgl. d. Wb.), Schröder: oder kann ich mich nicht gütlich wegen der Sache 
mit ihnen vertragen. Meiner Ansicht nach bedeutet es jedoch: oder kann ich 
das nicht erlangen, daß man mich nämlich mit guden tugen zu überführen 
sucht (vgl. 4422), so fordere man mich zum Zweikampf heraus. Latet mi na 
rechte beteren dan heißt nicht: laßt mich mein Vergehen wieder gut machen, 
sondern: laßt mich mein Vergehen nach dem Gesetze büßen. Wenn 11. mit 
guden tugen einmal überführt war, so helfen ihm alle Versprechungen, sein Ver- 
gehen gut machen zu wollen, nicht das Geringste; so soll er auch in V. 1814 ff., 
nachdem er überführt ist, sofort gehängt werden. R. stellt also seinen Feinden 
die Alternative, ihn entweder mit Zeugen zu überführen, oder ihn, wenn sie 
das nicht können, zum Kampf herauszufordern; deßhalb verlassen ja auch Krähe 
und Kaninchen sofort den Hof, weil sie weder Zeugen haben noch kämpfen 
können, vgl. auch ihre Worte 4439 — 4454. — 5935 men mach jo to en tiden 
tor not erklärt Schröder nach d. Br. Wb., Hoffmann und Lübben): Man kann 
durchaus zur Noth zu ihnen ziehen, d. h. sie können für den Nothfall Schutz, 
Hilfe gewähren, man kann sie unter Umständen wohl brauchen. Die Stelle 
beruht auf einem Mißverständniss der Worte des Reinaert 6571: want het is 
een troostelik toetiden, denn das ist ein tröstlicher, erfreulicher Vortheil Zu- 
nahme, Zuzug), wozu vgl. 3'Jlb Want het is een seoon toetiden Te bebben 
kinder die sijn so vrome. — 6455 ik begere ok nergeus vor ju to leiden. 
Die bisher vorgeschlagenen Erklärungen 'beleidigen, Geleitsrechte üben, ver- 
leiten) sind sämmtlieh unwahrscheinlich. Die holländische Vorlage würde hier 
gewiß Aufschluß geben, In V. 6456 wal kan ik grotter sone beden würde 
nämlich das letzte Wort nach einer Zurückübersetzung in das Holländi 
nicht beden, sondern bie< wozu sieh <{<\- Keim lijden von selbst er- 

gibt: Ieli begehre auch nii I ien, den Vortritt zu haben. 

Bei der Übersetzung ins Nd. geriethen die Reime liden : beden in Verwirrung. 
Hr. Sehr etzt h ere für da Druckes;" leider hat hier 

wieder nur llaek.nann I Druck aber begberu. — Das anrieht 

Weise auch von Lübben beibehaltene nom. propr Als« (in der /.weiten Vorn 
für die im R. \. gar nicht vorkommende weibliche wilde Katze isl ebenfalls 
aui Hackmann zurückzuführen, der durch die unregelmäßige und durchaus nicht 
ebende In in des alten Druck'- verleitet wurde, in der Conjunction 

abe einen Eigennamen u sehen Dei Druck ron 1498 bietet Dämlich Bl, \ 
unten ff. Den greuynek beth be, grymbart De wylde katte. alze. den i. 



112 LITTERATUR: K. SCHRÖDER, BEMERKUNGEN ZUM VORSTEHENDEN. 

nomct he. Hyntzen De apen lietli he märten De apyr.n? heth he. vrow ruke- 
nauwe Deu tzegebock u. s. w. Natürlich ist, wie auch der Druck von 1517 
bietet, zu lesen: de wilde katte, alse den kater, nomet he Hinzen. 

BERLIN, im Mai 1873. Dr. H. BAETHCKE. 

Einige Bemerkungen zum Vorstehenden. 

Wenn ich der vorstehenden Recension meinerseits noch einige Worte 
hinzufüge, so geschieht es gewiß nicht um die Berechtigung derselben anzu- 
fechten oder um meine Ausgabe als ein opus omnibus numeris absolutum hin- 
zustellen. Das liegt mir völlig fern. Ich würde geschwiegen haben, wenn es 
sich nur um einzelne Ausstellungen, wären dieselben noch so zahlreich, handelte; 
ich würde mit stillschweigendem Danke dasjenige acceptiert haben, worin ich 
eine Berichtigung erkenne, und hätte im Übrigen der Sache ihren Lauf ge- 
lassen. Indessen handelt es sich hier daneben auch um principielle Streitfragen, 
und dieser Umstand mag es rechtfertigen, wenn ich zu Gunsten der von mir 
vertretenen Ansichten noch einmal das Wort ergreife, wenn es mir auch schwer- 
lich gelingen wird, diese beiden Fragen, welche allein ins Auge fassen zu wollen 
ich hiemit ausdrücklich erkläre, zum Austrag zu bringen. 

Das System der Längenbezeichnung und der Umlaut, das sind die beiden 
Dinge, gegen die Hr. B. im Wesentlichen seine Angriffe richtet. In diesen 
Punkten bin ich hauptsächlich wieder von der Praxis der Lübben'schen Aus- 
gabe abgewichen, und darum bin ich nicht erstaunt, Hrn. Lübben an der Seite 
meines Recensenten zu sehen (vgl. Zeitschr. f. deutsche Philologie V, «57 ff.). 
Jene Praxis ist freilich viel bequemer; sie gestattet es einer Menge von heiklen 
und unentschiedenen Fragen aus dem Wege zu gehen, aber verdient sie darum 
auch den Vorzug? 

Hr. B. hebt richtig hervor, daß ich die langen Voeale mit einem Cir- 
cumflex bezeichnet, die Tonlängen dagegen ohne Bezeichnung gelassen habe. 
In ersterer Hinsicht habe ich natürlich diesen Circumflex allemal gesetzt, wo 
nach meinem Dafürhalten vocalische Länge vorlag, nicht nur da, wo diese 
Länge sich von selbst versteht, wie Hr. B. und Hr. Lübben empfehlen; den 
Werth einer solchen Unterscheidung vermag ich nicht anzuerkennen. Die Ton- 
längen anlangend bekenne ich, daß ich dieselben nur mit Bedauern ohne ein 
besonderes Merkmal gelassen habe: die von Nerger eingeführte Bezeichnung 
durch einen Strich (p, ö) glaubte ich nicht verwenden zu sollen, worin mir 
auch Hr. B. recht gibt; ein anderes, von Hoffmann aufgebrachtes und von mir 
selbst in früheren Publicatiouen gebrauchtes Zeichen für tonlanges e (e) dient 
zwar diesem Zwecke recht gut, aber warum einseitig bei e die Tonlänge be- 
zeichnen, bei a und o aber nicht? Darum wurde auch von dem e abgesehen. 
Vielleicht ist ein Anderer erfindungsreicher als ich und beschenkt uns mit einem 
annehmbaren Zeichen für die tonlangen Voeale. 

Wie ist es nun aber in dem Falle zu halten, „daß ein tonlanger Vocal 
(durch Abfall oder Ausfall des Vocals der folgenden Silbe) aus einer offenen 
Silbe in eine geschlossene zu stehen kommt?" Dann geräth, meint Herr B., 
der Herausgeber „in die größte Verlegenheit". Doch wohl nicht in dem Grade, 
wie sich Hr. B. einbildet. Nehmen wir einige der vielen von Hrn. B. zur Er- 
härtung seines Ausspruches beigebrachten Beispiele. 



LITTERATUß: K. SCHRÖDER, BEMEßKUNGEN ZUM VOESTEHENDEN. H3 

Ich habe betälde, begerde, vorworn angesetzt und damit, wie Hr. B. sagt, 
die tonlangen Vocale zu grammatischen Längen gestempelt. Und das war auch 
in der That meine Absicht; ich halte wirklich in den genannten Fallen ä, e 
und 6 für richtig, nur beruht die Länge des ä auf einem andern Moment als 
die von e und 6. 

Hr. B. citiert Nerger §. 26, wo die Identität von ä und ä behauptet 
wird. Gegen diese Behauptung ließe sich, meinl Hr. 1!., Einiges sagen, aber 
was es ist, was sieh dagege ließe, das hat uns Hr. B. leider vorent- 

halten. Ich meines Theils bin mit Nerger's Ausführungen völlig einverstanden 
und gebe ihm auch recht, wenn er sich auf die heutige Mundart (das dem 
Lübeckischen so eng verwandte Meklenburgische) bezieht, die bei der Ent- 
scheidung derartiger Fragen doch sicher das Recht hat gehurt zu werden. Die 
heutige Sprache aber kennt bei a keinen Unterschied zwischen grammatischer 
und Tonlänge, zwischen a und ä, ihr ist jedes offene a lang, läteu (lassen) 
vollständig gleichwertig mit mäken (machen), wäter (Wasser) u. s. w., während 
sie doch e und e, ö und 6 sehr wohl zu trennen weiß. Demgemäß musste also 
betälde angesetzt werden, um zu verhindern, daß etwa Jemand betalde. wie 
nhd. Halde spreche. Ahnlich verhält es sich mit begerde und vorworn. Hier 
sind es die Consonanteuverbindungen rd und rn, welche die Länge des vorher- 
gehenden Vocals bedingen, wie gleichfalls Nerger an den von Hrn. B. selbst 
angezogenen Stellen ausgeführt hat, und wie ich abermals glaube mit vollem 
Rechte; Hr. B. hat auch hier sich den Gegenbeweis erspart. Weßhalb man 
aber zwischen Tonlänge und Länge schlechthin noch eine Zwischenstufe an- 
nehmen soll, das ist mir unerfindlich. Hier sollte wieder, wie ich meine, die 
heutige Sprache gehört werden. Und da wird jeder Kenner wissen, daß zwi- 
schen ürn (Ohren) und vorlürn (verloren), zwischen ürt (Ort) und lürt lauert), 
zwischen gelirt (gelehrt) und wirt (werth), zwischen im (ehren) und virn (fern), 
glrn (gern) u. s. w. ein Quantitätsunterschied nicht stattfindet. Und wenn das 
der Fall ist, ist man dann nicht bei begßrt und voiw.hu anzusetzen? 

Warum wäre denn das „abscheulich", wie HÖfer in Germania XVIII, II Anui. 
behauptet? Freilich muß ich annehmen, daß in den westlicheren niederdeutsi 
Mundarten das Verhältniss ein verschiedenes ist; sonst ist mir ganz unverständ- 
lich, wie Hr. Lübben a. a. 0. p. 59 an pert (Pferd) Anstoß nehmen kann. 

Wenn nun die Lautverbindungen rt, rd, rn Län irherg henden 

VocaL bewirken, so gibt es doch Ausnahmen von dieser Regel, und e 
Ausnahmen sind z. B. ßwart, kort und born. \\ ! unterworfen, 

so müsste es heute swört heißen wie bort (Bart), vört Fahrt) u. b. w., kürt 
wie wärt (Wort), vürt (f ••>'., bürn wie kürn (Koru . därn Dun u. b. w., 

während man eben mit aller Entschiedenheit swart, kort und born Bagt. Eine 
weiten- Ausnahme bilden mi Formen dea Verbum werden, 

doch kann ich mich vielleicht «laiin täuschen. \\ :ommende 

Form Btart anbetrifft, so verweise ich auf N 13. 

Ich muß Hrn. B. zugeben, daß man nicht h rt, rd, rn ein ae, 

ee, oe geschrieben fiudet, aber i ich darin nicht. 

mal gibt es genug 'reil g nur 

sein- sparsamen Gebrauch machen, wie z. B das Hartcbok, trotz seiner vor- 
wiegend niederländischen Vorlage, also l>-'i notorischer Länge des Vocale doch 
einfach gan, stan, Blan, Bloch, otmodich u. ■, w. schreiben, und ai 
QKBMAHIA. Neue Reih« VII. (XIX.) Jahrg. 



114 LITTERATUR: K. SCHRÖDER, BEMERKUNGEN ZUM VORSTEHENDEN. 

findet sich anderswo oft genug aa, ee geschrieben bei einfacher Tonlänge, wie 
gheschreeuen, de gheene, ja sogar bei offenbar kurzem Vocal, wie baat, laant 
u. s. w. Hätten mir diese Fälle, um mit Hrn. B. zu reden, „den Circumflex 
auch für diese Worte plausibel machen müssen", wie er es für beer, vee!, speel 
u. s. w. verlangt? 

Hr. B. hat vielleicht Recht mir vorzuwerfen, daß ich nicht gränken ge- 
schrieben habe, jedenfalls aber Unrecht zu glauben, daß ich auch hätte spelde 
ansetzen sollen. Zwischen begerde und spelde, die Hr. B. in Parallele stellt, 
besteht gar keine Analogie: in begerde wird das e lang durch folgendes rd, 
während ld einen gleichen Einfluß auf die Quantität des vorhergehenden Vocales 
nicht übt. Auch was die Wörter wie schär, kär, her, er, siner, dor u. s. w. 
betrifft, glaube ich im Rechte zu sein. Sie alle verdanken auslautendem r eine 
Dehnung des Wurzelvocals. die Kürze wird zur Tonlänge; nun fällt aber ton- 
langes a mit ä zusammen, und so kann schon in der älteren Periode schar 
und kar anstandslos mit jär und här reimen, wie sie denn auch in der heu- 
tigen Sprache durchaus gleichwertig sind (schör, kor, jör, hör), während her, 
er, mer, smer, dor u. s. w. mit ihrer Tonlänge in der Sprache sehr merklich 
von wirklicher Länge, wie mer, 1er (heute mir, lir oder mier, lier) u. s. w. unter- 
schieden sind. 

Hr. B. nimmt Anstoß daran, daß ich de (der, die) gesetzt habe. Dazu 
bewog mich der Umstand, daß in echt niederd. Schriftstücken häufig neben de 
auch die steht; z. B. Mekl. Urkundenb. VII Nr. 4630: sunte Martins dage 
die nu negest kumt; die hirna bescreuen stan; die slote vnde lant; die uiar- 
greue ; al die die durch den margreuen dün vnde laten willen u. s. w. Auch 
die breitere, noch heute vielfach gehörte Form dey spricht wohl deutlich genug 
für de. So heißt es im Urkundenbuch der Stadt Lübeck IV Nr. 251: Vort 
weit weten dat dey coningh van Engelant; dat gi op dey tut hir ouer komen 
moghten, des were dey kopman begerende; wert sake dat gi ghene breiue en 
hedden .... dat ju dey worden, wante wii meinen dat vus dey grotelich in 
steden solden stan; enen wisen taleman dey wol fransos kunne spreken. Unter 
diesen Umständen habe ich de, auch da, wo es der Vers einmal mit sich brachte, 
de de de gesetzt, woran Hr. B. großen Anstoß nimmt; gefällt ihm etwa de de de 
besser ? 

Wie die für de, so spricht gelegentliches hie für he, z. B. Mekl. Urkundenb. 
VI Nr. 3923, und sie für se, z. B. Brem. Gesch. Qu. 9 7. Was eschen betrifft, 
so beweist die Schreibung esschen gar nichts gegen die Länge des Vocals, 
denn beide Schreibungen wechseln und in manchen Gegenden, z. B. im 15. Jahr- 
hundert am Niederrhein wie in den Niederlanden und in diesen noch heute ist 
ssch die überwiegende Schreibung für seh, ohne jedwede Rücksicht auf Länge 
oder Kürze des vorhergehenden Vocals. Wegen des für Hrn. B. ,, unerklärlichen u 
slepon virweise ich ihn auf das mlid. Wb. II' 2 , 40 l b , 26: „slSpe niederd. für 
sleife". Von andern Fällen bekenne ich offen, daß sie mir zweifelhaft waren 
und zum Theil auch noch sind. Möglich daß segel falsch ist, obgleich ich der An- 
sicht bin, daß das nhd. „Siegel" seinen Diphthong niederd. Einfluß verdankt; 
möglich, daß ich hätte sweten schreiben sollen, wenn auch meims Wissens beide 
Formen, sweten und sweten, gleich sehr im Gebrauch sind, vgl. z. B. Schambach, 
Gött.-Grubenh. Idiotikon p. 221. Wenn ich bräschen schrieb, so folgte ich Hoff- 
mann, den ich nach der leichtfertigen Behauptung des Hrn. B. wenn überhaupt, 



LITTERATUR: K. SCHRÖDER, BEMERKUNGEN ZUM VORSTEHENDEN. 115 

jedenfalls sehr oberflächlich verglich, und ich denke mit Hoffmanu, daß die Neben- 
formen breschen und brieschen wohl für ein ä sprechen dürften; kräscheu musste 
dann natürlich analog mit a angesetzt werden; vgl. übrigens Schanibach a. a. 0. 
p. 32 und 111. Eben demselben Hoffmann bin ich mit voller Überzeugung gefolgt, 
wenn ich eventür schrieb trotz mhd. äventiure, denn man spricht im Nd. so: es liegt 
eben ein sehr einfacher Fall von Versuch einer Umdeutschung vor. Auch auf 
einige andere Fragen will ich Hrn. B. Kede stehen. Ordel und vordel, noch 
genauer ortel und vortel, sind heute die überwiegend gebrauchten Formen, vgl. 
Hoft'mann im Wörterbuch s. v. vordel, Schambach a. a. 0. p. 148, 277, Dan- 
neil Wörterb. d. altmärk.-plattd. Mundart p. 241; selbstverständlich kann diese 
Schwächung der zweiten Silbe erst im Laufe der Zeit eingetreten sein, und es 
wird eine Zeit gegeben haben, wo man promiscue ordel und ordel, vordel und 
vordel sprach; ein analoger Fall liegt beim nhd. Urtheil und Urtel, Drittheil 
und Drittel vor. Ich halte es daher für durchaus statthaft, neben ordel und 
vordel im Bedürfnissfalle, d. h. im Reim ordel und vordel zu verwenden. Ferner: 
Ich habe los geschrieben, weil es mir über allem Zweifel steht, daß man Niederd. 
los sagt, in den flectierten Formen meines Wissens nicht, obwohl das Brem. 
Wb. III, 87 neben een losen bove sogar een lossen vent anführt ; die Schrei- 
bung des Lübecker Drucks losz i:vosz) und loze entspricht durchaus der heu- 
tigen Übung. Zweifelhaft bleibt mir nur, ob die Sprache einen Unterschied 
machte zwischen los (lose, böse) und los (los, ledig). Sollte freilich, wovon ich 
keinen Grund einsehe, der Name des kleinen Hundes der Analogie dieses los 
gehorchen müssen , so würde ich mir als Fehler anrechnen , was Hr. B. für 
richtig erklärt, und hinfort Wackerlos schreiben. Übrigens schreibt auch Lübben 
v. 32 los, v. 71 Wackerlös. Für Hrn. Lübben bemerke ich, daß in der That 
in meiner Heimat — und wie ich aus Danneil a. a. 0. p. 45 ersehe , auch 
anderswo — die Aussprache des Wortes dwas entschieden kurz ist, trotz niederl. 
dwaas; wenn Hr. Lübbeu v. 830 selbst dwas (: was) ansetzt, so ist das dann 
also nur ein Druckfehler. 

Ein ähnlicher Fall liegt bei stof vor. Hier freilich kann ich es Hrn. B. 
nicht verdenken, wenn ihm meine Anmerkung rätheelhaft vorkommt, denn das 
Fragezeichen, welches ich in meinem Manuscript hatte, ist durch ein Druck- 
und Correcturversehen ausgefallen*). Ich wollte damit die Frage off< 
ob es unter dein Einfluß des auslautenden f geschehen sein könnte, daß stof 
(mhd. stoup) im Niederd. mit Entschiedenheit kurzen Vocal h inch 

r in Germania XVIII, 20); ein analoger Fall liegt bei oriof vor, und 
lautet der gen. stoves, der dat. orlöve. Ech habe endlich mit gutem Bedach! 
den von Hrn. B. mir angesonnenen Circumflex nicht gesetzt bei blekent und 
bei licht (mhd. lihtc). Bleken hat im Niederd. I . nicht langen V 

vgl. Schambach a. a. 0. p. 27 und Mnd, \YI>. I I tikon 

i->t, wie Hr. B. mit Ausrufungszeichen hervorhebt, thut doch wohl nichl 
Sache. Will im zweiten Falle Hr. B. im Ernste licht ansetzen, so kennt er 



* Ein anderer, nicht mindei ehler, auf den ich erst durch 

Hrn. Lübben aufmerksam werde, steht im Wörterverzeichnis« I 

des sinnlosen „zusammen-' vielmehr „zukommen* 

D Sinn, wenn ich auch antik« Dl 

klärt hat als ich. 



116 LITTERATUR: K. SCHRÖDER, BEMERKUNGEN ZUM VORSTEHENDEN. 

eine der Eletnentarregeln der Quantitätslehre im Niederd. nicht, welches vor 
cht keine Vocallänge duldet, so wenig wie vor ft und pt. Warum tadelt Hr. B. 
denn Lübben nicht, der ebenfalls ganz richtig bicht (mhd. bihte) und licht 
(mhd. lihte) ansetzt? Und wenn Hr. B. hier und in andern Fällen meine 
Schreibung durch Hinweise auf die entsprechenden mhd. Formen berichtigen 
will, unterliegt er nicht selbst dann dem gegen mich erhobenen Vorwurf, „daß 
ich versucht hätte, das Mnd-. in die Schablone des Mhd. zu pressen?" Schließ- 
lich meinerseits noch die Frage: ist Hr. B. wirklich der Ansicht, daß von vallen 
das praet. vel lautet? Mit dieser Meinung dürfte er ziemlich vereinsamt stehen; 
vgl. Nerger §. 90. 

Ich wende mich nun zur zweiten der principiellen Fragen, zum Umlaut. 
Hoffmann hatte, wie man weiß, demselben in seiner Ausgabe eineu ziemlich 
weiten Spielraum gelassen. Diesen Umlaut hatte Lübben „glücklich beseitigt", 
wie Hr. B. sagt — ich möchte lieber sagen „escamotiert" — und auch Nerger 
will einen Umlaut von o und u — der Umlaut von a ist auch für frühere 
Perioden nicht angefochten — im Niederd. vor der Mitte des 16. Jhs , oder 
vor der Reformation, wie Hr. Lübben annimmt, nicht gelten lassen. Indessen 
habe ich wenigstens die Beruhigung, bei meiner Auffassung mich mit andern 
gleichfalls bewährten Kennern des Niederdeutschen im Einklang zu befinden. 
Es mag mir gestattet sein, hier auf Homeyer's Sachsenspiegel (3. Ausg.), Einl. 
p. 99 zu verweisen und mich auf einen Brief des nun leider verstorbenen 
Schiller zu beziehen, der mir am 12. Juni d. J. schrieb: „Übrigens habe ich mich 
gefreut über Deinen Ausspruch, den Du in der Einleitung zu Deinem R. V. 
S. XVII f. gethan hast", und in einem weiteren Schreiben vom 18. Juni mich 
nochmals seiner Zustimmung versicherte. Doch lassen wir die Autoritäten und 
treten der Frage selbst etwas näher. 

Ich habe ein gewisses Zeichen im Lübecker Druck der R. V. für die 
Bezeichnung des Umlauts erklärt*) und dadurch das Mißfallen des Hrn. B. 
erregt. „Kein e", sagt er, „sondern ein nach rechts offenes Häkchen!" Nun, 
meinetwegen, kein e. Aber dieses nach rechts offene Häkchen ist, wie Jeder- 
mann weiß, ein in Hss. des späteren MA. häufig vorkommendes Zeichen und 
in oberdeutschen Hss. bisher ohne Widerrede für das Zeichen des Umlauts 
genommen. Es ist ferner bis in unser Jahrhundert hinein in den weitaus mei- 
sten Fracturdrucken das reeipierte Zeichen für den Umlaut gewesen , bis es 
durch ä, ö, ü verdrängt wurde. Es ist ferner dasselbe Zeichen, welches neuere 
Fracturdrucke mit ihren schärferen Typen durch ä, 6 und ü wiedergeben, und 
Niemandem ist es eingefallen, in solchen Ausgaben, wie z. B. Städtechroniken, 
Kurz' Deutsche Bibliothek u. a. m. , zu sagen, damit sei nicht der Umlaut 
gemeint. Urkundenbüchcr, welche sich der Antiqua bedienen, haben ebenfalls 
die Zeichen ö, ü adoptiert. Endlich ist das nach rechts offene Häkchen selbst 
bei Ausgabrn niederdeutscher Texte, die dießseits der Reformation entstanden, 
wie z. B. Neocorus, ohne Widerspruch als Umlautszeichen angesehen. Aber im 
R. V. von 1498 hat eben dieses Zeichen gar keine Bedeutung, überhaupt ist 
es vor der Reformation ohne Inhalt, erst seitdem bezeichnet es den Umlaut! 



*) Hr. B. ist in seinem Rechte, wenn er mir vorwirft, einige Umlaute für un- 
organisch erklärt zu haben, die in Wahrheit organische sind. Für die Umlautsfrage 
selbst aber ist dieser Fehler irrelevant. 



LITTERATUR: K. SCHRÖDER, BEMERKUNGEN ZUM VORSTEHENDEN. H7 

Ich weiß wohl, man bat gesagt und Hr. Lübbcn a. a. 0. wiederholt es, 
die Schreibung dun, die außer im R. V. von 1498 auch z. B. Lübecker 
Urkundenb. IV p. 101 Nr. 106 erscheint (dar to dön dat beste), sei nur eine 
abweichende Art der Längenbezeichnung. Dabin würden dann also auch Formen 
gehören wie Lüb. Urkundenb. IV p. 100 Nr. 105: verzönet, p. 101 Nr. 106 
v.'ghen, p. 128 Nr. 134 prövet, p. 129 Nr. 135 möte, p. 393 Nr. 361 bmno, 
behoven u. s. w., denn hier bandelt es sich um unbestrittene Vocallänge. Auch 
für Tonlunge könnte man die Schreibung passieren lassen, wie Mekl. Urkundenb. 
VII p 128 Nr. 4457 to ddgende, p. 275 f. Nr. 4630 tnSlen, upburen, ib. VI 
p. 462 f. Nr. 4114 schulen, hove, p. 4R9 Nr. 4142 siner s<»ne u. s. w. In- 
dessen ist mir die Schreibung Lübeke und Inbescher (z. B. Lüb. Urkundenb. 
IV p. 410 f. Nr. .'575, p. 727 Nr. Uli u. öfter) wohl begegnet, aber nie die 
andere Luebeke und Iuebescher, die doch auch vorkommen müsste, wenn es 
sich nur um eine andere Art der Längenbezeichnung handelte. Und wie steht 
es denn in den Fällen, wo abermals 6 und ö geschrieben steht und doch von 
einer Längenbezeichnung keine Rede sein kann, weil die Vocale kurz sind? 
So z. B. Lüb. Urkundenb. IV p. 410 f. Nr. 375 stucke, di ufteynhundert, 
p. 412 Nr. 376 hcgcholten, olderen, p 517 Nr. 471 börgermestere mehrmals, 
Mölne (Mölln), p. 528 Nr. 483 vorsten, p. 129 Nr. 135 ghönnen; ferner Mnd. 
Wb. I. 72'', 22 wörde nu einer ... verkörtet, ib. 173 b , 40 were dat user 
ienich des anderen bedachte u. s. w. Und wohlgemerkt: alle diese angeführten 
Stellen werden heute mit unbestrittenem Umlaut gesprochen. Selbst in einer 
lateinischen Urkunde im Lüb. Urkundenb. IV p- 665 Nr. 597 lese ich Hinrico 
Bützowe (Bützow noch heute ein Name). 

Doch sehen wir ab von 6 und u: das Niederdeutsche hat noch andere 
Arten, den Umlaut zu bezeichnen. 

Heyne in „Kleine altsächs. und altniederfränk. Grammatik" p. 10 führt 
aus der Essener Heberolle eine Stelle an. wo wahrscheinlich die Schreibung 
io nur einen unserm ii ähnlichen Zwischenlaut des u bezeichnen soll*). Hier 
wird das i zu Hilfe genommen, um den Umlaut auszudrücken, wie auch anderswo, 
z B. Mekl. Urkundenb. VI p. 161 Nr. 3767 (anno 1315) huÜden (vgl. hülde 
R. V. 2149). ferner tu tiuge ib. p. 29<; Nr. 3923 (anno 1317) und Lüb. 
Urkundenb. IV p. 100 Nr. I05»tuycb (Zeugniss), heute tüchniss und eb 
fcochnisse Lüb. Urkundenb. IV p. 410 Nr. .°>7;>. Und wenn man weiß, daß nhd. 
„Silber" und „selber" im Niederd. heute BÜlver und BÜlven heißt, im Mnd. 
meist sulver und sulven geschrieben, und man begegnet dann der Schreibung 
siluer und to der siluen thyt und dat silue (daneben in derselben Urkunde 
in der suluen wis) Mekl. Urkundenb. VI p. 239 Nr. .".SCO anno 1316 , p 
Nr. :!!")l!i (anno 1317) — dann ist es u, Altena schwer zu verkennen, 

daß hier i wie u nur Schreibungen sind, und ü, das heute übliche, gemeint i 

Nicht weniger wahrscheinlich i I es mir, daß in vereinzelten Fällen man 
sich auch des y bediente, um ü zu bezeichnen. Das Wort „Zeuge" z. 1'-. lautet 



*) Da auch das Mitteldeutsche das Schicksal de« Niederdeutschen theilt, daß 
<r einer gewissen Periode der Umlaut abgesprochen werden -.11. 

Einsicht beiläufig aufWeiske'a Sachsenspiegel, '.. Ami. bearb. von Hilde- 



ihm vor 

ich in 

brand p. XII] tmd Note l 

**) Vgl. HUdebrand a. a. O. 



118 LITTERATUE: K. SCHEÖDEE, BEMEEKUNGEN ZUM VOESTEHENDEN. 

nd. heute tüge, in älteren Denkmälern gewöhnlich tughe, aber, wie eben be- 
merkt, auch tiuge; in der Schreibung tyghe steht es z. B. Mekl. Urkundenb. 
VII p. 11 7- Nr. 4444 (anno 1323). Ferner: Jedermann kennt die Namen Lützow 
und Bülow, in den Urkunden meist Lutzowe und Bulowe geschrieben. Ist es 
schon an und für sich unwahrscheinlich, daß so alte Geschlechtsnamen plötzlich 
seit der Reformation ohne weiteres vom Umlaut ergriffen worden seien, so fällt 
das noch schwerer zu glauben, wenn auch die Schreibungen Lytzowe (Mekl. 
Urkundenb. VII p. 131 Nr. 4461) und Bylowe (ib. p. 292 Nr. 4644) be- 
gegnen. Die Wahrheit wird sein, daß diese wie andere ähnliche Namen von je 
mit Umlaut gesprochen wurden. 

Das y ist, wie man weiß, in den skandinavischen Sprachen der Umlaut 
von u. Wäre es wunderbar, wenn diejenigen Striche Niederdeutschlands, welche 
Jahrhunderte lang im allerengsten Verkehr, friedlichen wie feindlichen, mit den 
skandinavischen Völkern standen, auch sprachliche, orthographische Einflüsse 
erfuhren? Ich denke, dieselben liegen für jeden, der sehen will, deutlich genug 
zu Tage. Im Dänischen ist das Zeichen des umgelauteten 0, und dieses selbe 
Zeichen findet sich überaus häufig in Urkunden in denjenigen Gegenden, welche 
dänischen Einflüssen ausgesetzt waren. Wie, frage ich, kamen die niederd. 
Schreiber dazu, dieses „unbequeme", wie Grimm sagt, Zeichen zu entlehnen? 
Hatten sie gar kein Verständniss davon, was dieß in der Sprache, aus der 
sie es entlehnten, bedeutete? Wie viel natürlicher ist es, anzunehmen, daß sie 
es mit Bewusstsein verwandten für den Umlaut, den es dort bezeichnete , für 
den es aber in der Heimat — die unsicher tastenden Schreibungen , welche 
ich bereits anführte, lehren es — an einem recipierten Zeichen fehlte*). Wenn 
das keinen Zweck hatte, warum brauchen es denn die Schreiber bei niederd. 
Namen sogar in lateinischen Urkunden? So steht im Liib. Urkundenb. IV p. 665 
Nr. 597 domino Johanni de Stoue, im Mekl. Urkundenb. VI p. 389 Nr. 4025 
Pole (die Insel Pol bei Wismar), ib. VII p. 375 Nr. 4746 procurator Thome 
Morkerken, und die Herausgeber des Mekl. Urkundenb. haben ganz gewiß 
recht, wenn sie Namen wie Smodesin (VII p. 63 Nr. 4387), Korneco (ib. 
p. 85 Nr. 4414), Bre0ghe (ib. p. 295 Nr. 4649) u. s.w. in den Überschriften 
als Smödesin, Körneke und Breöge wiedergeben. Andere Namen sind Madentin 
(ib. p. 122 f. Nr. 4452), Kx&pelin, Str^mekendorp (ib. p. 611 f. Nr. 4973), 
lauter Namen die heute Mödentin, Kröpelin, Strömkendorf lauten. Die Verwen- 
dung des ist eine sehr reichliche; von den vielen Beispielen notier3 ich Lüb. 
Urkundenb. IV p. 199 Nr. 199 to Mane, ib. p. 727 Nr. 644 0reszunt, p. 442 f. 
Nr.. 453 voranderen, brake (vgl. R. V. 2380), p. 91 f. Nr. 93 bm-ghere mehr- 
mals, schalen (sollen, heute sölen); Mekl. Urkundenb. VI p. 157 Nr. 3764 
schulen, mrrghen, Schede, p. 288 f. Nr. 3919 meghen, vormoghen, orloghe, 
p. 294 Nr. 3921 l»uede (Gelübde), p. 336 Nr. 3962 benameden, mit deme 
thoulote mit deme afulote, malen, brokes, hoghisten, verkapende, w0lde (wollte), 
bedrouen, nakamelingen, geghenwardeghen (neben geghenwordich, anderswo 
ib. VII p. 232 Nr. 4584 iegenwerdigen, hier also vermuthlich das a nur eine 



*) Nerger §. 27 kennt dieses , will es aber nur als Zeichen der Tonlänge 
gelten lassen. Indessen zeigt sich die Unrichtigkeit dieser Auffassung dadurch, daß 
das in gleicher Weise bei Länge, Tonlänge und Kürze verwandt wird. Die weiter- 
hin folgenden Beispiele erhärten das. 



LITTERATUR: K. SCHRÖDER, BEMERKUNGEN ZUM VORSTEHENDEN. H9 

Verdumpfung des e zu ö, wie sie auch in andern Mundarten nicht selten ist), 
brodere (vgl. R. V. 5298), ib. VII p. 48 Nr. 4369 mnen, crm, lasen, p. 55 
Nr. 4377 ergenäroeden, harret, p. 122 f. Nr. 4452 hörende, biedere, tho 
donde(!), gegenwördicheyt , ani'Jörende , naknmeling, kapere, brerke, higher, 

klieren, bedroueu, scolen, inngheii. sone (Sohn, heute sün), dromet (Drömt) 
u. s. w. 

Also durchstrichenes o für ö. Aber auch ii niusste natürlich bezeichnet 
werden, und da ergab sich neben dem schwerfälligen in oder ui, uy, und neben 
y mit leichter Analogie des durchstrichenen o ein durchstrichenes v, also y, 
wie es gleichfalls Urkunden massenhaft verwenden. In dieser Form begegnet 
uns wieder der schon behandelte Name Lytzowe Mekl. Urkundenb. VI p. 336 
Nr. 39(52: VT1 p. 123 Nr. 4452. Und wie wir in lateinischen Urkunden bei 
der Wiedergabe niederd. Namen das Zeichen fanden, wo es nach meiner 
festen Überzeugung nichts anderes bezeichnen kann als den Umlaut, so steht 
auch in anderen lateinischen Urkunden y, wie Mekl. Urkundenb. VII p. 367 
Nr. 4733 Frater Johannes Bryseuitz (Brüsewitz noch heute ein Name) und in 
platea L^bicensi. Auch hier haben die Herausgeber genannten Werkes VJI p. 110 
Nr. 4437 Libekeruar in der Überschrift gewiß richtig mit Lübekervar wieder- 
gegeben und ib. p. 303 Nr. 4661 Krysekenberghe mit Krüsekenberge. Ich 
gebe auch hier einige weitere Beispiele, die sich mit Leichtigkeit verzehnfachen 
ließen: Mekl. Urkundenbuch VI p. 336 Nr. 3962 kristenlyden, betyghen, vor- 
mvnden. al vmme, alsvsdaner. svnderliken . Hinric bi der M^ren (! vgl. E.V. 
311. 381. 1140. 1633, nach Hrn. B. eine unsinnige Form), ib. VH p. 122 f. 
Nr. 4-152 lvdeu . Lybeke, svnderliken, Lfbeker, Syuerke, betvghinge. U'ghe, 
p. 335 Nr. 4700 th|gen, vonnvndere, p. 336 Nr. 4701 Lybeker penninge, 
tyghe, svnte Sanct: vgl. dazu sinte il». VI p. 336 Nr. 3962), p. 611 f. Nr. 4973 
krytze, ossenhvde, bukeshyde, styreman, dvdische seiplyde, lantlvde, stveke u. s. w., 
lauter Fälle, in denen heute der Umlaut herrscht. 

Ich will und kann hier keine Abhandlung über den Umlaut im Nieder- 
deutschen liefern; was ich angeführt habe, sind nur Andeutungen, die hoffent- 
lich Anderen ein Anlaß werden, diese Fragen näher zu untersuchen. Ich meines- 
theils kann nicht anders als glauben, daß wenigstens in den rechtselbischen 
Gebieten Niederdeutschlands mindestens seit dem 14. Jahrb. der Umlaut herrschte, 
wenn er auch — und darin liegt eine große Schwierigkeit — nicht regelmäßig 
geschrieben wurde. Denn in denselben Urkunden finden sich dieselben Wörter 
mit und «, mit v und v, wie Im Lübecker Druck des R. V. dieselben Wörter 
mit und ohne Häkchen, woraus nicht zu folgen braucht, daß dieß und jenes 
Wort bald mit, bald ohne Umlaut gesprochen sei: sondern gesprochen wurde 
es immer mit Umlaut, nur geschrieben häufig ohne Umlautezeichen. Das ist in 
andern Mundarten nichl anders. Derselbe Closener (Chroniken der deutschen 
Städte VIII) schreibt 21. 17 manig tusenl gevanger lute und 28, .".1 lüt 6in 
geheißen Valwen, schreibt 43, 16 lützel und 11!', 26 lutzel, Bchreibl 46, 6. 8 
trugener und 46, II trügener. Für einen Herausgebe) niederdeutscher Texte 
aber — das ist nach wie vor meine Meinung bleibt vorläufig nichts übrig 

»ich an die Praxis seiner Vorlage zu halten. Denn die Meinung wird wohl 
Niemand vertreten wollen: ea sei die Publication niederdeutscher Gedichte so 
lange zu Bistieren, bis die Umlautsfrage ihre endgültige Entscheidung ge- 
funden habe. 



120 MISCELLEN. 

Schließlich zwei Bitten, deren erste ich an Hrn. Lühben richte, auf dessen 
Schultern seit Schiller's Tode das ganze Mnd. Wörterb. ruht. Schiller theilte 
meine Ansichten über den Umlaut und wollte für sein Wörterbuch die Typen 
und y anfertigen lassen. Herr Lübben hingegen hat sich in den stärksten 
Ausdrücken gegen die Annahme des Umlauts für die frühere Periode des 
Niederdeutschen erklärt, er hat also von seinem Standpunkte aus gar keine 
Veranlassung, gewisse Häkchen und Zeichen, in welchen ich und andere „leicht- 
gläubige" Menschen Bezeichnungen des Umlautes sehen möchten , irgend zu 
beachten oder in seinem Wörterbuch zu reproducieren. Daß er aber der leicht- 
gläubigen Minderheit die Concession mache, eben jene Zeichen, wo sie ihm bei 
seinen Sammlungen für das Wörterbuch in Handschriften oder Drucken be- 
gegnen, zu conservieren , daß er uns auch die und -f nicht vorenthalte, — 
das ist es, worum ich ihn bitten möchte. Die andere Bitte ergeht an die- 
jenigen, welche Beruf oder Neigung der niederdeutschen Sprache und ihren 
Denkmälern zuführt. Mögen sie die Umlautsfrage ihrer Aufmerksamkeit und 
vorurtheilslosen Prüfung würdigen und die Ergebnisse ihrer Forschung uns 
nicht vorenthalten. Sind meine Ansichten irrig, so widerlege man sie mit ernsten 
Gründen und ich werde sie nicht länger hegen; bloße allgemeine Redensarten 
aber oder Epitheta wie „flüchtig, unwissend" u. s. w. werden diese Wirkung 
nicht haben. 

LEIPZIG. KARL SCHRÖDER. 






MISCELLEN. 



Übersicht 

der germanistischen Vorlesungen an den Universitäten Deutschlands, Österreichs, 

der Schweiz und Hollands im Winter 1873/74. 

Encyclopädie: Encyclopädie der deutschen (germanistischen) Philologie: 
Heidelberg-Bartsch; Geschichte der germanistischen Philologie: Bonn-Reifferscheid. 

Vergleichende Grammatik: Berlin-Ebel: Breslau-Stengler; Heidel- 
berg-Lefmann; Leiden-Kern; Marburg- Justi; vgl. Grammatik des Gothischen 
und Althochd. mit dem Griech. und Lateinischen: Halle-Pott; des Deutschen, 
Slawischen und Litauischen: Leipzig-Leskien; ausgewählte Kapitel der vergl. 
Grammatik: Greifswald-Höfer; Königsberg- Nesselmann; Einleitung in das Studium 
der vgl. Sprachwissenschaft: Gräz-Schmidt; Entwickelungsgeschichte der gram- 
matischen Formen in den indoeuropäischen Sprachen: Prag-Ludwig; Sprach- 
wissenschaft!. Glossologie, ihre Hauptergebnisse und ihr Studiengang: Straßburg- 
Bergmann; Classification und Geschichte der Sprachen: Zürich-Tohler; Phonetik 
oder natürliches System der Sprachlaute und sein Verhältniss zu den wichtigsten 
Cultursprachen : Bi eslau-Rumpelt. 

Deutsche Grammatik: Breslau- Rückert; Erlangen-Raumer; Gießen- 
Weigand; Heidelberg-Bartsch; Königsberg-Schade; Leipzig-Zarncke; München- 
Hofmann; Straßburg Scherer; Tübingen-Keller; Wien-Heinzel ; Zürich-Tobler; 
ausgewählte Kapitel: Halle-Zacher. 



MISCELLEN. 121 

Gothische Grammatik: Bonn-Diez; Dorpat-Meyer; Groningen-Moltzer; 
Halle-Hildebrand; Leiden-de Vries; Würzburg-Lexer ; Zürich-Haag. 

Althochdeutsche Grammatik: Münster- Storck; Prag-Kelle. 

Neuhochdeutsche Grammatik: Berlin-Begemann (Ak. f. ra. Phil.); 
Bonn-Birlinger ; Darlegung der deutschen Conjugation; Bonn- Andresen ; deutsche 
Syntax: Kiel-Groth. 

Altsächsische Grammatik: Leipzig-Paul. 

Altfriesische Grammatik: Leiden-de Vlies. 

Niederländische Grammatik: Groningen-Moltzer; Leiden-de Vries; 
Utrecht-Brill. 

Angelsächsische Grammatik: Groningen-Moltzer; Leiden-de Vries. 

Englische Grammatik: Berlin-Mätzner (Ak. f. mod. Phil.); Leipzig- 
Wüleker. 

Altnordische Grammatik: Göttingen- W. Müller. 

Deutsche Mythologie: Halle-Zacher; Innsbruck-Zingerle ; Marburg- 
Grein. 

Deutsche Alterthümer: Kiel-Weinhold; angelehnt an Tacitus' Ger- 
mania: Basel-Gerlach ; Berlin-Müllenhoff; Heidelberg-Scherrer; Leipzig-Brandes; 
Straßburg-Scherer; Zürich-Schweizer-Sidler; Culturgeschichte des Mittelalters: 
Münster- Xordhoff; Kunst- und Culturgeschichte der Stauferzeit: Breslau-Schultz; 
Beschreibung des alten Islands (874 — 1264): Kiel-Möbius. 

Deutsche Rechtsquellen, Erklärung: Breslau-Gierke; Göttingeu- 
Frensdorff; Wien-Schuster; Würzburg- Schröder; Sachsenspiegel: Berlin- Lewis ; 
Erlangen-Gengler; Kiel-IIänel; Leipzig-Höck ; Marburg - Rösteil ; Zürich- Orelli ; 
über deutsche Rechtsquellen : Ronn-Meibom. 

Deutsche Li tteraturgesch icht e: Heidelberg-Laur; bis zur Gegen- 
wart: Freiburg-Martin; Königsberg-Schade; Übersicht derselben: Dorpat-Maring ; 
Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur: Ronu-Simrock; Geschichte 
der altdeutschen Poesie: Berlin-Müllenhoff; Marburg-Lucae; Rostock-Rechstcin ; 
Würzburg-Lexer; allgemeine Geschichte der Poesie des Mittelalters: Göttingen- 
Gödecke; Geschichte der deutschen Dichtung von 400 — 1600: Zürich-Ettmüller; 
althochdeutsche Litteraturgeschichte: Jena-Sievers; Übersicht derselben mit 
Erklärung von Denkmälern: Göttingen-Wilken; mittelhochdeutsche Litteratur- 
geschichte: Bern-Schöni; Göttingen-Wilken; des 1">. Jahrhunderts: Leipzig- 
Paul; deutsche Literaturgeschichte im Mittelalter: Prag Kelle; vergleichende 
Litteraturgeschichte Deutschlands, Englands, Prankreichs von der Reformations- 
zeit bis zu Ende des 18. Jahrhs.: Leipzig-Biedermann; Geschichte der deutschen 
Dichtung Beil Beginn des 17. Jahrhs.: Göttingen-Tittmann; der deutschen Sprache 
und Litteratur seit dem 17. Jahrb.: Kiel-Groth; Neuere Litteraturgeschichte 
besonders des 17. und 18. Jahrhs.: Halle-Gosche; deutsche Litteraturgeschichte 
im 17. und 18. Jahrh. : ; 3cherer; des 18. Jhrs.: München-Berti 

Schiller: Wien-Tomaschek ; seil Ende des 18. Jahrhs.: Kiel- Weinhold ; im 
19. Jahrh.: Graz Schönbach; deutsche H< I l< a age: Gießen-Zimmermann; Leben 
und Dichten der Minnesinger: Münster Storck; über deutsche Lyrik (Fortsetzung): 
Leipzig-Minckwitz ; deutsehe Lyrik des 18. und 19. Jahrhs : Zürich- Stiefel; über 
das neue Volk lied, 1" onders des 16. Jahrhs., mit besonderer Verwerthung für 
die Culturgeschichte: Leipzig- Hildebrand; Geschichte der christlichen Dichtung, 
besonders bei den Deutschen: Braunsbei Lessing: Heidelh 



122 MISCELLEN. 

Fischer: Marburg-Lucae; als Philosoph und Dramatiker: Bern-Hobler; Ver- 
hältniss Lessings, Schillers und Goethes zur Philosophie: Bonn-Meyer; über 
Goethe: Göttingen-Gödecke; Halle-Hagen; Innsbruck-Zingerle; Goethes Gedichte: 
Tübingen-Holland; über Göthes Faust: Heidelberg-Reichlin-Meldegg; Müuchen- 
Carriere; über Schiller: Gießen-Ziinmerinann ; Geschichte der Koniantik in 
Deutschland: BernSchoni; schwabische Dichterschule: Halle-Gosche. 

Niederländische Litte raturgeschichte: Leiden-de Vries; Utrecht- 
Brill; der neueren Zeit: Groningen-Moltzer. 

Angelsächsische Litte raturgeschichte: Wien-Zupitza. 
Englische Litte raturgeschichte: von Chaucer bis Milton: Heidel- 
berg-Ihne; 2. Theil: Stiaßburg-ten Brink ; über das altenglische Theater: Berlin- 
Vatke (Ak. f. mod. Phil.). 

Deutsche Metrik: Elemente der altdeutschen Metrik: Greifswald-Höfer; 
englische Metrik: Marburg-Suchier; Straßburgten Briuk. 
Sprachdenkmäler: 

Gothische: Jena- Sievers; Leipzig Paul; Wien-Heinzel; Zürich-Haag; 
Evangelium Matthaei: Bonn-Diez; Gießen- Weigand. 

Altdeutsche: Bonn-Simrock; Breslau- Amelung; Königsberg- Schade. 
Althochdeutsche: Basel-Heine; Berlin-Müllenhoff ; Otfrid : Bonn-Bir- 
linger; Tatian : Jena-Sievers. 
Mittelhochdeutsche: 

Gottfrieds Tristan: Wien Heinzel. 

Hartmanns Gregorius: Basel-Meyer; Greifswald-Höfer. 
Klage: Rostock-Bechstein. 

Konrads von Würzburg Otto mit dem Barte: Gräz-Jeitteles. 
Kudrun: Leipzig-Hildebrand. 

Nibelungenlied: Freiburg- Martin; Gießen-Weigand; nebst Einleitung 
über die deutsche Heldensage: Göttiugen-W. Müller; Einführung ins 
Studium des NL. und Erklärung ausgewählter Stücke: Basel-Heyne. 
Rudolfs Barlaam und Josaphat: Bonn-Reifferscheid. 
Walther von der Vogel weide: Breslau-Rückert; Zürich-Ettmüller. 
Wernhers Meier Helmbrecht: Bonn-Birlinger; Gräz-Jeitteles; 

Leipzig-Hildebrand. 
Wolframs Parzival: Heidelberg-Bartsch; Innsbruck-Zingerle. 
Altsächsische: Heliand: Leipzig-Paul; Tübingen-Keller. 
Mittelniederländische Gedichte: Leiden-de Vries. 
Angelsächsische: Beowulf: Breslau- Amelung; Wien-Zupitza; neuangel- 
sächsische: Straßburg-ten Brink. 

Altenglische: Chaucer's Canterbury Tales: Breslau-Mall. 
Altnordische: Lieder der Edda: Kiel-Möbius; Marburg Grein ; Fjö's- 
vinnismäl: Straßburg-Bergmann; Njalssaga: Leipzig-Zarncke. 

Germanistische Übungen in Seminarien, Gesellschaften, Societäten, Kränz- 
chen werden gehalten in Basel, Berlin, Bonn, Breslau, Freibarg, Göttingen, 
Graz, Halle, Heidelberg, Jena, Innsbruck, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, 
Rostock, Straßburg, Tübingen, Wien und Würzburg. 



MISCELLEN. 123 



Karl Schiller. 

(Nekrolog.) 

Karl Christian Schiller wurde am 11. Nov. 1811 zu Rostock geboren. 
Nachdem er auf dem dortigen Gymnasium vorbereitet war, verließ er dasselbe, 
um sich dem Studium der Philologie zu widmen. Er begann es auf der Uni- 
versität seiner Vaterstadt, und setzte es in Leipzig fort. Hier gehörte er in 
den Jahren 1832 und 1833 auch der von G. Hermann geleiteten griechischen 
Gesellschaft an, erwarb liier die philosophische Doctorwürde, und nahm 1834 
eine Anstellung am Gymnasium zu Schwerin an, womit andere Plane, mit denen 
er sich trug, aufgegeben wurden. Die ganze übrige Zeit seines Lebens ist er 
an diesem Gymnasium als Lehrer thätig gewesen, an dem er nach und nach 
vom letzten bis zum ersten ordentlichen Lehrer aufrückte. Ein Versuch in das 
geistliche Amt einzutreten scheiterte; er hatte freilich die amtlicherseits er- 
forderliche Befähigung sich erworben, aber da er einigemal bei einer Wahlpfarre 
nicht die nöthige Stimmenmehrheit erlangte, gab er weitere Versuche, auf, und 
blieb dem Lehrfache von nun an für immer getreu. 

Die erste wissenschaftliche Arbeit, mit der er öffentlich hervortrat, war 
die Herausgabe des griechischen Eedncrs Andocides (1835, Leipzig), bis dahin 
die erste Einzelausgabe dieses Redners; dann folgte ein Commentar zu einigen 
Oden des Horatius, Leipzig 1837, und im Programm des Gymnasiums vom 
J. 1844; im Programme von 1855 erschienen von ihm die Regeln der latei- 
nischen Syntax für untere Classen. Für die Leser der Germania ist aber seine 
Thätigkeit auf dem Gebiete der deutschen, speciell der niederdeutschen Sprach- 
forschung, von größerer Bedeutung. Erst im reiferen Mannesalter ward er auf 
verschiedene Veranlassungen dahin geführt; gleich seine erste umfassende Arbeit 
auf diesem Felde zeigte indeß, daß er nicht mit dilettantischem Eifer, sondern 
mit wissenschaftlicher Gründlichkeit verfuhr; sie beurkundete zugleich die ganze 
Eigentümlichkeit seiner wissenschaftlichen Thätigkeit, emsigen Sammlerrleiß 
und treue, gewissenhafte Forschung. Dieß war das Programm von 18G0 „Zum 
Thier- und Kräuterbuche des meklenburgischen Volkes", dem noch zwei Fort- 
setzungen 1861 und 1864 folgten (Bärensprung, Schwerin). Dieses Werk gab auch 
Veranlassung zur Bekanntschaft mit mir, der ich bis dahin ihm ganz fern gestan- 
den hatte. Schiller übersandte mir das erste Heft und bat mich am Beiträge; ich 
gab sie ihm gern und bereitwillig, soviel ich vermochte; seitdem entspann sich 
zwischen uns ein reicher Briefwechsel, der fast bis zu seiner Todesstunde fort- 
gedauert hat. Zugleich hatte sich Schiller eine lexicalische Sammlung nieder- 
deutscher Wörter angelegt, die, wie er mir 1867 schrieb, damals bereits 10.000 
Quartblätter umfasste. Aus diesem reichen Vorrathe hal 367 „Beil 

zu einem mittelniederdeutschen Glossar" I eben. Zu einer Herausgabe 

mittelniederdeutschen Wörterbuches , wie sie der sei. Professor Fr. Pfeiffer 
auf der l'liilologenversamtnlung zu Hannover 1864 ' hatte, wolll 

sich anfanglich gar nicht verstehen. „Es fehlen mir dazu die Jahre, schrieb 
er mir, dagegen meine ich, ein mnd, Glossar noch mit rüstiger Kraft zu Stande 
bringen zu können, da mir ein stattliches M iterial bereits zu Gebote steht." 
Erst als die Versuche des auf Pfeiffers Vorschlag niedergesetzten Comitea 
für die Herausgabe eines mnd. Wörterbuches ohne Erfolg waren, entschloß er 



124 MISCELLEN. 

sich mit schwerem Herzen und erst auf dringendstes Zureden guter Freunde, von 
einem bloßen Glossar abzustehen, zumal auch buchhändlerische Schwierigkeiten 
der Herausgabe eines bloßen Glossars entgegentraten. Schiller hatte mich be- 
reits, als er nur noch ,, Beitrüge zu einem mnd. Glossar" herauszugeben gedachte, 
aufgefordert als Mitherausgeber aufzutreten. Ich sagte es ihm zu, und war 
ebenfalls dazu bereit, als der Plan des Werkes sich erweiterte, damit doch endlich 
aus der Sache etwas würde .und die Arbeit mehrerer Jahre nicht ganz ver- 
geblich gemacht sei. Als endlich, nachdem Krankheit, Krieg, dazu Bedenklich- 
keiten aller Art, die aus seiner Gewissenhaftigkeit entsprangen, Verzögerungen 
und Schwierigkeiten gemacht hatten, das erste Heft 1872 ans Licht trat, fühlte 
er sich freudig erregt, und seine Freude ward gesteigert, als auf eine Petition 
der Germanistenversammlung in Leipzig sein Landesherr ihn in der ehrenvollsten 
Weise von seinen amtlichen Functionen entband, um in voller Muße seinem 
Lieblingswerke leben zu können, und der Kaiser eine peeuniäre Unterstützung 
gewährte. Die kurze Zeit, die ihm das Schicksal vergönnte, so für das Wörter- 
buch thätig sein zu können, hat er in gewohnter Weise mit regelmäßigem 
Fleiße ausgenützt; schrieb er mir doch schon 1867, daß er jeden Morgen 
Winters und Sommers mit dem Schlage 5 am Arbeitstische sitze. Der nöthigen 
mündlichen Besprechung halber und zugleich einer Freundespflicht zu genügen, 
wollte er mich in den diesjährigen Hundstapsferien besuchen. Die Zeil, ja der 
Tag war fast schon bestimmt, als ein Fußübel — wie es sich nachher heraus- 
stellte, eine Gefäßverstopfung in Folge eines Herzleidens — ihn nöthigte zu Hause 
zu bleiben. Er forderte mich nun auf zu ihm zu kommen, ich sagte es ihm zu, 
wofür er mir noch in seinem letzten Brief am 21. Juli 1873 dankte; aber 
aus der Reise ward nichts, denn der Todesengel berührte ihn am 4. August. 
Noch in seinen letzten Stunden hatte ihn der Gedanke an das Wörterbuch 
beschäftigt. 

Seine reiche wohlgeordnete lexicalische Sammlung ist mir von seinen Erben 
bereitwilligst zur Verfügung gestellt worden. 

So tief es auch zu beklagen ist, daß Schiller nicht mehr persönlich an 
seinem Werke arbeiten kann, so ist mir doch durch die Sorgsamkeit und Sauber- 
keit seines Arbeitens die Möglichkeit gegeben, das Werk in seinem Geiste fort- 
zuführen. 

OLDENBURG, 7. Deceinber 1873. A. LÜBBEN. 



Hermann Kurz. 

(Nekrolog.) 

Am 10. Oclober ist in Tübingen ein Mitarbeiter der Germania gestorben, 
der Universitätsbibliothekar Dr. Kurz. Über sein Leben wird eine ausführliche 
Biographie von Freundes Hand vorbereitet. Hier mögen einige Worte genügen. 

Hermann Kurz ist am 30. Nov. 1813 in Reutlingen geboren. Die Zu- 
stände seiner Kindheit und seines Lebens in der Heimath, an der er mit der 
Liebe eines alten Reich sstädterB hieng, sind in verschiedenen seiner Erzählungen 
anziehend geschildert. Die Gymnasialbildung erhielt er in dem evangelisch-theo- 



MISCELLEN. 125 

logiseben Seminar Maulbronn, wo er mit Eduard Zeller, jetzt Professor der 
Pbilosopbie in Berlin, im gleicben Curse zusammentraf. Im Herbst 1831 bezog 
er die Universität Tübingen und gehörte bis gegen das Ende seines akademischen 
Lebens, Herbst 1835, dem evangelisch-theologischen Seminar au, um die Zeit, 
wo E. Zeller, G. v. Rümelin als Zöglinge, D. F. Strauß, Gustav Pfizer, Friedr. 
v. Vischer als Repetenten in dieser Anstalt weilten. Er bestand mit rühmlichem 
Erfolge die erste theologische Dienstprüfung und war später einige Zeit Pfarr- 
gehilfe bei seinem Oheim, dem Pfarrer Mohr in Ehningen bei Böblingen. Damit 
aber war seine theologische Laufbahn abgeschlossen, denn schon auf der Uni- 
versität hatte er, angeregt durch die Vorlesungen Unlands und Moriz Rapps, 
sich vorzugsweise sprachlichen und litterarhistorischen Studien, ja poetischen 
und mimischen Versuchen zugewendet, wozu Ulilands stilistische Übungsstunden 
und die unter Rapps Leitung von seinen Zuhörern ausgeführten dramatischen 
Darstellungen fruchtbare Anregung gaben. Der Umgang mit Sucher führte ihn 
in die clnssische Musik ein und veranlasste die Bearbeitung verschiedener 
Liedertexte für Suchers Melodien und Volksliedersammlungen. 

Kurzs erstes schriftstellerisches Auftreten fällt noch in die Studentenzeit, 
wo er für die Reutlinger Drucker, die damals noch regelmäßig die deutschen 
Volksbücher auf grauem Löschpapier für die Jahrmärkte zurechtmachten, das 
seit langer Zeit fehlende Faustbuch neu bearbeitete. Ich gab dazu mein Exemplar 
des G. R. Widmann, Wilhelm Eytel lieferte die Zeichnungen zu den Holz- 
schnitten , Kurz besorgte den Text. Das Buch erschien so zum ersten Mal 
wieder 1834. 

Von den eigenen Dichtungen, lyrischen, dramatischen, epischen, soll 
hier nicht weiter die Rede sein; seine Gedichte, seine Novellen, seine Romane 
,, Schillers Heimathjahre" und „der Sonnenwirt" sind bekannt. Noch weniger 
darf ich auf seine vielen Übersetzungen aus Äriost (Roland), Cervantes, Chateau- 
briand, Shakspeie, Byron, Moore u. a. eingehen. 

Seine eindringenden Studien über Shakspere sind thcils in seineu Über- 
setzungen, theils in den Jahrbüchern der deutschen Shaksperegesellschaft, theils 
in den besondern Schlitten niedergelegt z. B. Zu Shaksperes Leben und Schaffen; 
Altes und Neues. München 1808. Falstaff und seine Gesellen von Paul Konewka, 
Text von Hermann Kurz. 

Mit Gottfried von Straßburg hat sich Kurz frühe beschäftigt. In den 
vierziger Jahren, als er gleichzeitig mit Franz Pfeiffer in Stuttgart lebte, ent- 
stand unter philologischem Beirath des letzteren dl Übersetzung dr^ Tristan, 
welche mit eigenem Schlüsse versehen und mit reicht r sagengeschichtlicher 
Einleitung ausgestattet 1844 und mit neuem Titel 1847 in Stuttgart bei 
Rieger (Becher) erschienen ist. Mit dieser Arbeit im Zusammenhange steht eine 
kleine polemische Schrift: „Wenn es euch beliebt, der Kampf mit dem Drachen. 
Ein Bitter- und Zaubermärchen. Zum Besten di igers und Tristans- 

kritikers Hrn. Oswald .Marbach, mit neu-, mittel- und althochdi utschen, aber aller 
Welt verständlichen Glo »eben Karlsruhe den 30. Nov. ISN von Her- 

mann Kurz." Stuttgart L845. Mehr als 20 Jahre später finden wir Kurz von 
Neuem mit Gottfried beschäftigt, in einer Untersuchung über . I 1 bters 
Geschlecht und Leben, die zuerst in der Wochenauagabe der allgemeinen Zei- 
tung, dann durchgesehen und vermehrl in der Germania 15, 20 ff. veröffentlicht 
wurde. Hier, wie in allen seinen wissenschaftlichen Untersuchungen, schreitet 



126 MISCELLEN. 

er mit strenger Methode vor und weiß jeden gewonnenen Anhaltspunkt mit Scharf- 
sinn in seine Consequenzen zu verfolgen und zu neuen Combinationen zu verwerthen. 

Bald nach der Studienzeit, als Kurz lediglich mit litterarischen Arbeiten 
beschäftigt in Stuttgart lebte, entstand in unserem Kreise eine kritische Zeit- 
schrift, die freilich keine große Verbreitung gefunden hat: der Spiegel, Zeit- 
schrift für litterarische Unterhaltung und Kritik. Stuttgart, bei J. B. Metzler. 
1837 und 38. Sie enthielt Beiträge von Gustav Schwab, J. Fallati, B. Auer- 
bach, Eduard v. Kausler, Rudolf Kausler, R. v. Mohl u. a. Zu dem bedeutendsten, 
was diese Zeitschrift brachte, gehört wohl Kurzs Artikel über Eduards von 
Bülow Simplicissimus. Er gibt zuerst die Ergebnisse seiner Untersuchungen über 
den Verfasser dieses merkwürdigen Buches und stellt als den wahren Namen des- 
selben Hans Jacob Christoffel von Grimmeishausen fest. (Vgl. meine Ausgabe 
des Buches, Stuttgart, für den litterarischen Verein, 1854. 2, 1127 f.). Weitere 
eingehendere Forschungen über Grimmeishausen und seine Schriften hat Kurz 
in der Beilage der Allgemeinen Zeitung yom 13. Juli 1865 gegeben. Wenn, 
wie man hoffen darf, Kurzs wissenschaftliche Abhandlungen in Auswahl ge- 
sammelt erscheinen, so wird diese gediegene Arbeit nicht übersehen werden. 

Außer dem Dichter des 13. und dem des 17. Jahrhunderts vertiefte sich 
Kurz noch vornehmlich in einen des 18., den heimischen Schiller. Sein Roman 
über seine Jugendjahre hat insofern theil weise historische Bedeutung, als der 
Verfasser aus mündlichen und schriftlichen Quellen über die Geschichte jener 
Zeit schöpfte, welche theils jetzt verstummt, theils wenigen, zugänglich sind. 

Für die neueste deutsche Poesie und ihre Geschichte war Kurz thätig 
besonders durch den deutschen Novellenschatz, in dem er in Verbindung mit 
Paul Heyse Proben aus den besten modernen Erzählern seit Göthe mit kurzen 
biographischtn Skizzen zusammenstellte und wovon seit 1871 18 Bände er- 
schienen sind. Der als Seitenstück dazu gegebenen Sammlung „Novellenschatz 
des Auslands" (1872 f. 9 Baude) möge hier nur beiläufig gedacht werden. 

Von den poetischen Arbeiten Kurzs wird, besorgt von Paul Heyse, eine 
Sammlung in acht Bänden erscheinen. 

Über Kurzs äußeres Leben ist nicht viel zu sagen. Ungeneigt, sich in 
die Bande eines amtlichen Lebensberufs zu fügen, lebte er unabhängig, aber 
auch unstät , in Stuttgart, Karlsruhe, Weilheim, Kirchheim u. T. Einige 
Jahre besorgte er die Redartion des Stuttgarter Oppositionsblattes ,, Beobachter". 
Erst 18G-2 übernahm er die durch Prof. Tafeis Tod erledigte Stelle an der 
Universitätsbibliothek in Tübingen, deren Benutzer seine vielseitigen Kenntnisse, 
wie seine aufopfernde Gefälligkeit dankbar zu rühmen hatten. Von äußeren 
Ehrenbezeugungen ist dem in stiller Zurückgezogeuheit lebenden, vielfach ver- 
kannten Mann nur eine zu theil geworden, die Verleihung des Doctordiploms 
honoris causa seitens der philosophischen Facultät in Rostock. 

A. v. KELLER. 



Artur Köhler. 

(Nekrolog.) 

Es ist eine schöne Sitte, deren Ausführung Herr Prof. Bartsch in den 
letzten Jahren meist selbst auf sich genommen hat, den dahin geschiedenen 



MISCELLEN. 127 

Mitarbeitern unserer Germania in dieser Zeitschrift ein ehrendes Andenken zu 
widmen. In dem vorliegenden Falle aber dürfte es sich besonders für mich 
schicken, dieser Pflicht gegen den zu früh verstorbenen Fachgenossen gerecht 
zu werden, da ich vor mehreren Jahren an der Kreuzschule zu Dresden Artur 
Köhler als College nahe stand und außerdem von dieser Zeit her das gegen- 
seitige, warme Interesse für die speciellen wissenschaftlichen Arbeiten des Anderen 
eine engere Verbindung zwischen uns wach erhielt. 

Dr. Emil Artur Köhler ist geb. zu Dresden am 22. März 1841, besuchte 
von 1854 — 1860 die dortige Kreuzschule, studierte anfänglich Theologie, dann, 
worauf ihn seine Neigung mehr wies, Philologie, besonders germanische Sprachen 
in Leipzig unter Zarnckes Leitung. 1862 siedelte er nach Göttingen über und 
promovierte daselbst am 19. Nov. 1864. Nachdem er hierauf eine Zeit lang 
Hauslehrer in und bei Dresden gewesen, und am 13. Juli 1866 das Examen 
für die Candidatur des Gymnasialschulamtes in Leipzig bestanden, wirkte er 
an der Kreuzschule zu Dresden, zunächst als Cand. prob., seit Ostern 1868 
als ständiger Oberlehrer. Er führte hier in den letzten Jahren das Ordinariat 
der Untersecuuda und ertheilte den deutschen Unterricht in der Prima. Im 
Sommer 1873 erkrankte er an einem acuten Lungenleiden und folgte am 
26. August d. J. seiner neun Wochen vorher ihm durch den Tod entrissenen 
Gattin ins Grab*). 

Köhler gehörte zu den Gymnasiallehrern, denen ihr Beruf nicht nur 
Mittel zum Zweck, sondern voller Selbstzweck, erste Lebensaufgabe ist. Seine 
Lehrgeschicklichkeit, vor allem auch der frische anregende Ton, den er in den 
Unterrichtsstunden anzuschlagen verstand, erwarben ihm ebenso das Interesse 
wie die Liebe seiner Schüler. Trotzdem aber ging sein Leben nicht in dieser 
Thätigkeit auf; seine Freistunden, zumal seine Ferien, verwendete er mit un- 
ermüdlichem Eifer für theoretisch-wissenschaftliche Arbeiten auf germanistischem 
Gebiete. Nur wenigen ist es beschieden, diese ideale Verbindung praktischen 
und theoretischen Wirkens auf die Länge durchzuführen, zugleich Schulmann 
und Förderer der Wissenschaften zu sein. Köhler war nicht stark an Körper- 
kraft; dieser Widerstreit der Pflichten und die damit verknüpfte übermäßige 
Anspannung der geistigen Kräfte ist es wohl hauptsächlich gewesen, die ihm einen 
so frühen Tod bereitet hat. 

Köhler hatte sein Interesse besonders zwei Gebieten zugewendet. 1. Der 
Erforschung der gothischen Syntax. 2. Dem Studium der angelsächsischen Poesie, 
vor allem des Beovulf. 

Die Resultate seiner gothischen Studien hat er in folgenden Arbeiten 
niedergelegt. 

1. Über den syntactischen Gebrauch des Dativs im Gothischen. Köhlers 
Doctordissertation. Dresden 1864. Wieder abgedr. Germ. XI p. 261 ff. 

2. Nachtrag zu dii indlung Germ. XII p. • ',,'! f. 

3. Der syntactische Gebrauch des Infinitivs im Gothisohen. Genn. XII 
p. 421 IV. 

4. Der syntactische Gebrauch des Optativs im Gothischen. Germanistische 
Studien, edd. Bartsch. I, p. 77 ff. <\ i Brdmann, Ztscbr. f. d. Piniol. 
V p. 212 ff.). 



*) Für die genaueren biogr. Notizm bin ich 11. Bector Prof. Bultsch in Dn 
zu Danke verpflichtet K. 



128 MISCELLEN. 

Seine übrigen Abhandlungen behandeln nach verschiedenen Eichtungen 
die ags. Poesie. Es sind diese: 

5. Germanische Alterthümer im Beövulf. Germ. XIII p. 129 ff. 

6. Über den Stand berufsmäßiger Sänger im nationalen Epos germani- 
scher Völker [Vorwiegend angels. Verhältnisse berücksichtigend]. Germ. XV 
p. 27 ff 

7. Die Einleitung des Beövulfliedes. Ein Beitrag zur Frage über die 
Liedertheorie. Ztschr. f. d. Phil. II p. 350 ff. 

8. Die beiden Episoden von Heremod im Bcövulfliede. Ztschr. f. d. Phil. 
II p. 314 ff. 

Köhler beabsichtigte eine größere selbständige Schrift über die Com- 
pcsition des Beövulf auszuarbeiten, von der 7 und 8 nur Proben sein sollten. 
Wie weit dieselbe gediehen, vermag ich nicht anzugeben. 

BRESLAU, im Nov. 1873. EUGEN KÖLBING. 



Notizen. 

Professor Dr. E. Martin in Freiburg hat einen Ruf als Professor der 
deutschen Sprache und Litteratur an die Universität Prag erhalten und leistet 
demselben Ostern 1874 Folge. 

Dr. Ludwig Hirzel, Lehrer an der Kantouschule zu Aarau, ist als 
ordentlicher Professor der deutschen Sprache und Litteratur an die Universität 
Beru berufeu worden. 

Dr. E. Steinmeyer hat eine außerordentliche Professur in der philo- 
sophischen Facultät der Universität Straßburg erhalten. 

Dr. Felix Lindner aus Bunzlau hat sich als Privatdocent für die neueren 
Sprachen, besonders für Englisch, an der Universität Rostock habilitiert. 

Am 22. Januar 1874 starb in Corvey Hoff mann von Fallersieben; 
am 5. Februar in Berlin Moriz Haupt; am G. Februar in Berlin Dr. Oscar 
Jan icke, Oberlehrer an der Sophienrealschule. Nekrologe wird die Germania 
in ihrem nächsten Hefte bringen. 



Zu Germania XVIII, 454, Zeile 13 v. u. 

Zu diesen Marzo und April e in den Cyclopeninaueru der Porta Bellona 
stimmt in Vielem, was ich Genn. 17, 459 f. über das Heidenwerfen in 
Heimburg mit^etheilt. So wie an der Porta Bellona links vom Eingange der 
Marzo angebracht war, der gesteinigt wurde, so in Heimburg der SommeT. 
Wie; ihm dort der Aprile gegenübersteht, so in Heimburg dem Sommer 
der Winter (oder Attila). Das Auffallende, daß in Heimburg der Sommer 
gesteinigt ward statt des Winters steht freilich zu diesem in Italien auftreten- 
den Gebrauch des Heidenwerfens in Widerspruch; denn der gesteinigte Marzo 
ist der Winter. SCHRÖER. 



BEITRÄGE ZUR KENNTNISS DER LANGOBAR- 
DISCHEN SPRACHE. 



Zu den oft wiederkehrenden Änderungen, welche sich die roma- 
nischen Abschreiber der langobardischen Gesetzessammlungen in Be- 
zug auf die in denselben erhaltenen langobardischen Ausdrücke er- 
laubten, gehört u. a. das Weglassen des anlautenden h vor Vocalen 
sowohl als vor folgendein r. Das nämliche Gesetz gilt natürlich auch 
für die bei Paulus Diaconus erhaltenen Namen. Zwei langobardische 
künigsnamen , welche in den meisten Handschriften mit r beginnen, 
haben vor demselben ohne Zweifel ursprünglich noch ein h gehabt, 
ein h, welches in Einern Falle wenigstens handschriftlieh noch erhalten 
und beglaubigt ist. Es sind die beiden Königsnamen Röthari und Ratchis, 
deren ältere und echtere Formen Hrötharit und Urateis müssen ge- 
lautet haben. 

Wir beginnen zunächst mit dem zuletzt genannten Namen und 
suchen demselben auf einem kleinen Umwege beizukommen. Bei Paulus 
Diaconus nämlich in dem Werke _,De gestis Langobardorum" (VI, 
2C u. VI, 51) heißt ein Sohn des Herzogs Peinmo von Friaul Ratchais. 
In Ratchis ist das h zwischen c und i ohne Zweifel nur eingeschoben, 
damit der Guttural nicht gequetscht, sondern wirklich guttural ge- 
Bprochen werde, gerade wie die Italiener aoch heutzutag ■ neben amico 
in der Mehrzahl amichi schreiben Das zweite Worl isl demnach das 
Substantivuni ix'i*. dessen streu" althochdeul che Form kis, eis lautel 
und das als zweiter Bestandtheil zusammeng« etzter Männernamen die 
Bedeutung von ..Held" muß gehabt haben (Wackernagel in Bindings 
Gesch. des burgundisch-romanischen Königreichs Bd. I S. 368). Audi 
bei Ratchait gehört das zweite Worl zu der Dämlichen Wurzel; auch 
(ahd. ger) bezeichnel 1 I den Speer und 2 in zusammengesetzten Namen 
von persönlicher Bedeutung den Helden (Wackernagel a. a. 0.); das 
h aber wird hier, wo ei an und ftlr ich allerdingf entbehrlich w 
nach der Analogie der mil i eis zusammengesetzten eingeschaltet 
sein. Nun aber der erste Bestandtheil. Pörsteraann (Altdeutsches 
Namenbuch I, 991) schwankt zwischen dem Sab tantivura räd, 

&MANU Beihe. . 9 



130 KARL MEYER 

welches seiner Bedeutung nach sowohl dem lateinischen opes, copia 
als consilium entspricht, und dem Adjectivum hrad (celer). Daß jedoch 
nur letzteres an dieser Stelle passend und möglich ist, wird sich sofort 
ergeben. Das Substantivum räd hat gedehntes a; nun heißt aber bei 
Augustinus (de civ. Dei V, 23) ein gothischer Heerführer Rhadagaisus, 
also genau ebenso wie unser Langobarde. Da aber die Gothen be- 
kanntlich kein ä, sondern bloß a hatten, so kann jener Heerführer in 
ihrer eigenen Sprache nur Hradagais (ahd. Hratager) geheißen haben*). 
Von Hratcais aber zu Hratcis ist der Schritt ein leichter und kurzer, 
und die Analogie empfiehlt denselben obendrein; wir stellen daher 
auch das erste Wort von Ratchis zu hrad. Dazu kommt noch, daß 
Hratcais einen Bruder Namens Hratcis hatte (Paul. Diac. VI, 26), und 
durch diesen Umstand wird die Analogie nicht nur zur Möglichkeit 
oder Wahrscheinlichkeit, sondern geradezu zur Notwendigkeit. 

Nun aber der zweite Königsname. Die Handschriften haben die 
Formen Rotari, Rothar, Rohtarith, Rottari, Rotharus, Rotharis, Rotharit 
und Hrotharit neben einander. In der ältesten und besten derselben, 
der S. Galler (Nr. 730), ist der Name leider gar nicht erhalten; hingegen 
ist nicht zu übersehen, daß eine Pariser Handschrift von hohem Werthe 
(Nr. 4614, bei Bluhme Nr. 10) — Bluhme hält sie für die zweitbeste — 
die Form Hrotharit hat; das auslautende t erscheint auch sonst, z. B. 
als th im Codex Vaticanus, ja sogar bei Paulus Diaconus (VI, 18) und 
ist also schwerlich bloßes Einschiebsel. Wir haben also das zweite 
Wort nicht als das Substantiv hari, sondern als ein schwaches Parti- 
cipium Perfecti aufzufassen; das Verbum aber, welches dieses Partici- 
pium voraussetzt, ist im Gothischen erhalten ; es lautet da vasjan (vgl. 
altind. vas, lat. vestire, vestis, ahd. gaweri 1) investitura, Einkleidung 
in den Besitz, 2) Besitz), hat die Bedeutung des Kleidens, Bekleidens, 
und wird also bei den Langobarden warjan geheißen haben; das an- 
lautende w ist wie in zahlreichen andern langobardischen und germa- 
nischen Worten weggefallen. Der erste Bestandtheil sodann hröth ist 
das Substantivum rot, ruod, an. hrödr (gloria) und hat, was auch sonst 
im Langobardischen Regel ist, die dentale Aspirata beibehalten, die- 
selbe noch nicht zur Media verschoben (vgl. Theudelinda, Theuderäda, 
thinc, morth u. s. w.). Hrotharit ist also wörtlich der mit Ruhm be- 
kleidete. 



*) Bei Olympiodor und bei Zosimus heißt der Name 'Po3o-yt'üoo<;; allein das 
griech. o kann für ä natürlich nichts beweisen. (Vgl. Zeuli , die Deutschen und die 
Nachbarstämme, S. 419 Anm.). 



BEITRÄGE ZUR KENNTNISs DEK LANGöRARDtSl HEM SPRACHE. 131 

In Hrötharit ist also das im Gothiseheu noch erhaltene s schon 
in r übergegangen. In einem andern Falle hingegen ist das s ; und 
zwar auslautendes s geblieben. Im Edictus Hroth. nämlich (278, 373, 
380) steht dem lateinischen curtis ruptura ein langobardisch.es Wort 
zur Seite, welches in den Handschriften oberus, operus, ebreos, overos, 
oberus, hoberos lautet. Die beiden Buchstaben b und v werden im 
spätem barbarischen Latein häufig verwechselt, (z. B. octabo, renobintur, 
scriua, culpauelis für octavo, renoventur, scriba, culpabilis); daß aber 
hier die Aspirata, wenn auch in ihrer weichen Form, und nicht die 
Media am Platze ist, ergibt sich aus dem lateinischen 'curtis ruptura 
unzweideutig. Das gothische raus nämlich (ahd. rör) setzt ein starkes 
Zeitwort voraus, welches g. hriusa, hraus, hrusum, ahd. riusu, ros, 
rurumes (ags. hre'osan, hreäs) muß gelautet und als Grundbedeutung 
die des Brechens muß gehabt haben; rör bezeichnet demnach das 
Geknickte, Gebrochene, während ros die abstractere Bedeutung des 
Brechens hat. Das s ist hier durch seine Stellung im Auslaut geschützt 
wurden: auch in den starken Conjugationsclassen des Althochdeutschen 
erhält sich s in den einsilbigen Formen des Präteritums, also im Aus- 
laut, länger als in den mehrsilbigen, wo es in den Inlaut kommt. 

Noch ein drittes Wort, welches sein anlautendes h vor folgendem 
r in der handschriftlichen Überlieferung verloren hat, während die 
Laugobarden selbst dasselbe unstreitig noch hatten , findet sich Ed. 
Roth. 16; der Leicheuraub heißt da rairaub; Ansuald, der Notarius 
des Königs Hrotharith, hat ohne Zweifel noch h rairaub geschrieben. 
(Vgl. g. hraiv, ahd. hreo.) 

Auch vor anlautenden) 1 mögen die Langobarden selbst noch ein 
h gehabt haben; nur ist das betreffende Wort schwieriger zu deuten 
als die bisherigen. Ein Fischteich nämlich hieß bei den Langobarden 
lama (Paul Diae. I, 1.5). J. Grimm (Gesch. d. deutschen Sprache 694) 
denkt an das finnische lammi (lacus minor), das litthauische loma, das 
lateinische lama (locus humidus, palustris, das spanische (gothischi 
lama (Schlamm, Seegrund); letzteres wird indessen von Diez Etvniol. 
Wörterbuch I, 241) wohl richtiger nebsf dem portugiesischen lama 
und dem in der Dauphin«'- nachgewiesenen lamma auf das gemeinsam! 
lateinische lama zurückgeführt. Letzteres sowie die angeführten finni 
sehen und litthauischen Formen können wohl urverwandt sein; es fragl 
sich indessen, ob innerhalb der germanischen Mundarten nicht ebenfalls 
stammverwandte Worte zu finden sind. Abel, der Übersetzer des 
Paulus Diaconus, erklärt Lima durch Lehm, glaubl also, ei stehe hier 
ä für ai; allein Lehm und \\ < ei nd doch rschiedene Dinge. 



132 KARL MEYER 

Nun besitzt das Altsächsische ein Verbum hlamon (hlamodun üdeon, 
ström an stamne, Hei. 2915), ags. hlemman ; welches die Bedeutung 
des Rauschens und Tosens hat; hlama als stf. oder hlamo als schwm. 
würde demgemäß das Wasser als rauschendes, tosendes Element be- 
zeichnet haben. Letzteres wäre nun allerdings eine Eigenschaft, welche 
zunächst und vorzugsweise für fließende Gewässer und nicht für einen 
stehenden Fischteich sich eignete; es ist indessen nicht unmöglich, 
daß dieselbe zunächst vom Wasser im Allgemeinen galt, dann aber 
schließlich zur Bezeichnung einer bestimmten Art von Wasserbehälter 
verwendet wurde. 

Auch vor Vocalen ist anlautendes h ; zumal in den spätem Hand- 
schriften, weggefallen. So heißt der Schultheiß in den langobardischen 
Gesetzbüchern durchweg mit Wegfall des h, mit welchem das zweite 
Wort eigentlich beginnen sollte, sculdais (nur die S. Galler Handschrift 
hat sculdhais Roth. 35), und daraus wird dann gelegentlich noch, da 
die Romanen den Diphthongen gerne auswichen, sculdahis (vgl. den 
marpahis für marpaiz bei Paul. Diac. II, 9). In beiden Worten, in 
sculdhaiz und marpaiz, ist überdieß die Vertauschung der dentalen 
Aspirata z im Auslaut gegen s charakteristisch für die romanischen 
Schreiber*;, welchen wir die Aufzeichnung der Gesetze wie des Ge- 
schichtswerkes des Paulus Diaconus verdanken. 

Als eine Eigentümlichkeit der langobardischen Mundart wird 
uns ferner von Paulus (I, 9) das anlautende gw bezeichnet — Wodan 
sane, quem adjecta litera Gwodan dixerunt — ; indessen war J. Grimm 
(Gesch. d. deutschen Sprache 295, 296) geneigt, diese Consonanten- 
verbindung romanischem Einflüsse zuzuschreiben, und daß er in dieser 
Beziehung vollkommen Recht hatte, ergibt sich aus folgenden Gründen. 
Die altern und bessern Handschriften des Edictus Hrötharit kennen 
im Anlaut bloßes w, haben also wergild, wecwori, waregang: im 
Gegensatze hiezu haben die spätein, welche die ursprünglichen lango- 
bardischen Formen auch sonst immer mehr entstellen, zumal die Madrider, 
einmal (Roth. 9) auch die von La Cava, guidrigild, guecorion, guare- 
gang. Die S. Galler Handschrift, welche also noch nirgends gw kennt, 
gehört noch dem siebenten Jahrhundert an; Paulus schrieb sein Ge- 
schichtswerk gegen Ende des achten. Wenn nun einerseits die ältesten 
langobardischen Quellen anlautendes gw nicht kennen, und wenn an- 
dererseits Paulus dasselbe als eine Eigenthümlichkeit der Sprache 
seines Volkes erwähnt, so ergibt sich daraus, daß die Eigenthümlich- 



' : ; Auch die S. Galler Hdscbr. hat dieses s durchweg. 



BEITRÄGI ZUK KENNTNISS DER l ^NG OB ARDISCHEN SPRÄCHE. 133 

km als solche keine ursprüngliche ist, daß ihre Ausbildung vielmehr 
erst einer spätem Lebensepoche der Sprache angehört, daß sie in 
keinem Falle älter ist als das achte Jahrhundert. Daß wir aber die- 
selbe romanischem Einflüsse verdanken, schein! mir namentlich aus 
folgendem Umstände hervorzugehn. Die italienischen Worte, welche 
Diez (Grammatik d. roman. Sprachen •"«. Aufl. Th. [, S. (17 ff.) als aus 
dem Germanischen eingedrungen anführt, sind sicherlich beinahe au 
nalimslos langnnardischen Ursprungs; es entspricht alter in denselben 
• rmanischem w im Anlaut durchweg gu; aus werra wird z. B. guerra 
(französ. guerre), aus wisa guisa (franz. guise), aus warten guardare 
u. s. w. Anlautendes gw ist somit allerdings eine Eigenthümlichkeil 
d< Langobardischen , alter kein.- echte und ursprüngliche, sondern 
eine aus romanischem Einfluß eingedrungene; vollständig durch- 
gedrungen ist dieselbe übrigens auch im achten Jahrhundert keines- 
wegs, und Paulus selbst liat noch genug langobardische Worte, in 
welchen das einfache w im Anlaut entweder geblieben (Wacho, Wald- 
räda u. s. w.) oder gänzlich abgefallen ist (Ulfhari). 

Unter den wegen ihres auf einer spätem Entwicklungsstufe des 
Sprache eingetretenen anlautenden gw erwähnten Worten verdient einer 
noch eine speciellere Besprechung, nämlich wergild. Das Wort wurde 
in dieser seiner eckten Tonn den Langobarden früher einfach ab- 
rochen. .. I >)»• langobardischen Gesetze haben nie werigild, vielmehr 
widrigild, guidrigild", sagt .1. Grimm (Deutsche Rechtsalterthümer, 
S. 652). In ähnlichem Sinne äußert sich Osenbrüggen (Strafrecht der 
Langobarden, S. 15): „Wergeid kommt in den langobardischen Rechten 
nicht vor, an unzähligen Stellen aber Widrigild : an wenigen Stellen 
findet sich die Form Wjrigild (Roth. 268. Liutpr. 85), aber nicht mit 
Wergeid zusammenfallend, sondern in der Beziehung, die das Widri- 
gild am häutigsten hat". Seitdem di< Ausgabe der langobard. Gesetze 
von Fr. Bluhme (Monumenta Germaniae historica; legum tomus IV. 
Hannovera« 1868 und Edictus ceteraeque Langobardura leges. Ilanno- 
vera< l s t'>'.' 1 r chi< nen ist vi rhält sich die Sache anders. Nach Blulime 
nämlich haben die besten Handschriften, die S. Galler und die Paj 
(1 und 10) wergild, und widrigild linde) .ick erst in jungem oder 
schlechtem, auf welchen freilich alle frühern Ausgaben <\< 1 Gesetze 
beruhen*). Eine Stelh , an welcher, wie Osenbiit 1 16 



*) Genau genommen hat 1 nur wergild, 10 neben wergild mich wirgild und 
wirigild, die übrigen meist widrigild, wählend 8 immer und 9 meistentheils guidiigild 
hahen. 



134 K VKT - MEYEH 

meint, „Widrigild nicht Wergeid bedeutet" oder vielmehr nach seiner 
Auffassung nicht Wergeid bedeuten kann, ist mir nicht vorgekommen; 
vielmehr scheint mir „wergild" an allen von ihm zum Beweise des 
Gegentheils angeführten Stellen die Bedeutung von Wergeid sehr wohl 
haben zu können. Wenn es z. B. nach Ed. Roth 9 von einem falschen 
Ankläger heißt*): „Et si provare non potuerit et cognuscitur, dolusse 
adeusassit, tunc ipsc, qui aecusavit et prouare non potuit, wergild suo 
conponat, medietatem regi, et medietatem, cui crimen injeetum fiierit", 
so ergibt sich aus der angefühlten Stelle gerade das Gegentheil dessen, 
was Osenbrüggen aus derselben zu beweisen sucht. Der falsche An- 
kläger hat, eben weil seine Klage eine falsche ist, sein Leben verwirkt, 
und um sich zu lösen von der Strafe, muß er denjenigen Preis be- 
zahlen, zu welchem jenes für den Fall der Ermordung angeschlagen 
ist, also sein Wergeid. Daß die Hälfte des letztern dem König zufällt, 
ergibt sich aus der germanischen Anschauungsweise, nach welcher 
durch die Missethat der allgemeine Zustand des Friedens (Waitz, 
Deutsche Verfassungsgeschichte 2. Aufl. Bd. I, 392) gebrochen und 
somit die Gesammtheit des Volkes (Waitz, . ebend. 410, 411), als deren 
Repräsentant bei den Langobarden der König erscheint, verletzt ist. 
In der lex Salica z. B. (tit. XVIII) erscheint allerdings auf Verläum- 
dung eine geringere Buße (2500 dinar, qui faciunt sol. 62'/„) gesetzt 
als auf Tödtung eines freien Franken (8000 dinar, qui faciunt sol. 200 
nach tit. XLI, 1) ; hingegen stimmt jene mit dem Wergeid eines tribut- 
pflichtigen Römers (tit. XLI, 7) überein. Es ergibt sich daraus bloß, 
daß falsche Anklage bei den Langobarden härter bestraft wurde als 
bei den Saliern ; denn daß Ed. Roth. 9 nichts anderes als das Wergeid 
gemeint ist, ergibt sich einmal aus dem Texte der Handschriften 1 
und 10, und zweitens hätte das hinzugefügte Pronomen possessivum 
suo' durchaus keinen Sinn, wenn Widrigild (Wiedervergeltung) richtige 
Lesart wäre. Übrigens sagt Osenbrüggen selbst (a. a. O. S. 15), Widri- 
gild bezeichne entweder den Werth des Verletzten oder den des Ver- 
letzers, und S. 16 nennt er es den „Entgelt für die verwirkte Per- 
sönlichkeit"**). Es ist also stets wergild richtige Lesart; widrigild mag 
an und für sich wohl ein langobardisches Wort gewesen sein, nur 
kann es nicht den Werth einer Persönlichkeit, sei es der eines Ver- 



*) Nicht zu übersehen ist, daß es sich um eine Capitalanklage direct beim 
König handelt: Si qnis qualemcumque hominem ad regem ineusaverit quod ad animse 
perteneat periculnm etc. 

**) Vergl. auch noch ebend. S. 159, 160. 



BEITRÄGE ZUR KENNTNISS DER LANGOBARDISCHEN SPRACHE. 135 

letzten oder der eines Verletzers, bezeichnet haben, sondern seine 
Bedeutung muß einfach die <\c* Schadenersatzes, der compositio, ge- 
wesen sein. An und für sich ist freilich das Wergeid, Avelches ein 
Mörder den Angehörigen des Ermordeten zahlt, auch in gewisser Hin- 
sicht ein Schadenersatz; nur liegt es auf der Hand, daß der Begriff 
der compositio ein viel umfassenderer ist als der des Wergeides. Ganz 
ähnlich vorhält es sich mit der von Osenbrüggen (a.a.O. S. 16) eben- 
falls zu Gunsten seiner zwischen Wergeid und Widrigild unterscheiden- 
den Theorie citierten Stelle Ratchis 9: Nam si ipsum oeeiderit — con- 
ponat mortem illius, simul et wirigild (sie. Cod. Paris. — 10) suo regi 
pro praesumptionem *). Hier ist also der Fall angenommen, daß ein 
Langobarde einen Freien, den er zu seinem Hörigen oder Sclaven 
machen will, tödtet; auch da hat <\^\- Betreffende sein eigenes Leben 
verwirkt und muß nun. um sich zu losen, dem König sein eigenes 
Wergeid bezahlen, abgesehen von dem ebenfalls zu entrichtenden 
Wergeide des Erschlagenen. 

Es ist oben darauf hingewiesen worden, wie gerne die nichtger 
manischen Schreiber das organische h weglassen, und es bot sich da- 
mals in Bezug auf sculdahis, der neben sculdais erscheinenden Form, 
auch Gelegenheit, auf eine zweite Eigenthümlichkeil der Romanen, 
auf ihre Neigung, unorganisches h einzuschalten oder hinzuzufügen, 
hinzuweisen. Und es findet sich dieses unorganische h nicht nur in 
Fällen, wo es sich darum handelte, einen dem Romanen nicht geläu- 
figen Diphthongen zu trennen, sondern es kommt dasselbe auch im 
Beginn der Worte, lateinischer sowohl als langobardischer, vor einem 
Vocale vor. Nach Bluhme finden sich in der S. Galler Handschrift 
Formen wie hedictum, hoccisus u. s. w., und ein langobardisches Wort, 
welches dieselb< in der nämlichen Weise entstellt hat, ist amund 
(haamund l) Ed. Roth. 224, 2.">. r >; auch andere Bandschriften, z. B. 
die Wolfenbüttler (Nr. • '») und die schon mehrfach erwähnte Pariser 
hahen in diesem Worte d.i.- anlautende h. An und für sich bezeichnet 
ämund denjenigen, welcher von der Mund, von der vormundschaftlichen 
Gewalt eines andern, frei ist. 

Die beiden Handschriften von Paris und S.Gallen stimmen end- 
lich hinsichtlich des anlautenden h auch darin ftberein, daß sie das- 
selbe den schon viel besprochenen Worten haldius, haldia und haldio 
geben; dasselbe h findet Bich Übrigens auch in den Handschriften Nj 1 



*) Die praesumptio ist die Darlegung des bösen Willens ohne Rücksicht auf 
den Erfolg; vgl, Wilda, Btrafrecht 603, ! 



136 KARL ME1 ER 

und 11 , während es in allen übrigen fehlt. Es tragt sieh demnach, 
ob wir auch hierin eine Einwirkung des Romanischen erkennen, oder 
ob wir die Formen mit li umgekehrt für die echtem langobardischen 
halten sollen. Für letzteres würde der sonstige Werth der beiden Hand- 
schriften, zumal der der S. Galler sprechen, für ersteres die Analogie 
der übrigen angeführten Beispiele. Bluhme hat sich bekanntlich für die 
Form mit h entschieden und dieselbe demgemäß in seinen beiden Aus- 
gaben consequent durchgeführt; seine Erklärung des Wortes — es soll 
zu dem Zeitwort halten' gehören — ist jedoch wie so manche andere 
seiner Deutungen (vgl. z. B. das über ari-gauuere Gesagte) so aben- 
teuerlich, daß sich kein der altern germanischen Mundarten Kundiger 
durch dieselbe wird bestimmen lassen; sie ist auch anderswo bekannt- 
lich auf heftigen Widerspruch gestossen. Ohne Zweifel ist das h hier 
sowenig organisch als in ämund, und kämen die betreffenden Worte 
so selten vor wie jenes, wären sie ferner so leicht zu deuten wie ämund, 
so würde man keinen Augenblick an der Unechtheit des h zweifeln. 
So wie die Dinge in Wirklichkeit liegen, imponiert allerdings beim 
ersten Blick die consequente Durchführung verbunden mit der so häu- 
figen Wiederkehr der genannten Worte. Ich stehe indessen keinen 
Augenblick an, aldius, aldia und aldio für die echt langobardischen 
Formen zu erklären, zumal da die bairische Quelle, welche das Wort 
ebenfalls kennt, die Urkunden in Meichelbecks historia Frisingensis, 
für das achte Jahrhundert ebenfalls die Form ohne h bezeugt (J. Grimm, 
Rechtsalterthümer S. 309). Und was die Bedeutung des Wortes betrifft, 
so wird man schwerlich über dasjenige hinauskommen, was schon 
J. Grimm (Rechtsalterthümer, S. 310) vermuthet hat. Nur an das von 
ihm ebendaselbst angeführte gothische albino, albjino wird man nicht 
denken dürfen, da aldius etc. . . . wie das ags. eldjan einerseits und 
das ahd. eltan, alta andrerseits zeigen, selbst auf der gothisch-ger- 
manischen Stufe der Lautverschiebung geblieben ist, und da auch sonst 
die hochdeutsche Lautverschiebung im Langobardischen gerade in der 
Reihe der Dentale am wenigsten durchgedrungen ist. Im übrigen 
aber empfiehlt sich Grimms Deutung um so besser, als das andere 
und häufigere Wort, welches in den meisten germanischen Mundarten 
den Halbfreien oder Freigelassenen bezeichnet, litus, auf der nämlichen 
Anschauung beruht (vgl. Rechtsalterthümer 308, 309). 

Koch andere langobardische Worte sind bis jetzt entweder gar 
nicht oder wenigstens nur ungenügend gedeutet worden. Im Ed. Roth. 
wird an mehreren Stellen (tit. 14, 48, 74) ein Hauptwort angargathungi 
genannt und zugleich durch die lateinischen Worte qualitn^ personae 



BEITRAG] /i R KENNTNISS DEE l ^NGOBARDIS« min SPRACHE 137 

umschrieben. Das Worl ist ein Decompositum, d. h. das bereits mit 
der Vorsylbe ga- zusammengesetzte thungi ist noch mit einem Nomen 
angar zusammengesetzt worden. Wenn wir nun die Deutung des 
Wortes mit dem zweiten Bestandtheile beginnen, so erinnert derselbe 
zunächst an as. githungan, ags. gethungen im Sinne von 'tüchtig, treff- 
lich', welches seinerseits auf ein Zeitwort thingan mit der Bedeutung 
des lateinischen proficere (Ztschr. f. d. A. XI, 430) hinweist. Hierher 
gehört auch an. thungr : schwer (an Gewicht) und der thunginus der 
lex Salica (tit. 44, 1; 46, 1). Das Hauptwort gathungi (stn) bezeichnet 
folglich den Werth einer Person . zu welchem dieselbe für den Fall 
eines Todschlags oder auch, wenigstens seil der Zeit d« s Königs Uro 
tharit, für den einer Verstümmelung (cf. tit. 7 1 angeschlagen war. 
1>;i> erste Wort von angargathungi nun aber ist schwerlich ein anderes 
als das gewöhnliche ahd. angar, nhd. Anger; denn auf dem größern 
oder geringern Eteichthum an Gras und Ackerland beruhte neben dem 
Viehstand bei einem vorzugsweise dem Ackerbau und der Viehzucht 
ergebenen Volke die Werthschätzung des Mannes überhaupt. Man 
denke an die ähnliche Doppelbedeutung von fihu; Hgangi heißt Roth. 
253, 2'.U der Dieb; ursprünglich bezeichnete es den mit der beweg 
liehen Habe eines Andern, zumal mit dessen Vieh, Davongehenden. 
Die größten Schwierigkeiten bietet indessen Roth. 225. Si libertus, 
qui fulcfre factus est, filiüs dereliquerit legetemüs, sint Uli heredes; si 
rilias, habeant legem suam, si naturales, habeanl et ipsi legem suam. 
Et si easu casu faciente sine heredes mortuus fuerit et antea judica- 
verit se vivo res suas proprias, id est andegauuerc et arigauuerc seeun 
dum legem Langobardorum , habeat cui donaverit. Nam quantum de 
benefactori suo per donum habuit, si eas non oblegavit in liber- 
tatem, ad ipsum patronum aut ad heredes ejus revertantur. Et si ali- 
quid in casindio ducis aut privatorum hominum obsequium donum 
munus conquisivit, res ad donatore revertantur. Alias vero res, si, ul 
dictum est, heredes aon derelinquerit, aut se vivo non judieaverit, 
patronue succedat sieul parenti suo. I handelt sich also um das 
Recht ein,-. v,,n »einem Herrn Freigesprochenen für den Fall seil 
Todes über 'in Ei gen thum zu verfügen Nicht tinter diese Verfugungs 
recht fallen einmal diejenigen Gegenstände, welche der Patron dem 
Freigelassenen geschenkt hat (quantum de res benefactori iio pei 
donum habuit), falls nicht der libertus dieselben sich ebenfalls als frei 
ausbedungen hat (si eas non oblegavil in libertatern ; ist letzteres nicht 
geschehen, sti lallen die betreffenden Gegenstände an den patronus 
zurück, Wae ferner dei libertu »ich entweder auf einem ileereszuge 



138 K. MEYER. BEITRÄGE ZUR KENNTNIS* DER LANGOBARD. SPRACHE. 

(in easindio ducis) oder im Dienste von Privatpersonen (privatorum 
hominum obsequium) noch erworben hat, fällt an den Geber zurück 
(ad donatore revertantur). Im Gegensatze nun zu den genannten 
Gegenständen steht dasjenige, was der Edictus alias res und res suas 
proprias ' nennt, und was er mit den langobardischen Ausdrücken ande- 
gauuerc und arigauuerc bezeichnet. Die beiden Worte sind keineswegs 
durchweg in dieser Form überliefert; vielmehr sehwanken die Hand- 
schriften, abgesehen von eigentlichen Ungenauigkeiten und Entstellungen, 
zwischen garniere und gaunere. In beiden Worten findet sieh auslauten- 
des c in Cod. 6, 10, 11, auslautendes e in Cod. 2, 3, 5, 8, 9. In der 
S. Galler Handschrift ist leider, wie mir Prof. Götzinger brieflich mit- 
theilt, die Stelle durch Anwendung chemischer Mittel im höchsten Grade 
unleserlich gemacht (vgl. auch Mon. Germ. bist. Leg. tom. IV, pag. 
XIII); eine genaue Entscheidung ist hiedurch beinahe zur Unmöglich- 
keit geworden; doch möchte sich Götzinger — und auch Bluhme hat 
so gelesen — am liebsten für ein c im ersten und für ein e im zweiten 
Worte entscheiden. Nehmen wir an, das e sei richtig, so würde uns 
das auf gawere (ahd. gaweri, Graff I, 929, mhd. gewer) führen; ga- 
weri gehört zu werjan (g. vasjan) und heißt 1) Einweisung in den 
Besitz, investitura, 2) Besitz (vgl. Heusler, Die Gewere. S. 50). Dieser 
Erklärung steht indessen ein Umstand im Wege; die Sprache der 
Langobarden nämlich, wie sie uns in den Rechtsbüchern derselben 
überliefert ist, zeigt auch nicht die leiseste Spur des Umlauts, und das 
Wort müsste demnach nicht gawere sondern gawari gelautet haben; 
auch die Schwächung des i zu stummem e wäre für das siebente 
Jahrhundert noch ganz undenkbar, zumal da das Wort sein i noch 
zu Anfang des neunten (Graff I, 929) ungeschwächt bewahrt hat. Da 
also ein e in der Flexionssilbe wie in der Wurzelsilbe undenkbar 
ist, da ferner der Codex, schon als Bluhme ihn verglich, sehr entstellt 
war, und da drittens c und e einander sehr ähnlich sind, so bleibt 
keine andere Möglichkeit übrig, als auch für das zweite Wort ein 
auslautendes c anzunehmen. Es ist das umso eher gestattet, als die 
Übereinstimmung von <>, IC» und 11 in Bezug auf zweimaliges e einer- 
seits und die vielfachen Übereinstimmungen von 1 und 10 andrerseits 
dieser Annahme zu Hilfe kommen. Richtige Lesart wäre somit in 
beiden Fällen gawere, und zwar in dem collectivisch concreten Sinne, 
welchen mit ge-, ga- zusammengesetzte Nomina so häutig haben, also 
etwa in der Bedeutung von Geräthc. Der erste Bestandtheil des 
zweiten Wortes ist nichts anderes als das Substantivum ari, welches 
auch sonst im Munde der Romanen oft sein anlautendes h verliert 



K MAURER DAS G0TTESURTHE1] IM ALTNORDISCHEN RECHTE 139 

vgl. arimannus, arischild, aritraib) und arigawerc oder harigawerc 
wäre demnach Heergeräthe , Bewaffnung. Aber auch das erste Wort, 
andegawerc, wird ein anlautendes li eingebüsst haben, und es wird 
ursprünglich und langobardisch handegawerc geheißen haben; die 
formelhafte Verbindung der beiden Begriffe verlang! auch den näm 
liehen Anlaut. Nicht leicht ist nun freilich zu sagen, was unter hande 
gawerc (Handgeräthe) zu verstehen ist. Vielleicht stellt das Wort in 
einem gewissen Gegensatze zu harigawerc, wie das ja bei derartigen 
formelhaften Verbindungen zweier Werte häufig der Fall ist; in diesem 
Falle müsste man an diejenigen Gerätschaften denken, welche für 
die friedlichen Beschäftigungen, Ackerbau, Viehzucht oder Handwerk 
nothw endig waren. 

Da oben von Wodan die Rede gewesen ist, so mag zum Schlüsse 
noch seine Gemahlin erwähnt werden. Paulus Diaconus, welcher die- 
selbe (1,8) anführt, nennt sie Frca. Das e entspricht hier dem sonst 
üblichem i gerade wie in lülcfrc (Roth. 216, 224, 22ö, 257), dessen i 
hinwiederum Dehnung eines ursprünglichen i (vgl. goth. frija) ist. Zur 
Erhaltung des organischen i haben die Gothen eben das j hinter dem- 
selben eingeschoben, und auch im Ahd. findet sieh neben fri, fri-a, 
frie ein frige, dessen g als j aufzufassen ist. Auch in dem Namen der 
genannten Göttinn findet sich das kurze i conserviert in der thüringi- 
schen Form des zweiten Merseburger Zauberspruchs, wo Müllenhoff 
und Scherer (Denkmäler S. 7) freilich unrichtig Fria schreiben; und 
ebenso ist die nordische Form Frigg aus *Frijar durch die Mittelstufen 
*Frijr, *Frigr entstanden. Die Langobarden hingegen haben die Dehnung 
vorgezogen, haben jedoch an die Stelle des i ein c gesetzt. 

BASEL, Febr. 1874. KARL MEYER. 



DAS GOTTESURTHEIL IM ALTNORDISCHEN 

RECHTE. 

In den isländischen sowohl als norwegischen Rechtsquellen tritt 
das Gottesurtheil regelmäßig unter der Benennung skirsl oderski'rsla 
auf. Von dem X> itworte skira, d. h. reinigen, abgeleitet, ist diese Bezeich 
nung offenbar nur einet bersetzung des kirchlichen Ausdruckes „purgatio;" 
wenn ferner in den uorwegischen Rechtsbüchern von guds skirslir 
prochen 1 ), oder zwischen dem Bkirsl guda ok manna unter 

I ! I. . I.\ §. 10. 



140 K. MAUREK 

schieden wird 2 ), so ist damit unverkennbar der kirchliche Gegensatz 
der purgatio canonica et vulgaris in das einheimische Recht herüber- 
getragen. Ob auch der ein einziges Mal gebrauchte Ausdruck vitnit 
mikla 3 ) überhaupt auf das Gottesurtheil zu beziehen sei, und wie er 
solchenfalls zu erklären sein möge, lasse ich vorläufig dahingestellt; 
sehe ich aber von ihm ab, so ist klar, daß jede nationale Bezeichnung 
für dieses fehlt, welche sich allenfalls noch auf die vorchristliche Zeit 
zurückbeziehen ließe. 

Auch die Formen des Gottesurtheiles, welche sieh in den Rechts- 
büchern verwendet zeigen, sind lediglich die in der ganzen abend- 
ländischen Christenheit gebräuchlichen. Der järnbur dr, d. h. die Probe 
des glühenden Eisens, wurde vorzugswei se bei Männern, das ket iltak, 
d. h. der Kesselfang, vorzugsweise bei Weibern angewandt 4 ); doch 
hielt man an dieser Regel keineswegs ausnahmslos fest, vielmehr ließ 
man auch Weiber gelegentlich zur Eisenprobe greifen. Im Übrigen 
gestaltete sich aber der Gebrauch des Gottesurtheiles etwas verschieden 
in Norwegen und auf Island. 

In Norwegen geschieht der Eisenprobe zuerst unter der Re- 
gierung des heil. Olafs Erwähnung, während deren sich der Fsering 
Sigurdr borläksson zu deren Bestehen erbot 5 i und der Isländer Grettir 
Asmundarson sich derselben wirklich unterzog 6 ); ein weiteres Aner- 
bieten, welchesc dem dänishen Hroi in den Mund gelegt wird 7 ), würde 
zwar derselben Zeil angehören, soll aber in Schweden erfolgt sein, 
und ist überdieß geschichtlich ohne Werth, da der ganze Hröapattr 
ein Abenteuer ist. In rechten Aufschwung schein! die Eisenprobe in- 
dessen in Norwegen erst gegen die Mitte des 12. Jhdts. gekommen zu 
sein, nämlich seit dem Zeitpunkte, in welchem sich Haraldr gilli durch 
dieselbe als Sohn des K. Magnus berfaetti auswies (1129). Von da ab 
wurde das Gottesurtheil wiederholt zu ähnlichem Behufe gefordert, 
angeboten oder auch bestanden, und von jetzt an geschieht desselben 
darum auch in den geschichtlichen Quellen öfters Erwähnung; die 
Rechtsbücher aber behandeln dasselbe als ein in steter Anwendung 
befindliches Beweismittel, dessen sie eben darum bei den verschiedensten 
Gelegenheiten gedenken. Der Gebrauch des Gottesurtheils war nach 
ihrem Zeugnisse wesentlich ebenso geregelt wie nach unserem älteren 
deutschen Rechte; dasselbe fand demnach ganz gleichmäßig in Rechts- 

*) E])L., I, §. 42. 3 ) GpL., §. 156. *) vgl. z. B. FrJ>L., III. §. 15; 

EbL., I, §. 42; ferner Festa]), cap. 55, S. 380. 1. s ) Heimskr. Olafs s. ens 

helga, cap. 145, S. 389, sammt den ihr folgenden Quellen. 6 ) Grittla, cap. 39. 
S. 03. 7 , Flbk. II, S. 7!). 









DAS GOTTESURTHKIL IM ALTNORDISCHEN RECHTE. 141 

machen der verschiedensten Art Anwendung, und galt andererseits immer 
nur als ein subsidiäres Beweismittel, zu welchem gegriffen wurde, wenn 
einerseits Zeugen nichl zur Verfügung standen, und andrerseits der 
Partheieneid und die Eideshülfe aus irgend welchem Grunde nicht 
anwendbar oder genügend erschienen. Auf Betrieb des Cardinallegaten 
Wilhelm von Sabina winde der Gebrauch der Eisenprobe im Jahre 1247 
abgeschafft 8 ), ganz wie derselbe ungefähr gleichzeitig auch in Schweden 
durch Birgit- jarl beseitigt wurde 9 ), Beides offenbar zufolge eines 
Beschlusses der Lateranischen Synode von 1215, welche den Geistlichen 
jede Mitwirkung bei derartigen Gottesurtheilen untersagt hatte 10 ), und 
in Folge dessen auch in Dänemark K. Woldemar II diese verboten 
hatte 11 ). 

Etwas anders verhielt sich die Sache auf Island. Die Rechts- 
bücher zunächst gedenken hier der Eisenprobe nur sehr selten, und 
des Kesselfanges vollends nur an einer einzigen Stelle 12 ), und sie 
zeigen die Anwendung heider auf ein möglichst enges Gebiet beschränkt. 
Durch ein Gottesurtheil konnte nach ihnen die Vaterschaft in Bezug 
auf ein unehelich geborenes Kind bewiesen werden, wobei es, unter 
Umständen wenigstens, die Kindesmutter war, welche die Probe zu be- 
stehen hatte ia ). Durch das Gottesurtheil kann sich ferner derjenige 
reinigen, welcher von einem Manne auf Grund der Aussage seiner 
Frau des Ehebruches beschuldigt wird u ). Endlich scheint das Gottes- 
urtheil, mochte nun der Mann oder das Weib dasselbe zu bestehen 
haben, auch gegenüber einer Klage wegen Blutschande zulässig ge- 
wesen zu sein, obwohl allerdings die betreffende Stelle nicht völlig 
concludent ist 15 ); sie könnte möglicherweise auch auf eine bloße Pater- 
nitätsklage bezogen werden, deren Ausgang ja allerdings auch für 
jene andere Beschuldigung maßgebend werden konnte. Auf diese Fälle 
beschränken sich die Bestimmungen unserer Rechtsbücher, und selbst 
von ihnen sind einzelne unschwer als späteren Ursprungs zu erkennen. 
Eine Rundschau aber in den Geschichtsquellen zeigt uns die Eisen- 
probe einmal um die Mitte des 12. Jhdts. angewandt in einer Vater 
schaftssache 16 ), und ein andermal nur wenig später angeboten, um den 



■) Hakönai b. gamla, cap. 256, 8. 22. "> ÖGL. Eps., 17. ,ü ) c. | 
ue derlei vel monachi, III, 50. " Biehe dessen Verordnung für Schonen bei Schlytei 
IX, S. 440—48. ' i I • tap., cap. 56, 8 380 l '*) Kgsbk, §. 143, 8. 26; 

§. 156, S. 49; §. 204, 8. 216; Öm I l 299 i • ta] cap. 26 £ 

bis 341, and cap. 4;.. B 361 Kl B. hinn gamli, cap. 14. S. 62, rot. 1, und cap. 47, 
S. 168. M ) Pestap., cap Ebenda cap, 65, 8. 380—1. 

ii i i II cap II 8, 66; die Zeitbestimmung ergibt sieb aus Jen Worten: 
La \ai Ingi Baraldsson konungi (1137 Hol , 



]42 K- MAUKER 

Beweis der ehelichen Geburt eines Mannes zu führen 17 ), Beides Fälle, 
welche sich ganz wohl unter die in den Rechtsquellen maßgebenden 
Gesichtspunkte bringen lassen; außerdem zeigt sich aber die Eisenprobe, 
und zwar wiederum ungefähr um dieselbe Zeit, auch zweimal in Dieb- 
stahlssachen in Aussicht genommen 18 ), während die Rechtsbücher von 
einem derartigen Gebrauch derselben nichts wissen; in beiden Fällen 
soll freilich, was nicht zu übersehen ist, die Probe nur auf Grund eines 
Vergleichs, und ohne jede vorausgehende gerichtliche Untersuchung 
stattfinden. Nur ein einziges Mal wird meines Wissens von einem 
Gottesurtheil gesprochen, welches in einer früheren Zeit vor sich ge- 
gangen sein soll, nämlich zu der Zeit, da Bischof Isleifr zu Skälholt 
saß, also in den Jahren 105G— 80 19 ); auch dieser Fall betrifft wieder 
eine Vater seh aftsklage, und auch in ihm ist es wieder ein Vergleich, 
nicht ein gerichtliches Verfahren, welches zu der Vornahme der Probe 
führt. Dabei ist wohl zu beachten , daß sich in der Handhabung des 
Gottesurtheiles auf Island eine gewisse Unsicherheit geltend macht; es 
wird an mehreren Stellen eine Wiederholung der Probe ins Auge ge- 
fasst, welche der Bischof, oder auch der ihre Vornahme leitende 
Priester anordnen möge 2o ) , während doch eine solche Wiederholung 
dem innersten Grundgedanken dieses Beweismittels widerspricht. End- 
lich wird man auch nicht übersehen dürfen, daß das Gottesurtheil, so 
unentbehrlich es dem norwegischen Rechte als Schlußstein seines Be- 
weissystemes sein mochte, doch für das isländische, wesentlich auf das 
Geschworeneninstitut begründete Beweisverfahren keineswegs ein Be- 
dürfniss ist; in einer Reihe der oben angeführten Stellen wird in der 
That der Beweis durch Geschworene dem durch das Gottesurtheil zu 
führenden Beweise alternativ zur Seite gestellt, und es ist kein Grund 
ersichtlich, weßhalb nicht dasselbe auch in allen übrigen Fällen hätte 
geschehen können. 

Nach allem dem scheint die Eisenprobe sowohl als der Kessel- 
fang zunächst auf Island als ein nicht nationales, vielmehr von Außen 
her eingeführtes Institut betrachtet werden zu müssen. Nur ein ein- 
ziges Mal tritt die erstere, wenn wir anders der beti*effenden Nachricht 
überhaupt Glauben schenken wollen, im 11. Jhdt. als ein im Vergleichs.- 
wege beliebtes Beweismittel auf, ganz wie um etwa ein halbes Jahr- 
hundert früher auch wohl Reinigungseide im Vergleichswege oder selbst 



,: ) Ebenda, cap. 21, S. 7t». ,8 ) Ebenda II, cap. 11, S. 56-58; III, 

cap. 16, S. 146-47. '-) Ljösvetninga s., cap. 23. S. 77—78. I0 ) Kgsbk, 

§. 264, S. 216; Ljösvetninga s., ang. O. 



DAS GOTTESURTHEIL IM NORWEGISCHEN RECHTE. 143 

gelegentlich gerichtlicher Verhandlungen auferlegt werden konnten' 21 ), 
sei es nun , weil das isländische Beweisverfahren damals noch nicht 
seine spätere Gestaltung erlangt hatte, oder auch weil auf die Rechts- 
übung, zumal außerhalb der Gerichte, gelegentlich die norwegischen 
Zustände bestimmend einwirkten. Etwas häufiger lässt sich der Ge- 
brauch der Eisenprobe auf der Insel seit der Mitte des 12. Jhdts. nach- 
weisen, sei es nun, daß (leren wiederholte Anwendung durch Thron- 
prätendenten in Norwegen ihr eine gewisse Berühmtheit verschafft hatte, 
oder daß die ganz oder halbwegs kirchlichen Gewohnheiten dieses 
letzteren Landes der Insel durch die kirchliche Verbindung näher ge- 
rückt worden waren, in welche dieselbe seit dem Jahre 1152 zu Nor- 
wegen getreten war. Auch in dieser späteren Zeit scheint indessen 
zunächst wieder nur ein vertragsweises Anbieten und Annehmen der 
Probe in Frage gewesen zu sein; in die Rechtsbücher dagegen scheint 
dieselbe erst sehr allmählig Aufnahme gefunden zu haben, und zwar 
bezeichnender Weise nur auf dem Gebiete der geschlechtlichen Ver- 
gehen und Vaterschaftsklagen, also gerade auf demjenigen Gebiete, 
auf welchem die bekannten Vorkommnisse innerhalb der norwegischen 
Königsgeschichte dieses Beweismittel am bekanntesten gemacht hatten. 
Das in den Jahren 1122— o3 aufgezeichnete Christenrecht enthält jeden- 
falls von dessen Gebrauch noch keine Spur, und recht eingebürgert 
hat sich dasselbe auf der Insel auch später nicht: gerade aus der ge- 
ringen Bedeutung, welche die Eisenprobe sowohl als der Kesself;ing 
sich erworben hatte, möchte es sich erklären, daß sie unbeschadet ihrer 
in Norwegen erfolgten Abschaffung auf Island einige Jahrzehnte hin- 
durch unangefochten blieben, bis ihnen endlich durch die Annahme 
der nach norwegischen Vorlagen gearbeiteten Järnsida und Jönsbök 
auch hier der Boden entzogen ward. — Aber auch in Norwegen 
scheinen beide Gottesurtheile nicht bodenständig, sundern erst durch 
die Kirelc- nach dem Vorbilde anderer christlichen Lande eingeführt 
worden zu sein. Die Gesetzgebung des heil. Olafs scheint ihnen hier 
bleibenden Eingang verschafft zu haben, vielleicht angelsächsischem 
Muster folgend, und jedenfalls weist die kirchliche, und nicht nationale 
Bezeichnuni; <h~ (juttesuitheiles, dann die Form seiner Anwendung, auf 
eme fremdländische Herkunft hin; eben «lahm deutet luch, daß das 
Institut söhnt wieder verschwand, sowie die Kirche sich gegen d isselbe 
erklärte, so vortrefflich dasselbe auch in das ganze Beweissystem 



") z. B. Vfgaglüm - ca] -■ I gja, cap. 16, S 19, 

und Landuäiua, II. cap. 9, 



144 K. MAURER 

norwegischen Rechtes sich eingefügt hatte. Damit will nun aber in 
keiner Weise gesagt sein, daß es dem altnordischen Heidenthum auch 
an jeder andern Form des Gottesurtheiles gefehlt habe. Das Beweis- 
system des norwegischen Rechts bedurfte, wie oben bereits bemerkt, 
eines derartigen subsidiären Auskunftsmittels ganz in derselben Weise 
und ganz aus denselben Gründen, wie dieß bei unsern deutschen 
Rechten der Fall war, und es fehlt auch nicht an positiven Anhalts- 
punkten in den Quellen für die Annahme, daß der Grundgedanke 
wenigstens der Gottesurtheile auch der nordischen Vorzeit vollkommen 
geläufig war. Eines der Lieder der älteren Edda erzählt 22 ), wie Gudrun 
von ihrer eigenen Magd aus Eifersucht bei K. Atli eines Ehebruches 
bezichtigt wird, welchen sie mit K. bjödrek begangen haben soll: da 
ihre Brüder abwesend sind, welche sie kämpflich zu vertreten gehabt 
hätten, erbietet sich die Königin zum Kesselfange, indem sie zugleich 
bittet, den deutsehen König Saxi kommen zu lassen, als welcher den 
Kessel zu weihen verstehe 23 ). Das Lied ist im Codex regius enthalten, 
welcher am Schlüsse des 13. Jhdts. auf Island geschrieben zu sein 
scheint, und die Anlage der Liedersammlung, welche uns in demselben 
aufbewahrt ist, lässt sich mit annähernder Sicherheit ungefähr auf das 
Jahr 1240 zurückführen 24 ); wie alt freilich die einzelnen in diese Samm- 
lung aufgenommenen Lieder sein mögen, ist damit nicht entschieden, 
indessen setzt Gudbrandr Vigfiisson wenigstens die Entstehung der 
Völsungenlieder nicht über das 11. Jhdt. hinauf 25 ), und diese Zeitbe- 
stimmung scheint aus inneren Gründen völlig zutreffend. Man sieht 
aber, daß das Lied zwar die Form des Kesselfanges deutlich genug 
als fremde, von Deutschland herstammende bezeichnet, aber doch die 
Grundidee des Gottesurtheiles als auch eine den Nordleuten geläufige 
bezeichnet, da ja sonst Gudrun unmöglich darauf verfallen sein könnte, 
sich zum Bestehen eines solchen zu erbieten; man war sich also zu 
der Zeit, da das Lied gedichtet wurde, im Norden des fremden Ur- 
sprunges des Kesselfanges noch ganz wohl bewusst, während man zu- 
gleich dafür hielt, daß der Glaube an die Verlässigkeit derartiger 
Proben auch dem nordischen Heidenthume bereits wohl bekannt ge- 
wesen sei. Auf dasselbe Ergebniss führt noch ein zweites Quellen- 
zeugniss. Widukind von Corvey sowohl als Thietmar von Merse- 
burg erzählen von einem Priester Poppo, welcher vor K. Harald von 
Dänemark durch das glückliche Bestehen der Eisenprobe die Wahr- 
heit des christlichen Glaubens erwiesen habe, und dieselbe Erzählung 



") GurTrunarkviita 111, bei Bugge, S. 274 — 75. 53 ) Str. 6: Sentü at 

Saxa, Sunnmanna gram; bann kann helga hver vellanda. 24 ) vgl. Bugge, S. VIII 
und LXVII. ") Dictionary S. 2. Sp. 2. 



DAS GOTTESURTHEIti IM NORWEGIS« III N RECHTE. | |., 

kehrt, mehrfach ausgeschmückt, in einer Reihe anderer Quellen wieder 
nur daß diese anstatt Haralds auch wohl K. Erich oder K. Svein 
nennen 86 ); Saxo Grammaticus aber berichtet, daß dieses Wunder so 
mächtig auf das dänische Volk gewirkt habe, dal.* dasselbe zur Ein- 
führung der Eisenprobe und zur Abschaffung des Zweikampfes in seiner 
Anwendung auf die Entscheidung von Rechtssachen sieh entschlossen 
habe 87 ). Auch hier wird also der Gebrauch der Eisenprobe auf kirch- 
lichen Einfluß zurückgeführt; auch hier aber setzt der Eindruck, welchen 
das Bestehen der Probe macht, bereits die vorgängige Existenz eines 
entsprechenden Volksglaubens voraus. Eine dritte Angabe, welche sich 
in Riniberts Lebensbeschreibung des heil. Anskars findet, und welche 
von Stemann hierhergezogen werden will'* 8 ), lasse ich außer Ansatz 
da dieselbe auf die nordalbingischen »Sachsen, nicht auf die Dänen 
sich bezieht, und überdieß nicht von einer neuen Einführung des 
Gottesurtheiles handelt, sondern nur von dessen Erstreckung auf Fälle 
in welchen man sich vorher mit Zeugniss oder Reinigungseid besmüffl 
hatte. Nun könnte man allerdings, wozu die angeführte Stelle des Saxo 
sogar einen äußern Anhaltspunkt gewährt, zu der Annahme greifen, 
daß der Zweikampf, dessen häufige Anwendung - zur Erledigung von 
Rechtsstreitigkeiten im Norden ja feststellt, in der heidnischen Zeit die 
Stelle eingenommen habe, welche in der christlichen Zeit durch die 
Eisenprobe und den Kesselfang besetzt wurde ; indessen lässt sich doch 
weder verkennen, daß die Grundidee, von welcher jener beherrsch! 
wird, eine wesentlich andere als die für die beiden letzteren maß- 
gebende ist, noch auch übersehen, daß der Zweikampf keineswegs in 
allen Fällen anwendbar war, in welchem jene beiden Gottesurtheile eine 
Entscheidung bringen konnten. Glücklicherweise lässl sich in den 
Quellen wirklich noch eine Spur eines älteren und wahrhaft nationalen 
Gottesurtheiles im Norden nachweisen, nur freilich, wunderlich genug, 
nicht in Norwegen, sondern auf Island. 

Eine geschichtlich ganz verlässige Quelle erzählt uns 29 ), daß am 
Ende des 1". Jhdts. einmal in einem Falle der Commorienz mehrerer 



'"', Belegstellen Labe I * - 1 » in meiner Schrift: I > i « Bekehrung des norwegischen 

Stammes zum Christenthume, Bd. II, S. 182 B3 Aum. ■ i S. 189, A , 30, 

verzeichnet. ' | IM toria Danica, \ -. 198 99 " Vita Anskarii, 

cap. 32 (bei Langebek, I 8 191 ■ jl. Stemann, Den danske Retshistorie, S. 137, 
Aum. l. l9 j Laxdaela, cap. 18 Nu p6tti beim framdum börarins nokkul 

efanlig Bja* saga ok köllndast beir ei mundu trtinad äleggja raunarlanst, ok töidu beb 

halft vi d horkel, en borkell b^kut einu ui ra til xkfrslu al sid bi 

bat v.ii l'.-i skfrsla I bat muiid, al kyldi undii jnrdarmeii , bai ei torfa vat 



146 K. MAURER 

Verwandter die Aussage des einzigen überlebenden Genossen von der 
Partei, zu deren Ungunsten sie lautete, als unglaubhaft verworfen wer- 
den wollte, und daß man in Folge dieser ihrer Beanstandung zu einer 
Probe griff, für welche die Bezeichnung „gänga undir j ardarmen", 
Gehen unter den Rasenstreifen, gebraucht wird. Man stach Rasen- 
streifeu in der Art aus, daß dieselben an ihren beiden Endpunkten 
mit dem Erdboden verbunden blieben, und man richtete diese Streifen 
sodann in der Art auf, daß sie eine Art stehenden Bogens bildeten; 
die Person, welche die Probe zu bestehen hatte, musste sodann unter 
denselben durchgehen, und die Probe galt als gelungen, wenn die 
Streifen dabei nicht niederfielen. Der Berichterstatter selbst vergleicht 
dieselbe mit der „skirsla" der Christenleute; von neueren Schriftstellern 
vielfach besprochen 30 ), scheint dieselbe doch ihrem inneren Wesen 
nach noch keineswegs vollkommen genügend gewürdigt worden zu 
sein, und mögen darum hier noch ein paar Worte in dieser Richtung 
verstattet sein. — Die Stelle, welche den Gang unter die Rasenstreifen 
zum Zwecke einer gerichtlichen Beweisführung gebraucht zeigt, steht 
insoweit allein; dagegen zeigen mehrfache andere Quellenstellen die 
selbe Formalität bei der eidlichen Eingehung der Bundbrüderschaft 
(fostbrceclralag) verwendet 31 ), und wieder an einer anderen Stelle wird 
derselben gelegentlich eines Vergleichsabschlusses erwähnt 32 ); sucht 
man aber das geraeinsame Moment bei diesen verschiedenen Anwendungs- 
weisen einer und derselben feierlichen Handlung zu ermitteln, so ist 
es offenbar darin zu erkennen, daß durch dieselbe ein zuvor abgelegter 
Eid bestärkt werden soll, „bä skyldu ]>eir gänga undir 3 jardarmen, 
ok var pat eidr peirra", sagt die F6stbrcedrasaga mit ausdrücklichen 



ristin 6r velli, skyldu endarnir torfunnar vera fastir i vellinum, en s;i madr er skirsluna 

skyldi fram flytja, skyldi par gänga undir. Ekki pöttust heidnir mann niinna eiga 

i äbyrgd, bä er sb'ka hluti skyldi fremja, en m'i pykiast kristnir menn, ]>ä er ski'rslur 
eru gervar. bä vard sä skirr, er undir jardarmen gekk, ef torfan feil ei ä liaim. 
30 ) Arngrimus Jonas, Crymogaea S. 101—102; John Arnesen, Historisk Indled- 
ning til den gamle og nye Islandske Raettergang S. 7, 233. 3G, 240 — 41, und 252, so- 
wie zumal die von Jon Ein'ksson diesen Stellen beigegebenen Anmerkungen; 1'. E. 
Müller, De vi formulse „at ganga undir jardarmen," in der Ausgabe der Laxdsela, 
S. 395—400; R. Keyser, Nordmaendenes Religionsforfatning i Hedendommen, S. 130 
bis 131, und Norges Stats- og Retsforfatning i Middelalderen, S. 392; meine Geschichte 
der Bekebrung des norwegischen Stammes zum Christenthume, II, S. 17o, Amn. 80, 
und S. 222-33 u. dgl. m. ;il ) Gisla s. Sürssonar, I, S. 11, und II, S. 93—94; 

F «5stbrcje.il a s,, cap. 2, S. 6, ed. Konrä.1 Gislaaon, und cap. 1, S. 7, ed. 1822; sowie 
Flbk. II, S. 93; vergl. porsteins s. Vikingssonar, cap. 21, S. 44:.. > Vatns- 

dsela, cap. 33, S. 53, und daher die Melabok, Landnäma, III, cap. 4, S. 181. 



DAS GOTTESURTHEIL IM NORWEGISCHEN RECHTE. 147 

Worten; die Aussage Gudmunds, welche nach der Laxdsela durch den 
Act bekräftigt werden sollte, ist ohne Zweifel als eine eidlich abge- 
legte Zeugenaussage aufzufassen; bei dem in der Vatnsdsela berichteten 
Vorfalle endlich liegt es nahe, ebenfalls an einen vorgängigen Eid zu 
denken, möge dieser nun ein tryggdaeidr, d. h. Urfehdeeid gewesen 
sein, oder, was mir wahrscheinlicher ist, ein jafnadareidr, d. h. ein 
Eid, durch welchen der Schuldige versprach, in einem etwaigen zu- 
künftigen Falle sich mit den gleichen Vergleichsbedingungen als ver- 
letzter Theil begnügen zu wollen, welche ihm jetzt als verletzendem 
verwilligt worden seien 33 ). Man sieht, daß sich der Gang unter den 
Rasenstreifen mit der Eisenprobe und dem Kesselfang in seiner An- 
wendung wirklich sehr nahe berührt, ohne doch völlig mit ihnen zu- 
sammenzufallen. Beide Institute haben den obersten Grundgedanken 
mit einander gemein, den Glauben nämlich an ein unmittelbares Ein- 
greifen der Gottheit, welche durch ein sichtbares Zeichen Verborgenes 
kund thut; beide unterscheiden sich aber darin, daß sie diesen Grund- 
gedanken in sehr verschiedener Weise verwerthen. Unsere Gottesur- 
theile kommen wesentlich nur als ein Reinigungsmittel für einen dringend 
verdächtigen Angeklagten, und höchstens noch als ein Beweismittel be- 
züglich irgend welcher sehr unwahrscheinlicher Thatsachen in Betracht 
immer also in der Art, daß die Gottheit um die unmittelbare Ent- 
hüllung einer verborgenen, der ferneren Vergangenheit angehörigen 
Thatsache angegangen wird; der Gang unter den Rasenstreifen dagegen 
kommt lediglich als ein Mittel der Bestärkung von Eiden in Betracht, 
ist aber als solches auch bei jeder beliebigen Art von Eiden verwendbar, 
und die Frage, welche bei ihm durch das directe Eingreifen Gottes 
entschieden werden soll, betrifft nicht irgend welche weil zurückliegende 
Thatsache, sondern immer nur die Reinheit des anmittelbar vor oder 
bei der Probe abgeschworenen Eides. Der Gang unter den Rasenstreifen 
hat hiernach einerseits einen viel ausgedehnteren Spielraum als unsere 
Gottesurtheile, soferne er bei promissorischen wie assertorischen, und 
bei Zeugeneiden wie Parteieneiden eintreten kann; aber er kann andrer- 

eits auch immer ■ im Anschlüsse an einen Eid eintreten, und ist 

somit in allen den Fällen ausgeschlossen, in welchen ein solcher außer 
Frage steht, wie denn /.. B. die Feststellung der Vater chafi durch eine 
von dem angeblichen Sohne glücklich bestandene Eisenprobe ganz 
wohl möglich ist. wahrend der Gang untei den Rasenstreifen diesem 

\ 1 an .1 1 1 ark b, li , §. 31 und III § 90 dann Färnsi'da M ann h 
. 1 1 M ■ h 26. 



148 K - MAURER, DAS GOTTESURTHEIL IM NORWEGISCHEN RECHTE. 

kaum liätte gestattet werden können. Es stellt sich demnach der Ge- 
brauch dieser alterthümliehen Probe im Norden durchaus auf die o-leiche 
Linie mit der Eideshülfe, welche ja auch ihrerseits bei promissorischen 
Eiden ebenso gut wie bei assertorischen verwendet wurde 34 ), und wenn 
wir zwar bei der Dürftigkeit unserer Quellenangaben nicht nachweisen 
können , in welchem Umfange das ältere Hecht im Beweisverfahren 
von derselben Gebrauch gemacht habe, so lässt sich doch vermuthen, 
daß sich ihre Verwendung auf diejenigen Fälle beschränkt haben werde, 
in welchen ein Mangel hinsichtlich der Zahl oder Beschaffenheit der 
Partei , der Zeugen oder der Eideshelfer den bloßen Gebrauch der 
gewöhnlichen Beweismittel nicht genügend erscheinen ließ. Es wäre 
möglich, daß das in den GpL., §. 156, erwähnte „große Zeugniss" 
gerade mit dieser Probe ursprünglich zusammengefallen wäre; jeden- 
falls aber ist soviel klar, daß diese in Norwegen durch die von der 
Kirche eingeführten neuen Gottesurtheile verdrängt worden sein muß, 
wogegen sie auf Island nicht sowohl diesen als vielmehr dem sich hier 
ausbildenden Geschwoineninstitute zu weichen hatte. Eine Frage ließe 
sich nun freilich zum Schlüsse noch aufwerfen, die Frage nämlich, ob 
nicht vielleicht auch unsere deutschen Gottesurtheile ursprünglich dem 
Gang unter den Rasenstreifen ähnlicher gestaltet gewesen seien, indem 
auch sie einen vorgängigen Parteieneid voraussetzten, und zunächst 
nur über dessen Reinheit Aufschluß zu geben berufen waren, oder ob 
nicht wenigstens auch auf deutschem Boden gesondert von den gemein- 
hin üblichen Gottesurtheilen noch Proben vorkamen, welche an jenen 
eigenthümlichen Gebrauch des uordischen Heideuthumes anklingen? 
Ich will und kann auf die Erörterung dieser Frage hier nicht eingehen, 
möchte aber doch auf tit. 14 der Lex Frisiouum, de homine in turba 
occiso, aufmerksam machen, welche auf eine Verteidigung des An 
geschuldigten durch den Eid unter bestimmten Voraussetzungen noch 
ein weiteres Verfahren folgen lässt, nämlich im Hauptlande ein Ver- 
fahren mittelst geworfener Loose, im Westlande ein solches mittelst des 
Kesselfangcs, und im Ostlande ein solches mittelst des Zweikampfes; 
daß das erstere Verfahren wenigstens einen Ausspruch der Gottheit 
über die Reinheit des voniäu»>'i<i' geschworenen Eides und nicht über 
die Schuld oder Unschuld in der Sache selbst provocieren sollte, wird 
dabei ausdrücklich gesagt. K. MAURER. 



31 ) vgl. ■/.. B. Heimskr. Magnus ,s. göcla, cap. 7, S. WO; Siguräar s. J6rs- 
alafara, cap. 11, S. 667; Magnus s. Erlin gssonar, cap. 22, S. 797 u. dgl. m. 



I M G] i . ZI i.'i [NM \i; VON BAGENAU | |n 



ZU REINMAR VON HAGENAU. 

VON 

E. REGEL 



Unter der Nachtigall von Hagenau, welche Gottfried von Straß- 
burg in seinem Tristan feiert 1 ), hat man jenen Reinmar zu verstehen, 
der von der Pariser Handschrift in der Bildunterschrift des Wartburg 
Urieges zur Unterscheidung von Reinmar von Zwcter als der Alte be- 
zeichnet wird. Schon Docen 2 ) sprach diese Vcrmuthung ans, welche 
jetzt allgemeine Zustimmung gefunden hat. V. d. Ilagens Ausdeutung 3 ) 
auf Leutold von Seven hat dieser Annahme keinen Eintrag thirn kön- 
nen ; Wackernagel*) sowohl als Lachmann 5 ) stimmen ihr ganz ent- 
schieden bei. 

Hagenau ist wohl sicher die Stadt im Elsaii 6 ). V. d. Hagen 7 ) 
freilich hält es für wahrscheinlicher, daß Reinmar ein Baier gewesen sei. 

Reinmar von Hagenau nun scheint den größten Theil seines 
Lebens am Hofe Herzog Leopolds VI von Osterreich zugebracht und 
dort seine Kunst ausgeübt zu haben. Nach Thüringen an den Hof 
Hermanns ist er gewiß nicht gekommen, weßhalb er auch keinesfalls 
am Wartburgkriege theilgenommen haben könnte, so daß die oben be- 
rührte Angabe der Pariser Handschrift auf einer Verwechslung beruht. 
Wie v. d. Hagen 8 ) selbst zugibt, ist es auffallend, daß Reinmar in jenem 
Sängerstreite auf Seite des thüringischen Fürsten steht, und vielleicht 
doch noch auffallender als bei Walther, da wir bei Reinmar nichts 
von Schicksalsschlägen und Fürstenungnade wissen, wie sie Walthern 
getroffen: und ferner: sollte Reinmar diese Reise nach Thüringen mit 
Stillschweigen übergangen haben, da er uns doch über eine andere, 
wenn auch wichtigere, die nach dem gelobten Lande, in seinen Liedern 
berichtet hat? Dieser Kreuzzug scheint mir nun auch für Reinmar der 
einzige Anlaß einer kurzen Trennung von Österreich gewesen zu sein. 
Er hat ihn wahrscheinlich im Gefolge seines geliebten Fürsten i. .1. L190 
unternommen 9 ). In Palästina ist daher wohl das Lied NVv. 181, 13 
iingen; aber auch das vorhergehende 180, 28 bal den bevorstehenden 



', v. Bechstein I, 4776—4790. l ) Altd. Museum l, 167. ') MS. IV, 487 1 '. 

') Litt. §. 71,6. ") MFr. E "i \'_1. Lacbm. a. a. < >. Vergl. 

v. .1. Hagen a. a. O. ■) MS. IV, 139». Vgl. Wilken, Geschichte d. Kreuz- 
Büge, IV, 284. 



150 E. REGEL 

Kreuzzug zum Gegenstand. Der Spruch 156. 10 ist vielleicht auf der 
Heimreise gedichtet, und v. d. Hagen 10 ) zieht noch ein echtes Lied ' ') 
hierher, welches den Gefühlen des Sängers nach der Rückkehr Aus- 
druck gibt. Alle diese Lieder würden also in das Jahr 1190 zu setzen 
sein; ebenso der Gesang der Herrin MFr. 190, 25. Sonst weiß ich nur 
noch von einem einzigen die Entstehungszeit anzugeben, und dieses 
führt uns zugleich auf die Frage, wann Reinmar gestorben ist. 

Das Lied nämlich, welches den Tod eines Leopold beklagt 1 -), 
ist nicht mit Docen a. a. O. und nach ihm Pischon 13 ) auf Leopold VII 
zu beziehen, der 1230 in Italien starb, sondern auf dessen Vater, den 
Gönner Reimars, Leopold VI, der zu Ende des Jahres 1194 in Folge 
eines Sturzes vom Pferde umkam ,4 ). Das betreffende Lied ist im 
Frühling 1195 gedichtet, denn der erwähnte Sommer kann nur der dieses 
Jahres sein ; 1230 kann Reinmar nicht mehr gelebt haben, da Walthcr 
seinen Tod beklagt 15 ). Gewöhnlich sagt man jetzt 16 ), daß er um 1207 
gestorben sei, und schließt dieß aus der bekannten litterärischen Stelle 
im Tristan, den man um 1210 ansetzt. Dagegen bemerkt nun Simrock 17 ), 
man scheine ihn zu früh anzusetzen, denn, wenn auf das erste Buch 
des Parzival angespielt werde, folge daraus, daß Gottfried das letzte 
nicht gelesen? Die Strophen Walthers auf Rcinmars Tod könnten recht 
wohl um 1215 geschrieben sein, denn um 1207 hätte Walther wohl 
noch nicht so müde gesprochen, wie er dieß Zeile 24 und 25 thut. 
Lachmann 18 ) hält es für streng erwiesen, daß Reinmar um 1220 todt 
war; 1215 konnte er aber, meint Simrock, noch recht wohl am Leben 
sein. Den Beweis, daß Reinmar um 1220 schon gestorben war, hat 
Haupt geführt 19 ), allerdings in Bezug auf Hartmann von Aue; da aber 
in der in Betracht kommenden Stelle Heinrichs vom Türlein Reinmar 
mit Hartmann zusammen beklagt wird, so findet die Behauptung auch 
auf ihn Anwendung. Zwischen 1215 und 1220 ist daher Reinmar ge- 
wiß gestorben. 

Da nun das Kreuzlied MFr. 181, 13, welches sicher auf das 
Jahr 1190 geht 20 ), unseren Dichter schon auf der Höhe seiner Kunst 
zeigt, so mag er um 1170 schon geboren sein, es würden sich dann 
für seine Lebenszeit 45—50 Jahre ergeben; und daß Reinmar fast l>i. 
an sein Ende Minnelieder gesungen hat, geht aus den vielen Stellen 



,n ) MS. IV, 140». "i MFr. 182, 14. '•) MFr. 167, 31. ,3 ) Denkm. 

I, 574. '*) Vgl. v. d. Hagen MS. IV, 139 b f. ,h ) Walther v. Lachm. 3. A. 82 f. 

l6 ) z. B. auch Becbstein, Einleitung zum Tristan XXX und Koberstcin, Grandriß §. 111 
S. 223 (Bartsch). ,7 ) zu Walther 68. 69. ,8 ) zu Walther S. 196. l9 ) Zu 

Hartmanns kleineren Gedichten XII u. XIV. ™) Vgl. Lachm. zu Walthcr S. 197. 



ZU REINMAE VON HAGEN \i IM 

hervor 81 ), in welchen er klagt, daß er alt und grau werde, ohne eine 
Frucht von seinem langen treuen Dienen zu ernten. 

I»Viinnar war von edelem, ritterlichem Geschlechte; darauf deuten 
sein Wappen, die Benennung herre und her (IIss. BCE) und eigene 
Andeutungen: er nennt sieh seihst ritter oder lässt sich so nennen 22 ). 
Auch scheint mir aus seinen Liedern hervorzugehen, daß er ein wohl- 
habender Mann war und kein anderes Mißgeschick kannte, als die 
Ungnade seiner Herrin. Nichts findet sich hei ihm von dem waltherischcn 
Reichthum an Liedern zum Preise und Lobe der Tugenden hoher 
fürstlicher Personen, namentlich einer Tugend, der Milde, d. h. Frei- 
gebigkeit; nirgends beschwert er sieh andrerseits über die Kargheit 
seiner Gönner. Daraus kann man wohl mit Fug und Recht den Schluß 
ziehen, daß Reinmar ein, wenn nicht reicher, so doch wohlhabender 
Mann und nicht so auf Unterstützung angewiesen war wie der größte 
und begabteste Minnesänger, Walthor von der Vogelweidc.- Reinmar 
sagt uns selbst einmal (MFr. 168, 32 f.) 

mickn besiocere ein rehte herzeltchiu not, 
min sorge ist anders kleine. 
Sollte man dieses Bekenntniss bei ihm, der in der Regel keine 
nichtssagenden Phrasen macht, nicht darauf deuten können, daß der 
Dichter nicht mit drückenden Nahrungssorgen zu kämpfen hat, daß es 
ihm äußerlich wohl L r eht. und er ein behagliches Leben führt, außer 
daß ihm seine Geliebte Kummer bereitet? Damit stimmt denn auch, 
daß Reinmar den größten Theil seines Lebens, wenigstens so lange 
_< dichtet und gesungen hat, und das tli.it er wohl fast bis an sein 
Lebensende, an einem bestimmten Orte zubrachte und nicht an ver- 
schiedenen Höfen umher wanderte. Zu Wien, am Hofe der Babenberger, 
i-t seine Bejmatstätti n, und dahin hat ihn Leopold VI, jener 

gesangliebende Fürst, neben Hermann von Thüringen und Kaiser 
Friedrich 11 gewiß der hervorragendste Gönner und Beschützer der 
deutschen höfischen Dichtung :en. nicht um ihn aus dürftigen 

Lebensverhältnissen zu befreien, sondern um sein Ohr und sein Gemüth 
zu bezaubern und zu erbauen an den tief zu Herz und Sinnen >\no- 
chenden Gesängen dieses an Innerlichkeit der Empfindung allen vor- 
stehenden Meisters. Hier i-t er jedenfalls mit Walther zusammen 
..fren. der Manches von ihm gelernt haben mag, sich aber mit ihm 
entzweit hat j doch darüber später. 

■») Man vgl. MFr. 201, B8 157, 1 a 2 172, M 16. 186, 8 -1. Vgl. auch 
l~ i\ !; Ml e 160 15. 151, 3. 196, 26. 203, 12. 10:i, 29. 

Man vgl. v •!. Hagen MS. IV, 



152 I REGEL 

Dieß ist das Wenige, was ich über Reinmars Heimath und äußere 
Lebensverhältnisse aus seinen eigenen Äußerungen und denen Anderer 
schließen kann. Ist man nun bei Berührung seiner Lebensumstände 
schon fast allein auf seine Lieder angewiesen 43 ), so ganz bei seinen 
Liebesverhältnissen; hier aber erschließt sich dafür nun auch ein um 
so reicheres inneres Leben. Ich komme zur Besprechung seiner Lieder. 
Was zuerst die Überlieferung derselben betrifft, so gewährt, wie bei 
den meisten Minnesängern, so auch bei Reinmar die Pariser Hand- 
schrift (C) die reichste Ausbeute; sie enthält unter Reinmar 224 und 
unter Friedrich von Husen noch 2 Strophen, die ich alle für rcin- 
niarischo halte; außerdem wiederholt sie 2 Str. unter Walther (MFr. 
152, 25 u. 34), 1 Str. unter Milon von Sevelingen (J95, 3) und 4 Str. 
unter Heinrich von Rugge (103, 3, 11, 19 u. 27). Die beste Hs. A 
(Heidelberger Nr. 357) überliefert unter Reinmar 57 Str., unter Wal- 
ther 2 (MFr. 152, 25 u. 34), unter Niüni 5 (169, 9 u. 21. 183, 33. 184, 
10 u. 17), unter Reinmar dem Fiedler 4 (175, 5. 190, 27 u. 36. 192, 18), 
unter Gedrut 5 (183, 27. u. 33. 186, 1, 7 u. 13) und unter Leutold von 
Seven 3 Str. (103, 3, 11 u. 19). Die Weingartner Hs. (B) enthält in 
ihrer ersten Reihe reinmarischer Lieder 30 Str. unter Reinmar, 4 unter 
Heinrich v. Rugge (MFr. 103, 3, 11, 19 u. 27), in der zweiten Reihe (b) 
83 Str., zusammen also 117 Str. Der Anhang der Hs. A (a) liefert 2 Str. 
(MFr. 168, 6u. 18), die Würzburger Hs. (E) 114 und ihr Anhang (e) 
12 Str. (189, 5. 190, 3. 202, 25, 31, 37. 203, 4, 10, 17, 24, 31. 204, 1 u. 8). 
Sodann finden sich in M 3 Str. (177, 10. 185, 27 und 203, 10), in m 
unter Walther 8 Str. (167, 13 u. 22. 197, 3. 202, 1, 7, 13 u. 19 und eine 
MFr. S. 298) unter Nyphen 5 Str. (178, 1, 8, 22, 29 u. 36), in i 1 Str. 
(162, 16), in p 2 Str. (179, 21 u. 30), in s 1 Str. (179, 30), in r 2 Str. 
(MFr. S. 314, 1 u. 9), in n 1 Str. (MFr. S. 314, 9). 

Außer den in MFr. unter Reinmar mitgetheilten Strophen schreibe 
ich ihm also zu das Lied MFr. 103, 3, ferner die Strophe auf Seite 298 
und die 2 Strophen auf Seite 314. Gegen das Lied MFr. 192, 25 er- 
heben Lachmann und Haupt allerdings begründete Zweifel ' i4 ). 

Änderungen in Bezug auf Anordnung der Strophen werden ge- 
legentlich angegeben werden. 

Die Betrachtung der Lieder eines jeden Dichters zerfällt natur- 
gemäß in zwei Theile, ich untersuche die reinmarischen hier nur der 
Form, nicht dem Inhalte nach. 



3 ) Vgl. v. .1. Hagen MS. 140'-. J <) S. MFr. zu 193, 8, 



ZU km;i\m \i; \ n\ ii \(.i \ \i 17,3 

Reinmar, sagl v. d. Hagen 25 ), ist als derjenige zu betrachten, 
rlcr in heimischer oberdeutscher Zunge den von Veldek vorgebildeten 
Minnesang zuerst zur völligen reinen Ausbildung brachte. Er gehört 

zu den ältesten Meistern, steht noch an der Schwelle des deutschen 
Minnesangs, welcher in ihm einerseits seinen tiefsten und geistigsten, 
andererseits in der Form seinen schlichtesten und einfachsten Ausdruck 
findet 26 ). Er, der gedankenreiche Sänger, kehrt oft zu den alten, wenn 
auch einfachen Tönen zurück; bei ihm überwiegt die Dichtkunst über 
die Tonkunst. Seine metrischen Formen sind im Ganzen einfach und 
streng, seine Spracbformen zuweilen noch alterthtimlich, sein Stil sehlieht 
und schmucklos. Wiederholung und Gleichklang im Ausdruck ist in 
den wenigsten Fällen als Spielerei oder Künstelei, vielmehr als etwas 
Volksthümliches aufzufassen. 

Die metrischen Formen betreffend handle ich zuerst von der Vers- 
messung, dann vom Strophenbau und zuletzt vom Reime. 

Die mhd. Metrik ist bei Reinmar schon in ihrer ganzen Reinheit 
ausgebildet. Die Regel der mhd. Lyrik, daß auf jede Hebung eine 
Senkung folgt, erleidet keine Ausnahme ""). Daktylische Verse finde ich 
bei Reinmar nur 4 (MFr. 155, 3, 14, 25 und 156, 8, wo ich aber aus 
später zu erörternden Gründen (S. 156) schreibe: sin fremeden müet 
mich im s'ti); sie reimen als Körner. Zweisilbiger Auftact ist von Lach- 
mann einmal (MFr. 157, 4), von Haupt dreimal (154, 21. 181, 35. 196, 38) 
bezeichnet, aber eine fünfte Stelle (152, 36) von diesem wenigstens 
nicht ausgezeichnet worden, weil er sagt, hier könne auch sf> gvrinnet 
geschrieben werden"" . 

Jambischer Rhythmus überwiegt bei Reinmar. aber nicht bedeutend, 
[ch gehe die verschiedenen Versarten und ihre Verbindungen, wie sie 
sich bei Reinmar finden, jetzt der Reihe nach durch: 

1. Vers von 2 Hebungen. 
a) Jambisch. 
Bei Reinmar kommt er nur stumpf, auch nur in - Liedern, und 
/.war in Verbindung mit dem gleichen Vera von 4 Heb. vor im zweiten 
Theile des Abge 

MFr. 159, I. Hier ist zwischen den von 2 und den von 1 Heb. 
noch ein gleicher Vers vor 6 Heb. eingeschoben. 



MS. IV. 137 . ' Vgl. Uhlands Abhandlung über den Minnesang (Schriften 

zur Geschichte der Dichtung und Sag< \ 181 Vgl Bari ch, Ldederdichtei 

zu XV, 71, MFr. s. 290. 



154 E. KEGEL 

MFr. 183, 33. Hier sind zwei von 4 Heb. mit dem von 2 Heb. 
gebunden. In beiden Fällen haben alle 3 Verse gleichen Keim, und der 
von 2 Heb. rindet sieh am Schlüsse der Strophe, wo sonst längere 
Verse stehen. Die Verbindung des von 4 und des von 2 Heb. ist eine 
romanische. Bartsch 29 ) vergleicht eine Form Wilhelms von Poitou. 

b) Trochäisch. 

So kommt der Vers häufiger vor: 

a) Stumpf MFr. 176, 5, mit dem gleichen gebunden (2 u. 5 des 
Auf'gesanges. 

ß) Klingend MFr. 190, 25, mit dem von 3 Heb. gebunden (im 
ersten Theile des Abgcsanges). Auch hier findet sich die Verbindung 
mit dem von 4 Heb.: MFr. 151, 33 (im zweiten Theile des Abges.). 
Der kürzere steht hier vor dem von 4 Heb. 30 ). 

2. Vers von 3 Hebungen. 
a) Jambisch. 

a) Stumpf. Als Waise steht er: MFr. 167, 31 (5. Zeile des Abges.). 
Mit gleichem gebunden: 160,6. 167,31. 1S6, 10 (2 u. 5. Z. d. Abges.). 
Mit dem von 5 Heb. gebunden 165, 10 (3. u. 5. Z. d. Abges.). In der 

3. Str. ist der von 5 Heb. trochäisch; in der 5. Str. fehlt der von 3 Heb. 
Vielleicht: daz ich des wese fri. 

ß) Klingend. Mit gleichem gebunden: MFr. 168, 30. 103, 22 (2. u. 

4. Z. d. Aufges.). Dazu die Strophe auf S. 208. In der 4. Str. ist der 
zweite Vers trochäisch. Mit dem von 5 Heb. gebunden: MFr. 150, 1 
(3. u. 5. Z. d. Abges.). MFr. 151, 1. 17 (2. u. 4. Z. d. Abges.). (151, 24 ist 
vielleicht so zu ergänzen: dazs an mir statten also misset (de). MFr. 152, 
25. 34 (1. u. 2. Z. d. Abges.). MFr. 156, 10 (11. u. 12. 15. u. 17. Zeile). 

y) Stumpf-klingend. MFr. 156, 10. (5. u. 6. Zeile). 

d) Klingend-stumpf. Hier haben wir die alte epische Langzeile; 
deßhalb ziehe ich auch mit Bartsch 31 ) zusammen: MFr. 154, 37 u. 38. 
155, 10 u. 11, 21 u. 22, 32 u. 33. 156, 4 u. 5. 

(i) Trochäisch. 
a) Stumpf. Mit gleichem gebunden: MFr. 160,6(2. u. 5. Abges.). 
MFr. 190, 27 (2. u. 5. und 3. u. 6. Aufges.) MFr. 203, 24 (2. u. 4. Auf-.) 
203, 25 ändert Bartsch 3 ' 2 ): diu ich hän vernomen (wohl besser). Mit 



30 ) Germania II, 271. in ) Ich möchte hier ändern: 152, 3 sost mir also 

vool ze muole. 152, 22 wdn mirst leide. u ) Liederd. XV, 55. 3J ) Liederd. XV, 561. 



ZI i;i [NMAB VON II M.l \ 1} 155 

dem von 1 Heb gebunden: MFr. 176, 5 (4. u. 5. Abges.) MFr. 190, 27 
(3. u. 1. Abges.j der kürzere Vers stehl hier nach). 

ß) klingend. Mit dem von 2 Heb. gebunden (s. 0.) MFr. 199,20 
(2. 11. 1. Abges.). Mi1 gleichem gebunden: MFr. 170, 1 (l.u. 3. Aufges.). 
170, 3 möchte ich lesen : sost ez niender nähen. 170, 10 möchte ich lesen : 
wies ein vrouioe wcere. MFr. 199,25 (.">. u. 4. Abges.). Hier mit beiden 
noch ein gleicher Vers von 5 Heb. (Schluß der Strophe) gebunden, was 
selten ist. MFr. 202, 25 (1. u. 3. Aufges.). 

In der 1. Str. möchte ich losen 202, 25 Mirst der werlde unsteete 

und 202, 27, allerdings sehr willkürlich : gerne ich rehte teete und dann 

202, 29 statt so, was dem swie entsprach, doch. MFr. 203, 24.(1. u. 

Ufges.). Mit dem von 4 Heb. gebunden: MFr. 186, 19 (2. u. 4. Ab- 

In der -/weiten Strophe beginnt der von 4 Heb. mit Auftaet. 

3. Vers von 4 Hebungen. 

Dieser Vers ist in der deutschen sowie in der romanischen Poesie 
der älteste und häufigste. 

<i) Jambisch. 
a) Stumpf (achtsilbig). Dieser Vers kommt in vielen Strophen für 
ich allein vor, paarweise oder gewöhnlich überschlagend gereimt; oft 
im ganzen Aufgesang, aber auch sonst im Auf- und Ahgesang sehr 
häufig 33 ); am häutigsten hat ihn gerade Reinmar: 

1. Durch die ganze Strophe (und zwar durchaus mit über- 
schlagenden Reimen). MFr. 187,31. 187,34 möchte ich nach Hs. A 

11: deich ir vergezzen niem mac. MFr. 188,31. 191, 7. 25. 203, 10. 
I-;.:. 3. 

2. Im ganzen Aufgesang (auch durchaus mit überschlagenden 
Reimen): MFi 150, I. 151, 1, 17,33. 152,25,34 (36 mit zweisilbigem 
Auftacl 1..:;,... 14, 23, 32 154 5. 181, I.". (35 not zweisilbigem Auf 
tact) 182, I 183, :;;:. 198, I. 

."' In den Stolhii nur theilwei e MF] 154,32 (1 u 3 Aufges.). 

liier sehreiht man in der ersten Zeih wohl be 1 8di iender 

MFr 155, 27 | I. .,. 3 Aufges.). 38 ohne Auftaet 156, l<> (1. 2. :'.. Aufg.). 
MFr. 156,27 (1. u. 3 tal 19 ohne Auftacl MFr. 158, 1. 159, 1 

(1. 11. :*.. Aufges.) MFr. 160, 6 1 l. u. I. aufges.). 25 möchte ich nach .Im 
Hss. schreiben: wil si des noch niht //"'/< vemomen. MFr. 1»'»2, 7, 3 1 
I. u. 3. Aufges.). 163, 2:; (2 u. I. \m Eb< nso: HU. :;<> (die drei 



Vgl Bari .1: (Germania II, 274) 



15ß E. REGEL 

vorhergehenden Strophen stelle ich nach dieser 34 ). 165, 1. 165, 10 
(1. u. 3. Aufges.). Ebenso: 166, 16 (167, 4 ohne Auftact). 167, 13, 22. 
167, 31 (1. u. 4. Aufges.). 171, 32 (1. u. 3. Aufges. nur in der 3. Str.). 
172, 11 (3. Aufges. nur in d. I. Str.). 172, 23 (1. u. 3. Aufges. nur in d. 

2. Str.). 172, 23 (3. Aufges. nur in d. 3. Str.). 184, 31 (2. u. 4. Aufges.). 
Ebenso: 185, 27. 193, 22 (1. u. 3. Aufges.; 29 ohne Auftact). Ebenso: 
195, 10 (28 ohne Auftact): 197, 15 (nur in der 2. Str.). 201, 12 (2. u. 
4. Aufges. nur in der 1. Str.). 

4. Im Abgcsang: MFr. 150, 1 (4. Zeile; Waise). 151, 33 (3. u. 6. Z. 
nur in der 2. Str.). MFr. 152, 25 (3. Z. gebunden mit einem Vers von 
7 Heb.). (Ich ziehe hier und in den folgenden Liedern die beiden letzten 
Zeilen der Strophe zusammen 35 ). Ebenso: MFr. 152, 34. 153, 5, 14, 23, 
32. 154, 5. 154, 32. (4. Z. Körner; ich stelle die beiden Strophen 155, 

27 und 155, 38 um und rechne die 2. mit zum Vorigen Liede, indem 
ich das Korn 156, 8 nach C (v. d. H.), aber mit kleiner Abweichung, 
um daktylischen Rhythmus zu bekommen, wieder herstelle: sin fremeden 
müet mich nu sit). MFr. 155, 27 (4 Z. Waise; ich lese hier nach Hss. 
AC: r/ot helfe mir deich mich hewav). 156, 10 (13 Z. mit einem Vers von 
7 Heb. gebunden). 156, 10 (16 Z. Waise). 156, 27 (1. Z. Abges. mit 
einem Vers von 6 Heb. gebunden). 156, 27 (4. u. 3. Z.). 157, 9 ist wohl 
besser zu schreiben: daz sis niht mere heeren toü; 18 ist ohne Auftact; 

28 hat zAveisilbigen Auftact. MFr. 156, 27 (6. Z. mit Vers von 6 Heb. 
gebunden). 156, 36 und 157, 30 sind ohne Auftact. 158, 1 (3. u. 5; 4. u. 
6 Z.), 28 ist ohne Auftact. 159, 1 (3. Z. mit einem Vers von 6 Heb. 
und einem von 2 durch den Reim gebunden s. o.). 162, 7 (4. Z. Waise; 

3. Z. mit einem Verse von 5 Heb. gebunden), 13 ohne Auftact. Ebenso 
MFr. 162, 34. 163, 23 (3. u. 5. Z.). 164, 2 ohne Auftact. 163, 23 (4. Z. 
Waise). Ebenso: 164, 30 (Anordnung s. o.). 165, 1 (9 ohne Auftact). 
166, 16 (1. Z. mit einem Vers von 7 Heb. gebunden, 4. Z. Waise). 
Ebenso: 167, 13, 22. 167, 31 (3. u. 6. Z.; 4. Z. Waise). 170, 1 (2. Z. 
Waise') , 36 (2. Z. Waise; 1. Z. der 1. u. 5. Str. mit Vers von 6 Heb. 
gebunden). 172, 23 (2. Z. d. 2. Str.; 2. u. 3. Z. d. 3. Str.). 174, 3 (2. Z. 
d. 1. u. 5. Str.). 179, 3 (5. Z. der 6. Str. mit Inreim gebunden 30 ). Ich 
schreibe 180, 15 u. 16 zusammen. 181, 13 (3. u. §. Waisen; 4. u. 6). 
Ebenso 182, 4. 183, 9 (1. Z. d. 2. Str. mit Vers von 7 Heb. gebunden). 
183, 33 (1. u. 2. Z.) 185, 27 (1. Z. d. 2. 3. 4. Str. mit Vers von 7 Heb. 
gebunden). 189, 5 (4. Z. Waise). 192, 25 (1. Z. d. 3. u. 4. Str. mit Vers 



M ) Vcrgl. Bartsch, Liedcrd. XV, 154. 3S ) Vgl. Bartsch, Liederd. XV, 47. 

6 ) Vgl. Bartsch (Germ. IU, 482. XII, 135). 



ZU REINMAR VON HAGENAU. 157 

vu., 6 Hebungen; 1?. Z. Waise). 193, 22 (1. u. 2. Z. d. 3. 4. 5. Str.). 
195, 10 (3. u. 4. Z.) 197, 15 (1. Z. d. 2. u. I. Str. mit Vers von 7 Heb. 
gebunden; 2. Z. Waise). 201, 12 (2 Z d. .'?. Str. mit Vers von (i Heb. 
gebunden). MFr. S. 314 (6. u. 8. Z.). 

Der Vers, welcher nach dein alten Gesetze der Hebungen dem 
achtsilbigen jambischen entspräche, ist der siebensilbige mit klingendem 
Reime (s.o.). Beide wechseln, zumal bei Dichtern, welche leichtere 
Melodien lieben 37 ), nicht selten mit einander; so auch hei Reinmar: 
MFr. 193, 22. 

ß) Klingend (neunsilbig). MFr. 163, 23 (1. Z. des Abges. gebunden 
mit Vers von 8 lieb.). Ebenso: 1G4, 30 (Anordnung s. o.). 165, 1. 177, 10 
(1. u. 3. Aufges. der 3. Str.). 108, 4 (1. u. 2. Abges.). Ich ziehe hier zu- 
Bammen 8. u. 9. 38 ); 10. u. 11: ebenso in den anderen Strophen. MFr. 
S "'14 (f). u. 7. Z.). Die 7. Zeih der ersten Strophe kann man vielleicht 
schreiben: daz si da krenket in ir jären. 

Dieser Vers ist in der romanischen Lyrik selten, in der Epik 
ebenso häutig als der achtsilbige; die Lyriker brauchten dafür den 
achtsilbigen trochäischen Vers. Die; Romanen stellen den neunsilbigen 
jambischen Vers gern zu Anfang des Abgesanges, um kürzere Verse 
der Stolleu mit längeren des Abgesanges zu verbinden ; ein solches 
Beispiel hat man auch, wenn man zusammenzieht, bei Reinmar in der 
obigen Stelle MFr. 198, 4. 

Die Scheidung des jambischen und trochäischen Rhythmus ist am 
Btr engsten im Verse von 4 Hebungen; ich gehe zu den trochäischen 
über : 

h) Trochäisch. 

a) Stumpf (siebensilbig). Durch die ganze Strophe findet er sich 
nicht. Im ganzen Aufgesang: MFr. 178. 1 und 198, 28. Im ganzen 
Abgesang: MFr. 203, 24 (3 Zeilen durch gleichen Reim gebunden), 
29 Bchreibl Bartsch 39 ) ward ich für sit /VA (wohl besser). Sonst ist der 
Vers häufig bei Reinmar: MFr. 151, 1 (2. u. 4. Aufges. der 2. Str.) 
154, 32 (1. Zeile d. 4. Str. Anordnung s.o.). 156, 10(4.7.8 9. 10 Zeile). 
156, 21 (3. u. 10. Z. de- 1. Str.. s. Z. der 3. Str., 5. Z. der 1. Str.). 158, 1 
- /. d. 3. Str.) 162, 7 (7. Z. «1. 1. Str.) 166, 0'. (1. Z. d. 1. Str.). 168, 30 
il.Z. des Abges. gebunden mit Vera von 7 Heb.); dazu die Strophe 
MFr. S. 298, wo man in der 5. Zeih- vielleicht "hne Aufiact schreiben 
kann: muoi van vröuden. 169, 9 (2. n. 4. Aufges.; 1. Z. d. Abges. ge 



\ ,i Bartrn li Germ.il II 27(1 ' ■ U 

lerd M. 



158 E. REGEL 

bunden mit Vers von 6 Heb.). Ebenso: 169, 33. 170, 1. 170, 36 (1. Z. 
d. Abges. d. 2. 3. 4. Str. gebunden mit Vers von 6 Heb.). 171, 32 (1. u. 

3. Aufges. d. 1. u. 2. Str. 1. Z. des Abges. gebunden mit Vers von 7 Heb.). 
Ebenso: 172, 11 (in d. 1. Str. die 3. Zeile mit Auftact). 172, 23 (1. Z. d. 
Aufges.; 3. Z. d. Aufges. d. 1. Str.; 1. u. 2. d. Abges. d. 1. Str.; 1. Z. d. 
Abges. d. 2. Str.). 173, 6 (2. u. 4. Aufges.; 2. d. Abges. gebunden mit 
Versen von 5 u. 6 Heb.). 174, 3 (1. u. 3. Aufges.; 2. Z. d. Abges. d. 2. 3. 

4. Str.; gebunden mit 2 Versen von 5 Heb.). 175, 1 (1. Z. d. Abges., 
gebunden mit Vers von 5 Heb.). Ebenso 175, 29 und 36. 176, 5 (1. u. 4., 
3. u. 6. Aufges.; 1. u. 2. Abges.;. 3. Abges. Waise; 5. Abges. gebunden 
mit Vers von 3 Heb.). 177, 10 (1. Z. d. Abges. gebunden mit Vers von 

6 Heb.)- 178. 1 (1. u. 3. Abges.). 179, 3 (1. Z. Abges. durch Inreim ge- 
bunden; s. o.); nur in der 6. Str. steht Auftact. 182, 14 (1. Z. Abges. ge- 
bunden mit Vers von 5 Heb.). 182, 34 (1. Z. Abges. gebunden mit Vers von 

7 Heb.). Ebenso 183, 9 (in d. 2. Str. mit Auftact). 185, 27 (in d. 1. u. 5. Str.). 
186, 19 (1. u. 3. Abges. Waisen). 190, 27 (1. u. 4. Aufges.; 1. Z. Abges. 
gebunden mit Vers von 3 Heb. s. o.). 192, 25 (1. u. 3. Aufges.; 1. Z. 
Abges. d. 1. 2. 5. Str. gebunden mit Vers von 6 Heb.). 193, 22 (1. Auf- 
ges. d. 2. u. 5. Str.). 194, 34 (1. Z. Abges. gebunden mit Vers von 5 Heb.). 
195, 10 (2. Z. Abges. gebunden mit Vers von 8 Heb.). 195, 37 (1. u. 

3. Aufges.). Ich möchte hier mit Bartsch 40 ) schreiben: 

196, 1 : ivärt ir ie ein wcetlich itrvp 
196, 13: doch frönt mich sin Sicherheit 

197, 15 (1. u. 3. Aufges. d. 1. 3. 4. Str.; 1. Z. Abges. d. 1. u. 3. Str. geb. 

mit Vers von 7 Heb.). 198, 28 (1. u. 3. Abges.). 199, 25 (2. u. 4. Aufges.). 

Ich ziehe hier MFr. 1 u. 2., 4. u. 5. zusammen; über die Grunde später. 

201, 12 (1. u. 3. Aufges.). Die 1. Z. d. 1. Str. hat Auftact; in der 3. Z. 
d. 3. Str. möchte ich schreiben zallen. 201, 12 (2. Z. Abges. d. 1. u. 
2. Str. gebunden mit Versen von 5 und 6 Heb.). 201, 33 (2. u. 4. Aufges.) 
Ebenso 202, 25. 201, 33 (1. Z. Abges. gebunden mit Vers von 7 lieb.). 

202, 25 (1. Z. Abges. gebunden mit Vers von 8 Heb.). 202, 35 kann 
man vielleicht und weglassen. 

ß) Klingend (achtsilbig). Dieser Vers ist bei Reinmar viel seltener 
als der stumpfe. MFr. 151, 33 (5. Z. Abges. gebunden mit Vers von 
2 Heb. s. o.). 152, 3 möchte ich schreiben: sost mir also . . . 160, 6 (1. u. 

4. Abges.). 161, 11 möchte ich nach bC schreiben: wdns enlät mich von 
ir scheiden 177, 10 (1. u. :'). Aufges.). Ebenso 182, 39. 183, 9. 186, 19 
(3. u. 6. Aufges.; 4. Z. Abges. gebunden mit Vers von 3 Heb. s. o.). 



") Zu Liederd. XV, 510. Liederd. XV, 522. 



ZU REINMAR VON HAGENAU. 159 

195, 37 (1. Z. Abges. gebunden mit Vers von 8 Heb.). 199, 25 (1. u. 3. 
Aufges. mit innerem Reim; Zusammenziehung s. o.). 201, 33(1. u. 3. 
Aufges.). Sehr häufig ist in der deutschen, wie in der romanischen 
und lateinischen Liederpoesie die Verbindung von trochiiisch-stumpfen 
und klingenden Versen, und so wechseln denn auch hei Keinmal' (MFr. 
199, 25. 201, 3:5 und 180, 19 | im Abgesang]) diese mit jenen ab. 

Echt deutsch, da beide ursprünglich gleiche metrische Geltung 
haben, ist die Verbindung des trochäisch klingenden von 4 Hebungen 
mit dem trochäisch stumpfen von 5 Hebungen; und so wechseln bei 
Keinmal' beide mit einander ab in den Liedern MFr. 177, 10 und 
182, 34. 

Der Wechsel zwischen jambischen und trochäischen Versen von 
1 Hebungen ist sehr häutig; er geht sogar durch die ganze Strophe: 
MFr. I'.'l. 34: jambisch 2. u. 4. Aufges. 2. u. 3. Abges.; trochäisch: 1. u. 
.'!. Aufges. 1. Abges. Abweichungen finden sich nur 192, 10. u. 23, wo 
trochäischer statt jambischer Rhythmus sich zeigt. 

Aber sie werden auch durch den Keim gebunden: 

jambisch trochäisch (stumpf): MFr. 151, 1 (1. u. 3. Abges.;. Ebenso 
151. i? in der 2. Str. 104, 30 (3. u. 0. Abges. der 2. u. 4. Str. Anordnung 
Ebenso 165, 1. 185, 20 (2. u. 4. Aufges.) 201, 12 (1. u. 3. Aufges. 
d 1. Str.; 2. u. 4. Aufges. d. 2. u. 3. Str.). 

Trochäisch-jambisch (stumpf): MFr. 151,17 (1. u. 3. Abges. der 
1. Str. : 151, :;:; (3. u. 0. Abges. d. 1. u. 3. Str.). MFr. 100, (7. u. 8. Ab 
) In der 1. Str. schreibe ich hier nach den Hss. 050, 19: sol <■:: mit 
wol erboten tun, denn die entsprechenden Zeilen An- anderen Strophen 
haben alle Auftact. MFr. 193, 22 (1. u. 2. Abges. d. 1. u. 2 Str.) KM. Ill 
il. .1 3. Aufges.) Ebenso 195, 10 (d. 3. Str.). 

4. V (TS v on 5 1 1 eh n ngen. 
Dil •! Vers ist aus der romanischen Poesie entlehnt 41 ), nicht ur- 
prünglich deutsch; er komml im Deutschen viel seltener vor als dei 

von -1 Hebungen; auch wird er hier nicht mit derselben Strenge I" 

handelt wie im Romanischen: namentlich fehlt ihm die männliche Cäsur 
nach dei vierten Silbe. Km Reinmar stehl er indes i ü verhältnissmäUig 
bäufi 

a i Jarabi cli 
a) Stumpl .- • I m i : 1 1 1 • i [m mzen Aul ing tehtei MFi 194,18. 
Hei kommt er außerdem noch zweimal im Abj ' u 3 Z 



\ i i 1 1 



UjU E. REGEL 

vor, und zwar wechselnd mit dem klingenden von 5 Hebungen, so daß 
er fast die ganze Strophe ausmacht. Ebenso wechselnd mit dem von 
5 Hebungen steht er: MFr. S. 314 (2. u. 4. Aufges.). Die erste Zeile kann 
man hier vielleicht lesen: 

Sicel wip wil daz man si da niht etizlhe 
und in der 4. Z. nach Hs. n schreiben : 

beide in dem plane und üf den hohen allen. 

Nicht romanisch ist der Wechsel des jambisch stumpfen Verses 
von 5 Heb. mit gleichem von 4 Heb.; bei Reimnar kommt er häutig 
vor: MFr. 154, 32 (2. u. 4. Aufges.). Ebenso 155, 27. 162, 7 (26 ist wohl 
so besser wegzulassen; Hss. bCE). 162, 34. Hier steht der Vers noch 
einmal am Schlüsse der Strophe, und zwar sogar durch den Reim ge- 
bunden mit dem von 4 Heb. MFr. 163, 23 (1. u. 3. Aufges. d. 2. Str.). 
Ebenso 164, 30 (1. Z. d. 4. Str. [Anordnung s. o.] lese ich mit Bartsch 42 ): 
Uue des daz ich einer rede vergaz). 165, 1. 195, 10 (2. u. 4. Aufges.). 

Auch mit dem trochäischen von 4 Hebungen wechselt er: MFr. 
171, 32 (2. u. 4. Aufges. d. 1. Str.). Ebenso 172, 11 (die 3. Z. d. 1. Str. 
hatAuftact). 192, 25. 195,37 (196, 14 lese ich mit Bartsch 43 ): daz er 
mir . . .). Auch mit dem von 4 Heb. gebunden kommt er vor: MFr. 
182, 14 (4. Z. der vierzeiligen Strophe). 

Auch sonst noch findet sich der Vers: MFr. 154, 32 (1. Z. d. Au- 
ges, gebunden mit Vers von 6 Heb.). Ebenso 155, 27. 159, 1 (1. u. 2. 
Abo-es.). 165, 10 (am Schluß der Str. gebunden mit Vers von 3 Heb. 
s. o.), 36 ist ohne Auftact. 170, 36 (2. u. 4. Aufges. wechselnd mit 
trochäischem Vers von 6 Heb.). 178, 1 (2. Z. d. Abges. der 2. Str. Waise) 
190, 3 (3. Z. d. Abges. gebunden mit trochäischem Verse von 7 Heb.). 
196 35 (2. u. 4. Aufges. wechselnd mit trochäischem Verse von 6 Heb.), 
38 hat zweisilbigen Auftact. 196, 35 (1. Z. des Abges. geb. mit jamb. 
Vers von 8 Heb.). 197, 1 ist ohne Auftact. 

ß) Klingend (elfsilbig). Dieser Vers steht gern entweder zu Anfang 
des Abgesanges, um einen Gegensatz gegen die kürzeren Verse des 
Abgesanges zu bewirken, oder am Ende der Strophe, wo längere 
Verse überhaupt beliebt sind: MFr. 150, 1 (LZ. d. Abges. gebunden 
mit troch. kling. Vers von 6 Heb.). MFr. 150, 1 (am Schluß, gebunden 
mit Vers von 3 Heb. s. o.). Ebenso MFr. 151, 1 u. 17. 152, 25 und 32 
(2. Z. Abges. ebenso gebunden). MFr. 153, 5 (2. Z. Abges. gebunden mit 
Vers von 4 Heb. s. o.). Ebenso 153, 14, 23, 32. 154, 5. 166, 16 (3. u. 5. 
Abges.). Ebenso 167, 13, 22. 181, 13. (1. Z. Abges. gebunden mit Vers 



«) Liederd. XV, 181. • Liederd. XV, ü-i:). 



ZU REINMAB VON HAGENAÜ. 161 

von 6 Heb.) Ebenso 182, 4. 189, 5 (1. u. 3. Aufges. wechselnd mit 
(roch. Vors von 6 Hebungen). 11'4, 18 (1. n. 4. Abges. wechselnd mit 
stumpfem s. o.) Ebenso MFr. S. 314 (1. u. 3. Aufges.) 1 ( .>4, 34 (2. Z. 
Abges. Waise). 

h) Trochäiscli. 
a) Stumpf (neunsilbig). Bei Reinmar zeigt sich dieser Vers ebenso 
häutig wie der jambisch-stumpfe. Im ganzen Aufgesang: MFr. 175, 1, 
29, 36. Hier überall außerdem in der 3. Z. Abges. geb. mit Vers von 

4 Heb. 190, 3 außerdem in der 2. Z. Abges. geb. mit Vers von Heb. 
(190, 6 ist wohl besser zu schreiben: so nimt sis ....). 

Echt deutsch ist es wieder, wenn der trochäisch-stumpfe Vers von 

5 Heb. mit dem trochäisch4ilingenden von 4 Heb., welche ursprüng- 
lich gleiche metrische Geltung haben, wechselt: MFr. 177, 10 (2. u. 
4. Aufges.). Ebenso 182, 34. 183, <>. 

Auch sonst kommt der Vers oft vor, häutig am Schluß der Strophe: 
MFr. 151, 33 (1. u. 2. Z. Abges. d. 2. Str.; vielleicht ist auch in der 
1. Str. zu schreiben (38): mirst vil.... MFr. 160, 6 (3. u. 6. Aufges. 
und die beiden letzten Zeilen der Strophe). MFr. 162, 7 (am Schluß, 
mit Vers von 4 Heb. geb. s. o.). 165, 10 (4. Z. Abges. Waise). 167, 31 
(3. u. 6. Aufges.). Ich schreibe nach Bartsch 44 ) 168,8: wie min heil 
(in filme libe lac. 168, 11 (eine Hebung zu wenig): swaz ick ievier me 
geleben mac. 168, 20: also deich ir mer enberen sol. 168, 23: daz min 
Jdagedez herze ist jdmers vol. MFr. 167, 31 (I. Z. Abges. geb. mit jamb. 
Vers von 7 Heb.). 171, 32 (2. u. 4. Aufges. d. 3. Str., wechselnd mit 
Vers von 4 Heb.). 172, 23 (ebenso, nur wechselnd mit troch. Vers 
von 4 Heb. Die Lesart von Bartsch 4: ') kann ich nicht billigen.). MFr. 
172, 23 (am Schluß d. Str., geb. mit Vers von 4 Heb.) die letzte 
Zeile d. 3. Str. hat Auftact. 173, 6(1. Z. Abges., geb. mit Versen von 
4 u. 6 Heb.). 174, 3 (1. u. 3. Abges., wieder am Schluß d. Str.); 14 hat 
Auftact. 178, 1 (2. Z. Abges. Waise); 13 hat Auftact. 179, 3 (1. u. 3. 
Aufges., wechselnd mit Vers von 6 Heb.). 184, 31 (1. u. 3. Aufges. 

wechselnd mit jamb. Vers von 4 Heb.). Ebenso 185, 20 (185, 1 ist 
nach Bartsch 4 '') zu schreiben: da entrastent kleiniu vogellm). Außer- 
dem in beiden Liedern 1. Z. Ahges., geb. mit jamb. Vers von 8 Heb. 

zusammengezogen). 185, 27 (1. u. 3. Aufges., wechselnd mit jamb. Vers 
von 4 Heb.). 189, 5 (1. Z. Abges., geb. mii Vera von 6 Heb.). 190,27 
(2. Z. Abges. Waise). 194, 34 (3. Z. Abges., geb. mit Vera von 1 Heb., 



", \.<i. l.i-l.nl. XV, L'l.i, ülf,, 225, 228. Liederd. XV, 260. u ) Lie 

SV, 146. 
i \MA. Neue Beihe VII i.\l\ | J 11 



162 E. REGEL 

wieder am Schluß). 201, 12 (1. Z. Abges., geb. mit Versen von 4 u. 6 
Heb.). 201, 16 vielleicht: da ich grdze herzesiccrre trage. 

ß) Klingend (zehnsilbig). Dieser Vers ist viel seltener als der 
jambisch -klingende; er dient häufig dazu eine Strophe in kürzeren 
Versen zu beschließen (MFr. 199, 25). MFr. 160, 6 (3. u. 6. Abges.). 
161, 39 ist vielleicht zu lesen: hat diu guote (diu liehe) leider sich ver- 
borgen 4: ). 1 69, 9 (1. u. 3. Aufges. wechselnd mit stumpfem Verse von 4 Heb.). 
Ebenso 169, 33. 179, 3 (2. Z. Abges. durch Inreim gebunden 48 ). 189, 5 
(3. Z. Abges. geb. mit jamb. Vers von 7 Heb.). 199, 25 (am Schluß, geb. 
mit Versen von 2 u. 3 Heb. s. o.). 

Jambische und trochäische Verse kommen auch hier gebunden vor : 

Jambisch -trochäisch, stumpf. MFr. 163, 23 (1. u. 3. Aufges. d. 
I. Str.). 174, 3 (1. u. 3. Abges. d. 2. StrA 

Klingend. MFr. 180, 28 (2. Z. Aufges. geb. mit der 5. u. 6. Z. d. 
Aufges.; in der 1. Str. ist auch die 5. Z. jambisch). 

Trochäisch-jambisch (stumpf). MFr. 151, 33 (1. u. 2. Z. Abges. d. 
3. Str.). 180, 28 (die beiden letzten Zeilen der Strophe). 

5. Vers von 6 Hebungen. 

Dieser Vers unterscheidet sich vom Alexandriner dadurch, daß 
er keine bestimmte Cäsur nach der sechsten Silbe hat. Daß er gern 
mit dem von 4 und dem von 5 Heb. gebunden wird oder wechselt ist 
schon oben bemerkt. Wie letzterer, so steht auch er gerne am Ende 
der Strophe. Stumpfe Verse sind bei Reinmar bedeutend häufiger als 
die klingenden; jambischer Rhythmus überwiegt hier nur bei den klin- 
genden Versen. 

et) Jambisch. 

a) stumpf, (zwölfsilbig). MFr. 154, 32 (am Schluß d. Str., geb. mit 
Vers von 7 lieh. Zusammenziehung s. c; 2. Z. d. Abges. mit weib- 
licher Cäsur nach der 3. Heb. (dreizehnsilbig), geb. mit Vers von 5 lieb, 
s. o.). Ebenso 155, 27. 156, 27 (2. u. 4. Aufges. wechselnd mit Vers von 
4 Heb.). Ebenso 158, 1. 159, I. 156, 27 (2. Z. Abges. geb. mit Vors von 
4 Heb. d. 2. 3. 4. 5. Str.; 3. Z. Abges., geb. mit Vers von 4 lieb.). Hier 
ist die Stellung der beiden umgekehrt; der kürzere steht am Ende d i 
Strophe. 157, 17 ist kurz; vielleicht: 

und sol du:: dl die ;uf so trüreclichen stän. 
158, 1 (1. u. 2. Abges. d. 1. u. 4. Str.). 159, 1 (4. Z. Abges., geb. mit 
Vers von 4 Heb.). 165, 10 (2. u. 4. Aufges wechselnd mit Vers von 4 Heb.). 



") Haupt au 161, 89, |S ) \ -\ Bartsch (Germ III, 482 .. \n 



ZU KKIVM \i; VON HAGEN VI 163 

170, 1 am Schluß, geb. mit troch. Vers von 4 Heb.). Ebenso 171, 3G 
3. 4. Str.: mit jam. geb. 1. u. 5. Str. i. 175, 1 (2. Z. Abges. d. 2. Str. 
Waiso. 177. 10 (am Schluß, geb. mit troch. Vers von 4 Heb.). Ebenso 
192. 25. 197, 15 (2. u. 4. Aufges., wechselnd mit troch. Vers von 4 Heb.). 
197, 16 vielleicht: ich enbegünde es entriuwen niemer me. 201, 12 (am 
Schiuli (1. 3. Str., geb. mit troch. Vers von 4 Heb.). 

ß) Klingend (dreizehnsilbig). MFr. 166, 16 (2. u. 4. Aufges., wech- 
selnd mit stumpfem Verse von 4 Heb.;. Ebenso 167, 13 u. 22. 181, 13 
2. Z. Abges., geb. mit dem von 5 Heb.). Ebenso 182. 4. 198, 4 4!, > (3. Z. 
Abges., geb. mit dem von 7 Heb.). 

b Trochäisch. 
a Stumpi (eilfsilbig). Im ersten Theile (der vierzeiligen Strophe 
steht er: MFr. 182, 14 (in der 2. Str. [18]) schreibt Bartsch 50 ): 

Ich hän ir ze gehen nihi wan min selhes Ivp. MFr. 156, 27 (2. Z. 
Abges. d. 1. Str., geb. mit jamb. Vers von 4 Heb.). MFr. 165, 10 (1. Z. 
Abges. d. 1. 2. 4. 5 Str. mit jamb. Vers von 7 Heb.). 168, 30 (1. u. 
3. Aufges.); dazu die Strophe MFr. S. 298. MFr. 169,9 (am Schluß, 
geb. mit Vers von 4 Heb.;. 170, 36 (1. u. 3. Aufges., wechselnd mit 
jamb. Vers von 5 Heb.). 173, 6 (1. u. .'!. Aufges., wechselnd mit troch. 
Vers von 4 Heb.: außerdem am Schluß, geb. mit Versen von 4 u. 
5 Heb.). 174, 3 (2. u. 4. Aufges., wechselnd mit Vers von 4 Heb. 
.1. 1. 2. 3. 4. Str., 175, 1 (2 Z. Abges. Waise). Ebenso 175, 29 u. 36. 
179, 3 (2. u. 4. Aufges., wechselnd mit Vers von 5 Heb.; außerdem am 
Schluß, geb. durch Inreira s. o.). In der 6. Str. findet sich weibliche 
.r nach der 3. Heb. 186, 19 (1. u. 4. Aufges.). 189, 5 (2 Z. Abges., 
geb. mit Vers von 5 Heb.). Ebenso die t. Z. Abges. 190,3. 194,34 
IL', ii. 4. Aufges , wechselnd mit Vers von 4 Heb.). 196, 35 (1. u. 3. Aul' 
d. 2. u. .'!. Str., wechselnd mit jamb. Vers von 5 Heb.). 198, 28 
2 Z. Abges Waise . 33 vielleicht : 

des sich lilüi jener getreestet scelic man. 
201, 12 am Schluß d. 1. u. 2. Str.. geb. mit Versen von 1 u. 5 Heb.), 
25 ungefähr: nust es niht. ich warn ez ieman reden sol. 

; Klingend (zwölfsilbig) MFr. 150, 1 2 / Abges., geb. mit jamb. 

von 5 Heb.). 189, 5 il'. u. I Aufg - wechselnd mit jamb. von 5 Heb,). 

Auch hier werden jambische Verse mit trochäischen gebunden 

jambisch trochäi cli tumpf MFr, 171,. 'l iL' u. 1. Aufges. d. 

5 Sti 180 " I u 3 Aul-, d I Mi l Die dritte, durch gleichen 

l I,. i dii \ ■ i tln iluii BarLscli I h Liederd 

\\ 

11 



1(54 E. REGEL 

Keim gebundene Zeile der 1. Str. ist auch trochäisch, wenn man nach 
v. d. H. MS. I, 187" schreibt: 

kceme aber iemer mir ein lebender tac. 
Die entsprechenden Zeilen der anderen Strophen schreibe ich : 

ISO, 39: so enmac ein man erwerben des er gert 

181, 8: teil er die diu sinne unde ere hat. 
Alle 3 durch den Reim gebundenen Verse müssen nämlich auch glei- 
ches Maß haben, sonst kaun ich wenigstens keine Gleichmäßigkeit im 
Bau der Strophe entdecken, welche ich nach der Formel: aba : abb/cc 
auffasse. 

Trochäisch -jambisch (stumpf). MFr. 158, 1 (1. u. 2. Z. Abges. d. 
3. Str.). 180, 28 (1. u. 3. Aufges. d. 2. u. 3. Str.). 182, 14 (Aufges. d. 

1. Str.). 196, 35 (1. u. 3. Aufges. d. 1. Str.). 

6. Vers von 7 Hebungen. 

Dieser Vers ist häufiger in der Spruchpoesie als im Liede; er 
steht ebenfalls gern am Schlüsse der Strophe. 

a) Jambisch. 
a) Stumpf (vierzehnsilbig). MFr. 156, 10 (4. Z., geb. mit Vers von 
4 Heb.). 165, 10 (2. Z. Abges., geb. mit troch. Verse von 6 Heb.). 166, 16 

2. Z. Abges., geb. mit jamb. Verse von 4 Heb.). Ebenso 167, 13, 21, 31 
(hier mit troch. Verse von 5 Heb. geb.). An dieser Stelle steht er auch 
sehr gern; er schließt gewissermaßen einen ersten Theil des Abgesanges 
vom übrigen ab. 

Am Schlüsse: MFr. 171, 32 (1. u. 3. Str.). 172, 11 (1. Str.). 182, 34. 
183, 9. 185, 27. 195, 10 (1. u. 2. Str.). 197, 15. 201, 33 (3. u. 4. Str.). 
Hier überall ist er gebunden mit Versen von 4 Heb. 

ß) Klingend (fünfzehnsilbig). Am Schluß: MFr. 189, 5 (geb. mit 
troch. Vers von 5 Heb.). MFr. 198, 4 (geb. durch Inreim; Zusammen- 
ziehung s. o.). 

b) Trochäisch 
nur stumpf (dreizehnsilbig). MFr. 154, 32 (3. Z. Abges., geb. mit Vers 
von 6 Heb.). Ebenso 155, 27. Zusammenzuziehen: 155, 1 u. 2; ebenso 
in der folg. Str. Hier Hndet sich weibliche ( 'äsur nach der 3. Heb. (vier- 
zehnsilbig). Am Schluß: MFr. 168,30 dazu die Strophe MFr. S. 298). 
171, 32 (2. Str.). 172, 11 (2. Str.). Alle diese sind mit Vers von 4 Heb. 
gebunden. 190, 3 (geb. mit jamb. Vers von 5 Heb.). 195, 10 (3. Str.) 
geb. mit jamb. Vers von 4 Heb. Ebenso 201, 33 (1. u. 5. Str.). 

Trochäisch-jambisch (stumpf). MFr, 162, 7 (1. u. 2. Abges.; erster 
Theil), 



V.V Kl l\M AK \n\ ||\,,| \\| ] | ,. , 

7. Vers von 8 Hebung« a 

Auch dieser Vers findet sich im Liede nur vereinzelt; er ist spe- 
cifisch deutsch, die Verdoppelung des von 4 Heb. Die älteren Dichter 
wie unser Reinmar, brauchen ihn hauptsächlich und gern am Ende der 
Strophe. Deßhalb ziehe ich in den Liedern MFr. 184,31 und 185,20 
die heideii letzten Zeilen der Strophen zusammen. 

a .Jambisch. 

a) Stumpf (sechszehnsilbig). Außer an den oben angeführten 
Stellen noch: 

MFr. 195, 10 (1. Z. Abges. d. 3. Str., geb. mit troch. Verse von 
1 Heb i. Hier steht der kürzere nach. 190,35 (am Schiuli der 1. u. 
2. Str., geb. mit Vers von 5 lieb.). 

Klingend siebenzehnsilbig). MFr. 163,23 (2. Z. Abges. , geb. 
mit Vers von 4 Heb.). Ebenso 164, 30 und 165, 1 51 ). Anordnung s. o. 
165,6 ist zu kurz; vielleicht kann man noch ein wenig anders als 
Haupt mit jambischem Rhythmus schreiben: 

daz ich si d l von vor <l<-t) andern wiben allen iemer hrane. 

I Trochäisch, 
a Stumpf fünfzehnsilbig . MFr. 195, 10 (1. Z. Abges. d. 1. u. 

2. Str., geb. mit Vers von 1 Heb.) MFr. 196,35 (am Schlüsse der 

3. Str., geb. mit Vers von 5 Heb.). MFr. 202,25 (am Schlüsse, geb. 
mit Vers \ "ii 3 Heb. s. o.). 

Klingend (sechszehnsilbig). MFr. 195,37 am Schlüsse, geb. 
mit Vera \ on 4 1 [eb.). 

Nachdem ich die einzelnen Versarten und die Art, wie sie sich 
bei Reinmar verbinden, besprochen, komme ich zur Anordnung der 
Beiben in der Strophe, zum Strophenbau. 

Maßgebend bei Bestimmung der Formeln, nach welchen die Stro 
phen der Minnelieder aufzufassen Bind, ist das Gesetz der Dreitheilig 
keit. In den Leichen und Sprüchen ist dasselbe nicht, oder wenigstens 
nur unvollkommen beobachtet. Da aber Reinmare Poesie keine Leide 
aufweist, und in dem einzigen Gedichte* 2 ), welch- ich als Spruch 
bezeichnen möchte, Dreitheiligkeil zu erkennen ist, so bleiben nur 
wem-. Strophen übrig, bei welchen man w rader Zeilenzahl auf 

Zwei- oder Qntheiligkeil erkennen möchte. 

Auch in diesem Capitel wird ans Reinmar als der alte, Btrenge 
Meister entgegentreten, bei dem die ursprünglichen einfachen Formen 



. II. tnj.T Ml i MFr. 166, 10. 



166 I REGEL 

bei Weitem überwiegen. Seine Alterthümlichkeit gibt sieh vor Allem 
darin kund, daß der in der Strophenform eines Liedes (MFr. 182, 14) 
noch mit der alten, volkstümlichen epischen Poesie in Zusammenhang 
steht. Seine einfachste Strophe ist nämlich die vierzeilige nach der 
Formel aa/hb. Die beiden ersten Zeilen sind ganz gleich gebaut, man 
könnte sie daher vielleicht als einzeilige Stollen, welche wirklich vor- 
kommen, und die beiden anderen als Abgesang auffassen, aber ich 
möchte doch lieber Zweitheiligkeit annehmen. Der zweite Theil unter- 
scheidet sich durch andere Versart ganz merklich vom ersten. 

Die einfachste Art des dreitheiligen Systems, die dreizeilige Strophe, 
rindet sich bei Reinmar nicht, denn man wird wohl kaum in dem eben 
angeführten Liede die beiden letzten Zeilen zusammenziehen und dann 
Mittelreim annehmen wollen, da Reinmar Verse von 9 Hebungen nir- 
gends bildet, diese auch schon etwas Unmelodisches haben. Wohl 
aber findet sich die Verdoppelung der dreizeiligen Strophe, die sechs- 
zeilige, indessen nicht in ihrer einfachsten Form, mit gepaarten Reimen. 

1. Sechszeiligc Strophe. 

Formel: ab : ab/ er. liier spricht sich die Dreitheibgkeit noch nicht 
in ihrer schönsten Symmetrie aus, denn nach richtigem Verhältnis muß 
der Abgesang grösser als der Stollen, aber kleiner als der ganze Aul' 
gesang sein; hier nun ist er gleich dem Stollen. Abgegrenzt gegen den 
Aufgesang kann der Abgesang durch vier Mittel sein: 

1. Durch gepaarten Reim im Gegensatz zum überschlagenden. 

2. Durch andere Versart 53 ). 

3. Durch Verlängerung der Schlußzeile. 

4. Durch anderes Reimgcschlecht (selten). 

Ich führe jetzt die Lieder der Reihe, nach an, welche nach der 
obigen Formel gebildet sind. Wo Verwandtschaft zwischen Auf und 
Abgesang hervortritt, wird dieß hier und in den folgernden Strophen 
arten bei den einzelnen Liedern bemerkt werden : MFr. 168, 30 (dazu 
noch die Strophe auf S. 298). Hier ist der Abgesang durch Mittel 
1, 2, 3 unterschieden. 169,9 u. 3.°» (Mittel 1 u. 3). Die letzte Zeile 
des Aufgesanges wird am Anfang des Abgesanges wiederholt. Ebenso 
171, 32 u. 172, 11; hier ist es alter die erste Zeile des Aufgesanges, 
welche wiederholt wird. 177, 10. 182,34 u. 183,0 (Mittel 1, 2, 3), 



53 ) Auf Abweichungen vom Rhythmus in einzelnen Strophen eines Liedes kann 
ich hierbei l<ciuc Rücksicht nehmen, 



ZU REINM \K \ n\ II \.,|. \ \| I,;-, 

184,31 ii. 185,20. Ich schreibe hier die beiden letzten Zeilen zusam- 
men (Mittel 1 u. 3). Die erste Zeile des Aufgesanges am Anfang des 
Abgesanges wiederholt. 185, 27 (Mittel 1 u. 3) die letzte Zeile des 
Aufgesanges am Anfang des Abgesanges wiederholt. 10"), 37 falle 4 
Mittel), 196,35 (Mittel 1 u. 3). Wieder die letzte des Aufgesange 
am Anfang des Abgesanges wiederholt. Ebenso 201, 33. 202, 25. 

2. Siebenzeilige Strophe. 

Diese isl die Grundform <\v> dreitheiligen Systems. In der ein- 
fachsten Form: aa:bb/cdc kommt sie nieht vor. 

a) Formel ab : ab cdc. Schon durch die Waise ist hier der Unter 
chied bezeichnet; aber außerdem bleiben die obigen Mittel: 

1. andere Versart, 

2. Verlängerung der Schlußzeile. 
3 anderes Ftaimgeschlecht: 

d) in der Weise; 
b) in den beiden .'indem Zeilen 
MFr. 170, 1 (Mittel 1 u. 2). Ebenso 170,86. 175,1 (Mittel 1). 
Bier die Versarl des Stollens am Schluß wiederholt. Ebenso 175,21* 
n. 36 178, 1 (Mittel 1 nur in der Weise; sonst der Stollen im Abge 
sang wiederholt). 17'.». 3 54 ) (Mittel 1 n. 3, o) die letzte Zeile des Auf 
uiv.es am Schluß wiederholt. 191, ->l hier ausser dem ganzen Stollen 
die zweite Versarl >]<■> Aufgesanges Doch einmal in der Waise wie 
derholt; also nahe Verwandtschaft. MFr. 192, 25 (Mittel 1 u. 2). 194,34 
Mittel 1 ii. 3, a). 1 ( .»7. 15 Mittel I u 2). Hier überall die erste Zeih 
am Anfang des Abges. wiederholt. 198,28 (Mittel 1 nur 
in der Waise, sonsl der Stollen im Abges. wiederholt). 

h) Formel ab : ab 'ccc. Hier isl der Abgesang hauptsächlich durch 
den dreifachen gepaarten Reim unterschieden, welcher dem Schluß 
der Absätze in der Epopöe entspricht 55 ); sonst zeig! sich große Ver- 
wandtschafl zwischen Auf- und Abgesang: MFr. 17_\ 23. Der Stullen 
isl hier im Abges. wiederholl und die erste Versarl kehrt in der mitt- 
leren Zeih' desselben uoch einmal wieder. 173, 6 56 Hier isl der Stollen 
am Schluß des Abges., aber in umgekehrter Ordnung, wiederholt. Ein 
Zusatz findet sich am Anfang des Abges. 174,3. Hier ist die mittlere 
Zeile des Abges. gleich der ersten desAufges.; in der 1. u. 3. Z. dei 



Anordnung s. ... s. 162 Inreim. I Vgl. Bartsch (Genn. II, 286). '" In 

der 5. Sti . 1 oi mel i ab : al 



[68 F.. REGEL 

Abges. findet sieh neue Versart. 183, 33. Hier ist der Stolleu am An- 
fang des Abges. wiederholt; der Zusatz findet sieh am Ende, was 
seltener ist. 201, 12. Hier wiederholt die mittlere Zeile des Abges. die 
1 des Aufges.; in der 1 u. 3 des Abges. findet sich neue Versart (Ver- 
längerung der Sehlußzeile). 203, 10. Die Versart des Auf- und Abges. 
ist die gleiche. 203, 24. Hier ist die Versart des Abgesanges wohl unter 
sich gleich, aber von der des Aufgesanges durchaus verschieden. 

c) Formel ab : ab/ceb. MFr. 193, 22. Der Stollen wird am Schluß 
des Abgesanges wiederholt; der Zusatz steht am Anfang desselben. 

3. Achtzeilige Strophe. 

Sie entsteht aus der siebenzeiligen dadurch, daß die Waise mit 
einer neuen Zeile gebunden wird. Hier kann man nicht immer Droi- 
theiligkeit annehmen. 

a) Formel aha : abJi/cc. Nach dieser fasse ich das Lied MFr. 180, 28 
auf, wie schon oben S. 163 f., wo auch die Änderungen angegeben sind, 
bemerkt wurde. Der Abgesang ist hier kleiner als der Stollen, was 
sehr selten vorkommt; die Versarten desselben sind andere als die 
des Aufgesanges. 

b) Formel ab : ab/cedd. So und nicht nounzeilig faße ich die 
Strophen in den Liedern: MFr. 152, 25 u. 34. 153, 5, 14 57 ), 23, 32 u. 
154, 5, denn der Vers von 7 Hebungen steht gern am Ende und kurze 
sind hier selten. Der Abgesang zerfällt hier gewissermaßen wieder in 
zwei Theile; der erste (cc) steht im größten Gegensatze zum Aufge- 
sang; der zweite wiederholt am Anfang die Versart des Aufgesanges; 
am Schluß findet sich dann der längere Vers. Auf- und Abgesang sind 
gleich groß. MFr. 190, 3. Hier ist der 2. Theil des Abges. ganz ab- 
weichend; in der 2. Zeile des 1. Theiles ist die Versart des Aufges. 
wiederholt, aber die 1. Zeile länger. MFr. 198,4 mit Jnreim 58 ). Hier 
herrscht der größte Gegensatz zwischen Auf- und Abgesang. 

c) Formel abab/eded. Hier möchte ich nur Zweitheiligkeit anneh- 
men: MFr. 151, 1. Die Versart des 1. Theiles ist nur am Anfang des 
2. wiederholt; sonst ist dieser verschieden. Ebenso 151, 17. (In der 
1. Strophe hat die 3. Zeile des 2. Theiles gleiche Versart mit dem 
1. Theil.) MFr. S. 314. Hier entsprechen sich die beiden Theile fast 
ganz, nur daß im 2. durchgehends die Verse eine Hebung weniger 
haben. MFr. 103, 3 (unter Heinrich von Rugge). Hier cutsprechen 
sich die beiden Theile vollkommen; eine Versart geht durch die 
ganze Strophe. 

Vgl Bartsch, Liederd XV, 47 : Vgl Bartsch (Germ II, 275). 



ZI REINMAR VON HAGENA1 169 

d) Formel ab : ab /cd de. Hier herrscht wieder Dreitheiligkeit : MFr. 
194, 18. Der Stollen ist im Abgesange wiederhol! und zwar von einem 
neuen Verspaare in die Mitte genommen. 

1 X c unzeilige Strophe. 

Sie entsteht aus der achtteiligen wieder durch Einfügung einer 
Waise im Abgesang; hier herrschl wieder durchweg Dreitheiligkeit. 

a) Formel ab : ab/ceded. Hier ist der Abgesang größer als der 
Aufgesang: MFr. 150, 1. Der Abgesang zerfallt wieder gewissermaßen 
in 2 Theile; der 1. bildet den größten Gegensatz zum Aufgesang; im 2. 
wiederholt die Waise die Versart des Aufgesanges. 159, 1 5<J ). Hier findet 
dasselbe Verhaltniß statt, nur daß der 2. Theil des Abgesanges noch 
größere Verwandtschaft mit dem Aufgesang zeigt, indem er den Stollen 

wiederholt und dann am Schluß nur noch eine kürzere Zeile anfügt. 
MFr. 162, 7. Der 2. Theil des Abges. wiederholt hier den Stolien, die 
2. Zeile nur ohne Auftakt, die 1. Zeile außerdem noch in der Waise. 
Ebenso 162, 34. L63, 23. Die 2. Zeile des Aufges. wird im 2. Theil 
des Abges. dreimal wiederholt. Ebenso 164, 30 60 ). 165, 1. 165, 10. Hier 
ist Auf- und Abges. verschieden. 166, 16. Die erste Zeile des Aufges. 
am Anfang des Abges. und in der Waise wiederholt. Ebenso 167, 13 
u. 22. 189, 5. Hier ist Auf- und Abges. verschieden. 

Nach dieser Formel fasse ich nun auch die Strophe MFr. 155,27 
und zwar als selbständiges Lied. Dir Änderung, welche Lachmann 
hier vorgenommen hat, ist willkürlich und, wie er selbst sagt 61 ), wenig 
hickt. Er bezweifelt die Echtheit dieser und der folgenden Strophe 
im Tone des vorhergehenden Liedes: da aber die 2. Strophe auch ihrem 
Inhalte nach zum vorigen Liede mehr stimmt als die 1.. wenn man 
die Eigentümlichkeit der Wechsellieder bedenkt, in denen die liede 
der Frau demselben Gedanken Ausdruck gibl wie die des Mannes, so 
stelle ich, wie eben Bchon S. 153) angegeben, die Zeilen 155,36 und 
156,8 nach den Hss., mit kleiner Änderung, wieder her und setze 
die 2. Strophe ans Ende des vorigen Liedes. Die Verstheilung ist nach 
Bartsch gemacht 6 " . somit kommt die obige Formel heraus. 

Die 2. Zeile des Aufgesanges wird am Anfang des Abgesai 
wiederholt, die erste in der Waise. 

Das vorhergehende Lied, mit der Strophe 155, 38 am Lude, geht 
nach der Formel: 



li dei 5 Str. Formel: ab Anordnung s. 8. 16 MFi 

S.. 290. M ) Liedi rd W 



170 ' REGEL 

b) ab : ab/bbcdc. Hier ist nur die 2. Zeile des Aufgesanges ain 
Anfang des Abgesanges wiederholt, die 1. nicht in den Körnern, wie 
vorher in der Waise, da hier daktylische Verse stehen. Die Ver- 
wandtschaft von Auf- und Abgesang zeigt sich hier auch in der Durch- 
führung- desselben Reimes : der letzte Reim des Stollens ist im Abge- 
sange wiederholt, was der häufigere Fall ist. Diese Art der Durchführung 
des Reimes ist eine echt deutsche 63 ) und wohl von einer gleich zu 
besprechenden romanischen zu unterscheiden. 

c) Formel ah : ab/abeeb. MFr. 191, 7 und 25. Der Stollen wird 
am Anfang des Abgesanges sogar mit denselben Reimen wiederholt 
und der 2. Reim noch einmal am Schluß. Diese Durchführung zweier 
Reime durch die ganze Strophe ist echt romanisch; ein neues Reim- 
paar im Abgesange, wie hier, tritt auch bei anderen Dichtern ein 64 ). 

Dieselbe Versart geht hier durch die ganze Strophe; einen Unter- 
schied im Abgesange bewirkt noch der Mittelreim der 3. Zeile. 

d) Formel ab : ab / ceddd. MFr. 195, 10. Die 1. Zeile des Aufges. 
wird im 2. Theile des Abges. zweimal wiederholt; sonst herrscht überall 
der größte Gegensatz. 

e) Formel a (Mittelreim) b : c (Mittelr.) 'b/ddeee 6b ). MFr. 190, 25. 
Hier ist der Abgesang ganz anders gebildet als der Aufgesang. 

In allen bisherigen Fällen war der Abgesang größer als der Auf- 
gesang, im folgenden ist er gleich dem Stollen. 

f) Formel abc:abc/ded. MFr. 190,27. Hier wiederholt der Ab- 
gesang die beiden Versarten des Stollens, nur die 2. nicht zweimal; 
dafür tritt in der Waise eine neue ein; der Aufgesang hat ein Reim 
paar mehr als sonst. 

5. Zehnzeil ige Strophe. 

Diese entsteht wieder aus der neunzeiligen durch Bindung der 
Waise mit, einer dem Abgesange hinzugefügten Zeile: 

a) Formel ab : ab/cedeed. Hier zeigt sieh schon zu großes Über- 
gewicht des Abgesanges über die Stollen. MFr. 151, 33. Erst im 
2. Theile des Abgesanges tritt wieder Annäherung an den Aufgesang 
zu Tage, indem in der 3. und 6. Zeile des Abgesanges der Stollen 
wiederholt wird; freilich hat die .'5. keinen Auftakt, MFr. 15''», 27. Hier 
zeigt sieh große Ähnlichkeit <\r^ Auf- und Abgesanges. Beide Stollen 
werden im Abgesange wiederholt, der 2. nur in umgekehrter Stellung 



63 ) Vgl. Bartsch (Germ. II, 20fi f.). '") S. Bartsch (a. a. O. 297). 65 ) Zu- 
sammenziebung s. S. 158; über die Gründe später. 



ZI RE1NMÄK VON HAGENAl 171 

in der 3. und 6. Zeile des Abgesanges ; das zwischen diese eingescho- 
bene Reimpaar hat wieder die Versarl der 1. Zeile des Aufgesanges. 

b) Formel ab : ab I cedede. MFr. 158,1. Hier zeigt sich größere 
Verwandtschaft. Die 1. Zeile des Stollens wird im 2. Thcilc des Ab- 
gesanges viermal, die 2. im 1. Thcile zweimal wiederholt. 

c) Formel ab : ab / cedefe. MFr. 181, 13 und 182,4. Hier tritt der 
Gegensatz, wie gewöhnlich im 1. Theile des Abgesanges hervor; der 
2. entspricht ganz dem Aufgesang, nur daß das eine Verspaar nicht 
durch dm Reim gebunden ist, so daß 2 Waisen entstehen. 

d Formel abc : abc/defe. Hier herrscht wieder das richtige Ver 
hältniß; der Abgesang ist kleiner als der Aufgesang, aber größer als 
der Stollen; der Aufgesang hat liier wieder 3 Reimpaare: MFr. 186, 19 
Der Aufgesang ist hier ganz verschieden vom Abgesang. 

Lieder in mehr als zehnzeiligen Strophenformen rinden sich hei 
Reinmar nur vereinzelt. 

6. El fz eilige Strophe. 

Im Abgesange ist wieder eine Waise hinzugefügl : 

Formel abc : abc/ddejf. Das Verhältnis ist auch hier ein richtiges: 

MFr. 17ti, 5. Hier werden die Zeilen 1, 3. 1, 6 des Aufgesanges in 

den Zeilen 1, 2, 3, 5 des Abgesanges wiederholt 

7. Zwölfzeilige Strophe. 

Zu der elfzeiligen im Abgesange noch eine Waise zugefügi 
Formel <il><- \ abc/ddefge. Hier ist Auf- und Abgesang gleich groß. 
MFr. 167,31. Am Anfang des Abgesanges ist die letzte Zeile des Stol 
lens wiederholt, im 2. Theile die 2. Zeile >\i^ Stollens in der 2 Waise, 
die 1. Zeiie dreimal 06 ); der 1. Theil i\i~> Abgesanges zeigl auch hier 
wieder größere Verschiedenheit, um den Gegensatz auszudrücken, 

- Dreiz e h o zeilig e S I rop he. 

Formel abcd \ abed/eefgf. Hier stehen im Aufgesang sogar I Reim 
paare. Das richtige Verhältnis zwischen Auf und Abgesang ist wiedei 
hergestellt: MFr. 187,31 Der ganze Stollen wird im Ab wie 

derholt und außerdem findet sieh noch eine Waise von gleicher Vers 
art. MFr. 188,31 ist gewiß ebenso zu lassen und mit Haupt 61 189,3 
sin in wesen zu ändern. 



Die Änderungen in der 2. und 3. Sti -'i" 1 schon S. 161 augegeben MFi 

[06 



172 E, KEGEL 

9. Sechzehnzeilige Strophe. 

Formel abc : abc/defdefgghh. MFr. 160, 6. Hier überwiegt der Ab- 
gesang bedeutend; er enthält der Zeilenzahl nach den ganzen Aufge- 
sang, und am Schluß findet sich noch ein vierzeiliger Zusatz 6S ). Von 
den Versen findet sich nur am Schluß der Strophe der 3. des Aufges. 
zweimal wiederholt. 

10. Siebzehnzeilige Strophe. 

MFr. 156, 10. (Spruch). Ich möchte diese Strophe einen Spruch 
nennen, da Reinmar einen ähnlichen Bau, auch solche Länge in seinen 
Liederstrophen nicht hat; der Inhalt stimmt ganz mit dem seiner 
Minnelieder, nur ist dieß ein Freudengesang, welcher ein größeres Gefäß 
braucht, in das er sich ganz und voll und ungehemmt in einem Sturz 
ergießen kann. Die Dreitheiligkeit hält der Spruch fest: 

Formel aabbec : ddeeff / gghih. Der 2. Theil entspricht, einige Ab 
weichungen im Auftact abgerechnet, dem ersten; im 3. Theil sind zwei 
Versarten, der stumpfe Vers von 4 Hebungen. und der klingende von 
3 Hebungen zweimal wiederholt. 

Dieß sind die Strophenformen, welche bei Reinmar vorkommen; 
die Formeln derselben werden immer nach den Endreimen gebildet, 
und der Reim spielt in der That eine der wichtigsten Rollen in der 
mlid. Metrik überhaupt; ich muß daher jetzt zur genaueren Besprechung 
desselben übergehen Schon aus den Strophenformen ersieht mau, daß 
Reinmar im Ganzen Reimspiel wenig liebt; auch hier bekundet sich 
seine Einfachheit und Strenge. 

Ungenaue Reime zeigen sich bei ihm selten und nur in solchen 
Liedern, welche in seine frühere Zeit zu setzen sind. Ich finde nur an 
5 Stellen ungenauen Reim. Haupt 69 ) will bei Reinmar nur im stumpfen 
Reime die ungenaue Bindung des a mit d zulassen und führt hierfür 
die Stellen MFr. 160, 30 und 189, 9 an. Derselbe Fall findet sieh MFr. 
103, 31 in einem Heinrich von Rugge zugeschriebenen Liede; dieser 
hat aber solche Bindung nirgends. Bartsch 7 ") hält deßhalb jenes Lied 
(MFr. 103, 3) für reinuoarisch trotz des Reimes wvp : lit (20 u. 22), weß- 
vvegen es Haupt Reinmarn abspricht. Bartsch findet für seine Annahme 
eine Stütze in dem Liede MFr. 182, 14, gegen welches Haupt keinen 
Zweifel erhebt; hier scheint er aber den Reim l/p : <jit übersehen zu 



6% ) Die Änderungen sind schon o. angegeben S. 155 (o.) und 158 (u.) und 159 (o.). 
,i Zu MFr. L03, 22 S. -„'71 f. D ) Liederd, zu XV, 387. 



ZU REINMAB \<>\ llAGENAU. 173 

haben, und dieß ist doch ein dem obigen ganz analoger Fall. Hier 
haben wir also außer den obigen 3 Fällen (a : ä) noch 2 andere Bei- 
spiele von ungenauem Keime Da ich nun wegen der geringen Zahl 
der Freudenlieder dieselben in eine bestimmte Periode, und zwar in 
die des Kreuzzuges (1190), der drr freudenvolle Spruch (MFr. 156, 10) 
ganz sieher angehört, setzen möchte, so stammt auch das Lied 182, 14 
aus der früheren Zeit der dichterischen Thätigkeit Reinmars; und 
wegen des sieh darin findenden ungenauen Reimes schließe ich auf 
eine frühe Entstehungszeit auch der übrigen Lieder, in denen sich 
selcher findet. In seiner späteren Zeit bindet Reinmar immer genau. 

Was das Verhältniss des stumpfen zum klingenden Reime betrifft, 
so ist jener bei Reinmar fast doppelt so häufig als dieser. Die einzelnen 
Stellen noch einmal im Zusammenhange aufzuzählen, würde keinen 
Zweck haben, da sie schon bei Besprechung der Versarten aufge- 
führt sind. 

Ebenso genügt es zu bemerken, daß der gepaarte Reim weit 
seltener ist, als der überschlagende, und dieser meistens im Aufgesang, 
jener vorzüglich im 1. Theil des Abgesanges steht. Nur die Waisen 
will ich noch einmal angeben : 

1. Zwei Waisen: in den Liedern MFr. 107,131. 181, 13. 182,4. 
186, 19. 

2. Einfache Waise: MFr. 151, 1. 155, 27 7I ). 156, 1<>. 162, 7 u. 34. 
L63, 23. 164, 30" . 165, 1 u. 10. 166, 16. 1G7, 13, 22 u. 31. 170, 1 u. 

36. 175, 1, 24 u. 36. 176, 5 (zwischen zwei Reimpaaren): 178, 1. 187, 
31. 188, 31. 189,5. RIO, 27. IHR 34. 192, 25. 194, 34. 197, 15. 198, 28. 

Als Körner reime,,: MF,-. 155. 3, 14, 25 u. 156, 8 72 ). 171, 2 u. 23. 
186, 37 u. 187, 29. 198, 33 u. lim, 2 73 ). 

Rührender oder reicher Reim findet sich, wie schon \V. Grimm 74 ) 
bemerkt hat, im Endreim bei Reinmar nur einmal: MFr. 200, 3 U. 4. 
geliehen : gemellicken; und zwar ist dieß nicht einmal der eigentliche 
Fall, wo die gleichen Wörter verschiedene Bedeutung haben, sondern 
nach J.Schneider 75 ) Fall 2, o). Ein Reim, wie der MFr. 191, 18 u. 20: 
kan : belcan ist kein rührender, weil er hier noch mit einem 3. Reime 
(16) man zusammensteht (Schneider 2, c). 



1 Anordnung s. o. S. 169 u. and Änderung S. !">:! o. a a 

Nach der Conjectui 8. 163. ' Zui Geschiebte des Reims (Ahh. d, k Akad 

d. Wi-s. in Berlin !*">l S. 636). S tem and geschichll, Darstellung dei 

deutschen \ i i knn t, Tüb 1861, 6. i 18 



174 E. REGEL 

Ganz regelrechter rührender Reim steht aber einmal im Inreim, 
über den ich an späterer Stelle sprechen werde 7 "): MFr. 187, 32 u. 36: 
mit sänge niuwen : vil langem niuwen. 

Grammatischer Reim steht häufiger bei Reinmar: MFr. 154, 32 
u. 33: tage : tac. 164, 13 u. 20: gesehen : sach. 164, 15 u. 18: geschehen : 
geschach. 171, 35 u. 36: begän : hegie. 176, 16 u. 18: erliten : erleit. 181, 
29 xx. 30: pflege : pflac. 198, 4 u> 5: gevniten : geweit. 198, 6 u. 7: erliten : 
erleit. 198, 16 xx. 17: geschehen : geschach. 198, 18 u. 19: gesehen : gesach. 
(Hier ist 16 u. 18; 17 u. 19 zugleich erweiterter Reim.) MFr. 314, 13 
u. 14: gestanden : ste. 

Erweiterter Reim ist auch häufig: MFr. 172, 30 u. 32: verstät : er- 
gät. 175,29 u. 31: erkom : verlorn. 175, 30 u. 32: ungemach : gesprach. 
176, 14 u. 15: gesehen : geschehen; dieser außerdem: 178, 26 xx. 28. 185, 
21 u. 23. 187, 21 u. 24. 188, 2 u. 4. 199, 38 u. 200, 2. 194, 19 u. 21: ge- 
sach : geschach (diese und die vorhergehende Form hatten wir schon 
oben beim grammatischen Reime) 198, 16 u. 18; 17 u. 19; auch hier 
im Inreim 12 u. 14: geschach : gesach). 176, 25 u. 26: gevarst : bewarst. 
180, 24 u. 27: gedigen (Inreim) : genigen. 181, 17 xx. 18: besteeten : getrosten. 
182, 1 u. 3: getan : bestän. 183, 19 u. 20: betrogen : gezogen. 185, 37 u. 38: 
begraben : gehaben. 186, 31 u. 34: hdchgemüete : behüete. 189, 36 xx. 37 nie 
geschach : nie gebrach (zugleich Doppelreim). 198, 29 u. 31: verklagt : 
unverzagt. MFr. 103, 7 xx. 9: erwern : ernern. 103, 12 u. 14 erkds : verlos. 

Doppelreim findet sich auch öfters: 

a) Nicht in beiden Zeilen; das Reimwort der 2. Zeile ist in der 
I. wiederholt. MFr. 165, 1: so vro : 3. also. 

b) In beiden Zeilen: MFr. 171, 11 u. 13: stceteclichen bite : wunder- 
liche site. 176, 27 xx. 30: nie getan : nie verlän. 1S9, 36 u. 37: nie geschach : 
nie gebrach (zugleich erweiterter Reim s. o.). Ebenso: MFr. 103, 8 u. 
10: niht engiht : ruht ensiht. 193, 15 u. 17: ich baz : ich daz. 202, 23 u. 
24: ein loint ■ ein. kint. 204, 2 u. 4: unde he/n ■ unde stein. 

Wichtiger aber als alle diese Arten von Reim ist ein Kapitel 
dvr mlid. Metrik, "welches seinen- Schwierigkeit wegen bis jetzt noch 
wenig, ja eigentlich nur einen Hauptbearbeiter in Bartsch gefunden 
hat, ich meine den inneren Keim in der höfischen Lyrik. 

Wenn ich versuchen will, bei Reinmar die Fälle anzugeben, in 
denen innerer Reim anzunehmen, so berufe ich mich auf die Anwei- 
sungen und Kriterien, welche jener Forscher im zwölften Bande der 
Germania gegeben li.it In MFr. ist der innere Reim wenig beachtet, 

175. 



Zu REINMAK \<>\ HAGENAU. 1 7f> 

und doch ist er oft maligebend für den Bau der Strophe. Ich halte 
die Reihenfolge ein, welche Bartsch in jener Arbeit befolgt 77 ), und 
spreche zuerst von dem Inrcini, dann vom Mittelreim, Binnenreim, 
Schlagreim, übergehenden Reim und zuletzt von den Pausen. Ich werde 
dabei, namentlich beim Inrcini. auf zufälliges Vorkommen wenig Rück- 
sicht nehmen. 

1. In reim. 

Unter Inreim versteht man einen Reim, welcher innerhalb eines 
Verses steht und mit einem gleichen der entsprechenden Zeile oder 
auch mit dem Schluß der vorhergehenden oder seltener der folgenden 
Zeile reimt 

Zwei Fälle, welche Bartsch erkannt, in Folge dessen er die An- 
ordnung der betreffenden Strophen geändert hat, sind schon mehrmals 
berührt worden; ich brauche sie nur noch einmal anzuführen: in den 
Liedern MFr. 179,3 und 198, 4 7s ). 

Aber es finden sich bei Reinmar noch andere Lieder, in denen 
der Inreim, wenn auch nur in einzelnen Strophen, regelrecht steht: 
MFr. 187.3. Der Aufgesang der 1. Strophe ist hier zu schreiben: 
Nu muoz ich ie mm alten not 

mit sänge niuwen unde klagen, 

wan si mir also nähen lit 
(A) deich ir vergezzen niene mac. 

Ir gruoz mich vie, diu mir gebdt 

eil langen niuwen Jcumber tragen. 

■ rkande si den valschen nit , 
baz fuogte si mir heiles tac. 
Im jambisch stumpfen Verse von 1 Hebungen stein der stumpfe 
Inreim ganz regelrecht nach d^v 4, der klingende nach der 5. Silbe; 
in der .'). Zeile stellt der stumpfe ausnahmsweise nach der 2. Silbe 
Der Inreim der 2. und 6. Zeile ist zugleich regelrechter rührender 
löiin (s. o. S. 17 I i. In *\'-v I. und 5. Z^ile stehl außerdem Inrcini nach 

der 2. Silbe. 

MFr. 194, 31 ir 32 ii i zu chreil 

nun In i r ist ihr /'. i veilt tl/MUi mir: 

oldt in l<i mir ; rnisi i " I" dir. 



Dei innen Keim in dei höfischen Lyrik ü MI i ;.".i il. \ l 

inia Ml i ; 1 'II l - ' \ I Bari Ii (German ll '■ I ilerd 

W 5441 



17(3 E. REGEL 

In der 1. Zeile steht der Inreira regelrecht, in der 2. nach der 
3. Heb. In der 1. findet sich zugleich Mittelreim (s. unten). 
MFr. 195, 23 ü. 24 ist zu schreiben: 

nieman iveiz ob si mich wert od iviez ergät. nein oder ja. 

ich enweiz enwederz da. 

Im Verse von 8 Hebungen steht der Inreim selten. 
MFr. 202, 7 u. 9 sind zu schreiben: 

Weste ich waz ir wille wcere 

dne daz ich si verheere. 

Auch im trochäisch klingenden Verse von 4 Hebungen steht der 
stumpfe Inreim nach der 2. Hebung (3. Silbe). 

MFr. S. 314, Zeile 10 u. 12 sind zu schreiben: 

nimt al diu weit an guoten dingen abe 

ich ween diu weit enkeinen Winkel habe. 

Auch im jambisch-stumpfen Vers von 5 Heb. steht der stumpfe 
Inreim nach der 4. Silbe. 

2. Mittel reim. 

Unter Mittelreim versteht man einen Reim innerhalb des Verses, 
der mit dem Endreim derselben Zeile reimt. Er steht oft zufällig im 
Verse von 4 Hebungen; so: MFr. 162, 32 (in der Waise). 164, 38. 
176, 27. Absichtlich steht er in den Liedern MFr. 191; 7 u. 25 (von 
Haupt ausgezeichnet). Hier mit Inreim verbunden, wie in dem oben 
schon angeführten Falle (S. 175) MFr. 194, 31. 

Wichtig für die Anordnung der Strophe ist die Beachtung des 
Mittelreimes in dem Liede MFr. 199, 25. Ich ziehe hier die 1. und 2. 
Zeile und die 4. u. 5. zusammen; dazu bestimmt mich das Kriterium 
der Beobachtung des Auftactes 79 ) : da nämlich der Rhythmus in diesem 
Liede trochäisch ist, so würde er gestört werden, wenn man in der 
1. Strophe als 2. Zeile: 

ein fröwe ich wcere, als 5. Zeile : 

nach siner güete und als solche in der 4. Str.: 

ich gär verteile annehmen wollte. 
Hier steht regelrechter weiblicher Mittelreim nach der 4. Silbe 
des trochäisch klingenden Verses von 4 Hebungen. Ich stelle die erste 
Strophe nach meiner Anordnung hierher: 

Ane sirare ein froive ich wcere 

toaii daz eine daz sicli seni 



: ' J j Vgl. Bartsch (Germ. XII, 146). 



/I KF.INMAK VON IIAOENAU. 177 

Min yemüete nach der f Hs. siner) güete, 

ilri er mich wol hat geweint. 

Sol ich lüden 

von im langez mlden, 

daz märt mich wol sere. 

ich sprich im nikt m&re, 

wan daz er mich siht duz sint sin ere.. 
Bartsch (a. a. <>.) liat diesen Fall des trochäischen Rhythmus bei 
klingendem Heime in seinem Kriterium nicht vorgesehen. Will er ihn 
nicht gelten lassen oder weiß er kein Beispiel? 

3. Binnenreim. 

Unter Binnenreim versteht man zwei vom Endreim unabhängige, 
wenigstens durch eine Hebung und eine Senkung getrennte Reime 
innerhalb des Verses. Naturgemäß kommt er nur bei längeren Versen 
vor. Regelmäßig nach der 2. und 4. Heb. steht er bei Reinmar: Im 
jamb. klingend. Verse von 6 Heb.: 
MFr. 1GG, 20: waz tuon ich, daz mir Hebet daz mir leiden solde 

Im trochäisch stumpfen Verse von G Hebungen: 
MFr. 175,6: ist min klage, in hohe der tage den vollen niht. 

4. S c h 1 a g r e i m. 

Unter Schlagreim versteht man zwei unmittelbar aufeinander 
folgende Reime, jedoch brauchen nicht durchaus die beiden reimenden 
Silben unmittelbar aufeinander zu folgen, denn Schlagreim können 
bilden entweder 2 Hebungen, zwischen denen eine Senkung steht, oder 
Hebung und Senkung. Ich unterscheide mit Bartsch folgende Fälle: 

1. Schlagreim, bei welchem der Endreim außer Spiel bleibt. 
n\ Einfacher Schlagreim. 

u) Klingender (bei Reinmar nicht der häufigere): MFr. 171, 3<> 
danne _<in manne (auf der 1 u. 2. Heb.). 175, 13 einen kleinen (auf der 
1. u. 5. Heb.). 192, 20 mSre und, ,,-. (auf der 1. u. 2. Heb.). 

ß Stumpfer. 1. Zwei Hebungen, zwischen denen eine Senkung. 
MFr. 174, 20 engihi tri niht (auf der 2. a. 3. Beb.). 178, 9 gich daz ich 
auf der 1. u. 2. He)). , IT' 1 . 35 'um mit diu (auf der 3. u. 4. Heb. [folgt 
noch gemeine], 182,2'.' mir i >on ir (auf d>-r 1. u. 2. Heb.). 182,31 /."'< 
des gan laut' der 4. u. 5. Heb. 186, 8 mir von ir (auf der 2. u. ."». Heb.). 
187, 21 die ich ie (auf der 2. u. 3 Heb.). l v 7. 39 mir an ir (auf der 1. 

GERMANIA. Neue Uribe. VII |XI\ Johl 12 



178 E. REGEL 

u. 2. Heb.)- 190, 20 daz et daz (auf der 1. u. 2. Heb.). 203, 2 ich daz 
ich (auf der 2. u. 3. Heb.). 

2. Hebung und Senkung MFr. 170, 39 so fro' (auf der 3. Senkung 
und Hebung). 

b) Mehrfacher Schlagreim. 

a) Mehrere Paare. Hierfür finde ich bei Reinmar kein Beispiel. 

ß) Derselbe Schlagrehn mehr als einmal 80 ): MFr. 194, 26 La 
stän lä stän (auf den 2 ersten Senkungen und Hebungen). Vgl. Walther 
(Lachmann 42, 25). 

2. Schlagreim mit Hinzuziehung des Endreimes 81 ). 
a) Klingender. Dafür finde ich Lei Reinmär kein Beispiel. 
h) Stumpfer. MFr. 166, 7 hau getan. 176, 1 bi mir st 196, 26 hän 
gelan. 197, 13 hän getan. MFr. S. 314, 16 me dem e. 

5. Übergehender Reim. 

Unter übergehendem Reim versteht man einen solchen, der durch 
Bindung des letzten Wortes einer Zeile mit der ersten oder zweiten 
Silbe des folgenden Verses entsteht: 

Der Schlußreim eines Verses und der Anfangsreim des folgenden 
sind noch mit anderen Reimen gebunden. Stumpfer Reim. 

a) Das 2. Wort steht in der Hebung des folgenden Verses: 
MFr. 161, 29 u. 30 daz -- daz: baz. 174, 29 u. 30 we — we : e. 
175, 15 u. 16 man ■ — wan : kan. 175, 22 u. 23 haz — toaz : daz. 185, 
22 u. 23 nie: hie -- die. 190, 5. u. 6 sd : fro — sd. 190, 13 u. 14 da : 
anderswä — da. 194, 16 u. 17 anderstvä : da — da. 

b) Das 2. Reimwort steht im Auftact: 

MFr. 158, 19 u. 20 daz : baz — daz gelte. 167, 37 u. 168, 1 zit — 
sit aller : Ut. 

Der Anfangsreim bildet nicht die erste Silbe, sondern die zweite, 
so daß zwischen beide Reimsilben eine andere eingeschoben ist: MFr. 
174, 35 u. 36 vergaz — und daz : baz (: daz). 103, 28 u. 29 g uot — mir tüo* 
: muot. 

Übergehender Reim vom Ende einer Strophe auf den Anfang 
der folgenden: MFr. 180, 9 u. 10 ich : Ich. 



M ) Von W. Grimm nicht anerkannt (Berl. Akad. 18dl. S. 577;. 81 ) Von 

W. Grimm ebenfalls nicht anerkannt ,a. a. 0.). 



ZI REINMAR VON HAGENAl . 17'j 

6. Pause. 

Unter Pausen versteht man Reime, von denen der eine am An- 
fang, der andere am Ende einer Zeile steht; das erste Reimwort kann 
am Anfang der ganzen Strophe und das zweite am Ende derselben, 
aber beide Reime können auch innerhalb der einzelnen Strophentheile 
stehen. 

1. Am Anfang und am Schluß derselben Zeile. 
a) Der 1. Reim in der Hebung: 
MFr. 161, 30 daz : baz (Schlußzeile der Strophe). 171, 34 sone '. 
fro (3. Z. d. Aufges.). 174, 30 we : e (Schlußzeile der Strophe). 191, 4 
e:geste{\. Z. d. Abges.). Hier noch mit einem 3. Reim am Schluß der 
Strophe gebunden : e. MFr. 182, 11 die mich : dich (3. Z. des Abges.); 
derselbe Fall wie vorher : mich. Hier steht der Anfangsreim- auf der 
2. Silbe bei jambischem Rhythmus. 

b) Der 1. Reim im Auftact: 
MFr. 168, 1 sU aller : ld (2. Z. d. Abges.). 

2. Der eine Reim steht am Anfang einer Zeile und der andere am 
Schluße der darauffolgenden. 
MFr. 164, 21 u. 22; außerdem noch am Ende des Aufgesange.-, : 
Oxet : wS : mS. Der Anfangsreim steht auf der 2. Silbe bei jambischem 
Rhythmus. Ganz derselbe Fall: MFr. 165, 1 u. 2 Ich hin : hin . hin. 
Ebenso: 103, 19 u. 20 Mtn Ivp : wvp (: lit ungenauer Reim). Auf der 
1. Silbe steht der Anfangsreim: MFr. 184, 31 Ich : ich : mich. 

3. Am Anfang und Ende der Strophe. 
MFr. 168, 18 u. 29 Die frümh' : /</•• der Anfangsreim hier im Auf 
tact). 169, 27 u. 32 Wol : dol 180, 1 u. 9 Ich : ich. Ein Beispiel dafür, 
daß der Anfangsreim am Anfang des ganzen mehrstrophigen Liedes 
und der Schlußreim am Ende desselben steht, weiß ich bei Reinmar 
nicht. Oder ist das gar keine Pause mein? 

1 )as ist es, was ich über den inneren Reim bei Reinmar zu sa 
vermag, und somit bin ich mit der Besprechung der metrischen Formen 
überhaupt zu Ende. Wenn man einen Rückblick auf dieselben wirf! 
findet man liberal! die große Einfachheit des alten M- • . heraus; 
er steht im schroffsten Gegensätze zu der Künstelei der Bpätera Minne 
sänger, an der Eingangspforte des Bchon ausgebildeten deutscheu 
Minnesangs, denn in den Vorhallen ist sein Platz nicht mehr. Mi1 Recht 

!" 



180 E- REGEL 

bezeichnet ihn Wackernagel 8a ) als einen Nachfolger Veldekes, der 
aber sich nicht am Abschluß des ersten Zeitabschnittes, sondern am 
Beginn des zweiten befindet. Specifisch Deutsches hat er so viel, in 
seinen Versarten, seinen Strophen, seinem Reim; Nachahmung der 
Franzosen zeigt er nur in so weit, als romanischer Einfluß im Allge- 
meinen schon durchgedrungen war, specielle Muster kann man nirgends 
nachweisen. Und, wie er durch seine vierzeilige Strophe Anklang an 
die alte epische Zeit verräth, so auch noch durch manche altertüm- 
liche Sprachformen. 

Es findet sich bei ihm die im Nibelungenliede mehrfach nach- 
weisbare Form des participium präteriti auf -dt; MFr. 196, 37 unver- 
wandeldt. 

Ahd. Formen zeigen sich auch noch in dem Liede MFr. 203, 24: 
Zeile 37 steht ot für et, was allerdings auch rahd. ist. 204, 7 dannän 
für dannen, welche ältere Form ich nicht mit Bartsch 83 ) in die letztere 
umändern möchte. Ich betrachte dieses Lied eben wegen dieser älteren 
Formen als der frühesten Zeit des Dichters angehörig, um so mehr, als 
ich es mit Bartsch 84 ) auf die niedere Minne beziehe, welcher Reinmar 
in seiner späteren Zeit nicht mehr gehuldigt. 

Alterthüraliches und Volksthümliches zeigt sich dann endlich auch 
in seinem einfachen, schmucklosen Stil, welcher der würdige, gehaltene 
Ausdruck seines reinen Denkens und Fühlens ist. In der öfteren Wieder- 
holung derselben Worte kann ich nur etwas Naives, Volksthümliches 
sehen; Spielerei und Künstelei liegt ihm im Allgemeinen noch sehr 
fern. Etwas Künstliches zeigt sich in dem Liede MFr. 181, 13 in der 
Wiederholung des Wortes gedanke am Anfang jeder der 3 Strophen 
(14. 24. 33). Wortspielerei vielleicht in den Liedern MFr. 198, 4 85 ) 
u. 28. Schlägt man aber z. B. folgende Stellen nach: MFr. 162, 34. 
35 und 163, 15 u. 17. 190, 4 u. 24. 192, 9 u. 12. 187, 38 und 188, 38. 
194, 26 u. 27, so wird man in der Wiederholung der Ausdrücke ge- 
wiß nichts Gesuchtes finden. 

Solche Gleich- und Anklänge bilden nun auch ein gar nicht gering- 
fügiges Kriterium bei der Frage, ob ein Lied reinmarisch ist oder nicht. 
Ich versuche daher jetzt einige Lieder, welche die Herausgeber von 
MFr. entweder Reinmarn absprechen oder wenigstens für zweifelhaft 
halten, neben anderen auch durch solche Beweise zu stützen. 



M ) Litt. S. 229.' s:i ) Liederd. XV, 580. M ) Einleitung zu Liederd. S. XI. 
"") Hier erklärt sieh dieli aber durch die Eigenthümlichkeit des Wechselliedes, wel- 
ches in den beiderseitigen Reden Gleichklang liebt. 



ZU BEINM iH VOH H \'.i NAt 1>1 

Das Heinrich von Rugge zugeschriebene Lied MFr. 103, 3 zeigt 
mannigfache Übereinstimmung m< reinmarischen. Man vergleiche 
103. 5 mit 171. 36 und 107, 3 u. 4. 103, 6 mil 182, 10 u. 20. 103. 9 u. 
10 mit 154, 5u. 6 und 162,20. 103,11—14 mit 160,9—11 und 169, 
27-30. 103. 15 mit 203, 20 (ähnlicher Ausdruck). (103, 13—18 meint 
wohl dasselbe wie 162, 7 u. 8). 103.. 25 u. 26 mit 107. 26—28, die Strophe 
der Frau 103. 27 mit dem Liede 203. 10. 

Tn Bezug auf die beiden Strophen MFr. S. 314 sagt Haupt" 6 ): 
Sicher wäre die Annahme (YVackernagols in den altd. Blättern 2. 122, 
daß jene Strophen unserem Reinmar angehören), wenn der Ton dieser 
Strophe unter den reinmarischen wiederkehrte, oder eine Anspielung 
ihr eine Stütze gewährte. 

Der Ton kehrt allerdings nicht wieder, wohl aber dieselbe, Reim- 
formel, wenn auch nicht häufig. Vgl. MFr. 151. 1 und 17. 103, 3. An- 
klang, ja sogar Anspielung findet sich wirklich. Zeile 8 heißt es: 
in mochte werz dem heiser saget 

In ganz demselben Sinne steht MFr. 151, 32 (in dem einen der 
Lieder mit derselben Reimformel): 

mich diuhte es vil, oh et der keiser wäre. 

Eine wirkliche Anspielung auf die Strophe MFr. 172. 5 sehe ich 
in den Zeilen 5 — 7. Man vergleiche auch 162. 5 u. 6. Der Gedanke, 
welcher in den Zeilen 12 — 16 ausgesprochen ist. findet sich, wenigstens 
ähnlich, in der Strophe 198, 28. Man vergleich, auch 202. 25. 172. 
23 u. 24. 

Auch in den Liedern von 201, 12 an. die nach Haupt 87 ) geringe 
Beglaubigung haben, zeigen sich mannigfache Anklänge an andere 
Stellen. Man vergleiche den Ausdruck 201, 24 mit 165, 26. Die Zeilen 

201, 12 u. 13 deuten auf eine niedere Minne hin, die ich bei Reinmar 
entschieden annehmen muß. Man vergleiche 160, 12 — 15. 17 1. 27 vil 
unsteeten : erst die Bekanntschaft mit der hohen Frau hat ihn ateett ge- 
macht). 100, 13 u. 14. 201, 12— IS. 

201, 37 u. 38 findet sich . im entgegengesetzten Sinne, ähnliche] 
Ausdruck wie 189,23 u. 24. Man vergleiche 202. 12 mit -163, 30 u. 31. 

202, 13 u. 14 mil 158, 23 u. 2-1 und 183, 31 u. 32 

Das Lied 2< »2. 25 hält auch Haupt 88 ) fiir reinmarisch; gewiß ist 
293, v für hojj ich oach Haupt (a. a. <».) ding ich oder ween ich zu 
setzen. Man vergleiche noch die Strophe 202,31 mit <\cv 169, 3. 203, 
9 mit 186, 5. 

• /. itachrifl \l MFr, S. 311 l MI r. 8 ;i .' 



Jg2 J - ZINGERLE 

Das Lied 203, 10 fasse ich als einen Gegengesang der Herrin 
zu dem Spruch Reinmars (MFr. 156, 10). 

Über das Lied 203, 24 habe ich mich bei Gelegenheit der Sprach- 
formen schon ausgesprochen (S. 180). 

Es liegt mir sehr fern, auf solche Anklänge hin sofort die 
Echtheit der Lieder für ganz zweifellos zu halten, hingegen zu be- 
rücksichtigen sind solche dennoch. Erfahrnere mögen entscheiden, ob 
ich richtig gefühlt. 



CHRISTI BLUMEN. 



Hartmann gebraucht diesen Ausdruck in der Stelle: 
Min fröide wart nie sorgelos 
unz an die tage, 

daz ich mir Kristes bluomen kos, 
die ich hie trage, 
die kündent eine sumerzit, 
diu also gar 
in süezer ougenweide lit. 

Haupt II, 15. MSF. 210, 35. Bech II, 17. 
Bech macht hierzu die Bemerkung: „Christi Blumen scheint hier 
kein Ausdruck im eigentlichen Sinne zu sein; sonst könnte man auf 
die Lilien rathen, die Sinnbilder der Keuschheit, wie wir solche nach 
mittelalterlicher Anschauung im Hohenliede gedeutet finden ; gemeint 
ist wohl das Kreuz, gleichsam Christi Blumenschmuck." Nach meiner 
Ansicht sind Christi Blumen die fünf Wundmale des Erlösers, welche 
die Blüthen des Kreuzbaumes sind. Noch heutzutage findet man Cruci- 
fixe, an denen das Blut der Wundmale blumenartige Gestalton bildet. 
W. Menzel schreibt: „Auf einem alten Bilde in Gorkum sind die fünf 
Wunden am Heiland selber deutlich als Rosen gemalt." Symbolik 
11,566, und sagt: „In der christlichen Poesie werden die fünf Wunden 
mit Rosen verglichen" II, 567. 

Für meine Auffassung sprechen auch folgende Stellen, deren 
Mittheilung ich Herrn Magnus Ortwein, Conventualen des Stifte? 
Marienberg, verdanke. In einem Hymnus des Fortunatus heißt es: 
Crux fidelis inter omnes 
arbor una nobilis 
fronde. ßore. germine! 
was Leisentril überträgt: 



CHRIST] BLUMEN j«3 

Tewres Creutz wo findt man deins gleich 
Untern beurnen aufT erdreich? 
Man deins gleich in keinen walten 
findet an zweig, blumen und fruchten. 

Kehrein, Gesangbücher S. 427. 
Im Hymnus ad laudes in offic. de pretiosissimo sanguine Domini 
nostri J. Chr. werden die Wunden so angesprochen: 
Salvete Christi vulnera 



nitore Stellas vincitis, 

rosas odore et balsamo. 
Im Hymnus ad laudes in offic. de s. sindone heißt es von der 
Seiten wunde: 

Salve latus salvatoris, 

mitis apertura, 

super rosam ntbicunda, 

medela salutifera. 
Am deutlichsten ist die Vergleichung der Wundmale mit Rosen 
ausgesprochen in den Lectionen des officium de quinque plagis domini 
nostri, die dem sermo s. Bernardi (Üb. de passione domini cap. 41) 
entnommen sind. Hier kommen folgende Stellen vor: Tntuere et respice 
rosam passionis sanguineae quomodo rubet. Lect. V. Vide quomodo 
hoc flore rosae floruerit optima vitis nostra rubicundus Jesus. Vide totum 
corpus, sicubi rosae sanguineae florem non invenias. Lect. VI. Inspice 
manum unam et alteram , si florem rosae invenias in utraque. Inspice 
pedem unum et alterum, numquid non rosei? Inspice lateris aperturam, 
quia nee illa caret rosa. Lect. VII. Das Blut Christi wird heute noch 
^rosenfarbig" genannt, wie es schon Ambrosiiis in dem Hymnus „Ad 
eoenam agni providi" bezeichnete: „cruore ejus roseo", das in den alten 
deutschen Bearbeitung, n durch „bluote sinem rösevarwem" und „tröre 
4nemu rosfarwemu" Kehrein, Hymnen S. 59 u. 21ä gegebenwird. Einen 
Beleg hiefür gibt auch „des Knaben Wunderhorn" (1873) I, ßl : 

Und da sie ihm die Liebe bot, r Mein Herz, daa ist um dich bo rot ( 

Sein Wunden sich ergossen: Kür dich t r :i ^ ich die Rosen, 

„0 Lieb, wie ist dein Herz so rot, Ich hrach nie dir im Liebestod, 

Deine Hände tragen Kosen." Als ich mein Blut vergossen." 
WILTEN. J. V. ZINGERLE. 



]84 E- KÖLBING 



BRÜCHSTÜCK EINER AMICUS OK AMILIÜS 

SAGA. 



Das hier mitgetheilte Bruchstück der Amicus ok Arailius Saga 
ist uns nur in einer Handschrift erhalten: Cod. Holm, membr. 6. 4°, 
beschrieben u. a. von Stephens in: Samlingar utgifna af Svenska Forn- 
skrift-Sällskapct II S. CXXIX ff., wo sich auch der Schluß der Saga 
abgedruckt findet; dann mit einigen Berichtigungen von mir in: Riddara- 
sögur S. I f. Der Text reicht da von Bl. 1 H — 3* unten. Der Anfang 
der Erzählung fehlt nicht, wie Stephens meint a. a. O., wohl aber ist 
die erste Seite durchaus unlesbar und ließ sich auch durch Reagentien, 
bei deren Anwendung Herr Oberbibliothekar Dr. Klemming in Stock- 
holm mir seiner Zeit auf das liebenswürdigste behilflich gewesen ist, 
nicht wieder herstellen, weßhalb ich den Text erst von S. l b an mit- 
theilen kann. 

Die Saga ist nicht, wie man vielleicht erwarten würde, nach dem 
französischen Gedichte (Amis et Amiles und Jourdains de Blaivies. 
Zwei altfranzösische Heldengedichte des kärlingischen Sagenkreises. 
Nach der Pariser Handschrift zum ersten Mal herausgegeben von Dr. 
Conrad Hofmann. Erlangen 1852, sondern nach der lateinischen Fas- 
sung der Legende gearbeitet, jedoch offenbar nicht nach dem von 
Mone (Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. 5. Jahrgang p. 145 
bis 60) abgedruckten, sondern nach dem mehrfach gekürzten Texte, wie 
wir ihn bei Vincentius Bellovacensis Spec. hist. lib. XXIV cap. 162 ff. 
wiederfinden. Mehr als sonst bei ähnlichen Riddarasögur finden wir 
hier engen Anschluß des nordischen Bearbeiters an die Vorlage, ja mit 
Ausnahme weniger Stellen ist geradezu Wort für Wort übertragen, 
nur sind zusammengesetzte lateinische Constructionen aufgelöst. Im 
Ganzen dürfen wir diese Saga nach Wortausdruck und Satzgefüge in 
die beste Zeit der nordischen Riddarasögur setzen und unter die wenigen 
zählen, die in späterer isländischer Zeit keine Abkürzung zu erleiden 
gehabt haben. 

In Deutschland scheint diese Prosasaga bis jetzt nicht bekannt ge- 
wesen zu sein. Conrad Hofmann a. a. 0. Vorwort S. VI erwähnt nur 
Amicus ok Amilius Rimur. Diese existieren allerdings auch, aber, so- 
weit mir bekannt, nur einer sehr späten Papierhandschrift Cod. A. M. 
chart. 2609°, 4°. Ob der Dichter der Rimur unsere Saga od^r einen 



BK1 ( HSTÜCK EINER AMICUS OK AMILIUS SAGA 185 

ausführlicheren Text als Quelle benutzt hat, habe ich leider noch nicht 
prüfen können. 

Unser Bruchstück beginn! mit der Abreisi des Amicus vom Hofe, 
der seine Gattin besuchen will. Er warnt den Freund auf das eindring- 
lichste vor zweierlei. Cave tibi — heißt es im lat. Texte — «l> ejus 
fse. reffis] filia maximeque a nequissimi comitis Arderici fallaci amicitia 
Mit einer etwas freieren Übertragung der zwei letzten Worte beginnt 
der altnordische Text, der auch hier noch an mehreren Stellen unles- 
bar ißt. 

l b ok hans rädum ok fortölum. Ok er Amicus hafdi brotl 

farit, fvard konungs döttir fyrir äst hennar, ok sem 

fyrst komst hann vid, hafdi hann af henni sinn (vilja) 

at gleäiast af illsku annars ok bera bat nulluni 

allra er til ') bann sem til nökkurs röskleika var, ok taladi 

vid Amilium: (Veiztu ekki) 2 ), hinn kajri jarl, sagdi hann, "at Amicus 
konungs f'ehirdir hefir stolit ok nvi flyit i brott? [En hann gerdi vinättu 
vid mik ok gaf ek hänum bar til trü mina, ok bvi trüdi hann, at ek 
sör vid heilaga döma, at ek skyldi bat halda vid hann 3 ). Ok er Amil- 
ius hafdi nessu sama jätat hänum, kunni hann eigi vid at sjä ok birti hän- 
um alla sina leynda hluti , pviat hann trudi Ardericum ser triian vera 
mundu. Nu einn dag sem Amih'us stöd fyrir konunginum, sem hann 
var vanr, taladi Ardericus: Herra, sagdi hann, tak eigi vatn or hönd- 
um svä vänds manns er verdugr er dauda, pviat hann tok af döttur 
ydvarri sitt meydomsblömstr. Ok er Amilius heyrdi betta, feil hann 
nidr af hrsezlu ok mätti ekki tala. [Einn jarl gödviljadr ok kurteiss 4 1 
tok til hans ok bad hann standa ok verja sik karlmannliga af bessari 
üfrsegd. Ok hann stöd upp ok mselti svä: Heyrit, mildr ok hinn re'tt- 
visasti konungr! Trii eigi lygins manns ordum, Arderici, er millum 
allra vill rüg bera, ok ld me'r stund til, at ek mega gera niitt räd. Vil 
ek bjöda hänum holmgöngu, frelsandi mik svä af vändu upplosti nessu 
ok üfrsegd vid ydr. En konungrinn af gödvild sinni jätacti pessu ok 



') fyrir — dat m Bbenso von ainu ••' . )ilja habe ich ergänzt; tü-pomi iel 

imlcsbar. Das ganze Stück lautet im lat. Text, der Übrigens kürzer gehalten ist: ' 
litis vero super regia filiam oculoa injeeit, et eam quam 

delator Ardericus, qui iniquitale gaudebat et omni probitati invidebat etc, ') Die 

eingeklammerteii Worte sind anlesbar; von mir i I lat Neacia, cariaaimt 

comea. Dei Üb rsetzer Bcheint an diesei Stelle Bein ' >riginal mißverstanden eu 

haben, denn bo passt der Satz 1 1 i « • 1 1 1 in den Zusammenhang; vgl. Nutn ergo ini mecum 

omicitiat et fidem ictorum reliquiaa aeeipe, ' Sowohl in M ■- 

'I. i n ie bi i Vinc hebt ihn rlei Kfinii elbst 



Igg E. KÖLBING 

tok Hirdigensis ') drottning hann til ein til verndar af pessari sök. 
Ok medan Amilius var hugsjükr ok leitadi s^r räda um petta, spurdi 
liann, at Amicus felagi hans var heim kominn, ok för pegar til hans 
ok feil til föta hänum ok mselti: Heyrtu einkanliga vän minnar heilsu. 
lila hefir nü ordit, pviat ek hefi eigi lialdit trü mina vid jjik pä er ek 
he't pe"r pä er vit skildum, pviat ek hefi nü misgert ok fallit i gloep 
fyrir sakir konungsdottur ok statt liolmgöngu vid hinn illa Ardericum, 
i konuhgs augsyn. En Amicus äsakadi hann mjök af sinni gerd ok 
sagdi p6 svä: Skiptum vit klaedum, sagdi hann, ok svä hestum, ok far 
pü heim til minnar borgar, en ek man med guds miskunn ok trausti 
holmgöngu halda fyrir pik. Varast pö, at pü bii scemiliga vid mina 
hüsfrü. En at skilnadi peirra gre*tu peir bädir. For sidan Amicus til 
konungs gards ok ldzt vera Amilius. En er a ) hüsfrü Amici sä Amil- 
ium, hugdi hon, at par vasri hennar eiginn bondi ok hljop at hanum 
ok vildi leggja se'r i fadm ok kyssa blidliga, en hann talar til hennar: 
Far brott, kona, sagdi hann, pviat mdr er pessi timi til harms heldr 
en gledi 3 ), ok um nottina eptir, sein pau fara til sinnar ssengr, pä lagdi 
hann sverd i milli peirra ok mselti: Se vid, sagdi hann, at koma eigi 
nser me'r, pviat of pü gerir pat, skaltu doemd verda 4 ) pessu sama sverdi. 
iSvä lägu pau hverja natt par til er Amicus kom heim. Ok svä sem 
Amicus var klaeddr klsedum Amily, ge'kk hann inn fyrir konung ok 
baud sik at berjast vid Ardericum fyrir pä ufrsegd, er hann hafdi kent 
hänum. Hrasdstu eigi, jarl, [sagdi konungr,] pviat ef pü hefir sigrazt 
ä hänum, pä skal ek gefa pdr dottur mina Belegendam 5 ) til eiginnar 
konu. Um morguninn pegar viglj6st var, föru peir Ardericus ok Amicus 
vel väpnadir ä einn voll, par sem konungrinn ok allt fölk af stadnum 
mätti sjä peirra vidskipti. En pviat Amicus öttadist um sina samvizku, 
i moti hänum at berjast, taladi hann til Ardericum pessum ordum: 
Heyrtu, jarl, sagdi hann, pü tokt üsyniligt räd i pvi, er pü vill med 
svä mikilli fvst girnast dauda mins. Nü ef pü vill enn pann kost 
fyrir pä üfrsegd, er pü taladir üsannliga til min, takim vit aptr pessa 
holmgöngu, ]iä mun ek jafnan vera vin ]>inn. Ardericns svaradi svä, 
sagdi sik aldri hirda um hans vinättu ne" nökkura pjonustu hans eda 
eptirlseti, ütan höfud hans kvedst hann vilja af höggva, ok sverr, at 
hann hefir konungsdottur svivirt. En Amicus svarar i annann stad ok 
segir Ardericum }"»at ütan ef Ijüga, Eptir pessa ordaprsetu bördust peir 
snarpliga ok vard Ardericus sigradr, pviat Amicus hjo af hänum höfud. 



') In den lat. Texten: Hildegardis. ') er om. mscr. 3 ) gled. mscr. 

*) sagdi konungr om. mscr.; ergänzt nach dorn lat. 5 ) lat. Belixendam. 



BRUCHSTÜCK E1NEE AMICI 8 OK AMll.n - SAGA L8*3 

Eptir betta Jjrekvirki gipti konungrinn Amicö 1 ) pessa sömti döttur 
sina, ok gaf med henni, sem sidvenja var, einn stad raikinn ok ägset- 
an, er pau skyldu i vera. Ok er bann hafdi festa hana, sne>i Amicus 
heim til sins heimilis gladr, par sem Ami] ins var fyrir ok mselti: Sd, 
hversu ek hefi hefnt ])in ä hinum vända svikara Arderico, ok fastnada 
ek ber konungsdöttur. Amilius f6r |>egar ti! konungs gards ok fekk 
hennar fullkomliga, ok föru ]>au pegar til J>ess stadar, er konungr gaf 
peim ok bjuggu pau J)ar. En Amicus var lieima med sinni hüsfrü, ok 
litlu sidar kastadi gud bardaga ä barm ok bardi liann med likprä, 
svä at ekki mätti kann pä ur rekkju risa. En hüsfrü hans er Obias* 2 ; 
hdt, fyrirlet kann )>egar ok hatadi sem vänd kona. Svä kom, at hnn 
vildi mörgu sinni hafa kyrkt hann til bana, ok er bann sä pat, kalladi 
bann til sin tvä pjönustumenn ok mselti sva: Foerit mik brott, sagdi 
hann, undan höndum konu minnar ok takit ker mitt sva leyniliga, at 
enginn verdi varr vid ok flytit mik heim til kastalans Bericänum. 
Peir gerdu eptir pvi sem bann band, ok er peir väru mjök komnir at 
kastalanum, kom mikill fjöldi manna i möti jaeim ok spurdu, hverr 
pessi hinn sjüki madr vseri, er peir fluttu [)angat. reir svörudu: ressi 
er Amicus, herra ydvarr, ok vard fyrir likprä, ok vill nü hingat fara 
til ydvar, bidjandi värkunnliga, at pdr veitit hänum bjälp med misk- 
nnn, bviat hann J>arf nü mjök. En er hinir umildu menn ok ükurt- 
r-isu heyrdu ord peirra, reiddust jpeir ok bördu Jjjönustumennina, en 
Amicum köstndu Jieir ur vagninum beim sem hann var i ok föru vid 
bann illa ögnandi hänum dauda, ef neir leti ser J>at ord optar ur munni 
2 b koma. f*ä tök Amicus at grata ok mselti sva: Hinn mildasti ok hinn 
miskunnsami fadir, Iät mik annathvärt deyja skjötl ella send mör bjälp 
pinnar miskunnar! ok bad Bveina sina flytja sik til R6maborgar. Er 
hann kom bar, gekk päfinn i möt hänum, er Constantinus hdt, med 
mörgu m Kömverjum ok ödrum riddarum beim sem bjä väru er bann 
var skirdr, <>k hänum höfdu s\'nt mikinn manndöm; ok gerdu [>eir til 
hana soemiliga ok veittu hänum miklar hjälpir i peim blutum sem bann 
burfti. En |>rim vetrum sidar gerdisl svä mikil varan i stadnum al 
menn sultu, ok jafnvel räku fedr 3onu frä Ber sakir \>esaa fellis. En 
bj6nustumenn Amici bädu bann brotl fara, ok hann gerdi Bvä ok \6\ 
flytja sik til heimilis AmiK jarls. Ok er hann \i fyrir gardinum |»ar 
-ein Amilius var i, klappadi ä, eptir ]>\i sem sidvenja er til fijükra 
manna, "k er jarl heyrdi, baud hann einura sveini sinum: Tak braud 
oh kjöl ok ker pal er radr var gebt i R6ma, ok fyll hinu beztu vini 



') Arnim om. iii 7 ) So auch Vioc Moni T< Fhobia er oin. mscr. 



188 E. KÖLBING, BRUCHSTÜCK EINER AMICUS OK AMILIUS SAGA. 

ok gef bessurn sjüka manni. ujonustumadrinn gcrdi eptir bvi sem hann 
baud ok gekk sidan til jarls ok mselti: Sannliga, herra, sagdi hann. 
upp ä tru mina, ütan ek hefda haldit ä ydru keri, tryda ek cigi annat 
en bat yseri yftvart ker, er sä liinn sjüki madr liafdi. Jarl let pegar 
leiäa til sin hinn sjüka ok spurdi hvadan hann vseri (da hversu hann 
hefdi bvilikt ker fcngit. Amicus sagdi at hann var foeddr i kastala 
brim er Bericänum het ok i Rom feerdr ok af herra päfanum skirdi 
nk kerit pegit. En jarl kendi pegar Amicum felaga sinn hinn dyggasta. 
rr hann hafdi frjälsat af dauda ok fengit hänum konungsdöttur til 
riginkonn. Hann hljöp ä hals hanum ok kastadi sei* yfir hann grätandi. 
En konungsdottir, hans hüsfrü, s(6d upp eigi sidr ok leysti här sitt 
ok helti üt mörgum tärum grätandi särliga yfir hanum ok ä mintisl 
hversu vaskliga hann bardist i möt Arderico hinum mikla svikara. 
Eptir pat l^tu hau hann i höll sina ok skipudu hanum virduligan stad 
i at vera, ok fengu hanum gladliga allt bat er bau mättu ok hann 
vildi hafa. En er Amicus hafdi bar verit nökkura stund, syndist 
hanum engill guds a einni hverri nött ok baud hanum at segja jarli 
Amilio, at hann draepi tvä sonu sina, er pau konungsdottir ättu, ok 
med peirra blodi skyldi hann bvä Amicum, ok bar af mundi hann 
heill verda. Hann sagdi hänum betta umuguligt vera sakir bess at 
hann undirstöd at betta var bsedi synd at gera ef eigi bydi gud, ok 
hann var i lifshäska vid konunginum, modurfedr sveinanna. Ok sem 
hann mintist, hversu mikit Amicus hefir gert fyrir hans sakir, ba tok 
hann sverd sitt ok gekk til hvilu sveinanna bar sem beir sväfu. Hann 
lac,dist upp yfir bä ok gret särliga ok mselti: Hverr heyrdi, sagdi hann, 
födurinn själfviljanda hafa drepit sonu sina, ok he"dan af em ek ekki 
ykkarr fadir, heldr hrsediligr dräpsmadr ok pinari; ok flugu svä pykt 
tär af augum hänum, sem regn ofan yfir sveinana, svä at peir vöknudu 
vid, ok er peir litu andlit fedr sins. hlögu peir. rä väru beir brevetrir. 
Pä mselti fadir: H6, mikil sorg! ykkarr hlätr man mer sniiast i mikinn 
grät; meinlaust blöd man üt hellast af illum ok ümildum fedr. Ok er 
^ hann hafdi talat sorgmödliga, ])ä hjö hann sveinana bäda ok tok ]>ä 
som hcegligast likin ok lagdi i ssengina, sem beir svsefi. En blöd peirra, 
som hann hafdi lätit renna i eitt st6rt glerker, tok hann ok pö i Amil- 
ium felaga sinn, ok medan hann bö hann, taladi hann ]>rssi ord: Herra 
Jesiis Kristr, sagdi hann, pü er heilan gerdir likbrän manu med ordi 
]>inu, vird mik til at hreinsa penna minn felaga ok hreinan gera, pviat 
ek helta üt blodi sona eptir bodi engils bins, ok er hann liafdi lokit boan 
sinni, vard Amicus heill pegar ok hroinsadr allskostar. En jarl tök 
pegar klajdi sin beztu ok feereti hänum. Sidan göngu peir til kirkju 
ok gerdu gudi ]>akkir <>k begar tokusl allar klokkur at hringast i 



KÖHLER DAS SCEtICKSALSRAD UND DER SPRUCH vom FRIEDEN. 189 

stadnum själfar, <>k gäfu af se*r fagrt hljöd. Ok er fölkit heyrdi |>etta, 
bä dreif paugat ok undradist ]>enna atburd. < )k er jarlsins frü sa |j;i 
ganga bada saman, spurdi hon, hvarr hennar böndi vaeri, bvi hon 
kendi hvärngan beirra frä ödrum, en klsedi kendi hon hvarstveggja 
beirra, ok ]m spurdi hon hvarr beirra var. rä mselti jarl: Ek em 
Amilius, en pessi niinn felagi er Amicus 1 ), er sjiikr var ok er nn 
beul, ok andvarpadi bä af öllu hjarta ok mint ist ä dauda sona sinna. 
En konungsdottir vildi, at sveinarnir vaeri pangat bornir ok skemtadi 3 ) 
s^r par, ok «lcdist af nvjuin fagnatli. Jarl bad |>;i lata sola ok bad eigi 
vekja ba. En bann gekk einsamt ok hugdist ninndn grata )»a dauda, 
ok er hann kom }>ar, fann hann bada sveinana i ssenginni lifandi, ok 
lt±ku ser ])av, ok var einn randr pradr um beggja peirra hals. Jarl tök 
ha l fadm st : r ok bar j>ä inn fyrir raödur beirra ok mselti: Verum v6r 
glöd, bviat synir minir lifa bädir peir er ek drap eptir bodi mgils 
guds, ok med ]>eirra blödi er Amicus, fölagi minn, hreinsadr. En frä 
)>essnin timum heru bau at halda hreinlifin allt til daudadags ok varu 
jafnan i mikilli gödfysi i guds pj6nustu, medan }>au lifdu. En i bann 
tiina hljöp uhreinn andi i buk hüsfrü Amici, ok kvaldi hana mjök illa, 
ok i beim oerslum 3 ) feil hon fyrir berg ok lauk sv;i hörmuliga hennar 
lifsdögum. Eptir ]>at för Amicus til Bericänum föstrjardar sinnar med 
her, ok sat svä lengi um, at hann gat unnit jui er )>ar varn fyrir ok 
gafust J)eir upp i hans vald. En hann gaf üllum beim grid med dreng- 
skap ok fyrirh : t beim sina misgerd ok ]>at sem peir höfdu i möt hänum 
gert ok bjonadi gudi jafnan med äst, medan hann lifir, ok n'-«! bar 
fyrir med ägsetri hreysti ok miklum IVidi ok sambandi. 

BRESLAU, Nov. 1873. EUGEN KÖLBING 



DAS SCHICKSALSRAD UND DER SPRUCH VOM 

FRIEDEN. 



Felix Hemmerlin (Malleolus) läßt im 21. Capitel Beines zwischen 
1444 und 1 4";< ) geschriebenen Dialogus de Nobilitate et Rusticitate den 
Edelmann über das Schicksalsrad (Rota Fati, Rota fatalis) handeln, 
welches den in Reichen und Provinzen, in großen und kleinen Herr 
-•haften, in Städten und Dörfern, in Häusern and Familien, in Klo 
tern, Collegien und Kirchen statthabenden Kreislauf gewie er Zu tände, 

'; Amiliua in- ruli nnflci im insci 



190 



R. KOHLER 



deren einer immer aus dem anderen folgt, darstellen soll*). Die auf deä 
Bauern Wunsch von dem Edelmann entworfene Zeichnung dieses Rades 
findet sich auf Blatt LXXVII der einzigen Ausgabe des Dialogs**) 
als Holzschnitt, von dem ich hier eine verkleinerte Nachbildung beifüge. 




*) Eine ausführliche Inhaltsangabe des Dialogus de Nobilitate gibt B. Reber, 
Felix Hemmerlin von Zürich, Zürich 184C, S. 197—268. Aber die Inhaltsangabe des 
21. Capitels (S. 236) ist ungenau und undeutlich, namentlich ist nicht bemerkt, daß 
die Rota Fati von der Rota Fortunae unterschieden ist. Letztere beschreibt der Nobilis 
im Eingang des Capitels: Sepe vidisti veteres posuisse fortune rotam quattuor figuria 
signanter descriptam et bis versiculis annotatam: 

Regno descendo iaceo super ardua tendo. 

Sum fortunatus, fleo, spero, fio beatus. 

Hie iacet, hie scandit, hie sedet, iste cadit. 

Regno regnabo regnavi sum sine regno. 

Hec namque rota fortune variabilis, ut rota lune. 

Crescit et decrescit in eodem sistere uescit. 
Hierauf bespricht der Edelmann den Unterschied von fortuna und fatum und sagt dann: 
Unde ex premissis sapientes estimo premeditatos fuisse aliam non tarnen fortune, sed fati 
rotam — Auch W. Wackernagel gedenkt in seiner schönen Abhandlung 'Das Glücksrad 
und die Kugel des Glücks' (Haupts Zeitschrift VI, 142 = Wackernagels Kleinere 
Schritten 1 249 f.) der Hemmerlinschen Stelle, aber ebenfalls in ungenauer Weise. 
**) Vgl. Reber a. a. O. S. 31—33. 



DAS SCHICKSALSKAI) UND DER SPR1 l II V*ÜBl FRIEDEN 191 

Macht man aus den sechs Relativsätzen ohne Anfang und Ende, 
welche auf den innerhalb dea großen Kuh- befindlichen sechs kleineren 
Rädern*f als Inschriften stehen, folgende selbständige Sätze: 

l'ax general divitias, 

Divitiae generant superbiäm, 

Superbia generat guerram, 

Guerra generat paupertatem, 

Paupertas generat humilitatem, 

Bumilitas generat pacern — 
so haben wir hier die lateinische Fassung eines Spruches, den ich in 
deutscher, französischer und englischer Sprache nachweisen kann. 

Nach einer Mittheilung Massmanns in Mones Anzeiger 1833, S. 261 
tindet sich bei Geiler von Kaisersbeig- .Massinann sagt leider nicht 

in welcher Schrift desselben — der Spruch: 

Fried macht Reichthum, 

Reichthum macht l berrnuth, 

Übermuth bringt Krieg, 

Krieg bringt Armuth, 

Aruiuth bringt Deinuth, 

Demuth macht wieder Frieden. 
Und ebenso — nur in der Anwendung der Wörter bringt und macht 
abweichend und mit Auslassung des wieder in der letzten Zeile — 
in Christoph Lehmans Fiorilegium politicum S. 215**): 

Frid bringt Reichtumb, 

Reichthuinb macht Vberinuth, 

Vbermuth bringt Krieg, 

Krieg macht Armut h, 

Armuth macht Demuth, 

Demuth machl Fried ' 



*) Coustat — sagt der Edelmann — utique Linus modi rotam ad modum cir 
euli rutuiidaiu et in sua re-tui alifl B6U angul tam. et prout iu cii- 

culo iuxta Euclidis definil tundo non ponitur finia ueque pnncipiam, aed ex- 

tiL-mitates, sie nee iu hac ruta initium ueque terminum oeque termini onem distribuauius. 

**) Der Titel dieser Sammlung lautet vollständig: Fiorilegium politicum. Poli- 
er Blumengarten. Darinn Jententz, Lehren, Regoln, v i*>l 
Sprichwörter auß Theologie, Jurisi Politicis, ll Philosophie, PoBteo 
rnd eygener erfahrnng ratei 286 Tituln zu sonderm outsen vnd lust II 
d.-!n im reden, raten vnd schreiben, da« gut snbrauchen vnd das böß sumeiden, in 

locos cuintnunes zu- D Durcl I U '.unkt im 

neiisLi autoris Ann.. 1630. 8°. 

Aui Li hu i .. W andi i Lexikon I r. 48 

aui fc 'H U ouameu. 



192 K. KÖHLER 

Folgende Variante gibt Mone in seinem Anzeiger 1835, S. 207 
ohne Quellennachweis: 

Gut macht miit, 

miit macht hoffart, 

hoffart macht nijd, 

nijd macht strijt, 

strijd macht armut, 

armut macht fryd. 
Der französische Dichter Clement Marot schreibt im J. 1521 au 
Margarete, die Schwester Franz I, damals Herzogin von Alencon, 
nachmals Königin von Navarra — es ist die vierte der Epitres in Marots 
Werken — : 

Ainsi, bien heuree Princesse, esperons nous la non assez soadaine 
venue de Paix qui toutes fois peut finablement revenir en despit de 
Guerre cruelle, comme tesmoigue Minfant en sa Comedie de fatalle 
destinee, disant: 

Paix engendre Prosperite^ 

De Prosperite vient Richesse : 

De Richesse Orgueil, Volupt^: 

D'Orgueil Contention sans cesse : 

Contention la Guerre addresse: 

La Guerre engendre Pouretr : 

La Pourete Humilite: 

D' Humilite revient la Paix: 

Ainsi retournent kumains faits. 
Voila comment (au pis aller, dont Dieu nous gard) peut revenir celle 
precieuse Dame, souvent appellee par la nation Franchise, dedans les 
Temples divins, chantans: Seigneur, donne nous Paix. 

Der Verfasser der von Marot genannten Komödie, die, wie es 

scheint, nie gedruckt worden ist, war wohl David Minfant, von dem 

eine französische Übersetzung der Officia Ciceros 1502 erschienen ist*). 

Wie bei Marot und vielleicht aus ihm entlehnt findet sich der 

Spruch c Paix engendre Prosperite' u. s. w. unter den französischen 



*i Man sehe De La Monnoyes Bemerkung in Rigol ey de Juvignys Ausgabe der 
Bibliotheques francoises de La Croix du Maine et de Du Verdier, T. I, Paris 1772, 
S. 425 f. Wenn La Monnoye sagt, der Titel Fatale Destinee sei 'emprunte de ce pas- 
sage du fameux Doctenr Suisse Felix Heinmerlin, en Latin Malleolus, feuillet 77 de 
son Traite de Nobilitate, en ces termes: Rota fatalis comprehendit sex rotas, qnarum 
prima paupertas est quae genciat humilitatem: secunda bumilitas quae generat pacem: 
tertia pax qnae general divitias: qnarta divitiae quae generant superbiam: quinta su- 



DAS SCHICKSALSRAD UND DER SPRUl I! \ <»M FRtEDEN. 193 

Sprichwörtern in dem Florilegium ethico-politicum des Janas Gruterus, 
Francofurti 1 GH), S. 231 . nur dali hier steht c orgueil ei yolupte* und 
l^s humains'. Aus Gruterus hat Le Roux de Lincy den Spruch in 
sein Livre des Proverbes francais, 2. Edition, Paris 1859, II, 866, auf- 
genommen. 

In sinniger Weise haben die Franzosen den Spruch auch bild- 
lich dargestellt. Ich kenne diese bildliche Darstellung jedoch nur aus 
der kurzen Beschreibung in des Quirinus Pegeus (d. i. Georg Philipp 
Harsdörffer) Ars apophthegmatica, Das ist: Kunstquellen Denckwürd 
Lehrsprüche und Ergötzlicher Hofreden, Nürnberg 1655, 2. Theil, 
S. 179, §. 3868: 

Fried : Krie 
Die Frantzosen haben 1651 ein solches Gemahl machen lassen: 
Der Fried hatte bey der Hand den Reichthum, der Reichthum den 
Stoltz, der Stoltz den Krieg, der Krieg die Armut, und solche die 
Demut. In diesem Reyendantz pfiffe das Glück auf einer Sackpfeiffen *). 
Am Ende einer englischen Handschrift -- einer Pergamentrolle 
aus der Zeit Heinrichs V. (1413 22) — stehen (s. Notes and Queries, 
4. Series, III, 103) die Zeilen: 

Pes niaketh plente, 
Plente makyth prvde, 
Pryde maketh plee, 
Plee maketh pouerte, 
Pouerte maketh pees. 
Auf das Vorsetzblatt eines englischen Buches bal der Besitzer im 
J. 1744 — s. Notes and Queries, 4. Series, VIII, 514 diese Reime 
geschrieben : 

War begets Poverty, — Poverty Peace; 
Peace bringeth Rieh ue'er düth cease; 

Riches gender Pride, - Pride is War's ground; 
War begets Poverty, and so the World goes round. 



perbia quai general guerram: sexta guerra quae generat paupertatem , litur 

;"1 primara rotam ei seqnentes , so ist 

Dialogus stehen. La Monnoye hatte m<'Ii wahrscheinlich bei gelegentlicher Durchsicht 
Dialogua de Nobilitate Notizen daraus gemacht und so mit obigen lateinischen 
Worten die Abbildung dei Rota fatal ia aul fol. 77 ~.>li notiert; - j . i i i • - • nahm ei dann 
ichte Notiz für eine wörtli 
*) Nach Pegeus, der als Quelle genannt ist, auch bei Joh, PrKI 
adium. Das ist, Ein Ausbund von Wündachel Ruthen, L 
QEBH \N1A .s. u Beihi \ U [XU I Juhrg. 1 ", 



194 R- KÖHLER, DAS SCHICKSALSRAD UND DER SPRUCH VOM FRIEDEN. 

Zum Schluß noch zwei deutsche Varianten unseres Spruches, in 
denen freilich gerade der Friede fehlt. Die eine hat Massmann an der 
oben angeführten Stelle in Mones Anzeiger ebenfalls — wie es scheint 
— aus Geiler von Kaisersberg mitgetheilt : 

Gut*) macht Muth, 

Muth macht Übermuth, 

Übermuth Hochmuth, 

Der macht Krieg und Blut, 

Krieg macht Armut, 

Armut bringt Demuth. 
Die andere gibt M. Toppen, Volksthümliche Dichtungen, zumeist 
aus Handschriften des 15., 16. und 17. Jahrhunderts gesammelt, Kö- 
nigsberg 1873, S. 103**), aus einer von einem Danziger Michael Hancke 
ums Jahr 1629 angelegten handschriftlichen Sammlung von allerlei 
Gedichten und Sprüchen : 

Armut macht Demut, 

Demut macht Forderunge, 

Forderunge macht Reichtumb, 

Reichtumb macht Übermut, 

Übermut macht Krieg, 

Krieg macht Armut. 
An diesen Spruch schließt sich in der Handschrift ein auch von 
Toppen abgedrucktes Gedicht in 12 vierzeiligen Strophen an. Es ist 
ein Gespräch zwischen einem Sohn und einem Vater, der Sohn und 
der Vater sprechen abwechselnd je eine Strophe, und vor je zwei Stro- 
phen stehen der Reihe nach die einzelnen Zeilen des obigen Spruches 
als Überschriften der beiden folgenden Strophen***). 

WEIMAR, März 1874. REINHOLD KÖHLER. 



*) Hut im Anzeiger ist wohl nur Druckfehler. 

**) Ich habe dieli Buch in den Göttingisehen gelehrten Anzeigen 1873, Stück 32, 
ausführlich besprochen. 

***) Als Probe mögen hier die Strophen stehen, welchen die 2. und 3. Zeile des 
Spruches vorgesetzt sind. 

Demut macht forderunge. 
Nach deiner lehre halte ich woll, 

Noch weiß ich nicht, was ich thun soll, 
Das ich muchte werden reich, 

Sage mir, wo ich daßelbige erschleich. 

R Halt traw und glauben, das ist mein rat, 

Und was du redest, halt mit der that. 



K. BARTSCH, BRUCHST1 < KE VON HERZOG ERNST \ igp 



BRÜCHSTÜCKE VON HERZOG ERNST A. 



Die nachfolgenden Bruchstück.' verdanke ich der gefälligen Mit- 
theilung des Herrn Dr. Richard Wülcker in Leipzig, der sie von Herrn 
Dr. Könnecke in Marburg erhielt. Es sind zwei Pergaraentstreifen eine)' 
Handschrift des ausgehenden 12. Jahrhs., von je 5% Centim. Höhe und 
9 Ceutim. Breite, beide den oberen Theil eines Blattes enthaltend- von 
dem zweiten ist dieü jedoch nicht völlig sicher. Beide Blätter liefern 
11 Zeilen auf jeder Seite, die Verse nicht abgesetzt, auf dem ersten 
Blatte ist die letzte Zeile zum größeren Theile weggeschnitten, so daß 
fast nur die Spitzen der Buchstaben sichtbar sind. Die vollständige Seite 
wird etwa 22 Zeilen gezählt haben, das Format war also ganz ähnlich 
dem der Prager von Hoffmann und von Pfeiffer veröffentlichten Bruch- 
stücke. Daß die neugefundenen Fragmente aber mit den früheren nicht 
zu derselben Hs. gehören, sondern daß hier eine zweite Handschrift 
vorliegt, ergeben die orthographischen Verschiedenheiten In den hier 
veröffentlichten begegnet kein g für mhd. c und ch, kein sc für seh, 
kein t für z u. s. w. (meine Ausgabe. S. V). 

Was den Inhalt betrifft, so gehört das erst.' Blatl dem Abenteuer 
mit den Schnäbelleuten an und entsprechen die erhaltenen Verse der 
vorderen Seite etwa den Versen 3779—3790, die der Rückseite den 
V. 3803 — 381G der Bearbeitung B. Das zweite Blatl ist aus dem Aben- 
teuer am Magnetberg; den erhaltenen Versen entsprechen B 4200 bis 
4210 und 4220-4234. 

Ich gebe einen buchstäblich getreuen Abdruck, nur in abgesetzten 
Zeilen und mit Interpunction ; Ergänzungen von weggeschnittenem oder 
unleserlichem sind cursiv gedruckt. 

HEIDELBERG, 2. Januar 1874 K. BARTSCH. 



\\ enn du also glaubwirdig l>i>t. 

8o wirstu reich in kurzer frist. 

Y order u a g na ac li t rei c li tu m u. 
Vater nun bin ich reich Bcbon, 

Was mir gefeit, mag i'-li wol thun. 
[ch habe gutes genug, uun sage hr, 

Wo überkomme ich gewalt und ohr? 
R, A ■ ) i lieber söhn, nach gewall nicht Iracbta, 

Wann ehr und gewall wol hoffart macht, 
[ch warne dich, thuatu da . 

Dir Wechsel d i leid und haß 



13 



196 



PERD. VETTER 



(P) hoffcter do 

den er soltc besten. 

do mbeit er niwet me, 

den uanen nam er selbe. 
5 do iceseder die snellen 

an die grippinische« man. 

die quamen in mit nide an 

mit maniger schare mehtic. 

do wart ein stürm creftie 
10 an deme uelde irhaben. 

des nam maniger den schaden, 

der sin nie ingnoz. 

daz here daz was fil groz 

der grippinischen herren. 
15 des guan der herzöge manigen serm 
s sieh gescAciden. 

alumbe sie 

(l b ) uil harte. 

wie wol sie bewarten, 
20 daz ir dicheiner were da 

der in quam so na, 

den endenden rechen, 

daz sie in mit den ecken 

mohten irlangera. 
25 mit zorne beuangen 

was der herzöge here. 

sin müt quäl ime sere ; 

zu den libe was ime unwerde 

daz sie ime an der erden 
30 wolden strides nit gestaden, 

daz er sis mohte gesaden 

oder ir dicheiuen irreichen. 

do hub er uf daz «eichen : 

der herre mit d 



35 (2") zuiuel 

alle mit einem müde, 

in hetde got der güde 

den geda?'C gesaut in sinen müt; 

iz duhte sie allesauient gut, 
40 sie wolden ime gerne uolgen. 

do gieugen die godes holden 

after den kielen. 

sie wnden harte schire 

groze merrinder hüde uil. 
45 zuare ich uch daz sagen wil, 

des wrden die helide uil uro. 

zu ir schiffe trugen sie sie do 

un schliffen sie na ir willen. 

do namen die snellen 
50 eine michele hüt. 

da snieden sie die riemen uz. 



(2 b ) «in 

der sich besuwet in der hüt. 

do sprac der greue uteri üt 
55 daz sal der herzöge unde ich. 

besuwet in un mich 

in disen huden beiden. 

ich inwil mich nTiner gescheiden 

fan ime lebendic noch dot. 
60 ich wil angist un not 

samet ime liden. 

kumet er uz mit deme libe, 

so weiz ich wie iz uns irgat. 

eintweder unser wirdet rat 

oder wir uerliesen sament unser leben , 
05 sprach der durliche degen. 

ich sagen uch w*rliche, 

un 



FHEYR UND BALDR, 

UND DIE DEUTSCHEN SAGEN VOM VERSCHWINDENDEN 
UND WIEDERKEHRENDEN GOTT. 



Fast alle Mythologieen kennen einen oder mehrere verschwindende 
und wiederkehrende Götter, d. h. Personificationen der Sonne, des 
Sommers und seiner Segnungen. Die Sagen von Osiris, Adonis , Per- 
sephone, Dionysos, Helena, Odysseus. Kastor und Pollux sind längst 



FREYR UND BÄLDE p.iT 

erkannt als Fragmente und Variationen des großen Jahresmyt hus, 
der das Kommen und Schwinden des Sommers und seiner Gaben zum 
Gegenstand hat*). 

Bisweilen hal sieh dieser sterbende und wiedererwachende, ge- 
raubte und zurückkehrende Gott auch in zwei Personen geschieden. 
Polydeukes (devy.og = ylvxv : suavissimus), der unsterbliche, ist nur 
ein Doppelgänger des sterbliehen und gestorbenen Bruders Kastor; 
Persephone, die geraubte und wiederkehrende, ist mit Dionysos, dem 
Fernherkommenden oder Zerrissenen und Wiederbelebten, in einigen 
Culten verschwistert, in andern vermählt. 

Tacitus findet seinen Kastor und Pollux wieder in dem göttlichen 
Brüderpaar der Nahanarvalen, den Alces, unter denen also wohl auch 
ein schwindender und wiederkehrender Gott zu verstehen ist. Alces, 
goth. alkeis. sind nach Zacher die Leuchtenden, Glänzenden: auch 
die Dioskuren wurden als Gestirne gedacht; n ea vis numini u ' (sc. qusa 
Castori Pollucique), sagt Tacitus: ihr Mythus muß also auch von Tod 
und Wiederbelebung 'oder Ersetzung durch den Bruder) erzählt haben. 

Die nordische Mythologie kennt zwei verschwindende und wieder- 
kehrende Licht- und Sommergötter mit oder ohne Bruder: Baldr und 
Freyr. Wir wiederholen kurz ihre Sagen zum Zweck der Gegenüber- 
stellung und als Grundlage für alles Folgende. 

Baldr, der Gott des Lichtes und der Sommerwonne, fällt von 
der Hand Höttrs, des Gottes der Finsterniss, der blinden, d h. dunkeln 
Winteröde, durch den dämonischen, weder der Ober- noch der I uter- 
weit angehörenden Mistelzweig, nachdem das Geheimniss seiner Ver 
wundharkeit seiner Mutter abgelistet worden. Sein Leichenschiff wird 
von Hyrrokin, dem „feuerberauchten" Sonnenbrand (Unland) vollens 
ins Meei n. daß Feuer aus den Walzen fährt und alle Lande 

erbeben: verheerende Naturgewalten bringen den auf Beiner Höhe Doch 
is verweilenden Lichtgott zur entscheidenden Wende, Nanna, Nep'a 
Tochter, zerspringt vor Jammer, der Zwerg Litr wird ins Feuer 

•n: Nanna, die Blüthe das Soramerblut, die Tochter der Knospe 
(hneppr, Nep und Litr, die Färb „der reiche frische Seh:. 

des Frühsommers" (Uhland, Simrock), müssen mit hinab, wenn der 
Lichtgott, wenn der liebe Sommer Btirbt. 

Aber er kehrt wieder: nicht zwar ii r Gestall — das 

hindert Thöck, das Dunkel, die Lichtfeindin — sondern unter anderem 
Namen; die eine Person isl in zwei zerspalten: er heissl als Wieder- 

*) Auch dor getiache Salmolti gehHrl in diese 1 Germania IS, 214 



198 FERD. VETTER 

geborner Vali und ist eigens von Odin zum Rächer erzeugt, mit Rindr, 
der winterlichen, hartgefrornen Erde; ganz unmündig, nur eine Nacht 
alt, rächt er den Bruder — hier nicht Zwilling -- durch Tödtung 
Hödrs, des Winterdunkels*). 

Freyr's, des Fruchtbarkeitsgottes, Todesmythus ist uns erst in 
der anthropomorphisierten Gestalt erhalten. Er wird — als historischer 
König von Schweden — in seinem Alter krank. „Und als die Krank- 
heit überhand nahm, giengen seine Mannen zu Rath und ließen wenige 
zu ihm kommen; sie errichteten aber einen großen Grabhügel und 
machten eine Thür davor und drei Fenster. Als er aber gestorben war, 
trugen sie ihn heimlich in den Hügel und sagten den Schweden, daß 
er lebe, und bewachten ihn drei Winter hindurch. Alle seine Schätze 
aber brachten sie in den Hügel: durch das eine Fenster das Gold, 
durch das andere das Silber, durch das dritte das Kupfergeld. Es blieb 
gute Zeit und Friede"**). 

Nach Andern fällt er (unter dem Namen Frotho) durch den Stoß 
einer in Rindsgestalt verwandelten Zauberin, wird dann noch drei 
Jahre lang unbegraben gelassen und als lebend durchs Land geführt***). 
Das deutet aber, wie das Fortleben im Hügel, nur auf eine Entrückung 
zu spätererWiedergeburt. Solche Umzüge zu Wagen (mit einer jungen 
Priesterin) fanden früher zu Ehren Freyr's statt (Grimm Myth. 194 
und Simrock, Myth. 310); man feierte damit den im Herbst gestorbenen 
und mit seinen Schätzen begrabenen, und jetzt im Frühling wieder 
belebten Fruchtbarkeitsgott (die halbmenschliche Sage lässt es freilich, 
wie beim König Ninus in Ninivef), nur ein Scheinleben sein), der im 



*) Auch in der vollständig anthropomorphisierten Gestalt der Sage bei Saxo, 
(ed. Stephanius 39 ff.), wo, in einer für den Übergang der Göttersage in die Helden- 
sage sehr lehrreichen Weise, Balderus und Hotherus als Heerführer sich bekämpfen 
und der erschlagene Balderus durch einen von Othinüs zu diesem tfehufe mit der 
Finnin Einda erzeugten Stiefbruder (hier heißt er Bous, an. Büi, der Bauer, der Gott 
der wieder baulich gewordenen Erde) gerochen wird — ist der Ursprung aus dem 
Jahresmythus nicht zu verkennen. 

**) Ynglinga Saga c. 12. Die ältere Edda weiß, trotz früherer Entstehung, 
davon nichts, weil sie, den Jahresmythus bereits zum Weltmythus erweiternd, Frey's 
Tod erst mit dem Weltuntergang eintreten lässt, wie ja überhaupt die ursprünglichen 
Jahr esgottheiten später auch das Abbild des Weltenwechsels werden und ihr Tod 
ins allgemeine Ragnarök hinausgeschoben erscheint. Ursprünglich starb Freyr wie 
Baldr schon vorher, und ganz ursprünglich jedes Jahr aufs Neue. 
***) Saxo (Stephanius) 96. 

f) Sollte dieß nicht auch eine indogermanische Sage, und Samurat (Semiramis) 
die Sommer- ''früher Tages- [r)u(nc(\) göttin sein? 



FREYB IN!» BALDR. 190 

Geleite einer Gattin wiederkehrt, d. h. der schönen Jahreszeit, welche 
durch die Priesterin auf dem Wagen vertreten wird. Die Werbung 
um diese Gattin, also ein Stück aus der Sage vom wiederkehren- 
den Freyr. erzählt uns in der ältesten Gestalt Skirnisför (vgl. dazu 
die Sage von Frotho und Hanuiula, der Hunnentochter, bei Saxo 
p. 68 ff.). Der Gott der Frühlingsfruchtbarkeil schickt seinen Diener 
Skirnir (Aufheiterer, als Bote des Lenzes) mit dem unaufhaltsam vor- 
dringenden Sonnenstrahl („mein Schwert, das von selbst sich schwingt") 
auf Werbung aus zu der von flackernder Flamme (des Holzstosses) 
und hohem Zaun (dem Heigitter) eingeschlossenen, d. h. als todt in 
der Unterwelt weilenden Göttin der schönen Jahreszeit, Gerdr: nach- 
dem sie allerlei Sommergeschenke abgewiesen, und dann noch ihr 
Bruder Beli (der „Brüller", der Sturm des Frühlings- Aquinoctiums) von 
Freyr erschlagen worden — in Ermanglung seines Schwertes mit 
einem Hirschhorn -- vermählt sie sich endlich dem'' Frühlingsgott im 
grünen Haine. 

Die beiden Götter also verjüngen sich im Frühling - 
der eine in Gestalt eines Bruders, welcher der Sohn der Winter- 
erde ist (vgl. die Dioskuren), der andere jugendlich wiedergeboren und 
verbunden mit einer Gemahlin, welche im Todesschlaf des Winters 
lag (vgl. Dionysos und Persephone); und beide sterben im Hoch- 
sommer und werden mit ihren Gaben und Schätzen be- 
stattet. Daß dieß das eine Mal auf brennendem Schiff und das 
andere Mal im Hügel geschieht, ist bloß zeitlich veränderte Aus- 
drucksweise: dem „Brennalter" folgte das „Hügelalter"*) und die 
spätere Dichtung wählte die damals gebräuchliche Bestattungsart. 

Einen von diesen beiden Göttern nebst seiner Wiedergeburt muß 
Tacitus meinen mit seinen sich wie Kastor und Pollux ergänzenden 
Brüdern. Simrock entscheidet sich für Baldr-Vali. Wir wollen uns zu- 
nächst noch nach weitern Spuren Frey's in der Sage umsehen. 

Es ist schon auffallend genug, daß zwei in Mythus und Bedeutung 
so nahe verwandte Göttergestalten in der nordischen Mythologie neben 
einander bestehen können; es erklärt sich das nur aus der spätem 
Aufnahme des einen Gottes von einem fremden Stamme her, welche 
in der Edda als Krieg und Vertrag mit den Wanen mythisch einge- 



*) Im Beövulf z. B. wird Sceäf-Scyld auf dem Schiffe, der spätere Beövulf im 
Hii gel bestattet. — Ursprünglich wird Freyr so gut wie Baldr auf dem Schiffe ver- 
brannt und den Wogen übergeben worden sein, wozu der Besitz Skidbhidnirs, des 
trefflichsten aller Schiffe, und seine Heimat Noatün — Schiffhausen — stimmt. 



200 FERD. VETTER 

kleidet erscheint. Die ursprüngliche Heimat der Wanen und ihres 
Cultes, also auch des Freysmythus, suchte man bisher, — gestützt 
insbesondere auf den Yngvi-Freyr, Ingunar Freyr und Freä üngvina 
als Eponymos der Ingaevonen, sowie auf die Nerthus des Tacitus, die 
man mit Frey's eddischem Vater Niörd zusammenstellte, -- bei den 
ingsevonischen. speciell den östlichen suevischen Stämmen; neuestens 
findet sie K. Meyer (Germ. XVII. 107 ff. bei den Aestiem d. h. dem 
nach seiner Ansicht nichtdeutschen Küstenvolke der Preußen, und er- 
klärt damit die Wanen und ihre Verehrung als nicht nur ursprünglich 
unnordisch, sondern auch ungermanisch 

Lassen wir das einstweilen auf sich beruhen: so viel ist sicher, 
daß der zweite unserer Götter in die eddische Mythologie von außen 
importiert und dem ersten coordiniert ist. Wir könuen aber ferner 
bemerken, daß er, der gestorbene und wiederkehrende Sommergott, 
auch in der Heldensago, dem Niederschlag der Göttersage, erscheint, 
und zwar — entgegen jener Ansicht — nicht bloß in der dänischen, 
schwedischen und isländischen, sondern auch in der deutschen, wo 
dann bisweilen die beiden so ähnlichen Gestalten förmlich zusammen- 
fließen. Die dänischen und schwedischen Friedenskönige der Jüngern 
Edda (Skälda 43), der Ynglinga Saga (12) und Saxo's (Steph. 20. 66. 
85. < .L ) . 95. 96) sind bereits genannt als Vermenschlichungen Frey's 

Bei Saxo kommt und stirbt Frotho dreimal, als milder, segnender 
Herrscher, auch als Drachenkämpfer (Steph. S. 20), und fällt das 
dritte Mal durch jene in ein Rind verwandelte Zauberin; aber das 
nun folgende dreijährige Scheinleben mit den Wagenumzügen deutet 
auf eine abermalige Wiedergeburt. Der gute Frödi der Skälda. unter 
welchem Christus geboren wird, allgemeiner Gottesfriede herrscht und 
kein Dieb noch Räuber gefunden wird, fällt in Folge seiner Habsucht; 
die Mahlmägde Menja und Fenja, denen er — der ursprüngliche 
Frühlingsgott — nur Ruhe gönnt so lange der Kukuk schweigt, mahlen 
ihm ein feindliches Heer, das ihn besiegt und tödtet; — und hier 
würde dann der Bestattungsmythus der Ynglinga Saga anschließen; 
es bleibt gute Zeit und Friede; der König ruht mit seinen Schätzen 
im Grabe, — um abermals wiederzukehren. 

Im angelsächsischen Epos erscheint der vermenschlichte Freyr 
ebenfalls zu verschiedenen Malen geminiert und wiedergeboren Der 
Ahnherr treibt als neugeborner (nach Beöv. 46 umbor vesende: un- 
geborner) Knabe auf einem steuerlosen Schiffe heran, auf einer Garbe 
schlafend. Sehätze und Waffen mit. sieh führend, und gelangt in dem 
fremden Lande zu einer langen glücklichen und segensreichen Regierung. 



FREYR I'mi BAI DE 201 

Der Beövulf nennt ihn Scyld, Sohn des Sceaf (Scefing); aber in den 
Genealogieen sind die Namen der Ahnen und Nachkommen eines Beiden 
meist nur Prädicate desselben; die verwandten Sagen, und die Garbe 
(sceaf, ahd. skoup), auf der er kommt, zeigen, daß Sc e&f sein richtiger 
Name ist. — Die Bestattung dieses Sceäf geschiehl auf demselben 
Schiff mit dem er gekommen, im Begleil aller seiner Schätze, - 
rade wie bei Frey, außer daß bei dem Seevolk die alte Schiffsbe 
stattnn^- statt der Hügelbestattung eingetreten oder vielmehr geblieben 
ist. Simrock erklärl ihn daher wohl mit Unrecht als Baldr-Vali; er 
stimmt viel m dir zu Freyr und seiner Wiedergeburt. Er kommt nicht 
als furchtbar* r Rächer, wie Baldrs Bruder thun müsste und Vali in der 
Edda wirklich thut, sondern als mächtiger, beglückender König, wie 
jener vermenschlichte Freyr; er kommt zu Schiffe, und als Besitzer 
des besten aller Schiffe, war Freyr aus Nöatün berühmt; er kommt 
umbor, und „ungebornen Freyshelden" worden wir noch weiter be- 
gegnen;*) er kommt und geht mit Schätzen, wie auch jener Freyr 
seine Schätze mitnimmt; er kommt auf einer Grarbe, dem naturgemäßen 
Symbol eines Fruchtbarkeitsgottes, — für einen Lichtgott wie ßaldr- 
Vali ebenso wenig passend wie der davon hergenommene Name Sceaf. 
Bald als Ahn, bald als Enkel Sceäfs, — d. h. als sein Beiname oder 
Prädicat, nach Übung der angels. Stammtafeln — erscheint Beav, 
der „Bauliche", ganz passend fi'xr einen vermenschlichten Freyr**). 
Auf Sceäf folgt (nach dem ags. Fpos) — Beövulf, eine Gemination 
des Sommergottes, und der Mythus wiederholt sich; sein Nachfolger 
Hrödgär wird durch das üngethüm Grendel seiner Macht beraubt; da 
kommt übers Meer ein zweiter Beövulf, der Greäte, besiegt dasselbe 
und herrscht glücklich: in seinem Alter stirbt er durch das Blut eines 
Drachen, den er überwunden; die alte Göttersage beschreibt einen 
beständigen Kreislauf, der schon in den Bich wiederholenden oder in 



*) Während Vali, mit wel n Simrock den Sceaf iden 

tificiert, doch nur ..Kaum geboren", of borinn anenima, heißt. S. 816 wai übrigens 

Simrock fast versucht, Sceaf als Fi aus anderen Gründen als 
den ansrigen, .schon Müllenhoff II. '/.. VII, II- gethan. 

■•■■ Wenn bei Saxo der entsprechende an. Na I Für dei Baldra 

i anftritt, während er liier den wiedergebornen Fn I net, so i-t vielleicht 

dort Bchon eine Vermischung der beiden GHI \\i>- denn auch 

bereit« der Name Vali mach Müllenhoff ein Gott ind Wohls! 

und Ali „der Nährende" G a derWi 
Li | Frej 's auf diejenig : ht. 



204 FERD. VETTER 

hüllten Wägen angedeutet. Doch hat auch der Norden noch Parallelen 
in seinen Freyshelden: in Haddings Schenkel werden wir einen Ring, 
das Symbol der Fruchtbarkeit, liegen sehen, wodurch sich Hadding- 
Freyr merkwürdig mit dem griechischen Fruchtbarkeitsgott, mit Dio- 
nysos berührt, der, von der sterbenden Semele unreif geboren, in Zeus' 
Schenkel eingenäht und von diesem aufs Neue zur Welt gebracht wird 
(firjQogöacping). — Fehlen uns also für das „Ungeboren u -sein Siegfrieds 
beim Gotte selbst die Anhaltspunkte, die sich aber aus dem Wesen 
des Fruchtbarkeitsgottes und den übrigen verwandten Sagen leicht er- 
schließen lassen, so ist dagegen bekanntlich der Vermählungsmythus 
Siegfrieds in demjenigen Frey's zu deutlich vorgebildet, um in seiner 
Abstammung verkannt zu werden, wie schon seine Drachenkämpfe in 
denjenigen Frotho's (Saxo S. 20) ihre Parallele finden. Daß dabei in 
der Nibelungensage die eine Lenzgöttin Gerdr nach den zwei Seiten 
ihres Wesens, der stürmischen und der anmuthigen, in Brynhild und 
Gudrun (Kriemhilt) geminiert erscheint, kann in der Mythensprache 
so wenig auffallen als jene Dioskuren, jener Baldr und Vali, jene ver- 
schiedenen Frotho's und Beovulfe. Ja Freyr selbst war ja in seinem 
Brautwerbungsmythus in Skirnir geminiert; wie aus Skirnisf. 16 hervor- 
geht, wo Gerdr den Skirnir ihres Bruders (Beli) Mörder nennt, war 
es ursprünglich Freyr selbst, der durch Vafrlogi ritt, erst später sein 
Stellvertreter Skirnir; die Nibelungensage aber verbindet Beides, in- 
dem Sigurd das erste Mal für sich selbst, das zweite Mal für Gunnarn 
hindurchreitet. (Simrock, Edda, 471 u. 408). Die Waberlohe um Gymis- 
gard und Hindarfiall, das Weltmeer um Isenstein, die Dornhecke im 
Märchen stehen seit Grimm's schöner Abhandlung über das Verbrennen 
der Leichen insgesammt als Symbole der Unterwelt fest, in der die 
riesische, walkyrienhafte oder menschliche Frühlingsgöttin weilt, um 
von dem Frühlings- und Fruchtbarkeitsgott, der nach Besiegung des 
winterlichen Drachen, und Erwerbung des Hortes und des Ringes 
seinen Siegeslauf antritt, zum Leben erweckt, und mit dem Ringe, dem 
Symbol der Fruchtbarkeit ihm angelobt zu werden. — Nehmen wir 
also auch zunächst mit Meyer den ungermanischen Ursprung Frey's 
und der Wanen als sicher an, so wird doch wenigstens seine Folgerung, 
daß demnach selbstverständlich „aus der deutschen Heldensage, und 
speciell aus der Nibelungensage, Freyr ausgeschlossen" sei, der Ein- 
schränkung bedürfen. Ist dieser Gott von den Preußen zu den Dänen, 
Schweden, Norwegen und Isländern gewandert, so kann doch wohl 
auch die Nibelungensage, „mag sie nun von den Burgunden, oder 
was sich allein wissenschaftlich begründen lässt, von den Franken 



fkm B im» BÄLDE. 205 

ausgegangen sein" Meyer), auf ihrer Wanderung nach dem Norden 
den Brautwerbungsmythus von Freyr geerbt haben und dies« nordische 
Gestalt dann wieder abgeschwächt oach Deutschland gekommen sein, 
— wie umgekehrt, lange nach der Einbürgerung der Sage, der Norden 
in der Thidrekssaga wieder neue deutsche Züge, Personen u. Ortlich- 
keiten nach den Berichten norddeutscher Erzähler aufgenommen hat. 
Bei einer so zusammengesetzten und wandernden Sage darf man ja 
überhaupt von einem Ausgangsorte nur mit Bezug auf einige wenige 
historische Krystallisationspunkte sprechen, an die sich der Mythus 
hängte (wobei denn doch Meyer im 2. Theil der Sage die drei Könige 
und ihren Untergang durch Etzel als von den Burgunden ausge- 
gangen wird gelten lassen müssen). War einmal für den ersten Theil 
der Nibelungensage die Entzweiung der fränkischen Königsfamilien, 
die Geschichte Brunhildens und Fredegundens, die verrätherische Er- 
mordung König Sigisberts auf der Jagd als Kern gegeben, 'so kennte 
drum herum leicht von der einen Seite der im Volke lebende Mythus 
von Baldrs Tode, von der andern — später vielleicht und, wenn Freyr 
nur dort lebte, erst im Norden, — derjenige von Frey's wunderbarer 
Ankunft und von seiner Brautwerbung zu einem organischen Krystall- 
Gebilde zusammenschießen, «las in seiner Undurchsichtigkeit den Ur- 
sprung aus verschiedenen Elementen nicht verleugnet. 

In den bisherigen Vermenschlichungen der Freyssage trat der 
kommende Fruchtbarkeitsgott als einfache Wiedergeburl "der Ge- 
mination eines frühem auf. ähnlich wie sich der Himmelsgotl Zeus 
zu dem Bimmelsgott Uranos verhält (so Kretin» II. 111 zu Frotho I; 
Sceäf und die Beövulfe zu ihren jeweiligen Vorgängern), oder aber 
er erschien in Verbindung mit einer Gattin, d. h. mit der scheuen 
Jahreszeit, wie Dionysos und Persephone so Siegfried, — wie Freyr 
selber mit der Priesterin), in beiden Fällen bisweilen mit <h'V Andeu- 
tung des „Ungeborci Nun weiden wir aber auch den schwin- 
denden und den kommenden Gott im Bruderverhältniss zu einander 
antreffen, wie dort bei Kaster und Pollux, welche Tacitus dann wieder 
in den deutschen Alces erblickt. 

Saxo's Freyr hieß oben Frotho. Frotho'fl 1. Vater isl Badingus 
oder Baddingue diese Schreibung S. 93). Er wird von seiner Gattin 
Regnilda gerade so gewählt, tvie des Gotl I j r Vater, Niördr, von 
Beiner Skadi (Bragaroect. 56 : aur die Füsse des Bräutigams sind sieht 
bar — Regnhild hat den ihrigen durch das schon erwähnte Ein] 
eine.- Ringes in die Schenkelwunde bei der Beilui 
S. L6) - und darnach wählen die Frauen, und /.war irrthumlich; i 



206 FERD. VETTER 

doch mit schlechtem Erfolg. Beider Ehen sind unglücklich: Hadding, 
wie Nördr, liebt das Meer, Regnhild, wie Skadi, die Berge; man hat 
längst bemerkt, daß ihre dabei gesungenen Lieder (Gylfag. 23 und 
Saxo 17. 18) fast wörtlich stimmen. Also: Hadding ist Niördr, oder, 
was nach der Mythensprache dasselbe ist, indem Sohn und Vater meist 
dieselbe Gottheit bezeichnen, Freyr selber; wir haben ihn geradezu 
als ursprünglichen Sommer- und Fruchtbarkeitsgott aufzufassen, wozu 
auch der (bei Niördr und Freyr vergessene) Ring im Schenkel stimmt. 
Aber dieser Hadding kommt noch anderswo vor, und zwar immer mit 
einem Bruder. Zwei Haddinge (tveir Haddingjar) nennt das Ge- 
schlechtsregister Ottars im Hyndluliod (22) als Arngrims Kinder, duo 
Haddingi auch Saxo (93) als Söhne des Arngrimus; Haddingjar herr- 
schen über die Landschaft Haddingjadal ; nach der Hervararsage sind sie 
Zwillinge*). Hasdirigi oder Astingi (vgl. die hochd. Hartunge, die ags. 
Heardingas) nannten sich in historischer Zeit die vandalischen Könige, 
was auf die Etymologie geführt hat: goth. Hazdiggos, zu an. haddr, 
Haarlocke: die Gelockten. Wenn nun die Heldensage zwei Haddinge, 
zwei „gelockte" Helden hat (die sich dann in spätem Sagen zu 
einem Heldengeschlechte erweitern^ und einer derselben, Frotho's Vater, 
= Niördr oder Freyr ist, so kann der zweite Bruder, der zweite Hadding, 
kein Anderer sein, als der wiederkehrende Fruchtbarkeitsgott**), der 
wiedergeborne Freyr, der in der ags. Heldensage Sceäf heißt. 
Ein entschiedenes Zeugniss für den Brudermythus von Freyr. 

Diese deutschen Dioskuren, Freyr und seine Wiedergeburt, oder 
die beiden Haddingischen Zwillinge, sind es nun ohne Zweifel, die 



*) Wenn Haddingjaskadi, wie nach Helg. Hund. II (Schluß) und Fornaldarsög. 
2,8 die Karalieder den zum zweiten Mal wieder geborn en Helgi (der auch eines 
Sigmunds Sohn ist) nennen, wirklich (nach Simrock Edda 177) „Haddingja-Held u , 
d. h. wohl Hadding, bedeuten würde, so hätten wir ein directes Zeugniss für dessen 
Wiedergeburt; dieser zweite Hadding wäre der wiedergeborne Hadding, d. h. Freyr. 
Hoch scheint die Übersetzung „Haddingsschädiger" d. h. = Tödter, vorzuziehen, ob- 
gleich ich nicht weiß, worauf sie sich beziehen soll. (Auch Helgi Hiörvards Sohn heißt 
bei Rask Haddingsjaskathi, vgl. Kuhn's Zeitscbv. 1, 8?.) 

**) Saxo berichtet auch wirklich (p. 12) eine Wiederkehr oder Rückführung 
Haddings d. h. Frey's, wo aber die Gemination bei der Rückkehr noch nicht einge- 
treten ist: Er ist in einer Schlacht geschlagen — es ist die alljährliche Schlacht zwischen 
Sommer und Winter, in welcher jener fliehen muß; — auf der Flucht naht ihm ein ein- 
äugiger Greis, stärkt ihn durch einen süßen Trunk, entführt ihn in seinem Mantel auf 
einem Zauberpferde über das Meer, wie der Erstaunte durch die Risse des Mantels 
gewahrt, und bringt ihn wieder in die Heimat. Andere ähnliche Rückführungssagen 
(Simrock, Myth. 170 ff.) fügen noch die zu Hause harrende Gattin hinzu, die eben im 
Begriff ist, sich einem Andern zu vermählen: es ist die Göttin der schönen Jahreszeit, 



FREYR UND BALDR. 207 

Tacitus unter eleu als Alces bekannten jugendlichen Brüdern der Naha- 
narvalen versteht. Sirarock (295 f.) deutet diese, nach dem Vorgange 
von Grimm und Müllenhoff, als Baldr und Vali (oder Hödr, Hermödr), 
muß aber dann (317) eingestehen, daß er den Hadding, Frotho's Vater, 
also einen unzweifelhaften Wanen, mit diesen beiden Alces-Haddingen 
nicht zu verbinden wisse. Gewiß ist dieß unmöglich, wenn diese Alces- 
Haddinge Baldr und seine Wiedergeburt sind; aber sie sind eben Freyr 
und der wi ede rgeborne Freyr; der Haddingus (Niördr-Freyr) 
Saxo's ist mit dem einen Hadding der Heldensage, ist mit dem einen 
der Alces identisch. 

Alkeis, „die Leuchtenden, Glänzenden" passt eben so gut auf den 
Sonnen- , Sommer- und Fruchtbarkeitsgott mit seiner Wiedergeburt, 
als auf den Lichtgott; es kann sich zugleich auch auf die Augen (vgl. 
Siegfried) und auf das lange glänzende Haar der Hazdiggös, der „Ge- 
lockten" beziehen, zu welchem dann wieder ihre Verehrung muliebri 
ornatu, d. h. wohl vor Allem mit weiblich langem Haarschmuck, stimmt. 
Auch einer andern Sommer- und Getreidegottheit, der Sif, wird ja 
langes goldenes Haar zugeschrieben (Sifjar haddr); es wird ihr abge- 
schnitten und wieder ersetzt, was auf den Sommersegen gedeutet wird 
(Grimm, Myth. 286). Der Hain, in dem sie verehrt werden (Germ. 43) 
kann der Hain Barri des Freysmythus sein, wie der sacerdos muliebri 
ornatu zugleich an die Vermählung des wiedergebornen Gottes und 
an die in Schweden mit ihm herumgeführte Priesterin erinnern dürfte. 
Der Mythus dieser Alces der Nahanarvalen wäre also, nach 
Analogie derjenigen von den I laddingen, mit denen sie auch Simrock 
identifiziert und deren einer unzweifelhaft Freyr ist 7 etwa aus folgenden 
Zügen zu rekonstruieren: Der schöngelockte junge Fruchtbarkeitsgott 
stirbt, vom Wintergott besiegt, und steigt mit den Schätzen der schönen 
Jahreszeit in die Unterwelt hinab ; aber er erscheint im Frühling aber- 
mals auf der Oberwelt, entweder zu Schiffe oder — im Biunenlaude 



die des aus dem Tode wiederkehrenden Befreiers harrt. Diese Rückführung des ver- 
folgten in den Todesmantel gehüllten Gemahls zu der vielumworbenen Gattin, nebst 
der Landung des schlafenden, schätzeumgebenen Sceäf, erinnern, wieder lebliaft an 
den Ulixes des Tacitus, der ja auch, aus dem Haus und dem Todtenreich derKalypso; 
durch Götterhände über's Meer gerettet, schlafend mit seinen Schätzen an der heimat- 
lichen Käste ausgesetzt wird und die üppigen winterlichen Freier, gerade da sie den 
entscheidenden Weitschuß um Penelope versuchen, im Schießen besiegt and tödtet 
— die in Asciburgium lebenden Freys-Sagen von einem solchen Sceäf- oder Haddings- 
ähnlichen Helden konnten Tacitns recht gul an Odysseus gemahnen. Vielleicht darf 
man sogar hei dem Faßorakel dei Skadi und Kegnilda an die Ki kennung durch Eury- 
kleia heim Faßwaschen denken, 



208 FERD. VETTER 

— im feierlichen Aufzuge zu Wagen, wiedergeboren in Gestalt eines 
ihm völlig ähnlichen Bruders, der den Widersacher überwindet und 
dann im grünen Haine sich mit der vom Tode auferweckten Göttin 
der schönen Jahreszeit verbindet. Analogieen genug für Tacitus' Aus- 
spruch: ea vis numini. Ein Nebenumstand: daß die Brüder gemein- 
schaftlich bald auf der Ober-, bald in der Unterwelt leben, findet aller- 
dings keine Parallele — wie übrigens auch bei Baldr nicht: Hermödr 
kommt nur als Bote für eine Nacht in die Unterwelt (Gylfag. 49), und 
auf der Oberwelt ist gar nicht er Baldrs Pollux, sondern Vali, der 
aber auch nicht mit ihm lebt. Es scheint dieses Zusammenleben auch 
in der klassischen Mythologie eine minder wichtige und für die Götter 
des Jahreswechsels wenig passende ethische Zuthat; das Wesentliche 
war jedenfalls das Bruderverhältniss zweier Jahresgottheiten, die zwi- 
schen Ober- und Unterwelt sich theilten; — und das traf ein. — Und 
vielleicht war damals das Verhältniss noch demjenigen in dem paral- 
lelen und offenbar gleichbedeutenden Mythus von Frey's Eltern, dem 
sonnigen Niördr und der winterlichen Skadi, ähnlicher, die sich auch 
zuerst dahin vergleichen, regelmäßig neun Nächte in Thrymheim und 
andere neun (oder drei?) in Nöatün zu wohnen (Gylfag. 23), was den 
Römer sofort an Kastor und Pollux erinnern musste. 

Jedenfalls fand also Tacitus auf dem Festlande bereits des Gottes 
Wiedergeburt als seinen Bruder mit verehrt. Der Norden, der in 
Baldr-Vali schon einen Brudermythus hatte, entwickelte den von Freyr 
selbst nicht weiter (höchstens die Figur Skirnirs ist ein Ansatz zur 
Gemination), wohl aber nahm er ihn in die Heldensage auf, ihn auf 
Hadding, Frotho's Vater, und seinen Zwillings bruder übertragend. 

Indem wir nun noch einmal die betrachteten Sagen vom ver- 
schwindenden und wiederkehrenden Fruchtbarkeitsgott zusammenstellen 
(an welche sich dann als Ausläufer auch diejenige von dem seineu 
Bruder aus dem Drachenbauche befreienden Wolfdietrich oder Siutram 
(Simr. 296) und weiterhin die an Seeaf anlehnenden Kornkindsagen an- 
schließen*), so erhalten wir folgendes Schema: 



*) Wie ich dieß im Programme der Bündnerischen Kantonsschule 1872 „Zwei 
Churer Sagen und die Götter Freyr and Baldr" nachzuweisen gesucht habe, aus den 
im Obigen das auf die Götterlehre Bezügliche in erweiterter Form reproduziert ist. 

Zu- den doit zusammengestellten Sagen vom gefundenen und verlorenen Koni- 
kind, schweren Kiml, Erntekind (Grimm, deutsche Sagen N. 14, Simroeh, Rheinsagen 
489, beide aus C'hur; Sutermeister Märchen 1, Schweizersagen I, -273. 345; II, 244; 
Sprecher, Pallas Rhsetica 1617. p. 219, Völsünga S. c. 1, Preller, Griech. Myth. I, 158. 
159. 167 u. a.) ist mich die merkwürdige Parallele aus Job. v. Tinemouth 1,14. Jahrh.) 
nachzutragen, wo auch der Na igus Hasdingus) in mißverstandener Form als 



BALDR UND FREY«. 



l'09 



Scheiden Wiederkehr 

des Fruchtbarkeitsgottes. 


Widersacher. 
(Naturkräfte.) 


Personif. oder 
Syrab. d. schö- 
nen Jahresz. 


Frey' s Tod. 


F r e y' s Wiedergeburt u. 
Brautwerbung. 


Beli. 


Gerdr. 


Alx I. (Castor). 
l T Haddi}ng. 


Alx II. (Pollux, Ulixes). 

II r (oder rückgeführter) 

H a d d i n g. 


? 

V 


Sacerd. mul. oru. 
Regnilda. 


Frotho (Frödi) I. 


Frotho II. III. 


Zauberin. 


Hanunda. 


Seeät's i^Scyld) Absch. 
und HrSdgärs Noth. 


Sceäf's Ankft. u. Be6- 

vulf s. Sohn, sowie 

Be6v. d. Geäte. 


Grendel 


glückl.Regierung. 


Schwanritters Absch. 


Schwanr. *s Ankft. 


Herzog. 


Prinzessin. 


von Baldr entnommen 
Ortnit. 


Siegfried's Geburt u. 

Werbung. 

Wolfdietrich. 


Drache etc. 
Drache. 


Brynhild-Güdrün. 


Baltram. 


Sintram. 


Drache. 


- 



So glauben wir den Doppelmythus vom Schwinden und 
Wiederkommen Frey's aus seinen Nachfolgern ergänzt zu haben, 
nachdem uns deren Zusammengehörigkeit mit Freyr statt 
mit Baldr durch ihr Wesen, und dann namentlich durch das Zwischen- 
glied Frotho-Hadding. das sich nur mit Freyr verbinden lässt, klar 
geworden war. 

Das Alles wiire nun wohl auch bei un germanischem Ursprung 
derWanen möglich, wie er Germ. XV1J, 197 ff. mit vielem Scharfsinn 
zu erweisen versucht ist: Siegfried und die spätem Freyssagen könnten 
aus der Heldensage des Nordens entlehnt sein. Aber wenn wir dann 
daneben mit den Alces, die wir nach den Haddingen auf Freyr deuten 
mussten, schon für die früheste Zeit auf unzweifelhaft deutsches 
Gebiet geführt werden, und die Nachweisungen Frouwa's, von Grimm's 
Mvth. an, in Anschlag bringen, so dürfte alles in allein doch die Be- 
hauptung sehr gewagt erscheinen, daß sich auf deutschem Boden nir- 
gends Spuren der betreffenden Gottheiten nachweisen lassen (198). Zu- 



Xeslingus wiederzukehren und zur Auffindung des Kindes auf dem Baume statt im 
Felde (wie auch sonst vereinzelt: Rocbholz a. a. O. 1, 86) Anlaß gegeben zu haben 
scheint 

Eines Tages, als Aelfred «1. Gr. im Walde jagte, vernahm er das Geschrei eines 
Säuglings, das von einem Baume herunter ertönte. Kr sandle Beine Jägei ab, damit 
sie der Stimme nachforschten. Sir kletterten den Baum hinauf und fanden auf dem 
Gipfel im Horste eines Adlers ein wunderschönes Kind, in Purpur gekleidet und mit 
goldenen Spangen an den Armen. Der König gab den Befehl es aufzuheben, zu tauten 
und wohl zu erziehen. Als Erinnerung an die seltsame Entdeckung ließ ei ihm den 
Namen Nesthiyus beilegen. 

I KMANIA N< ic Reihe VII (XIX. Johrg.) I I 



210 FERD. VETTER. FREVR UND BALDR. 

dem ist die Elimination der durch die Handschriften, und der Form 
nach durch den nordischen Niöntr so wohl beglaubigten Nerthus aus 
der suebischen Mythologie (199) — worauf natürlich das meiste Ge- 
wicht liegen muß — und die Substitution einer (h) Erthu — Jörd (nach 
dem nehertum jener einzigen Handschrift) doch allzu kühn, und wird 
auch, angesichts des goth. ahd. airtha, erda, durch die Bemerkung 
nicht annehmbarer, daß der Umlaut in Jörd auf einen u- Stamm 
hindeute: -- entspricht doch auch dem an. hiörd, nicht bloß im 
Ahd. (wo ja keine weibliche u-Declination mehr existiert) ein herta 
(und nicht hertw), sondern auch im Goth. ein hairda, nicht hairdws 
(Skr. gardha). -- Hinwiederum wiegt, gegenüber dem Bernstein und 
Knüttel, gegenüber der nach Tacitus britannisierenden (aber deßwegen 
wohl noch lange nicht slavisierenden) Sprache*) und dem Anklang von 
Brisinga men an „Preussen" **), doch das bestimmte n ritus habitusque 
Sueborum u gerade für die Religion zu schwer, um bei dem von den 
Astiern nach Norden gewanderten Freyr an einen nichtdeutschen Gott, 
etwa Pikullos (206) denken zu können. Die mater deum der Astier 
sodann (201) passt auf die jungfräuliche Freyja schlecht; wir werden 
jene eben doch mit der suebischen Terra mater = Nerthus, vermuth- 
lich Niörds erster Gattin***), zu identifizieren haben. — Und wenn auch 
Ingunar Freyr, freä Ingvina, Yngvi-Freyr wirklich nur der Freyr des 
Ingsfreundes oder des Yngvi (Octinn), der Herr der Ingsfreunde ist, so 
liegt denn doch der deutsche Stamm der Ingsevonen zu nahe, um sie 
nicht mit diesem Ingsfreund oder diesen Ingsfreunden, und zugleich 
mit dem Helden der Ostdänen, Ing, der diesen Namen unter den 
Heardingas (Haddingi, Astingi = Frey) erhalten habe, in Verbindung 
zu bringen; — näher gewiß als die Annahme, daß aus dem Beinamen 
das Stammvaters < Idinn ein selbständiger Stammheros geworden sei, der 
dann mit Freyr zusammenfloß (204) f). — Doch das Alles bedürfte 

Das gul deutsche Wort, das uns Tacitus aus ihr erhalten hat, bezeichnet 
er eben doch zu deutlich als sestisch: quod ipsi glesum vocant. 

Wo denn doch «las norwegische Brising (Lustfener, bes. 'Sonnwendfeuer, 
Germ. XVII. 237) näher liegen dürfte; der Name dieses Schmuckes weist wieder auf 
die lichtbringende und solstitiale Seite des Wanenpaares hin. 

***) Vielleicht war sie zugleich seine Schwester, wie denn auch Frey und 
Freyja, dip sieh als Geschwister auch im Namen so nahe berühren, ursprünglich ver- 
mählt gewesen zu sein scheinen. 

; Eine weitere Abhandlung von Meyer, eine einseitig Balderisierende Er- 
klärung der Nibelungensage (im Programm des Pädagogiums zu Basel 1874), die mir 
nachträglich zu Gesichte kommt, beruht auf denselben, meiner Ansicht nach irrigen 
Ergebnissen von der Undeutschheit Frey's, die für seinen Ursprung, und vollends für 
seine spätere Sage, mir nach Obigem durchaus nicht erwiesen ist, 



FERDINAND VETTER, KLEINE BEITRAGE. 211 

einer näheren Begründung, zu der hier der Ort nicht ist: — genug, 
u'riin. ganz abgesehen einstweilen von seinem Ursprung, im Obigen 
das Fortleben des Freysmythus neben, nieist aber sein 
Vorherrschen vor dem Baldrsmythus im Norden wie in 
Deutschland gesichert ist. 

CHÜR. FERDINAND VETTER. 



KLEINE BEITRAGE. 

DEUTSCHE DREIKÖNIGSLIEDER AUS ROMANISCHEM LANDE. 

Die folgenden deutschen Lieder, welche aus Ems (Doraat) bei Chur 
und aus Sa lux (Saluof) im Oberhalbstein — zwei ganz rhätoromanisch 
sprechenden Dörfern — stammen, und auch in Chur zuweilen am Drei- 
königstage von umherziehenden und einen Stern tragenden romani- 
schen Knaben nach eigenen alten Volksweisen gesungen werden, 
dürften als versprengte Reste älterer deutscher Sprache, die sich unter 
der katholischen romanischen Bevölkerung erhalten haben, während 
sie in den deutsehen Gegenden verschwunden sind . einiges sprachge- 
schichtliche Interesse bieten. 

Der Vorstellungskreis ist ganz der mittelalterlich-deutsche, mit 
aller volks-mäßigen Naivetäl der Misterien; die Formen und Wendungen 
(/.. B. der kennt mich hart. — Sterren u. s. \\\. die im jetzigen Dialect 
längst verschwunden sind . beweisen eine, auf einer .alleren Sprachstufe 
erfolgte, frühe Aufnahme aus dem Deutschen. Einiges ist freilich durch 
die mündliche Überlieferung, die noch heute sehr Vieles in diesen 
deutschen Liedern ganz ohne Verständniss fortpflanzt, bis zur I u 
kenntlichkeit entstellt und erschwer! eine Bestimmung von Zeit und Heimat. 

CHUR. I ERDINAND VETTER 

1. ;.. 

Mir wellen Gott lieba, mir wellen Gotl loba 
Mit da heiliga drei König mii Ehre und Stern; 1 ) 
Sie suchen da Jesus, sie hatten ihn gern. 

Sie Buchen wohl bes am dritta 'I > 
.Mit weinigen Augen, mii Rosenkmnz 

1 Anderwärts richtig: mii ihrem Stern. Varianten: Wir k ien ilahera im 

Viiii. i des II.ii.i. W'ii sncheri Herr Jeans, wir hätten ihn gern; oder: <li>' heiligen 
drei Küni'j mit ihrem Stern, sie suchen Flerr Jesu sie hätten ihn gern En 

I I 



212 FERDINAND VETTER 

Sie kommen wohl wo Herodes haust; 1 ) 
Herodes er schaut zum Fenster hinaus. 

Herodes er sprach mit falschem Betracht: 
„Warum ist der vordere König so schwarz? - ' -) 

„„Er ist so schwarz, er ist wohlbekannt, 
Er ist ein König aus Morgenland."" 

„Ist er ein König aus Morgenland, 
So biet' ich drei Herren die rechte Hand." s ) 

„„Die rechte Hand die bieten wir nicht; 
Du bist ein Herodes, Avir trauen Dir nicht. 

Der König so schwarz er ist wohlbekannt, 
Er ist Kasper und König von Morgenland. 

No ivie und warum ist der Himmel so blau? 
No wie und warum, ist der Himmel so Im? 4 ). 

Wir wollen noch hi am Bethlachem, 
Wo Christus und Jesus geboren war. 5 ) 

Wir treten alle drei im Stadel hinein 
Und fanden Maria, das Kindolei. 

Das Kindolei war nacket und bloß; 
Wir gabens Maria der Mutter im Schooß. 

Joseph der zog sein Hemdelein ab 
Und schnitt dem Christkindli zwei W'indolein ab. 

Zwei Windolein ein Wechseltuch, 
Jesu drei Namen ein Regentuch. 

In einigen Varianten der Anhang: 

Z'Jahr um z'Jahr um wird wiederum kommt. (?) 
Wir wünschen euch Allen ein gut's Neujahr. 

Ein guts Neujahr und was noch mehr? 
Die gute Gesundheit und auch die Ehr. 

Ich bin der König aus Engelland, 
Kurz und lang ist mein Gewand. 

Ein bocksbäumene Nas' und ein schneeweißen Bart: 
Der mich niemals gesehn hat, der kennt mich hart. 

I. b. 

O Gott, sie wollen wir loben und ehrn, 
Die hl. drei König mit ihrem Stern. 

Sic kamen in Herodes sein Haus; 
Herodes war ihnen jjanz unbekannt. 



') Vor Herodes sein Haus (Ems). J ) Bist du des Königs Kaspers aus Morgen- 

land V 3 ) u. tf. : Sie komme hera inans bott amreclitig Hand(?). Amrechtig Hand 

das bitten wir nicht, du bist Herodes, dir glauben wir nicht (Salux). 4 ) Fehlt 

anderwärts. 5 ) Hierauf als Schluß anderwärts (Salux): Mein liebe, meine Herra 

kommen eben zu Dir, Ich bitte uns halta in Ehre und Freud. Sie gehnden treu ins 
Judenland, Sie suchten Maria und's Kindelein. Das Kindclein ist nacket und bloß, sie 
legten'a Maria auf ihren Schooß. 



Kl. KIM, BEJ rRÄGl 21! 

„Meine lieben drei Herren, wo wollet ihr hin?" 
,. „In Bethlechem steht unser Sinn. 

Es rst geboren ein Kind ohne Mann . ! 
Dem Himmel und Erde war unterfhan."" 

Wir sind allhier auf jeden Platz . 
Und wünschen euch Allen ein guts Neujahr. 

Ein guts Neujahr und was noch mehr? 
Die liebe Gesundheit und auch die Ehr. 2 ) 

IL*) 

Ich lag in einer Nacht und schlief; 
Mir träumts, wie mir König David rief. 
Wie ich ihm sollte räumen 3 ) 
Von den hl. drei König ein neues Lied, 
Sie liegen zu Köllen am Rhein. 

Der Tag der reist 4 ) wohl aus dem Thron ;(?) 
Wir singen das Kindolei Jesu an; 
J:Von Maria blüht ein Rosen :j. 
Von Maria geboren ein Kind ohne Mann, 



') Mißverständlich auch: eiu Kind und ein Mann. 2 ) Zu I a und I b vgl. 

noch die romanische Form (wahrscheinlich Bearbeitung): 
Ils treis sontg säbis dil Orient , 
Eis mavan enconter a Bethlacheni , 
II Caspar, il Melchior ed il Balthasar. 

II Caspar quell era dil Morenland, 
II Melchior quell era dil Orient . 
II Balthasar era dil Oxident. 

Eis mavan vi, e sut il casti 
Dil retg Herodis da speras vi. (vorbei) 

Herodis quell era sil aulti tron, 
Ed el emperava, nua ei lessien ir. 
Eis respondettan con legermeut: 
„Nus lein fr enconter a Bethlacheni. 
La steila la quala ha nus nianau, 
Sur la stalla ha ella fermau. 
De coramein havein nus ku s'enclinau, 
Quest niev retg Jesus salidau". 

O sontga Maria e sontg Joseph . 
Ilrbescha a nus betrast c, confiert. 

A quei aft'on dil sontg parvfs 
O Jesus seies miu salit. 
O Maria e tiu affon, 
Dai a nus in legreivel e bien onn. 

Per bein viver e bein m<>iii 
A nus suenter il sontg parvis. 

I! sontg parvis ed in legreivel bien onn; 
Sehe vub deis insatgei Bche dei in bien ton. (rechl 
s j Mißverständlich für reimen. *) Für reis (zu nd eines der Bell 

Beispiele, wo risen eine Bewegung von unten nach oben bezeichnet? 

*) Über dieses Lied, das zuerst in einem Gesangbuche von 1646 vorkömmt, s. 
Weinholds Weihnacbtssp. 8. 128. Schröer Weihnächte?. B. L12. 198. Ditfurl fränk. 
Volkslieder 1, S. 1U. 



21| i ÜTOLF, KLEINE BEITRÄGE ZUR MYTHOLOGIE. 

Dem Himmel und Erde war unterthan, 
|: Das Paradies war aufgeschlossen. :| 

Den werthen Engel trag sein Kron(?) 
|:Die Mutter unsers Herren :|, 
Und da das Kindelein sei geborn. 
Den hl. drei König kam es ein Schein 
I: Von einem Licht und Sterren :|. 

Der hl. Geist gab ihnen ein Sinn , 
Daß sie nahmen Gold, Weihrauch und Mirchen; 
König Caspar kam aus Morgenland, 
Balthasar aus Griechenland zu Haus, 
|:Melhior aus Osterreiche. :j 

Sie folgten dem Stern gar fleißig nach, 
Sie wollten das Land durchstreifen; 
Und als sie gegen Jerusalem kamen, 
Ein großer Berg vor ihnen stund, 
Und der Nord wollt ihnen entweichen. (?) 

König Kaspar zu den andern sprach: 
Heut wollen wir hier verbleiben. 
(Schluß scheint zu fehlen und wird nicht gesungen.) 



KLEINE BEITRÄGE ZUR MYTHOLOGIE. 



1. Aberglauben. 
a) Aus dem 'Büchel vom jüngsten Gericht' *). 
S. 158: „Lucifer hatte kaum ausgeredt, so waren die alten Weiber 
da. Die meisten unter ihnen hatten Brillen auf der Nasen. Lucifer 
sagte: Wie, daß ihr zu Fuß kommet, seynd keine Gabel, Bock oder 
Hunde mehr zum reiten V Wisset ihr, daß mit euch nicht lang zu dis- 
putieren ist, sintemalen der Pact, welchen ihr mit uns geschlossen, 
nicht wird aufgelöset werden, drum nur fort mit euch. Denen andern 
aber sagte er: Was habet ihr nicht vor ein abscheulichen Hauffen 
Aberglauben unter die Leute gebracht. Als wann ein Weib ihre Hoch 
zeitschuh zerbrochen, so ist ein unfehlbares Zeichen gewesen, daß 
sie von ihrem Mann hat müßen geschlagen werden. Wer Erbsen und 
Bohnen isset, und selbige Wochen dergleichen säet, dem gerathen sie 



*) Das Titelblatt ist weggerissen; der angegebene Titel stellt in der Vorrede. 
Das Büchlein in 8. ist nicht vor Drexelius S. .'. entständen, da dieser Jesuit als Ge- 
währsmann citiert wird. 



K. BARTSCH, BRUCHSTÜCK EINER HS. VON HEINRIC1 81 MMARI1 M. 215 

nicht. Wer ein Gewächs am Leibe hat, <in- wasche sieh inil Irischem 
Wasser, welches aus einem Bach geholel worden in wehrender Zeit, 
daß man einem zur Begräbnuß läutet: Ks hilffit. Wer ein neu 
Meß er kaufft, seil den ersten Bissen, den er damit schneidet, einem 
Hund*) zu essen geben, so verliert er das Messer nicht. Wer einen 
Storch zu allererst sieht kommen, und heist ihn willkommen, dem 
thut das ganze Jahr kein Zahn wehe. Wer drey Feyertäg deß 
Morgens den rechten Fuß zuerst aus dem Beth setzet, dem drucken 
die Schuhe das gantze Jahr keine Blattern. Wann man einer Hennen 
am Frey tag**) Eyer unterlegt, so werden die Hünl vom Vogel ge- 
fressen. Wer eine Hasen-Bone findet, und isset sie, der kriegt sein 
Theil vom selbigen Hasen. Wann ein Weib ihre Katze nicht verlieren will, 
die schmiere ihr die Tappen drey Abend mit Butter. Welcher spielet 
und mit dem Rucken gegen den Mond sitzet, der verspielet***). 
Wann dir das rechte Ohr singet, so sagt man eine Wahrheit; ist es 
das linke, so saget man eine Lügen von dir, alsdann beiße in die 
ubern Hat'i't an deinem Hembd, so wachset dem Lügner eine Blatter 
auf der Zungen. Welcher des Morgens im Aufstehen nießet, der lege 
sich wieder drey Stunde ins Beth, sonst ist sein Frau dieselbe Wochen 
durchaus Meister. Wann man einen neuen Besen umbgekehret 
hinter die Haus-Thüref) stellet, so kann keine Hexe hinein noch 
hinaus. Diese und dergleichen unzählich vil Aberglauben, Seegen- 
sprüch, Christall s ehen und Siebtreiben, welches ihr alles zum 
Anfang der Hexerey geübet, daß doch nichts anders als Hexerey ist, 
wessentwegen ihr dann jetzo mit uns ewig verdammt seyn müßet." 

LÜTOLF. 



BRUCHSTÜCK EINER HANDSCHRIFT VON 
HEINRICJ SUMMARIUM. 



Zu den von Rieger (Germania 9, 13) angeführt« q bisher bekannten 
Handschriften und der von ihm bekannt gemachten Darmßtädter kommen 
Bruchstücke einer siebenten auf der Heidelberger Bibliothek. Es sind 

*) Verwandt mit einem Brauch in meinen Sagen der Urach weiz S. 333. e. 
**) Verwandt mit I. c. 8. 676 

***) Um Willisau im K. Lucern umgekehrt: wer dem Mond den Kücken kehrt 
gewinnt. Mündl. 

t) Ibid. S. 226. 



216 K. BARTSCH, BRUCHSTÜCK EINER IIS. VON HEINR1CI SUMMARIUM. 

zwei Pergamentblätter einer Handschrift in kl. 4. aus dem XII. Jahr- 
hundert, das zweite ist oben um etwa ein Drittel beschnitten. In der 
Reihenfolge der Capitel stimmt das Bruchstück mit der Münchener und 
Wiener Handschrift, in der Schreibung am meisten mit jener. Das erste 
beginnt in dem Abschnitt de generibus herbarum (Germ. 9, 22) mit 
strignum uwa. lupina ramesdra. millefolium garwa. lupisticium vel libi- 
sticium lupistechil. psilatrum sleifa. nebeta simiza. milleborbia drüswrz. 
blandonia wllina. caleatrippa zeisala. liuendula lauendla. abrotanum 
stabuwrz. melones bebenum. ypiricum harthö. cinis prionei le'ola. eusole 
braewrz. gelidia nessiuurz. emicedo brachlöch. cardopana hebirwrz. 
vulgago vel asaro hasiluuurz. carciola witesa. nirmendactila heilhübito. 
didimo hanisora. colophonia harzuch. emorrois blnthfluzzida. tubura 
ertnuz. acitura ampfra. trifolium kle. apiacum binisuga, gladiolum 
suertil. carix riet, carectum rietahe. alga rietgras, papirus biniz. papi- 
rium binizahe. gramen gras, fenum huo. cremium amad. acaliffa nez- 
zili. Urtica grenanica heittirnezzili. paliurus agaleia. cardone karta. 
arinca woluis zeisila. italica kazzinzagil. cardus distil. cardus siluati- 
cus uuoluismilinch. Dann (roth) Item de herbis VIII. Darin quipparum 
scathü. Quinquefolium uinfblat. papauer mago. aristolocia longa astren- 
tia. lilium lielia. malua bappila 

Das zweite beginnt in dem Abschnitt de reptilibus (Germania 
0, 20), darin rane frochs (sie), ranunculus froschelin. sepius litthus. stro- 
tus zigena. Dann der Abschnitt 'De avibus. XVII.' Darin ale feddach 
rostrum snabil. ungues klauun. aquila aro. porfirio isaro. vultur gir 
gradipes stocharo. grus kranich. esternulus kreia. ciconia storch, cig- 
nus elbiz. strutio struez. ardea heigero. alietum heringriez. Die folgen- 
den standen auf dem abgeschnittenen Stücke. Die nächste Glosse ist 
vespertilio fledirmus. luscina(!) nahtegala. ulula uuuila. bubo huo. 
nocticorax nathraben. istrix herbisträ (herbisträ). cornix kra. graculus a 
garrulitate vocis roch, pica algeristra. orix vel glanda hehera. picus 
spet. laoficus grünspet. picus merops vel gaulus martius prüespet. 
pauo phavvo. gallus hano. gallinatus kappo. gallina henno. pullus hüni- 
klin. anas vel aneta anit. anetus an'trech. auca gans. fulica horgans. 
mergus merrich. merchulus tuchare. merga scarba (aus scraba). acci- 
piter habic. (nisus) sparwere. mirhis smirl. capus ualcho. miluus wio. 
larus muser. turtur lurtiltuba. 

K. BARTSCH. 



L1TTERATUR: M. HEYNE. KLEINE ALTS. F. ALTNIEDER. GRAMMATIK. 217 



LITTERATUR. 



M.Heyne. Kleine altsächsische und altniederf rank ische Gramma- 
tik. Paderborn, Schöningh. 1873. VI, 120 S. 8. 

Es war die Absieht des Verfassers, seiner Ausgabe des Hcliand wie der 
des Ulfilas eine Grammatik beizugeben, die nun, weil die Vollendung derselben 
sich verzögert hat, der zweiten Ausgabe des Heliand als ein besonderes Buch 
nachgesendet ist, was für Vertrieb und Benutzung vielleicht noch zweckmäs- 
siger ist. AViewohl die Grammatik zunächst für das Verständniß des Heliand 
berechnet ist, so sind doch alle kleineren altniederdeutschen Denkmäler mit 
berücksichtigt und wir haben daher darin die bis jetzt vollständigste Darstel- 
lung der altsächsischen*) Laut- und Flexionslehre, freilich keineswegs eine er- 
schöpfende, welche zu geben auch dem nächsten Zwecke des Buches gemäß 
nicht die Absicht des Verfs. sein konnte. Dali das Niederfränkische mit hin- 
eingezogen ist, wird man nur billigen. Der Verf. erklärt selbst, daß er damit 
nicht eine besonders nahe Zusammengehörigkeit des Sächsischen und Nieder- 
fränkischen behaupte, sondern daß ihn rein praktische Gründe dazu bestimmt 
haben. Aber die Art und Weise, wie er beide Dialecte gegen einander abgränzt, 
ist nach meiner Überzeugung nicht zu rechtfertigen. 

Bekanntlich hat H. in der Zeitschr. f. d. Philol. 1 den Nachweis zu 
führen gesucht, daß der Monacensis des Heliand in die Gegend von Münster, 
der Cottonianus dagegen nach Werden gehöre, wohin er auch die Bruchstücke 
eines Psalmeneommentars setzt. Diese Ortsbestimmungen haben mindestens einen 
hohen Grad von Wahrscheinlichkeit und wenn der Cott. nicht nach Werden 
selbst zu setzen ist, so doch jedenfalls in die Nähe davon, in das Grenzgebiet 
des Sächsischen und Fränkischen. H. rechnet nun aber den Werdener Dialect 
und demnach auch den Dialect des Cott. zum Fränkischen. Dagegen ist mit 
Recht Protest eingelegt von W. Braune in den Beiträgen zur Geschichte der 
deutschen Sprache und Litteratur I, 1 1 ff . Wir könnten uns damit begnügen 
zu sagen: der Dialect von Werden und der des Cott. bilden eine Ubergangs- 
stufe zwischen dem Fränkischen und Sächsischen, und somit den ganzen Streit 
als müssig fallen lassen. Wenn man aber einmal, wie dies II. tliut, eine be- 
stimmte Grenze ziehen will, so müssen wir diesen Dialect sächsisch nennen. 

Die Entscheidung hängt davon ab, was wir als die eigentlich unterschei- 
denden Merkmale des Fränkischen und Sächsischen gelten lassen. Als die 
wichtigsten Kriterien für die Abgrenzung zweier Dialecte müssen solche Unter- 
schiede angesehen werden, die nicht bloß partiell, sondern allgemein sind, nicht 
bloß vorübergehend in einem bestimmten Zeitraum bestehen, sondern wo mög- 
lich durch alle Jahrhunderte durch gehen, oder wenigstens, wenn sie auch 
später etwas verwischt sind, in eine möglichst frühe Zeit zurückgehen und in 

*) Für «las Almiederfränkischi dei Psalmen haben wir jetzt genaue statistische 

Zusammeiistelluncon von I' i Cosijn, l >• ondnederlandach« psalmen. Haarlem, Erven 

i'.. Bohn. 1*7.",. 



218 LITTERATUR; M. HEYNE, KLEINE ALTS. IT. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 

dieser eonsequent durchgeführt gewesen sind; denn auf die ursprüngliche Schei- 
dung kommt es an. Nach H. bestünde der Hauptunterschied des Fränkischen 
vom Sächsischen in der Diphthongisierung des 6 und e zu uo und ie. Indessen, 
wenn ich auch die Bedeutsamkeit dieses Unterschiedes nicht unterschätzen will, 
so Hegt es doch nach dem Gesagten auf der Hand, wie untauglich derselbe 
zum Hauptkriterium ist. Denn erstens ist die Diphthongisierung noch sehr neu, 
höchstens bis in das achte Jahrhundert zurückreichend , zweitens ist sie nicht 
ganz durchgeführt , da neben uo in den Ps. , im Cott. und in den Werdener 
Denkmalen 6 vorkommt, drittens verscli windet uo sehr bald wieder und es 
besteht dafür im späteren Niederfränkischen wieder ein dem ü nahestehendes o. 
Ausser der Diphthongisierung ist es aber hauptsächlich nur noch eine Eigen- 
tümlichkeit, die der Cott. mit den Ps. im Gegensatze zum Mon. gemein hat, 
die Abschwächung der Dativendunst der Adjectiva zu un, on. Diese ist ein 
nicht unwesentliches Charakteristicum des Niederfränkischen, aber auch sie ist 
sicher jung; übrigens ist sie im Cott. nicht durchgeführt und findet sich ver- 
einzelt im Mon. Später ist sie dem Sächsischen nicht fremd, findet sich be- 
sonders auch in den an das Fränkische stoßenden Gegenden , die von H. zum 
Sächsischen gerechnet werden, während sie gerade der Werdener Dialect wie 
auch der Psalrneneommentar nicht zu kennen scheint (cf. Braune a. a. 0. 14). 
Außerdem finden sich nur vereinzelte Berührungen von untergeordneter Bedeu- 
tung zwischen dem Cott. und den Ps., wie z. B. einige Andeutungen des Um- 
lautes von u, der Übertritt von sdian und büan in die schwache Conjugation. 
Wenn der Cott. einige Besonderheiten des Mon. nicht theilt, so begründet das 
natürlich keine Verwandtschaft zwischen seinem Dialect und den Psalmen. 

Dagegen steht nun eine Reihe von Verschiedenheiten des Sächsischen 
und Fränkischen, bei denen sich der Cott. und auch der Werdener Dialect zu 
ersterein stellen. Hiervon hat bereits Braune auf folgende aufmerksam gemacht. 
Erstens: Das wichtigste Charakteristicum des Sächsischen ist das Zusammen- 
fallen der drei Personen im Plur. des Verbums. Die Übereinstimmung in die- 
sem Punkte mit dem Fries, und Ags. spricht besonders für das hohe Alter 
dieser Eigentümlichkeit, welche eine Spaltung der Dialecte begründete vor der 
Scheidung von Ober- und Niederdeutsch. Allerdings tritt in jüngerer Zeit -en 
statt -ed in der 1., 3. Pers. Plur. Praes. Int. auch im Sächsischen wie im 
Fränkischen auf und überwiegt in den Grenzlandschaften. Aber das ist nicht 
bloß in Werden der Fall, sondern gerade so gut in Essen, welches von II. 
zum Sächsischen gerechnet wird; es ist also kein Grund zu einer Aussonderung von 
Werden. Zweitens: Während im Alts, die Contraction von al und au zu e 
und ö durchgeführt ist, finden sich in den Ps. und im Mnl. bis in's 13. Jahrh. 
ei und au in denjenigen Fällen , in denen sie im Ahd. stehen , noch neben 
e und ö. Die Contraction hat sich also im Niederfränkischen später vollzogen 
als im Sächsischen, wo sie schon früher wahrscheinlich gleichzeitig mit dein 
Fries, und Ags., vielleicht auch durch andere Zwischenstufen hindurch (ac, und 
ao, dagegen im Niederfr. ei und ou) eingetreten ist; und es gab eine Periode, 
in welcher ein durchgreifender Unterschied des Alts, und Altniederfr. dadurch 
gebildet wurde, dass in ersterem nur i oder ö, in letzterem wie im ganzen 
übrigen fränkischen Gebiet nur ai ödere/, au oder ou bestand. Drittens: Eine 
Eigentümlichkeit, die das Niederfr. mit dem Mittelfr. theilt, ist der Verlust 
des schwachen Gen. und Dat. Sing, des Fem. und des Gen. Plur. aller Ge- 



L1TTERATUR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. U. ALTNIEDFR, GRAMMATIK. 219 

schlechter der Adjectiva, wofür überall die starke Form eintritt. Dieser Ver- 
lust ist allerdings wohl verhältnismäßig jung. Braune trägt Bedenken ihn mit 
Bestimmtheit dem Dialecte der Ps. zuzuweisen, da diese Interlinearversion sind 
und überhaupt keine schwache Form der Adj. enthalten. Letzteres gilt auch 
von dem einzigen alten mittelfränkischen Denkmale, welches wir neben den 
drei ersten Psalmen besitzen, dem Trierer Capitulare, so daß auch für das 
Mittelfränkische sich nicht entscheiden läßt, ob der Verlust der schwachen Form 
alt ist. Die starke Form statt der schwachen findet sich sporadisch auch in 
dem angrenzenden sächsischen Gebiet, aber wie es scheint, gerade r.icht in Wer- 
den. Einige weitere Unterschiede sind von Braune noch nicht angeführt. Vier- 
tens: Sächsisch, nicht fränkisch ist der Ausfall des Nasals vor folgender Spi- 
rans 8, /, th. Nur vereinzelt steht Gl. Lips. 286 farkatha abominabiles. Dieß 
ist wiederum ein alter Unterschied des Fränkischen und Sächsischen, da letzteres 
den Ausfall mit dem Ags. und Fries, theilt, und da hierauf erst das Zusam- 
menfallen der drei Personen des Plurals im Praes. Ind. beruht. Der ganze 
Unterschied in dem Verhalten des Cott. zu dem des Mon. in Bezug auf diesen 
Punkt besteht darin, daß er immer findan statt des öfteren fidan in M. und 
je einmal ander und andran neben dem sehr häufigen odar hat. Im Psalmeu- 
commentar steht muthe 76 und findid 78. In den Werdener Eigennamen be- 
steht allerdings Schwanken zwischen -su-ind und -su-id. Fünftens: Der Dativ 
der /-Declination ist im Alts, in die Analogie der ja-Stärame übergetreten 
(gestiun, ensiium = fränk. gestin, enstin). So auch im Cott., nur trahnin 5924, 
liudim 1277, liudin 5036 sind fränkisch. Im Psalmencomm. steht dadion 8. 11. 
Sechstens: Nur die Psalmen, nicht die alts. Denkmäler und der Cott. kennen 
das Reflexivum sig. sowie die Formen unsig neben uns und wir neben u-i. 
Siebentens: In der zweiten schwachen Conjugation sind die Nebenformen auf 
■qyan sowohl im Cott. als im Mon. üblich, fehlen dagegen in den Ps. Dieß 
ist wieder eine Annäherung an das Ags. Bei einigen Punkten kann es zwei- 
felhaft sein, ob die Abweichungen der Ps. vom Hei. als diabetische oder nur 
als zeitliche Unterschiede zu fassen sind, so bei der Endung des Nom. Acc. 
Plur. der Masc. der a-Declination 6s (us) = d. Doch scheint der Abfall des 
s im Fränkischen früher eingetreten zu sein als im Sächsischen, da noch die 
junge Hs. der Freckenhorster Rolle es öfter hat, während die Ps. keine Spur 
mehr davon zeigen. Es ist zu beachten , dass in allen diesen Punkten sich 
das Niederfränkische an das übrige Fränkisch, dagegen das Sächsische meist 
an das Fries, und Ags. anschließt. In einer Hinsicht stehen noch die Ps. dem 
Mon. und anderen alts. Denkmalen näher als dem Cott., nämlich darin, daß 
noch öfter i für ä vorkommt, während im Cott. ausnahmslos ä steht. 

Es ist demnach wohl klar, wie wenig zweckmäßig Heynes Eintheilung ist. Es 
würde am gerathensten gewesen Bein, beide Dialecte ganz angetrennt zu behan- 
deln, da der fränkische ja doch nur durch ein einziges nur in Trümmern er- 
haltenes Denkmal vertreten ist und da so die doch immer einigermaßen ver- 
mittelnde Stellung des Cott. sich am besten veranschaulichen ließ. Da aber 
H. die Lautlehre des Sächsischen und Fränkischen nach Beiner Grenzbestimmung 
getrennt behandelt, bo treten die Nachtheile der Eintheilung grell hervor. Es 
wird dann unterschieden zwischen einem östlichen und einem westlichen nieder- 
fränkischen Dialect und es muß dann in der Regel gesagt werden: im östli- 
chen ist es wie im Alts., dagegen im westlichen vielfach anders, Zu dem 



220 LITTERATUR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. U. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 

westlichen muß dann aber das ganze Gebiet gerechnet werden, welches wir 
allein fränkisch nennen möchten. Es läßt sich kein sprachlicher Grund dagegen 
vorbringen, daß die Ps. nicht in dem östlichsten Theile des Fränkischen nach 
unserer Grenzbestimmung entstanden sein könnten. Man erhält öfters durch 
die Anordnung Heynes ein verkehrtes Bild von den Verhältnissen. So z. B. 
wenn es S. 31 heißt: Gegenüber vielfachem Ausfall des deutschen Nasals im 
Altsächsischen hält derselbe hier (im Frank.) sich besser, vorzüglich in den 
Psalmen , so wird niemand danach denken, daß das Verhältniß so ist, wie wir 
es oben dargestellt haben. In der Flexionslehre hat sich denn auch der Verf. 
genöthigt gesehen seine Eintheilung ganz aufzugeben, Mon. und Cott. zusam- 
menzufassen und die Ps. besonders zu behandeln. 

Was nun die Lautlehre angeht, so sei es mir gestattet, bei dieser Ge- 
legenheit auf die Nachtheile der in unseren Grammatiken üblichen Anordnung 
derselben aufmerksam zu machen. Man pflegt seit J. Grimm eine Zusammen- 
stellung nach den einzelnen Lauten oder gewöhnlich nur nach den Buchstaben 
zu geben und darauf etwa einige allgemeine Betrachtungen folgen zu lassen. 
Es wird dann dabei z. B. bei o durcheinander bald davon gehandelt, welche 
Veränderungen älteres 6 in dem behandelten Dialect durchgemacht hat, bald 
davon , welchen verschiedenen älteren Lauten das o des behandelten Dialectes 
entspricht. Letztere Betrachtungsweise überwiegt aber bei weitem. Nur in 
wenigen Grammatiken, wie denen von Sehmeiler und Schröer ist die ältere 
Spracheinheit zum Ausgangspunkt der Darstellung der jüngeren dialectischen 
Verschiedenheit gemacht. Und doch liegt der Vorzug dieser historischen An- 
ordnung so sehr auf der Hand. Es wird dadurch möglich, mit Leichtigkeit den 
Lautbestand aller auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehenden Dialecte unter 
einander zu vergleichen und eine klare Anschauung von dem gegenseitigen 
Verhältnisse derselben zu gewinnen. Am allernothwendigsten ist es, wenn Pa- 
rallelgrammatiken verschiedener Dialecte neben einander gestellt werden, von 
dem Lautstande auszugehen, auf welchem die ihnen gemeinsame Ursprache un- 
mittelbar vor der Trennung stand. Es ist z. B. nicht möglich, sich durch eine 
Vergleichung von Weinholds alemannischer und bairischer Grammatik ein Bild 
von dem lautlichen Verhältniß beider Dialecte zu einander, namentlich hin- 
sichtlich der Vocale zu machen, und eben so wenig kann man daraus das ge- 
genseitige Verhältniß der Unterdialecte des Alemannischen und Bairischen klar 
ersehen. Dasselbe gilt von Holtzmanns altdeutscher Grammatik. Das Ver- 
hältniß aller einzelnen Dialecte zu einander zu erkennen ist ja aber das eigent- 
liche Ziel der wissenschaftlichen Grammatik. Und gerade dieses Ziel wird ver- 
fehlt oder mindestens seine Erreichung bedeutend erschwert, wenn man bei der 
Anordnung den jüngeren Sprachstand zu Grunde legt. Außerdem ist dieß Ver- 
fuhren mit ein Grund, daß man bei der bloßen Buchstabenkenntniß stehen 
bleibt, weil Jede orthographische Verschiedenheit besonders behandelt wird, 
während das Ausgehen von älterem Sprachstande viel eher zur Erfassung des 
Lautwerthes führt. Es hängt geradezu aller Fortschritt, den die Behandlung 
der deutschen Lautlehre machen kann, zum nicht geringen Theile davon ab, 
ob man sich allgemein entschließt, die bisher übliche unzweckmäßige Anordnung 
mit der einzig zweckmäßigen historischen zu vertauschen und ich möchte die 
dringende Bitte darum an alle richten, die sich an die Bearbeitung irgend 
eines älteren oder jüngeren Dialectes machen. Für wissenschaftliche Zwecke 



LITTERATUR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. U. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 221 

ist dieß eine unbedingt berechtigte Forderung. Aber auch für eine Grammatik, 
die mehr der praktischen Erlernung dienen soll, wie das vorliegende Buch, ist 
es durchaus wünseheuswerth. Wer altsächsisch lernt, der lernt dieß nicht iso- 
liert; es ist vielmehr vorauszusetzen, daß er schon vorher gotisch und alt- 
hochdeutsch getrieben hat. Er wird nothwendig eine Beziehung dazu suchen, 
und je klarer ihm diese Beziehung ist, um so leichter wird es ihm, das Ein- 
zelne dem Gedächtnisse einzuprägen. Diese Beziehung herzustellen liegt ja 
auch durchaus in der Absicht des Verf, und dieß geschieht am besten, wenn 
bei der Darstellung aller drei Dialecte von dem gemeinsamen Grunde ausge- 
gangen wird Bei der Darstellung der ältesten germanischen Dialecte muß der 
Ausgangspunkt das Urgermanische sein, auf dem Standpunkte, auf dem es sich 
unmittelbar vor der Scheidung in Dialecte befand. Freilich ist dieser Stand- 
punkt noch nicht allseitig bis zur Zweifellosigkeit festgestellt. Man mag sich 
daher, namentlich für eine mehr praktische Grammatik begnügen, das Gothische 
zu Grunde zu legen und dabei auf die ja nicht so bedeutenden sicheren Ab- 
weichungen desselben vom urgermanischen Stande aufmerksam zu machen. Dabei 
muß dann aber noch bei strengwissenschaftlicher Betrachtung für das Ahd., 
As. , Ags. etc. die Zwischenstufe des Süd- oder Westgermanischen beachtet 
werden, welche für diese Dialecte die nächst höhere Einheit bildet, und die- 
jenigen Veränderungen, welche etwa zwei benachbarte Dialecte gemeinsam ent- 
wickelt haben. Auf eine solche nach den Lauten des älteren Sprachstandes 
geordnete Darstellung der Lautlehre wird dann sehr zweckmäßig eine kurze 
Uebersicht über das Verhältniß der jüngeren zu den älteren Lauten, nach den 
ersteren geordnet, folgen. Durch eine solche doppelte nach vorwärts und nach 
rückwärts gehende Betrachtung wird Klarheit und Übersichtlichkeit erzielt, 
welche sowohl das Auffaßen als das Merken bedeutend erleichtert. Über die 
Vorzüge dieses Systems kann wohl kein Streit sein. Ich würde es aber ferner 
auch für vortheilhaft halten, das, was man jetzt am Schlüsse in den allgemeinen 
Betrachtungen zu behandeln pflegt, lieber an den Anfang zu stellen. Die zweck- 
mäßigste Disposition scheint mir folgende zu sein: man stellt zuerst den Voca- 
lismus der nächsten bekannten älteren Sprachstufe fest, welche dem zu behan- 
delnden Dialecte zu Grunde liegt; darauf behandelt man die wichtigsten Ver- 
änderungen des Vocalismus, vor allem diejenigen, welche sich nicht bloß auf 
einzelne Laute erstrecken, im Zusammenhange, und sucht möglichst deren Chro- 
nologie zu bestimmen; darauf gibt man eine nach den einzelnen Vocalen der 
älteren Stufe geordnete Darstellung von dem Vocalismus des jüngeren Dialectes 
und schließt endlich daran eine nach den Vocalen des letzteren geordnete Über- 
sicht über das Verhältniß zum älteren Spruchstande ; dasselbe gilt dann vom 
Consonantismus. 

Was nun Heyne's Verfahren in Bezug auf diesen Funkt betrifft, so folgt 
er in der Darstellung des Consonantismus der üblichen Anordnung nach dem 
jüngeren Lautstande, bei dein Vocalismus dagegen geht er von der älteren 
Sprachstufe aus, verfällt aber dabei in einen anderen, ganz entgegen^esetztm 
und nicht minder nachtheiligen Fehler, indem er nullt vom urgerraanhehen, 
sondern vom indogermanischen Lantetande ausgeht, ein Verfahren, welches tun 
so schädlicher ist, je leichter es in diu Augen des Unkundigen den Schein 

großer Gründlichkeil erweckt, weil so weit ah möglich zurückgegangen ist. Bin 
solches Zurückgehen auf die letzten Grundlagen isl aber nur dann wissen- 



222 MTTERA.TUR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. l\ ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 

schaftlich, wenn alle Zwischenstufen der Eutwickeluug sorgfältig beachtet werden. 
Die Hauptzwischenstation zwischen dem Indogermanischen und dem Alts, ist 
das Gemeingermanische. Uni dessen Laute und Flexionen festzustellen, brauchen 
wir das Indogermanische. Wenn aber einmal das Gemeingermanische aus dem 
Indogermanischen abgeleitet ist, so geht uns letzteres nichts mehr an, die ein- 
zelnen germanischen Dialecte müssen aus dem ersteren abgeleitet werden. Eine 
Zusammenstellung des altsächsischen Lautstandes mit dem indogermanischen 
kann uns ebenso wenig befriedigen wie die des neuhochdeutschen mit dem go- 
tischen. Wir wollen nicht bloß wissen, wie ein Wort einmal früher gelautet 
hat, sondern wie sich seine Gestalt allmählich entwickelt hat. Es kommt darauf 
an, immer erst die nächst ältere Stufe, den nächstverwandten Dialect zu ver- 
gleichen und so allmählich zu einer immer höheren Spracheinheit aufzusteigen. 
Wenn dieß strengwissenschaftliche Verfahren zu schwierig schien , so wäre es 
jedenfalls nützlicher gewesen, einfach von den gotischen Vocalen auszugehen. 
Nach des Verf. Darstellung sieht es gerade so aus als ob alle vocalischen 
Veränderungen seit der indogermanischen Periode, etwa die Ersatzdehnung aus- 
genommen, erst nach der Trennung der germanischen Dialecte in jedem ein- 
zelnen Dialecte selbständig eingetreten seien. Das Verhältniß des Alts, zu den 
übrigen germanischen Dialecten, worauf es auch dem Anfänger besonders an- 
kommen muß, ersieht man fast gar nicht. Da heißt es z. B. (S. 6): kurzes a 
ist vielfach beeinträchtigt durch Verdünnung zu i und Verdumpfung zu u. Aber 
die Verwandlung zu i und u beruht doch darauf, daß a in diesen Fällen, wie 
die vollkommene Übereinstimmung sämmtlicher germanischen Dialecte beweisf, 
bereits im Urgermanischen wenigstens bis zu e und o verändert war. Ja e ist 
zum großen Theil bereits von allen europäischen Familien entwickelt worden. 
Mit dieser uralten Modiücation des a wird nun aber vom Verf. der weit jün- 
gere Umlaut des a auf eine Stufe gestellt. Muß das nicht den Lernenden ver- 
wirren? Aus einem solchen Verfahren erklärt es sich denn auch, wie H. zu der 
Ansicht kommt, das a im Gen. und Dat. Sing, der a-Declination (fiskas, finka) 
sei noch das alte indogermanische. Der Versuch aus der Vergleichung der 
übrigen Dialecte die urgermanischen Formen zu reconstruieren, würde klar ge- 
macht haben, daß als solche für den Gen. -es anzusetzen ist. Ja das e scheint 
schon gemeinsam mit dem Slav. und Lit. entwickelt zu sein. Denn als Grund- 
form für alle drei Familien haben wir essa (aus indog. asja) anzusetzen, wie 
die Pronominalformen altpreußisch stessai, altbulgarisch ceso beweisen. Im Dat. 
steht das Got. mit a vereinzelt dem e (i) der übrigen Dialecte gegenüber. 
Das a des Alts ist erst wieder aus e entstanden wie im Bairischen des 9. Jahrh. 
und wie in vielen neueren ober- und mitteldeutschen Mundarten. Dasselbe gilt 
vom Nom. und Acc. Plur. der Adjectiva {blinda neben blinde) und dem Conj. 
Präs. der starken Verba und der ersten schwachen Conjugation (falla, neria 
neben falle, nerie), wo die Übergangsstufen sind ai, <\ e, a. Auch hier stellt 
Heyne die Formen mit a voran. 

Gehen wir nun etwas auf das Einzelne der Lautlehre ein. H. stellt S. 4 
jedenfalls auf Grund der Forschungen von J. Schmidt (Zur Geschichte des in- 
dogermanischen Vocalismusi den Satz auf, daß <.? und ö durch Ersatzdehnung 
aus kurzem a und u entstanden seien. Dieß darf aber nicht ganz allgemein 
hingestellt werden. Während allerdings gewöhnlich indogermanischem a ein 6 
entspricht, zeigt eine Anzahl von Wörtern &, goth. e. Ich führe nur einige 



LITTERATER: M. HEYNE, KLEINE ALTS. TJ. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 223 

Wörter an, in denen ganz sicher altes, nicht erst durch Eisatzdehnung oiier 
Nasalierung entstandenes d zu Grunde liegt: goth. jers — altbulg. jan'i , zend 
yäre, griech. ww; ahd. wäri = lat. venis (cf. altbulg. vöra fides); ahd. sämo = 
lat. semen, altb. sfmr, lit. semü] ahd. mdgro = griech. (*ijxwv\ goth. deds = 
altb. dctf; ahd. s/rd/w = altb. strt'/a; goth. »perfs zu vergleichen mit dem lit. 
spkas (iVIuße); goth. mers = altb. -wer« und lateinisch - keltisch -munts in 
Eigennamen; Heynes Ableitung des letzteren aus dein reduplicierteu Stamme 
mamri wird durch diese Vergleichung zurückgewiesen ; dem lateinischen mernor 
entspricht übrigens altn. Mimir; Grimm vergleicht auch (Gesch. d. deutsch. 
Sprache 865) ags. mimor, meomor, gemimor, welches er aber nur aus Somner 
entnommen zu haben scheint. Ebenso gibt es lange ü, die nicht aus Ersatz- 
dehnung entstanden sind, z. B. ahd. müs =■ lat. müs, altb. my§t\ ahd. su ■= 
lat. sus, gr. avs ; alts. kud = lat. cutis. Die Ableitung von ttiv aus tiuhan ist 
doch höchst problematisch, da sie nur auf der ganz modernen Redensart 'einen 
Zaun ziehen beruht. 

Der Verf. hält ferner an der alten, längst widerlegten Ansicht von Th. 
Jacobi fest, daß die Scheidung von goth. ei und r/v*, von iu und an schon auf 
die indogermanische Periode zurückzuführen sei, in der Weise, daß ei und iu 
als die Dehnung, ai und au als die Steigerung von i und u aufzufassen seien. 
Man muß allen Respect haben vor den Untersuchungen Jacobis. Aber H. 
scheint sich gerade etwas Verfehltes daraus herausgesucht zu haben, während 
er andere richtige Aufstellungen desselben unberücksichtigt läßt. Es sind an 
und iu beide auf indogerm. au zurückzuführen, ebenso ai und ei, soweit letzteres 
nicht durch Contraction aus ji oder durch Ersatzdehnung aus in, im entstanden 
ist. Die Scheidung hat sich erst in einer jüngeren Zeit vollzogen, ganz analog 
der Spaltung von einfachem a ausserhalb des Diphthonges in a und e fr). Es 
verhält sich beita zu baif, giuta zu gaut gerade wie giba zu gaf. Hierbei kommt 
nicht in Betracht, daß allerdings indogerm. ai und au sehr wahrscheinlich auf 
ursprüngliches i und ü zurückgehen und daß einzelne solche Diphthongisie- 
rungen von i und ü noch in der späteren Entwickelung der verschiedenen in- 
dogermanischen Sprachen erfolgt sind, wie dieß namentlich durch J. Schmidt 
überzeugend dargethan ist. Denn wir haben darum immer die Zwischenstufen 
anzusetzen: ü — au — en — iu; t — ai — ei — ii, welches dann natürlich 
zu i contiahiert werden mußte, welchen Laut das gothische ei bezeichnet, wäh- 
rend iu wegen der Verschiedenheit seiner Bestandteile nicht so leicht der 
Contraction ausgesetzt war. Durch seine Theorie wird IL verleitet das ü, wel- 
ches schon öfter in den Ps. statt iu erscheint, für alterthiünlich zu halten 
(S. 16). Danach verträte z. B. nüwi einen älteren Lautstand als niuwi im Hei. 
und goth. niujis, während doch bekanntlich das Wort, wie die Vergleichung 
aller Sprachfamilien zeigt, auf die Grundform navjas = skr. zurückgeht. Es 
ist klar, daß wir in den Ps. den Anfang zu der später im Niederdeutschen 
allgemein durchdringenden Contraction von iu zu < vor uns haben. Zu Heynes 
Beispielen füge ich noch: hundesßuga cinomyia gl. Lips. 592; fhuuue, thuuuon 
ancillae ib. 936, 7: alhnti Mies aluhti) illumina il>. 15. 

H. hält goth. i und u durchgängig für älter als ahd. e und n. Ich möchte 
wissen, welche Gründe er hat an dieser Ansicht festzuhalten gegen die enl 
gengesetzte von Curtius und Müllenhoff, deren er mit k.-inciri Worte gedenkt, 
daß ahd. e und o, soweit sie aus indogerm. a entstanden Bind, eine weil ältere 



222 UTTERATUR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. C. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 

schaftlieh, wenn alle Zwischenstufen der Eutwickelung sorgfältig beachtet werden. 
Die Hauptzwischenstation zwischen dem Indogermanischen und dem Alts, ist 
das Gemeingermanische. Um dessen Laute und Flexionen festzustellen, brauchen 
wir das Indogermanische. Wenn aber einmal das Gemeingermanische aus dem 
Indogermanischen abgeleitet ist, so geht uns letzteres nichts mehr an, die ein- 
zelnen germanischen Dialecte müssen aus dem ersteren abgeleitet werden. Eine 
Zusammenstellung des altsächsischen Lautstandes mit dem indogermanischen 
kann uns ebenso wenig befriedigen wie die des neuhochdeutschen mit dem go- 
tischen. Wir wollen nicht bloß wissen, wie ein Wort einmal früher gelautet 
hat, sondern wie sich seine Gestalt allmählich entwickelt hat. Es kommt darauf 
an, immer erst die nächst ältere Stufe, den nächstverwandten Dialect zu ver- 
gleichen und so allmählich zu einer immer höheren Spracheinheit aufzusteigen. 
Wenn dieß strengwissenschaftliche Verfahren zu schwierig schien , so wäre es 
jedenfalls nützlicher gewesen, einfach von den gotischen Vocalen auszugehen. 
Nach des Verf. Darstellung sieht es gerade so aus als ob alle vocalischen 
Veränderungen seit der indogermanischen Periode, etwa die Ersatzdehnung aus- 
genommen, erst nach der Trennung der germanischen Dialecte in jedem ein- 
zelnen Dialecte selbständig eingetreten seien. Das Verhältniß des Alts, zu den 
übrigen germanischen Dialecten, worauf es auch dem Anfänger besonders an- 
kommen muß, ersieht man fast gar nicht. Da heißt, es z. B. (S. 6): kurzes a 
ist vielfach beeinträchtigt durch Verdünnung zu i und Verdampfung zu u. Aber 
die Verwandlung zu i und u beruht doch darauf, daß (i in diesen Fällen, wie 
die vollkommene Übereinstimmung sämmtlicher germanischen Dialecte beweisf, 
bereits im Urgei manischen wenigstens bis zu e und o verändert war. Ja e ist 
zum großen Theil bereits von allen europäischen Familien entwickelt worden. 
Mit dieser uralten Modification des a wird nun aber vom Verf. der weit jün- 
gere Umlaut des a auf eine Stufe gestellt. Muß das nicht den Lernenden ver- 
wirren? Aus einem solchen Verfahren erklärt es sich denn auch, wie H. zu der 
Ansicht kommt, das a im Gen. und Dat. Sing, der a-Declination (fiskas, fiska) 
sei noch das alte indogermanische. Der Versuch aus der Vergleichung der 
übrigen Dialecte die urgermanisehen Formen zu reconstruieren, würde klar ge- 
macht haben, daß als solche für den Gen. -es anzusetzen ist. Ja das e scheint 
schon gemeinsam mit dem Slav. und Lit. entwickelt zu sein. Denn als Grund- 
form für alle drei Familien haben wir essa (aus indog. asja) anzusetzen, wie 
die Pronominalformen altpreußisch stessai, altbulgarisch ceso beweisen. Im Dat. 
steht das Got. mit a vereinzelt dem e (i) der übrigen Dialecte gegenüber. 
Das a des Alts ist erst wieder aus e entstanden wie im Bairischen des 9. Jahrb. 
und wie in vielen neueren ober- und mitteldeutschen Mundarten. Dasselbe gilt 
vom Nom. und Acc. Plur. der Adjectiva (blinda neben blinde) und dem Conj. 
Präs. der starken Vevba und der ersten schwachen Conjugation (fallet, neria 
neben falle, nerie), wo die Übergangsstufen sind ai, <\ e, n. Auch hier stellt 
Heyne die Formen mit o voran. 

Gehen wir nun etwas auf das Einzelne der Lautlehre ein. H. stellt S. 4 
jedenfalls auf Grund der Forschungen von J. Schmidt (Zur Geschichte des in- 
dogermanischen Voealisinus den Satz auf, daß ä und !> durch Ersatzdehnung 
aus kurzem a und u entstanden seien. Dieß darf aber nicht ganz allgemein 
hingestellt werden. Während allerdings gewöhnlich indogermanischem u ein 
entspricht, zeigt «-ine Anzahl von Wörtern &, goth. >'. Ich führe nur einige 






LITTERATFR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. U. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 22'.) 

Wörter au, in denen ganz sicher altes, nicht eist durch Ersatzdehnung oder 
Nasalierung entstandenes a zu Grunde liegt: goth. jers altbulg. jarü, zend 
yare, griecli. ÜQa; ahd. wärt = lat. verus fcf. altbulg. vära fidcs); ahd. mmo = 
lat. semen, altb. sf'mr, lit. eemü\ nhd. m&go = griech. fjiqxw] goth. deds = 
altb. </nV; ahd. slräla = altb. s/rrta; goth. speds zu vergleichen mit dein lit. 
spetas (.Muße); goth. mers = altb. -mh-n und lateinisch - keltisch -mdrua in 
Eigennamen; Heynes Ableitung des letzteren aus dein reduplicierten Stamme 
mannt wird durch diese Vergleichung zurückgewiesen; dem lateinischen mernor 
entspricht übrigens altn. Mimir; Grimm vergleicht auch (Gesch. d. deutsch. 
Sprache 865) ags. mimor , meomor, gemimor, welches er aber nur aus Somner 
entnommen zu haben scheint. Ebenso gibt es lange u, die nicht aus Ersatz- 
dehnung entstanden sind, z. 1». ahd. mtis = lat. rnüs, altb. my§l\ ahd. su -= 
lat. sus, gr. oi^ • alts. hüd = lat. cutis. Die Ableitung von tun aus tiuhan ist 
doch höchst problematisch, da sie nur auf der ganz modernen Redensart einen 
Zaun ziehen beruht. 

Der Verf. hält ferner an der alten, längst widerlegten Ansicht von Th. 
Jacobi fest, daß die Scheidung von goth. ei und ai, von iu und an schon auf 
die indogermanische Periode zurückzuführen sei, in der Weise, daß ei und iu 
als die Dehnung, ai und au als die Steigerung von i und u aufzufassen seien. 
Man muß allen Respect haben vor den Untersuchungeu Jacobis. Aber H. 
scheint sich gerade etwas Verfehltes daraus herausgesucht zu haben, während 
er andere richtige Aufstellungen desselben unberücksichtigt läßt. Es sind au 
und iu beide auf indogerm. au zurückzuführen, ebenso ai und ei, soweit letzteres 
nicht durch Contraction aus ji oder durch Ersatzdehnung aus in, im entstanden 
ist. Die Scheidung hat sich erst in einer jüngeren Zeit vollzogen, gauz analog 
der Spaltung von einfachein a ausserhalb des Diphthonges in a und e Cr). Es 
verhält sich beita zu Laif, giuta zu gant gerade wie giba zu gaf. Hierbei kommt 
nicht in Betracht, daß allerdings indogerm. ai und au sehr wahrscheinlich auf 
ursprüngliches \ und a zurückgehen und daß einzelne solche Diphthongisie- 
rungen von i und u noch in der späteren Entwicklung der verschiedenen in- 
dogermanischen Sprachen erfolgt sind, wie dieß namentlich durch J. Schmidt 
überzeugend dargethan ist. Denn wir haben darum immer die Zwischenstufen 
anzusetzen: ö — au — eu — iu; i — ai — ei — ii , welches dann natürlich 
zu / contrahiert werden mußte, welchen Laut das gothischc ei bezeichnet, wäh- 
rend in wegen der Verschiedenheit seiner Bestandteile nicht so leicht der 
Contraction ausgesetzt war. Durch seine Theorie wird II. verleitet das ß, w.-l 
ches schon öfter in den Ps. statt iu erscheint, für alterthümlich zu halten 
S. 1 *i . Danach verträte z. B. nüuri einen älteren Lautstand als niuwi im Hei. 
und goth. niujia, während doch bekanntlich da- Wort, wie die Vergleichung 
aller Sprachfamilien zeigt, auf die Grundform navjas =£ skr. zurückgeht. Es 
ist klar, daß wir in den Ps. den Anfang zu der später im Niederdeutschen 
allgemein durchdringenden Contraction von iu zu fi vor uns haben. Zu Heynes 
Beispielen füge ich noch: hundeafluga cinomyia gl. Lips. 592; fhumie, thuuuon 
ancillae ib. 936, 7: alhnti lies aluhti illumina ib. 15. 

II. hält goth. i and u durchgängig für älter als ahd. >■ und o. Ich möchte 
wissen, welche Gründe er hat an «lieser Ansieht festzuhalten gegen die enl 

• ••■• wui Curtius und Müllenhoff, deren er mit keinem Worte gedenkt, 
daß ahd. e und o ( Boweit sie aus indogerm. a entstanden sind, eine w.it ältere 



224 LITTERATUR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. U. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 

Lautstufe repräsentieren, durch die auch das Gothische hindurchgegangen ist. 
Die im Mon. so häufige Verwandlung des a zu e und des o zu a in Flexions- 
silben hätte doch jedenfalls in der Grammatik erwähnt werden müssen, wenn 
man sie auch nicht dem Originale des Hei. zuweist. Zu den Spuren des Um- 
lautes S. 17 füge ich geuuilitte (= gevuilithe) abundantia gl. Lips. 523 und 
neruoiki ib. 704. Der Verf. hält, wie freilich die meisten deutschen Gramma- 
tiken, <'■ für zusammengezogen aus ahd. ia z. B. in href meda*) (S. 13), wäh- 
rend umgekehrt ia aus e entstanden ist, wie uo aus 6, was schon längst Ja- 
cobi eingesehen hat. Inwiefern ie in hie, fhie etc. aus iu geschwächt sein soll, 
welches noch in ihhi, thius voll erhalten sei (S. 18), darüber möchte ich denn 
doch den Verf. noch um einige nähere Auskunft bitten. 

Was die Consonanten angeht, so bemerke ich zunächst zu S. 20, daß 
Ps. 1 — 3 nicht von einem Uebersetzer herrühren, der an der Grenze des mit- 
telfränkischen Gebietes seine Heimat hatte, sondern daß sie überhaupt mittel- 
fränkisch sind nach der Begrenzung dieses Dialectes, wie sie von Braune in 
der oben citierten Abhandlung gegeben ist. Im ganzen ist die Darstellung des 
Consonantismus entschieden besser als die des Vocalismus. Ein Fortschritt gegen 
die meisten früheren Grammatiken zeigt sich namentlich darin, daß der Verf. 
zwischen Aspiraten und Spiranten zu scheiden weiß und th, d und h richtig 
zu der letzteren Classe zählt. S. 21 wird mit Recht aus der Allitteration und 
aus der Schreibung g und gl für j gefolgert, daß g im Anlaut als Spirant zu 
fassen ist, mit Unrecht aber wird dieselbe für den In- und Auslaut in Zweifel 
gezogen. Ich verweise hierüber, sowie überhaupt über das Verhältniß der Spi- 
ranten und Medien auf meine Abhandlung zur Lautverschiebung in den Bei- 
trägen zur Gesch. der deutschen Sprache I, S. 147 ff. Ich bemerke noch daß 
g vor harten Vocalen (a, o, u) als gutturale (wie in nhd. sagen), vor weichen 
(«, i) als palatale Spirans (wie. in nhd. legen) ausgesprochen zu sein scheint. 
Deshalb wird zur Bezeichnung der alten palatalen Spirans j vor weichen Vocalen 
einfach g (ger, gihit) , vor harten gi (giamar, giungaron) verwendet. Dieselbe 
Bedeutung wie gi im Anlaut hat ge im Inlaut, welches nur nach Vocalen an- 
gewendet wird : sirfdgean, uualcogeandi. Daß dieß ge nicht auch nach Consonanten 
für j geschrieben wird, hat, seinen Grund darin, daß hier j seine ursprüngliche 
vocalische Natur noch nicht eingebüßt hat, wie das Schwanken der Schreibung 
zwischen i und e (hebbian-Jiebbean) beweist, während umgekehrt der Eintritt des 
g, gi, ge im Anlaut und inlautend zwischen Vocalen beweist, daß in diesen 
Stellungen das vocalische Element des j verloren gegangen war. Wenn H. von 
der 'zum Theil noch bestehenden gutturalen Aussprache des g spricht , so ist 
das ein unpassender Ausdruck ; denn er meint doch wohl die Aussprache des 
g als Verschlußlaut. Für diese im Auslaut sprechen aber nicht gh und ch, und 
c ist zu vereinzelt. Dagegen spricht für die spirantische Aussprache des g im 
Auslaute, daß es häufig für // geschrieben wird (z. B. mag C. 1720, ebenso 
vor t magiig C. 423, 1378, almahtigna C. 416), welche Schreibung II. mit 
Unrecht S. 29 als eine wirkliche lautliche Wandlung des h in g fasst, wie im 
Inlaut, z. B. in gesagon. H. meint, daß sich in- und auslautendes // zu g 
verhärte, wieder ein sehr unangemessener Ausdruck. Wenn man die Aus- 
drücke 'hart' und 'weich' beibehält, so sollte- man doch immer einen bestimm- 



*) In seinem Hol. setzt H. merkwürdigerweise meda an, ebenso her — ahd. Mar 1 , 



LITTERATUR: M. HEYNE, KLEINE ALTS. U. ALTNIEDFR. GRAMMATIK. 225 

ten Begriff damit verbinden, und mit "weich die tönenden und die wenigstens 
nach Brücke mit Flüsterstimine gesprochenen Consonauten bezeichnen , mit 
hart dagegen die tonlosen. Danach aber ist der Übergang von h in g nicht 
eine Verhärtung, sondern eine Erweichung. H. liebt überhaupt solche unklaren 
bildlichen Bezeichnungen, wodurch, wie es scheint, eine stylistische Abwechslung 
erzielt werden soll , die aber nur dazu dienen, die Anschauung von den laut- 
lichen Vorgängen zu verwirren. H. bezweifelt S. 24, daß nach Ausfall des 
Nasals vor s, th , / der vorhergehende Vocal verlängert sei. Für das Angel- 
sächsische findet er in seiner Grammatik der altgermanischen Sprachstämme 
die Verlängerung wahrscheinlicher; das Neueuglische spricht hier entschieden 
dafür. Aber welchen Grund haben wir in diesem Punkte eine Scheidung zwi- 
schen Alts, und Ags. zu machen. Der Vorgang ist doch in den beiden nahe 
verwandten Dialecten ganz derselbe und es besteht sicher darin ein historischer 
Zusammenhang zwischen beiden. Daß der Vocal noch Nasalklang gehabt hat, 
ist möglich, aber darum war er doch schon lang, und nach dem Verluste der 
Nasalierung wäre keine Veranlassung mehr gewesen ihn zu verlängern. Die 
Länge wird klar bewiesen durch das suotk des Cott. und durch das neunieder- 
deutsche gaus Gans, welches auf ein altes gas zurückgeht, wie faul auf föt. 
S. 30 sieht der Verf. in forihUi und ammathta den Übergang der gutturaleu 
in die dentale Spirans wohl nach Analogie von altengl. Icnijd; gewiß aber haben 
wir darin nichts anderes zu sehen als eine in alt- und mittelhochdeutschen Hss. 
häufige verkehrte Stellung von th, wie sicher in Irliothe, wozu dann nur noch 
eine Wiederholung des t hinter dem h kommt. 

Was die Flexionslehre betrifft, so wird sich nicht viel gegen die Zusam- 
menstellung der Formen sagen lassen, die ziemlich reichhaltig und genau ist, 
aber desto mehr gegen die sprachwissenschaftlichen Aufstellungen des Verf. Er 
hätte überhaupt viel besser gethan , wenn er sich rein auf das Factische be- 
schränkt hätte und alle Erklärungsversuche und Zurückführuugen auf die ur- 
sprünglichen Formen unterlassen hätte. Es gilt dieß namentlich von der Decli- 
uation. H. scheint zu glauben, daß es ein sehr wissenachaftliches Verfahren 
sei, wenn er überall den Stamm mit dem ursprünglichen Auslaute, den derselbe 
im Indogermanischen hatte, aufführt und dann auseinandersetzt, wie sich zu 
demselben die verschiedenen Casus verhalten. Solche Aufstellungen von Stäm- 
men haben aber eine reelle Bedeutung nur für die indogermanische Ursprache, 
wenn es sich darum handelt, die ursprüngliche Zusammensetzung aus Stamm 
und Flexionsendung nachzuweisen. In die Einzelsprachen sind keine Stämme 
und Endungen, sundein nur fertige Wörter übergegangen, in denen Stamm und 
Flexion untrennbar verbunden sind. Aus diesen fertigen Wörtern entwickeln 
sich die Formen der Einzelsprachen, theils durch rein lautliche Veränderungen, 
theils durch Analogiebildungen. Nachzuweisen, wie dieß geschieht, das ist die 
Aufgabe der wissenschaftlichen Grammatik. Davon findet sich nun aber bei II 
nichts. Statt dessen heißt es etwa: in dem Casus ist der Stammlaut voll er- 
halten, in dem zu e geschwächt, in dem verlängert, m dem geschwunden 
Solche Bemerkungen haben nicht den geringsten Werth, damit ist durchaus gar 
nichts erklärt. Es ist damit zum mit dei Kaum nutzlos verschwendet. 

Aber sie haben geradezu einen schädlichen Einfluß, indem der Unkundige sich 
einbildet, es seien damit die Formen erklärt. Bin paar Mal, wo der Verf. einen 
Ansatz zu wirklicher Erklärung macht, gel ten Verkehrtheiten, 

GERMANIA. Neue Keilie. VU. (XU. Jahrg.) 15 



226 LITTERATUR: M. HEYNE. KLEINE ALTS. IT. ALTN1EDFR. GRAMMATIK. 

so wenn er S. 70 den Übergang von a in u in Neutr. PI. der a-Declination 
(fahi) aus Einfluß eines Nasals unter Vergleichung der specifisch sauskritischen 
Endung -äni ableitet, während doch für die europäischen Sprachen sicher die 
Grundform -a anzusetzen ist, und während anderseits der Übergang des kurzen 
auslautenden a in u nach einem ziemlich durchgreifenden Lautgesetze in allen 
germanischen Sprachen, soweit sie nicht wie das Gotische früh ausgestorben 
sind, erfolgt ist. 

Noch einige einzelne Bemerkungen. In Bezug auf die Zusammenziehung der 
reduplicierten Präterita (htld, let) stellt der Verf. wieder die landläufige Ansicht 
auf, wiewohl das Richtige von Scherer, Zur Geschichte S. 10 ff. und schon längst 
von Jacobi, Beitr. S. 60 ff. gezeigt ist, daß lelt, nicht leet als Zwischenstufe 
anzusetzen ist. — S. 37 ist hawan unrichtig in Classe I der reduplicierenden 
Verba gestellt, es gehört in Classe V (Wurzel ku); das praet. ist heu anzu- 
setzen. Ebenso ist hreuuan nicht in Classe II, sondern in V der ablautenden 
Verba zu stellen. — Wie kommt H. dazu, dem Verbum odan die Bedeutung 
'zeugen' beizulegen? — Es ist nicht ein starkes giflihan anzusetzen, sondern 
ein schwaches giflihean = ahd. flehjan. — Die 3. sg. geht in den Ps. wohl 
nicht bloß in manchen Beispielen (S. 50), sondern in allen auf t aus. — Das 
o in der zweiten schwachen Conjugation ist in den Ps. nicht mehr als lang 
anzusetzen, da es mit allen anderen Vocalen wechselt. 

Die Reste consonantischer Declination vom Femininis hat H. gänzlich 
verkannt, indem er sie einfach unter die ^-Declination stellt S. 75. Es ist 
klar, daß die Dative bürg, magad, naht und die von H. nicht angeführten idis, 
uuerold, middilgard, ebenso die Nom. Acc. Plur. magad, naht nach consonan- 
tischer Declination gebildet sind; wir brauchen zu ihrer Erklärung nicht die 
sonderbare 'Neigung die Form des Nom. Acc. Sing, auch für andere Casus zu 
verwenden'. Die Genetive burges, kustes (auch nahtes wäre hier aufzuführen 
gewesen) sollen nach H. alterthümliche Formen der z-Declination sein, die noch 
das alte s erhalten haben. Aber wo kommt dann bei der Alterthümlichkeit 
schon das e her? Das s fällt außerdem nach einem allgemeinen Gesetze in 
allen südgermanischen Dialecten ab. Es liegen vielmehr Formen nach conso- 
nantischer Declination zu Grunde baurgs etc., auf welche dann die naheliegende 
Analogie der masculinen und neutralen a-Declination eingewirkt hat, welche 
dann auch gewirkt hat, daß giburdes zum M. oder N. geworden ist. Daher er- 
klärt sich denn auch die Behandlung des Wortes kraft, welches gleichfalls 
hierher zu ziehen ist. H. setzt dasselbe im Glossar zum Hei. als m. und n. 
an. Aber im Nom. und Acc. hat es stets das ihm ursprünglich zukommende 
feminiuale Geschlecht bewahrt. Das Masc. tritt erst im Gen. kraftes ein, und 
dieser wird dann Veranlassung zur Bildung eines masculinen Dat. krafte, krafta 
und lustr. kraftu. — Zu den Zahlwörtern (S. 94) bemerke ich, daß es schwer- 
lich berechtigt ist, einen Gen. tweiö anzusetzen statt tweiö. Die Contractiou ist 
hier ebenso unterblieben wie in eia (ovo), eie.ro. Wahrscheinlich wurde das i 
doppelt als Vocal und Consonant gesprochen, und es ist dann damit in Parallele 
zu stellen das Unterbleiben der Contractiou von au vor w. Der Dat. thrim 
für thrim = goth. prim ist natürlich eine Unform. Langer Vocal tritt erst 
ein, wenn das Wort adjeetivisch decliniert wird; dann aber müßte die Form 
thrmn lauten. — Beim persönlichen Pron. ist der Gen. PI. fälschlich userö an- 
gesetzt. Derselbe ist nur einmal belegt in der Form user C. 5938, wie auch 



LITTERATUR: K. A. HAHNS ALTHOCHDEUTSCHE GRAMMATIK 227 

nach Analogie von iwar zu erwarten ist. Der Gen. Du. unker o ist nur belegt 
C. 5595 in unkero seltero, welches sich ebenso erklärt wie das .spatere mines 
selbes. In der Rerlexivforra sig (ebenso in unsig) fasst H. das g mit Unrecht 
als eine Erweichung aus h. Es ist als eine Spirans aufzufassen wie das nie- 
derländische beweist. Möglicherweise ist es eine Entlehnung aus dem Hoch- 
deutschen und hatte das Niederfränkische ursprünglich ebenso wie das Sächsi- 
sche das Reflexivpronomen verloren. 

LEIPZIG, im Januar 1874. H. PAUL. 



K. A. Hahns Althochdeutsche Grammatik. Nebst einigen Lesestücken 
und einem Glossar. Mit Rücksicht auf die Fortschritte der Wissenschaft 
bearbeitet von Adalbert Jeitteles. Dritte, vielfach veränderte und ver- 
mehrte Auflage. Prag 1870. Verlag von F. Teinpsky. 132 S. gr. 8. 
Auswahl aus Ulfilas gothischer Bibelübersetzung. Mit Glossar und einem 
Grundriß zur gothischen Laut- und Flexionslehre. Von K. A. Hahn. 
Dritte Auflage herausgegeben und bearbeitet von Adalbert Jeitteles. 
Heidelberg. Akademische Verlagshandlung von J. C. B. Mohr. 1874. 
121 S. gr. 8. 

Unsere Absicht, der dritten Auflage von Hahns ahd. Gr. einige Worte zu 
widmen, hat sich aus verschiedenen Gründen verzögert, wir vereinigen dieselbe 
also jetzt mit der Besprechung der uns vorliegenden Auswahl aus Ullilas in 
dritter Auflage. In beiden Büchern ist als die Hauptsache nicht sowohl der gram- 
matische Theil — denn Hahns noch eng an Grimm angeschlossene Behandlung 
bietet hier dem Bearbeiter, der nicht Alles umzugestalten wünscht, manche 
Schwierigkeiten — als die verständig getroffene Auswahl von Lesestückeu mit 
einem für praktische Zwecke und selbst für Universitäts- Vorlesungen im Gan- 
zen genügenden Glossar anzusehen. Was zunächst die ahd. Chrestomathie be- 
trifft, so wäre wohl entweder eine streng chronologische Vorführung, oder eine 
Thedung der Lesestücke in poetische und prosaische der jetzigen Anordnung 
vorzuziehen. Letztere Gattung würde — im Fülle einer neuen Autlage — 
durch einen kleineu Abschnitt aus Willirams Hohem Liede, der noch S. 93 
Platz finden könnte, eine wünschenswerthe Ergänzung finden können. Die Texte 
selbst sind mit Sorgfalt behandelt*), und würde nur hie und da eine sichere 
Emendation, z. B. im Muspilli Z. 66 K. Hofmanns wartil Aufnahme verdienen. 
Eine erneuerte Durchsicht des Wortvorrathes würde nichts schaden können, da 
im Glosaar nicht nur einzelne Worte, wie miatä (Musp. '/. 72) und sklt **) (Merig. 
Z. 33j, das Adv. ivola und vielleicht noch andere, gänzlich fehlen, sondern 
auch die Erklärung nicht überall ausreichend sein dürfte. Bei pilipi, das Wacker- 
nagel allerdings auf pilipan zurückzuführen sucht, wäre die andere Erklärung, 
welche das Subst. lip heranzieht und pilipi oder pilipi ^vgl. Gr. 11, 14, 111, 500) 
als Lebensunterhalt fasst, wohl auch zu berücksichtigen gewesen - Bei ga- 
cherjan wäre die Paraphrase ^kehren" ausreichend, [rrthümlich sieht hinter 
cltibon (Hild.), es findet sieh nur im ersten Merseburger Spruche 



Drockfehlei Bind B. 8. 72 Z. 84 ubano&han, 8 84 (12) /.. 4 nah, - 
Z. 49 th'i'r (1, ther oder thdrj. \ ichträglicb finde ioh ■>' im Ulossar, 

15* 



228 LITTERATUR: H. PAUL, GREGORIUS. 

Bezüglich des grammatischen Theils ist der Bearbeiter in seinem fleißigen 
Bestreben, Hahns Behandlung des Stoffes mit dem jetzigen Standpunkt der 
Wissenschaft auszugleichen, nicht immer glücklich gewesen. Es gilt dieß ganz 
besonders von der Lautlehre. Ohne hier ins Einzelne einzugehen — ein paar 
störende Druckfehler S. 2 und 3 sind wohl schon von anderen Seite hervor- 
gehoben, S. 1 1 Z. 3 v. unt. muß es statt gothische doch wohl althochdeutsche 
heißen? — heben wir nur noch die unklare Weise hervor, in der S. 23 For- 
men wie pruston, laston behandelt werden. Da lustus im Goth. entschieden der 
u-Classe folgt, so wird man im Ahd. wohl beide Formen, zumal neben pruston 
ja (wie gleich darauf bemerkt ist) prustum sich findet, zu den Überresten der 
u-Classe zählen dürfen. — S. 30 unten wäre wohl eher von einer Angleichung 
der adjectivischen Declin. an die substantivische zu reden. 

Betreffend die Auswahl aus Ulfilas, die den ganzen Marcus, Bruchstücke 
der anderen Evangelien und der Epistel darbietet und somit auch jetzt, wo 
Viele allerdings vorziehen mögen , die vollständige und nicht zu theuere Aus- 
gabe des Ulfilas von Heyne zur Hand zu haben, als eine ausreichende Chre- 
stomathie wird angesehen werden können, haben wir nur Weniges zu bemerken. 
Auch hier fehlt es der grammatischen Behandlung — bei dem unverkennbaren 
Streben des Herausgebers, dem neueren Standpunkt der Forschung gerecht zu 
werden — vielfach an klarer und sicherer Darlegung der Vei'hältnisse, am meisten 
wiederum bei der Lautlehre. Was S. 58 über die angeblichen Ausnahmen von 
der Lautverschiebung gesagt ist, möchte Ref. nicht durchweg unterschreiben. 
Beim Selbststudium wird man wohl thun, sich mehr an die einfachen Regeln, 
als an deren Erläuterungen zu halten, bei akademischen Vorlesungen wird sich 
Manches ergänzen, Andres also berichtigen lassen. — Text und Glossar sind — 
soweit Ref. nach vorläufiger Durchsicht urth eilen kann — auch hier mit Sorg- 
falt behandelt, die durchgängige Schreibung e und 6 ist, solange man überhaupt 
die Quantitäten zu bezeichnen für nöthig hält, sogar consequenter als die von 
Heyne nach Stamms Vorgang gewählte. Zu den langen Vocalen hätte auch 
das von Holtzuiann (Altd. Gr. S. 3) wohl mit Recht in einigen Fällen ange- 
nommene ä gezählt werden können. 

E. WILKEN. 



Gregorius von Hartmann von Aue. Herausgegeben von Hermann Paul. Halle 
a. S. 1873. Lippert'sche Buchhandlung (Max Niemeyer). 8. XVII, 166 SS. 
Vorliegende Ausgabe ist die erste des Gregorius, die den gesammten 
kritischen Apparat enthält, auch die von verschiedenen Kritikern gemachten 
Besserungsvorschläge übersichtlich zusammenstellt , so daß man bei jedem 
Verse die vollständige Geschichte des Textes und der Kritik beisammen hat. 
Macht sie schon das dem Forscher unentbehrlich, so gewinnt sie noch höheren 
wissenschaftlichen Werth dadurch , daß hier zum erstenmal das Handschriften- 
verhältniss gründlich untersucht und erörtert ist. Es ergibt sich aus dieser 
Untersuchung, daß keineswegs die römische Handschrift einen durchgehenden 
Vorzug vor den übrigen verdient, wie auch keine der übrigen Hss. einseitig 
zu bevorzugen ist. Von den Hss. stehen nach Paul nur ein paar in directem 
Verwandtschaftsverhältniss , nämlich AH und anderseits CE, während BDFG 
weder unter einander noch mit den übrigen zunächst verwandt sind. Die Über- 



LITTERATUE: H. PAUL. GREGORIUS. 229 

einstimmung der unabhängigen Zeugen ist daher maßgebend für die aufzuneh- 
mende Lesart. Wenn man letzteren Grundsatz ohne weiters als den allein berech- 
tigten zugeben muß, so darf man doch die große Zahl von selbständigen Zeugen 
auffallend finden, während sonst meist die Hss. in weniger zahlreiche Gruppen 
sich gliedern. Mir will scheinen, als wenn die Zahl der selbständigen Quellen 
sich etwas verringern dürfte , wenn man in Anschlag bringt , 'hiß die Willkür 
ändernder Schreiber sich namentlich in der geistlichen Poesie sehr bemerklich 
macht. Ich halte auch jetzt noch dafür, daß E und G in einem näheren Ver- 
hältniss zu einander stehen: unter den von Paul S. VT angeführten Stellen 
sind doch solche wie 2405 daz ich nicht sey ein edel man statt daz ich si ein 
ungeboru man A nicht zufällige Übereinstimmung; denn nimmt man auch mit 
Paul an, daß der Ausdruck ungeborn den Anstoß zur Änderung gegeben, so 
ist doch die gleiche Ersetzung durch edel und die ganz gleiche Fassung des 
Verses zu beachten. Auch der gleiche Fehler gedacht für gdhet 2347 ist doch 
wohl mehr als Zufall. Wenn anderseits E unverkennbar mit C stimmt, so ist 
dies kein Beweis gegen eine Verwandtschaft von E und G, sondern nur dafür, 
daß zwischen CE ein noch näheres Verhältniss besteht als zwischen EG. Ich 
lege daher auf Fälle, wo EG gegen A stimmen, kein so großes Gewicht als 
Paul thut. 

Verderbnisse zeigen alle Hss. ; aber auch wo die Lesart jeder einzelnen 
an sich unverderbt scheint, braucht noch keineswegs die echte Lesart erhalten 
zu sein. Diese ist vielmehr oft erst aus dem Zusammenhalt der verschiedenen 
Lesarten zu gewinnen. In diese Kategorie gehören namentlich die Änderungen 
aus metrischen Rücksichten. Hartmanns Verse, die in vieler Hinsicht von den im 
13. Jahrb. üblichen Regeln abweichen, veraulaßten sehr häufige Hinzufügung 
kleiner Wörter, meist um den zu kurz erscheinenden Vers zu dehnen, mit- 
unter auch um den metrisch überladenen glatter zu machen. Nicht immer, ja 
in den seltensten Fällen sind derartige Besserungsversuche zu durchgreifenden 
glättenden Umarbeitungen geworden, sondern der einzelne Schreiber, der bei 
der Abschrift eines deutschen Werkes nicht mit der Genauigkeit verfuhr wie 
bei der Copie einer lateinischen Handschrift, änderte wo es ihm in den Sinn 
kam. Dabei kann es denn vorkommen, daß verschiedene Schreiber bei nahe- 
liegenden Ergänzungen auf das gleiche verfielen, ohne daß man daraus auf 
eine Verwandtschaft der Hss. zu schließen brauchte, oder wenn nicht verwandte 
Hss. darin zuweilen zusammenstimmen, das ergänzte Wort als dem echten Texte 
augehörig ansehen müßte. Wir werden nachher einige Stellen anführen, wo 
Paul selbst aus den Varianten der Hss. den echten Text erst erschlossen ha1 : 
ich glaube jedoch daß dies, unter Festhaltung des kritischen Grundprincips der 
Verwandtschaft, noch öfter zu geschehen hat. 

Die metrische Behandlung hat manches auffallende; am meisten die 
durchgängige Beseitigung der viermal gehobenen Verse mit überschlagender 

Silbe, welche Paul anzuerkennen sieh sträubt. Ich glaube, mit Unrecht. Wenn 
wir auch einräumen, daß viele solcher Verse durch andere Lesung (zweisilb. 
Auftaci etc.) sich entfernen la ten, so isl doch in anderen die Reducierung 
auf das Maß von drei Eebungen mit klingendem Reime sein- hart. So lange 
also nicht überhaupt uachg« t, daß Bolche verlängerte Verse, die ich 

als aus der romanischen Poe ie eingedrungen ansehe, zur Zeil Bartmanns nicht 
existiert haben, so lange sind wir nicht berechtigt, ihr Vorkommen bei einem 
erzählenden Dichter, wo die Überlieferung ohne Zwang darauf führt, zu negieren. 



230 LITTERATUK: H. PAUL, GREGORIUS. 

Eine ausführliche Quellenuntersuchung lag nicht in des Herausgebers Ab- 
sicht; daß das französische Gedicht genau und sorgfältig herangezogen ist, 
beweisen die Stellen, an denen mit Hilfe desselben die Lesart Hartmanns ge- 
sichert wird. Ich stimme Paul darin vollkommen bei, daß es unberechtigt ist, 
auf Grund einiger uns nicht begreiflicher Abweichungen ein anderes als das 
uns erhaltene französische Gedicht als Quelle anzunehmen. Wahrscheinlich 
bleibt nur, daß die Hartmann zugängliche Redactiou in ein paar Punkten von 
dem in Tours befindlichen Texte abwich. 

Gehen wir nun zu Einzelheiten der Kritik über, so schicken wir voran, 
daß an vielen Stellen die neue Ausgabe theils früher verworfene Lesarten der 
Hss. in ihr Recht einsetzt, theils aus der Entstellung sehr glücklich und ge- 
schickt emendiert. Ich führe als Belege für beides an 184 f. 777 f. 802. 940. 
1155 f. 1563 f. 1886. 2162 f. 2307. 2340. 2503. 2568. 2770. 3411. 3641 ff. 
3538. An der vorletzten Stelle sind dem Texte zwei in EG erhaltene Zeilen 
zurückgegeben worden. 

Der in G allein erhaltene Eingang wird wohl immer eine Crux der Kri- 
tiker bleiben; auch Pauls Herstellung ist, wie er selbst zugibt, nicht durchaus 
befriedigend. Unzweifelhaft aber ist mir, daß eine Lücke nach 15 a nicht an- 
zunehmen. Ich halte auch jetzt noch meine Besserung von 15 a f. der gedanc, 
als er ze rehte sol, den fürgedanc richet (Hs. richtet) für die richtige: dieser 
(eben ausgeführte) Gedanke (du bist noch jung, deine Sünden lassen sich noch 
gut machen) straft die (gute) Absicht (nämlich im Alter zu beten und dadurch 
die Sünden gut zu machen); denn (wand statt und) ein plötzlicher Tod im 
Alter bricht diese Absicht ab, ehe sie zur Ausführung gelangt. Der Grund- 
fehler liegt in dem Aufschieben der Reue, da hilft auch die gute Absicht 
nichts, sondern diese leidet ebenfalls unter jenem verwerflichen ersten Gedanken 
und seinen Folgen. Das brihtet Pauls in v. 18 a scheint mir keine glückliche 
Emendation; viel näher liegt doch, daß die Form richet von einer jungen Hs. 
in richtet entstellt wurde, während das andere Reimwort, weil auch in jüngerer 
Sprache so lautend, unentstellt blieb. Die Verse 31 a — 36" haben hingegen 
erst durch Pauls Herstellung einen befriedigenden Sinn bekommen. 33" ziehe 
ich allerdings rntner Sünden bürde noch vor dem immer sundecleiche bürde der 
Hs.; vgl. daz smer silnden bürde deste ringer waere 3552; der Sünden bürde 3668. 

Wir erwähnten vorher des Falles, daß aus metrischen Gründen Worte 
interpoliert wurden, um den Vers zu verlängern. Hier hat sich nicht selten 
in einer Hs. das ursprüngliche erhalten; so 1913 in E der half im für die 
stat,. wo A ouch für, G uz für = für haben ; mit Recht ist hier der Heraus- 
geber der Lesart von E gefolgt, er erklärt allerdings die von G für ebenso 
gut. So hat auch 3201 E das ursprüngliche bewahrt: des morgenes vil vruo, 
nur daß sie morgens schreibt; G hat do des morgen(s) gar fruo, A des mor- 
gens fuoren si vil fruo; auch hier schließt sich Paul an E an. 3118 unde 
bäten in da = E (nur und) ; dagegen G statt in : den lischer, B in den wirt, 
A ließt nü bäten si in da, was Lachmann und Bech aufnahmen. Es ist augen- 
scheinlich, daß die Änderungen den bei der Ausprache und zu kurz scheinenden 
Vers verlängern wollen. Und dieser Fall ist nicht der einzige im Gregor. Auch 
752 hat E ganz richtig unde sagen wie ez ergie, wo A nach sagen ein iu ein- 
schiebt, das die Ausgaben aufnehmen. Umgekehrt schiebt E ein 2068 unde 
viel vil gar dar an (= A, Lachmann, Bech) wo E (= G) und geviel; 2178 



LITTERATUR: H. PAUL, GREGORIUS. 2ol 

unde host mir da mite (= AH, Lachm., Bech), wo E und hast vil dicke mir. 
123 bietet A ze tische undc anderswd, E hat und ouch, G ganz abweichend 
hei ml 'ich noch anderswo. Der Vers ist freilich in der Fassung von A bedenk- 
lich, weil unde hier vor folgendem Vocal Hebung und Senkung bilden soll; 
aber dieser Fall ist im Gregor (nach Pauls Texte) nicht vereinzelt, vgl. ander 
unde über gespreit 538, wo E ebenfalls ändert; triben uz unde in 1179, wo E 
ändert haben getriben; unde über diu laut 1519, wo E über alle lant, und auch 
A ändert, H und ouch schreibt, und nur G das von Paul gewählte bietet. Wie 
hier H, wie 123 E, so schiebt E auch 97 das Wörtchen ouch ein. Steckt in 
der Lesart von G in V. 123, in welcher heimlich aus zetisch (h aus der be- 
kannten Form des s) entstellt ist, in noch ein joch, wie ich früher vermuthete, 
so fällt der metrische Anstoß fort. 

Andere Stellen, wo E theils allein, theils in Übereinstimmung mit G, ein 
Wort einschiebt oder ändert, sind folgende: 501 hat A von erste erhaben sint, 
auch wenn man nichts ändert, bei Hartmann statthaft, aber besser in der für 
Hartmanns Zeit anzunehmenden Form erest, die ich auch für Walther (104, 
6 Pf.) angesetzt habe. E schreibt von aller erste, und so auch Paul. Wie 
hier, so ist aller eingeschoben 1335 in GE, während es in A fehlt; — 554 liest 
A da schreip diu muoter an, und so Lachmann und Bech. E hat des kindes 
für diu und hier auch B die gleiche Lesart, was für deren Echtheit sprechen 
könnte. Allein abgesehen davon, daß BE in Fehlern auch sonst stimmen (S. VII), 
so ist auch bei völliger Unabhängigkeit der beiden von einander die Überein- 
stimmung kein Beweis der echten Lesart, denn nahm man an der metrischen 
Bildung des Verses Anstoß, so konnte die Änderung kaum anders lauten als 
wie in BE. Schwer glaublich ist dagegen, daß Hartmann, wenn er hier des kindes 
schrieb, zwei Zeilen nachher geschrieben haben sollte von des kindes ahte. — 
585 durch siner triuwen rät A, E durch grozer siner, was Paul, der A in den 
Text setzt, für vielleicht richtig' erklärt. Ich halte grozer für eingeschoben, um 
durch, als erste Hebung ohne nachfolgende Senkung gebraucht, zu beseitigen. 
Wie hier, so ist auch 2035 durch so gebraucht: durch got haete erkorn, wie Paul 
ganz richtig gegen alle Hss. setzt; A hat ir durch, E durch gotes hulde, G 
verkorn (wobei zu lesen hdete verkorn). — 591 hat A im ivart dd benant, 
E hat an der schrift wart niht benant, was Paul für gleich gut erklärt, was 
aber nach meiner Ansicht metrische Correctur ist, eine unnöthige freilich, da 
Hartmann sicher ime auch noch zweisilbig sprach. So steht es, ein Beweis der 
Iuconsequenz der Schreiber, 286 9 in E im truoc daz wtp dar in, wo A daz 
guote ivip, was die Herausgeber aufnehmen. — 710 A so si es state gewan, 
E hat als ofte *\ des. Vergleicht man V. 318 der uns ze staten gestdt, wo E 
der uns vil wol ze staten gdt, so wird man kein Bedenken fragen, auch 710 die 
längere Form des Verses in E nicht für ursprünglich -zu halten und A den 
Vorzug zu geben. — 1914 A mit vlize er in des l>at, EG und Paul mit 
grozem vlhe. Auch wenn wir EG als von einander anabhängig betrachten, ist 
die Ergänzung grozem, am den scheinbar zu kurzen Vera zu strecken, so nahe 

liegend, daß man sieh über das Zusammentreffen kaum wundern kann, mit bildet 

erste Bebung ohne folgende Senkung, wie 3641 auch in Pauls Texte und nach 

meiner Ansicht auch L ^'.i.'i('>, wo man lesen muß mit roten ougen dun, von dan 
schreibt Paul, während von in AK fehlt; vgl. Germania 14, 430. — 2199 s'd 
tr des landet phlac A (— Lachm., Bech), E Behob ein />!• £tbU nach er, und 



232 LITTERATUR: H. PAUL, GREGORIUS. 

H änderte, ebenfalls aus metrischen Gründen, des in disses. — 2252 als ich 
dich hoere jeken A, ganz richtig, E aber schreibt dich da, H dick dö, als ver- 
schiedene Ergänzungsversuche, die übrigens auch wenn man do = da nimmt, 
nichts für die Echtheit des in A fehlenden Wörtchens beweisen. — 2406 haben 
AB weste ich wer iuch dar an; EG and am Anfang hinzugefügt. Hier konnte 
man leicht versucht sein zu lesen west ich wer iuch dar an und dies veran- 
laßte die Hinzufügung von und. — 3569 A ditze waere ein saelic man, E er 
waere zool ein. Auch hier verdient. A den Vorzug, den ihm Bech und Lach- 
mann geben, ditze, im 13. Jahrh. gewöhnlich einsilbig gebraucht, schien einen 
zu kurzen Vers zu geben und darum änderte E. 

Es fehlt aber auch nicht an Stellen, wo A ähnliche Flickwörter einfügt. 
Ein paar haben wir schon gelegentlich angeführt; eine andere ist 3456 er 
sprach herre ich bin so G, A hat vil lieber herre, E vil salig herre; AE treffen 
also nur in der Ergänzung vil überein, entfernen sich aber in dem dabeiste- 
henden Adjectiv, das hinzugefügt ist, weil der Vers zu kurz schien, aber nicht 
ist, denn auf ich ruht hier offenbar ein Nachdruck. 

Seltener ist der umgekehrte Fall, daß die Hss. Worte weglassen, um den 
Vers geschmeidiger zu machen. So 125 in A daz si sich wol mohten under- 
sehen, ivol fehlt in EG und bei Paul, wodurch der zweisilbige Auftact beseitigt 
ist. Auch diese Übereinstimmung von EG ist erklärlich selbst wenn man sie als 
selbständige Quellen ansieht. — 126 der abbt sprach mm vil liebez leint' G; in 
der zweisilbigen sonst von Hartmann gebrauchten Form abbet überladen, daher 
B vil tilgt, während AE min auslassen. — 1811 da von er da wart ze schalle A; 
BE lassen das zweite da weg, wodurch der Vers den zweisilbigen Auftact ver- 
liert. Aber auch wenn man den Vers als einen mit überschlagender Silbe liest, 
so ist ersichtlich , daß die Weglassung von da eine metrische Correctur ist, 
wie in der nächsten Zeile (und ze prise für si edle) B aus gleichem Grunde 
und wegläßt. — 1895 Gregorjus sich des vil gar bewac AG, E hat vil nicht; die 
Übereinstimmung von AG entscheidet, die Lesung sichs vil gar, die ich schon 
früher vorschlug, ist daher zu setzen, wie Paul (Einleitung S. VI) für vielleicht 
richtig hält. -- 3744 gnade herre, sprach daz arme wip nach E, A hat arme 
weggelassen, um den schweren Auftact zu beseitigen. 

In den bisher erwähnten Stellen hat das echte sich in einer oder mehreren 
Handschriften erhalten. So auch noch in 1469, wo B liest er schuof daz man 
im streit. Schreibt man ime (vgl. S. 231), so ist der Vers ganz tadellos; bei 
der im 13. Jahrh. geläufigen Form im war er natürlicher mit drei Hebungen 
zu lesen. Daher setzen EG dd schuof er, A nü schuof er; die Ähnlichkeit in 
den Änderungen erklärt sich von selbst und konnte hier kaum vermieden werden. 
Einen analogen Fall bietet 1886, wo Paul ganz richtig schreibt man klaget 
mich niht ze vil, auch dieser Vers schien zu kurz, darum setzte die Vorlage 
von E man enklaget (E hat man euch läget), G mich doch niht, A endlich hat 
eine ähnliche Umstellung wie 1469: ja klagt man mich. Und noch ein ähn- 
licher Fall ist 2418, wo G der rede ist niht also (Paul enist niht); A der rede 
enist, herre, niht also, E aber ja ist der rede niht also, also wieder Umstellung 
und Vorschiebung einer Conjunction. 

An der zweiten Stelle hat keine Hs. das echte bewahrt und erst der 
Herausgeber hat es hergestellt. Dieser Fall aber ist viel häufiger noch anzu- 
nehmen. So 133, welche Stelle ich schon Germ. 14, 428 besprochen habe. 



LITTERATUR: H. PAUL, GREGORIUS. 233 

Hartmann schrieb der werlde vient sach; das änderten die Schreiber auf ver- 
schiedene Weise, G schrieb ersuch, E an ir sack, A endlich unreine statt werlde. 
der als erste Hebung und Senkung steht im Gregor noch 1983 der hertiste 
strit , wo G aller einschiebt; 2650 der wtselose man, wo E der vil setzt. 
So ist auch des gebraucht 3511 des nahtes beriet, und sicherlich auch den 
3488 den sündelosen man (vgl. 2650), wie A bat, während E schreibt disen, 
dieselbe Änderung, die V. 2415 A, 2199 H hat. — 464 der wärt ge- 
leitet hie, so schrieb Hartmaun ; A schiebt nach loart ein mit ir, E geliche, 
was Paul aufnimmt. — 1131 taete du im iht? fragt die Mutter, mit Nachdruck 
auf den Pronom. verweilend, A schreibt sich her, taete etc., E taete du im aber 
ihtfi — 1223 däz er in lone, A schiebt des, E herre vor lone ein. — 2244 
wand em luart nie gebom; statt nie hat A nie weizgot, H weizgot nie (so auch 
Paul), E ivaerlich nie. AH, die übrigens zu derselben Classe gehören, weichen 
in der Stellung des ergänzten Wortes ab. — 2415 daz wir der rede gedagen, 
dafür A diser rede (vgl. 2199 H, 3488 E), während E hie gedagen, G aldä 
gedagen statt gedagen setzen. — 2688 begen muoz von bejage; A von slme bejage 
(so auch Paul), E sich hie muoz für muoz. — 2808 da mac dir [wol A] werden 
[vil E] lue. — 2972 alse schiere [daz EG] er [do A] starp. , — 2988 [guot 
weisr und E] guot [ze A] rihlaere. — 3526 wd liezet ir si hie, A schreibt nü 
sagt wä, E get wä, wo in dem vorgeschobenen Verbum vielleicht jeht liegt. — 
3609 swen du beruorte, statt swen hat A swen er, E swen so, G swen in. — 
Anders ist die Abweichung 3679, wo die metrische Unregelmäßigkeit Ände- 
rungen veranlaßte. Hier schrieb H luas entwichen begarwe, dafür setzt A ent- 
wichen was begarwe, EG was entwichen garwe. 

Ich meine , daß man so zahlreichen Stellen doch ein Gewicht beilegen 
muß, ohne zu verlangen, daß die betreffenden Handschriften nun auch überall 
consequent verfahren im Andern. Ich will nun noch eine Reihe einzelner 
Stellen besprechen. 

218 folgt P. der Wortstellung von E unde wirde ich aber lüt, wo A hat 
aber ick. Im mhd. tritt aber in der Bedeutung 'dagegen gern vor das Pro- 
nomen, die Jüngern Hss. setzen es dem nhd. Gebrauche gemäß hinter dasselbe. 
Daher verdient Lachmanns Sehreibung abe ich (oder noch genauer ab ich) den 
Vorzug. Derselbe Fall 2100 nu xoolde er aber der mäze pflegen EH und Paul, 
A hat aber er, was Lachmann mit Recht in ab er verändert; die Übereinstim- 
mung von EH kann hierin nichts beweisen. Auch V. 798, nur in A stehend, 
und daz was ab in (A in aber) unmaere, und selbst 1539, wo alle drei Hss. 
AKII) lesen unde. bin ich aber ein zage, halte ich üb ich für das ursprünglich 
von Hartmann gesetzte. Ganz anders verhält es sich mit aber in der Bedeu- 
tung 'abermals; dann steht es nach dem Pronomen; so 2142. Ahnlieh wie 
mit aber verhält es sich mit ouch, auch dies snlit, wenn es sich gleich auf 
den ganzen Satz bezieht, gern vor dem Pronomen; so liest A dem altern 
Sprachgebrauchc gemäß 840 und hueten ouch daz wol getan, wo CE daz ouch, 
wie die jüngeren Hss. pflegen. 

901 daz sich der ermer man; wenn gleich diese Versform bei Hartmann 

nicht anstößig ist, so ist doch im letzten Zehnt des \~>. Jahrh. die Form 

ere oder ärmere wahrscheinlicher, also daz sich der irinire man. Auch 8201 

ist mit Recht morg< a die Hbs. geschrieben worden; so wird der Vers 

besser 1434 durch satelea für satels; so i.i vrevele 80 gegen die Hss. für 



234 LITTERATUK. II. PAUL, GREGOEIUS. 

vrevel gesetzt worden; so 2039 übele für übel, und das gleiche gilt 1597 swie 
iibele wirz kuntien, wo Paul mit, den Hss. »bei setzt. 1054 macht die zweisil- 
bige Form unze (wofür A unz daz setzt) den Vers weniger hart; wie 908 ime 
für im. 

922. wahrscheinlich schrieb Hartmann yolt und die sidine wäl , mit Weg- 
lassung des Artikels bei dem ersten der durch und verbundenen Worte. Ganz 
richtig hat Paul 2340 geschrieben der hat tavel und daz gewant, was auch 
keine Hs. so bietet und was derselbe Fall ist. Ein dritter ist haet ich geburt 
und daz yuot 1330, was E bietet; ein vierter 1883 beidui sterke und den muot, 
wie Paul mit G liest, nur daß G noch und ouch statt und hat. 

1117. A hat häufig die Vorsilbe ge gegen die jüngere Hss., die sie weg- 
lassen. So hier mit zweisilbigem Auftact nu gefuoyt, CE nu fuogte; ebenso 1119 
er getet, CE er tet; 3397 und geruochel, E und ruochet. Auch an anderer Vers- 
stelle: und sich ze den brüsten gesluoc A, sluoc G, während E zuo den brüsten 
sich sluoc. An allen diesen Stellen ist die Lesart von A zu bevorzugen, da 
hier eine wenn auch nur geringe metrische Correctur vorliegt. 

1125 gegenlief in A halte ich für ursprünglicher als engeyenlief CE, wel- 
ches wie eine sehr nahe liegende Besserung des seltenern Ausdruckes aussieht. 
1425 undern arm, besser wohl under arm, E hat under arme; die Hin- 
zufügung des Artikels in AG beweist nichts, wohl aber die in späterer Zeit 
unübliche Weglassung desselben, die sich in E erhalten hat. Auch 1949 ist 
under arm das ursprüngliche, B hat under den arm, EG under die arm, keine 
Hs. also die Pluralform ; der Artikel ist mithin eingeschoben. 

1531 ist ohne Noth geändert; wenn iemn statthafte Kürzung ist, dann 
darf auch noch, das alle Hss. haben, bleiben; man lese mit zweisilbigem Auf- 
tact dan si sich noch iemn versagte. 

1584 der triuwen veste AH; in der Anm. wird die Lesart von EG der 
getriuwen veste als ebenso gut bezeichnet. Ich kann das nicht finden; die Lesart 
von EG ist offenbar aus dem nicht mehr verstandenen gen. (der allerdings in 
ehrenfest sich erhielt) hervorgegangene Corruption. So setzt Nib. 1142, 4 
statt si was triuwen itaete C, die Hs. a treue und stät. 

1637 bereite EG, gereite AB; letzteres ist die in älterer Zeit übliche 
Form, die hier außerdem durch die Übereinstimmung von AB wahrscheinlich 
wird. Ebenso haben EG bereite 2156, wo AH gereite; 2881 EG gegen A. 
Auch sonst wechseln die Präpositionen, wo überall der ältere Gebrauch zu 
Gunsten von A entscheidet; 1902 A benomen, EG genomen; 2000 A bedroz, 
EG verdroz. Man vgl. auch 3602 A sänge, wo G gesange, E gesangen, Paul 
schreibt die in Jüngern Hss. durchaus übliche Form gesange. 

1920 michelme nach Lachmanns Vorgang, ohne Hs. , die Form michelem 
in A ist ganz richtig und nur einer falschen Regel zu Liebe, von der sich 
Paul ja auch losgesagt hat, von Lachmann beseitigt worden. 

2182 die lüge in A halte ich für die richtige Lesart; E laßt den Arti- 
kel aus, H setzt abweichend böse mere. die in der Bedeutung derartig gab 
den Anstoß zur Weglassung in E. So auch 3389 der sin, der Up , die site, 
wo E vor die einschiebt dar zuo. 

3401 siver umbe den anderen Ute E, scheint mir besser als den sündaere 
in A; denn diese Lesart würde voraussetzen, daß der Bittende sich selbst nicht 
als Sünder betrachte. 



MISCELLEN. 235 

3558 ist näher in A, wofür E suder hat, das richtige; vgl. Bech in der 
Germania 17, 295. 

3711 lebende in A verdient den Vorzug; jüngere Hss., wie hier EG, setzen 
dafür lebendig. 

3803 den fehlenden Vers würde ich jetzt nach 3804 ergänzen: swen des 
der tiuvel schündet, daz er dar üf sündet, den hat er überwunden. Der ergänzte 
Vers wörtlich wie 9\ Der gleiche Fall mehrfach, wie Paul in den Anm. her- 
vorhebt: 745 = 1673. 1442 = 1946. 2642 = 3090. 

Die beigefügten Anmerkungen enthalten meist Rechtfertigungen der ge- 
wählten Lesarten. Sie erstrecken sich zum Theil über den Gregor hinaus und 
behandeln Punkte, die für die kritische Behandlung aller Hartmannschen Werke 
beachtenswerth sind. Dieselben sind seitdem in der werthvollen Abhandlung über 
den Iwein (Pauls und Braunes Beiträge I) ergänzt und erweitert worden. Beide 
Arbeiten legen Zeugniss von des Verfassers Scharfsinn und methodischer For- 
schung ab und beweisen aufs Neue, wie viel auch die Lachmannsche Methode, 
deren hohe Bedeutung für unsere Wissenschaft wir wahrlich nicht unterschätzen, 
der Weiterbildung bedarf. 

HEIDELBERG, 29. Mai 1874. K. BARTSCH. 



MISCELLEN. 



Hoffmann von Fallersleben. 

Ein vielbewegtes Leben hat mit dem Tode Hoffmanns von Fallersleben 
seinen Abschluß gefunden ; ein Mann ist aus dem Kreise der Germanisten 
geschieden, der wiewohl einer der ältesten an Jahren, bis zuletzt sich doch 
die Frische des Geistes , die Rüstigkeit des Körpers bewahrt hatte. In ihm 
ist der Wissenschaft ein verdienter Forscher, dem Vaterlande ein geliebter und 
volkstümlicher Dichter entrissen worden. 

Hoff mann hat sein Leben selbst, vielleicht breiter als man wünschen 
möchte, in sechs Bänden (Hannover 1868) beschrieben. Es wird daher genügen, 
an die allgemein bekannten Umrisse seines Lebens kurz zu erinnern, und nur 
auf den Anfängen seiner Entwicklung, die ja immer besonders anziehend 
bleiben, wollen wir etwas verweilen. Hoffinann war am 2. April 1798 in dem 
hannoverschen Flecken Fallersleben geboren, und wuchs in einfachen, beschei- 
den bürgerlichen Verhältnissen auf, in innigem Verkehr mit der Natur, die 
die dichterische Ader frühe in ihm weckte. 1812 kam er auf das Pädagogium 
zu Helmstedt, zwei Jahre nachher auf das Katharineum zu Braunschweig, dem 
auch Lachmann wenige Jahre zuvor noch als Schüler angehört hatte. 1816 
bezog er die Universität Göttingen in der Absicht Theologe zu werden. Allein 
bald gewannen andere Neigungen die Oberhand; er trieb mit Vorliebe kunst- 
geschichtliche und sprachliche Studien. Dieser Kunsttrieb führte ihn 1818 
nach Kassel, wo er die dort befindlichen Antiken studieren wollte. In Kassel 
machte er die Bekanntschaft der Brüder Grimm, und eine Unterredung mit 



236 MISCELLEN. 

Jacob wurde, wie uns Hoffuiann selbst erzählt, entscheidend für sein Leben. 
Er begab sich 1819 nach Bonn und widmete sich von da an ausschließlich 
der deutschen Philologie. In Bonn erschieu auch 1821 seine erste litterarische 
Arbeit, die Bonner Bruchstücke vom Otfried. Die Ferien benutzte er zu For- 
schungsreisen durch Belgien, die Rheinlande und Westfalen, überall nach guter 
deutscher Art zu Fuß wandernd und insbesondere den Volksliedern nachspürend. 
Wichtiger wurde die 1821 unternommene Reise nach Holland, die den altnieder- 
ländischen Litteraturquellen gewidmet war. Aus Holland zurückgekehrt, siedelte 
er nach Berlin über, wo er namentlich in Meusebachs Hause viel verkehrte. 
Zwei Jahre später erhielt er seine erste Anstellung als Custos an der Univer- 
sitätsbibliothek zu Breslau, ein Amt, zu dem er durch seine bibliographischen 
Talente und Kenntnisse sehr befähigt war, das aber doch zu viel des Me- 
chanischen mit sich brachte, als daß es den Dichter nicht hätte bald mit 
Unlust erfüllen sollen. Mehr seinen Neigungen entsprach die akademische Thätig- 
keit, die ihm durch seine Ernennung zum außerordentl. Professor der deutschen 
Sprache und Litteratur im J. 1830 eröffnet wurde. 1835 Ordinarius geworden, 
zog er sich 1838 ganz von der Bibliothek zurück, um nur seinem Lehrberufe 
und seinen Arbeiten zu leben. Manche später rühmlich bekannte Männer, wie 
H. Wuttke, F. Liebrecht, H. Palm, G. Freytag, E. Sommer, haben zu seinen 
Füssen gesessen. Seine Vorlesungen erstreckten sich auf deutsche Litteratur, 
Grammatik, Interpretation, Encyclopädie und Handschriftenkunde*). Ein Jahr 
nach seinem Rücktritt von der Bibliothek unternahm er eine längere Reise durch 
Osterreich, Süddeutschland, die Schweiz und Frankreich. Die politischen Ein- 
drücke derselben spiegeln seine berühmten 'unpolitischen Lieder 5 (1840 — 41) 
ab, die für ihn verhängnissvoll werden sollten. In Untersuchung deßwegen ge- 
zogen, wurde er am 20. Dec. 1842 seines Amtes für verlustig erklärt. Nun 
folgte jenes unstäte Wanderleben, das, getheilt in Ovationen von Seiten der 
Liberalen und in Plackereien von Seiten der Regierungen und der Polizei, erst 
mit seiner Rehabilitierung im J. 1848 ein Ende fand. Eine Wiedereinsetzung 
in sein Amt erfolgte jedoch nicht, er wurde auf Wartegeld gestellt. Die nächsten 
Jahre verlebte er, seit 1849 verheirathet, am Rheine, meist in Neuwied, bis 
er 1854 auf eine Einladung vom Weimarer Hofe nach Weimar übersiedelte 
und hier mit Schade zusammen das Weimarische Jahrbuch herausgab. Allein 
auch dieß Verhältniss dauerte nur wenige Jahre und gewährte ihm außerdem 
keine feste und gesicherte Existenz. Eine solche fand er erst 1860, indem der 
Herzog von Ratibor ihn zum fürstlichen Bibliothekar in Corvey ernannte. Es war 
eine Sinecure, die ihm gestattete seiner alten Wanderlust in zahlreichen grösseren 
und kleineren Reisen nachzuhängen. In völliger Gesundheit traf ihn hier am 



*) Ein genaueres Verzeichnis* derselben verdanke ich J. M. Wagners Gefällig- 
keit. Es sind folgende: Handschriftenkunde (deutsche, mit praktischen Übungen, in 
jedem Semester); Geschichte des deutschen Kirchenliedes: Geschieht«' der deutschen 
Litteratur von Otfried bis zu Ende des 18. Jahrh. ; Geschichte der Studien der deutschen 
Sprache und Litteratur; über das deutsche Volkslied; mhd. Grammatik; Hartmanns 
armer Heinrich; Walther; Reineke de Vos; Hebels alemann. Gedichte; holländische 
Grammatik; Geschichte der deutschen Litteratur des 15. 16. u. 17. Jahrb.; schriftl. u. 
mündl. Übungen im Gebiete der deutschen Sprache u. Literaturgeschichte ; Encyclo- 
pädie der deutschen Philologie ; Freidank; Deutsche Etymologie; Deutsche Literatur- 
geschichte der neuern Zeit ; Geschichte der germ. Litteratur im MA. (deutsch, niederd., 
nl., fries., ags., scandin.). 



MISCELLEN. 237 

8. Jan. 1874 im Kreise der Seinen ein Schlaganfall, der sich am 20. Jan. 
wiederholte und sein Leben endete. 

Hoffmanns schriftstellerische Thätigkeit liegt bis zum Jahre 1868 über- 
sichtlich vor in J. M. Wagners Jubiläumsschrift*). Sie beginnt auf wissen- 
schaftlichem Gebiete mit den schon erwähnten Bonner Bruchstücken vom Otfried 
(1821), und schließt nach mehr als 50 Jahren mit dem Henneke Knecht (1872). 
In dem erstgenannten Jahre hebt auch schon sein hochverdienstliches Wirken 
auf niederländ. Gebiete an, indem er in dem Leidener Kunst- en Letterbode 
von 1821 eine Reihe von Artikeln über die altniederl. Litteratur veröffentlichte. 
Ihren Mittelpunkt fanden die hieher fallenden Arbeiten in den 12 Theilen der 
Horae belgieae' (1830 — 1862), die, wie die Niederländer selbst freudig und 
dankbar anerkannt haben, zur Belebung und Förderung der niederländ. Studien 
in höchst bedeutender Weise beitrugen. Hier waren eine Reihe wichtiger Denkmäler 
in sauberen Texten vorgelegt, außerdem im 1. Theil (2. Aufl. 1857) eine litterar- 
historische Übersicht, die die Sammlung eröffnete; der 7. Theil enthielt ein prak- 
tisch zu Nachträgen eingerichtetes mnl. Glossar. Wie sehr sich H. in die nl. 
Sprache eingelebt hatte, beweisen am besten die im 8. Theile erschie.nenen Lo- 
verkens (1852), welche von ihm selbst verfasste altniederl. Lieder enthielten und 
so gut den Ton trafen, daß sogar ein Willems sie für echt halten konnte**). 

Wie hier auf niederl. Gebiete, so erwarb sich H. ein, wenn auch nicht 
gleich großes, anerkennungswerthes Verdienst um die ältere hochdeutsche Litteratur 
in seinen Fundgruben für Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur , 
deren 1. Band 1830 erschien, und außer einer Anzahl ahd. zum Theil hier 
zuerst veröffentlichter Sachen die erste kritische Übersicht der Dichtungen des 
12. Jahrhs. gab, und am Schluße ein verdienstliches Glossar für das 12 — 14. 
Jahrh. von Hoffmann und Wackernagel enthielt. Noch reichhaltiger war der 
2. Bd. (1837), der altdeutsche Quellen größtenteils aus österreichischen Biblio- 
theken lieferte, darunter den von Hoffmann entdeckten und benannten Merigarto. 
Seinen glücklichen Spürsinn bethätigte H. wie hier, so namentlich in der Auf- 
findung des verlornen Ludwigsleiches, den er zugleich mit dem ältesten franzö- 
sischen Gedichte, der h. Eulalia, entdeckte und 1837 als Elnonensia herausgab. 
Mit Haupt verband er sich zur Herausgabe der altdeutschen Blätter (1835 — 40), 
der ersten germanistischen Zeitschrift von wirklich wissenschaftlichem Charakter, 
an welcher sich H. durch zahlreiche Beiträge, hauptsächlich Mittheilungen aus 
Handschriften, betheiligte, und an die sich nach ihrem Aufhören unmittelbar 
Haupts Zeitschrift für deutsches Alterthum anschloß. Den nach allen Seiteii 
gewandten Blick zeigte das verdienstliche Buch die deutsche Philologie im Grund- 
riß | 1836), der erste und bis jetzt einzige Versuch, die Litteratur der deutschen 
Philologie systematisch geordnet zusammenzustellen. Er war aus dem akademischen 
Bedürfniss hervorgegangen, entsprach aber ebenso einem Bedürfniss der Wissen- 
schaft, so daß man sich wundern muß, diesen Plan nicht weifer ausgebaut und 
fortgeführt zu sehen. Wiederum ein anderes Gebiet, das mit seiner alten Vorliebe 
und seinen Studien für das Volkslied zusammenhieng, betrat er in seiner Ge- 
schichte des deutschen Kirchenliedes !>is auf Luther' '1*32, 2. Ausg. 1854***), 

1818 1868 Wie] 1868. .Mit einem Nachtrag. Dresden 18 
Weitere folgten im Weimar. Jahrbuch 4. 102 ff.; wiederholt im 12. Theile 
<1< i Sorae belgieae. 

***) Die von 1861 ist nui eine neue Titelausgabe. 



238 MISCELLEN. 

worin ein reicher, weit zerstreuter Stoff zum ersten Male kritisch gesammelt und 
gesichtet dargelegt war. Es ist dieß Buch vielleicht unter allen Arbeiten von Hoff- 
mann die wissenschaftlich bedeutendste; freilich eine eigentliche Geschichte in zu- 
sammenhängender Entwicklung ist es nicht, wie überhaupt größere zusammen- 
hängende Darstellung weniger seine Sache war. Seine Thätigkeit war mehr auf 
Sammeln von Quellen und Quellennachweisen , auf Zugänglichmachen von Mate- 
rialien als auf Verarbeitung in größerem Umfange gerichtet. Daß er zu letzterer 
das Zeug hatte, beweist manche kleinere Abhandlung und würde schon aus 
seiner künstlerisch so reich angelegten Natur sich folgern lassen. Dem welt- 
lichen Volksliede, zu dem auch seine eigene Dichtung in nächstem Verhältniss 
steht, gehört seine Sammlung schlesischer Volkslieder mit Melodien (1842) an, 
wie schon früher die niederländ. Volkslieder, die den 2. Theil der Horae belgicae 
(1833, 2. Aufl. 1856) bildeten. An der Grenze stehen 'unsere volksthümlicheu 
Lieder' (1859, 3. Aufl. 1869), und 'die deutschen Gesellschaftslieder des 16. 
und 17. Jabrhs/ (1860), beide Bucher nicht nur eine Sammlung neuen Materials 
und neuer Quellen, sondern auch ein neuer Beweis von Hoffmanns Schartsinn 
und Spürsinn. Wie viele dunkle Punkte hat er mit diesen Gaben aufgehellt, 
wie vielen wenig bekannten Schriftstellern ist er nachgegangen und hat sie aus 
der Verborgenheit gezogen! So namentlich den Schlesiern in seinen Spenden 
zur deutschen Litteraturgeschichte' (1845). Den trefflichen Plan zu einer Bücher- 
kunde der deutschen Dichtung bis zum J. 1700 ließ er leider unausgeführt 
und gab nur in einer bibliographischen Zusammenstellung über M. Opitz (1858) 
eine vielverheißende Probe. Zu einer solchen Arbeit wäre er vor vielen Andern 
befähigt gewesen. In solchen litterarischen Sammelwerken fand seine wissenschaft- 
liche Kraft ihren Mittelpunkt; die philologische Thätigkeit der Textbearbeitung 
war, auch wenn sein Reineke Vos (1834, 2. Aufl. 1852), sein niederd. Aesopus 
(1870), sowie seine ahd., mhd. und mnl. Texte das Lob verständiger und ein- 
sichtiger Behandlung verdienen, nicht das ihm eigenst zusagende Gebiet. Darin 
haben ihn viele andere übertroffen, die mnl. Sachen sind später von einheimi- 
schen Gelehrten kritisch vollkommener ediert worden; die Arbeiten von ihm, die 
den bleibendsten Werth haben, sind litterarhistorischer Art, sind litterarische 
Sammelwerke, aber nicht Zeugnisse des mechanischen Sammeins, sondern voll 
Geist und Leben, Zeugnisse seines Scharfsinns, wir möchten sagen, auch einer 
Schlauheit, die aus seinen lebendigen schalkhaften Augen herausblitzte. 

K. BARTSCH. 



Moriz Haupt. 
Dem Manne, dessen Leben und Wirken wir eben besprochen haben, ist 
wenige Wochen nachher in gleich plötzlicher Weise ein anderer gefolgt, der, mit 
Hoffmann in den Anfängen seines litterarischeu Wirkens eng verbunden, sich 
von ihm aber seit 30 Jahren mehr und mehr getrennt hatte: Moriz Haupt, der 
zuerst auf germanistischem Gebiete durch die mit Hoti'mann herausgegebenen 
altdeutschen Blätter bekannt wurde. Haupt wurde am 27. Juli 1808 in Zittau 
geboren, der Sohn des dortigen Bürgermeisters, eines Mannes von feiner classischer 
Bildung, der sich als geschmackvoller Übersetzer deutscher Kirchenlieder und 
Goethescher Gedichte ins Lateinische einen Namen gemacht hat. Schon in der 
Jugend von Liebe für die damals erblühende germanische Philologie erfüllt, blieb 



MISCELLEN. 239 

M. Haupt dieser Liebe auch treu, als er unter Leitung G. Hermanns, dessen 
Schwiegersohn er später wurde, von 1826 — 30 in Leipzig der classischen Philo- 
logie sich widmete. War ja doch die Methode der letzteren die mustergiltige 
wie überhaupt, so insbesondere für diejenige Richtung auch in der deutschen 
Philologie, welche Haupt nach seiner ganzen Naturanlage fast ausschließlich 
cultivierte: die kritische. Sie hatte Lachmann auf altdeutsche Texte zuerst 
angewandt, Lachmanns kritische Leistungen wurden daher Haupts Leitsterne 
auf deutschem Gebiete, wenngleich er nicht sein Zuhörer gewesen*), demnach 
als sein Schüler in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht bezeichnet werden 
kann. Nach längerem Privatstudium in seiner Vaterstadt habilitierte eich H. 
1837 als Docent in Leipzig mit einer Schrift über Catull; schon im folgenden 
Jahre wurde er zum außerordentl. Professor ernannt und erhielt 1843 den neu 
errichteten ordentl. Lehrstuhl für deutsche Sprache und Litteratur. Doch war 
auch jetzt seine Lehrthätigkeit ebenso der classischen wie der deutschen Philo- 
logie gewidmet, und nach beiden Seiten hin eine den übereinstimmenden Aus- 
sagen aller seiner Hörer zufolge anregende und fruchtbare. Ihr wurde ein plötz- 
liches Ziel im J. 1850 gesetzt, in welchem Haupt wegen seiner Betheiliguug 
an den politischen Bewegungen der Jahre 1848 und 1849, zugleich mit Th. 
Mommsen und 0. Jahn, seines Amtes entsetzt wurde, wiewohl die vorangegangene 
Untersuchung mit seiner Freisprechung geendet hatte. Doch behielt er das 
Secretariat der philol. histor. Classe der sächs. Gesellschaft der Wissenschaften 
(er war seit 1848 deren Mitglied), das er eben übernommen hatte, bei, und 
lebte als Privatgelehrter in Leipzig. Erst durch seine Berufung nach Berlin 
als Nachfolger Lachmanns 1 854 gelangte er wieder in eine akademische Lehr- 
stellung und hielt in dieser wie später gleichzeitig germanistische und classisch- 
philologische Vorlesungen; erst als an Stelle des 1856 verstorbenen F. H. v. d, 
Hagen im J. 1858 Müllenhoff nach Berlin berufen wurde, verzichtete H. , um 
Müllenhoff8 Wirkungskreis nicht zu schmälern, auf die germanistische Lehr- 
thätigkeit. Gleich bei seiner Berufung wurde er zum Mitglied der Berliner Aka- 
demie der Wissenschaften erwählt und bekleidete seit 1861 als Nachfolger Böckhs 
das Amt eines Secretärs der philosophisch-historischen Classe. Seit einer Reihe 
von Jahren litt er an nervöser Reizbarkeit und suchte alljährlich in den Ferien 
Erholung und Stärkung in längerem Aufenthalte in den Bergen, gewöhnlich in 
dem herrlich gelegenen Reichenhall in Baiern. Ein rascher Tod trat au ihn 
heran: in der Nacht vom 5. zum 6. Februar 1874 vom Schlage getroffen, 
wurde er am Morgen todt im Bette gefunden, nachdem er am Tage vorher die 
Vorlesungen wegen Unwohlseins hatte aufgeben müssen. 

Haupt theilt mit Lachmann das Wirken auf dem Doppelgebiete der classischen 
und deutschen Philologie, und zwar in seinen Schriften und in seinem Lehramte. 
Wir haben uns nur mit Haupts germanistischer Thätigkeit zu beschäftigen und 
gehen auf das, was er auf griechisch-römischem Gebiete, besonders auf letzterem 
geleistet, niclit ein. Die wissenschaftliche Richtung Haupts auf beiden Gebieten 
ist durchaus dieselbe. Die ersten Früchte seiner germanistischen Studien wurden 
in des Frli. v. Aufseß Anzeiger i'Wr Kunde des deutschen Mittelalters (2. .Jahrg. 
1833; niedergelegt, und schon sie zeigen eine nicht gewöhnliche Belesenheit 
uul verschiedenen Gebieten. So gibt er 2, 15 f. ein paar Bemerkungen zum 



*) H. lernte Lachmann persönlich erat 1834 in Meusebachs Hauso kennen, 



240 M1SCELLEN. 

Grafen Rudolf, und verweist neben mhd. auch auf nd. Parallelstelleu und auf 
eine aus dem Poema del Cid. Seine Bekanntschaft mit den romanischen Spra- 
chen, uamentlich mit dem Altfranzösischen, bekunden auch die Beiträge in 
den altdeutschen Blättern (seit 1835). Nicht minder geben sie Zeuguiss von 
seinen Studien auf dem Gebiete der lateinischen Poesie des Mittelalters. Die 
textkritische Richtung, welche den Mittelpunkt seines gesammten Wirkens bildet, 
tritt schon hier überall hervor, und darin unterscheiden sich seine Beiträge von 
denen seines Mitarbeiters Hoffmann, daß dieser im wesentlichen handschriftlich 
treue, Haupt aber immer kritisch bearbeitete Texte gibt, außer wo er ganz 
junge Sprachquellen (wie a. Bl. 1, 52 ff.) mittheilt. Mehrere noch nicht edierte 
Gedichte, wie ein Salve Regina, der Spiegel der Tugend, Beispiele, Pfaffen- 
leben etc., wurden hier von ihm und gleich in einer Gestalt veröffentlicht, die 
von Haupts kritischer Befähigung das beste Zeugniss ablegt. Diese kritische 
Thätigkeit setzte er auch in der von ihm 1841 begründeten Zeitschrift für 
deutsches Alterthum fort, die bald der Mittelpunkt der altdeutschen Studien 
wurde und, in ernstem wissenschaftlichen Geiste geleitet, zum Ausbau der ger- 
manistischen Wissenschaft nach allen Seiten wesentlich beigetragen hat. Hier 
lieferte er die Ausgaben der h. Margaretha, der Warnung, des Bonus, des 
Servatius, des Helmbrecht, von Konrads Pantaleon und Alexius etc. Seine erste 
selbständig erschienene Textedition war Hartmanns Erec (1839), ebenfalls eine 
editio princeps; ein schwieriges Unternehmen, da es sich darum handelte, aus 
einer einzigen sehr späten und vielfach corrumpierten Hs. das Gedicht herzu- 
stellen. Wenn auch durch die Ausgabe des Iwein für die Erkenntniss von 
Hartmanns Art und Kunst viel vorgearbeitet war, wenn auch Lachmann, dem 
die Ausgabe gewidmet war, viele schöne Besserungen schwieriger Stellen beige- 
steuert hatte, so blieb doch das meiste dem Herausgeber zu thun übrig, und 
er hat seine Aufgabe sich nicht leicht gemacht, er hat sie im Ganzen trefflich 
gelöst. Im nächsten Jahre (1840) schloß sich Rudolfs von Ems guter Gerhard 
an , ebenfalls zum ersten Male herausgegeben, nach zwei Hss., von denen die 
eine, die die meisten Lücken der andern ergänzt, nichts weniger als zu loben 
war. Die Recension Pfeiffers in den Münchener Gel. Anzeigen brachte aus sorg- 
fältigem Studium der Werke Rudolfs, namentlich auch des noch ungedruckteu 
Wilhelm, viele Besserungen, die Haupt mit voller Anerkennung in seiner Zeit- 
schrift abdrucken ließ. Die nächste Arbeit war wieder Hartmann gewidmet: 
zu Beneckes Jubiläum (1842) erschien Haupts kritische Bearbeitung vou Hart- 
manns Liedern und Büchlein sowie vom armen Heinrich, der letztere freilich 
wesentlich auf Lachmanns Rec. in der Auswahl beruhend, die Lieder und 
Büchlein aber zuerst in kritischer Gestalt. Auch hier waren die Büchlein aus 
ganz später Überlieferung herzustellen. Noch mehr war dieß der Fall bei der 
Ausgabe von Konrads Engelhart (1844), für den nur ein Druck des 16. Jahrhs. 
vorlag. Nur bei einem Dichter von so ausgeprägter Manier wie Konracl, dessen 
Werke zugleich so zahlreich sind, konnte das Kunststück der Herstellung so 
gelingen wie es gelang; aber es gelang nur durch die gründliche Beschäftigung 
mit dem Dichter, die die Anmerkungen beweisen. Von geringer Bedeutung 
sind der Winsbecke und die Winsbeckin (1845) und Gottfrieds von Neifen Lieder 
(1851); denn hier war die Überlieferung leidlich gut, in der rhythmischen 
Anordnung aber ließen Neifeus Lieder manches zu wünschen übrig. Nach läugerer 
Pause, welche sich durch die Übersiedlung nach Berlin erklärt, folgten ziemlich 



M1SCELLEN. 24) 

gleichzeitig der aus Lachmanns Nachlaß übernommene, von Haupt vollendete 
Minnesangs Frühling (1857) und Neidhart von Reuenthal (1858). In jenem 
war der größere Theil der Texte von Haupt bearbeitet, die Anmerkungen fast 
ganz sein Werk. Die Texte waren hier zum ersten Mal kritisch bereinigt, 
echtes und unechtes geschieden, in den Anmerkungen urkundliches Material 
zu den Dichtern und Erklärungen zu einzelnen Stellen beigebracht. Freilich 
war die Textbehaudluug mangelhaft nach der sprachlichen Seite, der ursprüng- 
liche Dialect in bunter Mischung mit der Überlieferung, in einer Sprache, die 
nie existiert hat, über Echtheit und Unechtheit nicht selten absprechend geurtheilt. 
der Kritik mithin noch ein reiches Feld gelassen. Neidhart ist wohl Haupts 
bedeutendste Leistung; die sehr schwierigen kritischen Fragen boten alle Gelegen- 
heit kritischeu Tact und Sicherheit zu bewähren, die Scheidung von echtem 
und unechtem ist hier Haupt wohl besser als irgendwo geglückt. Mit dein Zurück- 
ziehen vom germanistischen Lehramte schien auch seine litterarische Thätigkeit 
auf diesem Gebiete verschwunden , denn es vergieugen dreizehn Jahre, bis wieder 
etwas selbständiges germanistisches von Haupt erschien. Nun kamen aber fast 
gleichzeitig der zu Homeyers Jubiläum (1871) herausgegebene Moriz von Craon, 
das Gedicht von dem üblen Weibe und endlich die zweite Ausgabe des Erec. 
Die vornehme Abgeschlossenheit, die schon in den letzten Jahren der 50er 
sich stark bemerklich macht, hat hier ihren Höhepunkt erreicht. Und das üble 
war, daß das geleistete gar nicht im Verhältniss stand zu dem erhabenen Staud- 
punkte, auf den der Herausgeber sich stellte. Die beiden kleiuen Sachen be- 
durften kaum einer kritischen Meisterhand, auch war im M. v. Craon vieles von 
dem ersten Herausgeber (Maßmann) vorweggenommen, was hier einfach mit Still- 
schweigen übergangen war. Mit der zweiten Ausgabe des Erec kehrte Haupt 
zu seinem Anfange zurück. Dem Gedichte hatten seit 1839 eine Reihe nam- 
hafter Germanisten ihre Aufmerksamkeit zugewendet: Benecke, W. Grimm, W. 
Wackernagel, Pfeiffer, W. Müller und Bech. Während den früheren kritischen 
Beiträgen Haupt meist Aufnahme gestattet, verhält er sich gegen die meisten 
Besserungen der drei letztgenannten ignorierend oder abwehrend. Bechs Ausgabe 
wird mit einigen Sätzen von Vocabelkenutniss, die sich für Sprachkenntniss halte, 
von wahnschaffener Metrik etc. abgethan. Sieht man darauf hin Text und Anin. 
Haupts au, so stellt sich heraus, daß der guten neuen Besserungen bei ihm 
sehr wenige sind, daß den gekünstelten Lachmannschen Regeln der Metrik zu 
Liebe der Text willkürlich behandelt wird, und daß die Anmerkungen im Wesent- 
lichen auch nichts bringen als Parallelstellen aus der tnlui. Litteratur, nur massen- 
hafter als dieß nach der Einrichtung von Bechs Ausgabe geschehen konnte. 
Daß sie aber wirklich neue Gesichtspunkte eröffnen, daß sie mehr thun, als 
schon bekanntes aus einer allerdings reichen Leetüre weiter belegen, kann man 
nicht einräumen. Eine solche Leistung berechtigte nicht entfernt zu einem solchen 
maßlosen Hochmuthe, wie ihn das ganze Buch zur Schau trägt. Auch die 
kleinen Beiträge in seiner Zeitschrift, die Ährenlese ist in demselben Stil: 
dabei aber zeigt sich nicht nur, daß der Sammler dieser Ähren völlig anorientiert 
war in der Quellenkunde wie in dem was si it den Jahren seiner Zurückgezo- 
genheit geschehen — indem er von andern längst gefundenes als neu aufti 
— sondern auch daß er vergessen, was er lelbsl in derselben Zeitschrift vor 
Jahren als Textbesserungen beigebracht hatte. 

OKRM.ANIA. Neue Keihe Vll. (\i\i «Uhr* [Q 



242 MISCELLEN. 

Überblicken wir noch einmal Haupts germanistische Thätigkeit, so finden 
wir, daß dieselbe fast ganz auf textkritische Arbeiten sich beschränkt. Neue weit- 
tragende Gesichtspunkte wird man bei ihm nicht suchen dürfen. Er kannte die 
Grenzen seiner Begabung und daß er innerhalb derselben sich hielt, wird man nur 
loben können. Aber auch wenn er innerhalb dieser Grenzen das vollkommenste ge- 
leiste hätte, auch dann könnten wir darin keine Berechtigung zu jener Selbstüber- 
hebung erblicken. Weit entfernt textkritische Leistungen herabsetzen zu wollen, 
kann ich in ihnen doch nicht eines der höchsten Ziele der Wissenschaft sehen. 
Epochemachend werden sie nur dann sein, wenn sie wie die Lachmanns wirklich 
eine neue Bahn gewiesen. Das kann man aber von keinem Hauptschen Buche 
sagen. Alle seine Arbeiten sind Muster von Sauberkeit und Umsicht, zeugen 
von Scharfsinn und kritischer Begabung, von Beherrschung des Stoffes, von im- 
menser Belesenheit, von ausgebreitetem Wissen , — aber das sind noch keine 
Eigenschaften, die einen grossen Philologen macheu. Wir stehen auch nicht an. 
Haupt den feinen ästhetischen Sinn zuzusprechen, der zum Verständniss und 
zur Erklärung namentlich von Dichterwerkeu gehört und der in seinen akademischen 
Vorträgen zu Tage trat — wir zweifeln auch gar nicht, daß er die Anlage 
zu eigentlich schöpferischen Arbeiten besaß; aber wir haben die Summe seiner 
Leistungen zu ziehen nach dem was vorliegt, und da glauben wir seinen Ver- 
diensten in dem, was wir über dieselben gesagt, nichts entzogen zu haben, 
sondern ihnen gerecht geworden zu sein. Sein ehrenvoller Platz in der Geschichte 
unserer Wissenschaft bleibt ihm gesichert; er hat zur Festigung der von Lachmann 
begründeten kritischen Methode fördernd beigetragen ; sie wirklich weiterzubilden, 
daran verhinderte ihn jene ungemessene Ehrfurcht vor diesem Manne, dem 
er sich ganz zu eigen hingab, und von dessen Lehren und Ansichten abzu- 
weichen ihm nicht nur als Irrthum, sondern als Schlechtigkeit und Unsittlichkeit 
erschien*). K. BARTSCH. 

Eduard von Kausler. 

Heinrich Eduard v. Kausler ist am 20. August 1801 in Wirinenden ge- 
boren, wo sein Vater als Rechtsanwalt lebte. Er besuchte das Gymnasium in 
Stuttgart und machte seine Studien in Tübingen, Göttingen und Berlin. Neben 
der Rechtswissenschaft zogen ihn besonders die Vorlesungen Valentin Schmidts 
an, in denen er für seine romantischen Neigungen wissenschaftliche Begründung 
und Vertiefung fand. 

Bald nach der Rückkehr in die Heimath. 1826, trat Kausler, erst als 
freiwilligei Arbeiter, dann als besoldeter Assistent beim k. wihttembergiseken 
geheimen Haus- und Staatsarchiv in Stuttgart in amtliche Thätigkeit und stieg 
allmählich zum Archivar und Archivrath auf. Daß ihm das Einrücken in die 
Direction versagt blieb und er dafür 1859 mit dem Titel und Rang eines 
Vicedirectors entschädigt werden sollte, konnte, wenn es auch im Zusammen- 
hang mit den damaligen Organisationen jener Anstalt nicht direct als Hintan- 
setzung betrachtet werden durfte, doch nicht verfehlen, in dem Gemüthe des 
trefflichen Mannes einen Stachel zurückzulassen. 

Die amtliche Thätigkeit war zuweilen durch Reisen für gelehrte Zwecke, 
in späteren Jahren auch aus Gesundheitsrücksichten unterbrochen. Im Jahre 1829 



*) Ein Verzeichnis von Haupts sämmtlichen germanistischen Arbeiten wird das 
3. Heft bringen. 



MISCELLEN 243 

begab sich Kausler der Benutzung der Bibliotheken wegen nach Paris, 1864 in Ge- 
sellschaft des Directors v. Stalin mit amtlichen Aufträgen nach Paria und Lon- 
don. Zur Sommerfrische zog er in späteren Jahren regelmäßig in die Berge 
und erstieg gerne die höchsten erreichbaren Gipfel. 

Kauslers wichtigste litterarische Arbeit ist das württembergische Urkun- 
denbuch, für dessen Ausführung er seine beste Kraft einsetzte. Drei große 
Bände in 4° sind davon seit 1849 erschienen; sie führen den württembergi- 
ächen Urkuudenschatz bis ins 13. Jahrhundert. Die Fortsetzung wird Archiv- 
rath Dr. Stalin, der Sohn des berühmten Historikers, besorgen. 

Aus archivalischen Quellen ist sodann entnommen das Reisebuch des 
Burkhart Sticke! 1566 ff.), erschienen Stuttgart 1868, sowie die Sammlung 
der Briete des Bischofs Vergerius. Letztere, für den litterarischen Verein in 
Stuttgart bestimmt, sind nicht mehr zum Abschluß gelangt, werden aber im 
Einverständnis mit Kausler von Professor Schott in Stuttgart vollends druck- 
fertig hergestellt werden. 

Eine lnittelniedcrländischc Sammelhandschrift der k. öffentlichen Bibliothek 
in Stuttgart gab Kausler Veranlassung zu eindringenden Studien . des Mittel- 
niederländischen. Daraus gieng die reichhaltige Sammlung „Denkmäler alt- 
[besser: mittel-Jniederländischer Sprache und Litteratur" , Tübingen bei Fues 
1840 ff., hervor. Das sehr umfassend angelegte miltelniederländische Glossar 
ist leider nicht zum Drucke gelangt. 

Auf romauischem Gebiet war Kausler, abgesehen von ausgedehnter Leetüre 
besonders für Altftanzösisch, Graubündisch, Spanisch und Portugiesisch thätig. 

Von der großen kritischen Ausgabe des Rechtsbuches Assises du royaume 
de Jerusalem ist 1839 nur der erste Band Stuttgart bei Krabbe) erschienen. 
französische, durch das deutsche Unternehmen hervorgerufene, und durch rei- 
chere Mittel unterstützte Concurrenz der Fortsetzung hemmend in den Weg trat. 

Für ilie graubündische Sprache hatte Kausler durch seine Bergwande- 
rungen Vorliebe gefaßt und bereitete Veröffentlichungen vor, die aber nicht 
zur Ausführung gekommen sind. 

Das gleiche Schicksal hatte ein lange gehegter Plan des Wiederabdruckes 
eines seltenen in Zaragoza 1638 erschienenen spanischen Liederbuches, des 
linto amoroso. 

Dagegen ist die große altportugiesische Liedersammlung, Capcioneiro 
ral von Garcia de Reeende, in 3 starken Bänden 184b" ff. für den litterari- 
schen Verein in Stuttgart gedruckt worden, bekanntlich eine Hauptquelle der 

i portugiesischen Lyrik. 

Kausler war einer der Begründe) des 1839 unter dem Titel „litterarischer 
Verein ii • zusammengetretenen Bibliophilenvereinea und nahm auch, 

nachdem 184'J die Verwaltung aus den Händen des ursprünglichen Ausschusses 
nach Tübingen iibi ;n war, berathend und als Herausgebe) thätig noch 

bis zu seinem Ende lebhaften Antheil an seiner Weiterentwickelung. 

Unverheirathet führte Kausbr ein stille- Gelehrtenleben; -ein brieflicher 
Verkehr mit auswarfigen Fai q, seil l s ;ö anunterbrochen und reichlich 

mit mir, seit 1863 mit Uolland, dann mit Liebrecht, mit den holländischen 
Gelehrten u.a. ir das wissenschaftliche Interesse, das ihn besei Ite. Wie er 

den wissenschaftlichen Benutzern des Archiv tei Aufopferung seine Dienste 

widmete io nahm er auch an den Be I ebungen der Freunde uneigennützig theil; 

16" 



244 MISCELLEN. 

so spendete er gerne Beiträge für mein Unternehmen der Sammlung des schwä- 
bischen Sprachschatzes, für Hollands Commentar zu Uhlands Gedichten u. s. w. 

Von der Anerkennung, die Kausler gefunden, zeugen die Diplome der 
Münchener Akademie und vieler gelehrter, besonders historischer Vereine, das 
ihm 1845 von der philosophischen Facultät in Tübingen honoris causa ver- 
liehene Doctordiplom und die Ernennung zum Comthur und Ritter hoher Orden, 
die ihm von seinem Landesherrn, wie von den Königen von Preußen und Bayern 
zu Theil wurde. 

Nach längerem Kränkeln ward E. v. Kausler seinen Geschwistern, an 
denen er mit treuester Liebe hieng, seinen Freunden und der Wissenschaft 
durch den Tod entrissen am 27. August 1873. 

A. v. KELLER. 



Arthur Amelung. 

Mein, mitten im rüstigsten Schaffen in litterarischer und lehrender Thätig- 
keit unerwartet schnell aus dem Leben abgerufener College Arthur Amelung 
war geboren am 13. Juli 1840 in Livland auf dem Gute seines Vaters. 
Privatim für das Maturitätsexamen vorbereitet, legte er dasselbe 1861 am 
Dorpater Gymnasium ab, und bezog dann die Universität Dorpat, um dem 
Wunsche seines Vormundes gemäß Chemie zu studieren. Im Herbst 1863 siedelte 
er nach Berlin über und widmete sich hier, einer schon früher ausgebildeten 
Neigung von jetzt an folgend, dem Studium der germanischen Philologie. 
Nachdem er darauf von Mich. 1866 an bis 1871 ohne feste Berafsstellung in 
Dorpat, Petersburg und Berlin gelebt und während dieser Zeit 1868 mit einer 
nicht im Druck erschienenen Abhandlung: Prolegomena ad Ortnidum, carmen 
theodiscum, in Halle promoviert worden, habilitierte er sich Mich. 1871 in Dorpat 
und hielt dort während dreier Semester Vorlesungen über Nibelungen, deutsche 
Grammatik und Minnesänger, nebst praktisch philologischen Übungen. Ostern 
1873 ging er, durch seine deutschen Sympathien vornehmlich geleitet, nach 
Breslau , habilitierte sich hier mit einem Vortrag über die Eintheilung der 
germanischen Sprachen und einer Antrittsvorlesung über die Entstehung der 
deutschen Minnedichtung. In den zwei folgenden Semestern las er über die 
älteren Minnesänger und Beövulf und leitete germanistische Übungen, im letzten 
Winter mehrmals durch scheinbar vorübergehende Krankheitsanfälle zum Aus- 
setzen seiner Vorträge genöthigt. 

Im Februar dieses Jahres erhielt er eine Berufung als Professor für ger- 
manische Sprachen nach Freiburg i. B. Der Hoffnung hingegeben, daß sein, 
dem Anschein nach wenig bedenkliches Lungenleiden einem wärmeren Klima 
weichen werde, reiste er Anfang März nach dem Curort Montreux im Kaut. 
Waadt, wo ihn aber schon am 6. April der Tod ereilte*). 

Sein ernster, gediegener Charakter, sein reiches und vielseitiges Wissen 
wie seine anspruchslose Liebenswürdigkeit musste jeden Fachgenossen für ihn 
einnehmen: um so mehr habe ich es bedauert, daß in Folge seiner zurückge- 



*) Behufs der Znsammenstellung obiger biographischer Notizen habe ich, soweit 
sie reichten, Amelungs eigene Aufzeichnungen im Album der hiesigen philos. Facultät 
benutzt, dessen ..Einsicht für diesen Zweck mir freundlichst gestattet wurde. 



MISCELLEN. 245 

zogenen Lebensweise, die ihn von allen gesellschaftlichen Kreisen fast gänzlich 
fern hielt, auch der wissenschaftliche Verkehr zwischen uns beiden über ge- 
legentliche Besuche und zufällige Begegnungen wenig hinausgekommen ist. 

Es folgt nun ein Überblick über Amelungs im Drucke erschienene litte- 
rarische Arbeiten, soweit mir dieselben bekannt geworden, in chronologischer 
Folge und z. Th. mit kurzer Epikrisis. 

1. Studien zur vergleichenden Metrik. I. Eine mit Genehmigung einer 
hochverordneten historisch-philologischen Facultät der kaiserlichen Universität 
Dorpat behufs Erlangung des Grades eines Magisters der vergleichenden Sprach- 
kunde zur öffentlichen Vertheidigung bestimmte Abhandlung. Dorpat 1871. 
[Specialabdruck aus der Zeitschr. f. d. Ph. Bd. III. Halle 1871. p. 253 bis 
305, wo die Abhandlung den Titel führt: Beiträge zur deutschen Metrik.] Die 
Abhandlung zerfällt in zwei Theile. Im ersten sucht A. den Versbau einer Reihe 
mitteldeutscher Gedichte, speciell des König Rother festzustellen. Er statuiert 
in sorgfältigster Weise die einzelnen Fälle, in denen zweisilbige Senkung gestattet 
ist, was nach Martin auch für die mnl. Gedichte Geltung hat. Wenn er aber 
alle den aufgestellten Gesetzen widerstrebenden Verse für verderbt hält, nament- 
lich die zu laugen Verse als dem Gedichte ursprünglich angehörig nicht aner- 
kennen will, so muß ich mich der Ansicht Rückerts (König Rother, Leipzig 1872 
p. LXXXV f.) und Edzardi's (Germ. XVIII, p. 391 f.) anschließen, die mit Recht 
auf die eigenthümliche Stellung dieser Verse im ganzen Gedichte aufmerksam 
machen. Eher kann man in Zweifel sein über die scheinbar zu kurzen Verse 
("vgl. Rückert a. a. 0.). 

Im zweiten Abschnitt will A. für den Heliand in ähnlicher Weise wie 
Schubert: De Anglosaxonum arte metrica. Berol. 1870, für das ags. Epos, die 
Vierhebungstheorie durchführen. Während Seh. aber alle Silben der ags. Sprache 
an jeder Versstelle mit wenigen Ausnahmen hebungsfähig sein lässt, daneben 
dreisilbige Verse zugiebt und zweisilbige durch die Nachwirkung früherer Mehr- 
silbigkeit rechtfertigen will, nimmt A. in dreisilbigen Halbversen Zerdehnung 
eines langen Vokals oder eines kurzen vor 1, r, n und st an, so daß auf die 
betreffende Silbe zwei Töne fielen. Eine ausführliche Widerlegung gehört nicht 
hieher: ich bemerke nur, daß, wenn man, abgesehen von sonstigen metrischen 
Freiheiten, gezwungen ist, eine Scheidung zwischen Haupt- und Nebenhebungen 
zu machen, und ihr Verhältniss ähnlich darzustellen, wie das zwischen Hebung 
and Senkung (p. 283), und die Bedingung der Zerdehnung nicht einmal für 
alle entsprechenden ags. (vgl. z. B. Gen. 1209": on genimed), geschweige alt- 
nordischen Verse Anwendung findet, daß in diesem Falle die ganze Theorie 
nur dann einen Schimmer von Wahrscheinlichkeit für sieh hätte, wenn aus 
andern Gründen nachgewiesen wäre, daß die Reimpoesie 'He vier Hebungen aus 
der allitterierenden übernommen haben müa e. Das ist aber durchaus nicht der 
Fall (vgl. Vetter : Über die' germanische Allitterationspoesie. Wien ikTl' p. 20 ff.). 

'_'. l'her da Verhältnis« der Philologie zu den übrigen historischen Wissen- 

cbaften. Antrittsvorle trag gehalten an der Universität Dorpat den in. Oct. 1871. 

Dorpat 1871. Die Aufgaben des Philologen sind mii denen des Historikers 

identisch. Weder die Ethnologie noch die Völkerpsychologie sind begrifflich von 

der Philologie zu trennen. 

3. Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft« In: Baltische 
Monatschrift. \. Folge Bd. II. 1871. Eine anziehend geschriebene] populäre 
Darstellung, z. Th. sich anschließend m die bekannte Schrift Schleichers. 



246 MISCELLEN. 

4. Die Bildung der Tempusstämme durch Vocalsteigeruug im Deutschen. 
Eine sprachgeschichtliche Untersuchung. Berlin 1871*). A. sucht, gestützt auf 
das von Schleicher im Compendium für die indog. Ursprache aufgestellte System 
der Vocalsteigeruug und auf Müllenhoffs Regel**), diese Steigerung als Starnm- 
bildungdinittel für die germ. ablautenden Verba nachzuweisen. Er kommt zu 
dem Resultat, daß die abl. Verba nicht in reduplicierende und nicht reduplicie- 
rende, sondern nach dem Stammvokal in a, i, u-Stämme einzutheilen sind, daß 
Stämme mit erster Steigerung nur noch in der a-Reihe begegnen, während die 
i und u-Reihe nur die zweite kennt. Für die Lautlehre statuiert A., daß jedes 
zu e (i) geschwächte germ. a auf scr. ä, jedes goth. a auf scr. ä, jedes goth. 6 
auf scr. ä, jedes germ. ei (goth. = ii = i) auf scr. e (= äi), jedes germ. eu 
(goth. = iu) auf scr. ö ( — äu), jedes goth. ai auf scr. äi, au auf scr. au zurück- 
weise. 

Die Ausführungen von Leo Meyer (K. Z. XXI, p. 341 ff.) deren Resultat 
ist, daß die Vriddisteigerung als etwas specifisch Indisches, der indog. Ursprache 
abzusprechen und nicht als eine mit Guna verschwisterte Erscheinung anzusehen 
sei, zerstören die Einheit dieses Systems freilich. Es sind da zunächst die Formen 
äi und äu zu streichen, und anzunehmen, daß ei und ai, eu und au beide aus 
guniertem i und u hervorgegangen seien, in diesen Vokalverbindungen also ä 
sich in a und e gespalten habe. Das alleinstehende a trifft dieser Einwand 
natürlich nicht, denn ob wir die Wandlung" eines scr. a zu ä Vriddi oder 
Dehnung nennen wollen, ist gleich. Es stünde uns also noch frei, mit A. in 
bar und fara das a als ursprünglich lang anzusetzen. Das wollte, was A. über- 
sah, vor Holtzmann schon Bopp (Vocalismus etc. p. 215 f). Dem würde man 
nicht einmal das abweichende Verhalten des gunierenden a mit Grund entgegen- 
halten können; denn daß a im Diphthong leichter zu afficieren ist, als allein 
stehend, ist selbstverständlich. Da aber der Beweis für die ursprüngliche Länge 
des a in fara weder von Bopp (a. a. 0.) noch von Holtzmann (Über den Ablaut 
p. 58) noch von Amelung (p. 45J geliefert ist, und überdieß im scr. perf. 
mittleres a vor einfachem Consonanten in der ersten Person beliebig verlängert 
wird (vgl. Stenzler: Elementarbuch, 2. Aufl. §. 166), so glaube ich, daß auch in 
diesen beiden Formen, ebenso wie in halda, ursprünglich ä anzusetzen ist. 
Während wir nun in för die Vocalsteigerung vor uns haben, repräsentiert baira 
-= bera Vocalschwächung. Dieselbe Erscheinung werden wir in baürgum wieder- 
finden. Amelungs Annahme, daß o (= goth. u) in diesen Formen sich aus der 
den Ton tragenden liquida entwickelt habe, also baiigum aus brgumäs, scheint 
mir ganz unhaltbar. Vergl. die Erklärung Förstemanns: Geschichte des deutschen 
Sprachstammes. Bd. I. Nordhausen 1874 p. 568. 

Trotz alledem halte ich die Eintheilung der deutschen starken Verba, 
wie sie A. p. 65 f. giebt, für viel zweckmäßiger und richtiger, als die Grimm'sche. 
Ein ähnliches Princip befolgt Müllenhoff Parad. p. 4 f. und Försternann in der 
von ihm gegebenen a. a. O. p. 546. Seine Scheidung nach Steigerung und Schwä- 
chung, nicht nach den Vocalen, wird bedingt durch die Tendenz seines Buches. 



*) Ich gehe auf den Inhalt dieses Schriftchens etwas ausführlicher ein, da es 
wenig bekannt zu sein scheint. 

**) So unabhängig von M. schon Jessen: Tidskr. t'or phil. og. paed. I p. 217 f. 



Mist Kl.l | \ 247 

Dem neuesten Versuch gegenüber (Grein: das gothiscbe Verbura. Cassel 
1872), den Yocalwechsel in der goth. Conjugation :ins dem Aecente zu er- 
klären, wird man .sich so lange ablehnend verbalten müssen, als die Annahme, 
daß im Scr. der Accent wirklich immer die Ursache der Guuicrung sei, von 
gewichtigen Stimmen bestritten (Corssen: Über Aussprache etc. Leipzig 1868. 
I. p. 622 IT. Westphal: Phil. hist. Gramm. <i. d. Spr. p. 21) oder bezweifelt 
wird (Curtius, Grundz. 2. Aufl. p. 50) oder mindestens uichl allgemein durch- 
geführt werden kann (Benfey: Vollst. Gr. d. Sanscr. p. 19 Anm. 2). 

5. Deutsches Heldenbuch. Ortuit und die Wolfdietriche. Nach Müllenhoffs 
Vorarbeiten bei ausgegeben von Arthur Amelung und Oskar Jänicke. Bd. I. II. 
Berlin 1871—73. 

Ein eigenes Geschick hat gewollt, daß beide Herausgeber dieser zwei 
Theile fast zugleich der Wissenschaft entrissen werden sollten. Amelung hatte 
die Ausgabe von Ortnit und Wolfd. A übernommen. leb halte diese Ausgabe 
für seine bei weitem beste Arbeit. Zum ersten Male werden hier die Hand- 
schriften des Ortnit genau classificiert, die Ambraser und Wmdbagener, als den 
ältesten Text enthaltend, zu Grunde gelegt, während der in 10 Hdschr. ent- 
haltene gemeine Text und das Dresdner Heldenbuch zuweilen über die Wahl 
einer Lesart entscheiden können. Die Sprachformen von A werden in die des 
13. Jahrhunderts zurückübersetzt, was ich für unbedenklich halte, und der Tt xt 
nach Lachmanns Metrik constituiert. Der Wolfd. A, dessen ursprünglicher Text 
nur in derselben Ambraser Hdschr. erhalten ist, ist ebenso behandelt. Betreffs 
der Zeit des Ortnit und seiner Localitäten geht Amelung nicht über Müllen- 
hoffs bekannten Aufsatz hinaus*). Dagegen winl Bd. I p. XXXI ff. überzeugend 
nachgewiesen, daß der Wolfd. A, dessen Schluß unecht ist, nicht von dem Dichter 
des Ortnit. sondern von einem Nachahmer desselben herrührt. Zu dieser ersten 
streng kritischen Textausgabe der beiden Gedichte Bd. I. p. 1 152 kommen 
dann noch die sehr dankenswerten, von anderer Seite als zu ausführlich mit 
Unrecht bemängelten Anmerkungen Bd. II p, 239 69, die außer den hinzu- 
gedichteten Strophen des gemeinen Textes und metrischen Beobachtungen sehr 
fleißige Zusammenstellungen über den Sprachgebrauch und Parallelstellen aus 
anderen mhd. Dichtern bieten. 

Endlich will ich noch hinzufügen, daß eine Entgegnung auf Leo Meyers 
oben erwähnten Aufsatz in K. Z., von Amelungs Hand, unter der Presse sich 
befinde! und daß er in den letzten Monaten mit Vorarbeiten zu einer Geschichte 
des gen I. at< beschäftigt war. glaube jedoch, uachA. eigenen Mittheilungen, 
kaum, daß dieselben dem Abschluß nahe warei 

BEI BLAU, Juni 1874. E. KÖLBING. 



Briefe von Jakob Grimm an K. W. Bo 

Karl Wilhelm Bo 30. Aug. 1809 auf <i<-v Friedrichshütte bei 

Tarnowitz in Schlesien, Sobi rohann Augusl B., 

besuchte das Gymnasium zu Gleiwitz und die lateinische Schule in Halle, 

*) Aus der hübschen Dissertation eon Lindner: i bei di< Beziehungen des Ortnit 

zu Hnoo ". • j 1 1 Bordeaux, Rostock 1872, li dem die Wahrscheinlichkeil ergeben, 

dali, wenn nicbl Buon die Quelle i i amen 

Sagt ii-!'. ti zurück ifill 



248 MISCELLEN. 

dierte darauf in Halle und Breslau Philologie. An dem letzteren Orte trat er 
mit Keller und Pabst an die Spitze der Burschenschaft. Während der letzten 
Semester seines Studiums in Breslau war er zugleich Lehrer und Erzieher im 
Hause des Grafen Henckel von Donnersmarck. Nachdem er 1832 zu Jena den 
Doctortitel erworben hatte, begab er sich nach der Schweiz. Hier unterrichtete 
er zunächst bei Fellenberg in Hofwyl acht Monate lang, dann gründete er in 
Bern eine Litterarschule und eröffnete endlich am 15. Oct. 1834 eine Erziehungs- 
anstalt zu Groß- Wabern, eine halbe Stunde von Bern entfernt. Dort begann er, 
zuerst durch Thorpes Ausgabe des Caedmon angeregt, seine umfassenden 
Studien der angelsächsischen Sprache und der altern englischen Kirchengeschichte. 
Nach zehn Jahren (1844) wurde B. als Director des Gymnasiums nach Elber- 
feld berufen. Hier setzte er Anfangs seine angelsächsischen Studien weiter fort; 
in den letzten sechs Jahren widmete er sich hauptsächlich der Kirchengeschichte 
von Rheinland und Westfalen und gründete den Bergischen Geschichtsverein, 
dem er unter großem Aufwand von Zeit und Geld in kurzem eine bedeutende 
Ausdehnung und angesehene Stelle verschaffte. Er starb am 22. Dec. 1868. 

Seine Schriften und Abhandlungen, soweit sie die angelsächsische Litteratur 
und englische Kircbengeschichte betreffen, sind folgende: 

1. Caedmou's des Angelsachsen biblische Dichtungen. Herausgegeben von 
K. W. Bouterwek. Erster Theil. Gütersloh bei C. Bertelsmann 1854. (Enthält 
Einleitung, Text, Übersetzung und Anmerkungen.) Zweiter Theil. Elberfeld u. 
Iserlohn. Julius Bädeker. (Enthält: ein angelsächsisches Glossar.) 8. 

Text und Glossar waren als wissenschaftliche Beilage mit vier Programmen 
des Elberfelder Gymnasiums 1847 ff. ausgegeben worden. In der größeren Aus- 
gabe kam hinzu die sehr ausführliche Einleitung, hauptsächlich kirchengeschicht- 
lichen Inhalts, die Übersetzung und Anmerkungen. 

2. De Cedmone poeta Anglo-Saxonum vetustissimo brevis dissertatio. Ad 
auspicanda munera directoris gymnasii Elberfeldani scripsit Dr. Carol. Guil. 
Bouterwek. Elberfeldae. Sumptibus Julii Baedeker 1844. 

3. Über Caedmon, den ältesten angelsächsischen Dichter, und seine metrische 
Paraphrase der heiligen Schrift. 4. (Beigabe zum Programm des Gymnasiums 
in Elberfeld 1845.) 

4. Die vier Evangelien in Alt-Nordhumbrischer Sprache. Aus der jetzt zum 
ersten Male vollständig gedruckten Interlinearglosse in St. Cüdbert's Evangelien- 
buche hergestellt, mit einer ausführlichen Einleitung, einem reichhaltigen Glossare, 
sowie einigen Beilagen versehen und herausgegeben von Karl Wilhelm Bouter- 
wek. Gütersloh, Druck und Verlag von C. Bertelsmann, 1857. 8. 

5. Screadunga — Anglosaxonica maximam partem inedita publicavit 
Carolus Guilielmus Bouterwek. Elberfeldae. Impressit Samuel Lucas MDCCCLVHI. 
4. (Beigabe zum Programm des Elberfelder Gymnasiums 1858.) 

6. Calendcwide i. e. Menologium Ecclesiae Anglo-Saxonicae poeticum. 
Textum Hickesianum e collatione codicis manuscripti a Beniamino Thorpe facta 
emendavit interprctatus est adnotavit K. W. Bouterwek. Gütersloh impressit 
C. Bertelsmann. MDCCCLVII. 8. 

7. Angelsächsische Glossen in Haupts Zeitschrift. IX, 401 ff. 

8. Zur Kritik des Beovulfliedes in Haupts Zeitschrift. XI, 59 ff. 

9. Das Beovulflied. Eine Vorlesung. In Pfeiffers Germania I, 385 ff. 

W. CRECELIUS. 



MISCELLEN. 249 

Hochgeehrter Herr, 

ich habe die letzten drei Wochen hier in solcher Spannung und Aufregung 
gelebt, wie Sie sich denken können, daß ich die späte Antwort auf Ihren freund- 
lichen Brief vom 24. v. M. nicht erst zu entschuldigen brauche. 

Endlich wird Ihnen mein Dank ausgesprochen für die mir richtig zuge- 
langten beiden ersten Hefte Ihres Caedmon, und jetzt verpflichten Sie mich zu 
noch größerem, da Sie durch Zueignung Ihres Werks mir Ehre und Freude be- 
reiten wollen. 

Vorigen Sommer und Herbst war ich fast ein halbe? Jahr abwesend in 
Frankfurt und alle gewohnten Arbeiten musten liegen bleiben. Bei meiner 
Heimkunft hatte sich vieles aufgehäuft und abgerissenes war neu anzuknüpfen. 
So kommts, daß ich Ihre schöne Leistung, der auf den ersten Blick ein ernster 
Fleiß anzusehen war, mehr durchblättert habe als noch prüfend gelesen und 
wie sie verdient erwogen. 

Thorpe würde gegenwärtig ohne Zweifel eine vollkommenere Ausgabe liefern 
können. Er geht bedächtig aber trocken zu Werke, Kemble ist ihm au Geist 
und Kühnheit, die ich auch in der Philologie liebe, überlegen. 

Sie denken an eine Übersetzung von Kembles Saxons in England. Soll 
ich Ihnen aufrichtig gesteheu, was ich davon halte? Mir scheint die Verdeutschung 
eines so frisch und lebhaft geschriebenen Werks nicht nur sehr schwer, sondern 
auch überflüssig. Wer sich mit englischem Alterthum befaßt, liest ohne Mühe 
und mit Freuden englisch und würde einbüßen, sollte er auf ein bloßes links 
gewirktes Abbild gewiesen sein. Anders stehts um Engländer, die minder fertig 
deutsch als wir englisch lesen, und so mochte Thorpe es angemessen finden, 
Lappenbergs Buch seinen Landsleuten näher zu rücken. 

Mit jenem Lob soll nicht ausgedrückt sein, daß mir an Kembles Buche 
alles gefällt. Manches darin ist mir zu entschieden mit Worten zugedeckt, wo 
noch strenger hätte müssen untersucht sein. Das hängt zusammen mit dem genug 
durchbrechenden englischen Stolz; was aus der Bescheidenheit Gutes folgt ist 
ihnen meist versagt. Übrigens wird seiner Anlage nach das Ganze zu wenigstens 
vier bis sechs Bänden heranwachsen, was einen deutschen Verleger abschrecken 
dürfte. 

Dies meine Ansicht, welche natürlich Ihrer eignen kein Maß geben will. 
Von Florenti Wigorniensis chrouicon ed. Benj. Thorpe kenne ich nur den ersten 
voriges Jahr erschienenen Theil. Für Ihre Arbeiten, dünkt mich, ist das Werk 
nicht wichtig. 

Gern will ich den ersten Bogen Ihres Glossars, wenn Sie mir ihn zusenden, 
durchsehn und dann nicht vorenthalten was mir einfällt. 

Mit aufrichtiger Hochachtung und Ergebenheit 

Berlin, 16. Apr. 1849. Jacob Grimm. 

Berlin, 23. Apr. 50. 
Es freut mich, daß nach langem Zwischenraum Sie Ihr ags. Glossar wieder 
vorgenommen haben und ich schiebe alles andre von mir weg, am Sie auf 

den mir zur Probe gesandten Bogen nicht warten zu lassen. Die streng alfa- 
betische Folge ist sehr löblich, da sie gerade für solche Arbeiten erfunden 



250 UISiEI.LKV 

ist und ich begreife nicht wie sie andere verscherzen mögen, um ungewohnten 
Reihen oder eingebildeten Stämmen unsicher nachzugehn. 

Da Sie andere Dialecte nicht zu Rathe ziehen , scheinen mir unter abal 
die Verweisungen auf Diefenbach und Bergmann höchst entbehrlich, zumal das 
ahn. afl oder auch abl geschrieben ein bekanntes Wort ist. Mir lag das alts. 
rj in aband, abaro im Sinn, als ich abal für sächsisch ausgab, es läßt sich 
nicht aufweisen, wenn es auch wahrscheinlich bleibt. Mnl. gibt es ein adj. abel 
dexter, vielleicht auch robustus, altn. öflugr, doch das geht Sie nichts weiter an. 

acol in aclum stefnum 3507 ist nicht von dem folgenden acol verschieden, 
vielmehr bildet einen schönen Gegensatz, daß die Männer mit starker Stimme, 
die Frauen aclum stefnum, timidis vocibus sangen. Das with clear voices hat 
Thorpe unnöthig gerathen. Die Quantität des anlautenden Vocals bleibt noch 
zweifelhaft, da die Hs. immer äcol setzt. Ein ahd. achul oder eichul müste 
den Ausschlag geben. 

a-flästuni 3402 ist wie manches andere im Ca?dmon möglicherweise ver- 
derbt, lästuin aber darf man nicht angreifen und bedeutet vestigiis. Doch ließe 
sich wie äfdsel, descensus . xazaßaOlQ Luc. 19, 37, ein äfläst (ahd. aboleist?) 
orbita sinuosa denken, und ich würde nichts ändern. 

Das oft erscheinende a?hte laedan hätten Sie aber ausdrücklich erklären 
sollen. Wahrscheinlich thut das Ihre mir noch unbekannte Übersetzung, wenn 
sie hier deutlicher ist als Thorpes possessions lead. wealth lead. sehte la?dan 
scheint hier immer von Ziehenden, Reisenden gebraucht, die ihre Habe ausführen 
oder einführen. 

Bei eifere denkt Lye nicht bloß an a?lf. fluvius, sondern auch an erian 
arare, federe, und gelangt so gezwungen zu fossa ; allein es gibt kein Subst. 
ere aratio. Doch fällt mir keine Vermutung bei. 

Wie sollte ägan donare heißen? Der Begriff des Habens und Besitze ns 
kann nicht in den des von sich Gebens verkehrt werden, freo ne peove. ne 
meahton heora bregoveardas bearnum ägan, mochten ihre Herrn nicht mit Kindern 
beschenken und 2718 eitelstove pe ic ägan sceal, die ich geben will. Dieß ägan 
kann nichts gemein haben mit dem goth. aigan, sondern muß zusammenge- 
zogen sein aus ägifan, goth. usgiban. wie noch heute die Schweden aus gefva 
bloßes ge machen. Ich dachte erst an ägan = ägougan. das nicht in den Sinn 
passt, aber gän = gangau ist eine ähnliche Wortverdichtang ] vielleicht wäre 
auch zu sehreiben ägän. Wahrscheinlich galt doppelte Construction: ägifan. 
alicui aliquid und aliquem aliquo , wie lat. bei donare. Irre ich in allem dem, 
so müsten Sie mir ein ägon oder ähte, kurz eine andere Form als den Inf. 
ägan. der allein diese Kürzung bietet, aufweisen, was ich bezweifle. 

ähvdan abscondere versteht man leichter, wenn das engl, hide beigefügt 
wird, denn es bedeutet eigentlich zudecken von hyd, Decke, Haut. Unser deutsches 
häuten drückt bloß das entgegengesetzte Abziehen aus, nicht überziehen, be- 
decken. 

änbydig f. änhygdig, was ich gesagt hätte. 

("her ärisan, surgere habe ich in meiner Geschichte der deutschen Sprache 
S. 664 ausgelassen. 

Dieß wenige ist mir. hochgeehrter Herr, bei einmaliger Durchsicht Ihres 
ersten Bogens eingefallen und mag Ihnen sowol meinen guten Willen darthun, 
ars auch daß Sie mit den übrigen von selbst, ohne mich fertig werden können. 



MISCELLEN. 251 

Ich entsinne mich nicht mehr ob ich mich anheischig gemacht habe Ihr ganzes 
Glossar durchzusehn und winde wahrlich bereit dazu sein, wenn ich Muße hätte; 
aber die Arbeiten dringen jetzt gerade von allen Seiten auf mich ein und 
drohen über mir zusammen zu fallen. Im 65. Jahr, das ich erreicht habe, be- 
ginnt auch die leibliche Kraft nachzulassen, ich kränkle schon lange und habe 
diesen Augenblick außer einer Schrift über die deutsche Orthographie, welche 
das große Wörterbuch einleiten soll, eine über die malbergische Glosse unter 
den Händen, deren einzelne so schwer sind, daß sie zu langen Excursen ver- 
führen. 

Sie begreifen also daß es mir sauer wird mich auf Nebeugeschäfte ein- 
zulassen und bleiben mir dennoch gewogen, auch wenn ich Ihnen eiuen kleinen, 
vielleicht entbehrlichen Dienst versagen muß. Ihrem Unternehmen wünsche ich 
von Herzen das beste Gelingen. 

Jac. Grimm. 

4265 würde ich für bere lieber bere schreiben, um es dem gewöhnlichen 
ba're zu nähern. 



Hochgeehrter Herr, 

ich wiederhole meinen herzlichen Dank für ihr Buch, dessen zweites 
Exemplar ich meinem Bruder gegeben habe und auch er läßt dafür danken. 
Daß Ihnen das Werk zwar Freude, aber auch manche Mühe und Sorge macht, 
kann ich mir denken; noch haben Sie nicht die Hälfte des anschwellenden 
Glossars fertig gedruckt, und die ganze Übersetzung, die ich schon längst aus 
der Presse gegangen glaubte, steht noch zurück. 

Daß das Glossar mir willkommen und vielfach brauchbar ist brauche ich 
kaum zu sagen , mit dem Setzer mögen Sie Ihre Noth gehabt haben , es 
fehlt nicht an übersehnen Kleinigkeiten , die sich jeder Kundige leicht be- 
richtigt, z. B. S. 128 6teht gevit für gevit, den Imperativ, welchen man freilich 
aus p. 129 ersieht. Hin und wieder habe ich andere kleine Ausstellungen, 
edne kann kein adj. servilis, «ondern muß acc. sg. masc. von ede = eäcte 
sein, dessen Bedeutung facilis hier in die von obediens, deditus übertritt. Was mir 
gelegentlich auffällt, will ich anmerken jetzt fehlt mirs, wie gewöhnlich, an Muße. 

Kemble , glaube ich , würde durch Zusendung eines Exemplars erfreut 
werden. Er wohnte den ganzen Sommer zu Hannover, Ernst Auguststraße 15, 
doch habe ich in den letzten Monaten keinen Brief von ihm. Um mit der 
Sendung sicher zu gehn könnten Sie ein paar anfragende Zeilen voraus schicken, 
oder soll ich die Besorgung übernehmen? 

Uli ließ diese Zeilen liegen um Ihnen beifolgende kleine Schrift zufertigen 
zu können, die gerade erschienen ist und Erinnerungen aus alter Zeit enthält. 
Dadurch werde ich zu einer Frage veranlaßt, die mir schon einigemal auf der 
Zunge schwebte: Ihr Vater war doch der berühmte, auch von mir persönlich 
gekannte Bouterwek in Göttingen*). Auch einer Schwester von Ihnen erinnere 
ich mich. 

Alle Tage vergehn schnell und dann kommt die Nacht. 

•_ ; . Nov. 1850. Jacob Grimm. 



*) Der Hofrath Prof. Fr, Bouterwek in Göttingen wai ! I des 

Adressaten. 



252 MISCELLEN. 

Hochgeehrter Freund, 

es freut mich, daß die aufgeschobene Übersetzung des Caedmon noch zu 
Stande kommt und von gelehrten Erläuterungen begleitet wird. Au Schwierig- 
keiten wirds nicht fehlen, ich konnte aber noch nicht näher zusehen. 

Hierbei sende ich Ihnen das verlangte rituale eccl. Dunelmensis. In den 
letzten Jahren ist wenig Ersprießliches in der ags. Lit. geleistet worden. Die 
Alfric society scheint uneins und unthätig. 

The legends of Andrew and Veronica , edited for the Cambridge anti- 
quarian society by Charles Wycliffe Goodwin. Cambr. 1851. 47 S. 8. ist un- 
bedeutend. 

Das neuste und wichtigere ist die von Thorpe im Anhang zu Pauli's 
Alfred the great. London 1853*) p. 238 — 58 2 besorgte Ausgabe von Alfreds Orosius, 
der hinten ein Glossar hinzutritt aber ohne Citate. Im Text bleibt die Quantität 
unbezeichnet, das kann man thun, ja man könnte, wie im indischen Sanskrit- 
druck, alle Wörter aneinanderhängen und es mit einiger Anstrengung doch lesen. 

Mit herzlichem Gruß Ihr 
27. Nov. 53. Jac. Grimm. 

Ettmüller ist bei der verwünschten Anordnung fast unbrauchbar. 

Verehrter Herr Director, 

große Freude hat mir Ihr trefliches Buch gemacht und ich sage von 
Herzen Dank. Schon Ranke hatte mir gesagt, daß er Sie diesen Sommer in 
England sah, ich wüste also von Ihren Arbeiten auf den dortigen Bibliotheken 
und konnte ahnen, welche Frucht sie uns bringen würden. 

Sie haben uns ein nothwendiges Buch geliefert und mit deutschem Fleiß 
ausgerüstet, die äußere Gestalt ist so, daß sie auch in England befriedigen 
wird. Ich habe alsogleich ein paar Stellen, auf die ich in diesen Texten längst 
gespitzt war, zu meiner Befriedigung nachsehen können, und werde vielfach 
dazu zurückkehren. 

Wer hätte es sollen besser machen? Lassen Sie sich einen Ausfall Greins 
(mit dem ich persönlich nicht bekannt bin) keineswegs anfechten ; auch seine 
Arbeiten werden zu manchem Tadel Anlaß geben. Köne freilich hat unverzeihliche 
Fehler gemacht und was sein Werk von gutem Eindruck hätte machen kön- 
nen, in breiten Anmerkungen ersäuft. Es thut mir leid, denn ofnen Sinn für das 
alte Gedicht hat er hinzugebracht. 

Wenn Sie wieder an Thorpe schreiben, bitte ich, ihm meine Empfehlung 
zu melden. Es ist mir erst vor einiger Zeit gelungen mir seinen Beovulf zu 
verschaffen, so schwer hält es manchmal mit englischen Büchern. Ich habe mit 
Vergnügen einzelne Textberichtigungen wahrgenommen, kann aber dem nicht 
beistimmen, was er über das Alter des Gedichts und dessen Herleitung von 
der schwedischen Küste sagt. 



*) Bei Henry Bohn, Yorkstreet Coventgarden. (Anin. J. Grimms). — Grimm 
schreibt Alles mit Ausnahme der Eigennamen klein, auch nach einem Punkt. Nur 
die Abschn. beginnen mit großen Initialen. 



MISCELLEN. 253 

Sehr betrübt bat mich Kembles früher Tod ; Sie hatten ihn wol nicht 
mehr dort und auch früher nicht in Hannover zu Gesicht bekommen? 
Mit wahrer Hochachtung verbleibe ich 

Ihr ergebenster 
Berlin, 11. Nov. 1857. Jap. Grimm. 



Ein Brief Schmellers. 
Mitgetheilt vom Kantousbibliothekar H. Brunnhofer in Aarau. 

München, 24. July 1837. 
Herrn Oberst Voitel in Solothurn. 

Endlich, edelster Freund, habe ich den größten Stein , den ich mir vor 
21 Jahren selbst aufgeladen, und der mich hinlänglich gedrückt und gehemmt, 
von mir abgewälzt, wie Figura zeigt. 

Man glaubt nicht, was auf jeder Seite so einer an sich wenig bedeutenden 
Sammlung für eine Arbeit steckt. Alles will belegt, begründet vielfältig ver- 
glichen sein, und am Ende steht es doch für neunzig Leser unter hunderten 
ungenießbarer da, als der einfältigste Roman. 

Wer mir vor 30 Jahren gesagt hätte, daß mein Lebenswerk in solch einem 
kahlen Idioticon bestehen würde, der hätte mich wahrlich nicht erbaut. Und 
dennoch bin ich, der Zweiundfünfziger, froh, wenigstens diese Spur meines 
Daseins zurückgelassen zu haben. Ich meine mich dunkel zu erinnern, daß es 
ein gemüthlicher Ausflug nach dem Park bei Madrid war, den ich in deiner 
Gesellschaft machte, wo ich in der Schweizer Zeitschrift Isis, die du hieltest, neben 
den schnurrigen Einfällen des Philosophen von Langenthai*) Proben von Stalders 
Idioticon sah und in ihnen die erste Idee von solch einer Arbeit erhielt. Sieh, 
so mus8t du an Allem mit Schuld sein. Gott vergeh es dir! 

Zschokke hat mir freundlichst geschrieben. Ich antworte ihm dieser Tage 
und sende auch ihm den Rest meines Werkes. Wer mag so ruhig, wie er, auf 
seiner Blumenhalde umgeben von glücklichen Kindern und Kindeskindern, hinaus- 
schauen auf die Stürme der Welt, die leider nichts lernt und nichts vergisst. 
Wie ganz anders mag es dir, edler Freund , und deinen treuen Schiflsbruchs- 
genossen zu Muthe sein bei dem, was über die Pyrenäen her verlautet. Wenn 
wahr ist, was man in der Zeitung liest, so müssen ja die Leute alle entweder 
mit Blindheit geschlagen oder geradezu Verräther sein. Doch das ist ein Capitel, 
aus welchem wenig Tröstliches zu lesen ist. 

Jeden Herbst, der herannaht, steigt in mir lebhafter der Wunsch auf, 
dich und die Deinigen wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Leider 
wirft sich immer wieder irgend ein Hindernis» dazwischen. Das schnödeste ist 
ohne Zweifel das kleine Budget, das jeder Hausvater verpflichtet ist von Jahr 

' Nach den gütigen Mittheilungen meines verehrten Freundes Rochholz war 
dieß ein reicher Arzt, Namens Dennler, der sich in streitsüchtiger und burschikoser 
Weist i,,iid als Troxlerianer, bald als Antitroxlerianei mit den philosophischen und 
politischen Tagesfragen beschäftigte. Die aargauische Kantonsbibliothek enthüll \>n\ ihm: 
Dennler. Landarzt zu Langenthai, Bürger Quixots aus Uchtland sämmtliche Werke. 
Cum permissione Superioruin. 1. (u. einziger; Bd. 8, London (Baden im Aargau) o, 
Dr. 1817. 



254 MIKCELLEN. 

zu Jahr mit den Seinigen zu entwerfen uud wo sich selten ein erklecklicher 
Überschuß zeigen will. Da bleibt man, ohne es zu heißen, doch im Grunde 
ein Gelungener. Oft tröste ich mich bei solchen Betrachtungen mit manchen 
Engländern um mich her, die bei den Mitteln, die ganze Welt zu durchfliegen, 
doch nirgends wahren Genuß finden und überall hin ihre Langweile mit sich 
führen. 

Längst hab iehs gemerkt, der Mensch ist zu keiner andern Freude ge- 
boren, als zu der kurzen, die er in dem Moment empfindet, in welchem er von 
irgend einem Leiden sich erlöst fühlt. Der stehende Artikel also ist Leiden, 
Dulden, und wer dessen die größere Summe zählt, ist auch der Größere. 

Widerlege mir, Freund, diese Argumentation, und wenn du, der da vor 
Vielen ein Recht hat, über diesen Punkt zu sprechen, mich eines Bessern be- 
lehrst, wird sie herzlich gerne zurücknehmen 

dein alter getreuer 
Schmell er. 

A las senoras, las debidas memorias — y dentro poeo mejores nuevas de 
la querida patria ! 



Übersicht 
der Vorlesungen über deutsche Sprache, Litteratur etc.. au den Universitäten Deutsch- 
lands, Österreichs, der Schweiz, so wie in Dorpat im Sommersemester 1874. 

Eneyklopädie: Systematische Übersicht der germ. Philologie: Heidel- 
berg-Bartsch; Einleitung in das Studium der neueren Sprachen: Zürich-Tobler. 

Vergleichende Grammatik: Graz-Schmidt; Zürich-Schweizer Sidler ; 
2. Theil: Berlin-Ebel; allgem. Einleitung in das Sprachstudium: Halle-Pott. 

Deutsche Grammatik: Berlin-MiillenhofF; Breslau-Rückert (2. Theil); 
Göttingen- W. Müller; altd. Grammatik: Graz-Schönbach; ausgewählte Capitel : 
Halle-Zacher; Hildebrand; deutsche Syntax: Bonn-Andresen. 

Gothische Grammatik: Berlin i Ak. f. in. Ph.)-Begemann ; Bonn-Bir- 
linger ; Graz-Schmidt; Marburg-Justi. 

Althochdeutsche Grammatik: Bonn-Diez. 

Mittelhochdeutsche Grammatik: Miinster-Stork ; Würzburg-Lexer ; 
mit Interpretationsübun^en: Bern-IIirzel. 

Altsächsische Grammatik: Berlin Ak. f. m. Ph.)-Zernial ; Göttin- 
gen-Wilken; Greifswald-Höfer; Marhurg-Grein ; altniederd. Grammatik mit Inter- 
pretation: Basel-Heyne 

Angelsächsische Grammatik: Göttingen - Th. Müller; Halle-Tschi- 
schwitz ; Marburg- Grein; Straßburg-Steinmeyer. 

Englische Grammatik: Bonn-Delhis ; Jena- Sievers ; Königsberg-Schip- 
per; Rostock-Limlm r; Straßburg-ten Brink; altenglisch: Marburg-Grein ; engl. 
Synonymik und Etymologie: Heidelberg-Ihne. 

Altnordische Grammatik: Halle-Hildebrand. 

Deutsche Mythologie: Vgl. Mythologie der indogerm. Völker: Hei- 
delberg-Lefmann. 

Deutsche Alterthümer: German. Staats- und Rechts-Alterthümer : 
Basel-Meyer; deutsche Alterthümer nach Tacitus Germania: Göttingen- Waitz; 
Tacitus Germania; Gießen-Lutterbeck; Halle-Zacher. 



MISCELLEN 255 

Deutsche Rechtsquellen, Erklärung: Basel-Heusler ; Göttingen-Frens- 
dorfl': Lex Salica : Heidelberg-Scherrer ; Sachsenspiegel: Halle-Lastig; Schwa- 
benspiegel : Zürich-Orelli. 

Deutsch» 1 Litte raturge seh ich t e: Heidelberg - Bartsch ; Tübingen- 
Keller; 1. Theil: Breslau- Pfeiffer ; im Mittelalter: Bonn-Birlinger ; Halle-Hilde- 
brand; Innsbruck-Zingerle; Kiel- Weinhold ; Leipzig-Zarneke ; über mhd. Dich- 
tangen: Erlangen-Raumer ; l>i> 1720: Grieß en-Weigand; vom 16. Jh. an: <J<">t 
tingen-Gödeke; Wurzburg-Lexer ; seit Opitz: Boan-Keifferscheid ; seit Gottsched: 
Halle-Haym; des 18. Jh.: Gießen - Zimmermann ; classische Periode (Göthe- 
Schiller-Zeit : Zürich-Honegger ; während der beiden letzten Decennien des 18. Jh.: 
Wien-Tomaschek; im 19. Jh.: Straßburg- Scherer; seit Goethes Tod: Bern- 
Schöne. — Deutsche Heldensage: Göttingen-Tittmann; deutsche Lyrik mit Inter- 
pretation: Basel-Heyne; religiöses Schauspiel des MA.: Tübingen-Ft hr; über 
Lessing: München- Bernays ; Prag-Martin; Lessings Dramaturgie: Wien-Toma- 
schek ; Goethes Leben und Werke: Bern-Hirzel; (Goethes Lyrik; Dorpat-Masing ; 
Göthes Faust: Heidelberg-Reichlin Meldegg; Tübingen- Köstlin ; Faustsage und 
Faustdiebtungen: Gießen- Zimmermann ; Schillers Leben und Schriften: Göttin- 
gen-Goedeke; romantische Schule: Prag-Kelle. 

Englische Li tteraturgesch ichte: Berlin Ak. f. m. Ph.)-Scholl J von 
Chaucer au: Breslau-Kölbing. 

Altnordische Li t teratur gesch ie h t e : Halle- Hildebrand. 
Deutsche Metrik: mhd. Metrik: Marburg-Lucae. 
Sprachdenkmale r : 

Gothische: Erlangen- Raumer; Graz Schmidt; Tübingen-Holland; Evang. 
Johannis: Bonn-Birlinger. 

Althochdeutsche: Greifswald-Höfer; Prag-Kelle; Ott'rid und kleinere 
poet. Denkmäler des 9. Jh.; Königsberg-Schade. 

M i ttelhoc h deutsche: ausgew. Poesien des deutscheu Mittelalters : Zürich- 
Tobler ; ausgew. Denkmäler des 13. Jh.: Königsberg-Schade. 
Frei d an k: Tübingen-Holland. 
Gottfrieds Tristan: Innsbruck-Zingerle. 

Hartmanns armer Heinrich: Breslau-Pfeiffer; lweiu: Bonn-Reif- 
ferscheid. 

Kudruii: Göttingen Wilken; ausgew. Stücke: Gießen-Weigand. 
Nibelungenlied: Marburg-Lucae : Prag - Martin : Tübingen-Keller : 
mit Einleitung: Bonn-Simrock; Heidelberg-Bartsch : Straßburg Scherer; ausgew. 
stücke: Baeel-Me 

vValthervon der Vogelweide: Rostock- Bechstein; Wurzburg-Lexer. 
Wolframs Parziral: Göttingen-W. Müller; Jena- Sievers ; Lei] 
Zarncke ; München-Hofmann ; Straßburg-Steinmeyer ; Zürich-Ettmüller. 

Ah chi Hcli nd: Berlin Ak. f. m. Ph.)-Zernial; Göttingen- 

Wilken; Greifewald-Höfer; kleinere Denkmäler: Marburg-Grein. 

Mittelnied erländisebe Beinaerl de Von: Straßburg-ten Brink. 
Angelsächsische: Beovulf: Berlin-Müllenhoff; Zernjal Ak. f. m. Ph.) : 
G " ngen-Th. Müller; Straßburg- Steinmeyer ; Zürich-Ettmüller; Caedmon: Halle- 
Tschischwitz ; i Stücke von ags. Prosa und Dichtung nach Rieger: Gießen- 

ind; nach Zupitza: Königsberg Schipper. 



256 MISCELLEN. 

Altenglische: nach Zupitza: Königsberg- Schipper; Chaucers Canter- 
bury Tales: Breslau-Kölbiug. 

Altnordische: ausgew. altnord. Texte: Kiel-Möbius; Edda: Breslau- 
Kölbing; Lokasenna: Straßburg- Bergmann; Eyrbyggjasaga: Leipzig-Zarncke. 

Germanistische Übungen in Seminarien, Gesellschaften, Societäten, Kränz- 
chen werden gehalten in Basel, Berlin, Bonn, Breslau, Göttingen, Graz, Greifs- 
wald, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, München, 
Prag, Rostock, Straßburg, Tübingen, Wien und Würzburg. 



Personalnotizen. 

Am 6. April 1874 f zu Montreux in der Schweiz Dr. Amelung, welcher 
als außerord. Professor der deutschen Philologie nach Freiburg i. B. berufen 
worden war. An seiner Stelle ist Dr. H. Paul, bisher Privatdocent in Leipzig, 
ernannt worden und hat bereits im Sommer d. J. seine Lehrthätigkeit begonnen. 

Am 23. Februar d. J. f im städtischen Krankenhause zu Breslau Dr. 
Aug. Geyder, früher Privatdocent an der dortigen Universität, als Germanist 
bekannt durch seine Arbeiten über Waltharius. 

Der außerord. Professor Dr. Rudolf Hildebrand in Leipzig ist zum 
Ordinarius ernannt worden. 



Preisaufgaben. 

Königsberg. Es soll genau untersucht werden, ob und an welcher 
Stelle bei der Übersetzung des neuen Testamentes ins Gotische Ulfilas neben 
dem griechischen Texte auch eine lateinische Übersetzung benutzt habe. 

Rostock. De arte poetica et orationis genere Waltheri illius, qui dicitur 
von der Vogelweide . 

Würzburg. Es soll eine Darstellung der dichterischen Thätigkeit Konrads 
von Würzburg und seiner Bedeutung für die deutsche Poesie überhaupt gegeben 
und gezeigt werden, unter welchem Einflüsse er stand und welchen Einfluß er 
auf spätere Dichter ausübte. 

Bern. Erörterung des Begriffs der Nationallitteratur mit besonderer Rück- 
sicht auf die Frage, in wiefern derselbe Anwendung auf die schweizerische, 
namentl. deutsch- schweizerische Litteratur leide. 



£ ekann t .machung . 
Die 29. Versammlung deutscher Philologen, Schulmänner und 
Orientalisten wird in den Tagen vom 28. Sept. bis 1. Oct. d. J. zu Inns- 
bruck stattfinden, wozu die Unterzeichneten hiemit ganz ergebenst einladen. 
Indem sie die geehrten Fachgenossen ersuchen, beabsichtigte Vorträge 
sowohl für die allgemeinen als auch für die Verhandlungen der Sectionen bald- 
möglichst (längstens bis 20. August) anmelden zu wollen, erklären sie sich zu- 
gleich bereit, Anfragen und Wünsche, welche sich auf die Theilnahme an der 
Versammlung beziehen, entgegenzunehmen und nach Möglichkeit zu erledigen. 
Innsbruck, im Juni 1874. 

Das Präsidium. 
B. Jülg. W. Biehl. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ. 



Von diesem Werke habe ich bei Besprechung des Spiegelbuches 
Germ. 16, 177 fgg. Anlaß gehabt zu handeln, und ich verweise hier 
auf das damals gesagte, das ich in einigen Punkten zu berichtigen 
haben werde, von dem ich aber möglichst wenig wiederholen möchte. 
Ich kannte damals nur die beiden von Maßmann in Naumanns Sera- 
peum II, 184 fgg. beschriebenen alten Drucke und von der Casseler 
Handschrift die von Kugler Kl. Sehr, zur Kunstgesch. I, 52 gegebene 
spärliche Probe. Da es mir durchaus der Mühe werth schien, diesen 
Todtentanz zum Gemeingute zu machen, habe ich mir inzwischen auch 
von der Handschrift, der einzigen bis jetzt bekannten, eigene Ein- 
sicht verschafft*) und bin nun im Stande, eine Art von kritischen) 
Texte des Werkes zu geben. 

Die Handschrift, der Landesbibliothek zu Cassel gehörig, ist auf 
Pergament in Octav zierlich und mit Aufwand ausgeführt. Die Vor- 
derseite jedes Blattes enthält die zwei Gesetze je eines Auftrittes über 
dem dazu gehörigen Bilde; die Rückseiten bleiben leer. Die Schrift 
ist durchweg mit farbigen und vergoldeten Initialen geschmückt, große 
ren bei jedem Gesetze, kleineren bei jedem Verspaar. Abgesetzt sind 
die Verspaare, nicht die Verse; die leerbleibenden Theile der Zeilen 
sind durch Bänder in den Farben der Initialen, braun. Klau und gold 
ausgefüllt und mit denselben Farben auch die Bilder umrahmt 

Diese letzteren sind in der Ausführung ziemlich roh, aber mit 
Geist und Laune erfunden. Sehr gut ist durchweg der Tod. Es findet 
sich ein Reichthum von wechselnden, zum Theil witzigen Motiven in 
der Art, wie er den verschiedenen Personen entgegentritt. Gewöhnlich 
tanzt er und musiciert auf irgend einein Instrumente, bläst aber zur 
Abwechslung auch auf dem Stil einer Hacke "der aui einem Todten- 
bein, wozu er mit einem andern auf einen Schädel trommelt. An der 
Trompete hat er sonst bei Standespersonen auf einem Fahnentuche 
das Wappen des abzuholenden, einmal aber, bei dem Junker, sein 



• Wotiii ich der Gefälligkeit dea Herrn Bibliothekars Dr. Bernhardt eu Dank 
. ■ rpflicht« t bin 

ot.KM.iNIA Neu Reih ( .\l\, l i,, VII 17 



258 M. RIEGER 

eigenes Abbild. Mitunter hat er dem abzuholenden seine standesmäUige 
Kopfbedeckung, z. B. dem Domherrn die rothe mit weißem Pelz ver- 
brämte Mütze abgenommen und sich selber aufgesetzt; bei dem kleinen 
Kind aber trägt er, wie um ihm Zutrauen einzuflößen, die Ammen- 
haube. Den Doctor faßt er wie ein Räuber an, den Dieb führt er 
wie ein Polizeidiener mit gebundenen Händen am Strick, der gute 
Mönch dagegen faßt ihn selbst am Grabtuch, als wolle er den davon- 
eilenden aufhalten. Der modisch geputzten Jungfrau hält er einen 
Spiegel vor, dem Junker seinen Hintern, auf den er mit der Hand 
einladend deutet. Die Holzschnitte sind nah verwandt, ohne je ganz 
übereinzukommen. Die Compositum ist auf den Gemälden lebendiger, 
die Zeichnung der Körper besser, wie auch ihre Proportion; aber in 
den Köpfen, die auf den Holzschnitten nicht ohne Geist behandelt 
sind, bleibt der Maler flau. Er gibt seinen Figuren einen landschaft 
liehen oder architektonischen Hintergrund mit oder ohne Luft, aber 
so gänzlich ohne Begriff von Perspective, daß die vorderen Gegen- 
stände, z. 13. Bäume, ebenso klein oder kleiner gezeichnet sind als die 
hintern und die Figuren dadurch mehr als riesengroß in der Landschaft 
stehen. Die Costüme mögen, wo zwischen mehreren die Wahl war, zum 
Theil ihre Bedeutung haben. Der Abt verräth sich durch schwarze Ordens- 
tracht als Benedictiner, der böse Mönch ist Dominicaner, der gute da- 
gegen Franziscaner und der Bruder, der einen langen Part, schwarzen 
Rock mit Gürtel und schwarzer Capuze und ein hellrothes Käppchen 
trägt, offenbar ein Kugelherr oder Bruder des gemeinsamen Lebens*). 
Bei dem Grafen hat der Tod eine Trompete mit rother Fahne, die 
einen aufrecht stehenden gekrönten goldenen Löwen mit einem Schwänze 
zeigt, doch wohl kein anderes als das nassauische Wappen, obgleich 
ihm die Schindeln fehlen, die sich schon im !-'>. Jahrhundert auf ihm 
finden (s. Siebmachers Wappenbuch neu hsgeg. v. Mcfnerl. Bd. 1854). 
Die Rüstungen (beim Herzog und Grafen) -«hören der zweiten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts an, insbesondere die Salade mit Barthaube, die 
erst um 1450 aufkam und den Monumenten aus unmittelbar vorher- 
gehender Zeit noch fehlt (s. Hefner, Trachten des christl. MA. II, 



*) In einer alten Handschrift Von dem statt vnd leben der priesla md bruder zu 
Konigstein rn<l zu Butzbach (abgedr. in Conapectns parochiae Moguntinae intra urbem 
von Severus Aschaffenb. I7t;s and im Archiv für hess. Gesch. X, 60) heißt es: Sie 
ghen glich geklagt in gemeyner erber vnd eynfeldigen kleidung, schwarte oder graw, 
uit kostlich noch auch zu s>io</<'. Die Bolzschnitte charakterisieren übrigens, so viel 
man ohne Farbe schon kann, jene geistlichen Personen ganz übereinstimmend. Dei 
Bruder, ebenfalls bärtig, erscheint hiei baarhäuptig mil Btarkem Haar ohne Tonsur. 



DER JONGERE TODTEN l\\N/. 

173 fg.). Das CostUm des Todes zeigt die ältere') Darstellungsweise 
wie auch auf den Holzschnitten, nicht als Beingerippe, sondern als mehr 
oder minder verschrumpfte oder entfleischte Leiche mit geöffnetem 
Bauch, mit herabhängendem Bauchfell, fleischfarbig, mit durch die 
Haut sich ausprägenden Knochen. Mitunter trägt er Kleidungsstücke, 
mitunter ein weißes Grabtuch, das alsdann die bekannten eckigen 
Faltenbrüche zeigt, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus 
Flandern in die deutsche Kunst eindrangen. 

Man sieht, daß die Handschrift, die ich mit C bezeichne, den 
beiden Drucken, auf deren Münchner Exemplarien von alter Hand 
die Jahreszahlen 1459 und 1470 bemerkt sind (a und b), im Alter 
kaum vorangeht. Sie zeigt indeü die mittelrheinisch-oberhessische Mund- 
art in etwas reinerer Schreibweise als b und auch mitunter den eigen- 
thümlicheren oder altertümlicheren Ausdruck: 55 noch für doch = 
attamen, 379 gar für das nhd. Adv. ganz, 462 geleret für gelernet, 
519 numme für nummer, 560 verliben für beliben oder gebhben. Ich 
gebe daher den Text in ihrer Schreibung, ebne sie darum zu dessen 
Grundlage zu machen. Denn sie gibt, obgleich sie im Finzelnen Bei- 
träge zur Herstellung liefert, im Ganzen keinen besseren Text als die 
Drucke. Sie erscheint vielmehr in den zahlreiehen Fällen, wo sie von 
der übereinstimmenden Lesart von a b abweicht, meistens im Nach- 
theil, und diese letztere war daher auch wo der Unterschied gleich 
giltig ist, gegen C zu schützen. Andererseits stimmt C in vielen Fällen 
auch mit b gegen a überein, wo dann ebenfalls der Vorzug nur aus- 
nahmsweise der einen abweichenden Urkunde zukommt. So enthält 
also b den eigentlichen Kern der Überlieferung, von dein C und a 
nach rechts und links sich abzweigen. Eine Übereinstimmung von C 
und a gegen b ist selten und offenbar nur zufällig. Das ganze Ver- 
hältniss ist leicht zu ersehen, da ich außer den bloß orthographischen 
und grammatischen alle Lesarten mittheile. 

Einig« Mäh- ('.). 101. 168. L84. 525. 52!)) sind Fehler den drei lir 
künden gemein und zum Theil wenigstens von der Alt, daß der Zu 
fall in der Übereinstimmung Völlig ausgeschlossen bleibt. Wir haben 
also doch eine nicht ganz kurz«; Überlieferung \<>r mis und es ent 
teht die Frage, .»b am Ende das Gedicht, aeben seinen vocalisch und 
consonantiseli ungenauen Keimen, ursprünglich einen regelmäßigen 
Versbau gehabt habe. \)\<- meisten Vei e fugen ich, unter Berück 
siehtigung der Mundart und Anwendung der diesem Jahrhundert ge- 

►) Vergl / i hr. f. d. A. 9 121 fg 

I. ' 



2G0 M. RIEGER 

mäßen starken Kürzungen, auch jetzt noch dem Schema der vier He- 
bungen mit regelmäßig eintretender Senkung. Vergleicht man ein von 
Haus aus unmetrisch angelegtes Reimwerk, wie das Spiegelbuch, so 
fällt der Unterschied auf; und bei der besonderen Sorglosigkeit und 
Willkür, mit der gerade dramatische Dichtungen fortgepflanzt wurden, 
ist die Entwickelung eines von Haus aus metrischen Textes zu der 
verwilderten Gestalt des unsrigen nicht undenkbar. Viele Verse würden 
sich durch mehr oder weniger leichte Änderungen wieder einrenken 
lassen; aber nicht wenige müßte man auch, um sie nicht als incurabel 
aufzugeben, aufs rücksichtsloseste zusamraenschneiden, und der Versuch 
einer metrischen Herstellung hätte nur einen subjectiven Werth. Ich 
habe indeß, auch darin vielleicht schon voreilig, durchweg den Les- 
arten den Vorzug gegeben, durch die der Versbau hergestellt wird. 

Es fehlen in C drei Auftritte, der Pfarrer (6), der Arzt (9) und 
der Herzog (12); aber der Schreiber hat geglaubt beim Capellan (7) 
den Pfarrer und beim Ritter (14) den Herzog vor sich zu haben und 
die Anrede demgemäß geändert, so daß eine vollständige Handschrift 
offenbar zu Grunde gelegen hat. Die Reihenfolge der Auftritte ist in 
C lediglich durch die Sorglosigkeit des Buchbinders gestört; die 
Blätter sind vom Schreiber alle bis auf sechs beziffert und die dadurch 
angedeutete Reihenfolge stimmt mit b bis auf eine Ausnahme überein. 
In b, wie in a, folgt nämlich die Jungfrau auf die Bürgerin, in C die 
Bürgerin (30 durch Versehen für die sonst fehlende Ziffer 36) auf die 
Jungfrau (35); und hier scheint C im Recht zu sein. Dieß verräth 
sich dadurch, daß in b beide, Bürgerin und Jungfrau, mit 35 bezeichnet 
sind und die Ziffer 36 fehlt. Dieses Versehen muß sich schon in der 
gemeinsamen Grundlage von a und b gefunden und die Vertauschung 
beider Auftritte ermöglicht haben ; in b wurden auch die zwei gleichen 
Ziffern fortgepflanzt. Ich gebe indeß, um die Verwirrung nicht un- 
nöthig zu mehren, die Anordnung der Auftritte unverändert nach b. 

Denn verwirrend genug ist schon die Verschiedenheit der Anord- 
nung zwischen a und b; aber zugleich lehrreich, indem sie einen Blick 
in die Entwicklungsgeschichte des Werkes öffnet. Streicht man in 
beiden Reihen den Abt, Arzt, Räuber, Wucherer, Bürger, Handwerks- 
mann, Jüngling, das Kind, den Wirth, Spieler, Dieb, bösen Mönch, 
guten Mönch, den Bruder, den Doctor und die Nonne, so bleiben 
22 Auftritte in völlig gleicher Reihenfolge, und in diesen hat man 
offenbar den ursprünglichen Bestand des Spieles. Betrachtet man ihn 
näher, so zeigt sich eine ganz symmetrische Eintheilung nach Ständen : 
7 Geistliche, 7 Adelliche, 7 Bürgerliche und zum Schluß, um allem 






DER ii N6ERE TODTENTANZ. 261 

noch sonst denkbaren gerecht zu werden, der Auftritt Von allem stät. 
Bei diesem war es den Aufführenden überlassen, eine Auswahl von 
Charakteren zu treffen, die zusammen auf dem Theater erschienen; 
dann aber lag es nahe, daß einzelne von diesen wiederum hervor- 
gezogen und mit besonderen Auftritten bedacht wurden. So wuchsen 
deren 16 nach, die man nun nach verschiedenen Gesiehtspuncten in 
die alte Reihe einzuschieben unternahm. In Cb sind Abt und Arzt, 
der letztere seltsamer Weise statt des näher berechtigten Doctors, der 
geistlichen Siebenzahl angehängt; 13 Auftritte, davon die letzten 4 
mit geistlichen Personen, die übrigen mit wenig ( )rdnung, sind zwischen 
die Adelichen und Bürgerlichen eingeschoben und die Nonne bei den 
einzigen Frauen, die sonst in dem Spiele vorkommen, untergebracht. 
Hier ist also nur die letzte der alten Gruppen und sie nur durch einen 
Auftritt auseinander gedehnt, die andern behalten ihren alten Zusam- 
menhang. Schonungsloser aber systematischer ist die Einreibung in a: 
Abt und Doctor ihrem Range gemäß zwischen Bischof und Official ; 
am Schluß der geistlichen Gruppe vier weitere geistliche Personen, 
guter und böser Mönch, Bruder, Nonne, und der Arzt, der wenigstens 
als Gelehrter mit dieser Gesellschaft verwandt ist. Sodann etwas unbedacht 
hinter dem Rathshcrrn der Bürger: denn jener ist nicht der städtische 
Würdenträger, der diesen Titel führt, sondern ein rechtsgelehrter fürst- 
licher Rath, wie sie oft aus dem Bürgerstande hervorgiengen. Endlich 
hinter dem Schreiber die übrigen: vier Jäger nach fremdem Gute, der 
Wucherer, Räuber, Spieler und Dieb; zwei Vertreter bürgerlicher Nah- 
rung, der Handwerksmann und Wirthj zwei Alterstufen, Jüngling und 
Kind. Daß die Einreihung in a eine spätere, verbesserte, die andere 
eine unvollkommene erste ist, dürfte kaum bezweifelt werden. 

Die Rede am Kerner, die ich Germ. 16, 194 fg. aus a mitge- 
theilt habe, fehlt in C, und ich lasse sie hier weg, weil es mir nicht 
zweifelhaft ist, daß sie ursprünglich zu dem zweiten Spiele des Spie- 
gelbuches gehört hat. Auch der Titel und das Bild auf seiner Rück- 
seite mit den dazugehörigen Versen, sowie die Rede des Todten auf 
der Bahre, die in a b die Einleitung bildet, alles dieß fehlt in C, ob 
nur durch Zufäll läßt sich nicht sagen. Jedenfalls gehört die auf die 
Figuren verweisende Rede des Todten, eben wie der Titel, nicht zu 
dem Spiel, sondern zu dem aus ihm hervorgegangenen Buche, während 
die metrisch gebauten Verse auf der Rückseite des Titels, wie auch 
Waekernagel Zschr. I. d. A. ( J, 33-1 wahrscheinlich fand, das auf- 
geführte Spiel eröffnet haben dürften. 

Die Heimat des Spieles oder doch seiner Erweiterung wird 
durch die Erwähnung von Bingen 353 bestimmt; und es ist nicht 



262 M. RIEGER 

nöthig, die Reime, die wegen ihrer Ungenauigkeit doch nicht viel be* 
weisen können, darüber zu befragen. Es zeugt also für eine gewisse 
Verbreitung, wenn es zuerst nicht in mittelrheinischer, sondern in ost- 
fränkischer Mundart ohne alle ai und oi gedruckt worden ist. Stammt 
dieser Druck wirklich von 1459, so kann er wohl aus keiner andern 
Werkstatt als der Albrecht Pfisters zu Bamberg hervorgegangen sein. 
Für die Heimat der Holzschnitte ist es bezeichnend, daß der Graf ein 
Banner mit den Hirschhörnern Würtembergs führt (vgl. Wackernagel 
a. a. 0. 335). Der Maler der Handschrift verräth aber bei der gleichen 
Gelegenheit, wie schon oben angegeben wurde, daß er der Heimat 
des Spieles selbst näher stand. Unter seinem letzten Bilde steht die 
Bemerkung: Ihro Chur Prinzl Dhlt zu Neustat Vor Ehrt worden: 1679. 
Die kurprinzliche Durchlaucht muß Hedwig Sophie, Tochter des Kur- 
fürsten Georg Wilhelm von Brandenburg und Mutter des Landgrafen 
Karl sein, für den sie während seiner Minderjährigkeit 1670 — 75 die 
Regierung führte. Neustat, so ohne jede nähere Bestimmung genannt, 
kann nur das oberhessische, damals mainzische Städtchen dieses Namens 
sein. Auch hier also wieder ein Fingerzeig nach dem Mittelrhein. 

Man möchte wohl auch wissen, wo der Buchdrucker seine Werk- 
statt hatte, der die Holzstöcke des Druckes von 1459 an sich ge- 
bracht und 1470 eine zweite Ausgabe nach andrer Vorlage und in 
der heimatlichen Mundart des Spieles veranstaltet hat. Nicht daß ihm 
das Werk besondere Ehre machte: weder ist der Druck sauber, 
noch die Typen geschmackvoll. Aber sie scheinen zugleich unter den 
mittelrheinischen Drucken jener Zeit ganz unerhört zu sein. Wenig- 
stens finde ich in den Tafeln zu Wetters kritischer Geschichte der 
Buchdruckerkunst keine nachgebildet, die mit ihnen einige Ähnlich- 
keit hätten, außer denen von Valdenaer zu Utrecht von 1470; er allein 
hat diese h, b, 1 und d mit großen bauchichten Schleifen, kann er 
hier wohl in Frage kommen? Nahe läge es bei dem ascetischen Sinne, 
der das Werk durchdringt , an die Druckerei des Kugelhauses zu 
Mergental bei Rüdesheim zu denken, die 1463 eröffnet worden ist und 
eine Zeit lang geblüht hat. Wer jedoch auf die dortigen Brüder des 
gemeinsamen Lebens die Abfassung des Spieles selbst zurückführen 
wollte, Avegcn dessen und der Spiele des Spiegclbuches ich einst an 
das Cisterzienkloster Eberbach gedacht habe, der würde irren; denn 
das Kugelhaus zu Mergental war nicht oder doch nur um Monate 
älter als seine Druckerei. 

DARMSTADT, im März 1874. M. RIEGER. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ. 263 

Der Dotcn dantz mit figuren. Clage vnd antwort Bchon von allen 

staten der weit. 

Wo! an wol an jr berron vnd knecht, 
spryngt her by von allem geschlecht, 
wie jung wie alt, wie schon oder kruß, 
ir mußent alle in diß dantz huß. *) 

Alle mentschen deneken an myeh 
Vnd huden vor der werlt sych. 
Ich hatte viell gutes vnd was hin eren, 
Golt vnd sylber hatte ich tzu vertzeren: 
Nu byn ich inn der wurme gewalt, 
Solich testament ist myr bestalt. 
Der doit hait myeh her tzu bracht 
Da ich yß aller mynst bedacht. 
Vorware wer das merket eben, 
Der mag woill besßern syn leben, 
Wand hye geet lachen vnd sehyraph uß, 
Wand wir neghen tzu disßem dantz husze. 
Merkent nu vnd sehent an disße tigure, 
War tzu kommet des mentschen nature. 
Laßent von sunden, das ist myn radt, 
So mögen! \i by gol fynden gnade.**) 

1. 
Her baibst, dissen dantz must ir beginnen 
vor allen, die da ere gewinnen. 
Aller werlte ir gebott: 
nu sint ir körnen in den doit. 
5 ITwcr herschaft hait nu ein end< . 
ir sint komen in raine hende. 
Gant vort und nicht erschreckt: 
hie wert ir ligen biß das uch goi erweckt. 

got, sal ich und muß eß sin, 
lo das ich enden das leben min ? 
( }o1 wa ich uff ei den genant 
und allen menschen der hoegsl bekant. 
l-i im straifflich gewesl min leben, 
das wollt gottie gudde mir vergeben. 



Bis hiebei nach a, da das Titelblatt in dem von vab benutzten Darmstädtei 
Exemplar von b fehlt Di ' lehn auf dei Rückseite des Titele, untei ihnen der 

Holzschnitt: -1 blasende Todte mit andern, die ftieb aus Gräbern erheben. 

Holzschnitt: Todtei in einem Sarge von seebe Todten umtanzt, deren ei 
mit einem Todtenbein die Trommel Bchlägt. Daneben der Kerner. 

2 allen] allen den 4 b kommen yi 9 ich oo< cAen 10 ich 

a, C sal, b ich BaL 



264 M. RIEGER. 

15 Sant peter stule han ich besessen: 
got wolle miner seien nit vergeßen. 

2. 
Her cardinal, nu springent ain dissen reien. 
mit uworem mantel haint ir gain meien: 
Mich dunckt vch verwonder diese fart. 
20 nu kompt und offenbart 

Uwer sunde, die ire hant begangen, 
groß ere hait uch umbfangen: 
Uwer mantel und roder hut 
klein hulffe gein mir nu dut. 

25 Mantel und hut sollent mir nit schaden: 
ich han mich sost vyl uberlaiden 
Mit gierheit in zytlichem gut, 
glich als der straßenreuber dut. 
Mocht ich des noch quyt werden 

30 dwil ich noch bin uff erden, 

Ich hofft got solt mir gncdich sin 
und erlosen uß ewiger pin. 

3. 
Her bischoff, ich bin hie der doit 
und wil uch bringen in libes noit. 

35 Uwer bistum must ir übergeben, 
niet lenger laß ich uch leben. 
Kompt nu mit mir in uwer grap, 
legent nidder uwern schonen stap, 
Den man uch hait vorgetragen: 

40 den doit kan er nit verjagen. 

Vor got muß ich die warheit sagen: 
ich wolt das ich alle min dage 
Ein armer monich were gewesen, 
got gedient mit singen und mit lesen. 
45 Von paffen wirt clage über mich komen, 
das ich also vyl subsidia han gcnomen 
Und mit gewalt underdruckt den armen, 
ach wolt sich got über mine sele erbarmen. 

4. 
An uch ist nu der tzail, 
50 o reverende domine official. 



19 vch fehlt C. a verwildert. 25 hut] a roter hut. 26 vyl] C zu vyl. 

40 a kunt ir. 45 C'b mich nu komen. 49 An uch] lies An uch, an uch. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ. 265 

Ir hant durch die gantzen wochen 
vil falsche orteil gesprochen: 
Hettent ir dem armen als dem riehen gedain, 
frolich mocht ir zu dem dantze gain. 
55 Noch wie dem si, ir raust sterben 

und mocht nit zyl biß morn erwerben. 

Hilff got! ich bin in großen sorgen, 
han ich nit zyl biß morgen. 
Ich bin in großen krencken 
60 und het noch vyl zu bedencken. 
Het ich min seile vor woll bedacht, 
so queme ich nu nit in gottis acht, 
Und het geholfen den armen, 
so mocht sich got über mich erbarmen. 

5. 

65 Her fürt, du stoltzer dumher, 

du besitzest nu vnd nummer mer 

Dyne prundc rent gulte vnd gut. 

dar vor hastu dich nit gehut. 

Troist dich selbs, dan du must sterben 
70 vnd magst nit lenger zyl erwerben. 

Laiß din dedinge vnd kome herfort, 

dich bait keyne bette noch süße wort. 

Ach got, wie sal ich mir geben troist? 

in vnserm capitel was ich der boist. 
75 Vil prunden vnd groiß gut han ich besessen: 

nu wirt min ewig vergeßen. 

Hette ich mine notturfft genomen, 

geyn gott mocht iß mir nu fromen, 

Und auch mitgedeilt den armen, 
80 so wurde sich got über mich erbarmen. 

6. 
Her perner, yr mußet maisßen uwer meyen 
vnd springen myt myr an dißen reyen. 
Ich han vorn anc geschrieben 
das yr gots dyenst nyt hant getryeben 
85 Vnd uwern sehoffgyn boße exempel geben: 
dar vmb verlyest yr das ewig leben. 
Vwer opper kyreh gut vnd cre 
siehent yr nu und Dummer mere. 



.")i r]p m | al, diszem. 56 Noch] ab Doch. 68 biß] h myt. 59 inj 

fehlt C. fil ab vor myn Bele. 6 i mich] a myr. 66 na] C n it. 81 96 Va. /' >• , 
fehlt <\ 88 mere a, b mec. 



266 M. RIEGER 

Hctte ich myn schafflyn woill behut 
90 als eyn rechter hyrtt dut, 

Sye vnd mych ane sunde bewart, 

frolich für ich diße leste fart. 

Nu han ich gesucht zytlichs gut 

als der falsche hyrt dut: 
95 Dar vmb ich mych sere betrüben. 

got wolle doch das beste pruben. 

7. 
Her capellan, ir kundt gar süßlich claffen 
bi den leien und auch bi den paffen. 
Den seiter kundt ir noch nit gelesen 
100 und mag niemant vor uwer meisterschaft genesen. 
Laißent ligen uwer berret und uwer solen, 
ir sint mir nu gantz entpholen. 
Uwer clip clap und doricht sagen 
kan den doit nit veriagen. 

105 Ein berret drug ich als meister ipocras, 

dick geprediget das ich nie gelas. 

Ich sucht gut mit zytlicher ere, 

klein was ich von der lere. 

Den wolff ließ ich die schaiff zubißen, 
110 ein bein vom andern rißen, 

Die mir min herre bevolen hait in truwen: 

das wirt mich nu und eweclichen ruwen. 



Her apt in geistlichem orden, 
ir sint mir nu zu deil worden. 

115 Ir mußent alle ding laßen stain 
und nu an minen reien gain. 
Uch und uwern brudern junck und alden 
were gut, het ir den orden gehalden 
Und des cloisters gut nit so vyl verzert 

120 und arme lüde da von ernert. 

Ach got, war zu bin ich worden? 
ich hielde nie recht minen orden. 
Ich bin gewesen umbehut 
zu gewinnen das ewig gut. 
125 Were ich ein armer monich gewesen, 
got gedient mit singen und mit lesen 



93 a zytlich. 97 capellan ab, C pherner. 100 vor abC: zu tilgen. 

101 solen abC: lies stolen. 110 a zuryszen 111 herre] C oberster. 114 nu 

fehlt C. 117 junck Cb, a jungen. 118 a jr hettent. 119 C verziert. 

120 von] C mit. 123 C gewesten, ab gewest. 



DEB JÜNGERE TODTENTANZ. 267 

Und hctte min sclc woll bewart, 
frolieh Cur ich diese leste fart. 

9. 

Herr artzt, yr kont den luden woll gesagen, 
130 wie yr den dot wolt von yn veriagen. 

Kont yr ichts finden vor den doit, 

suchet her vor, das ist uch noit. 

Ir habent ander lüde gesunt gemacht 

vnd vwer seien kleyn geacht. 
135 Wie mag vwer seien rat werden? 

ir hant gekurtzet manchem syn leben. 

In aller artzedye konde ich rat geben 
czu verlengen des mentschen leben, 
Sunder widder den doit tzu disser fart 
140 finden ich keyn krudt das myeh verwart. 
Och gotliche barmhertzikeyt, 
myn sunde syn myr leyt. 
Dyn grün delose gute dye bied myr, 
wand alle myn heyll stet an dyr. 

10. 
145 Herr keiser, nu koment, is ist zyt. 

uwer macht geit durch die werlet wyt: 

Hot uwer keiserlichs swert 

die heiden betwungen und bekert, 

Friden gemacht und nach rech gestanden 
150 in steden vnd in allen landen, 

So wurde uch auch nu gegeben 

gottes hulde und ewiges leoen. 

Sal und muß ich nu sterben 

und keinen Verzug von dir erwerben? 
155 Groiß gut und ere han ich beseßen: 

was bait mich min groß vermeßen? 

Ich meint du soltest schonen 

keiserlichs appels und minor cronen: 

So des Diel enißt, dar umb uff erden 
160 kein mentsch mag din entragen worden. 

11. 
Ir mechtiger kunig groiß und rieh, 
ir mußent nu werden den armen glich, 



129—144 nach b; fehlt C. 131 b Buden icht.s. 14fi ah durch al (6 all) die 

14!i ab recht. 150 vnd fehlt C. 165 und cro fehlt a. 156 baich, 

157 soltest] C sollest. 158 a >> applas, C aplaiß. 159 dar umb fehlt a. 



268 M. RIEGER 

Wan ir sollent noch hude 
sterben wie ander lüde. 
165 Das orteil goit selbes gegeben hait, 
über iedcrmentschlichen stait, 
Das sie raußen in der erden 
wieder umb zu eschen werden. 

Nu merken ich wol das der doit 
170 alle mentschen bringet in noit 

Und nit an syt eniche personen, 

dwil er nimants will schonen. 

Hette ich myn lant nu wole regiert 

und mit togenden mich geziert, 
175 So mocht ich baß von hinnen faren. 

got wolle myn arme sele bewaren. 

12. 

Du bist eyn hertzog gewesen: 
nyemant mochte vor dyr genesen. 
Er wer arm oder rieh, 
180 du meynst nyemant were dyn gelych. 
Groiß gut haistu beseßen 
vnd gotz da myt vergeßen. 
Eyn end hat nu dyn hoger mut: 
ganck fürt, anders yß dut dyr nummer gut. 

185 Sali ich dan nyt langer leben 

vnd sal myn herschafft vbergeben, 
Ritter knecht vnd vndersasßen, 
myn gut myn ere als hynderlaßen 
Vnd von alle dem nit füren dar, 

190 dar ich nu selber hynnen far, 

Das ich dan nyt in armudt alle myn tage 
got gedyenet hab, das ist myn clage. 

13. 
Tredt fürt, ir graue von edeler art, 
ich fuir uch gar eyn wilde fart. 

195 Vyl homutz han ich von uch geschrieben, 
den ir über paffen vnd leien hant gedrieben. 
Nu koment, ich binß der doit 
vnd wil uch bringen in groiße noit. 
Biddent got vmb gonade, das raden ich, 

200 vff das er uch nit verdume ewenclich. 



166 yedermenschlichen a, Cb ielichen mentschlichen. 170 a allen. 173 nu 

fehlt ab. 177 — 192 nach b; fehlt C. 180 b dynen glych : ein Beispiel der rheinischen 
Vertan schung von Nominativ utid Accusaliv. 184 anders ab C: zu tilgen. 187 b hyn- 
dersasßen. 190 b da ich. 200 a verdamn. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ 269 

Acli ich wolt das ich nu kuade 
got zu hulff hau vnd syne fruude, 
Alle heiligen vud gude lüde 
vmb gnade zu erwerben noch hude. 
205 Solt ich dau lenger leben, 

ich wolt mich heuern vnd almuseu geben, 

Myn testament also wole besetzen, 

da3 eß phafFen vnd leyen mocht ergetzen. 

14. 

O ritter rych, reich her din haut, 
210 du must mit mir in ein ander lant. 

Hettest nu ritterlich gefecht 

und niemants gedan wieder recht 

Aber iemandts gewalt gedan, 

frolich inochst du nu mit mir gain. 
215 Hastu aber den armen underdruckt, 

so wirt diu geist nit woll verzuckt. 

Ach ich hau mines libes crafft 
verzert mit wilder geselschafFt, 
mit hoifieren und mit striden, 
220 mit stechen iagen und mit riden. 
Der armen ich damit vergaß, 
sie zu beschirmen was ich laß. 
Hette ich mim stait nu recht gedain, 
frolich wolt ich nu mit dir gain. 

15. 

225 Her junckher fürt, wir mußen dantzen, 

hofiern und hovelich scharwantzeu. 

kompt zu stunt, ich kan nit beiden, 

zum dantz wil ich vch leiden. 

Uwern schonen hoiff mußt ir nu laißcn 
230 und in der stat die schonen straißen. 

Woloff zum dantze, eß ist nu zyt, 

das ir gut von uwern wercken antworten syt. 

O richer got, wannen kompt der doit, 
der mich bringt in solich noit? 



201 a Ach got ich. im fehlt a. . 206 wolt] V wil 208 eß fehlt ab. 

n mochte. 209 ritter ryoh] C herzog. 213 Ahcr steht hier nach hessischer 

Weise für oder, und moar in der Bedeutung Doch - aequo, wodurch das folgende 
iemants gerechtfertigt ist. Vgl. Vümar II'**. Idiot, unter oder. Diese Verwechselung 
läset sich schon im 13. Jahrh. der Verfasser der Geistlichen Lilien und der Rede von 
den XV. Graden zu Schulden kommen, indem er avu ovo und o( für oder braucht: 
'■• m. :{, 56. G, 148. 153. Aber = vcl kommt noch einmal 412. 214 nu mit 

mir] C mit mir nu. -17 a myn. 224 nu mit dir] mit ilir nu O. 226 " 

schawätze, b Bchwantzen, C swantzen Nur Frauen tragen <l>n sw&nzund können dahei 
Bwanzeo. Scharwenzeln braucht mau hiet tu LandU noch jet t für ein höflich unlerwüi 
figes Gebühren. 228 vch] dich. 231 6 wullulit, « wol vll. du fehlt C 



270 M. RIEGER 

235 Sal ich itzunt antwurt geben 
von alle mini suntlichen leben, 
So betrüben ich mich in den doit, 
das ich nit hielde das got geboit. 
Ich han wollost gesucht uff erden: 

240 min sele wolle got zu deiljwerden. 

16. 
Kum her naich, du wapendreger: 
du hast geslafen uff hartem leger, 
In striden groiß arbeit gehait, 
das dich nu gar wenich bait. 
245 Diner glich ist manicher geselle, 
den vil swerer wirt die helle 
Dan eim monich das himmelrich : 
ir beider arbeit ist gar ungelich. 

heiliger crist, din orteil ist gerecht. 

250 were ich biß her gewesen din knecht 
Und dins lidens wapen getragen, 
so bedurfft ich nu nit clagen. 
Nu hain ich gedient werntlichen herreu, 
gestanden nach zytlichem gut und ere: 

255 Was mir ist worden zu lone , 
das hilfft mich nit eine bone. 

17. 

O du reiber in den wilden walden, 
du kanst dich vor mir nit behalden. 
Ich komen zu dir gar ungedelich, 
260 wan du bist sere gewest schedelich. 
Vil werden über dich clagen, 
die von dir beraubt sint und erslagen. 
Wie du mit andern hast gedain, 
also wirt iß dir nu ergan. 

265 Ach mocht ich lenger leben 

und hette auch wieder zu geben 
Was ich den luden ie genam, 
sint das ich in diese stunde quam, 
Das wolt ich alles geren keren 

270 und mich mit got erneren. 

Nu ist eß mir leider zu spade: 
almechtiger got, bewise mir gnade. 



237 betrüben a, b O betrübe, in] C bili in. 243 C vyl groili. 250 din] 

ab eyn. 253 werntlichen b, a weltlichen, C wenclichen. 254 ere] C eren. 

Vergl. 41. 305. 4G2. 256 mich fehlt C. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ. 271 

18. 

O Wucherer, wie gar verbündet du bist! 

groß gut hastu gewonnen in kurtzer frist: 
275 Kum, du must iß laißen gantz 

und springen mit mir an dissen dantz. 

Armen und riehen plegestu zu plucken 

und was du kondest zu dir gezucken 

Umb golt und silber hastu gegeben 
280 din lip sele und ewiges leben. 

Ach woffen! hette ich diß erkant, 
ich hette mine sele nit so jemerlich verphant. 
Mocht ich zyt erwerben und ruwen, 
ich wolt noch vyll kircheu buwen, 
L Js; f) Unrecht gut auch wieder keren 
und fort mich mit got erneren. 
Nu hau ich zu lange gebeit 
und zu dem doide mich nicht bereit. 

19. 

Burger, du haist wip gut und kiut, 
290 mede und knecht under dir sint. 

Vor die plegestu zu sorgen 

den abent und auch den morgen 

Allein umb zytlichen gewin: 

dar uff stunt din rnut und auch din sin. 
295 Du gedeichts seiden an das ewige gut: 

dar umb stirbstu nu gar uubehut. 

Ich bin gewest gar umbehut 
Zu gewinnen das ewig gut. 

Was bat mich nu min kiut und auch min wip, 
300 dwil ich muß gain in dodes stritV 

I >en ich hau bestalt drincken und eßen, 
die werden min nu eweclich vergeßen, 
Von im wirt mir nu wenich nach gedain, 
den ich hinder mir min gut nu lan. 

20. 
305 Hantwerksman und auch du leie, 

kum nu auch ;iin mincii reien. 

Du plcgst obents lange zu wachen, 

kleidcr beltz und sehn zu machen. 



273 C du verbündet, keren] C geben. 290 vnd fehlt C. 292 und 

aiu-li ] a als. 296 ab vnuerbut. I>f< gäbe <i<-n schiefen Sinn: ohne <lafi et abgewandt 

werden kann, 3<in gain fehlt ". C in deB dodes. 808 nach <» i>. C noch. Da- 
mit ist mdeß »■"/</ nach gemeint; vergl, bedochl /"/ bedacht 588 



272 M. RIEGER 

Geldeu, verkeuffen, leuen, borgen, 
310 wenig vor die sele zu sorgen, 
Biß du komest in libes noit 
und dich holt der bitter doit. 

Hette ich noch zyc und crafft 

und mit dem dode nit were behaft, 

315 Ich wolt laißen min arbeit stain, 

zu predien und zu der kirchen gaiu. 
Nu bin ich siech und kranck 
und fulen des bittern dodes stanck. 
Ich raden uch allen minen gesellen, 

320 fuchtent got und huttent uch vor der hellen. 

21. 

Jungeling zart hubs und fin, 
Sprinck her zu den gesellen min. 
Du kanst gar suslich singen, 
hoifieren dantzen und springen, 
325 Und meinest lange zu leben: 
got wil dir nit langer zyl geben. 
Din jogent hat dich betrogen 
und dine lange hoffen hait dir gelogen. 

Ach got, mocht mir imant geben troist, 
330 das ich von dem dode wurde erloist 
Und mocht noch lenger leben, 
ich wolt mich got selbes ergeben. 
Sterben ich sost in jungen dagen, 
das muß ich nu und ummer clagen. 
335 O böse geselschafft, o werlde list, 

wie falsch, wie arick, wie quait du bist. 

22. 

Jung nu gebornes kindelin, 
eyn ende hat nu das leben din. 
Die werlt mocht dich betriegen: 
340 besser ist du sterbest in der wiegen. 
Dan hie ist keyn belibende stait; 
du haist auch der werlet lost nit gehait. 
Wie wol dir ist gesatzt eyn langes zyl, 
das bait dich nu nit vyl. 



309 verkeuffen (a verkauften) a b, C keuffen. 311 C in des libes. 316 zu 

der C fehlt. 321 C hubs zart. 325 langej 6' noch lenger. 332 a mir. 

333 sost in] a nu in mynen. 336 quait] « bosz. 340 C wegen. 341 C be- 
libender. 343 a lange. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ. 273 

345 A a a ich kau noch uiet sprechen : 

hude geborn, hude muß ich uff brechen. 

Wan keyn stunde mag ich sicher sin, 

wie wol ich bin eyn kleyues kindelin. 

Dito merekent alle gar eben: 
35U ich hain noch nit leren leben 

Und muß doch sterben also balde. 

als woil stirbt das iunge als das aldi 

23. 

Her wirt, her wirt von hingen, 

ain disseu reien mußst du nu springen. 
355 Vyl boisheit hastu begangen 

mit falscher spise und mit win langen. 

Du haist gehalten lüde allerlei, 

die mitt fluchen und sweren hatten ein groiti geschrei. 

Des bistu ein ursaich gewesen: 
360 bidde got das din sele möge genesen. 

Ich hain uff vyl foleks gewartet, 
das ein spilt, das ander kartet. 
Ich sucht zijtlichs gut, 
glich als der reuber dut, 
305 Widder got und widder recht 

ain dem herren und auch ain dein knecht. 

Solt ich aber nu nit sterben, 

ich getruwet mich besseren und gen aide erwerben. 

24. 

Spieler, du haist übersehen ein groiße schantze 
370 dwil du must mit mir an dissen dantze, 

Vals spiel hastu gehait, 

das dieli nu gar wenig bait. 

Woll an, wol an, wiltu swigen, 

ich wisen dich wo du Boll Ligen. 
375 Da wirt dir diu lein gegeben 

aaich dem als du geforl haist din leben 

Ach got, ich hain niemants gestolen Bin gul 
Doch hinderclaifft, als manicher dut. 
Spielen ist doch gar gemein 
380 den paffen vml uns oiel allein. 
Dt eß Bunde, des ich nit enwist, 
da vergip mir, herre ihesu crisl : 



346 i> um a auff. 868 midi fehll • ils fehlt a 379 . 

gantz. 380 den] C de rad fehlt C 281 d> | o dn 

CtWMAMA VII . X I \ | Jl 18 



274 M. RIEGER 

Wau werlich, solt ich lenger leben, 
ich wolt iß miden und übergeben. 

25. 

385 O du dieplicher diep, du haist mit dime stelen 
verdient das man dich an dine kelen 
Lange solt hain gehangen: 
des bistu nu biß her entgangen. 
Hettestu dich biß her bekert 

390 und mit truwen dich ernert, 
So mochstu sicher sterben 
und genaide bi got erwerben. 

Eia lieber herre ihesu crist, 
wan du vor mich gehangen bist 

395 Und geliden einen schentlichen doit, 
hylff mir diebe uß aller noit. 
Das ich die helle möge vermiden, 
das fegefuir wil ich gerne liden. 
Ich bidden umb gnaid, die entphing 

400 der schecher der an diner rechten syten hing. 

26. 
Monich, ich enweiß dich nit zu nennen, 
ich einen vor dem andern nit erkennen. 
Uwer vetter anders gecleit waren, 
anders gestalt, anders geschoren. 
405 Noch wer du bist oder wie du heist 
oder was ordens dich beweist, 
Du must dinen geist uff geben, 
du kanst einen dag nit langer leben. 

Ich fuilen an minem alter woil 
410 das ich sterben muß und sol, 

Und das ich ie kap an mich gen am 

aber eigen heller ie gewan, 

Das wirt mich ummer ruwen, 

und alle monich sollen das schuwen. 
415 Vil beßer were in armut zu leben 

dan im orden böse exemple zu geben. 

27. 

Kom, monich, an dissen dantz. 

du haist vber geben diese werld gantz 



389 biß] 6 myt. C bekiert. 391 mochstu] C mochstu nu. 400 schecher 

fehlt C. Vielleicht hieß es nur der an diner. 402 nit] C kume. 411 das ich a, 

b das, fehlt C. 412 aber C b, a oder. Vgl. 213. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ. 275 

Und diueu orden woil gehalden: 
420 von got wirstu nit gescnalden. 
Nu kom, du solt frolich starben 
vnd gnaide von got erwerben. 
Die aber irrent biß in den doit, 
die komen in bitterlich noit. 

425 Got sy lop danck vnd ere 

uu alwege vnd ummer ineiv. 

Der mich hat gegeben 

zu füren eyn geistlichs leben 

Und der bruder bin worden, 
430 die da gehalten haut den orden. 

Dar vmb der dot ist mir eynn trost: 

nu werden ich fry vnd gantz erlost. 

28. 

Du bruder solt nu mit mir gaiu, 

und solt doch got im hertzen hain. 
435 Du hast ane sunde gefurt din leben, 

zu gottis dinst dich gantze ergeben, 

Und hast gesucht niet mere 

dan din heile und gottis ere. 

Du hast über geben willen und eigen mut 
440 umb gottis willen, das ist dir gut. 

Ich dancken got von disser stunden, 
das ich in gehorsamkeit bin iundeu. 
Nu laiß mich genießen, almechtiger got, 
das ich gehalten hain din geboit. 
445 Ich hoiff auch miner vetter genießen, 

want ich hain getain das sie mich hießen. 
Ilain ich aber wolt widder streben, 
das woil mir got und sie vergeben. 

29. 

<) groißer meister von paris, 
450 werent ir im gewest so wisse 
Und hetent studert vfl den doit, 
sicherlich das were voll noit. 
Ir mußent nu glich dem leyen 
springen mit mir an diesen reyen 



123 biß fehlt «. 126 ummer] Dammei JJ'.t «In | a eyn. 430 a der 

und bat 4:u Dv bruder a b, C Bruder da. »:tr, dich fehlt i 142 bin] 

C werden. 445 genießen] a b zu genießen. 446 das] C was. 150 
west nn. 451 C hentent. 452 a sicher, 

18* 



276 M. RIEGER 

455 Und dar zu uwern geist vff geben, 

wie woil ir meynent noch lenger zu leben. 

Ich neme iezunt gottis gunst 
vor alle mine meisterlich kunst, 
Wand der doit hait mich behafft 
460 vnd acht niet vill vff myne meisterschafft. 

Vyl beßer were eß, mocht ich myne suude geclagen, 
wan das ich geleirt hain all myn dage. 
Alles das ich ie hain geleret 
hait mich zu goit wenig gekeret. 

30. 

465 Her burgemeister, eyn nuwes lyet wil ich uch singen : 
zu disser geselschafft must ir nu springen. 
Von uwerm ampt ir auch must scheiden, 
vwer sunde laißt uch nu leyden, 
Haint ir ymants besweret widder recht, 

470 eß sy priester leye oder knecht. 
Ir habent vbel oder wole getain, 
wolufft zu dissera reyen mußt ir nu gain. 

Ich hoiff eyn cristen mensche zu sterben 

vnd by goit gnaide erwerben. 
475 konde ich nit yderman zu willen gesin, 

so was doch gut die meynunge myn. 

Ich wil mich selbs nit rumen, 

ich wil mich auch nit verdumen. 

Myn burgemeisterampt hait eyn ende: 
480 got sin gnaide an mich nu wende. 

31. 

Du cluger uß des fursten raide, 
eß ist dir auch nu worden zu spade. 
Gelt hastu geschenckt genomen 
und haist underdruckt den fromen. 
485 kom in dine grap nu slaiffen : 
got wil din boisheit straiffen, 
Die du mit den armen haist begangen, 
ganck fürt, du bist nu min gefangen. 

Min clugheit mich nu wenig bait: 
490 ich seen leider vor mir min doden grap. 



461 geclagen] O clagen. 462 a b gelernet; O by allen mynen (lagen. We- 

gen des Reimes clagen: dage vgl. 41. 254. 305. 465 lyet] C leyt. 472 b wol- 

lufft, u wol vtf. 482 auch im fehlt C. 487 Die] a b wie. 489 Min clugheit] 

a b Die clugheit min (a meyn). 



DEE JÜNGERE K'l'l ENTANZ. 277 

Min wingart wiesen ecker und erspartes gut 
bringent mich in der hellen glut. 
Zu hoife saiß ich gern oben an, 
was mir umb sost wart ich gern nam. 
I ( .*."> Eigen broit zu hain verdroiß mich zu aller zvt: 
dar umb holt der dufel min sele und lip. 

32. 
Ich bin hie der bitter doit: 
vorsprech, dir were nu noit, 
Mocnstu einen vorsprechen gein got gewinnen, 
500 ee das du fürst mit mir von hinnen. 
Hettestu dich mit gode bedaicht 
und unrecht nit zu recht gemacht, 
Bi got mochstu gnaide befinden 
und frolich scheiden von hinnen. 

505 Ach wie bin ich so sere besorget, 

dwile der doit niemants borget. 

Ich muß nu auch redde und antwort geben 

von minem suntlichen leben. 

Unrecht macht ich dick zu recht, 
510 was krump was das macht ich siecht. 

Warheit verkaufft ich umb kleineß gut: 

solichs mir nu den schaden dut. 

33. 

Schrieber, werektages und heiligtags hastu geschrieben 

und da bi lutzel guts gedriben, 
515 Umb wenig schlifft vyl gelts genomen: 

das bringet gegen got nu wenig frommen. 

Schrip ein Instrument vor den doit: 

kanstu (lue das, is ist dir noit. 

Din leckeri got numme liden mag: 
520 kum fürt, eß ist hie din jungester dag. 

Wannen kumstu, unzidier gas! ? 
du hi-i inline herzen ein swerer last. 
Ein tri leben liain ich biß her gefiirt, 
geringe gewonnen balde verdork 
525 Das hain ich allzyl so gehalden 
und gar dein gesorgel den alden. 



292 bringent] a b brengel (a brengt). 602 gemacht] C braicht. . r >'»7 nach 

Rucb] a selber, 6 selbst 510 das fehlt C. 516 gegen fehlt C. nu] n P ar, 

fehlt fj. 518 ist a b, fehlt 0. 519 a b nnmmer. 520 a b kompt. 626 so a, 
l, C also, Hier gilt rieh fine starke Verderbniaa kund, da der folgende Vers voraus- 
setzt, flaß in diesem die jungen Tafje vorkomme». Etwa \ In jungen dappn mich wol pc- 
halnVn. 526 a gesorge, 



27 8 M. RIEGEE 

Mocht ich aber zyt gewinnen, 
ich wolt min leben baß besinnen. 

34. 

Suster myn, kum nu mit mir, 
530 eynen hübschen dantz treden ich dir. 
Du wollt dick vyl dantzen 
vnd tragen dar zu schone rantzen, 
Welche got an dir myszhagen. 
sin brude plegen sie nit zu dragen, 
535 Sunder mit dugenden sich zu cleiden 
und ir hertz ym altzyt zu bereiden. 

Ach wie gar byn ich betroigen, 
das ich myn beßerunge hain verzogen. 
Myn orden ducht mich zu hart 
540 vnd gedaichte nit vff dissc leste fart. 

Were ich eyn cloister iunfrauwe worden, 
da man gotlich helt den orden, 
So mocht ich nu gnade erwerben 
und auch deß da baß yetzunt sterben. 

35. 

545 Ir burgerin mit den hoen rantzen, 
ir plegent hoifieren und dantzen. 
Uwer meide laißt ir uch naich gain, 
das uch nit ist geborn ain. 
Ir solt auch alle gemein 

550 uwer man liep hain allein 

Und laißen uwer lauffen und uwer gain, 
So mocht ir frier von sunden stain. 

Der werlt lauff hait mich betrogen, 
naich gewoinheit bin ich uff gezogen : 
555 Wie ander frauwen drugen sich, 
so hielt min lieber man auch mich. 
Doch hain ich sere gelauffen uß, 
versumet kinder man und huß: 



527 tzyt] C gnaide. 529 C b kumpt, a kompt. 532 Über ranzen als 

Frauentracht schweigen die Wörterbücher. In hessischer Mundart wird Ranzen auch 
für Wanst gebraucht; war es am Ende Mode eine Vorrichtung zur Erhöhung des 
Bauches zu tragen? Der Gedanke ist nicht abenteuerlicher als die jetzt übliche Erhö- 
hung des entgegengesetzten Theiles. Aber in solcher Bedeutung würde ranze scherlich in 
der Mehrzahl stehen. 533 C muß hagen. 534 a bürde, 536 zu fehlt a. 

537 gar fehlt a. 539 mich] o mir. 546 nach und] a zu, b tzu. 547 nach 

ir] a b auch, gain] o gaben 552 a b mochtent. a fryher, C tri her, b fryhe 

her. 555 drugen] C druwen. 556 C also. 



DER JÜNGERE TODTENTANZ 270 

Dar umb so fochten ich den doit, 
560 das er mich bringe in groiße noit. 

36. 

Ir iunfrauwe in dem groißen swantz, 
ir gehoreut auch an mynen dantz. 
Vyl hoiffart haint ir gedriben: 
beßer were eß in demutikeit verüben. 
565 Ir haint vff uwerm heupt gedragen 
bogen mut, der nit stet zu sagen, 
kompt her naich, ich uch nu lere 
in allen dantzen die beste kere. 

Ich muß nu die warheit sagen, 
570 ich wolt der werlt zu male behagen 

Mit dantzen vnd mit springen 

vnd auch mit süßem singen. 

Vyl genugden hain ich beseßen 

vnd der geboit gots vergeßen. 
575 O mutter der barmhertzikeit, 

hilff mir, myn sunde sint mir leit. 

37. 

Ir kaufman sijt worden rieh 
und meinent in uwerm sin glich, 
Ir endorfft uff niemant geben 
580 und wolt noch sere lange leben. 
Hettent ir uch vor sunden gehut, 
das hulff uch me dan alle uwer gut, 
Und uch bereit zu sterben, 
so moieht ir nu gnaid erwerben. 

585 Ich hain gelauffen durch borg und dail, 

durch alle werlt breit und smail 

Gesucht gewin wie ich mocht, 

min arme sele wenig bedocht. 

Hette ich alles das gut gewonnen, 
590 das in der weit ist under der sonnen. 

Das mocht mir nu gehelfen nit, 

wan dodes knüll' min hertze nmb git. 



559 so feh/f. />. 561 groißen] a hoen 564 i D fehlt a. a geblieben. 

b blieben. 566 b Hohe mudt. 579 uf eiuen geben bedeutet wohl', einem 

Credit geben. Der Beichgewordne braucht et flieht mehr, weil er immer zahlen kann und 
daher doch Credit findet. Technieeher Ursprung •!■ /. detuart: etwas, viel, nicht* auf 
etwas oder au/ einen geben. ' des. 684 nu fehlt ('. 588 nach we- 

nig] b ich. 



280 0TT0 ArELT 

38. 
Kumpt her fürt von allem stait, 
welch hie vor d isser dantze nit enhait. 

595 Uwer ist vyl, ich byn alleyn: 

doch über winden ich uch alle geracyn. 
Uwer zyt ist komen, ir must sterben: 
langer zijt mogent ir niet erwerben. 
Sint ir gottis frunde, das ist gut. 

600 ist des nit, so fart ir in der hellen glut. 

Ach leyder, wie iung, wie alt wir sin, 
wir mögen nit entgain den henden din. 
Got vber vns sich nu erbarm: 
wir sin rieh oder arm, 
605 Wir mußen alle in das dantz huß, 
da geit alle vnser freude uß. 
Maria, aller Junfrauwen eyn krön, 
hilff das vns werde der ewige Ion. 



ÜBER DEN ACCUSATLVUS CUM INFLNITLVO 
IM GOTHISCHEN. 



Wenn bei keiner Untersuchung über die Syntax der gothischen 
Sprache die kritische Vorfrage der Abhängigkeit vom griechischen 
( )riginal umgangen werden kann, so ist dieselbe von besonderer und 
entscheidender Bedeutung für die Beurtheilung einer Construction, 
bei welcher ein Zweifel darüber durchaus nicht ausgeschlossen ist, ob 
sie überhaupt dem Gothischen als eine dieser Sprache eigenthümliche 
zukomme, der Construction nämlich des Accusativus cum Infinitivo. 
Bopp bestreitet für eine bestimmte Art von Fällen das Heimatsrecht 
dieser Construction im Gothischen, während Grimm, Loebe u. a., und 
neuerdings besonders Miklosich an dem durchaus heimischen Ursprung 
derselben nicht zweifeln. 

Für die Entscheidung der Frage kommen, wie wir meinen, haupt- 
sächlich zwei Punkte in Betracht, nämlich erstens, ob die der gothischen 
zunächst verwandten Sprachen das ursprüngliche Vorhandensein der 
Construction auch im Gothischen wahrscheinlich machen, und zweitens, 
ob eine eingehende Prüfung der gothischen Sprachdenkmäler selbst 



594 hie fehlt a. enhait] a hat. 598 zijt : ursprilnglich wohl zil. 603 sich 

fehlt a. 



ÜBEB DEN Ä.CCUSATIVUS CUM INPINITIVO IM GOTHISCHEN. 281 

uns Kriterien au die Hand gibt, welche die Fremdartigkeit der Con- 
struction für das Gothische evident machen oder wenigstens nöthigen 
anzuerkennen, daß die Construction in dem Umfange, in dem sie sieh 
in dem Übersetzungswerke findet, nicht auch der lebenden Sprache 
eigen gewesen sei. 

Was das erstere anlangt, so weiß man aus Grimm Gr. IV S. 120 f., 
daß die Construction dem Altnordischen ziemlich geläufig war, wie 
sie noch dem heutigen Schwedisch keineswegs fremd ist, während sie 
im Dänischen gemieden wird. Doch scheint auch im Altnordischen der 
Gebrauch derselben bei weitem kein so ausgedehnter gewesen zu sein, 
wie in den classischen Sprachen; unter den von Grimm angeführten 
Beispielen findet sich kein einziges, in dem die Construction von einer 
impersoncllen Wendung abhienge. In noch weit engeren Grenzen be- 
wegt sich die Anwendung der Construction im Angelsächsischen und 
Altsächsischen. Im Angelsächsischen beschränkt sie sich auf formel- 
hafte epische Wendungen mit ic geß'aegn und ic hyrde als regierenden 
Verbis. Belege, die übrigens, wie man aus dem Wörterbuch zu Heynes 
Ausgabe des Beovulf s. v. frignan sieht, noch erheblich vermehrt 
werden können, finden sich bei Grimm IV, 120. Doch scheint, was 
Grimm entgangen ist, auch vertan einmal mit dieser Construction ver- 
bunden worden zu sein Bcöv. 934 ic aenigra me vedna ne vende to 
wdan feore lote gehidan (ich hoffte nicht, daß ich für irgend welche 
Leiden für ein weites Leben Ersatz erlebe), denn me kann hier doch 
nur als Accusativ gefasst werden. Im Altsächsischen, für das Grimm 
kein Beispiel beibringen konnte, findet sich Heliand 3338 f. die Con- 
struetion nach wüan : thär he thena odagan man inna wissa an is 
gestseli gömä thiggean (wo er wusste, daß der reiche Mann drinnen 
in Beinem Saale speiste). Auch nach hdn'an findet sich Hcl. 3236 ein 
wirklicher Accusativus cum Infinitive, d. h. in dem von Grimm IV, 
118 bestimmten Sinn: tlnm he it gihorid heli&o filu ahton (wenn er 
hört, daß viele Männer darauf Acht haben). In V. 1548 thär thu thi 
eft frumono hugis mir antfähan (da hoffst du wieder mehr Vortheile 
zu empfangen) kann man zweifeln, ob ein Accus, c. Inf. nach hugian 
vorliegt; da indeß thi im Monacensis fehlt und im Cottonianus der 
Accusativus gewöhnlich thik lautet, so hal man thi wohl als Dativ auf 
zufassen; ebenso V. 1552. Diese Beispiele ßtehen im Altsächsischen 
ganz vereinzelt da. Weit mehr eingebürgert scheinl dagegen die Con- 
Btruction im Althochdeutschen zu sein, und wer die stattliche Reihe 
von Beispielen bei Grimm IV, 116 f. flüchtig durchmustert, winl leicht 
geneigt sein zu glauben, <lali die Construction im Alul. ganz heimisch 



282 OTTO APELT 

gewesen sei. Bei näherer Prüfung und Sichtung zeigt sich indeß, daß 
dem nicht so ist. Die althochdeutsche Prosa, selbst die eines Notker, 
ist wie im Inhalt, so in der Form noch auf das Innigste verwachsen 
mit dem Latein , 'unter dessen Banne sie in Bezug auf syntactische 
Fügungen noch vielfach steht. Will man in diesen Dingen das dem 
Althochdeutschen wirklich Eigenthümliche erkennen, so muß man sich 
doch wohl zuerst an Otfrid wenden und an diejenigen Stücke in 
Müllenhoffs und Scherers Denkmälern, die als selbständige Erzeugnisse 
der althochdeutschen Litteratur gelten müssen; wenn sich in diesen 
keine Bestätigung für gewisse bei Notker, Tatian u. a. vorkommende 
syntactische Fügungen findet, ist man berechtigt, das Indigenat der- 
selben im Althochdeutschen in Zweifel zu ziehen. Nun findet sich aber 
in den betreffenden Stücken der Denkmäler kein Beleg für unsere 
Construction und das ganze Werk von Otfrid bietet nur ein einziges 
Beispiel III, 14, 36 ih irkanta, ih sagen thir, thia kraft Mar faran 
fona mir. Hier ist aber irkennen offenbar noch in sinnlicher Bedeutung 
zu nehmen, ähnlich wie mittelhochdeutsch kiesen und vernemen. Eine 
von mir für das Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche besonders 
geführte Untersuchung, die gelegentlich veröffentlicht werden soll, wird 
im Einzelnen zeigen, wie das Vorkommen der Construction in eben 
dem Maße sich mindert, in dem die Selbständigkeit der litterarischen 
Production zunimmt und wie man das Meiden derselben geradezu als 
ein Kennzeichen der Emancipation des Deutschen vom Lateinischen an- 
sehen darf. In der Übergangszeit des Althochdeutschen zum Mittel- 
hochdeutschen wird man, die Übersetzungen nicht ausgenommen, äußerst 
wenige Beispiele antreffen ; besonders lehrreich in dieser Beziehung ist 
die sprachlich wichtige Übersetzung einzelner Abschnitte des tractatus 
Notperti de virtutibus in Graffs Diutisca I S. 281 — 291; obwohl hier 
die nebenstehende lateinische Quelle an zahlreichen Stellen zur An- 
wendung der Construction einlud, ist ihr der Übersetzer doch allent- 
halben sorgsam aus dem Wege gegangen. Dem entsprechend finden 
wir denn die Fügung aus der Sprache der classischen mittelhochdeutschen 
Dichter so gut wie verbannt, während allerdings in einigen Werken 
untergeordneter und zum Theil späterer Dichter ein gewisses Hinneigen 
zu derselben bemerklich ist, das indeß auf ganz bestimmte Einflüsse 
zurückzuführen sein dürfte. 

Diesen Erscheinungen gegenüber muß der ausgedehnte Gebrauch, 
den das Gothische vom Acc. c. Inf. macht, und von dessen Umfang 
die Belege bei Grimm und v. d. Gabelentz und Loebe nur ein unvoll- 
ständiges Bild geben, äußerst auffällig erscheinen, und selbst derjenige, 



ÜBEE DEN ACCUSATIVUS CUM 1NTIN1TIVO IM GOTHISCHEN. 283 

der nicht zweifelt, daß die Construction dem Gothischen so zu sagen 
angeboren, nicht dem Griechischen abgeborgt sei, wird erstaunt sein, 
dieselbe sogar nach Conjunctionen wie svasve und svaei, nach unper- 
sönlichen Ausdrücken wie azetizo ist, gadob ist, sogar bei dem Artikel 
fxitd (2 Cor. 7, 11) anzutreffen. Die Vergleichung mit anderen Stellen, 
in denen die genannten Ausdrücke andere Constructionen nach sich 
haben, muß hier sofort zu gegründeten Zweifeln Anlaß geben. Denn 
darüber ist man jetzt einverstanden, daß kaum jemals ein Übersetzer 
treuer, um nicht zu sagen ängstlicher in Wiedergabe seines Originals 
verfahren ist, als der Gothe. Nun finden sich in der weit überwiegenden 
Mehrzahl der Fälle die angeführten Conjunctionen svasve und svaei 
trotz griechischen Acc. c. Inf. nach ioote mit dem Verbum finitum ver- 
bunden. Gestattete es dem Gothen seine Sprache, dem Griechischen 
treu zu bleiben, warum wich er dann mit Aufopferung der sonst für 
seine Übersetzung maßgebenden Grundsätze ohne Noth von dem Ori- 
ginal ab? Sind wir nicht vielmehr umgekehrt nicht nur berechtigt, 
sondern genöthigt anzunehmen, daß in den ersteren Fällen der Gothe 
seiner Sprache, wie öfters nachweislich geschehen, der Treue der Über- 
setzung zu Liebe etwas Gewalt anthat, während er in den letzteren 
der Eigenthümlichkeit derselben Rechnung trug? Wir werden also, 
wenn wir ein Urtheil über die Bedeutung der Construction für das 
Gothische gewinnen wollen, zunächst zu fragen haben, ob sich in den 
gothischen Sprachdenkmälern Beispiele eines vom Griechischen unab- 
hängigen Gebrauchs des Acc. c. Inf. finden, und wenn dieß der Fall, 
ob sie hinreichen, den Gebrauch des Acc. c. Inf. im Gothischen in 
seinem ganzen Umfange als wirklich der Sprache eigenthümlich zu 
erweisen. 

Nun gibt es allerdings eine, wenn auch nur geringe Anzahl von 
Fällen, in denen der Acc. c. Inf. im Gothischen unabhängig von dem 
griechischen Original gesetzt zu sein scheint. Doch drängt sich sofort 
die Frage auf, ob das Gothische denn in der That ganz selbständig 
verfahre oder ob nicht entweder eine, wenn auch für uns wegen der 
nicht absoluten Vollständigkeit des griechischen Handschriftenmaterials 
nicht mehr erkennbare Abhängigkeit vom Griechischen anzunehmen, 
oder der Grund vielleicht in dem Einfluß der lateinischen Übersetzungen 
zu suehen sei. Für das erstere mache ich aufmerksam auf Job. 7, 4, 
wo das Gothische bietet: sokeip sik uskunpana visan, während der 
gewöhnliche griechisehe Text nach den meisten Handschriften hat: 
trfiü avroc ev nctQ^toiu eivcci. Wer bei Grimm IV, 115 und v. d. Gabe- 
lentz und Loebe Gramm, p. 249 das Griechische in dieser Passung 



284 OTTO APELT 

neben dem Gothisehen sieht, wird darin einen Beleg für die Selbständig- 
keit der Construction im Gothisehen erblicken ; doch die Handschrift E 
hat für avtog avvov, unentschieden ob airov oder avzov, und daraus wird 
sich die gothische Fassung erklären. Denn daß der Gothe nicht nöthig 
hatte, den Subjectsaccusativ zu setzen, geht daraus hervor, daß er sonst 
überall bei sokjan sich mit dem bloßen Infinitiv begnügt, cf. Mrc. 12, 12. 
Luc. 9, 9 u. ö. Was aber das zweite, den Einfluß des Lateinischen an- 
langt, so unterliegt es nach den Anmerkungen bei v. d. Gabelentz und 
Loebe und namentlich nach den eingehenden und gründlichen Unter- 
suchungen von Bernhardt (Kritische Untersuchungen über die gothi- 
sche Bibelübersetzung Meiningen 1864 und Elberfeld 1868) keinem 
Zweifel, daß auf die Gestaltung unseres jetzigen gothisehen Bibel- 
textes die in Italien verglichenen lateinischen Übersetzungen vielfach 
eingewirkt haben, indem sie die gothisehen Schreiber zu Änderungen 
und namentlich zu Nachträgen veranlassten. Man braucht nur ein- 
zelne Abschnitte zu vergleichen, um die oft überraschende und den 
Zufall ausschließende Übereinstimmung in Wortstellung, Satzbau, Aus- 
druck zwischen dem Gothisehen und Lateinischen zu erkennen. In 
dieser Beziehung sind die Angaben von v. d. Gabelentz und Loebe 
sowie von Maßmann noch weit von Vollständigkeit entfernt, auf die man 
wohl erst in der zu erwartenden Ausgabe von Bernhardt zu rechnen 
hat*). Für unsere Untersuchung ist namentlich die Thatsache wichtig, 
daß die gothisehen Schreiber bestrebt waren, ihren Text zu bereichern 
und zu vervollständigen, so daß derselbe gegen das Griechische sehr 
häufig ein Plus, nur selten ein Minus zeigt. Man wird in Bezug auf 
die hier zu besprechenden Fälle zugeben, daß die Annahme einer Be- 
einflußung durch lateinische Quellen für den Fall erheblich an Wahr- 
scheinlichkeit gewinnt, wenn erstens alle hierher gehörigen Stellen sich 
dadurch erklären lassen und wenn zweitens unter ihnen auch solche 
Beispiele gemeinsamer Abweichung des Gothisehen und Lateinischen 



*) Aus der großen Zahl von Belegen, die ich ans der Vergleichung der Orinther- 
briefe gewonnen habe, hebe ich als ein Beispiel dafür, wie manches anscheinend 
Überflüßige und Anstößige durch die Herbeiziehung des Lateinischen seine Erklärung 
findet, hervor 2 Cor. 8, 1 jah ana pizai ws izvis in uns friapvai; befremdend ist hier, 
wie v. d. Gabelentz und Loebe im Wörterbuch S. 13 bemerken, das ana, zu dem sich 
im Griechischen nichts Entsprechendes findet und für das man nach dem Vorher- 
gehenden höchstens ein in erwartet, womit es auch von den Herausgebern erklärt 
wird. Wirft man einen Blick auf die lateinischen Übersetzungen, die fast alle et in- 
super vestra in nos rarüate haben, so scheint es klar, daß ana hier in adverbieller 
Bedeutung das lateinische insuper wiedergibt. Auch Mrc. 8, 23 und 11, 7 findet sich 
ana adverbiell gebraucht. 



ÜBER DEN ACCUSATIVUS CUM INFIN1TIVO IM GOTHISCIIEN. 285 

vom Griechischen nicht fehlen, in denen der lateinische Übersetzer 
durch die Gesetze seiner Sprache zum Abgehen vom griechischen 
Original nicht geuöthigt war. 

Von keiner Bedeutung für die erörterte Frage und nur der Voll- 
ständigkeit wegen aufzuzählen sind zunächst diejenigen Fälle, in denen 
gothisch taujan oder vaurkjan ohne das Vorbild des Griechischen mit 
dem Accusativ und Infinitiv verbunden stehen. Denn diese der deut- 
scheu Sprache in allen ihren Verzweigungen eigenthümlichen Fügungen 
sieht Grimm mit Recht nicht für eigentliche Acc. c. Inf. an, da hier 
der Accusativ unmittelbar mit dem regierenden Verbum zu verbinden 
ist. Es hat deßhalb auch keinen Werth, die lateinischen Übersetzungen 
anzuführeu. Luc. 9, 15 gatav idedun anakumbjan aUans avixXivccv anavtuc,. 
Anders im vorhergehenden Vers: gavaurkeip im anakumbjan kubituns 
/xiiu/lircat avrovQ xXtoiag, den ich nur so erklären kann: 'Bereitet 
ihnen, um sich niederzulegen, Lager. Joh. 5, 21 sunus, Jtanzei vili, liban 
gataujip Ccoortoisi. Ebenso Joh. 6, 63. 2 Cor. 9, 10 vdhsjan gataujai 
av^rjaei. 1 Thess 3, 12 frauja izvis ganohnan gataujai v/uäg o y.voiog 
itoioottoai. Mrc. 3, 14 mit du: gavaurhta tvalif du visan mip sis eitoii t oe 
di' dexa ha iooi ;ai' airvov. Ähnlich verhält es sich mit saihvan, wo der 
Infinitiv im Gothischen, wie im Deutschen überhaupt, genau dem grie- 
chischen Particip entspricht, der Accusativ aber mit dem regierenden 
Verbum zu verbinden ist. So heißt es Joh. G, G2 jabai nu gasaihvip 
sunu um ns ussteigan iav ovv ^eioQ^ie iov vlbv cov avÖQioiiov avaßai- 
vovra. Mrc. 13,29 pari gasaihvip pata vairpan brav tavva i'dtjTe ye- 
löatva. 

Es folgen nun einige Beispiele des Acc. c. Inf. nach rahnjan. 
Phil. 2, 6 ni vulva rahnida vis an sik gaUiko gupa ovx aqnay^iov ryyr)- 
oaio ii) elvai loa tttiij. Die versio antiqua bei Sabatier und die Vulgata 
haben übereinstimmend mit dem Gothischen: esse se aequalem Deu, 
obwohl hier das Lateinische auch ohne se ausgekommen wäre. Phil. 
3, 7 putii/i rahnida in Kristaus sleipa visau taiict rtfr/fiai öia tov 
Xqiaxm -inner (ohne elvai). Ambrosius und Augustin haben hier esse. 
Doch wir brauchen hier nicht auf das Lateinische zurückzugehen; 
denn die Vermuthung liegt sehr nahe, daß risnn aus dem unmittelbar 
folgenden Vers, w<> es in <lu- nämlichen Verbindung sleipa visan steht, 
in diesen Vers eingedrungen ist, ähnlich wie sich /.. B. 2 Cor. 10, 16 
fiiim arbaidim au^ <hin vorhergehenden Verse eingeschlichen hat. 

Sodann einige Fälle des Acc. c. Inf. nach venjan. 1 Cor. IG, 7 
nitfi- niijn in i 7. ///•<; hveilo saljan <ü izvis. ikrtiCpi yag xqovov ziva 
iiaüvui nun- uftag Daß an sich für den Gothen kein Grund vorlag 



286 OTTO APELT 

von dem Griechischen abzuweichen, zeigen Stellen wie Luc. 6, 34. 

1 Tim. 3, 14, wo venjan mit bloßem Infinitiv verbunden steht. Wahr- 
scheinlich ist das Latein von Einfluß gewesen. Vulg.: spero enim me 
aliquantulum lemporis manere apud vos und ähnlich Augustin, während 
die Versio antiqua hier allerdings bloß sperans venire ad te cito hat. 

2 Cor. 5, 11 venja svikunpans visan uns, elrcltio — yreqccveQiooticu 
(ohne rif.iag) , während die lateinischen Übersetzungen hier selbstver- 
ständlich nos haben: spero manifestos nos esse. Wenn Loebe richtig 
sagt quasi antea venjarri scriptum esset : post venja expectandum erat svi- 
kunpana — mik, so spricht das um so mehr für Einfluß des Latein. 

Ferner tritt einige Male selbständig der Acc. c. Inf. nach munau 
auf. 2 Cor. 11, 5 man auk ni vaihtai mik minnizo gataujan paim ufar 
mikil visandam apaustaulum Xoyitpfxcu yao' /tirjösv vöT£Qr j y.lvai tüv vnsoXiav 
anooxolbiv. Die lateinischen Übersetzungen entsprechen genau dem 
Gothischen. Die Versio antiqua bei Sabatier: existimo autem me nihil 
minus fecisse; ganz ähnlich die Vulgata. Phil. 1, 17 munandans sik 
aglons urraisjan bandjom meinaim oio/iisvoi $Ki\piv iyeiosiv xo~ig öeaf.iöig 
/liov; Vulgata und Augustin haben se. 

Auch gatrauan hat einmal den Acc. c. Inf. nach sich, ohne daß 
das Griechische eine Veranlassung dazu zeigt. 2 Cor. 10, 7 jabai hvas 
gatrauaip sik silban Kristaus visan ei xig itinoiS-sv eavzw Xqiotov 
uvai. Die Versio antiqua hat hier: Si quis conßdit se Christi servum 
esse; am genauesten stimmt, wie öfters in den Episteln, zu dem Gothi- 
schen Ambrosiaster: si quis conßdit se esse Christi, wie denn fast alle 
Citate bei Sabatier se haben. 

Ob in Mrc. 15, 9 vileidu fraleitan izvis pana piudan Judaie deXete 
cxnokvou) vfxiv tov ßaoiXm xwv lovöaitov fraleitan, wie Loebe will, 
passivisch zu fassen ist, wage ich nicht zu entscheiden. Unmöglich ist 
es nicht, es auch activisch zu erklären. Doch vielleicht ist mit Zahn 
zu schreiben fraleitau, dem arcolvoio entsprechend. 

Es bleibt noch übrig, einen Nominativus cum Infinitivo zu er- 
wähnen. Rom. 7, 10 bigitana varp mis anabusns, sei vas du libainei, 
visan du daupau xat evoi&rj fxoi y evioXr] tj slg tiorjv, avrrj elg Sctvaiov. 
Die lateinischen Übersetzungen haben hier alle übereinstimmend Acc 
esse ad mortem. Zu vergleichen ist Luc. 17, 18, wo es in Einklang 
mit dem Griechischen heißt: ni bigitanai vaurpun gavandjandans giban 
vulpu gupa ov% evos&tjGctv vnoOTQEipavTeg dovvcu do^av tio &eio. Die 
beiden Stellen könnten als Belege bei Grimm IV, 123 dienen. 

Während in den besprochenen Stellen, in denen das regierende 
Verbum durchweg persönlich war, die Möglichkeit einer Einwirkung 



ÜBER DEN ACCUSAT1VUS CUM INFINITIVO IM GOTIIISCIIEN. 287 

des Lateinischen wenigstens nicht ausgeschlossen ist, bietet sich in 
Luc. 4, 36 jah varp afslaupnan allans xai eytveio 9-df.ißog Ini jiavvag, 
abweichend ebensowohl vom Griechischen wie vom Lateinischen die 
merkwürdige Erscheinung eines Acc. c. Inf., der abhängig ist von dem 
unpersönlichen varp. Dieß muß um so mehr auffallen, als sonst immer 
nach varp entweder in Übereinstimmung mit dem Griechischen bald 
mit jah bald mit asyndetischer Fügung fortgefahren wird, oder eine 
Construction eintritt, die man mit dem Namen des Dativus cum Infinitivo 
belegt und mit gewissen Erscheinungen des Altslovenischen auf eine 
Stufe gestellt hat. Man fragt unwillkührlich, warum der Übersetzer hier 
das der gothischen Sprache Geläufige einer fremdartigen oder wenig- 
stens völlig vereinzelt dastehenden Construction aufopferte ; man würde 
es noch allenfalls begreiflich finden, wenn das Griechische mit dem 
Vorbild des Acc. c. Inf. vorangegangen wäre, wie derselbe sich überall 
im Griechischen da findet, wo im Gothischen der sogenannte Dativus 
cum Infinitivo auftritt. Ich werde weiter unten zeigen, wie wenig wahr- 
scheinlich es überhaupt ist, daß im Gothischen eine spontane Setzung 
des Acc. c. Inf. nach unpersönlichen Ausdrücken stattgefunden habe. 
Auch Bopp, der sehr treffend über die Erscheinungen des Acc. c. Inf. 
im Gothischen urtheilt, kann nicht glauben, daß der Gothe nach varp 
einen wirklichen Acc. c. Inf. gesetzt habe. Er fasst deßhalb hier varp 
als ein Verb um der Bewegung, von dem allans als Accusativ regiert 
wird: es kam Entsetzen (über) alle, oder Entsetzen überfiel alle. Da 
indeß diese Erklärung durch Analogien nicht gestützt wird, so bin ich 
eher geneigt zu glauben, daß hier ein Fehler in der Überlieferung 
vorliegt. Fasst man afslaupnan substantivisch, wie es Bopp und v. d. 
Gabelentz und Loebe im Wörterbuch S. 164 thun, so fehlt nichts als 
ein dem int entsprechendes ana, um das Gothische mit dem Griechi- 
schen völlig in Einklang zu bringen. Wie leicht aber ein solches ana 
zwischen afslaupnan allans ausfallen konnte, ist auf den ersten Blick 
klar, und auch sonst fehlt es nicht an ganz analogen Fehlern der 
Überlieferung in dem gothischen Übersetzungswerke. So hat 1 Cor. 5, 10 
die Handschrift pan ue, während wahrscheinlich, wie die neueren Aus- 
gaben alle haben, pcmm US zu lesen ist; und ebenso ist ein Wort, 
das sich aus dem Endbuchstaben des ersten und Anfangsbuchstaben 
des folgenden Wortes zusammensetzt, ausgefallen 1 Cor. 13, 12, wo 
es für daüai jmii beißen muß <luil<ii //» j><in. In ähnlicher Weise ist 
2 Cor. 7, 13 nach appam ana ausgefallen. 

Hieran nag sieb eine Besprechung derjenigen Stellen schließen, 
in denen oarp verbunden ist mit dem Dativ der Person und dem 



288 OTTO APELT 

Infinitiv, eine Fügung, die nach dem Vorgange Grirnms Miklosich in 
seiner Abhandlung über den Acc. c. Inf. Wien 1869 auf Grund sehr 
zahlreicher ähnlicher Erscheinungen im Altslovenischen ; wie schon ange- 
deutet, für reinen Dativus cum Infinitivo erklärt, worin er die Beistiramung 
Jollys (Geschichte des Infinitivs im Indogermanischen S. 267) gefunden 
hat. Gäbe es innerhalb der gothischen Sprache Fälle einer solchen 
Construction auch nach andern Verbis als varp, so würde ich kein 
Bedenken tragen, der Ansicht Miklosichs beizustimmen. Aber sie be- 
schränkt sich eben auf das einzige varp. Die in Betracht kommenden 
Stellen sind folgende: Mrc. 2, 23 jah varp pairhgaggan imma pairh 
atisk yal eyevexo rtUQanooeveo&ai avxbv öia xcov OTiooifuiov. Luc, 6, 1 
jah varp gaggan imma pairh atisk xai eyevexo diarfooeveo&ai avxbv 
öia xiov otioqi^iüv. Luc. 6, 6 jah varp galeipan imma in synagogein 
jah laisjan eyevexo de eloel&elv avxbv elg xi]v owayioytiv y.al didüoxeiv. 
Luc. 16, 22 varp pan gasviltan pamma unledin jah hriggan fram 
aggilum in harma Ahrahamis eyevexo de artoSavelv xbv Ttxwyjbv yal ane- 
rtX&rjvai avxbv vnb xcüv ayyeltov elg xbv yoknov ^4ßoaaf.i, 2 Cor. 7, 7 
svaei mis mais faginon varp aiaxe [(£ /nällov xaQtjvat. Erweckt schon 
der Umstand, daß die fragliche Construction sich nur an das eine 
Verbum varp angelegt haben soll, einige Bedenken gegen die Zulässig- 
keit der Annahme derselben im Gothischen, so verliert dieselbe durch 
folgende Bemerkung noch mehr an Wahrscheinlichkeit. Abgesehen von 
dem oben besprochenen Fall Luc. 4, 36 folgt der Gothe dem Griechi- 
schen mit geringen Abweichungen in den Verbindungen von eyevexo 
z. B. Mtth. 7, 28 jah varp, pan ustauh Jesus po vaurda yal eyevexo oxe 
owexeleoev b Irjaovg xovg Xbyovg xovxovg. Mrc. 1, 9 jah varp in jainaim 
äagam, qam Jesus xou eyevexo ev exelvatg xoug r^ieqaig, rjX&ev 'itjGovg. 
Luc. 17, 11 jah varp jah is pairhiddja yal eyevexo y.al avxbg dttjQxexo 
u. s. w., überall aber, wo das Griechische Acc. c. Inf. aufweist, setzt 
der Gothe seine Dativconstruction ; nur eine einzige Stelle habe ich 
finden können, wo trotz griechischen Acc. c. Inf. im Gothischen nicht 
der Dativ und Infinitiv erscheint, nämlich Luc. 3, 21 varp ]>an tislok- 
noda himins eyevexo dvecpx&rjvai xbv ovqavbv. Wäre die Construction 
eines Dativus cum Infinitivo, auch bloß nach varp, dem Gothen irgend 
geläufig gewesen, so hätte er sie wohl auch hier eintreten lassen; aber 
hier bot das Griechische keinen persönlichen Subjectsaccusativ und 
deßhalb unterblieb die sonst eintretende Fügung. Oder wäre es Zufall, 
daß ihr der Gothe gerade hier aus dem Wege gieng ? Es scheint vielmehr 
daß der Gothe die Dativconstruction nur da wählte, wo er im Grie- 
chischen einen persönlichen Subjectsaccusativ vorfand, der es ihm ge- 



&BEE DEN ACCÜSATIV1 S Cl u [NPINITIVO IM GOTHISCHEN. 289 

stattete mit einer nur geringen Modifikation des Gedankens seinen 
Dativ unmittelbar mit varp zu verbinden. Bei anderem als persönlichem 
Subjectsaccusativ konnte er das nicht; denn jeder fühlt, wie gezwungen 
einerseits in diesem Falle die Fügung sein würde und wie sehr sie 
andrerseits gegen den Sinn des Griechischen streiten würde. Ich sehe 
daher keinen zwingenden Grund, zu einer durch keine Analogien inner- 
halb der deutschen Sprachen gestützten Hypothese die Zuflucht zu 
nehmen und halte die von v. d. Gabelentz und Loebe Grammatik 
-52, 6 gegebene Erklärung, wonach der Dativ unmittelbar zum 
Verbuni gehört, für ausreichend. Nur darf man nicht übersetzen: Ein 
Wandeln durch die Saat ward ihm zu Theil, sondern: Ein Wandeln 
durch die Saat ereignete, fügte sich für ihn. Die beste Analogie hierzu 
jich in mhd. geschehen mit Infinitiv und Dativ und. Grimm selbst 
macht IV. 109 auf die nahe Verwandtschaft dieser Fügungen mit den 
eben besprochenen aufmerksam. Allerdings erscheint im Mittelhoch- 
deutschen in Wendungen wie nach der ze riten im geschach, ir zu sterben 
iilht geschieh, das. lidenne geschiht, sit uns ze sitzen hie geschach, 

der Infinitiv meist in Begleitung von ze, doch findet sich auch der 
bloße Infinitiv Nib. 1145, 4 so ist in aJ/reste von schulden sorgen ge- 
schehen. Wenn aber Grimm in der Stellung der Worte im Gothischen 
eine Nöthigung linden will, die Zugehörigkeit des Dativs zu varji zu 
verwerfen, so ist dem entgegenzuhalten, daß der Gothe sich hier, wie 
:, in der Wortstellung möglichst eng an sein Original anschloß. 
Indem wir zum Acc. e. Inf. zurückkehren, wenden wir uns zu 
den zahlreichen Fällen, in denen das Gothische mit dem Griechischen 
in der Construction übereinstimmt. Wenige werden so weit gehen, alle 
die Anwendungen, die sieh entsprechend dem Griechischen vom Acc. 
c. Inf. im Gothischen finden, als dem Gothischen geläufige zu betrachten. 
!.- i ■.•_■• h nur, ob sich ein Kriterium gewinnen lässt, durch welches 
eine Sichtung möglich wird. Und da meine ich, daß ein solches 
Kriterium füglich sich darbietel in der Vergleichung mit solchen Fällen, 
in denen bei gleichem regierenden Verbum oder Ausdruck das Gothische 
den griechischen Acc. c. Inf. durch andere Constructionen ersetzt hat. 
Denn bei der großen Gewissenhaftigkeit der gothischen Übersetzer ist 
ea kaum denkbar, daß dieselben ohne Noth, d. h. ohne durch die Ge- 
setz'- ihrer Sprache gi n zu werden, dem Griechischen untreu 
wurden; wohl aber hat man Grund anzunehmen, daß der Trieb nach 
Genauigkeit zuweilen lebhafter und stärker war als derjenige, die 
Eigentümlichkeit der gothischen Sprache überall zu wahren. Wir 
stell. -n also die einfache Regel auf, daß diej< nigen Fälle des Acc 

QEBlIANIi I' 1 



290 OTTO APELT 

Tnf. im Gothischen nicht als dieser Sprache eigentümliche anzusehen 
sind, für die sich an anderen Stellen, wo das Griechische ebenfalls 
mit dem Vorbild des Acc. c. Inf. vorangieng, andere Constructionen 
als die bezeichnete finden. 

Hierher gehören vor allem die schon oben kurz erwähnten Con- 
junctionen svasve und svaei, die beide zuweilen mit Acc. c. Inf. ver- 
bunden auftreten, ungleich häufiger aber trotz griechischen Acc. c. Inf. 
das Verbum finitum nach sich haben. Die Fälle der ersteren Art sind 
für svaei: 2 Cor. 2, 7 svaei pata andaneipo izvis mais fragiban jah 
gaplaikan üIgte vovvavTiov f.iaXXov v/jäg xaQtaaa&ai v.cu nagazalsaai, 
und wahrscheinlich 2 Thess. 2, 4 svaei ina in gups alh sitan toGve 
ctvxbv eig %hv vaiv rov &eov -/.aOiaai, obwohl die Lesung sehr unsicher 
ist. Für svasve: Mtth. 8, 24 svasve pata skip gahulip vairpan 
loore zb nkoLOV y.ahv7TT£G9cu. Mrc. 4, 1 svasve ina galezpandan in skip 
gasitan woze cwtov eiißcivra eig to ttXoiov xadijo&ca und wahrscheinlich 
Phil. 1, 14, wo nach dem Griechischen zu urtheilen ein svasve oder svaei 
voraufgegangen sein muß. Auch ist zu vergleichen Luc. 9, 52 galipun 
in haim Samareite , sve manvjan imma coGve eznifiaoca cwtot. Dagegen 
svaei mit Verbum finitum gegenüber griechischem Acc. c. Inf.: Rom. 
7, 6. Mrc. 1, 27. 2 Cor. 3, 7. 7, 7. 8, 6. 2 Thess. 1, 4. Skeir. III. d. Und 
svasve: Mtth. 8, 28. 27, 14. Mrc. 1, 45. 2, 12. 3, 10. 3, 20. 4, 32. 37. 
9, 26. 15, 5. 1 Cor. 13, 2. 2 Cor. 1, 8. sve: Luc. 5, 7. Ebenso gut wie 
svasve ist vielleicht gelegentlich auch einmal faurpize entsprechend 
griechischem ttqiv mit Acc. c. Inf. verbunden worden, nur daß sich kein 
Fall erhalten hat. 

Sodann sind wahrscheinlich als nicht echt gothisch anzuerkennen 
diejenigen Fälle, in denen von Ausdrücken wie gop ist, azetizo ist, gadob 
ist u. dgl. ein Acc. c. Inf. abhängt. Denn die Stellen Mrc, 10, 24 hvaiva 
(igln ist paim hitgjandam afarfaihau in piudangardja gujis galeipan 
Ttoig ()vGY.oh')v £gti, vovg nenot Oorag enl zol^ yoriiaGiv eig ttjv ßaoiXslav 
iov Üfji? elgeX&elv, Mrc. 10, 25 azetizo ist ulb andern pairh pairko neplos 
galeipan, pan gabigamma in piudangardja gups galeipan svkotciotsqov 
iou, /.auilor — öiüJiür rj /.. /. h, ähnlich Luc. 18, 25, ferner Mrc. 9,43 
gop Jtns ist h amfamma in libain galeipan, pau etc. ymIov ooi Igti 
yj'/j.i.y eig 1 1]> tcorjv eloeÄdeiv , zeigen zur Genüge, daß die gothische 
Sprache der Anwendung des Acc. c. Inf. nach diesen Ausdrücken 
widerstrebte. Und noch besser zeigt Joh. 18, 14 garaginoda Judaium, 
patei batizo ist ainana mannan fraqistjdn faur managein ort GVfxcpiqei 
eva (iv'Jotojiov anoleG&cu r.iio iov /.cor die Scheu des Gothen vor dem 
Acc. c. Inf. in dieser Verbindung. Denn er setzt hier nicht das dem 



l ll.i; im 3ATIVUS CUM [NFINITIVO IM GOTHISCHEN. 291 

Griechischen entsprechende fraqistnan (perire), sondern das transitive 
fraqistjan (perimere), so daß wir also eine einfache [nfinitivconstruction 
bekommen. Ebenso verhält es sich mit Luc. 2, 1 uiTann gagrefts fram 
keisara Agustau, gameljan allana midjungard ££rjh&£ doyfia nctoa Kal- 
octQOQ jivyo\ ifiu'Jai naoav rrr oixov[xevrp> , wo gameljan 

auch transitiv zu fassen ist. Ahnlich steht nach vilja ist 1 Thess. 4, 3 ff. 
J>ata auk ist vilja gitys, ei gahabaip izvis af kalkinassau vovto yao ioriv 
iti/.uiu tov 9sov, u.thyui'Jai v^iäg aito trjg Ttoqveiag nicht wie im Grie- 
chischen der Acc. c. Inf., sondern ei, wie ja auch in anderen Ver- 
bindungen die Umschreibung dt-^ griechischen Acc. c. Inf. durch ei 
ziemlich häufig ist*). Daher kann ich nicht glauben, daß die Fügung 
Lue. 16, IT ip azetizo ist himin jah airpa hindarleipan pau vitodis 
ntt t vi-it gadriusan evx07ta>T€Q0v de iavi zbv ovoavbv /.cd zrjv 
yfjv :i((Qt'/.'Jui rj roü vofiov (.detv xegalav neuelv eine echt gothische sei; 
den Dativ konnte hier der Gothe nicht setzen, weil das Subject des 
Are c. Inf. kein persönliches war und so folgte er einfach dem Grie- 
chischen. Ebenso wenig halte ich für originell gothisch den Acc. c. Inf. 
nach galeikaida Col. 1, 19 in imma galeikaida alla fullon bauan er 
■ ~t evdov.ijoe näv ib 7iXrjQü)f.ia xaTOixrjoai und nach gadob vas Skeir. 
I. e. gadob nu vas mais pans svesamma viljin — gaqissans vairpan 
'andis laiseinai decens igitur erat potius eos, qui sua voluntate obedi- 
.,t diabolo — eos iterum sua voluntate assentire salvatoins dodrinae). 
Allerdings ist in dem letzteren Fall das Subject des Acc. c. Inf. ein 
persönliches, doch die Skeireins geht in der Sprache oft ihre eigenthtim- 
lichen Wege**). Offenbar sclavische Nachahmung des Griechischen ist 
rner, wenn es Eph. 3,6 nach vorhergehendem runa, (.ivgttjqiov heißt: 
vi sau piudos gaarbjans jah galeikans gehaitis is eivat icttüvi: oiy/j.t- 
oovopia /t'.t ovaotofia /. i. Ä. ; wegen der Länge und Schwierigkeil der 
Periode hat sich bier der Gothe genau dem griechischen Vorbild ac- 
commodii pricht daher alles dafür, daß man sieh in denjenigen 

der hierher gehöi lle, wo das Pronomen im Gothischen es un- 



*) Mtth. '27, 1. Luc 2 27. J I 12, 1- ! i or. i, I I, L. 13, 7. Eph. 

1, ■). 18. 18. 4, 17. 22. 6, 11. Co!. 1, 10. I I, 2 f. 6, 1. 27. 2 Thess. :i, 6. 

**) In der & ' u noch ein « i 

EU erwähl c. Ii bii tet . tritt deutlich erkennbar 

düng von Nebensätzen mit hervor. Dennoch würden, 

die Skeireins ein ui i oder ebenfalls ein Qber- 

t, zu Gun I 

reich | zu widerlegen. A 

halten, 



292 OTTO apki/i 

bestimmt lässt, ob es Dativ oder Accusativ ist, für den ersteren zu 
entscheiden hat gegen Grimm, der IV, 115 in 1 Cor. 7, 26 go]> ist man n 
(so hat auch die Handschrift entsprechend dem griechischen av&QWTvqi) 
sva visan und Köm. 13, 11 mel ist uns us slepa urreisan togcc rj/.ieig 
r.örj e£- rmvov iysg&rjvai Acc. c. Inf. annimmt. Ebenso sind zu beur- 
theilen Mrc. 9, 5 und Luc. 9, 33 gop ist unsis her visan xalov loa 
itfiag to de eivm. 

Für nichts als übergroße Treue in Wiedergabe des Originals kann 
ich es weiter halten, wenn es 2 Cor. 7, 11 heißt: ])ata bi gup säur g an 
izvis ccvro rovzo to xaxa $ebv Xvrcrjd-fjvcu vfiag. Zwar kann ich keinen 
anderen Fall nachweisen, in dem der Gothe in der Lage gewesen m\ äre, 
die griechische Construction des bloßen Artikels mit dem Acc. c. Inf. 
wiederzugeben; desto häufiger aber sind die Stellen, in denen er Prä- 
positionen mit dem Artikel und folgendem Acc. c. Inf. zu übersetzen 
hatte, und da ließ er constant das Verb um finitum eintreten z. B. Luc. 
2, 4 dupe ei vas us garcla öia to eivai avvov ek~ oixov; ähnlich Luc. 
1, 21. 3, 21 f. 8, 6. 9, 51. 18, 5. Mrc. 4, 5. 2 Cor. 3, 13. Gal. 4, 18 u. ö. cf. 
Loebe Beiträge zur Textberichtigung und Erklärung der Skeireins p. 51. 

Wenn sich ferner 1 Thess. 2, 12 veitvoajandans du gaggan izvis 
vairpaba gups /naQriQovijevot elg to ;ieQi:w.rraai vfiäg ag~lwg vov 9sov 
auch nach du ein Acc. c. Inf. findet — während ich 2 Thess. 2, 2, wo 
Loebe nach dem Vorbild der eben citierten Stelle ergänzt hat, wegen 
der Unsicherheit der Lesung nicht mit aufzuzählen wage — so zeigen 
Stellen wie Luc. 1, 57 i]> Aileisaba/p usfullnoda mel du bairan für 
griechisch vov i i/.Cir c.rr rv, 2 Thess. 1, 5 du vairpans briggan izvis pittr 
dangardjos gups elg in KccTat-itod-rjvai vftag ir)g ßaaiÄeiccg vov 'hol (im 
Gothischen bloße Infinitiveon struetion), 2 Cor. 7, 12 du gabairhtjan (ad 
ostendendum) usdaudein unsara £ c ivexsv toxi qxxvsQio-d-rjvcu i > t r anovdrjv 
y][u~)p zur Genüge, daß der Acc. c. Inf. nach du dem Gothen nichts 
weniger als geläufig ist. 

Wir wenden uns nun zur Besprechung der zahlreichen Stellen, 
in denen sich in Übereinstimmung mit dem Griechischen die Con- 
struction nach persönlichen Verbis findet. Ich werde die Fälle möglichst 
vollständig aufzählen, indem ich, wo sich Vergleichungen mit andern 
Constructionen darbieten, auf dieselben aufmerksam mache. 

Nach qipan: Mrc. 8, 27 hvana mik qipaud mans visan xiva fie 
h'ymoiv o'i avi)qco7iot üi>ai, und dem entsprechend in den folgenden 
Versen. Mrc 12, 18 fjaiei qipand usstuss ni visan Xiyovoiv chaoiaoir 
(.li) uvai] ganz so Luc. 20, 27. Luc. 9, 18 ff. hvana mik qipand visan 
pos manageins Viva f.ie Xiyovoiv oi oyXoi elvat und so wird im Acc. c. Inf. 



DBEE DEN VI ' USATIVUS CUM [NF1NITIV0 IM GOTHISCHEN. l".); 1 , 

fortgefahren. Luc. 20, 41 hvaiva qipand Xristu sunu Daveidis visan 
rrdg Xiyovat tov Kqiarov vibv fav'l'ö slvai. Joh. 1-, 29 qejmn peihvon 
vairpan e'Xeyov ßoovT^v yeyovevai. Rom. 15, 9 //< piudos in arma- 
hairteins hauhjan gup von qipa in Vers 8 abhängig, ia öi e&vr 
vtzeq sXiovg do^aaat vov d-eov, ■während für yeyevrjo&at im vorherge- 
henden Verse das Participium vaurpanana gesetzt ist, wahrscheinlich 
weil hier visan nicht wohl folgen konnte (cf. v. d. Gabelentz und Loebe 
zu dieser Stelle), ebenso wie 2 Tim. 2, 18 qipandans usstass ju vaur- 
jniiifi Xeyovreg zr t v avaaraaiv mW yeyovivai. 2 Cor. 4,6 gup } saei </<<]> 
in- riqiza liuhap skeinan 6 elnwv l/. oxotovq gxjjg Xaf.ixpat. Dagegen 
führt Grimm, wie Loebe, Beiträge etc. p. 23 zeigt, mit Unrecht Skeir. IIb 
qap gabaurp anparana pairh pvdhl uspulan als Beispiel an. Außerdem 
findet sieh qipan in Übereinstimmung mit dem Griechischen mit einem 
unmittelbar zugehörigen Dativ der Person und abhängigem Infinitiv 
Mtth. 5, 34 qipa izvis ni svaran Xeyco v/.uv ;/[ nuoaai. Ebenso Mtth. 5, 39 
und Rom. 12, 3. Ferner mit prädicativem Participium, Ädjectiv oder 
Substantiv Mrc. 10, 18. 12, 37. 15, 12. Luc. 18, 19. Joh. \b, 15. Skeir. 
IV. c. d. Das Abweichen von der griechischen Construction Luc. 9, 5 1 

'zu ei qipaima fon atgaggai d-eXeig utcü)(aev tzvq /.<</ aßf,vai erklärt 
sich wohl daraus, daß derGothe den Befehl ausdrücken wollte; übrigens 
haben die lateinischen Übersetzungen fast alle ut descendat, eine auch 
bloß descendat. 

Nach viljan: Mrc. 7,24 ni vilda rifun mannan f.ir t Ö6va rj&eXe 
yvßvcu. 10,36 hva vileits taujan mik igqis vi d-eXert rcoirjoccl fis tulv. 
Luc. 19, 14 ni vileima pana piudanon ufar unsis ov 3-iXnf.iev ini/m 

iXevaai .'■'/' IjiCu. 10,27 paiei ni vildedun mik piudanon ufar sis 
uü.iuci i :\i avrovg. 1 Cor. 7, 7 viljau allans 

man* visan sve mi/: silban d-iXco navxag dvO-Qc^novg etvat tog /.<<i ef.ia.v- 
vov 1 Cor. 10,20 ni viljau izvis skohslam gadailans vairpanov%) Xto 
öi tyiäg KOivcovovg vöiv daif.iovicov ylveo&ai. 1 Cor. 11, •') viljau izvis 
vitan ■' divai. 1 Tim. 2, 8 viljati nu vairans bidjan in 

\im stadim ßovXofiai ovv ''*'/ vovg avdgag ev navxi vom 

5, 11 viljau nu juggos liugan, baima bairan, garda valdan ßovXo- 
iiai m , t; i ,i in, : -,11.11. vexvoyoveiv, oIy.o6eo cotsiv. Vielleichl sind auch, 
weil wahrscheinlich passive B'edeutung des Infinitivs anzunehmen ist, 



Km bemerkenswerthi B für den Zusammenhang der lateinischen Über 

mit der gothischen ist der fo riechischen Handschriften 

mit .'. wähn ad das 

Gol i mung mit den meisten lateinischen i bersetzungen, dii 

i ' (ja ml 



294 



OTTO APELT 



hierher zu rechnen Luc. 1, 62 hvaiva vildedi haitan ina it av th'loi 
xaleiodcu avröv. Gal. 6, 13 vileina izvis bimaitan ülhnoiv tiiäc. ;uql- 
viiivea&äi. 1 Tim. 2, 4 saei aüans mans vili ganisan jah in vfkunpja 
sunjos qiman og navxag avd-QConovg &£lei oa)3ijvai v.ai elg eniyvuioiv 
äkrjd-eiäg eX&elv, doch ist namentlich in dem ersten Beispiel, wie in 
der früher angeführten Stelle Mrc. 15, 9 auch die Annahme einer bloßen 
Infinitivconstruction zulässig." Wenn es ferner Rom. 11, 25 für ov yao 
9-sfao v[iag ayvoetv rb ^ivotrjQtov tovto heisst ni auk viljau izvis unvei- 
sans pizos runos und ganz ähnlich 1 Cor. 10, 1 (unvitans), 2 Cor. 1, 8. 
1 Thess. 4, 13, so wird das nur eine Folge davon sein, daß der Gothe 
für ayvoeiv kein entsprechendes Verbum hatte und deßhalb nach der 
Negation (denn sonst konnte er ja ni vitan, ni frapjan sagen, wie 
Mrc. 9, 32. Luc. 9, 45. Rom. 7, 1) diese Adjectiva zu Hülfe nehmen 
musste, nach denen visan unnöthig war. Ganz ähnlich findet sich 2 Cor. 
2, 11 für ovx. ayvöovf.iev ni sijum unvitandans, wo das Particip offenbar 
adjectivischer Natur ist, wie unser nhd. unwissend, ohne entsprechendes 
Verbum. 

Nach vitan: Luc. 4,41 unte vissedun silban Xristu ina visan 
ort ijösioav tov Xqiotov avrbv eivai. In den erhaltenen Stücken bot das 
Griechische sonst keine Gelegenheit, denn elöivai findet sich fast überall 
mit ozi verbunden. 

Nach hugjan: Luc. 2, 44 hugjandona in gasinpjam ina visan 
vofiioavTeg avrbv ev ry avvööia eivai. 1 Tim. 6, 5 hugjändane faihuga- 
vanrki visan gagudein vo'f.ut6vriüv noQiOfibv eivai iir evaeßeiav. Sonst 
habe ich nur solche Stellen finden können, in denen das Griechische 
ort hat, dem der Gothe mit ei oder Jtatei folgt. 

Nach galaubjan: Luc. 20, ö triggvdba galaubjand auk allai Jo- 
hannen pr auf etu visan rceneiO(.ievoi yaq uaiv Iiaavvrjv rtQoqnjTrjv eivai. 

Nach domjan und gadomjan: Phil. 3, 8 all domja sleipa visan 
— jah domja smarnos visan allata rjyovfAai navra tyjftiav eivai — 
v,cd fjyovfiat axvßaXa ürat. Mrc. 14, 64 eis allai gadomidedun ina skula 
visan daupau <u de siärrsg xavexoivov avxbv evoyov eivai d-avavov. 

Nach r ahn jan: Skeir. VIII. b. ak mais sildaleikjandans fraujins 
laisein svikunpdba in allaim alamanndm faura visan rahnidedun (sed 
magis admirati domini dodrinam aperte in omnibus hominibus existere 
putabant). 

Nach munan: 1 Cor. 7,26 man nun pata gop visan vo(.ut,(o 
ovv tovto v.albr vnaqxeiv. Phil. 3, 13 ik mik silban nipau man gafa- 
lnni eyio iiianbv ov hr/iZotiui y.c.i n/.nf/rca. So ist wohl auch von Loebe 
richtig ergänzt Rom. 14, 14 niba pamma munandin Qiva unhrain visan) 



ÜBEB DEN LCCUSATIVUS CUM IMIMHVh l.M GOTHISCHEN. 295 

si (.tri ll ? Xoyito(.iiv(p n xotvov elvai. Dagegen fehli 2 Cor. 1 1, 16 ibai /was 
mik muni unß'odana ;u] zig (.ledo/-^ acpgova elvai im Gothischen dl'' 
Übersetzung von elvai] der Accusativ des Adjectivs gentigte eben, wie 
in den ähnlichen Constructionen bei viton. Auch die Versio antiqua hei 
Sabatier hat bloß: ?/<' guis me existimet insipientem. Ein Scliluß auf 
die Fremdartigkeit des Acc. c. Inf. nach munan aus dieser Stelle ist 
also unzulässig. Mit prädicativem Adjectiv oder Particip findet sich 
munan in dieser Weise auch Phil. 2, 3. 25. 2 Tim. 2, 8 und zwar in 
Übereinstimmung mit dem Griechischen. 

Nach taiknjan: Luc. 20, 2<> insandidedun ferjans pans us liutein 
taiknjandans sik garaihtans visan aneGTeiXav eyxadei oiv V7iOY.Qivof.ie- 
vovg eawovg dixaiovg elvai. 2 Cor. 7, 11 in allamma ustaiJcnidedup izvis 
hlutrans visan iv itavxl m rt.ru> 'ocae eavrovg äyvoig elvai. INIit dem 
Dativ der Person und dem Infinitiv steht es entsprechend dem Grie- 
chischen Luc. 3, 7 u. ö. 

Nach hausjan findet sich Phil. 2,26 hausideduf) ina siukan 
lY.nioe.ie avrov qo&evrpisvai (so haben D* E* F G, während die anderen 
Bandschriften ozt rjO&evrjoev haben), ein wirklicher Acc. c. Inf. Auf- 
fällig ist es dagegen, daß Joh. 12, 18 rjxovoav uovro avrov jteTtoirjxevai 
in orj/Lieiov übersetzt wird durch hausidedun, ei gatavidedi potaiknj der 
Grund, weßhalb der Gothe hier vom Griechischen abgieng, dürfte 
vermuthlich der sein, daß er es nöthig fand, die Vergangenheit aus- 
zudrücken, was er hei dem Mangel eines Infinitivus praeteriti durch 
den Infinitiv nicht konnte. Entsprechend dem Griechischen heißt es 
Lue. 4, 23 hvan ßlu hausidedum vaurfjan in Kafarnaum ooa tjxovoafiev 
yevofieva elg nv Ka(paovaov(i. 

Auch anabiudan findet sich einmal, nämlich 1 Tim. 6, 13 f. mit 
. c. Inf.: anabiuda — fastan puk />o anabusn unvamma TtaQayyeXXia 
— xioioai ai 1 1 ) svToXrjv aamXov, eine' Stelle, die Miklosich 1. Lp. 504) 
für die Originalität der Construction im Gothischen Lesonders ent- 
idend scheint, wahrscheinlich weil der Gothe liier, wenn er sieh 
an da- auf ,/ iw-;'; ;'/./.i i folgende ool gehalten hätte, den Acc. c. Inf. 
leichl hau- vermeiden können. Doch das aoi fehlt in einigen griechi 
sehen Handschriften, wie auch in einigen lateinischen Übersetzungen; 
und übersetzte der Gothe nach einer der ersteren, so folgte er bei dem 
weiten Abstand des Acc. c. Inf. vom regierenden Verbum einlach dem 
Original, wie er in verwickeiteren Constructionen sieh öfters blindlings 
vom Griechischen leiten Läe t: so namentlich 1 Tim. 3, 6, wo er auf 
einmal die angefangi truetion, verleitet durch das Griechische, 

aufgibt. Ware diese Construction von <in>ihiii<l<ni im Gothischen wirk- 
lich iieinii < ! M. o hätte der Übersetzer lie wahrscheinlich auch 



296 OTTO APELT, LTBER DEN ACC. C. INI". IM GOTHISCHEN. 

in der ähnlichen Stelle 2 Thess. 3, 6 gebraucht, wo .ic.oo.yy/'A/jouti' i 'nir 
ai;')J.to'U(i vfxag tan navzbg adtlqoi wiedergegeben wird durch ana- 
biudam izvis ei gaskaidaip izvis af allamma broJ>re\ im Griechischen 
•wenigstens liegt hier Acc. c. Inf. vor (cf. Wahl, Clavis novi testamenti 
s. v. ovtXXo/nai). Daß aber die natürliche Fügung für das Gothische 
der Dativ der Person und der Infinitiv ist, das geht klar hervor aus 
Stellen wie 1 Cor. 7, 10 ip paim liugom haftain anabiuda, qenai fairra 
abin ni skaidan röig de ytyo.ut/.ooi TcaQayyälÄto yvvalx.ee ano avÖQog 
/Lit) x(')Qtoifr ; rctt, wo der Gothe nicht mit dem Griechen in die Accusativ- 
construetion übergeht, während die lateinischen Übersetzungen bei 
vorausgehendem praeeipio für jxaouyyelho alle dem Griechischen folgen. 
Wo das Griechische den Dativ und Infinitiv bot, hat sich der Gothe 
auch überall dem Griechischen willig angeschlossen, z. B. Luc. 8, 29. 
31. Mrc. 8, 6. In Mrc. 6, 27 und Luc. 8, 55 ist es durchaus nicht nöthig, 
die Infinitive passivisch zu fassen. 

Für reinen Acc. c. Inf. nach bidjan scheint, wie Miklosich 1. 1. p. 4 ( J3 
geltend macht, zu sprechen die Stelle 2 Cor. 6, 1 bidjandans ni svarei 
anst gups niman izvis jiaQa/.aAnv^er /(ij eig xevov iryv %ccqiv rov &&ou 
öt^aaOca v(.mg. Aber da 2 Cor. 13, 7, bidja du gupa, ei ni vaiht ubiVs tau- 
jaij> Ev%opicu jrgog rov &wv f.ir t jtoifjam Vfxäg xaxdv (.irfie.v und Col. 1, 13 
bidjandans ei gaggaij) vair]>aba nQOG£vyoi.itvoL TTEQinarJaia vuäg aiiitog 
zeigen, daß der Gothe derConstruction gern aus dem Wege geht, so glaube 
ich, daß er obige Stelle unter dem Banne des Griechischen übersetzt hat. 

Offenbar Nachahmung des Griechischen ist es schließlich, wenn 
es Eph. 3, 16 f. heißt: ei gibai izvis — gasvinpnan — bauan Xristu 
pairh galaubein in hairtam izvaraim ua ddjr t vuiv — dvvccfiEt /.ourcad)- 
d-ijvai — '/.aior/.i()(a lor Xqigtov /.. i.l.; wenigstens Luc. 1, 73 f. ei 
gebi unsis vnagein us handau fijande unsaraize galausidaim skalkinon 
imma rov öovvat tjfxiv acpoßajg l/. %ELQog tüv eyd-Qwv QVG&evzag ?m- 
zQevtiv avio, folgt der Gothe dem Griechischen nicht. 

Es bleiben nur noch die dem Acc. c. Inf. nahestehenden und in 
allen deutschen Sprachen einheimischen Construetionen bei haitan, letan, 
fraletan, taujan, vaurkjan, gamanvjan, die schon zu Anfang zum Theil 
erwähnt werden mußten. Als eigentliche Acc. c. Inf. können sie nicht 
gelten, da die Person hier immer eng als Object zum Hauptverbum 
gehört. Daher behandelt sie Grimm auch beim Infinitiv und nicht beim 
Acc. c. Inf. Man hat in der gothischen Bibelübersetzung nirgends nöthig 
nach haitan, letan und ,,, einen wirklichen Acc. c. Inf. anzunehmen, 

selbst da nicht, wo das Griechische passiven Infinitiv bietet. Es genügt 
daher einfach die Stellen zu nennen. Für Tiaitan: Mtth. 8, 18. 27, 64. 
Mrc. 5.43. 10,49. 14, 11. Luc. 5, 3. 18,40. 19, 15. Für letan: Mtth. 



W. WATTENBACH, LATEINISCHES LIEBESGEDICHT. 297 

.!'. Mrc. 7. 27. 10, 14. Luc. 4. 41. 9, 60. 18, L6. Job. 11, 44. 18,8. 

Für fraletan: Mrc. 1. 34. 5, 37. 7. iL*. Luc 8, 51. Eher kann man bei 

'an und den verwandten Verbis zuweilen an eigentlichen Acc. c. Inf. 

denken, (cf. Wilhelm de infinitivi forma et usu Eisenach 1872 p. 36). 

[ch lasse die Stellen für diese Verba folgen, indem ich nur diejenigen 

mit Worten ausschreibe, die dem eigentlichen Acc. c. Inf. besonders 

nahe zu kommen scheinen. Für taujan: Mtth. 5, '.Y2. Mrc. 1, 17. 7,37. 

8,25. Lue. 5,34. 9, 15. .loh. 5,21. 6,63. 2 Cor. 9,10. Skeir. V. b. 

VII. c. Die letzte Stelle lautet: jah ni in vaihtai vaninassu pizai 

mai oairpan gatavida (neque ullius rei inopiam multitudini fieri 

). Für vaurkjan: Joh. 6, 10. Skeir. VII, b. Für gamanvjan: 

2 Cor. 9,5 ei fauragamanvjaina pana favragdhaitanan aivlattgian hvarana, 

pana manvjuna vi sau icÄnv iiniinv eivai. Skeir. VII. c- sva filu auk 

sve gamanvida ins vairpan (quantum enim fecit eos fieri) ; doch ist die 

Lesung hier äußerst unsicher. 

Da bei der Mehrzahl der oben angeführten Verba ein Nachweis 
darüber nicht möglich war. daß der mit ihnen verbundene Acc. c Inf. 
als dem Gothischen fremdartig anzusehen wäre, so sind wir nicht be- 
rechtigt, der Constr. für diese Fälle das Bürgerrecht in der Sprache 
abzusprechen. Im Allgemeinen jedoch scheint mir so viel fest zu stehen, 
d.-.l.' der Gothe aus übergroßer Treue gegen das griechische Original 
nicht selten über da- seiner Sprache Geläufige hinausgieng. Namentlich 
glaube ich erwiesen zu haben, daß die Construction nach anderen als 
persönlichen Verbis und Wendungen nicht als echt gothisch zu betrachten 
i>t. ein Ergebniss, welches selbst dann noch stehen bleibt, wenn in den 
Stellen, welche ich zu Anfang besprach, die von mir geltend gemachte. 
Einwirkung des Lateinischen nicht zugegeben wird. 

WEIMAR OTTO APELT. 



LATEINIS* HES LIEBESGEDICHT. 



In derselben Handschrift, aus welcher die Arenga auf S. 72 mit- 
ist, fand ich nachträglich auf Bl. 229 die folgende Dichterei, 
welche nach Fenn und Inhalt lieh von demselben Wh'. 

herrührt. Wir erfahren daraus, >i v- dieser verliebte Samuel aus dem Elsaß 
trtig war, und in Heidelb : emachl hatte. Daß er 

unberührt vom Humanismus \. im \ rse deutlich. Ein Au.-,- 



298 



W. WATTENBACII 



druck v. 106 ist aus dem, fälschlich dem Gallus zugeschriebenen Lyricum 
entnommen, welches sich in derselben Handschrift befindet. Diese zeigt 
in ihrem ganzen Inhalt die für jene Zeit charakteristische Mischung 
mittelalterlicher und humanistischer Elemente ; ich möchte glauben, daß 
das Original derselben dem Samuel selbst gehört hat, und mit seinen 
Erzeugnissen, die er dort eingetragen hatte, abgeschrieben ist. Eine 
Beschreibung derselben werde ich im Anz. d. Germ. Mus. geben; sie 
enthält auch Heidelberger Geschichten von 1473. 

1. Facit hoc amor meus. 

Haud quiequam tibi prefero, 
30 Reffero te ad Pallada sanetam: 
Tantam dii faciant, et valere 
Ignipotens te faciat deus. 

5. 
Est tibi cesaries ornata, 
Data- que forma numine divo- 
rum, 
35 Quorum eximia mayestas 



Eya pervenusta puella 
Bella- que multum matrona: 
Dona quod potes uberrimum, 
Sit per te languenti remediujn. 
5 Sis queso michi facilis 

Gracilis, favens et ioeunda. 
Munda cor michi egerrimum, 
Q.uodque proeul depelle teclium. 

2. 

Iniecit tuus pectori vultus 
10 Cultus letiferum telum. 
Celum apperis si voles. 
Haud recusa precor facei'e. 
Cepit me decor tuus, 
Suus ut sim captivus. 
15 Divus tibi splendor, quid nam 
soles 
Animum meroribus quatere? 

3. 
Circumvallat me passim do- 
lor, 
Solor tantum magna ex spe. 
Me species reuocillat egregia, 
20 Adventum differt interitus. 
Est rara michi lecticia, 
Mesticia semper cor cingitur. 
Fingitur ob id Elegia , 
Nee facere sum id veritus. 



25 Est michi nunquam quies, 
Dies noctesque doleo. 
Soleo singula post habere, 



Singula salvat et tuetur. 
Vicjuin eminus abesse credas: 
Quod te amem, existit licitum. 
Nephas etenim tua honestas 
40 Effugit, spernit et veretur. 

6. 
Instar Phebi micant ocelli 
Belli conspectu mutantes, 
Dantes hercle stiinulo pro- 

fundo 
Grave vulnus corculis. 

7. 
45 Pollite sunt tibi maxille 

Ille purpureo sparsim fuse — 
Muse cedant — roseoque co- 

lore : 
Basia übet infixisse. 
Os parvum spaciosumque la- 
bellis, 
50 Mellis dulcedine rubescit. 
Crescit exliinc fervens appe- 

titus , 
Os huic crebro meum admo- 
visse. 



4 laguenti. 
35 maystas. 37 

Halbstrophe von vier Zeilen. 



11 opperis. 15 non. 16 quater. 

38 sind wohl zu vertansehen. 

*i .-. : l 



18 tatum. 19 spes. 
44 hier fehlt eine 



LATEINISCHES LIEBESGEDICHT. 



299 



8. 
Intus move tremulam li- 
gwam, 
1 )ignam omni laude. 
55 Plaude igitur, que fando 
Sermonem edis quam gratissi- 
mum. 

9. 
Dum rides in genis Iacrune 
videntur: 
Rentur mortalesteesse deam. 
Meam eternam te fieri per- 
cupio, 
60 Quod visceribus Spiritus inhe- 
serit. 
Incessu putaris dea: 
Bea me tun pietate. 
Late formam cum intueor 

stupeo, 
Quae graviter profecto me le- 
se r it. 

10. 
65 Sunt tibi cristallini dentcs 
M< nt.-s- que digitali teretes. 
Quirites anthiotum illud dari, 
iccumbamprecorcuraveris. 
Reddes me faustum, anime mi, 
70 Si ipsam te michi apperies. 
Feries luctum, si modo pari 
Amore me complecteris. 

11. 
Michi si \ [uara mancipio 

imperabis, 
tibi fiam eternus, 
3i modo michi petitum dabis. 
Secus si cordi est, me vorei in- 

fernus. 
< >mnem edepol michi salutem 

te oriri Bola posse putem. 
Nullu8 esse tibi possei im 
80 Prospicien8 te tanta claritate 
preditam, 



Verum esset obsequendi nisus, 
El amanditevirtutibusdeditam. 
Id scio copiam nemini fore 

laudis, 
Qui te digne sat extolleret. 
85 Est abs te proeul inventio frau- 
dis: 
Quis te iuvenum non merito 
coleret? 

12. 

Dii inmortales tibi dimittant 
petita, 

Vita simul prestita optata. 

Fata felicem te seeundent, 
90 Tondant arcus quod extat no- 
xium. 

Dii deeque omues desiderata 
tibi tribuant, 

Minuant que sunt difficilima. 

lila animo tuo infundant: 

Suscipias me tibi socium. 

13. 
95 Porrige Iabra michi corallia 
Talia ut illico reviviscam. 
Discam morem tibi gerere, 
(Jbi languor amorosus avellitur. 
Tenerum est corpus atque 
molle: 
100 Tolle quemque prorsus dolo- 
rem. 
Rorem pietatis inpertire. 
litte egritudo pacto propellitur. 

14. 
Nee omiserim ego cervicis 
decus: 
Secus non est ac pagina dicat, 
105 -Mic.it albente nive candidius. 
»Sunt tibi papille semipome , 
( !ome auro fulviores. 
Mores adornant te validius : 



'. 'icli liier fehlt eine halbe Strophe. 
dotum. 36 colori 98 ! 



57 lacrime. 



07 !. anti- 



300 



15. 



NORDHOFF 
125 



130 



Quid verbis opus est multis? 

110 Cultis artubus debita con- 

nexio datur, 

Fatur hoc quisque te prospe- 

xerit. 
Nemo quicquam a me false 

adiectum 
Rectum non dicet, nisi sua 
Lumina non ratio direxerit. 

16. 
115 Puellam hanc qui digne col- 

laudavi , 
Me bachidives et fertilis genuit 

Alsacia. 
Ne scortamefallerent, hactenus 

cavi. 
Virgines ut amplectar, impellit 135 

audacia. 
He norunt animis fidis amare: 

120 Sint adolescentulis idcirco pre- 

care. 
Hasobservent, diligentethono- 

rant, 
Nee inquinandos se lenis de- 

dant. 
Que suis versueiis quemquam 140 

fallere solent, 
Atque iuventara florentissimam 

defedant. 



Prebueras Haydelberga michi 
alimentum, 

Poeseos etphilosophie eibis 
educasti. 

Venustat te caterva sapientum, 

Plurimorum iusticias expiasti. 

17. 

Jam dudum tecum vitani ut 

possumdego. 
In discessum abste iamaccinc- 

tus, 
Amorem qui diu Iatuit, difFicile 

tego, 
Puelle namque loris firmissime 
sum devinetus. 
Calet inflammata mens amore, 
Telum iniecit letus aspectus, 
Rigent artus orbi vigore. 
Natus amor phas est non exi- 

stat tectus. 

Palladis ad gremium decedens 

opto loceris, 

Vitaque sit foelix orbis in 

exilio. 

Cara michi virgo , me clemens 

respice, qui te 

Rite colo, quoniam mitis es 

atque bona. 



W. WATTENBACH. 



MAERLANTS MERLIN. 



In der Bibliothek des Fürsten von Bentheim- Steinfurt zu Burgstein- 
furt befindet sich eine Handschrift des großen Gedichts Merlin von Maer- 
lant. Sie ist zwar schon beschrieben von Ludwig Troß*), jedoch sonst 
dem Inhalte nach so wenig bekannt, daß der Übersetzer von Jonck- 
bloets Geschichte der niederländischen Litteratur und andere den Maer- 
lant behandelnde Schriften das Gedicht nicht einmal zu kennen scheinen. 



119 vorunt. 132 deuictus. 134 iniectit. 137 Pallachis. 

*) Vgl. F. v. H. in der Allgem. Zeitung 1872 Nr. 44. 



140 celo. 



MAERLANTS MERLIN. 301 

Die Handschrift ist ein dicker Band in kleinFolio mit 239 beschriebenen 
Papierblättern, jede Seite zeigl 2 Columnen, die letzte 239" indeß nur 
eine, jedes Blatt am untern Rande eine Foliierung, Blatt V und VI, welche 
die Ausführung der Rubrik: Wo god gewroken ward unde van Tytus 
unde van Vespasianus enthalten, sind anscheinend gewaltsam entfernt. Der 
starke Einband hat eine Lederdecke, diese als eingepresste Zier in 
länglich viereckigen Mustern fleurs de lis, Eichenblatt und Rosetten, 
daher der Band wohl etwa gegen 1500 angelegt sein wird. Auch die 
Schrift scheint mir eher dem 15. als dem 14. Jahrhundert anzugehören, ob- 
wohl sie durchgehends klar und frei von den Abbreviaturen jener Zeit ist. 

Ein Vorblati enthält folgende Bemerkung: 

Men lest in Cronic. Martini, dat by tyden des pawes Semplicy 
de w.us by den jaren unses heren, do men screef CCCCLXXII, doe 
wart in Britanien geboren eyn wyssage Merlyn van des konix dochter, 
eyner gheestliker nunnen van der duvele eeu, de de vrouwe namen 
plegen to beslapene. ... de Merlyn sach boven Franckrike unde Enge- 
land; desse visiende und anderen synen prophecien es ghescreven; 
unde dar sin desse vers af, de hyr na volghen to Dudesche 

Ein junge megetlike junefer sal seghe vechten in maus cleyde. . . . 
folgt eine Prophezeiung über die Jungfrau von Orleans; sodann 
Maerlants Gedicht eingetheill in 3 Bücher 1. Ursprung des Gral, 2. Ge- 
burt Merlins, 3. Arthur, jedes Buch eingetheilt in Avcntüren, die nach 
der < Ordnungszahl numeriert sind. 

Fol. l a Alle de gene de desse tale 

Hören willen van den Grale, 
Wannen dat he eirstc quam 
Als ick inden Walsche vernam 
So sal ickt dichten in 
Duesche woert 

v. 14 Al/.e se van my dan boren tale 
I >essi historie van den < rrale 
Dichte ick to eren hern Alabrechte 
1 >> ii heer von vorne wal m\ i rechte 
W'ani hoge lüde myl hoger historie 
Mannigfolden zulen er glorie 
Unde körten dar mede ere ty t .... 

v. 27 Eyn dichte van onses herren wrake, 
Lestmen, dal ia wyde bekanl 
l fnde makede eyn pape in Vlanderlanl ; 
l)a! sagel dal boeck in zyn beginne. 
Bfier ick wene in mynen Bin 
I ):ii pape dal oichl en dichte, 
Wanl men mochte oichl gescriven Hellte 



302 NORDHOFF, MAERLANTS MERLIN. 

We vullich dat gelogen zy, 

Unde dat zal ick in proven war by 

In der liistorie de komet hyr naer 

Jacob de coster van Merlant 

Den gy to voren h ebb et bekant 

In des koninges Allexanders Ieesten, 

Dat gy bidden, dat he volleesten 

Moete, dat he hebbet begonnen. 



Es folgt die Rubrik: 

Waer urabe unse here wart geboren. 

Beyde vrouwen unde man, 
De oren zin zetten dar an, 
Dat ze de warheit willen weten 



Fol. 238" beginnt eine andere etwas unklarere Hand als früher. 
Am Schluß 239 a 

Nu moet god ons geven beste, 
Altoes te done van allen saken 
In em, so endet mede myn maken 
Desen boek van Merline 
Dat ik dichte myt myr pine 
Int jaer ons heren wens wonders 
Do men screef drutteen hondert 
Unde XXVI op den wittendonre dach 
De in der weke vor paeschen gelach; 
Do was dit boeck geend, 
Dar men schone testen in vint. 
Explicit Deo gracias. 
Den Schluß macht eine das relative Alter bezeichnende Inschrift 
aus der Mitte des 15. Jahrhs., die insofern noch besonders wichtig ist, 
als sie uns die sonst nicht so unmittelbar zu erweisende Thatsache 
bestätigt, daß die Höfe Westfalens bis zum Ende des Mittelalters mit 
der schönwissenschaftlichen Litteratur der früheren Zeit reichlich be- 
kannt waren. Sie lautet: 

Item dit sint de boke, de joncher Everwyn van Güterswik (f 1454) 
greve to Benthem hevet: Ten ersten dit boeck Merlyn, item twe nye 
boke van Lantslotte im eyn olt boek van Lanslotte unde item de olde 
vermaelde Cronike un Josophat unde sunte Georgius leygcnde, unde 
dat schachtaffels boeck, van sunte Cristoffers passye, item van Allexander, 
item de markgreve Willem, item Percevale. Von all diesen Schätzen 
scheint bis jetzt nur mehr der Maerlant im Besitze der Familie sich er- 
halten zu haben oder ihr wenigstens bis jetzt bekannt geworden zu sein. 
MÜNSTER. NORDHOFF. 



HOLTE, N1EDEKKHEINISCI1K SPRÜCHE UND PKIAMELN. 303 



XIHDERRHELNISCHE SPRÜCHE UND PRIAMELN. 



Die nachfolgenden Verse sind einem Folioblatte von Papier ent- 
lehnt, welches auf der innern Seite eines Incunabeleinbandes der 
Trierer Stadtbibliothek losgelöst ist. Es war nur eine Seite dieses Blattes 
beschrieben. Die Schrift gehört dem 15. Jahrhundert an. 

Myrcket wail eben der werelt staet, wye iß itzt zugaet. 

Dye wairheit ist nu geslagen doet. 
Dye gerechtigeyt lydet groeß noet. 
Dye untruwe und felscheyt ist nü geboren. 
Der gelaube hayt den streyt verloren. 
Darumb sieh wail vur dych , 
Want truwe yst sere myslich. 
Idt ist nu der werelt staet: 
Do myr ere, ich doen dyr quaet : 
Hyeff myeh öff ich werften dichjneder; 
Do myr ere, ich sehenden dich weder; 
Lach mich an und gyff myeh hyen: 
Dat yst nv der werelt synn. 
Wer da hayt goet, der hayt ere: 
Nemantz frayeht vurbaß merc. 

Wer da wylt yn freden leben, 
Goden rayi wyll ich eme geben. 
Laß eder man syn der er yst, 
So saget dyr nemans wer du byst. 
Der da wyll wyssen, wer er sy, 
Der scheid sych myt syner naperen dry. 

ych lyt und verdrach, 
Nyl eder man dynen kommer enclage. 
Du mochtes dem clagen dyn leyt, 
Er wilde das yß were noch also breyt. 
tß fraget mancher wye [ß myr ghee, 
agh yß myr wail, yß dede ym w 
W er zu lyden ist geboren, 
Bettes un synen < vt ^ r esw oeren, 
Er moyß lyden byß an eyn zyll, 
[ß sy wenych "der \ % 11. 

Wyß v\l und wenych Bage. 
Antwerl nyt aller frage. 
Borgh wenych und bezall das gar. 
Rede wenych and hall das wayr. 
Lnych nyi und byß verswegen. 
Was dyn oyl er layß lygen. 



304 NOLTE, NIEDERRHEINISCHE SPRÜCHE UND PRIAMELN. 

Der en iß nyt cloick 

Der ym selber schaden doyt. 

Der yst wyse und wail gelert 
Der alle dynck zu dem besten kyrt. 
Darumb habe yn eren eder man, 
Want du nyt en weyß was eynander kan. 
Alß manchman kuinpt, da manchman yß, 
So en weyß manchman nyt wer manchman yß. 
Wyse manchman wer manchman were, 
Manchman dede manchman ere. 

Gedecht mancher wer er were, 
Synß groyssen hoyffartz wa} 7 l*) entbere. 
Byß darumb nyt zu behende, 
Sych vur hyen an das ende. 
Sucht got und halt syn gebot. 
Byß yn s}^ner lyeffden fest, 
Das yst das aller best. 

Schoen gebagen und wenych doen, 
Mussich gaen und vyl verdoen, 
Groyß obimgh sonder gebruychen, 
Wenych han und vyl versluychen, 
Atflayß suchen aen ynnycheyt,. 
Bycht sprechen sonder leyt, 
Vyl gehoert und wenych verstanden, 
Vyl gegacht und nyt gefangen, 
Vyl gesehen und nyt myrckeu, 
Das synt alles verloren wercken. 

Prelaten dye got nyt an ensehent, 
Pryester dye de helge kyrche flehent, 
Eyn herr frede und ungenedych, 
Eyn frawe schoen und dye unstedych ? 
Eyn rychter der da legen leret, 
Eyn schefl'en der das recht verkeert, 
Eyn jungh frawe dye froe zu metten leufft, 
Eyn herr der syn lant verkeufft, 
Dyt synt echt Sachen 
Dye seiden wayl gerachent. 

Eygennotz. heymelich haß. und eyn junckrayt. 
verdei'bent manchen goden staet. 

Der nyt engewynt und och nyt enhayt 
Und all dage yn des wyrtzhuyß gayt, 
Mich hayt wonder wa hee yß holt 
Dar er dem wyrde myt bezalt. 
So wer sich an eyn tayffel wylt setzen 
Und sych myt dem wyrde wylt ergetzen, 



*) 1. er wayl. 



L. DIEFENBACH, MITTELDEUTSCHE PREDIGTBR1 CHSTt CKE. 3(J5 

Der sal niyt synem budel clynck( 
Und sal eyn quart gelden, 
So en darflf yn der wyrt oyt scheiden. 
Wusß lauff und graß ;i!s nyt und hasß, 
Koe schayff und pert weyten dye basß. 
Amen sprach dye koe zu dem s.men**) 
Kumpt du nyt zu myr. so komen ich zu dyr. 
TRIER. Dr. NOLTE. 



MITTELDEUTSCHE PREDI< iTimUCIISTÜCKE. 



Die nachfolgenden Bruchstücke fanden sich in einer Foliohand- 
schrift des 15. Jahrhs. (Nr. 1338 unserer Karmeliterbibliothek). Es 
sind acht Pergament-Quartblätter, lt> Seiten zu 22 Zeilen, ~ die ein 
Buchbinder verarbeitet hat, und zwar auf zweierlei Weise. A sind 
Quartblätter auf zwei Halbbögen, deren Unterseiten auf die Holzdecke] 
des Einbandes aufgeklebt und größtentheils durch die Pressung abge- 
druckt wurden. Kein Quartblatt hängt direct mit dem andern zusammen. 
B sind in Streifen zerschnittene und zu Falzen benutzte weitere Quart- 
blätter, welche unter sich zusammenhängen. A hat eine unbekannte 
Hand von den Deckeln abgelöst, ohne B zu entdecken. Die Hand- 
schrift gehört dem 13. Jahrhundert an, die Sprache is1 mitteldeutsch, 
auf Thüringen speciell weisen die häufigen Infinitive mit abgeworfenem n. 

FRANKFURT a. M. L. DIEFENBACH. 

A. I. 1. 

1. ist abgeschnitten. 

2. isl ? zu deme gotes hus. I><> wart Hermo 

- bischof zu der tat im dar 

4. nach bo wart philetus sin äuccessor an de 
5 me äelben ammete. ufl <1 i< • anderen iun 

6. reu die wurden '" den anderen steten gesazt 

7. ze meisteren, ufl da bo wurden manegu 



teht am äußeren Rande von einer andern Hand mit sehr 
Dinte: I v - selbst ist von i iner 

r soeben 1 Hand mit tlbei der Zeile 

and Mi m au n 

I »• t P • ireh ein I bstabe < erloren ge- 

■ i-t. 
. 



306 L. DIEFENBACH 

8. eeichen follebraht fon in in unsers herren 

9. nainen. da bekarte sich allez daz lut daz 

10. irgen in deine lande was zu unserme her- 

11. ren ihü x. Dirre heilige ap(l).s mine lie- 

12. ben der gute scs iacob; der wart geraar- 

13. teret umme die österlichen cite. so wart 

14. aber du cristenheit alse.hute ist su (1. sin) hoch ge- 

15. cite. do ouch sin lichamen wart enwek 

16. gefürt un mit den himelischen ceichenen 

17. wart gelobet un geeret un der werlnte 

Ü8. bewiset ze tröste un ze gnaden. Ouch wirt 

19. sin hochgecit hüte gemeret mit deme 

20. begenknisse des guten sc! xpofori der 

21. des heiligen geistes fol was. un der den 

22. heidenen daz gotes wort fore sagete 

A. I. 2. 

1. ist abgeschnitten. 

2. tusent zu deme waren glouben unsers 

3. herren ihü x. ze iungest wart er doch be- 

4. griffen fon me kuninge durch den namen 

5. unsers herren un wart gebunden mit 

6. einer ketenen. un wart in den kerkere 

7. geworfen durch die gotes minne. un do 

8. mit iserinen besemen ze slagen. un dar 

9. nach so wart er in einen gluentingen 

10. ouen geworfen, da uerlasc daz für for 

11. ime fon dere gotes crapht. do wart er do 

12. an deme feltte uf gefazt zu eineine zile. 

13. da schuzzen die mein tetegen zu ime al- 

14. same er nie mennesche wurde, zu aller 

15. lezzest da sluc man ime daz houbet abe. 

16. Da bekarte sich der kuninc do er du cei- 

17. chen ane sach die unser herro got begienk 

18. durch sines mertereres willen des gü- 

19. ten sc! xpofori des tac wir hüte be gen. 

20. un gebot daz man eine kirchen worhte 

21. in sei xpofori ere uffe sineme eigene, un 

22. sazte da gotes dienest biz an disen hüte- 



\lll rELDE! rS( HE PREDIGTBR1 CHS1 I - Kl 307 

A. II. 1. 

1 abgeschnitten. 

l*. antlizze. im Bullen mit ime erbelinge wer 

3. den sines riches. uu do di (?) >i da marterten 

4. di sulen si sehen quele ane ende. So wir 
ö. mine lieben daz wole wizzen daz dise hei- 

6. [igen umlcr den engelen schinent wände 

7. si disen lip gaben umme den ewigen lip. 

8. so sul wir si biten da/, wir ire also file ge- 
'.'. ni'zzen mu/.zen daz wir den sieh behaben 

In. fon nn-ern sunden. im da/, wir mit de- 

11. m> ■ guten merterere scö laurentio cttes- 

12. lieh teil bruchen muzzen illa gia. q a m 

1."). oculus non uidit. ii a. n. I. c. h. a. In assup 

14. Quicumq; conuenistis [See Marie. 

IT», bodie in honore sce Marie, matris 

16. dm. toto corde inuocate eam ut int^ce- 

17. dal pro peccatis nris. Mine lieben alle di( 

18. hüte liij sin zesamene kumen. in die ere 

19. unser frouwen sce-Marie. die sulen si ane 

20. rufen mit alleine ire herzen, daz su uns 

21. wegende si für unser sunde. wände wer 

*2'J. liehe su ist du frouwa. du daz heil hat hraht 

A. II. 2. 
!. abgeschnitten. 

jeheizen maris stella. wände su alle dise 
:;. werbt erluhtet . . . sul . . a . te ? was(?) 

daz mare daz alzouwes i-i an der bewegun- 

de. um Diemer an einer stete blibet. alse 
ii. wahe sm daz oiemer de- .-.heu |. selben? gesteht« eruallen 

7. Ion deine uite d( . also wahe im 

8. raichelee baz so i rschein daz heil der werln 
".'. te l.i unser frouwen sce .Marie, do si <\>'v en- 

10. gel minekliche gruzte uU ire bot« n?) 

11. da/ -ii gölte tragen ein heil aller der werln 
]'J. te. Su i-i ein wunderlich zuuersicht im uffe 
l.i. Dunge allen den di Bich zu ire gehabenl 

II. an zu ire gnade flehent. sie i-t h durch 

!.">. di.- im er herre ihc >cpc ire true sun allen 



308 L. DIEPENBACH 

16. den ire sunde uer gibet di su ane suchent 

17. su ist ouch du sich hüte frouwet under den 

18. choren der heiligen engele. for gotes ant- 

19. lizze mit der ewigen frouwede. Su ist du 

20. uns gebar daz ewige liht in selbem unsern 

21. herren ihm xpm gotes sun. fon deme ouch 

22. alle duse werlnt erluhtet ist gnadeklichen 

A. III. 1. 

1- gen mine lieben wände dise zue (zuen.) 

2. heiligen luhtent un lebent in deme ant- 

3. lizze der ewigen sunnen. da ouch alle 

4. die sulen geeret werde die sinen namen 

5. minnent. so bitet sie flizzekliche daz 

6. wir wirdek werden ire gebetes uil daz 

m itis 

7. wir fon ire wirden teilnunftek muzzen 

glä 

8. werden ire gunlichheite in den himelis- 

9. chen stulen. Qua oculs n uidit. 

10. Dilectissimi referendum est 

11. uobis unde dies iste habeatur sol- 

12. lempnis. Mine lieben mit kurzen wor- 

13. ten so sul wir iu sagen wan abe uf deme 

14. tac si gesazt ze begenne ob ir habet 

15. ze hörne. Dirre tac der nist niht gesazt 

16. umme daz ze firne daz sc! petrus fon 

17. den banden wurde ledig alse hut ist 

18. wände wir lesen daz daz er umme oste- 

19. ron wurde erlediget fon den banden 

20. uö fon deme engele enwek geleitet wart 

21. uzze deme kerkere dar inne(?) so sult 

22. ir frie wole wizzen daz dirre tac nist(?) 

A. III. 2. 

1. minst dar umme gesazt ze begeenne. 

2. sunder dar umme daz scä eudoxia du ku- 

3. ningin sine ketene da mite er gebunden 

4. was an daz cruce ze rome bestatete in 

5. deme altari sei petri munsters. Disen tac 

6. den begiengen romere wilent in die ere 

7. augusti cesaris wände er den sige uaht 



MITTELDEUTSCHE PREDIGTBRUCHSTÜH KL 309 

8. an antonino deme rihtere alse hüte, un 

S>. durch taz so sazten si disen tac ze begeen- 

10. ne. uii worhten ein munster über sin grab. 

11. un sazten den tac da der s.-ht.'s mänt ane 

12. _''t allez in der heidenscheffe was dit. im 

13. begiengen disen tac aller gergelieh har- 

14. te flizzekhche. un ire after kumelinge 

15. ili wider nuweten ie den tac gergeliches. 

16. Do wart de der heidenische site uerwan 

17. delet in der glaubegen site. als wir iu 

18. du sagen. Eudoxia du keiserin du wolte 

19. ze ierl'm fare durch ires gebetes willen. 

20. im tin ungetruwe iude der quam ire 

21. zu. un gab ire eine getrmve gäbe, die 
l'l'. ketenen da mite herodes hatte scfn pe 

A. IV. 1. 

1. ano entwurte. Der gebot daz man allez 

2. sin ingesinde for sinen ougen houbte. un 

3. daz man in selben wilden pherden an 

4. den zage] strikte, daz in die färten über 

5. dorne un über distele also lange unze 

in zume tode brehten. Do dit allez 
7. er gienk do luib sieh deeius uf mit vale 

ano un solten faren in amphiteatrum 

'.'. in die stat in den werten daz si di cristen 

1<i. heit da geminnereten. ufi sua so di dechei- 

11. oen cristinen funden. daz si den zu den 

1 2. m arten zugen. afl alse si bede uf deme 

ren ander v. wurden. 

11 -! bi fangt □ bede mit deme tufele. uö 

15. di daz in Bei laurentius 

16. mit iserinen ketenen tuunge. so rief aber 

17. der ander daz er föne 3Cö ypolito gern 

18. get « art valeri 

19. anua er totel fon me tufele. da forte 

20. man decium widere zu -inen phelenzen. 
l'1 . im dri tage bo h mfll fonme tu 

22. feie, wände er riei daz in eine w i 



310 L. DIEFENBAC1I 

A. IV. 2. 

1. scs laurentius ein andere w(ile) scs ypo(litus) 

2. starke marterte, clo ze iungest amme drit- 

3. ten tage wart, do wart er zeme tode 

4. braht mit der meisten not die ie dechein 

5. mennesche dorfte liden un wart gefurt 

6. in daz ewige für da müz er iemer sin 

7. ane ende. Do dit gesach sin wip du hiez 

8. triphonia uii ire tohter du was cirilla ge- 

9. nant. un siner rittere sehse un fierzek*). 

10. di gloubten an unsern herren ihm xpm. di 

11. toufte alle scs iustinus pb'r. da uerschiet tri- 

12. phonia des andern tages do su an ire ge- 

13. bete lac. di anderen di wurden alle gemar- 

14. teret durch unsers herren minne. Mit 

15. dirre schare mine lieben so für scs lauren- 

16. tius uzze deme wige unsers herren go- 

17. tes alsem (als ein?) frume uenre. deme folgeten si 

18. froliche mit deme sige zu dere untotli- 

19. eher cronen. Dise sint die von grozzen en- 

20. gesten un noten quamen. un ouch wände 

21. si ire (in?) scö laurentius (?) eigeneme blute hant 

22. gewaschen durch daz so sint si geworden 

B. I. 1. 

1. scs Nicholaus ime erschine uf deme mere. un 

2. als er in daz wazzer fiele, daz er in enthielde. 

3. un mit sinen banden enphienge. un wie er in 

4. gesunt an den stat brehte. un daz er in al rehte 

5. bore zu sineme munstere hotte geleitet. Do si 

6. 7. abgeschnitten, in Mitte von Z. 7 nur g sichtbar. 

8. der tut mit sinen heiligen. Da nam des kin- 

9. des tau t do daz guldine faz im andere ma- 

10. nege herliche gäbe, uii brahte si deine guten 

11. scö Nicholao ze lobe un zu eren uB für widere 

12. 13. abgeschnitten. 

14. unsern herren gott aller siner gnaden. 

15. ez was ouch ein harte richer koufman. der 



,: 17 um-/, ,/, ■ i.. ,,., ,,i/n aurea. 



MITTELDEUTSCHE PRFDIGTßRUCIISTÜCKE. 3H 

16 — 19 abgeschnitten, auf Z. 19 noch g sichtbar. 

20. er zu eineme iudcn. uB bitct in daz er ime 

21. borge wolte einen benanten schaz. Da sprach 

22. der iude daz er ime ein phant setzte, er lihe 

B. I. 2. 

1. ime sues so er in bete, des entuwrtete ime aber 

2. der koufman. u " er sprach er ne hette niht phan- 

3. des. wolde er einen bürgen, den wolte er ime 

4. gerne sezzen. do fragte der iude wer der 

5. bürge were. uii ob er ime getruwen mohte 

G. 7. abgeschnitten, in Mitte von Z. 7 nur g sichtbar. 

8. guten sein Nicholaum. ob er den genemen 

9. mohte. Do sprach aber der iude. ich hören so 

10. mancg tink fon ime Nicholao sagen daz er getruwe si. 

11. ich wil in gewisse zu eineme bürgen haben 

12. 13. abgeschnitten, auf Z. 13 g sichtbar (nah am Ende) 

14. do mit dorne schazze hine un here für imme 

15. lande, un sich fil wole hatte er holet un des 

16 — l'.'. abgeschnitten, auf Z. 19 {nah am Anfange) g sichtbar. 

20. also daz in der iude beclagete for me ge- 

21. rihte. da lougenete der koufman un sprach 

22. er hette ime sin golt wole uergolden. uii 

B. IL 1. 

1. er borgete sin gerillte alda for al der werlnte. 

2. Nu fert der koufman zu un nimet einen stab 

3. uii goz daz golt dar in daz er deme iudcn 

4. gelden soltc. un uermachete ez da inne harte 

5. listekliche. un des morgenes do er zu der 

6. kirchen gen solte da er daz gerihte leisten 

7. solte. da gab er den stab deme iuden an die 

8. hant ze tragene. for al der werlnte. un gienk 

9. zu sei Nicholai altare un suur daz er sinen 
I". Imrgen geledegel Hette. im daz er daz golt 

11. hette wider gegeben daz er geborget bete. 

12. Da sprach der iude. ich wil des wole getruwen 
1.;. daz mich Nicholauß wole gereche ane dir. 

11. Da Main er sinen stab widere, un aiser Erolich« 

15. heim gienk mii sinen (runden, under \\e- 



312 L- DIEFENBACH 

16. gen so be stimt in du gotes räche, wände er 

17. sich sines nehesten scaden frouwete. Da begon- 

18. de in san so sere ze slafferne daz er sines libes 

19. necheinen rat wosse. er ne slieffe. da legete er 

20. sich släffe rehte alda da zuene wane*) ze sa- 

21. mene giengen. un leget den stab bi sich da 

22. des iuden golt inne was. sehet mine lieben 

B. IL 2. 

1. ein geladen wagen kumet geuarn. der ne mohte weder 

2. ein halb noch ander halb hine gefare. noch ne 

am Baude 3 # mohten V den rossen die knehte V niet geciehe. da begonden si 
segno v. 4. doch ze rufen un ze klophene. mit nihte sone 

5. konden si in rewekke. da farent si über in. un 

6. zedrukken in aller teiliglich. daz er da tot lac. 

7. da wart ouch der stab zebrochen der bi ime lac. 

8. da fiel daz golt uz daz des iuden was. daz er 

9. ime mit unrehte wolte ane gewinnen. Do lief 

10. daz lut allenthalben zu. un schouweten daz 

11. daz wunder daz da geschehen was. un namen daz 

12. golt un gaben ez deme iuden wider, da gienk 

13. er in daz munster mit der cristenheite un lo- 

14. bete unsern herren got. u " den guten scm nicho- 

15. lau aller siner gnaden. Dar nach so globete 

16. der selbe iude. ob sin schuldege lebende wur- 

17. de. der fon sinen schulden tot were. er wolte 

18. sich lazze toufen durch sei Nicholai ere. Owi 

19. lieben nu merket die gnade unsers herren 

m-ita 

20. ihü x un di wirde des guten sei nicholai. 

21. Do du werlnt an ire gebete was. un unsern 

22. herren got lobeten. wartet wa der koufman 

B. III. 1. 

1. gesunt in daz munster gienk. deme der wa- 

2. gen alle sine gelide hatte zefürt. un for in 

3. allen so uer iach er siner misse tete. un saget 

4. in .wie er gefarn hete. Do dit der iude gesach. 

5. da für er zu un liez sich toufen mit allcme 

6. sineme ingesinde. un geloubte an unsern her- 

' | spa rt in wagene, 



MITTELDEUTSCHE PREDIGTBRUCHSTÜCKE. 313 

7. reu ihm xpm. alsus wart du cristenheit gerae- 

8. ret tegeliches. un alsus wart xpc uii sin kncht 

9. gelobet*) iuder cristenheite der gute scs nich. 

10. Ouch was ez ein zolnere ein heiden. der hat- 

11. te ein bildechin gesniten nach deine bilde sei 

12. Nicholai im kumet ez also, daz er faren solte 

13. sines kouffes. nu be filhet er sinen schaz deine 

14. selben bildechine. vB aiser sinen wek ge für 

15. des selben nahtes do er widere solte kumen. 
IG. do quamen die diebe un uerstalen irne daz 
IT. >ilbere. Do er do heim quam un des sehazzes 

18. nine fant. do begonde er zeweinene un ze rüf- 

Bagellum 

19. fene über allez daz hus. Uli nam eine geislen. 

20. Uli sluk das bilde, un isch sinen schaz widere. 

21. In den stunden so gesazzen die diebe un solten 

22. den schaz teile, da er schein in der gute scs nich- 

B. III. 2. 

1. un tuank si mit drouwen un mit äden eise 

2. daz si den schaz wider trügen des nahtes. 

3. Do do der zolnere fru uf stünt un sinen schaz 

4. fant da begonde er san daz bilde zehelsene 

5. un zekussene mit michelere frouwede. da er- 

6. schein ime scs Nicholaus. un manete in fon 

7. deme heile der sele. daz er der sele gedehte. 

8. Da bekarte sich der heidenische man. un liez 

9. sich toufen mit alleme sineme ingesinde. un 

10. uffe sineme eigene so machete er eine kir- 

11. chen in sc] nicholai ere da inne so dinete 

12. er ime biz an sin ende, un bleib in unsers her- 

13. ren ihü x lobe al di wile daz er lebete. 

14. Do man do mine lieben sei Nicholai Licha- 

15. men föne mirrea hine ze bare fürte, do wur- 

16. den inne wendek einer wochen menneschen 

17. gesunt. in gegen zuenzegen un hunderten. 

18. föne blinden. 1 föne touben. föne stummen, foni 

19. halzen. fon den der lil> dorrete. fon den 

20. die mit deine tafele besezzen waren, un mit 

21. anderme siehe tagen befangen waren, die 

22. wurden alle gesunl in «leine namen im 



314 L- DIEFENBACH, MITTELDEUTSCHE PREDIGTBRUCHSTÜCKE. 

B. IV. I. 

1. herren ihü x un sines bischoffes des guten 

2. sei Nicholai. den er wole hat geeret in dirre 

3. werlnte. un in herliche hat gehohet uii besta- 

4. tet. under sinen engelen in deme himel riche, 

5. Disen heiligen bischof mine lieben den riiffe wir 

6. 7. abgeschnitten. Gegen Ende von Z. 7 g sichtbar. 

8. ser sele iht lazze uerlorn werde N oder unsern üb 

9. mit den blutegen mannen uer liese. sunder wir 

10. müzzen mit ime hören des lobes stimme, hören 

11. un muzzen zele unsers herren gotes wunder 

12. 13. abgeschnitten. 

14. Glori li aplorum Sermo 

15. osi prineipes terre quom in uita sua 

16 — 19 abgeschnitten; in 19 noch j g sichtbar. 

20. für er an dez mere in galileam. un was da ein 

21. fischere un begienk sich siner hande. also noch 

22. file gute lute tünt. biz ane die stunde daz in 

B. IV. 2. 

1. unser herre ihc xpe ladete zu sich, un larte in 

2. mit sinen heiligen Worten wie er du lute solte 

3. fahen mit deme nezze des heiligen euglij. 

4. un si solte uf ciehe zu der ewigen ruwe. Des 

5. gefolgetc er ime. wände er liez beide schief 

6. 7. abgeschnitten, auf Z. 7 zwei h sichtbar. 

8. er sin iungere. unsers herren ihü x. dar imune 

9. so larter in finde die stige des euuigen libes. 

10. un machete in wirdck zenphahene die zu- 

11. kunft des heiligen geistes. un dar umme so 

12. abgeschnitten. 

13. geren. wände er. . . . {Rest abgeschn.) 

14. ohein siner iungeren. alse wir u nu 

15. wollen (?) heimeliche (?) sagen (?). Do unser herre ih'c 
16 — 18. abgeschnitten. 

19. were. do sprachen si. sumelichc sprechen daz 

20. er helyas were so sprechen aber die anderen 

21. er were iohannes babtista. so sageten aber 

22. andere er were iheremias. oder ein ander 



A. EDZARDI, ZUM JÜNGEREN HILDEBRANDSLIEDE. 315 



Xl'M JÜNGEREN HILDEBRANDSLIEDE. 



Selten einmal ist es uns so vergönnt, einen Blick zu thun in den 
Entwicklungsgang unserer Heldensage wie bei dem Kampfe Meister 
Hildebrands mit seinem Seime Hadubrand. Nicht nur hat ein glück- 
licher Zufall jenes bekannte Fragment eines althochdeutschen Gedichtes 
uns erhalten, sondern wir kennen denselben Stoff noch in zwei amiern 
Gestalten, einer prosaischen in der mich deutschen Quellen gearbeiteten 
ridrekssaga, die wahrscheinlich in der ersten Hälfte des X11I. Jahrhs. 
abgefasst ist, ferner in einem in verschiedenen Versionen überlieferten 
Volksliede. Über das Verhältniss dieser drei zu einander soll im Fol- 
genden kurz gehandelt werden, hauptsächlich aber will ich versuchen. 
das bisher wenig erörterte Verhältniss der einzelnen Überlieferungen 
des jüngeren Liedes zu einander klarer zu machen und daraus die 
ältest-greifbare Gestalt des Liedes, so weit möglich, zu reconstruieren. 

Die Überlieferung des jüngeren Liedes ist folgende: 

1. II oehdeutsche Texte: 

1. Längere Gestalt, vollständig im Dresdener Heldenbuche, 
ferner Fragmente schlechter Hss. aus dem (XIV. und) XV. Jh. (s. Grimm 
die beiden ältesten dd. Gedd. p. 4'.»). Darnach gedruckt z. B. bei Grimm 
a. a. ()., Wackernagel Lsb., Schade Lsb. 341 u. s. f. Ich nenne diese 
Gestalt nach dem einen bekannten Schreiber des Dresd. IIB. K. 

2. Kürzere Gestalt: nur Drucke: (s. Unland Nr. 132 und 
p. 1013, viele fliegende Blätter des XV. und XVI. Jhs., z.B. das 
Baseler (b) aus dem XV. .Jh.. der Druck im Ambraser Liederbuch (a). 
Darnach gedruckt, z.B. bei Grimm a.a.O., bei Schade Lsb. 339, bei 
Rassmann HS. D (nach a). Alle diese weichen so unbedeutend von 
einander ab, daß die Abweichungen für die folgende Untersuchung 
kaum in Betracht kommen. (Die abweichenden Lesarten gibl Unland 
IV, 153 ff.). Alle zeigen sich deutlich als Zweige eine.- leicht zu recon- 
struierenden Grundtextes, den ich mit // bezeichnen will. 

3. Wichtiger ist die Wernigeroder IL. W des XV. Jhs., ed. 
Jacobs, Büchersammlung Ludwigs Grafen zuStolberg, Wernigerode 1868 
Ich habe unten auf diesen Text noch näher einzugehen. 

IL Niederdeutsch, Druck des XVI. Jhs. I LI. kl. 8°. :V2 Zeilen 
auf der Seite, von Bartsch, Germ. VII 284 ff. abgedruckt mit ku 
Vorbemcrkuug. Zu vergleichen isl Gödekes kurze Erwähnung im W 
Jahrb. IV 1 1 [cli nenne diesen Text \ 



316 A. EDZARDI 

III. Niederländisch, Antwerpener Liederbuch Nr. 82*), abge- 
druckt bei Hoffmann, niederländische Volkslieder " Nr. 1, und bei Ver- 
wijs, Bloomlezning III 144 ff. — A. 

IV. Dänisch (Udvalg afdanske Viser II, 181) bei Grimm p. 56 ff. 
gedruckt, offenbar Übersetzung eines deutschen Originals. — D. 

Endlich die ridrekssage. von der cap. 406—409 (bei Unger) in 
Betracht kommt, nenne ich Ps. — Zu vergleichen ist noch, außer dem 
angeführten Werke der Brüder Grimm, Grimm HS. 23 ff., 257, 363 ff. ; 
Rassmann HS. II 640 ff. und Schades Vorbemerkung im Lsb. 339. 

Was das V erhältniss der Ps. zu den beiden deutschen 
Gestalten betrifft, so fällt gleich in die Augen, daß sie nicht auf 
die uns überlieferte Gestalt des alten Liedes zurückgehen kann, denn 
außer ganz allgemeinen Gesichtspunkten, nämlich Kampf des Vaters 
mit dem Sohne nach vorhergegangenem Zwiegespräch, findet sich kaum 
etwas aus dem alten Liede in der Ps. wieder. Vielmehr ist grade das 
Hochtragische der Situation im alten Liede — daß derVater den 
Sohn kennt, und, obgleich er alles mögliche gethan dem Kampfe 
auszuweichen, doch mit ihm kämpfen muß — ist gerade dieß in der 
Ps. ganz verdunkelt. Es handelt sich da nur darum, wer zuerst seinen 
Namen nennt. Der Alte nennt sich nicht, was er im alten Liede doch 
thut. Außerdem zeigt er in der Ps. wie im jüngeren Liede eine ge- 
wisse Lust, sich mit dem Sohne zu messen. Auch bleibt es doch wohl 
zweifelhaft, ob er seinen Sohn in dem Gegner erkennt; nach der ge- 
nauen Beschreibung, die ihm von Alebrand cap. 406 gegeben ist, müsste 
er es wohl, aber cap. 408 heißt es: ok kennast nii vid, wo freilich B 
kannast hat, c sich mustern'. Der schwedische Text (ed. Hylten-Cavallius) 
kann an dieser Stelle nicht zur Vergleichung herangezogen werden. — 
Dagegen stimmt die Ps. mit dem jüngeren Liede sowohl in den Hauptzügen, 
wie man sich leicht überzeugt, als auch in Einzelheiten so genau, daß 
dasselbe in einer im Wesentlichen wenig abweichenden Gestalt vorge- 
legen haben muß. Als Übereinstimmungen im Einzelnen führe ich an : 

A4, 3: Ps. 

du solt im freundlich zusprechen ef pü hittir pinn son AHbrand* 

K. und sprich zu im ein freundlich mcel viä kann kurteisliga (schwed. 

wort cap. 350 : tala hoeffvisliga ti ' honum). 

N. 5, 4 = A: Wat ücistu olde grise Alibrandr mselti: Hvcrr er pessi 
in mincs vaders lant? hinn gamli madr? 



*) „Auch in einer P;i]>. Hdschr. der burgund. Bibl. zu Brüssel, 1425, schm. Fol." 
Ubland a. a. 0. p. 1013. 



ZUM JÜNGEREN BILDEBRANDSLIEDE. 



317 



II. S, .". (/,-';/ hämisch >nnl dein grü- 
nen schilt mustu mirhie auff- 

gehen, — wiltu bt 

halten dein '•> &< n. 

* 
//. 10, 4. Den schlag*) lert dich ein 
vt'ib. 

* 
A. 12, 3: Hi nam hem in sijn mid- 
dele, al daer hi smaelste was, 
Hi worp hem nieder te rugghe 
al in dat groene gras. 



408Anfg.: Segg skjott pitt heiti 
ok gef up pin vdpn 

h. 

jid slcalt Ji/'i lialda Uli jn.ii.tr. 

petta slag mint per Jcent hafa |>in 
kona oc eigi pinu fadir. 

* 

p. 346 unten: 

ok soekir hinn gamli svä fast, at 

m'i fellr hinn ungi tiljardar, ok hinn 

gamli d Unna ofan. 



A. 13, 3: Spreect nu uw biechte — p. 347 oben: . 

sidi van den wolvcn, Legg mer skjutt ])itt heiti ok bina 

ghenesen moocht ghi sijn. aett, ella skaltu lata pitt Hf. — 

* * 

Im jüngeren Liede nennt sich Alebrand, nachdem er überwunden 
ist, zuerst, in der Ps. aber Hildebrand, trotzdem stimmt fast wörtlich : 
H. 15, 1: Meist deine mutter frau ef pü ert Alibrandr minn son, pd 

Ltte... so bin ich Hildebrand em ek HildibranäW pinn fadir. 

der alte, der liebste vater dein. 

* * 

A. 20, 1: Si nam hem in hären Cap. 40! •: Hon leggr sina Im da ar- 
armen. ma um hals Hildibrandi. 

Man siehl hieraus leicht, daß das jüngere Lied in der uns er- 
haltenen Gestalt der Ps. schon vorgelegen haben muß. Da nun die Ps. 
wahrscheinlich in der ersten Hälfte des XIII. Jhs., etwa 1240 — 1250 
verfasst ist, so müssen wir die Entstehung unseres Liedes in den An- 
fang des XIII. Jhs. , wenn nicht früher, setzen. — Line weitere Be- 
stätigung dieser Annahme bietet die von Grimm angeführte Stelle in 
Wolfr. Wh. 439, 10: 

Rennewart kom durch den pfasch 

■/.<■ fuoz geheistierl her nach , 

du er mit manger rotte sach 

sau n vater ä\ n alten 

der jugenl geliche halten 

mit unverzagetem muote. 

meister Hildebrands vrou Uote 



achlag a | .-1 .'•■ . andere straich. 



■}|S A. EDZARDI 

mit tri iure» nie gebeite baz, 

denn er tet maneger storje naz 

mit bluote begozzen. 
die man doch wohl auf das jüngere Lied beziehen muß*). Übrigens 
finden sich auch abweichende Züge einmal in der P$., wo der Verf. 
freilich vieles zugesetzt haben mag; doch z. B. die Motivierung des 
Ausrufes: 'den Schlag lehrt dich ein Weib!' — nämlich, daß Alebrand, 
während er seinem Vater sein Schwert zu überliefern verspricht, hinter- 
listig auf denselben einhaut — ist gewiß altüberliefert, auch wohl die 
Erwähnung der Rosse, wozu D stimmt (s. unten). — Andrerseits hat 
auch das Lied in seinen verschiedenen Gestalten viele abweichende Züge, 
von denen einige wie altüberlieferte aussehen, daß Hildebrand einen 
Ring als Erkennungszeichen in den Becher fallen lässt (s. jedoch unten) 
Alebrands Ausruf: 

Ach vater, liebster vater, die wunden, die ich dir hab gschlagen, 
Die wolt ich dreimal lieber in meinem haubte tragen; 
das Sprichwort von den alten Kesseln und manches andere. Aber das 
kann leicht täuschen, und sicher würde sich der Sagaschreiber nicht 
alle diese Züge haben entgehen lassen, wenn sie schon alle in seiner 
Quelle gewesen wären. 

Der niederländische Text A weicht ziemlich bedeutend von 
einem Theil der andern ab, stimmt aber in diesen Abweichungen im 
Wesentlichen mit K, während von den übrigen Überlieferungen sich 
bald diese, bald jene an AK anschließt. So stimmt in der noch zu 
besprechenden wichtigen Stelle Str. 12 u. 13 AK mit W gegen HND, 
14, 4 mit H gegen WND, im g-Anlaut des Namens Gude, Goedele 
mit ND gegen HWund Ps, welche Ute, Utte und Oda haben. Wichtig 
ist noch, daß die Strophe, welche A zwischen 16 und 17 mehr hat 
als WHND dem Sinne nach auch in K sich findet, freilich in breiter 
Ausführung; es handelt sich dabei um das Scheingefecht vor der Ute 
und die Heimführung des Alten als Gefangenen. AVie hier hat K auch 
sonst Plusstrophen, nämlich eine zwischen 4 und 5 und viele nach 
dem Ende zu, wo bedeutend geändert ist. In andern Fällen stimmt 
aber K gegen A mit andern Redactionen, nämlich außer Str. 13 Anfg. : 
A 6, 4 Mit enen hupschen ghelude K pei einer heissen glute 
N. Ali! einem snellen lüde H Wuber einer heissen glut (u. ähnl.) 



*) Daß man sie nicht wohl auf den verlorenen Schluß des alten Liedes be- 
ziehen darf, folgt daraus, daß jenes schwerlich einen dem jüngeren Liede ähnlichen 
Schluß mit gütlicher Lösung gehabt hat (worüber unten mehr). 



ZUM JÜNGEREN BILDEBRANDSLIEDE. 3ig 

A 9,4. Ende wat si daer bedreven, K. Wes si begerten forten, 

il.it suldi wcl verstaen. di s wurden si gewert. 

was im Wesentlichen mit HW stimmt. 1) hat: < )g saa begyndte de 
at fegte, det hoste de havde laerd. 

Wahrscheinlich ist also nicht A unmittelbare Quelle von K — 
dessen Tendenz ja auch sonst nicht ist zuzudichten, sondern zu kürzen 
— sondern beide gehen wohl auf eine (vielleicht niederdeutsche?) 
Quelle zurück, A unmittelbar, JTdurch Vermittlung einer (hochdeutschen?) 
Bearbeitung. 

N und // stehen sieh ziemlich nahe, doch ist auch von diesen wohl 
keines unmittelbare Quelle des andern. Bartsch nimmt an, daß der 
niederdeutsche Text aus dem hochdeutschen übersetzt sei, und glaubt 
dieß durch die Reime stützen zu können. Die Reime sind aber sehr 
frei, stellenweise auch schlecht überliefert, so tisch : vil, : unbillich, 
wit : wib, hof : noch, schilt : ging u. s. f. Einige Reime könnten zwar 
für das höhere Alter des hochdeutschen Textes sprechen, so sagen: 
erslagen Str. 19, rät : hat Str. 16, doch auch nicht nothwendig. Die 
Reime zeit : rait Str. 17 und reiten : haide dürfen aber kaum angeführt 
werden, da an der Grenzscheide des XII. und XIII. Jhs. und im An- 
fange des XIII. — in diese Zeit aber fallen diese Reime unseres Liedes 
nach dem oben gesagten — die Formen doch wohl noch ziten und 
riten lauteten*). Die Reime würden also nach dem usus der freieren 
Reimkunst im Xd. noch erträglich**), im Hd. aber kaum möglich sein. 
Ebenso ist mi : diu Str. 8 ein nicht auffallender Reim, mir: diu aber 
würde es sein. Nur nebenbei erwähnen will ich, daß tacÄ : gesach Str. 1 
im Nd. besser reimt, ohne daß dieß freilich beweisend wäre. Auch die 
Überlieferung gemach : gesacÄtf in N (und .1) gibt, wie mir scheint, 
bessern Sinn als die von II (und W) gemach : gesatzt, ohne daß ich 
auch hierauf viel geben möchte. Nur möchte ich mit dem angeführten 
die Ansicht begründen, daß die gewöhnliche Annahme, X sei einfach 
aus H übersetzt, kaum als wahrscheinlich, zum mindesten nicht als 
sicher erwiesen gelten kann. Ich glaube, daß auch hier beide auf eine 
gel neinsame Quelle zurückzuführen sind und zwar wahrscheinlich auf 
eine niederdeutsche (oder mitteldeutsche), schon der geographischen 



*) Nur im BairiBch i bischen tritt bekanntlich um diese Zeil schon <Ii'' 

Verbreiterung des i zu ei auf. Dafi unser Lied abei gerade dort verfassl sei, wird sich 
Bchv i rlich nachweisen lassen. 

**, , onanz zwi chen den verwandten Vocalen ■ and i darf mau mit 

gleichem i nehmen wie zwi ind ", <\i< i auch im stumpfen Reime vor- 

kommt, /.. B. Roth. 3339 M. 



32U A - EDZARDI 

Verhältnisse wegen, weil sich etwa von Sachsen aus die Verbreitung 
nach Norwegen, Dänemark, Niederland, Mittel- und Oberdeutschland 
am leichtesten erklären würde. — Dazu kommt, daß einzelne sprach- 
liche Momente auf das Niederdeutsche weisen. So ist das 'sprach sicH 
Str. 1 (und 2), c erschrack sicti Str. 10 vorzugsweise niederd. (Grimm 
Gr. IV 36 f.). Ferner ist zu beachten, daß in i\T (und i) der Reim 
Str. 13 rot : spot (rok in N ist wohl verderbt) gegen räm : man H, : 
getan W steht (K ran : dergän; D smitte). Ob räm, d. h. was sieh 
oben auf ansetzt = 'Schmutz', 'Ruß' dem Mnd. ganz fremd ist, weiß 
ich nicht. Wie Herr Dr. Lübben mir freundlichst mittheilt, ist ihm 
f räm' in dieser Bedeutung im Mnd. nicht begegnet. Dagegen ist spot 
(Glück), welches fürs Ahd. als spuot (f.) bei Graff VI 317 ff. noch 
zahlreich belegt ist, im Mhd. kaum oder ganz vereinzelt fremd, findet 
sich aber außer im Niederl. (Verwijs IV 120) im Altniederd. im Hei. 
1901 Mund 3455 C, wo allerdings wie im Ahd. spot an der ersteren 
Stelle fem., während an der andern Stelle aber das Geschlecht nicht 
ersichtlich ist wie es im Niederl. und in unserem Liede in A und N 
masc. ist. Ebenso gehört es dem Mnd. an*). Falls dieß Wort nun 
im Mhd. nicht mehr vorkommt, wäre es sehr erklärlich, daß in II 
und IF der niederd. Reim in räm : man, (: getan) verändert wäre, 
während umgekehrt kaum glaublich ist, daß der Reim roet : spoet statt 
des ursprünglichen räm : man in A und N gleichmäßig aufgenommen 
wäre, an einer Stelle, wo sonst gerade A und N wesentlich von ein- 
ander abweichen. Zwingende Beweise glaube ich freilich hiermit nicht 
beigebracht zu haben, doch meine ich, daß mehr für ein niederd. als 
für ein hochd. Original spricht. 

Wichtig ist die Stellung von W, welches, wenn auch in ziemlich 
schlechter Überlieferung, doch die älteste Gestalt unter den hochdeut- 
schen Überlieferungen zu haben scheint. W stimmt in wesentlichen 
Zügen mit AK, namentlich in den wichtigen Strophen 12 und 13 gegen 
HN einerseits und D andrerseits; auch auf das 'gefangen Str. 17. 4 
ist zu verweisen. Dagegen 14, 4 stimmt W mit ND gegen AK und H, 
ferner in der Form Utte ohne vorgeschlagenes g mit H und der Ps m 
gegen AK und N I). — Im Ganzen steht W einerseits II, andererseits 
A I) nahe, für alle drei haben wir eine gemeinsame Quelle X 3 anzu- 



*) Herrn Dr. Lübbens freundlicher Mittheilung entnehme ich, daß spot (und 
zwar masc.) in obiger Bedeutung im Mnd. nicht selten ist, aber mehr der westlichen 
Grenze desselben angehört. Es steht z. B. Lüb. Chr. 1, 497; epist. Euseb. f. 9 (mscr.) 
u. s. f. Auch in Compositionen erscheint es nicht selten. 



ZUM JÜNGEREN IIILDEBRANDSLIEDE. 321 

nehmen (über eine andere Möglichkeit vergleiche unten), die wieder 
mit A und der Vorlage von K, welche Y heißen soll, auf einen ge- 
meinsamen Grundtext zurückgeht, den ich X 2 nennen will, dem sieh 
TT meist getreuer anschloß als ND und 11. Dieß A"- steht dann parallel 
mit der Ps., denn auch auf X 2 kann die Ps. noch nicht zurückgehen, 
beide müssen wieder aus einer gemeinsamen Quelle geschöpft haben 
die ich X nenne, und welche sonach die ältest-erreichbare Gestalt 
unseres Liedes sein würde. 

D stimmt am genauesten mit A T ; einzelne Abweichungen beruhen 
gewiß auf willkürlichen Änderungen des Übersetzers; in einem Falle 
scheint aber I) die ursprüngliche Lesart allein erhalten zu haben, 
nämlich 9, 3 hat N mit AK und II W stimmend: 

Se leten von den worden, se tögen twe skarpe swert. 
D aber hat: De stode af begge deres Heste, de toge til de sharpe Svard , 
und Letzterem entspricht genau in der schwed. Ps. cap. 351 : Sydhan 
sprango dhe af thera hästa ok drogo thera svaerdh ok kämpadhe manna- 
ligha (und hiernach die Peringskjöldske Ausgabe, der Grimm folgt, 
s. Unger p. XXII). Die Hss. A und B der altn. Ps. (Unger cap. 407) 
haben eine erweiternde Ausführung; doch stehe ich nicht an hier den 
schwedischen Text für ursprünglicher zu halten. In A heißt es: ok 
hinn gamli hleypr pegar af balei hvatlega ok bregdr sinu sverdi ok slikt 
sama hinn yngri. gengu nü saman ok berjast lang hrid\ (Zu beachten 
ist noch A. 10, 3 syn pa^rt dat sprang to rugghe). Die Lesart der 
übrigen Texte ist freilich ansprechender und die Wendung ist, wie 
Unland IV, 157 anführt, eine sehr gebräuchliche, aber gerade deßhalb 
konnte sie wohl hineinkommen, indem vielleicht aus den Pferden (paer- 
den) durch Verdrehung Von den worden ward. Jedenfalls meine ich, 
wo irgend eine Überlieferung mit der Ps. wörtlich stimmt, darin das 
echte sehen zu müssen. 

Um das von mir angenommene Verhältniss der verschiedenen 
Überlieferungen untereinander zu veranschaulichen, aber nicht als ob 
ich es in allen Einzelheiten für sicher erwiesen hielte, stelle ich das 
folgende Schema auf, indem ich hinzufüge, daß zwischen A und N 
noch eine spätere Berührung stattgefunden haben muß, welche der 
Pfeil andeuten soll ; dafür sprechi □ die Stelleu 4, 3; — G, 4; — 7, 2; — 
8, 1, welche man unten vergleiche. Vi* Ileichl isl aber das untenstehe 

ma vorzuziehen: 

vir (xix.) ■ 21 



322 



A. EDZARDI 




u. s. f. 



Zu beachten ist 
eineÜbereinstim- 
mung von A mit 
K,vonWmitND, 
ganz besonders 
aber von W oder 
ND mit AK. 

Ehe ich mich 

daran mache, die 

Strophen der 

Reihe nach 

durchzusehen, hebe ich drei 

bedeutendereAbweichun- 

g e n heraus : 

1. Strophe 12 und 13 lau- 
tet in AKW wesentlich anders 
als in HN, D hat eine von 
beiden Gruppen abweichende 
Anordnung: 

A hat: 12 Het quam so dat 
den ouden liet sin- 
ken sinen schilt, 
So dat hie den jonghen Hillebrant sijn swaert al underghinc; 
Hi nam hem in sijn middele, al daer hi smaelste was, 
Hi worp hem neder te rugghe al in dat groene gras. 
13 So wie hem selven aen den ketel wrijft, hi heeft gaerne van 

den roet, 
So hebt ghi gedhan, ghi jonghe helt, hier teghen uwen 

wederspoet*). 
Spreect nu uw biechte, uw biechtfader wil ic sijn, 
Dats, sidi van den wolven, ghenesen moocht ghi sijn. 
Hiermit stimmen im allgemeinen K und W; in PF lauten die Strophen: 
12 Er licsz sinen grünen schilt sincken in den sant. 

Ich weisz nit, wie der alte dem jungen das schwert [entwant]. 
Er begriff in in der mitte, dar (Hs. das) er am schwechsten was, 
Er warf in zu der erden wol in das [grüne gras]. 




b u. s. f. 



*) Wo wohl Textverderbniss anzunehmen und etwa zu lesen ist: 'hier weder 
uwen spoet' (s. d. Anmerkung bei Verwijs). 



ZUM JÜNGEREN BILDEBRANDSLIEDE 323 

13 Der sich an alte kessel ribt, der entphacht gern den ram, 
So sag du mir, vil junger, alsz hast du mir getan. 
Gib mir uf, diu bichtvatter wil ich wessen, 

Bistu daii der Wülffingen einer, vor mir so machst wol genessen. 
Dagegen hat .V (wozu // im Allgemeinen stimmt): 

12 He grep en in dat middel, dar he am Bmalsteu was, 
He swanc en under sick tö rugge al in dat gröne gras. 

Nu segge mi, vel junger, diu bichtvader wil ick wesen (Hs. synn), 
Bistu ein jung Wulfinger, van mi raachstu wo! genesen. 

13 De sick an olde ketel rivet, de entfengt gerne rö/c, 

S hefstu gedän, vel junger helt, hir gegen dinen spöt. 
Nu sprick noch üf diu sunde, din btchtvader wil ick sin, 
Bistu van des wulves gesiechte, dat shal baten dat leven din. 
D endlich hat: 

12 Hvo sig paa gamel Kedel skurer, hau fanger gjerne Smitt'e': 
Det siger jeg dig, du unge Mand, saa skeer dig i dag paa mig. 
Hau grep hannem midt udi sin Midie, alt som han smalist var, 
Hau slog hannem tilbage udi det grönne Graes. 

13 Det var den gamle Hildebrand, han slog til hannem igjen, 
l!an slog hannem tilbage; han faldt til Jorden ned; 

Du skrift for mig, du Ulfe-Unge, din Skrifte-Fader wil jeg hede, 
( »_ est du end en Ulfe Unge, af mig skalt du ikke aede. 
Bezeichnet man die Halb Strophen »in Ä mit 1.2.3.4, so ergibt 
sichfolgende Stellung: 4 ZTF 1. 2. 3. 4; HN2. 4. 3. 4; D 3.2 — 2.4. 
Die erste Hälfte der Strophe 12 ist zwar nicht gerade nothwendig, 
aber sehr passend, da sie das folgende eigentlich erst erklärt; daß sie 
in AK und IT steht, ist entscheidend. In N und // fehlt sie; dafür 
steht da in beiden Strophen in der zweiten Hälfte ziemlich dasselbe, 
beidemal verlangt der Alte ziemlich mit denselben Worten dem Jungen 
die Beichte ab. D wiederholt sich in anderer Weise: es scheint ein 

srungsversuch des Textes N zu sein. — Schade hat gewiß recht, 
wenn er die Fassung voll A K (und IT) für die ursprünglichere hält. 
In dieser Fassung schließt sich das folgende 'du sae.;sl mir vil von 

i! besser an an 'Dats, sidi van den wolveri als in //, nicht in N, 
das hier wohl in Übereinstimmung tnil .1 das Ursprüngliche bewahrt hat. 

2. Den Namen Alebrand kennen einige Überlieferungen nicbl 
mehr, dafür Bteht 'der junge Hildebrand', bo AN nichl l'i und <<. 
! ist wohl zufällige Übereinstimmung. 

2. Str. 11, 1 stimmt ND mit ü AK und //. Dies« er 

steren drei haben nämlich hier die Erwähnung, daß Alebrand Beinen Vater 

21 • 



394 A. EDZARDI 

nie gesehen, welche in den anderen fehlt: ick hebbe en nicht gekant N; 
mein Fader mig aldrig saa D- ich gesach in mit ongen nie W. 

Nunmehr gehe ich die Strophen der Eeihe nach durch und greife die 
wichtigeren Abweichungen heraus. Wie schon bemerkt, weichen die ver- 
schiedenen hochdeutschen Drucke der kürzeren Gestalt so unbedeutend 
von einander ab, daß ich darauf nicht einzugehen brauche. Im Ganzen 
haben wir drei Gruppen AK, ND und II: TP sehließt sich bald dieser bald 
jener von ihnen an, meist aber den beiden letzteren oder einer von ihnen. 

Str. 1. 32 Jahre HWS, 33 DA, 30 K Letzteres ist wohl die 
richtige Lesart, wie schon Grimm aus der Vergleiehung der Worte des 
alten Liedes: 'summaro enti wintrö sehstic geschlossen hat. 

Str. 2. Amelung II N (Amelon a), Ambelung W\ Abelaen A, Abe- 
lan Ä", Abelon D. Hier stimmt also AK mit D in einer Namenverdrehung 
tiberein gegen die übrigen. Doch möchte ich hierauf wenig geben. Die 
Ps. hat gar Konrädr(!) 

Str. 3. grünen schilt HWK, N brünen schilt. Der 'brune schilt' 
..ist die ältere epische Ausdrucksweise, vgl. U.A. 35. 78 u Bartsch, Germ. 
VII, 290. Vielleicht darf man auch für brune die Allitteration zu Brünne 
anführen. A hat schilt ohne Adjectiv, was so wie das c forgyldte in D 
und 'brünnebende 5 in a doch wohl verderbt ist. 

Str. 4. freundlich zusprechen H, sprich zu im ein freundlich 
wort WK\ D du skalt hannem venlig at spöre. Dagegen hat A sere 
groeten = N. Die Übereinstimmung von HWK und D lässt, nament- 
lich wenn man die Ps. (s. oben p. 316) vergleicht, es nicht zweifelhaft 
erscheinen, daß A und N hier nicht das Echte haben. 

Str. 6. Nach der gewöhnlichen Annahme und nach den meisten 
Überlieferungen spricht die Verse 1 und 2 Alebrand. Dagegen scheint 
mir aber der Sinn zu sein, ebenso die Worte des alten Liedes: Svela 
gisihu ich in dindm hrustim, dat du habes heute herron guten u. s. f.' 
welche der Alte spricht. Sie scheinen mir dem Anfange der Strophe 6 
unseres Liedes zu entsprechen, also möchte ich annehmen, daß Hilde- 
brant auch hier redet, auch will 'eines königes leint' doch nicht recht 
auf den Alten passen. Die richtige Überlieferung hat hier wohl iV: Du 
wuld nii. junger hehl,-, u. s. f. Daraus könnte leicht c mich jungen holden 
werden und dann weiter entstellt: 'mijn jonghe horte', wie A hat; in 
K ist die Sache anders gewendet (degen Hielle)*). Daß der Junge eine 
so lange, in die nächste Strophe übergreifende Anrode halten sollte, 
liegt wenig im Wesen des Volksliedes. Ich würde also G, 1 und 2 dem 
Alten, G, 3 und 4 (halb) dem Jungen, dann natürlich Str. 7 als Ant- 

*) I) hat hier: Du torer dit Harnisk saa reent og klart, som du varst en Kongo Sön, 
Ivt vil jeg fra dig tage, dertil din liest vel skjön. 



ZUM JÜNGEREN BILDEBRAND SL1EDE. 

wort dem Alten zuweisen. IT hat: als werest der jaren ein kint: damit 
steht es ganz allein: es scheint ein Verbesserungsversuch zu sein, aus- 
gehend von dem Mißverständnisse, daß der Junge die Werte spreche. 
'Uns rangen recken' bei Jacobs ist doch wohl verlesen oder verschrieben 
fiir 'hingen . — c .flattsgemacr± : haus fehlt in Ah'X, 1> weicht bedeutend 
ab. — 'Ob einer heissen glute' // IT. D hat geändert. A hat: met enen 
hupschen ghelude*), N: mit einem snellen lüde', was wohl nicht mit 
Bartsch und Verwijs zum Folgenden zu ziehen ist. Passender erscheint 
mir die Lesart von II W, für die auch spricht, daß K zu ihnen stimmt. 

Str. 7, 2 hat N: van striden und van vehten, dar is ml af gesacht, 
und wieder stimmt hier A gegen die Texte // und IT. I) und A' ändern: 
jeg er vant at ride saa vel om Nat som Dag 1 >: das machet mich oft 
schwach A'(!). In II W steht 'üfgesatzt' (ze striten u. s. w., var. üfge- 
legt). Welches ist echt? (Vgl. oben p. 319). 

Str. 8, 1 : und dartö sere slan N=A; AundZ) ändern wieder. // hat : 
das sag ich dir alter man (so a) W hat: sprach sich der kune man. 

Str. 10, 3: 14 klafter W\ söven faden N (sju Fafne Z>), twintich 
fademen A, 20 klafter K. 

Str. 11 fehlt in W, doch fehlte sie gewiß nicht ursprünglich, da 
sie in A, XD, H und W steht; sicher ist sie in W nur ausgefallen. 

Str. 12 und 13 sind oben besprochen. 13, 2 mag in IT geändert 
sein, um reineren Reim herzustellen, nämlich räm : getan stau räm : man. 

Str. 14, 2: üt Grekelant N: holt ist sicher verderbt aus 'üt Greken 
stolt' i,l: woult : üt Grieken stout) oder aus 'üt Greklant stolt'. Alle 
andern Texte stehen gegen N. — Pertholfe in K ist sicher (wie Str. 8 
nur des Reimes wegen hineingekommen. 

Str. 15,3 schloss //IT; dede .V, löste Z); schoot A, panl K. 

Str. 16,2 ! i .- . 1 1 1 1 1 . - II; hovede N, hovcd I): leihe h\ herten.4; under 

meinem herzen II'. also II X h gegen .1 W. 4 ist in A ganz verändert, 

es heißt da: wi willen van hi rk ons op die vaert. 

W weicht etwas ab, auch K ändert, des Reimes wegen? (döt : rot, 

-ilium). 

Dann ist in A eine Strophe eingeschoben, in K mehrere, worüber 
ich bei Str. 1 8 Bpreche. 

Str. 17,2 weder ze siner bürg in reit W\ die g] lerde op 

reet A\ sonst: ze Bernen inne reil (al in reit X \. — .'). ein grünes 
kränzelin II vmi golde. 

Str. 18,1: Bi voerde bem ghevanghen A. als man «inen gefangen 
tut U, .-eheint in Verbindung mit der Plusstrophe in A (und K) alt zu 



/. 



326 A - EDZARDI, ZUM JÜNGEREN HILDEBRANDSLIEDE. 

sein. (Schon 17, 4 stand in W: dar zu neben im gefangen.) Man be- 
greift sonst nicht recht, warum Frau Ute den Alten so bestimmt für 
einen Gefangenen hält. — 2. über siner motter gut W. — 3. das ist 
ein nouwer list : disch W; al te vri : mi A (Reimcorrectur V) ; K hat 
hier wieder sehr matte Weiterbildung und weicht fast ganz ab; — 
N vel : disch. 

Str. 19 und 20 sind wieder sehr wirr überliefert. Gehe ich von H 
aus, so ist die Stellung der Halbstrophen in HND 1. 2. 3. 4, in W 2. 
3. 1 — (ganz abweichend); A 1. 2. (3). — (ganz abweichend). An Ein- 
zelheiten ist anzuführen H: kein gefangener sol er sein, N: min ge- 
vangen shal he nicht sin ; D hat sehr hübsch : din fange skal her (sie) 
vaere. — 19, 4 hat A abweichend: nu neemt hem in uwen armen ende 
heet hem willecom sijn. — 20, 1. 2 weicht in A ab, 3 und 4 lauten völlig 
anders als in HND; die ganze Strophe in A: 

Si nam hem in hären armen, si custe hem aen sinen mont: 
Nu danke ic god den here, dat ic u sie ghesont. 
Wi willen van hier scheiden ende varen in ons lant 
Te Barnen binnen der steden daer sijn wi wel becant. 
Zu bemerken ist, daß die letzte Strophe in W fehlt*), im Basler fl. Bl. 
(b) ist sie etwas abweichend überliefert (s. Unland a. a. 0. 156). Beachtet 
man, daß die in HND übereinstimmende letzte halbe Strophe, außer 
in W, in A (natürlich auch in K, das hier ganz abweicht) fehlt, so liegt 
die Vermuthung nahe, daß der hübsche Zug der Erkennung durch 
den Ring dem Urtexte nicht angehörte, vielmehr grade weil er sehr 
volksthümlich war, später hineinkam. Daß Vers 1 und 2 der Schluß- 
strophe in A mit der Ps. (s. oben) fast wörtlich übereinstimmt, spricht 
besonders für diese Annahme. 

Fassen wir noch schließlich das Verhältniss des jüngeren Liedes 
zum alten kurz ins Auge, so ist, wie schon gesagt, der Grundgedanke 
wesentlich ein anderer, und es scheint mir sehr zweifelhaft, ob unser 
jüngeres Lied eine Umbildung des älteren sein kann. Vielmehr glaube 
ich, daß es auf ein unabhängig von jenem entstandenes, vielleicht nieder- 
deutsches Lied zurückgeht, in dem nur die Grundzüge des Sagenstpffes, 
auch wohl einzelne kleinere Züge (vgl. 1, 4 p. 324 und 6, 1. 2 p. 324) 
gleich, die Auffassung und Verwendung aber sehr verschieden war. 
Freilich kann man in dieser Frage nicht sicher urtheilen, weil wir den 
Schluß des alten Liedes nicht kennen. 

LEIPZIG, im Juli 1873. A. EDZARDI. 



*) Wenn es auch möglich ist, daß der Schreiber sie nur fortgelassen hat; er 
schreibt etc. 



J. SCH1PPEK, ZUM CODEX EXONIENSIS. 327 



ZUM CODEX EXONIENSIS. 



Im Winter 1870/71 hatte ich Gelegenheit, Thorpe's Ausgabe des 
Codex Exoniensis mit der Handschrift in Exeter zu vergleichen und 
erlaube mir, das Resultat meiner Collation im Folgenden mitzutheilen. 

Zunächst einige Bemerkungen zum MS. selber. Bevor die sieben 
ersten Blätter des Cod. in seiner jetzigen Gestalt, welche bekanntlich 
den von verschiedenen Händen herrührenden Schenkungskatalog des 
Bischofs Leofric enthalten, mit dem MS. zusammengebunden wurden, 
hat es wahrscheinlich längere Zeit den Schutz eines Einbandes entbehrt, 
wodurch die äussersten Blätter sehr leiden und allmählich untergehen 
mussteu; es fehlen daher zu Anfang und zu Ende mehrere Blätter. 
Das eigentliche MS. beginnt mit Fol. 8, welches sehr gelitten hat; das 
Blatt ist an der Außenseite abgeschabt und große Tintenflecke machen 
die Buchstaben manchmal schwer leserlich. Das letzte Blatt ist an der 
Außenseite ebenfalls fleckig, da die Tinte durch den Einfluß irgend 
einer Flüssigkeit an mehreren Stellen ausgelaufen ist. Die letzten 
12 Blätter haben außerdem bedeutende, durch brandige Ränder abge- 
gränzte Lücken; ein glimmendes Stück Holz scheint auf das Buch 
gefallen zu sein und sich allmählich durch jene 12 Blätter hindurch- 
gebrannt zu haben, bis es abkühlte oder entfernt wurde. Die schad- 
haften Stellen haben auf allen Blättern ähnliche Gestalt und decken 
sich überall, nur verkleinern sie sich nach dem Innern des Buches 
hin, bis sie mit Fol. 118'' im Text, wo nur noch ein kleiner brandiger 
Fleck sichtbar ist, und mit Fol. 11G" auf dem Rande, wo sich eine 
ähnliche Spur befindet, ganz verschwinden. Im Übrigen ist das MS. 
schön erhalten, und es scheinen nicht so viele Blätter zu fehlen, als 
Thorpe vermuthete; im Innern des Cod. ist zwischen Fol. 37 und 38 
offenbar ein Blatt ausgeschnitten; überall sonst, wo Thorpe in seinem 
Texte Lücken verzeichnete, sind im MS. keine Spuren davon sichtbar. 

Thorpes Behauptung, daß die Handschrift, denn Format 187a Cen- 
t im. Breite und 11 Centim. Höhe hat, dem 10. Jahrhunderte ange 
höre, wage ich zu widersprechen; mir schein! sie vielmehr aus dem 
Anfange des Li. Jahrhunderts zu stammen, da gewisse altertüm- 
liche Formen einzelner Buchstaben, ■/.. \\. des y } welche sich in notorisch 
alten MSS., wie dem Hatton MS. von Gregory's Pastoral Care, dem 
Lauderdale MS. von Orosius, den Cotton und Tanner MSS. von Beda 
häufig finden, im Cod. Exon. nur sehr vereinzelt vorkommen. Die Behi 



328 J - SCHIPPER 

saubere und elegante Schrift rührt höchst wahrscheinlich von einer 
einzigen Hand her. Die Buchstaben schienen mir überall im Ganzen 
gleichartig zu sein; manchmal sind sie allerdings ein wenig feiner und 
zierlicher ausgeführt, manchmal größer und dicker; doch scheint dieß 
nur in der Beschaffenheit des Pergaments seinen Grund zu haben; 
auf glatt poliertem sind die Buchstaben größer, auf rauheren und 
weißeren Blättern meistens etwas feiner. Die Übergänge von einer 
Schrift zur andern sind nie plötzlich, sondern ganz allmählich. Von 
Abkürzungszeichen finden sich in dem MS. nur die allergebräuchlichsten 
wie ~] für and, ä, ö für an, on etc. Bindestriche sind im MS. nicht 
vorhanden , außer solchen, die von anderer Hand mit blasserer Tinte 
eingefügt sind; überhaupt ist die Thätigkeit eines Correctors, dessen 
Änderungen überall werden erwähnt werden, im ganzen Cod. erkennbar. 
Tilgung eines Buchstaben bezeichnet er durch Punkte über und unter 
demselben z. B. e oder auch e oder e. Überall wo im MS. ein großer 
Anfangsbuchstabe steht, geht ein Punkt vorher, oft auch drei Punkte 
" • zur Bezeichnung eines größeren Abschnittes ; sonst sind Punkte 
zur Bezeichnung der Vershälften nur selten angewandt. Die verschie- 
denen Schreibungen des ih (p u. c?) hat Thorpe im Ganzen genau 
wiedergegeben; einzelne Abweichungen sollen den englischen Gelehrten 
zu Liebe im Folgenden ebenfalls erwähnt werden, so wie auch die 
wenigen Accente des MS., welche Thorpe etwa übersehen oder hinzugefügt 
hat. In solchen Kleinigkeiten ist Thorpe's Druck im Ganzen sehr correct, 
wie sich denn überhaupt weniger Abweichungen von dem gut erhaltenen 
Theile des MS. fanden, als bei einer ersten Ausgabe vielleicht hätte 
können erwartet werden. Dennoch wird man aus dem Folgenden er- 
sehen, daß eine neue Vergleichung des MS. mit Thorpe's Edition höchst 
nothwendig war, da er in Betreff der schadhaften Stellen des MS. nicht 
nur niemals die Größe der Lücken angegeben, sondern auch ganze 
Wörter und Sätze stillschweigend ausgelassen, ja sogar sechs, im MS. 
allerdings zum Theil in sehr verstümmelter Gestalt erhaltene Räthsel 
mit keinem Worte erwähnt hat. Abgesehen von den Punkten zur 
Scheidung der Vershälften, die von mir gesetzt sind, theile ich sie im 
Folgenden mit genau in der Form, wie ich sie im MS. fand; die Schreib- 
weise Thorpe's war ich ohnehin beizubehalten genöthigt. Außer jenen 
sechs selbständigen Bruchstücken fanden sich zu lückenhaften Stellen 
anderer Räthsel zu Ende des MS. nicht unbeträchtliche Ergänzungen, 
welche zu dem schwierigen Unternehmen gänzlicher Wiederherstellung 
derselben wenigstens einige Anhaltspunkte mehr bieten Averden. Ich 
für meine Person überlasse diese Aufgabe dem Scharfsinne bewährterer 



ZUM CODEX EXONIENSIS. 329 

Forscher, welche an mehreren Stellen mit Genugthuung erkennen werden, 
daß sie in ihren Conjecturen die richtige Lesart des MS. getroffen 
haben. Zu den von mir eingeführten, durch eckige Klammern bezeich- 
neten Conjecturen gaben meistens die an den Rändern der schadhaften 
Stellen noch sichtbaren Überreste einzelner Buchstaben einigen Anhalt, 
Arie auch gelegentlich noch besonders soll hervorgehoben werden. Die 
Größe der Lücken ist theils durch Punkte (: :), theils durch Zahlen 
bezeichnet. 

Crist. Th. 1, 12. Gr. 7 eord b::g. Th. 1, 13. Gr. 7 hinter eagna 
ist ein ausradiertes n sichtbar. Th. 1 , 19. Gr. 10 forlei ist corrigiert 
in forhüt durch Anfügung eines Häkchens an das e; diese Form des 
ce ist im MS. selten und scheint stets eine Correctur zu sein. Th. 1, 22. 
Gr. 12 croestga, offenbar ein Schreibfehler. Th. 2, 5 hra ohne Accent. 
Th. 2, IG. Gr. 20 eadga: Th. 2, 22. Gr. 23 : : : : : g>'ad, der letzte der 
fehlenden Buchstaben scheint ein o zu sein. Th. 2, 24, 25. Gr. 24 peet he 
ne hete to kqfe ceose sprecan. Das MS. ist hier jedoch schwer leserlich. Th. 
4, 31 Note. Gr. 61 Note, healfa (nicht healsa). Th. 5, 14 Note. Gr. 69 Note. 
Vom Fehlen eines Blattes ist nichts bemerkbar. Th. 5, 17 gebidan ohne 
Accent. Th. 8, 7 sunnan. Th. 10, 15. Gr. 118 sceadu corrigiert in sceadu. 
Th. 10, 16, 17. Cr. 153 anum : : : : : ofer pearfum. Th. 10, 19, 20.Gr. 154, 
155. Zwischen hider und pe fehlen 10 oder 11 Buchstaben, unter denen 
sich aber kein soder/ oder ähnliche lange Buchstaben können befunden 
haben, da Spuren davon sichtbar sein müssten. Zwischen behindan und 
ponne ist keine Lücke: es nu lest findet sich nicht vor. Th. 1", 36. Gr. 163 
ferh statt ferd. Th. 12, 17. Gr. l&lfreolice {freolicc Druckfehler beiThorpe.) 
Th. 13, 29. Gr. 210 sunu. Th. 15, 2. Gr. 230 farpa. Th. L6, 23. 
Gr. 257 eow '■■ corrigiert zu eowde. Th. 18, 1. Gr. 277 Note para gege 
wurde corrigiert zu para ege wurde; das erste g ist ausradiert. Th. 19, 
18. Gr. 302 wod-bora\ der Bindestrich mit bleicherer Tinte gemacht. 
Th. 19,29. Gr. 308 ingong. Th. 24, 4. Gr. 379 heofon eund. Th. 25,4. 
('-)-. 395. 'mihtg Th. 26, 10, 12. Gr. 415, 416. Hinter kerenis ist 
ein einfacher Punkt (nicht [ •); kein Absatz vor Eala\ und zwischen 
hweet und peet ist keine Lücke-, im .MS. Th. 3". 18, 19. Gr. 480 Anm. 
Keine Lücke im MS. Th. '.V2 , 6. Gr. 508 keahpw, das Abkürzungs- 
zeichen über dem ,// fehlt. Th. 31, 10. Gr. 540 /'.<</•//: das e von an- 
deren- Hand, über der Zeile. Th. ."»I, 11. Gr. 540 bidan\ über dem '/ 
••in o von demselben Corrector. Th. ."»I, 26. Cr. 548 adbeorhte über 
dem '/; ein a irhin. Th l muhten-, über <<i steht 

mevon anderer Hand. Th. 42, 16. Cr. 673. Sumü] n von anderer Eand 



330 J - SCHIPPER 

über der Zeile. Th. 44, 27. Gr. 709 feodan; zwischen o und d ist ein 
Buchstabe ausradiert. Th. 45, 14. Gr. 719 Anm. ealle. Th. 46,21. Gr. 740 
gesaioan. Th. 41, 26. Gr. 743 Anm. eadgum. Th. 47, 19. Gr. 757 sellran; 
das r über der Zeile von anderer Hand. Th. 48, 26. Gr. 777 se; über 
dem e ein i von anderer Hand. Th. 49, 10. Gr. 783 lileotan; h von 
anderer Hand. Th. 50, 22, 23 keine Lücke. Th. 51, 2. Gr. 810 leg. 
Th. 52, 10 Note. Gr. 831 Note fyr bade. Th. 54, 11. Gr. 867 heahjnt. 
Th. 54, 22. Gr. 872 fared. Th. 56, 4. Gr. 875jbcer. Th. 59, 28. Gr. 858 
fyr. Th. 60, 18. Gr. 971 gesargad corrigiert in gesargad, Th. 64, 2. 
Gr. 1031 ärisan. Th. 65, 1. Gr. 1048 magun. Th. 67, 16. Gr. 1089 
bydyrned] über dem ersten y steht ein i von anderer Hand. Th. 69, 36. 
Gr. 1131 cwice. Th. 72, 21. 1176*) rindum statt roderum. Th. 75, 26. 
Gr. 1232 wenead. Th. 80, 25. Gr. 1312 unbeted corrigiert in unbeted. 
Th. 84, 7. Gr. 1370 anne. Th. 84, 9. Gr. 1371 miede-, ein c von anderer 
Hand über der Zeile. Th. 84, 30. Gr. 1381 sealde-, e wie vorhin. Th. 85, 2. 
Gr. 1385 widlonda. Th. 85, 31. Gr. 1399 fremum (wie Grein liest). 
Th. 86, 12 agiefan. Th. 87, 7 äna. Th. 87, 15. Gr. 1425 leeg ic on. 
Th. 87, 27. Gr. 1431 vcere we gelte oder ivegelic, aber doch wohl sicher 
ein Schreibfehler. Th. 88, 29. Gr. 1447 heanne, ne von anderer Hand, 
über der Zeile. Th. 89, 11. Gr. 1455 gefremedum. Th. 89, 22 sdr. 
Th. 90, 6 ]ni. Th. 91, 13. Gr. 1491 gefeestnad; corrigiert in gefeestnad, 
Th. 91, 23. Gr. 1496 in heofonum. Th. 92, 24. Gr. 1513 dydan. Th. 93, 
16. Gr. 1527 grimme corrigiert in grimne. Th. 94, 2. Gr. 1534 sceat. 
Th. 99, 3 dorn deege. Th. 99, 9. Gr. 1622 bindenne; über dem ersten n 
steht ein m (von anderer Hand?). Th. 100, 26. Gr. 1647 beorhte. Th. 103, 
18. Gr. 1690 geestas. 

Guthlac. Th. 104, 21. Gr. 11 geara. Th. 112, 19. Gr. 146 das 
MS. hat richtig brytene, nicht brystene, wie Th. angiebt. Th. 112, 25, 
26. Gr. 149, 50 zwischen bletsade und Mm ist keiue Lücke im MS. 
Th. 113, 24, 25. Gr. 162 Keine Lücke zAvischen fede und hwearfum. 
Th. 114, 30. Gr. 180 he (Schreibfehler) statt hj. Th. 116, 26 an, 
ohne Accent. Th. 119, 18. Gr. 256 indriced; zwischen i und c ist 
ein Buchstabe ausradiert. Th. 124, 14, 15. Gr. 340, 341. Hier fehlt 
sicher ein Blatt; ein schmaler Streifen desselben ist noch sichtbar. 
Th. 134, 21. Gr. 510 nidgyxta geändert von späterer Hand zu nydgysta. 
Th. 135, 23. Gr. 528 eade. Th. 137, 24. Gr. 564 efne swa. Th. 138, 18. 
Gr. 578 giefena. Th. 139, 2. Gr. 587 veallendne. Th. 140, 10 icidan. 



*) Weßhalb Thorpc statt dieser vorzüglichen Lesart die seinige eingefügt hat, 
und ohne irgend welche Notiz, ist schwer zu begreifen. 



ZUM CODEX EXONIENSIS. 331 

Th. 142, 6 ad. Th. 143, 29. Gr. 668 prea medium; hiermit wäre also 
media wenn auch nicht alleinstehend, so doch in substantivischer Ver- 
bindung gefunden; die Bedeutung, das Mittlere, die Mitte, welche 
Dietrich dem Worte giebl (Haupt Zeitschr. XI, 426), wäre weiter aus- 
zudehnen zu dem Begriffe c das Mittel' und pred-medlum durch TDroh- 
mittel' zu übersetzen; oder sollte doch niedlum als die bessere Lesart 
beizubehalten und medium ein leicht erklärlicher Fehler dr>. Schreibers 
sein? Th. 146, 8. Gr. 706 reordum statt vordum. Th. 146, 23 Smolt. 
Th. 147, 7. Gr. 723 selfe\ uuter dem e steht ein y von anderer Hand; 
ebenso Th. 147, 16. Gr. 728 ein y unter dem i in sioilc. Th. 147, 24 
Swa. Th. 148, 21. Gr. 748 eadmedu. Th. 148, 30. Gr. 752 agifen ist 
geändert in agyfen Th. 149, 27. Gr. 768 heahpu. Th. 153, 3. Gr. 820 
weesten] über dem en steht ein m von anderer Hand. Th. 153, 14. 
Gr. 825 eardwica. Th. 153, 18. Gr. «27 uncyddu. Th. 153,. 32. Gr. 834 
gcestgedal Th. 155, 29. Gr. 867 byscyrede. Th. 158, 2. Gr. 910 heahpu. 
Th. 158, 32. Gr. 918 feeder; zwischen ce und d ist ein Buchstabe 
ausradiert. Th. 164, 17. Gr. 1013 geswedrad. Th. 165, 28. Gr. 1035 
retan. Th. 167. 16. Gr. 1061 heahpu. Th. 169, 6. Gr. 1090 wlitigan. 
Th. 175, 23. Gr. 1199 oncydig. Th. 176, 18 Simle. Th. 179, 4 Da. 
Th. 179, 7. Gr. 1258 beorhte. Th. 180, 15. Gr. 1280 <",//,, o« "/"'•' .7- 
Th. 1*2. 1. Gi*. L303 weeter pisipa; es ist also weeter-pisa zu lesen. 
Th. IM. 33 Note. Gr. 1353 drusendne ist das letzte Wort auf Fol. 52 b ; 
von Fol. 53 ist der obere Theil abgeschnitten; es fehlen vier Zeilen. 

Azarias. Th. 186, 5. Gr. 15 fore. Th. L86, 19. Gr. 22 tohworfne; 
das h über der Zeile von anderer Hand. Th. 189, 17. Gr. 61 hofne; 
also das h schon von dem Corrector getilgt. Th. 190, 14, Gr. 73. Vor 
Bletsige ist ein Absatz im MS. Th. 191, 27. Gr. 94 geestas; über dem 
ce ein' a von anderer Hand. Th. 192, 12. Gr. 105 bitera. Th. L92, 22. 
Gr. 110 keine Lücke im MS. Th. 194, 17. Gr. 140 pe steht nicht im 
MS. Th. 194, 23. Gr. 143 fugulaa; also fuglas zu lesen. Th. 195, 32. 
Gr. 165 acwelli n; das zwei!,- / über der Zeile von anderer Hand. Th. L97, 
15. Gr. 190 peawum. 

Phoenix. Th. 205, 11 Sippan. Th. 206, 27. Gr. 133 winsumra; 
über dem ! ein y von anderer Hand. Th. 207, 4. < Ir. 136 organan. 
Th. 209, 5. 6.>Gr. 166 Ay ^esecad ///rioora fo/wZ. Th. 209, 19. Gr. 173 
fco/wn /,,■<,/■,. Th. 209, 27 ana. Th. 211, 11. Gr. 197 Note foUan, nicht 
folan. Th. 211, 24 7m*. Th. 212, 6. Gr. 206 healfa. Th. 212, 19. Gr. 212 
"w/v,,/. Th. 214, 23. Gr. 243 waumas. Th. 215, 14. .- </. Th. 216, 1. 
Gr. 261 Se; vorher ein Punkt. Th. 218, t. Gr. 288 sunnan pegn. Th. 219. 
20 äfaZon; vorher ein Punkt; ebenso Th. 220, 2. Nu. Th. 221, 12. 



332 J- SCHIPPER 

Gr. 233 mearm; das e ist also vom Corrector getilgt; das r ist halb 
ausradiert. Th. 221, 16. Don. Th. 224, 5. Gr. 371 fille; über dem i ein 
y von anderer Hand. Th. 224, 8 weorded. Th. 226, 17, 18. Gr. 407 
icordon corrigiert in wurdon: topas idge. Th. 231, 18 Don; Punkt vorher. 
Th. 233, 2 1. Gr. 528 agnum. Th. 235, 34 äweced. Th. 236, 7. Gr. 570 
on. Th. 239, 16 Sil; Punkt vorher; ebenso Th. 240, 1 Bus. Th. 240, 6. 
Gr. 635 singad. Th. 241, 6. Gr. 652 Swa; Punkt vorher. Th. 242, 3. 
Gr. 667 auctor] das u über der Zeile von anderer Hand. Th. 242, 8. 
Gr. 670 motum. 

Juli an a. Th. 243, 29 Sum; Punkt vorher. Th. 244, 20 mann. 
Th. 245, 31. Gr. 53 hcepen weoh. Th. 246, 23 Da; Punkt vorher. Th. 247, 
1. Gr. 72 ursprüngliches modsefan geändert in modsifan. Th. 247, 14. 
Gr. 78 sioor. Th. 247, 27. Gr. 85 hy. Th. 248, 9 Du; Punkt vorher. 
Th. 248, 32. Gr. 104 anne-forlcete. Der Bindestrich mit bleicher Tinte. 
Th. 252, 18. Gr. 165 luve. Th. 254, 1. Gr. 190 geivynnes. Th. 256, 23 
Da; Punkt vorher. Th. 256, 30 heofon (Druckfehler bei Thorpe). Th. 258, 
4 Hyre. Th. 259, 23. Gr. 286 ealdne. Th. 260, 7, 11 Da; Punkt vorher. 
Th. 260, 33. Gr. 307 sioylce; das e von anderer Hand über der Zeile. 
Th. 261 , 22 Hyre. Th.' 261 , 28. Gr. 322 werena ; über dem e ein a 
von anderer Hand. Th. 262, 30. Gr. 340 gejwliad. Th. 263, 16. Gr. 350. 
Hinter Hyre sind 2 Buchstaben ausradiert. Th. 265, 7 of önn. Th. 268, 
24. Gr. 437 wie Th. 261, 28. Gr. 322. Th. 272, 15. Gr. 499 forman. 
Th. 276, 3. Gr. 560. Hinter haiig ist keine Lücke im MS. Th. 277, 17. 
Gr. 582 ofestlice. Th. 277, 32. Gr. 589 sio. Th. 279, 3 mod. Th. 279, 19 
unlccd. Th. 279, 21. Gr. 617 awyrgedne; nicht atcygedne, wie Thorpe an- 
giebt. Th. 281, 30. Gr. 654 stid hydge. Th. 284, 11 is. Th. 284, 17. 
Gr. 698 sinhiwan; das i von anderer Hand über der Zeile. Th. 284, 23. 
Gr. 701 ic; hinter dem i ist ein Buchstabe ausradiert. 

Wanderer. Th. 286, 22. Gr. 4 hrimcealde. Th. 287, 16 ne; Punkt 
vorher; ebenso Th. 287, 24 Swa. Th. 288, 30 Don. Th. 289, 8 Don, 
Th. 290, 15 Ne. Th. 290, 19. Gr. 67 richtig wanhydig im MS. Th. 291, 
26. Se. Th. 291, 26 ferde. 

B% monna cräftum. Nichts zu bemerken. 

Fäder larcvidas Th. 302, 16. Gr. 37 fordon sceal; don über 
der Zeile von anderer Hand. Th. 302, 33; 303, 11 god. Th. 304, 8 
nis. Th. 305, 12 Gr. 87 gemetlice. 

Seefahrer. Th. 307, 4 hlimman. Th. 309, 2. Gr. 51 sefan statt 
feran. Th. 310, 32 sioylce (Druckfehler bei Thorpe). Th. 312, 13. 
Gr. 109 mod statt vion. 



ZI M CODEX EXONIENSIS. 333 

Bi mannet mode Th. 316, 16. Gr. 49 richtig, orfeorme im MS. 

Vidsith Th. 318, 18 Widsid. Th. 319, 5 harn. Th. 319, 10 /efa. 
Th. 320, 24. Gr. 33 hringweald. Th. .'521, 1 rica. Th. 321, 21. Gr. 49 
heado beardna, das d über der Zeile von anderer Hand. Th. 321, 29 
wide. Th. 322, 12. Gr. 62 mid vor syc^wwi fehlt. Th. 323, 7 mtf. Th. 
323, 14 rices. Th. 324, 19. Gr. '.'7 ealhhild. Th. 324, 25 pon. Th. 324, 31 
f)o77. Th. 325, 9 Donan. Th. 326, 7. Gr. 125 wojran. Th. 327, 2 ,?,Y,rmi. 

7>'? mannet vyrdum. Th. 327, 27 Sumum. Th.328, <S Swmne. Th. 328, 
16. Gr. 18 hf. Th. 328, 21, 33; 329, 32 Sum. Th. 330, 8 Sumü. Th. 330, 30. 
Gr. 69 Note richtig earfod sip. Th. 331, 11, 12 Sumum, Sumü. Th. 
331, 26 FW. Th. 331, 32; 332, 4, 14 Sum. Th. 333, 6. Gr. 98 fore. 

Versus gnomici Th. 333, 19 Meotud. Th. 334, 9. Gr. 13 monge 
reorde. Th. 334,26 Rad. Th. 335,30. Gr. 40 bewitian-] das i über der 
Zeile von anderer Hand. Th. 336, 2. Gr. 42 pon. Th. 338, 21 Cyning. 
Th. 339, 31. Gr. 102 fyrwet geonra. Th. 340, 7 h#w. Th. 340, 17 möw. 
Th. 340, 18 Ne. Th. 343, 33.' Gr. 165 gehwylcu. 

Wunder der Schöpfung. Th. 347, 24. Gr. 17 hinter se pe sind 
2 Buchstaben ausradiert; es scheint als ob das folgende Wort on aus 
Versehen ursprünglich zweimal geschrieben war. Th. 347, 31 Ne. Th. 
351, 31. Gr. 88 meegen pryffie. 

Reimlied. Th. 353, 21. Gr. 16 toeord. Th. 353, 38 ne of 611. 
Th. 353, 54 Mod. Th. 354, 9 Nu. Th. 354, 34. Gr. 55 dryhtscype. Th. 
354,45. Gr. 61 wen cynge wited. 

Panther Th. 355, 40. Gr. 3 rihte. Th. 356, 8 We. Th. 356, 15. 
Gr. 12 dün scrafum. Th. 356, 29 Beet. Th. 357, 33 Beer. Th. 359, 1. 
Gr. 56 eadmedum] über dem u ein e von anderer Hand; unter dem 
u ein Punkt, der aber wahrscheinlich noch auf <\:\* folgende m Bezug 
hat, so dass wir zu lesen hätten eadmede, welches in der Bedcutiniv; 
'benignus auf das vorhergehende dryhten god bezogen einen viel besseren 
Sinn gibt. Th. 359, 21 Sippan. 

Walfisch. Th. 361,13,29 Bon. Th. 361, 1'.'. Gr. 22 celad. Th. 
364,* dngean. Th. 365. 3 Forpon. Th. 365,4. Gr. 84 dryhi 

Rebhuhn Th. 366, 14 Uton. 

Reden der Seelen an den Leichnam. Th. 367, 1 bekofap. 
Th. 368, 1 Cleopad. Th. ."-7 < >. 2. Gr. 51 ancenda; an über der Zeile von 
anderer Hand. 'Th. 370, d. Th. 372, 13,26 Bern, Bonne. Th. 

373, 31 Gifer. 

Deors Klage Th. .".77, 9. Gr. 1 Welund. Th. 377, 20. Gr. 6 mann. 
Th. 377. 11: 378, -. L6, 22; 379, 2, 32 Pees. Th. 377, 21 dedp. Th. 

19 pritig. Th. 378, 21 cup. Th. 379, L3 wendep. Th. 3 
< i r. I 1 ' monn 



334 J- SCHIPPER 

Räthsel. Th. 382, 23. Gr. III, 15 richtig ivrugon. Zwischen diesem 
Räthsel und dem folgenden ist kein Absatz; das nächste Wort hwilum 
ist klein geschrieben. Th. 383, 18. Gr. IV, 12 abringe, a von anderer 
Hand über der Zeile. Th. 386, 7. Gr. IV, 58 gerceced. Th. 391, 8. Gr. 
X, 2 modor. Th. 392, 3. Gr. XI, 2 richtig flowen. Th. 394, 2. Gr. XIII, 12 
hyge galan. Th. 396, 10. Gr. XVI, 2 richtig swifi. Th. 400, 16 minü. 
Th. 401, 17. Gr. XXI, 13 mer, Th. 401, 35 Nymjye. Th. 405, 2. Gr. 
XXIII, 17 onder. Th. 405, 30 Ne. Th. 409, 25 Nu. Th. 416, 1. Gr. 
XXXIV, 5 hio statt hü. Th, 420, 21; 421, 10 Ne. Th. 421, 32. Gr. 
XL, 27 he hainig) he von anderer Hand und über dem e ein ausra- 
diertes o. Th. 423, 12 Ne. Th. 424, 2 Eal. Th. 424, 20, 32 Ic. Th. 425, 2. 
Gr. XLI, 50 Ic statt tn; der Punkt vorher ist vergessen; Vers und 
Sinn erfordern jetzt keine Ergänzung. Th. 425, 18 Ic. Th. 425, 35. 
Gr. XLI, 66 penex; das e ist ausradiert, aber noch erkennbar; der 
Accent ist nicht ausradiert; war ursprünglich Phönix (fenix) gemeint, 
was dann der Corrector zu pernex zu ändern gedachte? Th. 426, 3 
Nu. Th. 426, 11, 35; 427, 8 Ic. Th. 427, 16 Mara. Th. 427, 22. Gr. 
XLI, 95 magene. Th. 427, 34 Ac. Th. 428, 8 Mara. Th. 428, 24 Ne. 
Th. 429, 16 Ic. Th. 429, 19 ]nt. Th. 429, 40. Gr. XLIII, 17. Hinter 
sindon ein einfacher Punkt; zwischen diesem Räthsel und dem folgenden 
ist kein Absatz; desgl. nicht zwischen Nr. XLVIII und XLIX. Th. 
432, 3 In. Th. 434, 9 Fedad. Th. 438, 18. Gr. LVII, 9 torhtan stod. Th. 
440, 12. Gr. LX, 2 gylddenne. 

' Klage der Frau Th. 442, 11 Ongunnon. Th. 442, 25 Da, 

B% domes däge Th. 447, 13 nype. Th. 448, 31. Gr. 62 in clcen- 
nisse. Th. 450, 15. Gr. 88 fore. Th. 452, 3. Gr. 115 geivcegen. 

Hymnen und Gebete. Th. 452, 21 Ic. Th. 453, 27 Forgif. Th 
454, 28 Nu. Th. 456, 15. Gr. 67 meorda ; zwischen r und d ist ein Buch- 
stabe ausradiert. Th. 457, 18. Gr. 85 gode. Th. 459, 1. Gr. 110. Nach 
trfter sind 2 Buchstaben überklebt, ebenso Th. 459, 6. Gr. 112 vor ::nian 
2 Buchstaben und Th. 459, 9. Gr. 114 hinter gecio ein Platz für 5 Buch- 
staben, von denen aber wohl 2 wegen des Zwischenraumes zwischen 
den Wörtern wegfallen. Th. 459, 10 ä. Th. 459, 13. Gr. 116 zwischen g 
und bij> fehlen 2 bis 3 Buchstaben: es ist also vielleicht grim zu lesen 
statt grim ic (Grein). 

Hüllen fahrt Christi. Th. 459,32. Gr. 7 fondon ist in fundon 
corrigiert; blidne muss also wohl auf beorge bezogen werden. Th. 460, 31. 
Gr. 25 mceges; hiernach sind 3 Buchstaben überklebt; sollte sid zu 
ergänzen sein? Th. 460, 36. Gr. 28 gesohtfe] ::::::e.v monat. Th. 461, 3. 
Gr. 29 nu :::::::: sceacen. Th. 461,5,6. Gr. 30,31 witod ::::::::::: to 



ZUM CODEX EXONIENSIS. 335 

dcege. Th. 461, 6, 7. Gr. 31, 32 wille ::::: gesecan (nicht secan). Th. 
462,20. Gr. 55 bepeahte. Th. 462,22 4&ea<Z. Th. 462,23 burgwarena 
ord. Th. 462, 30. Gr. 60 u* ::: :::te secan. Th. 463, 33. Gr. 61 l-oidw 
6*Ä:: :::::jE>ofl. Th. 462,36. Gr. 63 wrceccan :::::: :::::: &w£ Th. 468,3. 
Gr. 64 niäbc: Th. 464, 17. Gr. 88 £<ma. Th. 464, 19. Gr. 80 ealdßnd 
r.üe on. Th. 464. 21,22. Gr. 90,91 we hr:::::: :::::n, also vielleicht 
hreöwige mcendon zu lesen. Th. 464,23 — 29. Gr. 91 — 95 usse ::::::::::: 
[sijge dryhten god :::::::::::::::::::: '.'.gast ealra cyninga :::::::::: 
:::::: :usic mon modge ]>e ageaf ::::geogode. Th. 464, 31. Gr. 96 hinter 
us ist ic ausradiert. Th. 465, 20. Gr. 107 fiec] das c halb ausradiert. 
Th. 466, 10. Gr. 119 fore : inum cildhade. Th. 466, 14. Gr. 121 die 
Lücke ist nicht groß genug für ~] forej vom letzten Buchstaben ist 
noch etwas sichtbar; es kann nur ein n oder r gewesen sein; vielleicht 
stand for im MS. Th. 466, 16—23. Gr. 122-125 pinre me [ein kleiner 
runder Buchstabe wie a, o oder c kann folgen, der noch sichtbare Rest 
läßt kein n zu] ::::: : : : : : : anian nama — lof :::::::::::: [setjlum (er- 
gänzt von Überresten der betr. Buchstaben) sittan :::::::::::: hond. 

Pharao. Th. 468, 3. Gr. 2 farones. Th. 468, 11, 13. Gr. 6, 7 
hun:::: ::::a. — fornam'.::::::::torape. 

Hymnen und Gebete. Th. 468, 16. Gr. V, 1. Vor f ender fehlen 
10 Buchstaben; ein Restchen vom ersten läßt auf ein ]> , vom letzten 
auf ein g schliessen; wahrscheinlich ist zu lesen pu eart hälig feeder. 
Th. 469, 26 An. Th. 470, 12—20. Gr. 15—20 ripiin geong aw: meegect. 
— gelicade )>a :::::::: in. — on hr :::::: ::::::ssan se wees etc. 

Räthsel. Th. 470, 24 vgl. Gr. XXXI, 1, 2. Vor ::dre fehlen 
17 Bachstaben; der erste derselben war eini«; diese Version hat also 
wunden statt bevmnden. Th. 471, 2 ::::: biowende. Th. 471, 14. Gr. LXI, 1 
sande geändert in son 

Botschaft des Gemahls. Th. 472, 18—30. Gr. 1—7 Nu ic 
onsundran pe seegan witte:::: :::: treo cynn ic tudre aweox in mec celÄw 
::::::: sceal ellorlondes 8etta[n] sealte streafmasj ful oft ic on hates 
:::: :::: :::: :::: gesohte /<■/•>• m>c mon dryhten min ::::::: [oferj heahhofu; 
vorletzte Wort ofer ist ergänzt nach Ueberresten der betr. Buch- 
staben. Th. 474,5. Gt. 25 ONgin\ Absatz vorher im MS. Th. 474, 13. 
Gr. 29 Zwischen /"'«< und worulde sind 2 Buchstaben ausradiert. Th. 
171. L8 30. <T.''il 38 alwaldend god :::: cet somne siiijmn motan 
/// and gesipum »::::: :::'.::cetlede beagas ii> genoh hafad feedango:: 
etwa 17 Buchst.... <</ elpeode <\<< ! healde feegre foldan. . . . 20 22 
Buchst. . /■'/ Im /r/m peak />-■ /"</• //"'/' wfinej... etwa 1-1 Buchst... 

gebeeded; wine ist ergänzt von Überresten der betr. Buchst. Th. 
475, l. r ). Gr 48 genyre. Th. 17."». 24, Gr. 52 gespreeconn. 



336 J - SCHIPPER 

Ruine Th. 476, 23—477, 5. Gr. 12 wonad giet s ... 12 Buchst. . . 
mim geheapen felon . . . etwa 24 Buchst. . . . grimme gegrundefnj ... 22 
bis 23 Buchst. . . . scan heo . . . etwa 24 Buchst. . . . g orponc cer sceaft 
... etwa 15 Buchst. ... g:::lam rindum beag mod mo ::::::: ne swiftne 
gebrcegd. Th. 477, 27. Gr. 31 geapa. Th. 478, 18. Gr. 43-48 leton pon 
geoton . . . etwa 23 Buchst. . . . stau hole streamas ifnj . . . etwa 23 Buchst. 
. . . [opjpcet hring mere hat . . . etwa 26 Buchst. ... ]>a bdpu wceron 
ponne . . . etwa 28 Buchst. . . Ire Pestis cynelic Jung ... 28 — 30 Buchst. . . . 

Räthsel. Th. 479, 1. Gr. LXII, 1. Oft (nicht of). Th. 479, 15. Gr. 
LXII, 8 freeiwedne. Th. 479, 25. Gr. LXIII, 4 richtig im MS. ger me. 
Th. 480, 22. Gr. LXIV feedme [on folmj : : : : : grum pyd tvyrced his wil- 
lafnj . . . etwa 21 Buchst. . . . fulre pon ic ford — eyme . . . etwa 23 
Buchst. ... ne mag ic py mipan . . . etwa 20 Buchst. . . . [sipjpan 
on leohte . . . etwa 24 Buchst. . . . sioylce eac bid sona . . . etwa 17 
Buchst. . . . getaenad hweet me to . . etwa 9 Buchst. . . . leas rinc pa 
unc geryde toces. Th. 482, 10. Gr. 5 Note nymppe. Das hinter Räthsel 
VI (Th. p. 483), Grein LXVII in dem MS. nur unvollständig erhaltene 
Räthsel hat Thorpe stillschweigend ausgelassen. Ich gebe hier den 
Text desselben mit der Zeilenabtheilung des Ms.: [I]c on pin:: :::: 
peodcyninges. icrcetlice iciht word || galdra . . . etwa 24 Buchst. . . . Mo 
symle ded\\ßra gel ... etwa 26 Buchst. ... fwijsdome loundor me 

Pa::w? ... etwa 28 Buchst enne || mud hafad fet in? [f]? 

. . . etwa 27 Buchst. . . . || icelan oft sacad ciciped . . . etwa 22 Buchst. . . . 
weard || leoda lareoic. forpon nu longe . . . etwa 10 Buchst. . . . || ealdre. 
ece lifgan. missenlice ]>enden. wenn bugad. eor'pan sceatas. ic pect oft 
geseah. golde gegiericed. peer gn\\>nan druncon. since and seolfre. seege se 
pe eunne. j| ivisfcestra hxcylc. hwost seo tviht sy. Th. 484, 13. Gr. LXX, 7 
sceal ... 9 Buchst. . . . hringum gehyfrsted] [me:] . . . etwa 23 Buchst. . . . 
dryhtne min . . . etwa 21 Buchst. . . . xclite, letztes Wort in der Zeile; 
unter demselben steht bete \—j Das zu Ende eines Räthsels oder über- 
haupt eines Absatzes übliche Zeichen \—t beweist, daß bete noch zu 
diesem Räthsel gehört und nicht zum folgenden, wie Thorpe vermuthet. 
"Wie viel von dieser Zeile fehlt lässt sich nicht angeben, da es vielleicht 
eine kürzere Endzeile war. Th. 484, 14—20. Gr. LXXI, 14 Ic woes . . . 
etwa 22 Buchst. . . . geaf . . . etwa 32 Buchst. . . . we unc gemeene . . . 
19 Buchst. . . . sweostor min fedde mec . . . etwa 11 Buchst. . . . feower 
teah. Th. 486, 6-20. Gr. LXXII, 8-18 folme by:g :::::lan dcä gif — 
dorne vi ... 14 Buchst. . . . dan meerpa fremman wyrean w ... etwa 20 
Buchst. . . . ec non peode utan w . . . etwa 23 Buchst. . . . pe and to wroht 
stap . . . etwa 25 Buchst. ...» eorp eaxle gegyrde xeo : . . . etwa 28 



ZUM CODEX EXONIENSIS. 337 

Buchst. . . and sxoiora — fealwe . . . etwa 18 Buchst. . . . pofl — and 
mec ::::::: fcegre. Th. 488, 15. Gr. LXXVI, 7 aryped::::[ecj hfw?]::pe 
si)>}>an iteit unsodene eac: der Rest der Zeile fehlt. 

Zwischen Räthsel XVI und XVII bei Thorpc p. 488 und LXXVI 
und LXXVII bei Grein findet sich im MS. folgendes Bruchstück eines 
andern Räthsels: Ofl icßodas . . , etwa 24 Buchst. . . . as cyn \\ minum and 
. . . etwa 26 Buchst. . . . yde meto mos . . . etwa 26 Buchst. . . . swa ic 
him\ . . . etwa 24 Buchst. . . . al ne ait harn gesait\\ . . . etwa 16 Buchst. . . . 
rote cwealde purh orponc\\ . . . etwa 5 Buchst. . . . y],um bewrigene. 

Th. 490, 11. Gr. LXXIX, 9 peced:: :::::: :ed and fealled snaw p y - 
relwombne and ic pcet ... 28 oder 29 Buchst. . . . ceajt, mine (also wohl 
wie Grein liest). Hierauf folgt wieder ein wie gewöhnlich von Thorpe 
ausgelassenes Bruchstück eines Räthsels im MS.: T?: nd ... etwa 22 
Buchst. . . . ofngende greate ] sicilged . . . etwa 24 Buchst. . . . U ne flaisc || 
fotum g::g der Rest der Zeile fehlt (etwa 36 Buchst.). | sceal mozla gehwa 
der Rest dieser Endzeile des Räthsels fehlt. Th. 490, 6. Gr. LXXX, 1. 
fromey . . . etwa 18 Buchst. . . . biden in burgum sippan bceles [toeorc? 
nur von w? e? o oder a und r sind Reste erhalten]; zwischen bceles und 
tcera fehlen im Ganzen etwa 10 Buchstaben. Th. 490, 22. Gr. LXXX, 5 
fah icara : eordan etc., also wie bei Grein. Th. 491, 12. Gr. LXXX, 10 
Ac. Th. 492, 9. Gr. LXXXI, 11 purh . . . etwa 12 Buchst. . . . and pcet 
hyhste mos ::::\J>es? (nach Überresten)^... fehlen noch etwa 18 Buch- 
staben in dieser Zeile; von den nächsten Zeilen sind noch folgende 
Bruchstücke erhalten: dyre crceft . . . etwa 23 Buchst. . . . onne hy äweorp 
. . . etwa 23 Buchst. . . . pe oenig ]>ara . . . etwa 23 Buchst. . . . :ffoJr 
ne mceg . . . etwa 27 Buchst. . . . oper cynn eorpan . . . etwa 15 Buchst. . . . 
fpjon cer wces wlitig <nt<l wynmm ... 8 Buchst. . . . bip sio moddor mcegene 
eacen im, nimm [bejgreped; so ist vermuthlich das letzte Wort zu er- 
gänzen nach noch sichtbaren Bruchstücken der beiden Buchstaben; 
sicher nicht gegreped. Kür die unrichtige Behauptung Thorpe's „Wli.it 
follows is apparently part of another enigma" (Note zu Z. 10) bot 
ihm selbstverständlich kein Überrest eines großen Anfangsbuchstaben, 
noch auch ein Endzeichen (:-, 1 einen Anhalt. Th.492, 28. <ir. LXXXI,22 
earmu getcese. Th. 493, 10, 19 Note: «las MS. zeigt keine Lücke. — 
Th. 493, 27. (>w LXXXI, 37 nach mich finden sich folgende lücken- 
hafte Zeilen im .MS.: 

... 13 — 14 Buchst. ... fste] bip stanum bestreped stormvm ... 30 
bis 31 Buchst. . . ■ . timhred weaü . . . .".() Buchst. . . . d hrusan hrinep }> 
. . . etwa 27 Buchst. . . . fnjgt oft aearwufmj etwa 28 Buchst . . . fd 
de ne feled peak: .. etwa 26 Buchst ... du {ßuf) hreren hrif wun::g 

QEBMAHU Reue Reihe. VIL (XIX.) Jahrg. 22 



33g J. SCHIPPER, ZUM CODEX EXONIENS1S. 

. . . etwa 21 Buchst. . . . risse hord word onhlid hceflepumfj . . . etwa 15 
Buchst. . . . tweoh wordum ge opena hu mislic sy mmgen para . . . etwa 
zwei oder drei Buchst, können in dieser Zeile nur noch fehlen. Tb. 
494, 3. Grein LXXXII. Im MS. findet sich keine Lücke. Th.j 495, 13- 
Gr. LXXXIV se peak mol . . . etwa 14 Buchst, fehlen an einer vollen 
Zeile. Die Anfangszeilen des folgenden Räthsels (Th. 495, XXY; Gr. 
LXXXV) stehen im MS. so; Ic weox pcer ic ... etwa 34 Buchst. . . . 
and sumor mi . . . etwa 30 Buchst. . . . me icoes min tin . . . etwa 33 
Buchst. . . . d ic on stadfolj . . . etwa 28 Buchst. . . . um geong swa . . . 
etwa 27 Buchst. . . . se iveana oft geond . . . etwa 20 Buchst. . . . [fjgeaf, 
Ac ic uplong stod ]xcr ic . . . etwa 8 Buchst. . . . and mine bropor etc. — 
Th. 496, 6.' Gr. LXXXV, 10 Nu (wie bei Grein).STh. 496, 17. Gr. 
LXXXV, 16 Ac (nicht ac). Th. 497, 13. Gr. LXXXVI, 29 misare (sie!) 
Th. 498, 11. Gr. LXXXVII, 11 wcelcrceßß] scheint im MS. gestanden 
zu haben; für wcelcraftum wäre kein Platz. Zwischen Räthsel XXVIII 
und XXIX bei Th. p. 498 und LXXXVII und LXXXVIII bei Grein 
stehen im MS. folgende zum Theil unvollständige Zeilen eines andern 
Räthsels : 

Ic woes brunra beot. beam on holte, freolic feorhbora. and fohl an 
wcestmjioym stapol. and, wifes sond. gold on geardum. nu eom gudwigon. 

hyhtlic hildetümpen. hringe bete ... 27 Buchst, byred oprum ? 

Buchst. Die nächsten Zeilen gehören dem folgenden Räthsel Th. XXIX; 
Gr. LXXXVIII an und stehen im MS. so : 

Frea mifnj . . 27 Buchst. ... de icillum sinü . . . 26 Buchst. . . . 
heah and fhyhtj ... 20 Buchst. . . . [scejarpne hwilum, ... 22 Buchst . . . 
[hwjilum sohte frea ... 17 Buchst. . . . as wod { da>grime frod deofpe 
streamasf] hwilum stealc etc. 

Th. 499, 19. Gr. LXXXVIII, 18 poette. Th. 499, 22. Gr. LXXXVIII, 

19 wuda and iccetre xoomb[ef] befeedme. Th. 499, 25. Gr. LXXXVIII, 21 
eo:es? Th. 499, 27. Gr. LXXXVIII, 22 Nu (wie bei Grein). Th. 499, 31. 
Gr. LXXXVIII, 23 gehlepan : : : : r.ofwombe. Th. 499, 34. Gr. LXXXVIII, 
26. Die nach stid hord im MS. befindliche Lücke hat folgende Form: 

. . . etwa 27 Buchst. . . . n dcegcondel sunne . . . etwa 27 Buchst. . . . 

eorc eagum wlited: :p ?, Buchst. — Ein anderes Räthsel folgt : Smfijp 

. . . etwa 27 Buchst. . . . hyrre poü heo[f] . . . etwa 32 Buchst. . . . dre 
pon sunne . . . etwa 29 Buchst. . . . style, smeare pon sealt ry . . . etwa 

20 Buchst. . . . leofre pon jtis leoht eall leohtre pon ? Buchst. . . . 

Mit der folgenden Zeile beginnt Räthsel XXX (Th.) LXXXIX (Grein), 
wozu nichts zu bemerken. 

KÖNIGSBERG i. Pr. 8. Jan. 1874. J. SCHIPPER. 



\V. GEMOLL, BRUCHSTÜCKE EINER GEREIMTEN BIBELÜBERSETZUNG. 339 

BRUCHSTÜCKE EINER GEREIMTEN BIBEL- 
ÜBERSETZUNG. 



Und in 

Sa cli 



Waz 



I. 

Jerusalem were 

da er in sach 

von er sprach 

den der gesundet hau 

getan 

herre min 



herre di liant 
10 Und uf daz hus des vater min 
daz wir din 
der engel nicht der stat 
Un do quam der propheta gad 
Als got in hiez zu dawide gan 
15 Einen alter hiez er in (I. sän) 
Machen nach gotes geböte 
Diz geschach. do wart von gote 
Behaben di suche, daz nicht me 
Geschehe in übel so als e 
20 Der kunic davit waz worde alt 
Von sinen tagen manicvalt 
Kr wart nicht warm Bwi vil 

der cleit 
wurden da uf in geleit. 
Zu der geschieht sprachen d<> 
25 Gremeinlich sine knechte also 
Wir suln in israhel vil gar 
Dem kuiii-;'' seh suchen her 

und dar 
Eine schone iücwrowe di im 
Diene und vure in 
30 In denn- senoze slafe die 
Des kuniges. in bub wenrie sie 
.Man sachte ein sulche mait zu 

• hat 
Über alle israhelisch laut. 
Nu wart in den stunden 
35 Eine hiez abisag fanden 



Di wart deme kunige bracht, 

Abisag so in quam 

Des kuniges si h . . . . 

Si slief bi im in der geschieht 

40 Wart er ir doch nicht 
Wände si reine bi im. . . 
Binnen des un sich e . . . . 
Ein des kuniges sun was 
Der hiez adoniass 

45 Der erhub sich unde sprach 
Ich wil kunic sin. dit geschach. 
Daz begund er often sagen 
Un machte im einen wagen 
Idoch di selben geschieht 

50 Strafte an im d' vater nicht 
Er waz vil schone und zuvorn 
Der andere nach absalon ge- 

born. 
Joab und abiathar 
Mit adonia Avaren dar 

55 Si halfen im 

Aber der pfaffe sadoch 
Und ouch bananias 
Der ioiade sun was 
Un nathan d' propheta 

60 Waren nicht mit adonia 
Un rei und siraei 
< Gestunden im nicht bi 
l'n alle davides starke man 
Die wolden im nicht bistan. 

<;."> Nu vugete sich daz zu opfer 
I zu kamen adonias [waz 
Als er bestetigen wolde sich 
Des kuniges Bune gemeinlich 
Seine brudere lud er da 

70 Und di man von iuda 

Des koniges knechte rief er hin 
Gerufen bete er nicht zu im 



36 Mit eint Zeile. 



l'L' 



340 



W. GEMOLL 



Bananiam unde nathan 
Und davides starke man 

75 Salonion d' bruder sin 

Waz ouch da nicht gerufen in 
Binnen des und dit geschach 
Nathan zu hersabeen sprach 
Di salomortis muter waz 

80 Weisüt dit das adonias 
Richte* der sun agit? 
Und unser herre weiz nicht dit 
Da von so gehöre mir 
Und nim von mir den rat dir 

85 Unde behalt dich da von 
Un dinen sun salomon. 
Ganc zu deme kunige hin 
Da er ist. sprich wider in 
Nu hastu herre mir diner maget 

90 Swerende also gesaget 
Daz salomon der sun din 
Nach dir richtende solde si 
Uii besetzen dinen tuon tron 

Nach dime tode. und da von 
95 Richsent adonias nu? 

Di wile so daz sprichestu 

So wil ich kumen i zu dir dort 

Un volenden dine wort. 

Do gienc hin in bersabee 
100 Zu deme kunige als si e 

Waz gelart. do sin phlac 

Und im diente abisag. 

Do bersabee qua da hin 

Mit grose neig si gegen im 
105 Waz wiltu sprach der kunic 
zu ir? 

Si sprach herre nu hastu mir 

Diner dirne zu vorn 

Bigote dem herre din gesworn 

Daz din sun sol salomon 
110 Nach dir bezze beseze dinen 
tron 

Alsus von dir gesprochen waz 

Nu richsent adonias 

opfer sin 

Bocke und schafe und manic 
var 
115 Des kuniges sune er alle dar 



Hat geladen abia|thar 
Der phaffe ist mit | in dar 
Joab hin ouch do bi ge . . . 
Dinen sun er nicht ge . . . . 

120 Salomonem unt enein 
Di israhelen vil gemein 
Nement alle wäre din 
Mit vlize herre kunic min 
Daz du machest in bekant 

125 Den daz er werde in beuant 
Der nach dir sule mit witze 
Dinen tron besetzen. 
Di wile si dit sprach alda 
Do quam der propheta 

130 Nathan in der selben stunt 
Daz wart deme kunige kunt 
Getan alsus. hi ist nathan 
Man hiez in vor den kunic gan 
Do er in quam vur in 

135 Uii geneig untz an di erde im 
Do sprach er kunic herre min 
Sin daz gewesen di wort din 
Adonias richten sal nach mir 
Ist daz gesprochen von dir 

140 Daz er besitze den tron din 
Wanderhatbrachdaz opfer sin 
Hute und ouch geladen dar 
Des kuniges sune und abiathar 
Den pfaffen. und ouch ioab 

145 Si ezzen vrolich. und dar ab 
Wirt dogeschrei alsus gegeben 
Der kunic adonias muze leben 
Mich dine knecht er nicht bat 

enhat 
Geladen an di selbe stat 

150 Noch den pfaffen sadoch 

Da hin ist nicht geladen ioch 

II. 

Daz din prophecien 
War si. so saltu vrien 
Von vorchte gar herze din 
Also daz du di wort min 
5 Nich wenest werden vollen- 
bracht 
Als ir mit rede ist gedacht 



126 f. Uet mit witzen 
herze diu. 



besitzen. 



141 l. bracht. 



II, 3 l. gar daz 



BRUCHSTÜCKE EINER GEREIMTEN BIBELÜBERSETZUNG. 



341 



Uf daz du nu di warheit 
Bevindest als hi ist geseit 
Hi nach mit dem volke sit 

10 So saltu von dirre zit 

Dem volke zu gemenget sin 
Vfi swannesi mines swertes pin 
Entphahen als du hast ver- 

numen 
So sal min räche ouch an dich 
kuiTi 

15 Zu den knechte er do sprach 
Di er bi im da sten sach 
l'n hiez si grifen an im 
Uli zuhaut vuren hin 
Zu einer stat di lac da na 

20 Um waz genant bethulia 
Di knechte ouch daz taten. 
Do si in bracht haten 
In di nehe bi di stat 
Zuhantdi hüte ouch gel im trat 

25 Di von der israhelen schar 
Zu hüte waz geseztet dar. 
Do si des wurden innen 
Zu hant ouch si mit sinnen 
Karten in den ztten 

30 An des berges mitten 
Achior si do bunde 
An einen boum zu stunden 
Namen ouch si di kere 
Unde sumeten do nicht mere. 

35 Nu quamen uz der stat hervor 
Di israhelen zu achior 
Si losten und vurten in 
Zu bethulia mit in hin 
Zu hant vurten si in dar 

40 Under di gemeinen schar 
In vrageten in der mere 
W'a von daz kamen were 
Daz er dorte zu stunden 
Von ienen bleib gebunden. 

45 In der selben dar zit da Waz 
ein wurste hiez oziaa 
l ml ouch ein ander mit im 
I >■ r waz geheizen charim 
I >en und der gemeinen schar 
Sagete achior vi] gar 



Wi dort holofernes 
Gevraget hete un wes 
Er im do antwurte gab. 
Un wi di knechte sin dar ab 

55 In wolden haben tot geslagen. 
Do bi so begunde er sagen 
Wi holofernes zorn var 
In daruf hieze brengen dar 
Den israhelen swan er 

G0 Uberwunde si nach siner ger 
Daz achior in deme sterben 
Solde ouch alda vurterben 
Darüber sagete er. ditgeschach 
Wand ich alda vor im sprach 

65 Daz got himiles got si 
In helfe den israhelen bi. 
Do her gesagete dise wort 
Als si waren gesprochen dort 
Secht wi daz volc gemeinlich da 

70 Vielen uf di erden sa 
Un betten iren got an. 
Mit vlize wart gel deme getä 
Alda von den gemeinen 
Vil sufzen un weinen. 

75 Eintrechteliehe daz volc tet 
Alsus zu gote sin gebet 
Mit clagenden geberden 
Got des himels und der erde 
Nu sich an ir hochmüedekeit 

80 Und unser eilende unde leit 
Un das wir han 

Von dem kunige dem stolzen 

man. 
Gewer uns herre des wir 
Biten daz du di getruwen dir 

85 Nicht last bliben ander wegen 
I 'ml daz du di di sieh erwegen 
Und erheben sich von in 
Findest Bwa di selben sin. 
1 '.. Bus von den gemeinen 

90 1 >az gebet und daz weinen 
den tae aber al 

Iniehsal 

Zu achior sprachen si do 
trösten bi also 



17 /. an in 



18 / kneehten 



litt n 



46 l. vurste. 



342 W. GEMOLL, BRUCHSTÜCKE EINER GEREIMTEN BIBELÜBERSETZUNG. 



95 Unserer vetere got des wort 
Un tugent du hast gesprochen 

dort 
Der wirt dir daz volbrengen in 

im 
iener val 
machen grozen schal 
got 
knechten ein 

von ir spote 
in zu eime gote 
ozias 
da was 
ein abent 
Di pfaffen und in ge . . . . 
sante von 

und azen nach 
daz von 
Gebaren aber 
In der kirchen alda 

an der 
von der 
got von ist 



100 



105 



110 



115 



Des 

Gegen der stat bethulia. 
Der vuzgangere waren da 
120 Zwenzic un hundert tusent 
Derritenden waren an der stunt 
Zwei und z(ehn) tusend ioch 
Andere da hete er noch 



gar 
zu strite 

Bethulia 



do 



Der 
125 Secht 
Gegen 
In der 
Zogeten si 
Un quamen 
130 Biz an 

Daz gegen 
Di israhelen der 
Wurden alle vil 
Si vielen gegen got nider 
135 Gemeinlich und da wider 
Si baten mit einhellekeit 
Daz got di barmherzekeit 
Bewiste uf s^n volc alda 
Un namen ouch 
140 Di wapene un hutten sich 
Swa mochte 
Da holofernes 

Wanderte wider des 

vant 
145 sach er eine want 

an der stete 
in quam 
Do hete am 

so gelanc 
anc 
Ouch waren do noch 

Ire von der 

holn 
verstoln 



150 



Die vorstehenden beiden Fragmente sind in einer Pergainenths. 
enthalten, die sich im Besitz des Hrn. Pastors Obenaus im Ki-eise Pyritz 
i. P. befindet und dem Verf. zur Einsicht und Benutzung freundlichst 
überlassen war; ich habe hier eine möglichst treue Wiedergabe der- 
selben geliefert. Die Schrift der Hs. ist sehr sorgfältig und zierlich, 
die größeren Initialen beim Beginn eines neuen Absatzes wie Binnen 
des und .... Der kunic Davit waz worde alt ... . sauber ausgeführt. 
Das Pergamentdoppelblatt diente als Deckel eines lateinischen Com- 
pendiums aller nur denkbaren Wissenschaften von der Metaphysik bis 
zur Gartencultur herab und hat durch Staub und Schmutz außen sehr 
gelitten. Die Schrift gehört dem 14. Jahrhundert an. Ersichtlich ist aber 
die Handschrift eine nicht selten fehlerhafte Copie eines älteren Ori- 



120 l. tusunt. 



ALOIS KNÖPFLER, DIE STADT WIEN IM NIBELUNGENLIED. 343 

gihals, das nach Reimen und Versbau zu urtheilen dem 13. Jahrh. an- 
gehört. Die Sprache der Handschrift ist mitteldeutsch, und auch das 
Original ist in Mitteldeutschland entstanden. Daraufweist die Dativ- 
form' deine 1. 36, I. 131, die Keime ztuoorn (: geborn) I, 81, (: gesworn) 
I, 307, dar (- da) : Abiatkar 1, 53, dit : (Agit) I, 81, enkät (: etat) 148, 
,id (-- nähe) : Betkuliä II, 19, geberden : erden II, 78, das Wort trueb- 
sal II, 92. 

Die Behandlung des alttestamentlichen Stoffes schließt sich genau 
dem biblischen Texte an, 1 hebt mit '2. Samuel 24, 17 an und geht 
bis 1. Kon. 1, 26; II reicht von Judith 6, 4 — 7, 10. Viel treuer als die 
Weltchroniken thun gibl diese Dichtung die betreffenden Stücke wieder, 
daß man sie eher als eine gereimte Übersetzung der Bibel denn als 
eine Weltchronik wird bezeichnen dürfen. 

WOHLAU i. Schi. 10. April 1874. W. GEMOLL. 



DIE STADT WIEN IM NIBELUNGENLIED. 



Die Stadt Wien im Nibelungenlied war von jeher eine crux inter- 
pretum. Für die Anhänger der Liedertheorie war die Sache zwar ziem- 
lich einfach. Ist unser Nationalepos nichts anderes, als eine Zusammen- 
stoppelung einer bestimmten Anzahl Lieder mit Zusätzen, Verbesserungen 
u. s. w., so ist eben Strophe 1102 auch solch ein, später hinzugekommener 
Anwuchs. Anders aber musste die Sache vom Standpunkt der Einheits- 
theorie aus angesehen werden. Allein Herr Prof. Iloltzmann, der Be- 
gründer derselben, gerieth mit unserer Kaiserstadt gleichfalls in große 
Verlegenheit und sah sich genöthigt, hier zu Interpolationen seine Zu- 
flucht zu nehmen. Solche Concession von Seite der Einheitstheorie, 

snüber der Lachmannischen Schule, ist aber wohl nicht nothwendig. 
Erstlich möchte hier gezeigt werden, daß Strophe 1102 keines- 
wegs bo störend und sinnverwirrend ist, wie Lachmann zu erweisen 
sucht*), zu welcher Erörterung auch Holtzmann seine Zustimmung 
gegeben.**). Nur dar! biebei natürlich uicht von der Lesart in A aus- 

tngen werden, welche, wie überall, so auch hier allerdings Wider- 
sprüche zeigt. Str. 1092 verspricht Etzel Rüdegeren für ihn und sein 
Gefolge „v<»n kleidern unl von roflsen" Boviel er wünsche, wenn er 



*) Anmerkungen zu Str. 1102. 
i uterouchungcn B. l -7. 



344 ALOIS KNÖPFLER 

für ihn die Brautwerbung unternehme. Rüdeger lehnt dieß jedoch ent- 
schieden ab. „Mit min selbes guote wil ich din böte gerne wesen", 
erwidert er 1093. Hiemit gibt sich Etzel denn auch zufrieden und 
fragt, wann er die Fahrt antreten wolle 1094. Der Markgraf gibt hier- 
auf zur Antwort, daß er nicht eher abreisen könne, als bis Waffen 
und Gewand, Schilde und Sättel für sein ganzes Gefolge, das aus 500 
Mann bestehen soll, bereitet seien 1095. Wer immer in fremden Landen 
seine Schar sehen wird, soll gestehen, daß nie ein König solch statt- 
liche Brautwerbung abgesendet 109G. Erst in 24 Tagen wird es daher 
möglich sein die Fahrt anzutreten 1099. Unterdessen sendet Rüdeger 
Boten zu Götelind nach Bechelaren und lässt ihr sagen, daß er für 
seinen Herrn eine Brautwerbung unternehmen müsse, ohne jedoch die 
Auserkorene schon zu nennen. In Wien lässt sich Rüdeger die Aus- 
rüstung, deren er zur Fahrt bedarf, bereiten, da er ja Etzels Aner- 
bieten abgelehnt. Nach 24 Tagen scheidet er aus Hunnenland, während 
schon Gattin und Tochter zu Bechelaren seiner harren, und findet zu 
Wien Waffen und Gewand für ihn und sein Gefolge nach Wunsch be- 
reitet. Diese werden auf Saumthieren nach Bechelaren gebracht 1104. 
Daselbst angekommen wird Rüdeger mit seinem Gefolge von der blü- 
henden Tochter bewillkommt, worauf Herberge genommen wird. Des 
Nachts fragt Götelind ihren Gemahl, wohin ihn der König auf die 
Brautwerbung gesendet. Jetzt erst eröffnet er ihr, daß er Chriemhilde 
freien müsse und verlangt zugleich, daß sie seine Recken auf die Reise 
von ihrem Gute beschenke; „so hei de varent riche, so sint si vroelich 
gemuot" 1111, 4. Götelind verspricht dieß und es werden nun feine 
Seidenstoffe in Menge aus den Kammern getragen und die Recken 
damit reichlich ausgestattet. Am siebenten Morgen sodann bricht 
Rüdeger von Bechelaren gen Worms auf 1114. Warum Rüdeger „sehr 
übel gethan hätte, sich fünf Tage zu Bechelaren aufzuhalten", wie 
Lachmann meint*), ist nicht recht einzusehen. Hier in seiner Residenz 
sollte die Ausrüstung vollendet und das Mangelnde vollends ergänzt 
werden. Auch verstärkt er sein Gefolge noch durch die besten und zu 
diesem Zuge tauglichsten Männer 1113, 4. Daß überhaupt Rüdeger so 
große Eile**) gehabt auf seiner Reise, ist nirgends auch nur leise an- 

■utet. So wird also durch Strophe 1102 nicht die geringste Ver- 
wirrung verursacht, vielmehr erscheint die Erwähnung einer Stadt, in 

iiüdegcr sich seine Ausrüstung bereiten ließ, als ganz natürlich, 



*) A. a. O. S. 145. 
**) A. a. O. S. 146. 



DIE STAUT WIEN IM NIBELUNGENLIED. 345 

ja geradezu nothwendig. Wie es nun kam, daß Wien als diese Stadt 
genannt wird und daß Wien sogar schon „am Ende des 10. Jahrhun- 
derts als eine reiche Handelsstadt geschildert werden konnte*), das 
möchte in Folgendem gezeigt werden. 

Wir wissen daß der hl. Severin um die Mitte des 5. Jahrhunderts 
in der Donaugegend zwischen Passau und Wien als Missionär thätig 
war. Hier hatte er mehrere Klöster errichtet, das Hauptkloster aber 
befand sich iD der Nähe der großen römischen Donaustadt Favianae, 
wo er auch 482 starb'*). Das Ansehen dieses Mönchs in jenen Gegenden 
war ein wunderbares. Heiden und Christen, Römer und Barbaren hörten 
auf seine warnende Stimme und schreckten vor seinen Drohungen zu- 
rück. Vielen Gefangenen erbat er die Freiheit zurück, heilte Kranke» 
ja in allen Nöthen hoffte man von Severin Hilfe***). Zu wiederholten- 
malen verhalf er auch der dortigen Bevölkerung zu glänzendem Sieg 
über die andringenden Feinde. Nur seinem Einfluß war es zu ver- 
danken, daß sich die römische Besatzung noch halten konnte und 
schon wenige Jahre nach seinem Tode musste die ganze Bevölkerung 
von Odoaker abgerufen werden. Sämmtliche Römerstädte wurden dar- 
auf von den einstürmenden Feinden erobert, geplündert, zerstört und 
verschwanden für immer vom Erdboden. Jenem Rufe Odoakers folgten 
auch die Mönche und Schüler des hl. Severin und zogen nach Italien, 
den Leichnam ihres Meisters mit sich führend. In Neapel fanden sie 
ein Asyl in einem Kloster. Lucullanum, dessen Abt Eugippius verfasste 
auf die Aufforderung eines Laien eine Lebensbeschreibung seines 
Meisters. Er sandte diese sodann an den Diacon Paschalius zu dem 
Zweck, sie in ein wissenschaftlicheres Gewand zu kleiden. Paschalius 
ließ sie jedoch ohne alle Änderung, und so wurde sie in ihrer ur- 
sprünglichen Fassung verbreitet. Zunächst fand sie eine größere Ver- 
breitung nur in Italien, namentlich in < >beritalien. Im achten .Jahrhundert 
benutzt sie bereits Paulus Diakonus. Im 9. Jahrhundert gelangte sie 



' 1 1'. ltzin.ii. ii a. a. <>. S. 127 sagt nämlich: „Der Piehter nennt nur Bolche 

Orte, die zum Bisthum Pilgrima gehörten and die schon zur Zi-it Pilgrims genannt 

werden. Nur Wien konnte nicht wohl von Konrad am Ende des 10. Jahrhunderts wie 

•r geschieht, als ein" reiche Handelsstadt geschildert werden. Es ist al>er Bchon 

Ingsl bemerkt worden, daß die Nennung Wiens in den Nibelungen schwerlich vom 

ursprünglichen Dichter, Bondern wahrscheinlich von dem Erneuerer um 1200 herrührt". 

**) Cfr. Bolland I 483 Nam in Norico i | » -• < ^ Bive Auslria mortuus est (sc. Seve- 

rinusj non Astmi Ben potiue Astai juxtn Favianas Bive Viennani. 

***; Cfr. Bolland I 486 Bodem tempore civitatem nomine Favianis saeva fames 
oppreperat, hujus habitatores unicum aibi remedium affore, si ex < >i>pi <!• > Bupradicto 
("maginib homiiiem dei religiosis preeibufi invitarent 



346 E. WILKEN 

auch auf den Schauplatz von Severins ehemaliger Thätigkeit. Im Jahre 
903 erwarb die Passauer Kirche eine Handschrift dieser Lebensbe- 
schreibung von dem Chorbischof Madalwin*). 

Diese Handschrift erregte in jenen Gegenden großes Aufsehen 
wegen der in ihr vorkommenden Erwähnung einer großen alten Römer- 
stadt Favianae, von der man nirgends eine Spur entdecken konnte. 
Da jedoch bei Wien alte Römersteine aufgegraben wurden, zweifelte 
man nicht, Favianae gefunden zu haben ; eine Ansicht, welche sich bis 
in die neuesten Zeiten erhalten hat und sich bei allen Schriftstellern 
wiederfindet**). Galt nun Anfangs des 10. Jahrhunderts bis herauf in 
unsere Tage Wien allgemein für die große alte römische Donaustadt 
Favianae, sollte es wohl etwas auffallendes haben, wenn in der Grund- 
lage unsers Liedes, die Ende des 10. Jahrhunderts aufgezeichnet wurde, 
Wien an Stelle des alten Favianae als große Handelsstadt erscheint? 
Damit wäre dann auch zugleich der Anachronismus beseitigt, wenn 
Etzel in Wien seine Hochzeit feiert und sein Vasall Rüdeger von dort 
seine Ausrüstung holt. Stand Wien aber einmal in der ersten Auf- 
zeichnung der Grundlage unseres Liedes, so wird es wohl auch von 
dem eigentlichen Dichter beibehalten worden sein, zumal da ja auch 
zu seiner Zeit die Ansicht noch Geltung hatte, Wien sei das alte Fa- 
vianae. So dürfte also die Nennung Wiens im Nibelungenlied wohl vom 
ursprünglichen Dichter herrühren. KNÖFFLER. 



MHD. IENER, NIENER, NIUWÄN, NIUWENE 
UND NIENE. 



Ein in meinen Besitz gelangtes, von G. F. Benecke beschriebenes 
Blättchen enthält u. A. eine Vergleichimg von mhd. wiener mit engl. 
never, indem Ben. aus Diut. III, 43 die Wendung: „?z ne sl wiener so 
tief" und eine, ähnliche mit n nie sö u zusammenstellt mit den englischen 
Wendungen: „so deep as ever, (oder) as never u . Grimm, der die Rück- 
seite des Blättchens benutzt hat, weist eine Vergleichung von niener 
mit engl, never zurück und fährt fort: „Ich weiß über niener und neuer 



*) Mon. Boic. XXVIII, 2, 201. 
**) Cfr. oben Bolland I 483justa Favianas sivo Viennam u. Wattenbach Deutsch- 
lands Gesehiehtsqucllen 8. 34. 



MHD. IENER, NIENER, NIUWAN, NIUWENE UND NIENE, 347 

noch nichts Anderes als das (Gramm.) III, 221 und 225 Gesagte, ob- 
gleich damit das Käthsel noch nicht gelöst ist". — Man ersieht hieraus, 
daß Grimm an der landläufig gewordenen Erklärung von niener als 
nw-in-eru denn doch selbst gezweifelt hat. Dagegen scheint zu sprechen 
einmal das seltene Vorkommen von era*) schon im Alth., ferner die 
etymologische Beziehung dieses Wortes auf das Ackerland, die Erdflur, 
sowie der Umstand, daß iener, niener im Alth. und Mhd. häufig 
genug auch nicht local **) gebraucht werden. Letztere beiden Einwürfe 
ließen sich allenfalls durch Annahme einer allmählichen Übertragung 
erklären. 

Nicht zu übersehen ist aber, daß, wie schon Graff besonders her- 
vorhob, im ahd. Boethius und auch sonst das Wort ioner, resp. nvoner 
geschrieben ist, und außerdem sind die Nebenformen ionar (bei Graff, 
a. a. O.), ienar und iena (d. h. ienä?) bei Lexer doch auch zu be- 
achten. Darnach versuchte Graff, dem auch die ursprünglich locale 
Bedeutung zweifelhaft schien, ioner als io in er, entsprechend ags. eon- 
nUre = eo in nitre zu erklären. Aber ein ahd. Subst. er = ags. aldor, 
ealdor Aveist uns weder Graff noch wohl sonst jemand nach ; es scheint 
also, wenn man Grimms Erklärung verlässt, kaum etwas anderes übrig 
zu bleiben, als iener = io in järe, niener = nio in järe zu erklären, 
wodurch also zunächst die in io, nio liegende temporale Bestimmung 
nur genauer speciriciert und insofern verstärkt würde. Eine solche 
Formel ie in järe könnte sogar allitterierend aufgefasst sein, da das 
Altnordische, ohne sonst anlautendes j zu verschmähen, bekanntlich 
är = ahd. jär, got. jer bietet. — Wie also bisher schon hiwre, liinru = 
häi Jim erklärt ist, so könnte ioner, iener (der Nebenformen iender, 
indert u. A. zu geschweigen) zunächst aus ionär, u ner — welche Formen 
bezeugt sind — und dann aus io in järe (oderjwi järu) zwar nicht mit 
Sicherheit, aber ohne allzuviel Kühnheit erklärt werden. Aus der 
temporalen wftrde zunächst die modale, und aus dieser unter Umständen 
auch die locale Bedeutung sieh ergeben. Der Umstand, daß die eigent- 
lich localen Adverbien iergen, niergen (um die mhd. Formen zu setzen» 
auf hochd. Gebiet sich ersl Bpäl ganz einzubürgern vermochten, konnten 
\ eranlassung Bein, in jenen früheren Zeiten die eigentlich temporalen 

•) Gewöhnlich > m angesetzt, doch vgl. Ztschr. für d. Phil. ZV, 814. 
**> Vgl. Grafl [,618 (niener anaj, das Wb. zum [wein s. v. niender, mhd. Wb. 
I 746, 'i, b, Lexer s. w. iener u. niener, Ben. zu [w. 6188 u. W. — An manchen 
Stellen ist es tibrigens zweifelhaft , ob locale oder )>l"ii modale Bedeutung vorliegt, 
und letztere könnte sieb ebenso gul auch aus einei • (wickelt haben 

zumal nio, nie selbst ja ursprünglich temporal 



348 E - WILKEN, MHD. IEXER ,NIENER, NIUWAN, NIUWENE UND NIENE. 

Adverbien i&iier, niener häufiger in modalem und localem Sinne zu 
verwenden, da man für eigentliche Zeitbestimmung ie und nie, iemer 
und niemer zu gebrauchen pflegte. 

Neben dem gewöhnlichen, vielleicht aus niht wan, vielleicht anders 
zu erklärenden niuwan (vergl. Lachm. zu Nib. 2081, 2; mhd. Wb. III, 489) 
gab es in der alten Sprache eine andere temporale Partikel niuwene 
(mhd. Wb. III 492"), die im Ahd. in nie hwanne = nunquam, iu hicanne 
aliquando, olim und ähnlichen Bildungen auftritt (s. G raff IV, 1204). 
Wenn Lachmann zu Iw. 2148 dieß niuwene = niene setzt, so hat er 
zunächst wohl mehr die Bedeutung im Auge, aber es kann recht wohl 
niene in allen den Fällen, wo es nicht etwa aus nie-\-ne entstanden ist, aus 
jenem älteren niuwene entstanden sein, wogegen auch die Schreibung 
nihne, die Benecke im Glossar zum Iw. S. 295 in der Weise anführt, 
als ob sie für die Etymologie niene = niht ne spräche , nicht ent- 
scheidet. Denn nihne mag aus ni-hwene, und ebenso nihwan (= niuwan 
Diut. III, 460 nach Ben.) aus ni-hwan entstanden sein. Niuwan könnte 
darnach einfach als ni-hwan seil, wärt aufgefasst werden, und würde 
dem ins Nhd. „nur" übergegangenen ni wdri ganz nahe stehen, woran 
auch der stets umsichtige E. Gr. Graff (I, 857 oben) schon gedacht zu 
haben scheint. — Nehmen wir also nicht etymologische Scheidung, 
sondern nur praktische Unterscheidung von niuwene = niene, niuwan = 
engl, but (in vielen Fällen) an*), und fassen das ausschließende wan 
als eine wenn nicht Apocope aus niuwan, doch als eine elliptische 
Redeweise auf, welche die Negation unausgedrückt lässt, so werden 
wir auch die Möglichkeit, daß beide Bildungen sich gelegentlich etwas 
verwirrt haben, nicht bestreiten. Im Gregor v. 338 ist niwan sehr 
passend dem alten niuwene gleichzusetzen: „daß war nun (in der Tiefe 
des Schmerzes) ihre beste Freude, daß sie nicht aufhörte zu weinen, 
daß sie aus vollem Herzen weinen konnte". So findet im ersten Gudrun- 
lied der Edda die Unglückliche erst beim Anblick der Leiche Sigurds 
Thränen und damit menschliches Gefühl wieder, und an Goethes Wort 
im Faust: „Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder" brauche ich 
wohl kaum zu erinnern. E. WILKEN. 



*) Womit icli die mögliche Richtigkeit der Etymologie niene = niht ne, niu- 
wan = niht >ran für einige Fälle nicht will geläugnet haben. 



IG. ZINGERLE, NÖNE. - KÖHLER u. ZINGERLE, NACHTRÄGE. 349 

NÖNE. 



Fr. Pfeiffer machte zu den Waltherschen Versen: 

s'ist vor und nach der none 

vil fül und ist der wibel vol 
die Anmerkung: „none der Himmelfahrtstag, so genannt von der neunten 
Stunde (drei Uhr Nachmittags), in welcher Christus gen Himmel ge- 
fahren sein soll, daher auch heute noch diese Stunde durch eine feier- 
liche Messe besungen wird." Abgesehen davon, daß Nachmittags nie 
eine Messe gelesen wird, scheint mir die Bemerkung nicht ganz treffend. 
Der Himmelfahrtstag heißt wohl deßhalb None, weil die None an 
diesem Feste um drei Uhr Nachmittags feierlichst gesungen und auch 
mit der Darstellung der Himmelfahrt Christi begleitet wurde, wie letz- 
teres noch in vielen Dorfkirchen Tirols und anderwärts geschieht. Vgl. 
Leoprechting aus dem Lechrain 178, Birlinger, Volkstümliches aus 
Schwaben I, 93, Wolf, Zeitschrift für d. Myth. II, 102, Tirol. Sitten 
S. 155, 156. Eine Beschreibung der None an diesem Feste gibt eine 
Kirchenordnung zu Meran vom Jahre 1559, die Cölestin Stampfer in 
seiner Chronik von Meran (Innsbruck 1867) S. 220 und ich in den 
Sitten des Tiroler Volkes II. Aufl. S. 156 mittheilte. 

IG. ZINGERLE. 



NACHTRÄGE ZU LEMCKES JAHRBUCH VI, 350. 



1. Von der bekannten Philippine Welser (f 1580), der Gemahlin 
des Erzherzogs Ferdinand, heißt es im Zedler'schen Universal-Lexicon, 
Bd. LIV (Leipzig und Balle 1747. Sp. L618: 

'sie hatte ein»; bo zarte Kehle, daß man ihr den rothen Wein Bähe 
hinunter laufen, wenn sie trank. 

2. In Wirtemberg wurde, wie einem altern Freunde von mir Beine 
ßmutter erzähll hat, von der ersten Gemahlin des Herzogs Karl, 

Elisabeth Friederike Sophia von Brandenburg Baireuth vermähll im 
J. 1748 sie habe einen bo weißen and zarten Hals gehabt, 

daß man den Burgunder, wenn Bie trank, habe durchscheinen sehen. 

3. In eiiirin Gedichte 'The Lied'- Marie 9 des schottischen Dichters 
Allan Cunningham _!.. 1784 1842) lautet eine Strophe: 



350 F. LATENDORF, ZU LAUREMBERGS SCHERZGEDICHTEN. 

Fu' white, white was her taper neck, 

Twist wi' the satin twine, 
But ruddie, ruddie grew her hawse, 

While she supp'd the blude-red wine. 

4. In einem kirgisischen Gesang bei W. Radioff, Proben der Volks- 
Jitteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens III, 226, heißt es bei 
der Beschreibung einer Schönen : 

Durch ihre Kehle ist die genossene Speise zu sehen. 

5. Wie sie (die Zarin Helene) schön ist! Man sieht bei ihr, wie 
das Mark aus einem Knochen in den andern fließt. 

Anton Dietrich, Russische Volksmärchen, S. 35. 

6. Durch das Fleisch hindurch waren die Knochen sichtbar; durch 
die Knochen hindurch war das Mark sichtbar. Das Innere der Wohnung; 
wurde erleuchtet von ihrer Schönheit. 

Altaisches Märchen bei Radioff a. a. O. I, 11. 

R. KÖHLER. 

Allgemein erzählt das Tiroler Volk, daß Philippine Welser so 
schön und zart gewesen sei, daß man den rothen Wein durch ihren 
Hals fließen sah, wenn sie solchen trank. G. Seidl singt von ihr: 
„Hatf einen Hals wie Schnee so rein, 
Man sah's, wenn durch die Adern 
Ihm floß der rothe Wein" 

Tirol. (Innsbruck 1852) S. 117. 
Dieser Zug kommt auch in einem Odenwälder Märchen vor. Das 
Märchen: „Die getreue Frau", beginnt: „Ein König hatte eine Tochter, 
die war überaus schön und klar und hatte eine gar feine und zarte 
Haut; wenn sie rothen Wein trank, konnte man sehen, wie er ihr durch 
den Hals herunter lief". J. W. Wolf, Deutsche Hausmärchen S. 98. 
In der Krone 20 b liest man: 

„Camille mit der wizen kein, 
diu daz niht moht vernein, 
wan sach den wm durch die kel." 
Conrad von Würzburg sagt: 

„ir kel unmäzen liehtgevar 

gäp so lüterlichen schin, 

daz man da durch den klären wm 

sach liuhten, swenne si getranc." 

Partenopier 8692. 

IG. ZINGERLE. 



E. KÖLBING, ZU GUDRUNARKVIDHA II. $5J 

ZU LAUREMBERGS SCHERZGEDICHTEN. 



IV. 5G9. 70. se (sc. die hochd. Sprache) is so lappisch und so ver- 

brüdisch, 

das men schier nicht weet, of it welsch is edder düdisch. 

Lappenberg im Glossar: verbrüdisch adj. verdorben, verhudelt. 

Dagegen ist zu erinnern, daß die Formation auf isch active Kraft hat, 

das Verb, brüden — necken, täuschen; also verbrüdisch einfach = neckisch, 

irreführend. Dazu stimmt auch der Gedanke des Consecutivsatzes. 

II 481 wer it man so de schick, 

und einer men begünd to parfumeren sik 
mit fruwenbehoin, mit junfernbdellion , 
man würde finden genoech, de it na würden dohn. 
Lappenb. in den Anm. jungfernbdellion, ein wohlriechendes Harz, 
welches an Gestalt und Geruch der Myrthe ähnlich ist. — Eis ist 
möglich, daß eine besondere Art ßdiXXiov mit dem Beiwort jungfernbd. 
als das Non plus ultra von Wohlgeruch bezeichnet werden kann, ich 
bezweifle es, da ich wohl von Jungfernhonig, noch nie von Jungfern- 
harz gehört habe; aber sicher ist es auffallend, daß L. mit keiner Silbe 
auf den argen Doppelsinn hindeutet. Lauremberg meint einfach: Wie 
mau die Excremente eines Thieres, den Bisam ohne Ekel als Schön- 
heitsmittel verwende, so könnten auch — salva venia — menschliche 
Excremente als Parfümerien dienen. Der schlagendste Beweis für die 
Richtigkeit dieser Erklärung liegt in dem danebenstehenden fruwen- 
oin, sodann in v. 458 was der schönen fruw im hembde blift be- 
kleven und v. 491 holla, holla, nu springt de feder alto wit ff. Behoin 
fehlt bei Schiller- Lübben. — Laur. ist eben bei allem Humor und 
histor. Werthe doch ohne griechische Grazie; er gibt keine reine Be- 
friedigung 

SCHWERIN, 8. Aug. 1871. F. LATENDORF. 



ZU GUDRUNARKVIDHA IT. 



Sammtliche Herausgeber der Edda, auch Ettmüller (Beiträge zur 
Kritik der Eddalieder, Germ. XIX, S. 9) behalten Gudr. II v. V (Bu 

die Lesart der Handschriften bei: Qrani rann ai /"'».'/'" Nur .1. Zupitza 



352 LITTERATUR: FORSCHUNGEN ÜBER DAS NIBELUNGENLIED. 

(Ztschr. f. d. Phil. IV S. 448) machte mit Recht darauf aufmerksam, 
daß dieselbe keinen befriedigenden Sinn gibt. „Das natürlichste ist 
doch anzunehmen, daß das Pferd, nachdem sein Herr ermordet, und 
da sein Sattel leer und es sich selbst überlassen ist, nach Hause läuft. 
Ich vermuthe daher, daß für at pingi zu lesen sei at gardi oder etwas 
synonymes". 

Vielleicht lässt sich noch einfacher bessern. In der Prosa zu 
„Brot af Sigurdarkvidu" (Bugge S. 241) heißt es: . ... ok svd segir i 
Gudrünarkvidu inni fornu, at Sigurctr ok Gjüka synir hefdi til pings 
ridit, pd er hann var drepinn. Hier muß doch offenbar von einem wirk- 
lichen ping, einer Gerichtsversammlung die Rede sein, nicht von der 
Zusammenkunft der Jäger nach Vollendung der Jagd. Und selbst wenn 
das letztere gemeint wäre, so würde der von Zupitza verlangte Sinn 
gewonnen, wenn wir an unserer Stelle für at pingi lesen: af pingi. 
Daß Grani nach Hause läuft, versteht sich von selbst. 

BRESLAU, Juli 1874. E. KÖLBING. 



LITTERATUR. 



Dr. Hermann Fischer, die Forschungen über das Nibelungenlied seit Karl 

Lachmann. Eine gekrönte Preisschrift. Leipzig 1874. F. C. W. Vogel. 

IV, 272 S. 8. 
Dr. Karl Vollmöller, Kürenberg und die Nibelungen. Eine gekrönte Preisschrift. 

Nebst einem Anhang: Der von Kürnberc. Herausgegeben von Karl Sim- 

rock. Stuttgart, Meyer und Zeller. 1874. 48 S. 8. 
Beide Schriften verdanken ihre Entstehung der im J. 1871 von der 
Tübinger philosophischen Facultät gestellten Preisaufgabe: „Die neuesten Theo- 
rien über Entstehung und Verfasser des Nibelungenliedes sollen dargestellt 
und kritisch beleuchtet werden": gewiß eine zeitgemäße Aufgabe, wenn man 
erwägt wie immer schwieriger es für denjenigen wird, der nicht mitten in den 
Nibelungenstudien steht, sich in der Litteratur zurecht zu finden. Von beiden 
Schriften behandelt nur die von Fischer die Aufgabe in ihrem ganzen Umfange, 
während die zweite nur einen einzelnen Punkt, nämlich die Autorschaft de« 
Kürenbergers, bespricht. Fischers Buch zerfällt in zwei Theile, deren erster 
die Entstehung des NL., der zweite die Frage nach dem Verfasser zum Gegen- 
stande hat. Jener beginnt mit der Handschriftenfrage, mit einer Darlegung der 
vorhandenen Theorien, ruhig referierend, zum Theil mit den Worten der be- 
treffenden Autoren , mit unter den Text gesetzten Anmerkungen. So werden 
die Ansichten von Lachmann, Holtzmann, Zarncke u. s. w. bis auf die von mir 
aufgestellte durchgegangen und dann kritisch beleuchtet. Fischers Resultate 



LITTERATUR: FORSCHUNGEN ÜBER DAS NIBELUNGENLIED. 353 

stimmen mit den meinigen überein, nur darin weicht er von mir ab, daß er 
das gemeinsame Original der beiden uns erhaltenen Textgestalten in die Zeit 
um 1170 setzt, während ich es schon um 1140 verfasst und um 1170 zum 
ersten Male umgearbeitet glaube. Meine Annahme einer zweifachen Umarbeitungs- 
stufe, der einen um 1170, der andern um 1190 — 1200, stützte sich darauf, 
daß die freiesten der in den Nibeluugentcxten stehen gebliebenen Assonanzen 
sich nicht später als um die Mitte des 12. Jahrhs. nachweisen lassen. Aber 
auch wenn sie, was ich nicht glaube, in späterer Zeit noch vorkämen, so würde 
neben ihnen immer auffallend bleiben die überwiegend große Zahl von Reimen, 
die in beiden Bearbeitungen (B und C) stimmen, mithin der gemeinsamen Vor- 
lage angehören. Ein Dichter, der sich Reime wie Hagene : menege und ähnliche 
erlaubte, wird überhaupt kein für Reimgenauigkeit sehr empfängliches Ohr be- 
sessen, mithin überwiegend noch in Assonanzen gedichtet haben. Etwas anderes 
ist es dagegen, wenn ein im Übrigen schon strenger reimender Bearbeiter 
manches stehen ließ, was erst die Bearbeiter au der Scheide des 12/13. Jhs., 
und selbst diese nicht consccpient, entfernten. Auch kann ich nicht leugnen, 
daß ich in manchen Partien des NL. eine Stütze meiner Annahme einer Mittel- 
stufe finde. Die Strophen des Eingangs 6 — 12, die durch ihren nichtssagenden 
Inhalt Anstoß erregen und mir des Dichters nicht würdig scheinen, betrachte 
ich als Interpolation des ersten Umarbeiters, und finde eine Bestätigung darin, 
daß hier, was sonst kaum vorkommt, in sieben Strophen nacheinander achte 
Halbzeilen mit ausgefüllten Senkungen begegnen. Ich kann mir nicht denken, 
daß derselbe Dichter, den ja auch Fischer als den Dichter der NL. in seiner 
ursprünglichen Gestalt ansieht, die schönen seinen Namen tragenden lyrischen 
Strophen und daneben, wie man doch annehmen müsste, in seinen besten 
Mannesjahren in seinem großen epischen Gedichte so gehaltlose Strophen ver- 
fasst haben sollte. Also nicht die Assonanzen allein, sondern mehr noch die 
innere Beschaffenheit des Liedes, wie es den beiden uns erhaltenen Bearbeitungen 
vorlag, veranlasst mich auch jetzt meine frühere Ansicht zu vertheidigen. — 
Der zweite Abschnitt des ersten Theiles beschäftigt sich mit der Nibelungen- 
sage; es werden hier die historischen und mythischen Deutungen in gleicher 
Weise erst dargelegt, dann kritisch beurtheilt. Ein dritter Abschnitt behandelt 
die historischen Verhältnisse und Vorläufer des NL., und hier am ausführlichsten 
die Klage und die in ihr enthaltene Nachricht von einer Aufzeichnung der 
Nibelungensage im 10. Jahrb. Die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht zieht F. 
mit Recht nicht in Frage? daß es eine lateinische Aufzeichnung war, ist un- 
zweifelhaft, weniger sicher, ob eine poetische, aber immer wahrscheinlicher als 
eine in Prosa. Im /.weiten Theile der Schrift, welcher die Frage nach dem 
Verfasser erörtert, gelangt F., nachdem er die Bedenken gegen (He Liedertheorie 
und deren Durchführung besprochen, zu der zuerst von Pfeiffer aufgestellten 
und dann von mir weiter geführten Ansicht, daß das Nibelungenlied in seiner 
ursprünglichen Gestalt vom Kürenberger verfasst sei. und tritt dieser Ansicht 
l"i, nur daß er die AI NL. nicht um 11 10 — 1150) Sündern etwa 

-" 30 Jahre pätei etzt. Da Buch wird bei seiner Leidenschaftslosen Haltung 
nicht M einen günstigen Eindruck zu machen und wird gewiß Vielen 

d Führer in dem Labyrinthe streitender Meinungen willkommen sein. 

::■■. VII. (MX. Jahrg ) 23 



354 LITTERATUR: FORSCHUNGEN ÜBER DAS NIBELUNGENLIED. 

Zu wesentlich anderen Resultaten gelangt in der einen Frage, die seine 
Schrift allein behandelt, Vollmöller*). Nach ihm entbehrt die von Pfeiffer 
aufgestellte Ansicht der Begründung und sein Büchlein ist ein Versuch dieselbe 
zu entkräften und zu widerlegen. Allein wenn er Pfeiffer gegenüber auf die 
Frage, ob das NL. in der Gestalt, wie wir es besitzen, Umarbeitung eines 
älteren Gedichtes sei, nicht einzugehen brauchte, so lag die Sache ganz anders 
gegenüber meinen Untersuchungen. Denn in diesen ist die ganze Kürenberg- 
hypothese basiert auf die Ansicht einer älteren Textgestaltung und empfängt 
aus ihr hauptsächlich ihre Begründung. Vollmöller ist also im Unrecht, wenn 
er S. 43 sich der Notwendigkeit, auf die Frage der Umarbeitung einzugehen, 
überhoben glaubt; denn auch wenn das Eigenthumsrecht an einer Strophe für 
das 12. Jahrh. nicht erwiesen werden kann, so werden damit die aus meiner 
Ansicht sich ergebenden Wahrscheinlichkeitsgründe keineswegs hinfällig. Ein 
lyrischer Dichter aus Osterreich, ein epischer, der in denselben Gegenden die 
genaueste Ortskenntniss zeigt; beide aus derselben Zeit (denn daß die Original- 
gestalt des NL. nicht der Zeit des Kürenbergers angehört, musste V. durch 
Widerlegung meiner Untersuchungen beweisen) ; beide in derselben Strophenform 
dichtend; beide im metrischen Gebrauche der Strophe durchaus stimmend; beide 
vielfach in eigenthümlichen Ausdrücken sich berührend — gewiß, das sind keine 
mathematischen Beweise (und wie viele solche haben wir überhaupt in unserer 
altd. Litteratur !), aber von einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit darf da 
doch wohl gesprochen werden. Der Widerlegung des letzten Punktes hat V. die 
Hälfte seiner Schrift gewidmet, und er hat mit großem Fleiße Belege gesammelt, 
um zu zeigen, daß die Übereinstimmung in Ausdrücken sich ebenso bei andern 
Schriftstellern findet. Allein er hätte scheiden sollen zwischen dem, was in 
diesen Übereinstimmungen an sich gar nicht beweisende Kraft hat, sondern 
dieselbe erst empfängt durch das, was wirklich eigenthümlich ist. Jene Kategorie 
durch Häufung von Beispielen aus anderen Gedichten zu widerlegen war ganz 
überflüssig. Es kann sich also nur darum handeln, ob die Belege der zweiten 
Art durch V's Sammlerfleiß entkräftet sind. Dieser Art sind Kürenb. 8, 21 
so erblüejet sich min varwe = Nib. 239, 4 do erblüete ir liehtiu varive. V. hat 
eine Parallelstelle aus Wolframs Titurel (109, 4 B) beigebracht: Sigünen glänz 
sol dine varwe erbliien, also gerade aus Wolfram, der erwiesenermaßen das NL. 
in dem Texte C gekannt hat. Denn die Stelle aus dem Passional liegt ferner 
ab, nicht darum handelt es sich das Verbum erblüejen sonst noch nachzuweisen, 
sondern die bestimmte Verbindung desselben , die an jenen 2 (3) Stellen er- 
scheint. Die zweite Hauptstelle ist Kürenb. 8, 31 und NL. 1723, der Gebrauch 
von gellch. Vergleicht man die von V. beigebrachten Stellen, so ist ein wesent- 
licher Unterschied der, daß an jenen beiden gellch bedeutet dieselbe Gestalt 
habend', an den andern mag die Grimmsche Übersetzung nach etwas aussehend 
passen. Es soll keineswegs gesagt sein, daß Volkers Fiedelbogen wie ein Schwert 
aussah, sondern wirklich ein Schwei't war, und beim Kürenb. daß das, was sie 
im Herzen trägt, wie ein Mensch aussieht, sondern ein Mensch ist. Und so mag 
man sich drehen und wenden wie man will, die genaue Übereinstimmung in 
charakteristischen Ausdrücken ist vorhanden. Und auch in an sich nicht charak- 



*) Fischer hat im Anhange seines Buches sich mit Widerlegung der Vollmöllerschen 
Schrift beschäftigt. 



LITTERATUR: FORSCIUWCJF.X llWAl DAS NIBELUNGENLIED. 355 

teristischen. V. nennt es einen Zufall, daß der Ausdruck trürigen muot gewinnen 
nur im NL. und beim Kürenb. vorkommt; aber ist der Zufall nicht merk- 
würdig? Und so oft versüenen mit Object einer Person oder Sache erscheint, 
so doch nirgend in der Verbindung vil ivol versüenen, die im NL. und beim 
Kürenb. erscheint. Auch das ist ein Zufall, ja, aber derselbe, wie wenn sonst 
geläufige Ausdrücke bei einem Autor sich linden, bei einem andern nicht. Die 
Wendung daz (isen-)gewant bringen (S. 33) ist gewiß eine nichts beweisende; 
aber wieder ein merkwürdiger Zufall ist es, daß die imperat. Wendung nu 
brinc mir eben nur an zwei Stellen des NL. und einer des Kürenb., und zwar 
an allen drei Stellen am Anfang der Langzeile zu belegen ist. Nun bedenke 
man auch, daß V., um die Parallelen zu entkräften, einen ziemlichen Theil der 
mini. Poesie und die Wörterbücher ausgezogen hat; man vergleiche aber ein- 
mal nur zwei Dichtungen, wovon die eine von so geringem Umfange wie die 
Kürenbergstrophen, und man wird linden, daß nicht nur die Zahl der Parallelen 
verhältnissmäßig viel kleiner ist, sondern daß namentlich die charakteristischen, 
sonst nicht belegten Wendungen sich nicht leicht in je zwei Dichtungen so 
wiederfinden werden. Man muß nur freilich nicht, wie V. S. 36 thut, die Kudrun 
heranziehen, weil diese entschieden das NL. nachgeahmt hat, wie, sich an einer 
Menge von Stellen mit Sicherheit zeigen lässt. Es ist durchaus eine willkürliche 
Behauptung, daß nur in den Zusätzen die Nachahmung vorkomme; erst beweise 
man mit objeetiven Gründen, was Zusätze sind. 

Ich lege, wie gesagt, auf das von Pfeiffer behauptete Eigentumsrecht 
an der Strophenform kein Gewicht, kann aber doch nicht umhin zu bemerken, 
daß der von V. S. 10 versuchte Beweis der Entlehnung im 12. Jahrh. wohl 
nur dem Verf. so leicht zu führen scheint. Die von ihm angeführten Beispiele, 
die die Entlehnung darthun sollen, hat bereits Fischer in dem Anhange S. 258 ff. 
besprochen und die Nichtigkeit der darauf gestützten Behauptung dargethan. 
Auf epischem Gebiete werden Alphart und Ortnit entgegengehalten. Die Ab- 
fassungszeit des Alphart, den wir nur in einer Umarbeitung des 15. Jahrhs. 
besitzen, wird sich schwer feststellen lassen. Die darin vorkommenden Asso- 
nanzen sind, wie schon Pfeiffer bemerkt hat, der Art, daß sie keineswegs eine 
Allfassung im 12. Jahrh. beweisen, und nur der eine Reim liep : niet ließe sich 
geltend machen. Denn die vereinzelt vorkommenden klingenden Ausgänge der 
ersten und zweiten Zeile der Strophen begegnen, wie ich in meinen Unter- 
suchungen gezeigt, auch noch später. Ein Beweis ist also aus dem Alphai t 
weder für noch gegen die Autorschaft des Kürenb. zu gewinnen; die beiden 
von mir hervorgehobenen übereinstimmenden Stellen einerseits zwischen NL. 
und Alphart (wo die Übereinstimmung sich auf eine ganze Langzeile erstreckt), 
andererseits zwischen Alphurt und Kürenb. (wo sie eine Hall) teile, mit eigen- 
tümlicher Betonung, umfasst) sind merkwürdig genug und können nicht wie bei 
der Kudrun aus Nachahmung des NL. erklärt weiden, von der der Alphart 
b. Was V. S. 14 f. von Parallelstellen heranzieht, b c nichts; 

denn nicht um das häufige Vorkommen des Ausdruckes daz lant römen handelt 
es sich, sondern um die gleiche Halbzeile, die nicht einfach aus der Gleich- 
heit der Strophe, zu erklären it. wie V. S. 24 meint, das Versmaß würde 
ebenso natürlich auf die Wortstellung er muoz mir rinnen diu lant geführt 
haben, l'nd bei der anderen Stelle ist esV. nichl gelungen mit aride, 

>i (schaff, suonc als Obj. nachzuweisen, mich weniger die Verbindung von je 



356 jLITTERATUR: FORSCHUNGEN ÜBER DAS NIBELUNGENLIED. 

zweien dieser Subst. mit dem Verbum , am wenigsten die gleiche Anlage und 
Wortstellung der Zeilen. Die drei Stellen enthalten kein an sich merkwürdiges 
Wort und doch finden sie sich nirgend so in der ganzen altd. Litteratur. Mit dem 
Ortnit steht es ähnlich wie mit dem Alphart: auch er ist nur in Umarbeitungen 
erhalten. Denn wenn auch Müllenhoffs Annahme, er sei um 1225 gedichtet, 
die richtige sein sollte, so ist gewiß, daß um diese Zeit die Nibelungenstrophe 
noch durchgängig vier Hebungen in der achten Halbzeile hatte, wie die Inter- 
polationen in b und die Gruppe der I angehört beweisen. Übrigens ist zwischen 
der Zeit um 1150 und 1225 doch ein zu großer Abstand, als daß man ohne 
weiteres die litterarischen "Verhältnisse der einen auf die andere übertragen 
dürfte. 

S. 37 geht V. zu der Frage über, ob der Kürenberger überhaupt der 
Verf. der untei« seinem Namen überlieferten Strophen sei. Es kommt dabei alles 
auf die richtige Auffassung von MFr. 8, 5 an; denn dass die Hss. in der Bei- 
legung von Liedern oftmals irren, weiß jeder und kann doch nur die Möglich- 
keit darthun, daß der gleiche Fall hier vorgekommen. Bezüglich der Auffassung 
des Zusammenhangs verweise ich auf meine Darlegung in German. XIII, 243, 
die V. zu widerlegen nicht einmal versucht hat. Einspruch erhoben werden muß 
gegen den leichtsinnigen Schluß, der S. 40 f. gemacht wird: weil im NL. die 
klingenden Ausgänge der ersten und zweiten Zeile selten, in den Kürenberg- 
strophen häufig siud, so soll daraus folgen, daß in früheren Zeilen die klingenden 
Ausgänge das Gesetz der beiden ersten Langzeilen der Nibelungenstrophe ge- 
bildet haben, und weil der Verf. der Kürenberglieder nur in sechs Strophen 
klingende Reime hat, so kann er die Strophe nicht erfunden haben. Ich will 
mich weiterer Bemerkungen über diese Art, Schlüsse zu ziehen, enthalten, eine 
Widerlegung verdient dergleichen nicht. — Den Schluß des Büchleins bildet 
ein Herstellungsversuch der Kürenbergstrophen durch Simrock. Aber gleich in 
der ersten Zeile begegnet ein unglaublicher Vers, vil lieber vriunt soll nämlich 
mit vier Hebungen gelesen werden, so daß auf vriunt zwei kommen! Allerdings 
wer des gdhdzze — niuwet wecken — schöne vliegen — tunkelsterne — mit je vier 
Hebungen liest, bringt auch jenes Kunststück zu Stande und setzt sich wohl 
auch über die sprachlichen Bedenken neben den metrischen hinweg. Man muß 
sich nur wundern, warum dann nicht auch die stumpfausgehenden Halbzeilen 
mit vier Hebungen gelesen werden, ein rumin diu ldnt } duz ist sche'delieh etc. 
würde metrisch nicht unmöglicher sein als die vorhin angeführten mit klingendem 
Ausgange. Str. 1 ist, um die Variation zu beseitigen und auf die übliche 
Strophenform zu bringen, nach der eingeschobenen Halbzeile eine Lücke an- 
genommen, wie schon früher Wackernagel that, und in der zweiten ebenso ge- 
bauten Strophe (bei Simrock Lied 8) eine ganze Ilalbzeile gestrichen; außerdem 
soll hier minne : min ist einen Cäsurreim bilden! Denn das kann doch nur durch 
die gesperrt gedruckten Worte in den Cäsaren dieser Strophe ausgedrückt sein. 
Während hier ein unmöglicher Cäsurreim angenommen wird, ist dagegen der 
vorhandene Cäsurreim betwingen • minne S. 46 Str. 1, nicht bezeichnet, der doch 
gerade so ein Keim ist wie der Endreim dune : singen S. 45. 

So wenig gelungen wie V's Versuch ist, so weuig ist es auch derjenige, 
den ziemlich gleichzeitig Schercr in der Zeitschrift für deutsches Alterthum 
17,561 ff. gemacht hat. Er stellt vier Argumente auf, welche alle stichhaltig 
sein müssen, wenn die Ansicht, der Kürenberger sei der Verf. des NL. als be- 
wiesen gelten soll. Von einem Bewiesensein dieser Ansicht habe ich nie ge- 



LITTERATUR: FORSCHUNGEN ÜBER DAS NIBELUNGENLIED. 357 

sprochen, nur von einem hohen Grade von Wahrscheinlichheit. Daß die beiden 
ersten Argumente, das Eigenthumsrecht auf eine lyrische oder epische Strophe, 
im 12. Jahrh. von geringer Bedeutung sind, habe ich schon vorher (S. 355) 
hervorgehoben. Was zur Widerlegung derselben von Seh. beigebracht worden, 
ist ebenfalls schon bei Besprechung der Vollmöllerschen Schrift abgethan. Das 
dritte Argument, für mich das wichtigste, daß das NL. Bearbeitung eines älteren 
Gedichtes in Assonanzen ist, soll S. 5G6 ff. widerlegt sein. Wie aber Seh. mein 
Buch gelesen hat, beweist er schon durch die leichtsinnige und unwahre Be- 
hauptung, daß ich den ersten Langvers einer beliebigen Strophe des NL. aus 
A und den darauf reimenden aus B nehme und auf diese Weise ungenaue 
Reime bekomme. Also Seh. weiß nicht einmal so viel aus meinem Buche, daß 
für mich A und B gar keine versehiedenen Bearbeitungen sind, sondern der- 
selben Bearbeitung angehören, von der A nur eine verkürzende Hs. ist. Seh. 
will nur die Möglichkeit zugeben, daß auf diese Weise die Abweichungen der 
Bearbeitungen (nämlich B und C) erklärt werden können. Also doch eine Mög- 
lichkeit! Aber eine Unmöglichkeit ist es, daß die Abweichungen von C aus B 
oder A, und die Abweichungen von BA aus C zu erklären sind, nämlich alle, 
natürlich nicht die einzelnen, weil jede Bearbeitung Ursprüngliches und Umge- 
arbeitetes hat. Gleich oberflächlich ist das was über die vorhandenen ungenauen 
Reime des NL. gesagt wird. Seh. bezieht sich dabei auf 'unsere sonstigen Er- 
fahrungen an Überarbeitungen. Ja wenn er nur überhaupt hier Erfahrung 
zeigte — während mein Buch gerade auf die Erfahrungen an Umarbeitungen 
sich stützt (vgl. dazu German. XIII, 221 ff). Er verweist auf die Minnesängerhs. C; 
aber diese zeigt ja gerade dasselbe was die von mir angenommenen Umarbeitungen 
des NL. zeigen! d. h. sie entfernt die alten Assonanzen und lässt sie an andern 
Stellen stehen. Es sollen vielmehr die ungenauen Reime des NL. nach Seh. 
Kunsttradition sein! Das ist eine hochtönende Phrase, nichts weiter, so lange 
dafür keine Analogie beigebracht ist. Und wenn er weiter argumentiert: so gut 
wie der Bearbeiter C in seinen Zusatzstrophen sich die klingenden Reime er- 
laubte, so konnten es auch die jüngeren Bearbeiter mit den Reimen Hagene : 
me etc. halten, so ist der Unterschied eben nur, daß jene klingenden Reime 
in den Zusatzstrophen von C genaue sind, hier aber ungenaue. Daß auf so 
alterthümliche Reime wie Hagene : gademe, : menege etc. jemand am Anfange 
des 1 3. Jahrhs. kam, ohne daß er sie in seiner Vorlage fand und daraus stehen 
ließ, auch dafür müssten erst unbestrittene Analogien, wie ich sie für das von 
mir angenommene Verfahren der Umarbeiter thatsächlieh gegeben, beigebracht 
werden, ehe man dergleichen Behauptungen irgend einen Wertb beilegen kann. 
Die metrische Übereinstimmung zwischen NL. und den Kürenbergstrophen 
wird S. 567 f. besprochen, mit derselben Oberflächlichkeit, mit der meine Au- 
Bichl von ihr älteren Gestalt des NL. behandelt wurde. Und dabei siebt Seh. 
nicht einmal ein, daß, auch wenn seine aus Lachmann entlehnten metrischen 
Grundsätze richtig sind, die Übereinstimmung im metrischen Gebrauche zwischen 
NL. und Kürenb. doch bleibt. Er erhebt \<>n Lachmanns Standpunkte Einsprache 
en '';■• Betonung vei " Verliesen den l>/>. Er meint, wenn 

Betonung richtig, dann würden bei dm Lyrikern oder bei K. von W ürz- 
burg doch Belege wie künet etc. vorkommen. Daß ßie vorkommen kann 

Seh. nicht in Abrede Btellen: er hilft sich bei dem von mir angeführten Bei» 
i Neidh. 50, 16 damit, d rewent mich grä eine vereinzelte 

Freiheit Bei'. Aber hoffentlich wird N. etwas mehr Geschicklichkeil im '■ 



358 LITTERATUR: FORSCHUNGEN ÜBER DAS NIBELUNGENLIED. 

bilden gehabt haben als Seh. ihm zutraut; zu einer Freiheit, die gegen ein 
wichtiges metrisches Gesetz verstieß, lag hier nicht der geringste Grund vor. 
Warum hätte N. nicht geschrieben die verwent mich so grä oder algrä, zumal 
da auch verewent nicht die im 13. Jahrh. allgemein übliche Form war? Bei 
Reinmar 160,33 lebeti anzunehmen berechtigt nichs in den Sprachformen des 
Dichters.' Die Änderungen der Hss. an beiden Stellen beweisen nicht etwa daß 
die Betonung vdrewent, Idbetd in diesem Falle falsch, sondern nur daß sie in 
der Lyrik unüblich war. Und der Grund ist ganz derselbe, aus welchem wir 
in der Lyrik, dergleichen Reimausgänge wie lebende, klagende etc. im 12. Jh. 
selten, im 13. gar nicht mehr fiuden. Wenn Seh. etwas von Metrik versteht, 
wie er sich den Anschein gibt, wird er bei einigem Nachdenken ihn wohl 
ausfindig machen. Auch Walther hat die Betonung ein paarmal, aber die Hss. 
ändern auch hier: so 5, 25 Pf., wo ich geschrieben wederez daz ander iiberstrite; 
die Hss. schreiben der im 13. Jh. üblichen Aussprache gemäß wederz, und 
fügen daher, weil der Vers um eine Silbe zu kurz schien (ein unzähligemal zu 
beobachtendes Verfahren!), eine Silbe ein, Ada, B hie, C spil, EF ir. Noch- 
mals so betont ist dive'derez 97, 6, wo die Hss. auch deweders (ietiveders) schreiben 
und Worte einfügen. Wenn Seh. das seltene Vorkommen solcher Stellen ent- 
gegenhält, so halte ich ihm entgegen, was er aus meinen Untersuchungen schon 
wissen konnte, aber, wenn er es wusste, weislich verschwiegen hat: wie kommt 
es, wenn den lip etc. am Schluße der Strophe zu betonen ist, daß keine zweifel- 
losen Fälle, keine Namen wie Gernot, S">frit, Krienihilt am Schluße der 4. Zeile 
stehen, und daß die klingenden Reime nur auf die erste und zweite Zeile der 
Strophe beschränkt sind ? 

Das letzte Argument , daß die Kürenbergstrophe die Nibelungenstrophe 
sei, glaubt Seh. bejahen zu sollen. Er bringt hier einiges zur Entstehungs- 
geschichte der Strophe bei und bemerkt S. 570 ein zweites vermuthlich älteres 
Verfahren ist die Verkürzung aller Reimzcilen, mit Ausnahme der letzten, um 
je eine Hebung', d. h. das in der Nibelungenstrophe eingeschlagene Verfahren. 
Das völlig grundlose vermuthlich ältere ist absichtlich hinzugefügt, um der 
Nibelungenstrophe ein älteres Dasein zu sichern. Seh. räumt ein, daß der Ur- 
heber der Kürenbergweise Kürenberg geheissen und ein österreichischer Ritter 
gewesen. Aber die Autorschaft des Kürenbergers für die 15 lyrischen Strophen 
wird von Seh. bestritten. Natürlich kommt es hier, wie ich schon bemerkte, 
auf die Erklärung der Strophe MF. 8, 1 — 8 an. Seh. bestreitet meine früher 
gegebene Erklärung und zieht ein modernes Beispiel der Nägelischen Melodie 
heran. Aber mit vollem Rechte hat bereits Fischer (S. 268) dieß Heranziehen als 
pure Prosa bezeichnet; in der That zeigt es von einem auffallenden Mangel 
an Verständniss für Poesie und poetische Situationen. Das subjeetiv zugespitzte 
Raisonnement über Empfindungen von Frauen und Männern, auf welches die 
Annahme eines Dichters und einer Dichterin für die Kürenbergstrophen basiert, 
ist nur ein weiterer Beweis, wie gefährlich es ist mit modernen Anschauungen 
an unsere alten Dichter heranzutreten. 

Ich werde mich , das darf ich ehrlich versichern, dem Gewichte von ob- 
jeetiven Gründen, von historischen Analogien nicht verschließen und mich gern 
eines Bessern belehren lassen; sie müssen freilich eine etwas solidere Basis haben 
als was bisher vorgebracht worden ist. 

HEIDELBERG, August 1874. K. BARTSCH. 



LITTERATUK: BERGMANN, FIÖLSVINNSMAL-GKÖUGALDR. 359 



Vielgewandts Sprüche und Groa's Zaubersang. (Fiölsvinnsmil-Gröugaldr) zwei 
norränische Gedichte der Sajumnds-Edda, kritisch hergestellt, übersetzt 
und erklärt von Dr. Friedrieh Willi. Bergmann. Straßburg. Verlag von 
Karl Trübner 1874. 186 S. 8°. 

In allen Schriften Bergmanns, mögen dieselben Straßburger Volksgespräche, 
Eddalieder, Shakespeare oder Dante behandeln, zeigt sich eine gewisso wohl- 
thuende Ursprünglichkeit, Jugendlichkeit und Frische. Eine solche durchgehende 
Selbständigkeit in der Behandlang wissenschaftlicher Fragen hat aber, so an- 
erkennenswerth sie auf der einen Seite ist, doch auch ihre Gefahren. Der 
Verpflichtung, ehe man an eine neue Erklärung eines Liedes oder einer einzelnen 
Stelle desselben geht, die Aufstellungen Anderer zu widerlegen, oder so con- 
sequent die Urheber von Meinungen, die man billigt, zu citieren, daß wenn 
dieß nicht geschieht, der Leser sicher annehmen darf, man habe dieselben 
nicht gekannt — dieser Verpflichtung kommt Herr Bergmann in seinen lite- 
rarischen Arbeiten durchaus nicht immer nach. Das ist keine absichtliche 
Böswilligkeit, sondern beruht nur auf einer gewissen Einseitigkeit der Methode. 
Aber in Folge dessen befindet man sich oft genug in der Lage, in- einzelnen 
Füllen absolut nicht entscheiden zu können, ob Herr Bergmann sich eine Ansicht 
eigens gebildet, oder von einem anderen Gelehrten übernommen hat. 

Mit dieser unabhängigen Art zu arbeiten hängt Bergmanns sprachver- 
gleichende Methode zusammen, die er seit dreissig Jahren in seinen „Sprachlichen 
Studien", wie gelegentlich in größeren Werken commentarischen Inhalts befolgt 
hat, ohne wohl den Ergebnissen neuerer Sprachforschung genugsam gerecht zu 
werden, eine Methode, die uns Schüler von Georg Curtius oder Schleicher 
freilich sonderbar anmuthet. Durch solche Unebenheiten darf man sich aber 
nicht verleiten lassen, das wirklich Gute und Neue in Bergmanns Leistungen 
zu übersehen. 

Dieß vorausgeschickt, gehe ich zu dem oben genannten Buche über, das 
sich in Form und Einrichtung an die Commentare zu Skirnisfor und Grimnismäl 
(1871) und zu Harbardsljöd (1872) genau anschließt. Das von der Verlags- 
handlung sehr sauber ausgestattete Werkchen behandelt zuerst Fjölsvinnsinäl. 
In der Einleitung wird Zweck, Inhalt, mythologische Bedeutung und Überlieferung 
des Gedichtes erörtert, dann folgt der von B. constituierte Text, hierauf Text- 
kritik und Worterklärung, die Übersetzung und endlich die Erklärung zu dem 
übersetzten Gedichte. Dieselbe Reihenfolge wird bei der Interpretation von 
Grougaldr beobachtet. 

S. 35 ff. legt Herr B. seine Anschauung über die Grundlagen der Edda- 
kritik dar. Ich irre mich schwerlich, wenn ich darin <iii«j Entgegnung auf 
meine Bemerknagen Germ. XVIII, S. 118 f. erblicke. J'>. meint, die beiden 
Perg.-hdschr. der Edda Cod. 11. und Cod. AM. seien selbst nur Abschriften 
älterer Membranen, beeinflußt vou mündlicher Überlieferung und deßhalb, wie 
alle Mannscripte, die nicht ron den Autoren selb I herrühren, auch nicht stets 
als absolute Norm für die Lieder anzu ehen und, obgleich die besten und alte 
doch nicht in allen Schreib- und Lesart« n unfehlbar und einzig und allein maß- 
ad. Wenn ferner die Papierbandschriften auch meistens AI' chriften dieser 
Membranen seien, so sei damit doch nichi . daß den Schreibern außer 

jenen, keine anderen Quellen zu Gehute standen, und daß sie nicht auch Lesarten 



360 LITTERATUR: BERGMANN, FIÖLSVINNSMÄL-GRÖUGALDR. 

aus der mündlichen Tradition aufgenommen haben. Überdieß hätten sie auch 
manchmal aus Conjectur wirklich richtige Lesarten in den Text eingesetzt. 
AVoile man die Lesarten der Membranen allein, exclusiv und absolut als richtig 
anerkennen, so würde der Text an vielen Stellen ganz unverständlich bleiben. 

Es hat aber auch Niemand die Behauptung aufgestellt, die beiden Mem- 
branen seien unfehlbar. S. Bugge, der den bekannten Nachweis über den 
Ursprung der Papierhandschriften geliefert hat, hat oft genug Lesarten von R 
und AM mit Glück emendiert. Daß die Papierhdschr. sich jenen gegenüber oft 
selbständig verhalten, ja ganze Verse einschieben (vgl. Harb. 1. v. 101 bei Bergm. 
und meine Bemerkung dazu Germ. XVIII, S. 120), ist sicher, aber nicht aus 
mündlicher Überlieferung schöpfend, sondern selbst erfindend. Der Beweis ist 
sehr einfach. S. 35 sagt B. selbst, auf Island hätten sich die Eddalieder etwa 
bis ins 14. Jahrb. hinein im Gedächtniss bewahrt. Nun sind die Membranen 
die einzigen Eddahandschriften älter als das 17. Jahrh. (Bugge, Fortale S. XXII). 
2 — 3 Jahrh. waren die Lieder selbst auf Island ganz unbekannt, wie sollen 
also die aus dem 17. Jahrh. stammenden Papierhandschr. auf mündliche Über- 
lieferung bauen können? Daß aber die Abschreiber, mit ihrer Landessprache 
enger vertraut, als wir, zuweilen durch Conjectur das richtige gefunden haben 
mögen, und in dieser, aber nur in dieser Beziehung ihre Lesarten zuweilen 
Beachtung verdienen , das wollen wir Herrn B. gern zugestehen. Auf Fjölsv. 
und Grog, findet alles hier Erörterte selbstverständlich keine Anwendung, da 
diese Gedichte in den Membranen fehlen. 

Jedem, der heut die beiden Lieder zu interpretieren hat, treten drei 
Hauptfragen entgegen: 1. Ist die Behauptung Bugges, Grundtvigs, Lünings und 
Ettmüllers, daß Grougaldr und Fjölsvinnsmal ursprünglich ein Ganzes gebildet 
hätten, als erwiesen anzusehen? 2. Sind beide Gedichte vollständig oder als 
Bruchstücke größerer Lieder zu betrachten? 3. Wenn Fjölsvinnsmal als Ganzes 
für sich betrachtet werden kann, welcher Mythus liegt dem Gedichte zu Grunde? 

Daß die Svendalsvise eine Nachahmung von Grog, und Fjölsv. sei, scheint 
die allgemeine Annahme zu sein. Das liegt in Bugges Worten (Daum, gamle 
folkeviser ed. Grundtvig II, S. G67): „Jeg antager, at eet Kvad , hvoraf vi 
have en senere Formation i Visen om Svejdal, er hievet spaltet i to: Grog, og 
Fjölsv.", und Bergmann (S. 33) ist derselben Ansicht. Das wäre in der That 
kein Ausnahmefall. Sowohl die isl. rrymlur wie die dan. Vise Tord af Havsgaard 
scheinen rrymskvitta zur Quelle zu haben; die dänischen Sigurdslieder sind mit 
freier Benutzung der Edda, noch mehr der Pidreks Saga gedichtet (vgl. Döring, 
Zcitschr. für d. Phil. II, 2G9 ff.) Über das Verhältniss von „Liden Grimmer" 
(Gvundtv. I, S. 352 ff.) zu den isl. Grims n'mur ok Hjalmars läßt sich strei- 
ten, dagegen geht die Vise von Orm Ungersvend og Bermer Eise (Grundtv. I, 
S. 352 ff.) und die isl. Ormars rimur sicherlich auf eine gemeinsame isl. (pro- 
saische oder poetische? vgl. Grundtv. III. S. 775) Quelle zurück. 

Bei der uns zunächst beschäftigenden Vergleichung muß natürlich vor 
allem die Fassung C der Svendalsvise in Betracht kommen (Grundtv. II, S. 244 ff.), 
als dem Nordischen am nächsten stehend. Aber wörtliche Übereinstimmung findet 
sich auch hier nirgends, Gleichheit des Sinnes nur im Allgemeinen. Was den 
Eingang von Ungen Svendal anlangt, so legt Grundtvig die Rede in v. 3 der 
zweiten Gemahlin oder vielmehr der Beischläferin von Svendals Vater in den 
Mund (a. a. 0. II, S. 669" Anm.). Gegen letzteres spricht die ähnliche kymrische 



LITTERATUß: BERGMANN, FIÖLSVINXSMÄL-GRÖÜGALDR. 3ßj 

Erzählung von Kilhwch and Ohven (Mabin. N, S. 249 fF.) und die Hjalmters 
Saga ok Ölvers (F. A. S. Norctrl. III, S. 453 — 518), in denen die Stiefmutter die 
rechtmäßige zweite Frau des Königs ist. Inwiefern der Ausdruck Jomfruens Bur 
für Grundtvig sprechen könnte, ist mir unklar. Daß es sich um verschmähte 
Liebe handelt, ist sicher (vgl. v. 3 4 : som du haffuer kierer end mit/), aber mit 
der „jomfru" , die v. 1 1 „söster" genannt wird [hier erfahren wir auch erst, 
daß die Stiefmutter sie unterstützt, während in Fassung E v. 11 f. nur von 
der Jungfrau die Rede ist, die ihm die Reise anbefohlen habe] ist sicherlich 
die Stiefschwester gemeint, die ja auch nach dem kymrischen Märchen (a. a. 0. 
S. 252) vom Jüngling verschmäht wird. Dieser Zug fehlt in Grog.; er stimmt 
zur kymr. Sage ; folglich kann der Eingang von U. Sv. nicht erfunden sein, 
und wenn wir den ersten Theil dieses Liedes mit Grog, identifizieren, so muß 
am Anfang des letzteren ein Stück fortgefallen sein. 

Es kommt eine andere Erwägung hinzu, der ich mich nicht verschliessen 
kann. Um den epischen Rahmen beider Gedichte zu identificieren , hat man 
Grog. 3 2 das von allen Handschriften überlieferte skauzlu oder skautzo in skaut 
sü verwandelt, und sü, sowie hin Icevisa kona sie er fadmadi minn fädur auf die 
böse Stiefmutter bezogen (Grundtvig a. a. 0. II, S. GG8). Die Änderung ist 
selbstverständlich eine sehr leichte, und der anstößige Wechsel zwischen zweiter 
und dritter Person fiele weg; aber auffallend erscheint dann das Praet. fadmadi, 
das man schwerlich berechtigt ist mit Bergmann durch : „das meinen Vater am 
n umstrickt" wiederzugeben. Der durch die Änderung erforderte Sinn würde 
fadmar verlangen, so gut wie Hävamäl v. 163 (Bugge) die Gattin umschrieben 
ist durch: er mik armi verr. Diese Stelle beweist zugleich, daß eine solche 
Umschreibung für Mutter oder Weib, die Grundtvig a. a. 0. sonderbar findet, 
nicht allein steht. 

Von ganz anderem Ausgangspunkt gelange ich zu ähnlichen Bedenken. 
Lassen wir das Überlieferte stehen, so hat die Mutter selbst bei Lebzeiten dem 
Sohne die Aufgabe gestellt, eine mühselige Reise [nach seiner Braut?] zu unter- 
nehmen, und ihn aufgefordert, wenn ihm dieß später zu schwierig erscheine, 
sich bei ihr im Grabe Rath zu holen. Dazu finden sich zwei Parallelen. In 
der Vonvedsvise, die, wie sich unten zeigen wird, auch in anderen Punkten zu 
ig. genauer stimmt als U. Sv. , ist es ein und di< <> lbe — die Mutter, — 
die den Sohn auf gefährliche Fahrt ausschickt und die ihn durch Zaubersprüche 
feit. In der schwedischen Visa: Hertig Silfverdal (Svenska Folkvisor frän forntiden, 
samlade och ntgifhe af Er. Gust. Geijer och Arv. Aug. Afzeliüs. I. Stockholm 
1814, S. 57 ff. [die Fassung bei Arwidsson: Svenska Fornsanger II. ist mir 
leider nicht zur Hand] ist es der Vater des Helden, der ihm aufgegeben hat, 
die Braut zu suchen; bei seinem Grabe erholt sieh der Jüngling Rath, wie er 
dieß Ziel erreichen könne. Diesen Seitenstücken gegenüber scheint mir die 
Richtigkeit von Grundtvigs Conjectar sehr in Zweifel gestellt. Der oben er- 
wähnte Wechsel zwischen erster und zweiter Person ist freilich auffallend. Will 
nun nicht annehmen, daß die Ausdrucksweise: hin loevüa fcona den Abschreiber 

verführt habe, auch Zeile 4 die dritte Pei*80n einzuführen, und baztu dafür 

■n, so muß man, wie schon Kop. will, Zeile •') und 4 zusammennehmen 

und sii er auflösen durch Juinn tilma er j"< etc. Ich linde den Wechsel dann 

nicht anduldbar. 



362 LITTER ATUR: BERGMANN, FIÖLSVINNSMAL-GROUGALDR. 

Daß v. 10 des dän. Textes aus Orm Ungersvend (Fassung D v. 27 
entlehnt scheint, hat nichts auffallendes: die Situationen sind so ähnlich. Bemerkt 
zu werden verdient, daß Gröug. v. 5 3 (nach Bergm.) : ä vegum allr hygg ek at ek 
venia muna , nicht in Ungen Svendal, sondern in Svend Vonved, Fassung D 
v. 4 (Grundtv. I, S. 245) eine Parallele erhält. Die Worte der Mutter berühren 
sich in Grog, und Ungen Sv. gar nicht. Man hat das zu erklären gesucht. 
Ettmüller bemerkt Germ. XIV, S. 315: „Daß die todte Mutter ihrem Sohne 
nach den Volksliedern nicht Zaubersprüche auf dem Weg mitgibt, sondern einen 
Hengst, der nie ermüdet, und ein Schwert, womit man immer siegt, ist zwar 
eine unverständige, aber doch sehr leicht begreifliche Änderung. In den christ- 
lichen Volksliedern konnten schützende Zaubersprüche unmöglich eine Stelle 
finden." Daß die letztere Behauptung unrichtig ist, beweist schlagend folgender 
Zauberspruch aus dem eben citierten Svend Vonved (Fassung D v. 5 f.), der 
sich dem Sinne nach eng genug mit Gröug. berührt: 

Da skal ieg dig galde i Dag, 

aldrig skal dig nogen Mand skade: 

Seyr vdi din hoye Hest, 

Seyr i dig selff aller mest. 

Seyr i din Haand, Seyr i din Foed, 

oc Seyr vdi alle dine Laedemod: 

Signe dig Gud, Saucte Drotten Dyre, 

band skal dig baade vocte oc styre. 
Daß hier der Segensspruch nicht ernst gemeint ist und gleich darauf 
(v. 11 f.) zurückgenommen wird, also wohl als von der Stiefmutter ausgehend 
zu denken ist, die dann schließlich auch (v. 72) den verdienten Lohn erhält, 
ist eine Sache für sich. Das Schwert — der Zweck dieser Gabe ist aus Ungen 
Svendal selbst absolut nicht zu ersehen — könnte aus der Hervararsaga (edd. 
Petersen S. 15 ff.) oder wieder aus Orm Ungersvend, auch aus Svend Vonved 
herübergenommen sein, wo es überall zur Verwendung kommt*). 

Was weiter Fjölsvinnsmal angeht, so besteht die Ähnlichkeit zwischen 
diesem Liede und Ungen Svendal doch nicht bloß darin, wie Bergmann meint, 
daß in beiden Liedern von einem Jüngling erzählt wird, der sich mit seiner, 
vom Schicksal bestimmten Braut schließlich vereinigt. Die näheren Berührungs- 



*) Auch der Ursprung von v. 13 ff. in Fassung A, wo noch andere Geschenke 
hinzugefügt werden, ist z. Th. leicht zu erklären. Der Zug von dem Tischtuch und 
Trinkhorn wenigstens findet sich mehrfach in den romantischen Sagas; z. B. in der 
Victors Saga ok Blaus Cod. A. M. per». 59-'? B. 4°: Tekr Bl&ua eimn borddük saumadem 
af jirüil ' um ins bezta gutta i sundr rekjandi. Vdru par innan kpnwngligar krdsir. Par 
var ok ein stör kanna, füll med -piment ok klare, piAat hon rar med gdlfum ger. Eta 
nu ok drekka. Bldus talar ]>d til konungsins: Varazt pü, sagßi kann, ok kasta öngu 
brott af pessari feedu, Jiviat dtiJcrinn berr pd nattüru, at fceötan er öll en sama peg&r 
kann er saman vafdr; sömu leid er ka/nnan füll med a&r nefndan drykk, p$gar lokit 
kemr yjir hava. Vgl. Sagan af Valdimar kongi, cap. 2 (Fjörar Riddarasögur. Utgefnar 
af II. Erlendssyni ok E. pördarsyni. Reykjavik 1852, S. 101), wo .sich derselbe Zug 
findet. Das zauberhafte Trinkgefäß kehrt ferner in der Sanisons Saga fagra Cap. XVII 
wieder (bei Bjürner, Nordiska kämpadater X, S. 28). Dicht dabei findet sich folgende, 
Stelle, die an Ungen Svendal A v. 16 f. erinnert: Ok er Sigurdur b/<>st i burtu, fylgdu 
jia/i karl ok kerling hdnum Hl sjdar, ok fundu eina spdnahrugu. Kerling t*'>k juir ur 
eitl skip , sem eins mannsfar, svd fagrt sem d gull seei. petta skip vil ek gefa }><'r 
Sigurdr, segir kerling, pat hrjir b>jr, pd aojl kemr yßr pal, hvdrt sem sigla vill; aldri 
mun ]mt ofhladit verda. 



LlTTERATUR: BERGMANN, FIÖLSVINNSMÄL-CKÖUGALDR. j 363 

punkte sind schon von Anderen hervorgehoben, auch die Unterschiede motiviert 
worden. Doch möchte ich dem gegenüber eines hervorheben. Fjolsvidr anlangend, 
so ist derselbe im Eddaliede offenbar als Burgvogt gedacht, der die mit ihren 
Jungfrauen hier einsam hausende Menglöd bewacht und gegen unbefugte Ein- 
dringlinge beschützt. In der Fassung C der Vise ist vielleicht zwischen v. 17 
und 18 ein Vers ausgefallen; denn ziemlich unvermittelt wird ein vorher nicht 
genannter Morde angeredet: Hör du, goeden Morde, kicad jeg siger dig etc. Nach 
A kommt Svendal zur See und landet (v. 19): thend forste mand, hand m^tte, 
wor Morden }jaa thett land. Dieser Morde könnte nun, dem Ausdruck nach, 
allenfalls dieselbe ßefugniss haben, wie im Beövulfliede v. 229 f. veard Scyldinga, 
se ]>e holmelifu healdan scolde. Dann stimmte seine Persönlichkeit zu Fjolsvidr. 
Diese Erklärung wird aber bedenklich, wenn wir die Fassung E hinzunehmen. 
Dort heißt es v. 17 f.: da m<j>dte kam en Hyrdemand, som drev saa meget kveeg. 
Den Einwand, es könne sich aus einem mißverstandenen „Hüter des Landes" 
ein Hirte entwickelt haben, widerlegt aber das oben erwähnte stofflich verwandte 
kymrische Märchen, dessen Held ebenfalls einen Hirten trifft, der die Schafe 
weidet. Dieß Zusammentreffen kann nicht zufällig sein, wie sich aus Folgendem 
noch deutlicher ergibt. In der Hjalmters Saga ok Olvers*), die, wie Grundtvig 
(II, S. 239) schon richtig bemerkt, gleichfalls, wenn auch theilweise entstellt, 
einen verwandten Stoff behandelt, kommt Hjalmter (Cap. 14) im Lande der 
lange gesuchten Hervor auch zu Schiffe an. Sowohl in der Saga wie in der 
kymrischen Erzählung ferner ist die Rede vom Vater der Jungfrau, den der 
Held um die Hand der Tochter oder wenigstens um Gastfreundschaft für den 
Winter angehen muß. Fjölsv. weiß von dieser Persönlichkeit absolut nichts, 
ebenso wenig Fassung C der Svendalvise, wohl aber A v. 30; hier wirbt Sv. 
bei jenem um die Geliebte. Allerdings zeigt der König sich hier gutmüthiger 
als in den anderen Erzählungen, denn dort werden dem Helden Proben auf- 
erlegt, die dann andere für ihn verrichten. Mit diesem Zuge der Sage hat die 
Vise wie Fjölsv. sich anders abgefunden. Vielleicht dürfen wir endlich in dem 
Smaadreng Ungen Svendal D v. 17 den Sohn des Hirten in der Kymr. Er- 
zählung (Mabin. II S. 274) wiederfinden. Aus alledem geht deutlich hervor — 
was Grundtvig (II S. 673) zu wenig hervorhebt — daß einige, wenn nicht alle 
Fassungen der Svendalsvise in dem Fjölsv. entsprechenden Thcilc viel zu auf- 
fallend mit der nordischen und kymrischen Gestaltung der Sage übereinstimmen 
als daß hier eine zufällige Entstellung von C aus denkbar wäre; daß ferner 
das Gröugaldr analoge Stück der Vise sich mehrfach in schwer zu rechtferti- 
gender "Weise weiter vom nordischen Liede entfernt, als der Eingang von Svend 
Vonved. Zugleich wurde wahrscheinlich gemacht, daß beide bezüglich ihres 
'■hen Rahmens auf verschiedenen Prämissen beruhen. Es ist demnach un- 
möglich, daß Grog, und Fjölsv. — wenn auch in vollständigerer Fassung — 
allein die Quelle der Svend: bildet haben, and es lüsst sieh nicht Bicher 

erweisen, daß, sie dem Dichter der letzteren iiberhaupl vorgelegen haben. Welcher 
Art seine offenbar verlorene Vorlage gewesen ist, ist schwerlich zu ermitteln. 



Wie diese Saga unter die Fornaldarsögur Nontrlanda gerathen konnte, ist 
mir unerfindlich. Ihr Schauplatz gehört nicht dem Norden an und auch im übrigen 

• üe ganz den Charakter jener F. A. S. Sudrlanda, v lenen eine > Vnzahl 

nur handschriftlich vorhanden sind. Der Schluß ist in der gedruckten Passung verderbt 
und unverständlich, der ursprüngliche nur durch die Hjalmtersrfmur erschließbar 
Anderswo mehr davon. 



364 LITTERATUR: BERGMANN, FIÖLSVINNSMAL-GRÖUGALDR. 

Die durch das dänische Lied für die Behauptung, Gr6g. und Fjülsv. 
hätten ursprünglich öin Gedicht gebildet, gewonnene Stütze ist also wenig halt- 
bar. Vielleicht ist dieser Zusammenhang aus den beiden Eddaliedern selbst 
leichter zu erschließen*). 

Ich bezweifle, daß dieser Versuch glücklicher sein wird, und muß im All- 
gemeinen den Bemerkungen Rnpp's (Zur Deutung von Fiölsvinnsmäl. Germ. XVI, 
S. 50 ff.) und Bergmanns (a. a. 0. S. 32 ff.) beipflichten. Zwar wenn letzterer 
als Grund dafür, daß die Lieder nicht zusammengehören, anführt, daß jedes der 
beiden in sich eine abgeschlossene Rhapsodie bilde, so ist das eine Petitio prin- 
cipii. Aber der durch Conjectur gewonnene Name Menglödu ist vieldeutig, und 
wenn man in dem Grog. v. 14 erwähnten jötunn den Fjölsvidr wieder erkennen 
will — was überhaupt nur einen Sinn hat, wenn man Fjölsv. I 3 (Bugge) purs d 
etc. liest und selbst dann noch sehr bedenklich ist (vgl. Rupp. a. a. 0.) — so 
müssen nothwendig auch die andern von Groa vorgesehenen Gefahren alle den 
Jüngling treffen, und dieß Stück wäre uns verloren. Dann würde die ganze 
Dichtung aber von ganz anormaler Länge gewesen sein (vgl. Bergm. S. 34). 
Wie Bugge selbst bemerkt (Fornkvsedi S. 445), eignet sich überdieß der ljoda- 
hattr, in dem beide Gedichte abgefasst sind, nicht für epische Dichtung, man 
würde also die Reiseabenteuer in Prosaerzählung erwarten, ebenso wie — nach 
unserer Annahme — die epische Einleitung zu Grogaldr. Rüttelt die Notwendig- 
keit dieses Ausweges nicht schon an der Einheit der zwei Lieder? Zudem sind 
die von Groa aufgeführten drohenden Lebenslagen,, wie Rupp richtig bemerkt, 
so allgemeiner Natur, daß diese Sprüche jedem Reisenden mitgegeben werden 
können, helfen aber absolut nichts zur Ausführung der von Fjölsvidr geforderten 
Kunststücke. In dieser Hinsicht wäre die schwedische Visa wesentlich dem ver- 
meintlichen einen Eddaliede überlegen: die vom todten Vater gegebenen Notizen 
beziehen sich ganz speciell auf des Sohnes Brautfahrt. Daß endlich die ver- 
wandten Bebandlungen des Stoffes (die Saga und das kymr. Märchen) den 
Besuch des Grabes nicht haben, spricht eher gegen, als für das Muß der Zu- 
sammengehörigkeit. 

Aus allen bisherigen Erörterungen, die leider ausführlicher geworden sind, 
als ich beabsichtigte, ergibt sich mir wenigstens der Schluß, daß die Behauptung, 
Grogaldr und Fjölsvinnsmal habe ursprünglich ein Lied ausgemacht und sei, 
schon im Volksmunde oder durch die Schuld der Abschreiber später in zwei 
zerfallen, weder aus der Vergleichung mit der Svendalsvise noch aus den 
Liedern selbst erwiesen werden kann, daß derselben vielmehr ernste Bedenken 
im Wege stehen. 

Eine andere Frage ist es nun, ob die beiden Lieder, jedes für sich ge- 
nommen, für vollständig oder für Bruchstücke anzusehen sind. Grogaldr bietet 
in dieser Hinsicht keine sonderliche Schwierigkeit. Die Zaubersprüche, die die 
todte Mutter dein Sohne als Schutz auf eine von ihr selbst oder von seiner 
Stiefmutter ihm aufgegebene gefahrvolle Reise mit auf den Weg gibt, konnten 
ja wohl einmal den Gegenstand zu einer selbständigen Dichtung liefern. Auch 
die schon oben erwähnte Allgemeinheit der von Groa skizzierten Situationen 



*) Bugges Abhandlung Om Forbindelsen mellem Grrtgaldr og Fjölsvinnsmal 
(Forhandlinger i Videnskabs Selskabet i Christiania 1800. S. 123—40) und die zweite 
Auflage von Grundtvigs Ausgabe der Edda (Kopenh. 1874) habe ich für das Folgende 
leider nicht benutzen können. 



LITTERATUR: BERGMANN, FIÖLSVINNSMAL-GRÖUGaLDR. 3G5 

deutet darauf hin, während sonst solchen Todtcnbesuchcn ein directer Wunsch 
zu Grunde zu liegen pflegt. Vgl. übrigens Bergmann S. 145 — 56, mit dessen 
Erörterungen ich hier durchaus einverstanden bin. 

Weit schwieriger stellt 6ieh die Sache bei Fjölsvinnsmal, das man schon 
mehrfach vorsucht hat, als selbständiges Gedicht mythisch zu erklären. Ohne 
auf Paulus Cassels Versuch (Eddische Studien. I Fiülsvinusmäl. Weimar 185G) 
näher einzugehen*), wende ich mich zu Theophil Rupp's Abhandlung über 
Fjölsvinnsmal Germ. X, S. 433 — 46. Nach ihm soll Menglöd die Sonne, Svip- 
dagr der Mond sein. Mich überzeugt diese Deutung nicht, so geistreich sie ist. 
Die dem Neumond sich nähernde Mondsichel soll (S. 442) Windkaldr, also der 
Mond selbst, im Gewand (Nebel) verbergen, und der Zauberin Sinmara geben 
gegen die blutige Ruthe, nämlich gegen die ersten rothen Strahlen der Sonne, 
um den Hahn damit zu Hei zu senden. Ein Theil des Mondes ist also schon 
innerhalb der Sonnenburg? Und der Mond soll nun diesen Theil seiner selbst 
im Mantel verbergen und einer Zauberin bringen? Die ersten rothen Strahlen 
der Sonne gehen nicht von der Sonnenburg aus, sondern müssen vor dem 
Todtenthore geholt werden? Das sind Dinge, die ich nicht fassen kann. Die 
Behauptung, daß Svipdagr alle diese Forderungen erfülle, nur daß dieß vom 
Dichter, um Wiederholung zu meiden, nicht einzeln erzählt werde (S. 445 f.), 
nimmt Rupp selbst (Germ. XVI S. 53 f.) zurück. Nur der Unberufene muß die 
unbestellbaren Proben leisten. Aber wie können diese dann noch von dem Ge- 
sichtspunkte aus erklärt werden, daß sie zur Vereinigung der Liebenden noth- 
wendig seien? Hebt da nicht eines das andere auf? 

Ich gehe über zu Bergmanns Auslegung von Fjölsvinnsmal. Nach seiner 
Ansicht soll der Mythus von Freyja und Odr darin verborgen liegen. Die Idee 
ist nicht neu; Lüning: Edda S. 28 sagt: „Ob das zum Grunde liegende Gedicht 
zum Mythus von Freyja und ihrem geliebten Odr gehört hat? Das ist freilich 
eine bloße Vermuthung.'' Grimm bemerkt (Deutsche Mythol. S. 1102): „Men- 
glöd könnte geradezu für Freyja erklärt weiden." Aber Bergmann versucht dieß 
zum ersten Male eingehender zu begründen. Prüfen wir die Sache näher. Den 
Namen Menglöd soll Freyja führen als Besitzerin des Brisingamen, also Men- 
glöd par excellence (S. 14 f.; 92 f.). So kann freilich jede andere Jungfrau 
auch heißen, aber es widerstrebt der Auslegung wenigstens nichts. Auch von 
einer festen Burg oder wenigstens einem starken Gemache der Freyja wissen 
wir. In der Sn. E. heißt es: Ihm ätti s6r eina skemmu, er var beedi fögr ok 
sterlc, svd at ]>at segja menn, ef huntin var leest, at eingi mditi komast i skem- 
miina dn vilja Freyja (vgl. Grimm: D. Myth. S. 284 f.). Warum citiert Berg- 
mann diese Stelle nicht? Dagegen hat weder die Gitterthüre noch die Gürtung 
(bei B. Verback Bezug auf Freyja (S. 102). Das Wort munameidr = Idebes- 
ii, der in der Burg der Liebesgöttin allerdings sehr passend 
wiich.se, kann nichts beweisen, da es erst an Stelle des handschriftl. Mimameidr 
von Bergmann bineinconjiciert ist, so ansprechend die Conjectur unter Rcrg- 
manns Voraussetzungen auch ist. Der Hahn ferner ist häufig das Symbol der 



*) 'i il '• i K' Dntnisse und schwungvoll poetischen Auffassung 

war Cassel durchaus nicht im Stande, das Lied philologisch genau zu interpretieren, 
da er zu wenig isländisch verstand. So soll pursa accus, von pura Bein S. 137), arfs 
»der Erb S. 140), mn wird mit: Sinn Ilbej etzl 5. 146 n. s. w. I ber Er- 

klärungen Anderer vgl. Supp a. a. < ». 



36G L1TTERA.TUK: BERGMANN, FIÖLSVINNSMÄL-GRÖUGALDR. 

männlichen Liebe (Bergm. S. 115; vgl. Cassel a. a. 0. S. 68 ff.). Über die 
Dienerinnen der Freyja wissen wir aus anderen Stellen nicbts. Ist da vielleicht 
an eine Vermengung des Frigg- und Freyjamythus zu denken (Grimm: D. Myth;. 
S. 279)? Lyfjaberg ist Conjectur. Die Identität von Menglöd und Freyja ist 
also nicht erwiesen, lässt sich aber auch nicht widerlegen. 

Odr (Sumar, Svipdagr) ist nach B. (S. 17 f.) „der Repräsentant der lichten 
Sommerwitterung, und demnach als ein den Menschen und der Natur günstiger 
Gott oder Ase angesehen. In dieser Beziehung wurde er auch im Naturmythus 
als der Geliebte der lichten sommerlichen Freyja betrachtet. ... Da aber der 
Sommer im Norden kurz ist und durch den Winter bald vernichtet wird, so 
sagte der ursprünglich symbolische Mythus aus, daß das Liebesverhältniss zwischen 
Svipdag (Odr) und Menglöd (Freyja) kein ehelich dauerndes war, sondern daß 
der unverheirathete Svipdag mit der unverheiratheten , jungfräulichen Menglöd 
nur kurze Zeit, als Verlobter, der Jugendliebe pflegen konnte, und bald Yon ihr 

durch das unerbittliche Schicksal getrennt wurde Von den jotnischen 

Winterstürmen wird er hinweg getragen nach Jotnenheim, wo er verweilt, bis 
der Winter vorüber ist, und bis die noch rauhen Frühlingswinde ihn in die 
Nähe seiner Geliebten zurückbringen, und er endlich, nach jährlicher Trennung, 

im Sommer, wieder mit der Menglöd vereinigt wird Im Bewusstsein des 

späteren epischen Mythus wollte Odinn an Stelle Odrs Freyjas Geliebter werden, 
und bewirkte deßhalb durch das Schicksal, daß Odr, während der Jugendzeit 
Freyjas, von ihr fern gehalten wurde, und erst nachdem Odinn der Freyja über- 
drüßig geworden, als die erste Jugendzeit der Äsen vergangen wai", zu der Ver- 
lobten zurückkehren durfte." 

Ich musste diese Stelle ausführlich ausschreiben , da alles folgende sich 
darauf aufbaut. Fragen wir aber, wie weit das oben dargestellte sich aus den 
Edden belegen lässt, so sieht es damit leider sehr übel aus. Wolf: Beitr. zur 
d. Myth. I. Gott. 1852 S. 180 sagt ganz richtig: „Von Odrs Zurückkunft ist 
in den beiden Edden keine Rede, und wenn man den Isismythus [den auch B. 
parallelisiert S. 17] und den von Venus und Adonis vergleicht, dann dürfte 
man einen Grund mehr haben, die Rückkehr nicht gelten zu lassen." Vgl. auch 
Simrock: Handbuch der deutschen Mythologie. Bonn 1855, S. 245 f. Odr 
selbst wird verschieden gedeutet. J. Grimm (D. Myth. S. 858) sieht in ihm die 
Personification der Dichtkunst, Lüning (Edda S. 79) lässt seinen Namen auf 
berauschenden Liebesgenuß deuten; Simrock (a. a. 0. S. 248) sieht in seiner 
Flucht vor Freyja die Abnahme des Lichtes in der dunklen Zeit des Jahres. 
Diese Erklärung würde nicht ausschließen, daß Beide sich wiederfinden, aber 
gerade in umgekehrter Weise, als Bergmann will. Freyja sucht Odr, aber nicht 
Odr Freyja. Auf die ganz entstellte Formation des Odr-Mythus, wie er uns 
bei Saxo in der Erzählung von Syritha und Othar entgegentritt (Sax. Gramm, 
bist. dan. rec. P. E. Müller. I. 1. Havniae 1839, S. 331 ff.), wo beide aller- 
dings schließlich ehelich vereinigt werden, wird Bergmann selbst kaum recur- 
rieren wollen. Ist aber dieser Mythus, wie er sich nach Bergmanns Darstellung 
gestaltet, nicht nachweisbar, hat er nur möglicher, nicht einmal wahrscheinlicher 
Weise so gelautet, so fällt damit auch die mit Hülfe desselben versuchte Er- 
klärung von Fjölsvinnsmal. Ich bin nicht im Stande, dieselbe durch eine neue, 
haltbarere zu ersetzen. Die Vollständigkeit des Gedichtes halte ich aber damit 
noch nicht für angefochten. Nur ist mir allerdings nicht unwahrscheinlich, daß 






LITTERATUR: BERGMANN, FIÖLSVINNSMAL-GRÖUGALDR. 3G7 

am Anfang ein Stück Prosaeinleitung weggefallen ist, die ein noch klareres Licht 
über das Ganze geworfen hat. 

Ich füge schließlich einige Bemerkungen über die Textgestaltung beider 
Lieder bei Bergmann an, ohne darin irgendwie Vollständigkeit anzustreben. 

Zunächst kann ich mich mit Bergmanns Verstheilung durchaus nicht immer 
einverstanden erklären. Zwar wird er für seine Ausgabe Karl Hildebrand's sorg- 
fältiges Schriftchen: Die Verstheilung in den Eddaliedern. Halle 187 3, so wenig 
schon benutzt haben können, als Grundtvigs Aufsatz: Til „Saunundar Edda". 
Nordisk Tidskrift for Filologi og Psedagogik. Ny Rivkkc. I. S. 182 ff., aber 
trotzdem hätte er weit öfter Bugges Theilung adoptieren sollen. Selbst wenn 
man über die Stellung der Verbalformen streiten könnte, z. B. darüber, ob ab- 
zutheilen sei Fjölsv. 4 3 : innan garda jn'i kemr\her aldregi, oder innan garda | 
pti leemr her aldregi (vgl. v. 5 ! , 6 1 , 10 3 , 21 3 , 24 3 etc.), so ist folgende Theilung: 
Fjölsv. v. 47 3 : Urdar ordi kvedr I eingi madr, ]>ült\]>at se vid löst lagit doch 
durch nichts zu rechtfertigen. 

Ich wende mich nun zu einzelnen Stellen. 

I. Fj öls vinnsmäl. 

V. 1 übersetzt B.: „Vor den Zäunen draußen sah Er heraufkommen Thur- 
senvolks Gefolge". Seine Auffassung des Liedes bedingt diese Übersetzung. Sjöt 
kann ja „Gefolge" heißen. Aber der ganze Verlauf des Gedichtes macht durch- 
aus den Eindruck, daß Svipdagr allein kommt. Ich halte für das einzig rich- 
tige: Utan garda sd kann [accus, sc. Svipdag] npp um koma ]>urs [sc. Fjölsvittr] 
a pjödar sjöt. Vgl. Bugge z. d. St. 

Wie B. darauf kommt, Fjölsvittr anzusetzen, verstehe ich nicht. 

V. 3 3 : sa'mdarorda druckt B. als zwei Worte; ebenso aldregi (v. 4 3 ), 
im Anschluß, wie es scheint, an die Kop. Ausgabe. Mit Unrecht; denn die 
Hdschr. schreiben sie als ein Wort und charakterisieren sie dadurch als Com- 
posita. 

V. 10 3 : B: fjötvr-fasti (Fessel-klemmend) ist zu lesen statt fjütur-fast 
(fessel-fest), das jeder Erklärung widerstrebt (S. 50). Wo B. fast her hat, weiß 
ich nicht; die Hdschr. bieten die unanstößige Adjcctivform fastr. 

V. 13 3 f. schreibt B. hvat peir garmar heita, er gifr-rekar varda fyri lönd 
ok lim, und übersetzt: wie die Cerberen heißen, die, Scheusal abtreibend, wachen 
vor Land und Grunze, gifr-rekar soll wildvertreibende heißen (S. 51). Und dann 
heißt wieder einer der Hunde Gifrl lim = Grunze ist in der altn. Litteratur 
nirgends nachweisbar. Überdieß muß B. görpa in varpa ändern. Auch bei 
Bugge ist die Wiederholung gifrart-Gifr anerträglich, und seine Lesung ent- 
fernt sich viel zu weit von der Überlieferung. Ich halte Ettmüllers Änderung 
Germ. XIV S. 321 f.) für untadelhaft. 

V. 24 4 behalt B. motu bei und erklärt es für acc. von matir: Speisen 
(S. 58,i. Diese Form heißt aber 

V. 26 ' conjiciert B. sehr ansprechend rdnu für das anerklärbare räinn 

der Hdschr.; und übersetzt es durch: Gefährtin, Freundin, es auf die Simnära 

bend. „Loptr schuf ihn ndvn. u Die Änderung ist sehr leicht und 

besser als Bugge's: ryninn. Daß 26 3 i Sosgjarne keri geschrieben und Ssegjarn für 

Sinmäras Vater erklärt wird, ist, so viel ich weiß, auch neu, und, wie mir scheint, 
nicht zu verwerfen. 



363 LITTEKATUR: BERGMANN, FIÖLSV1NNSMAL-GRÖUGALDR. 

V. 28 1 setzt B. ohne Bemerkung hann nach aptr ein, unnöthiger Weise. 

V. 30 3 : soemr heißt nicht bereitwillig, wie B. übersetzt, und die Änderung 
Ettmüllers smmt, der es auf vdpn bezieht, ist unnöthig. Es ist mit Bugge und 
Grundtvig söm zu lesen (vgl. Atlam. v. 75 nach Bugge), und auf die Sinmara 
zu beziehen. 

V. 33 4 . dsmaga ist Bugge anstößig, weil dann Zwerge aufgezählt werden. 
Bergmann schreibt: dsmagna und macht es von ]>at abhängig. Asmagn sollen 
hier asische göttliche Kunstfertigkeiten bedeuten, die bei den dvergischen und 
alfischen Künstlern immer eine göttliche Asenkraft voraussetzen (S. 63). Aber 
kann mögn die Kunstwerke selbst bezeichnen? Man könnte an den instr. Dativ 
äsmagni denken (= durch Asenkraft), doch wird ein solcher ohne die Präp. af 
oder med kaum zu belegen sein. 

V. 36 3 vermuthet B. für das handschriftliche drssdtt, das Bugge durch 
helsött ersetzt, härs sott, und versteht darunter (S. 65) den Weichselzopf. Das 
würde aber im Liede doch kaum so modern prosaisch als „Haarkrankheit" 
bezeichnet werden. Zudem muß hier, der Begriffssteigerung wegen, an eine sehr 
gefährliche oder tödtliche Krankheit gedacht sein, was auf den Weichselzopf 
nicht passt, zu dessen Entfernung man verschiedene Mittel angab. Ist ärs sott 
etwa von Schwangerschaft zu verstehen? 

V. 38"*. Daß die Wiederholung Blut und Blidr an dieser Stelle richtig ist, 
halte ich für undenkbar. Vgl. Bugge und Grundtvig. 

V. 40 1 : zu sumar hver = sumar ok hver = alle und jede (S. 68) dürfte 
sich im Isl. kaum eine Parallele finden. 

V. 49 3 f. hat B., glaube ich, richtig gesehen, daß die Verderbniss in 
dem überflüßigen ]>at vard zu suchen ist. Gegen die Streichung von aptr bei 
Bugge und Ettmüller (a. a. 0. S. 322 f.) muß schon die offenbare Tendenz der 
Änderung Mißtrauen erregen. Ich möchte lesen: nü ]>ü ert aptr kominn, er 02 
vo2tt hefik, mögr, fil minna sala, im Anschluß an B., nur daß ich die Änderung 
von voztt in valit für unnöthig halte; vgl. Hym. v. 11: Nu er sonr kominn til 
sala pinna, sd er vit vcettum af vegi löngum. 

II. Gröugaldr. 

V. 3 1 conjiciert B. leidsordi für das überlieferte leikbordi. Abgesehen da- 
von , daß die Änderung unnöthig ist (vgl. Bugge), so ist das Wort falsch ge- 
bildet; es müsste wenigstens leidordi oder leidarordi heißen. Über skauztu oder 
skaut sii habe ich mich oben ausgesprochen. 

V. 3 3 schreibt B. kvödlci. leo'öä soll (S. 162), wie ki-edja, Zuspruch, Be- 
grüßung bedeuten, heißt aber in Wirklichkeit „Befehl, Forderung". Ettmüllers 
Besserung: er kveyki [oder kverkr] veit (a. a. O. S. 317) ist ganz verfehlt. Auch 
wenn man seine Voraussetzungen aeeeptiert, ist undenkbar, daß Svipdagr so 
genau über die Mcnglödsburg orientiert ist. Buggcs kvaimtki stellt wenigstens 
einen verständlichen Sinn her. 

V. 4 1 . per einzusetzen ist unnöthig. Es müssen gar nicht alle Verse vier 
Silben [und vier Hebungen] haben. 

V. G' z : Zu Buggea Änderung Hindi bemerkt B., wie mir scheint, treffend 
(S. 163 f.), sie sei darum unzuläßlich, weil alsdann die Zauberformel, die doch 
nur einem Helden von Nutzen sein könne, einer Frau vorgetragen würde. Die 
von Bugge citierte Stelle aus Saxo (S. 128) deutet übrigens auf eine Formel 
von einer, der hier geforderten gerade entgegengesetzten Wirkung. Auch der 



LITTERATUR: A. BIRLINGER, ALEMANNIA. 3ß9 

Meeresgöttin Ran kann der Spruch deßhalb kaum gewidmet sein, selbst wenn 
wir Ränu lesen wollten. Ist vielleicht Rdna = Lirdna zu lesen, als Dativ von 
Hränl = Odin . 

V. 6 4 : Die Änderung von leid in leidir empfiehlt sich wegen der dadurch 
erreichten Congruenz der zwei Satzglieder, wie denn auch sonst im Gedichte 
sich nirgends die dirccte Befehlsform findet. 

V. 10 ,J schreibt Bergmann: hlaujpins lida liümk fidr fyr legg of kvedna, 
und übersetzt: daß Läufers Gelenk man für dein Bein sagen dürfte. Aber hlau- 
pinn heißt noch weniger der Läufer als leikinn der Tänzer, ganz abgesehen von 
der heillos gezwungenen Ausdrucksweisc. 

V. II 3 . logn ok lögr würde zweimal dasselbe sagen. Ich schreibe mit 
Grundtvig lopt ok lü'jr. 

V. 12 4 liest B. ok haldi Jjdr lilc at leidum; und übersetzt: und dein Leib 
es aushalte zu (weiteren) Fahrten. Mir gefüllt diese Emendation besser, als die- 
jenigen Bugges und Grundtvigs$ nur muß dann mit Bugge haldist gelesen werden, 
denn das erst gibt die geforderte Bedeutung. 

V. 14 3 : schreibt B.: d Mimis hjarta, was heißen soll: gegen Mimirs Klug- 
heit. Bergmanns Erklärung (S. 180 f.) kann mir nicht die Möglichkeit erschließen, 
daß es sich hier um einen geistigen Kampf mit dem weisen Mi'mir handeln 
kann. .Seltsam ist der Vers freilich, wenn wir Grog, als ein in sich abgeschlossenes 
Gedicht betrachten. 

Ich bin am Ende. Mir scheint das Mysterium von Fjölsvinnsmal so un- 
gelöst wie vorher. Indessen wird der persönlich von mir hochgeschätzte Ver- 
fasser des vorliegenden Buches mir wenigstens das Zeugniss geben müssen, daß 
ich mich nicht in oberflächlicher Weise mit demselben beschäftigt habe. Sollte 
er selbst im Stande sein, meine Bedenken gegen seine Interpretation zu wider- 
legen oder die von anderer Seite zu erwartende Eddaausgabe eine überzeugen- 
dere Aufklärung bringen, so würde es mich von Herzen freuen. 

BRESLAU, Juli 1874. E. KÖLBIXG. 



Alemannia. Zeitschrift für Sprache, Litteratur und Volkskunde des Elsasses 
und Ober-Rheins, herausgegeben von Dr. Anton Birlingcr, a. o. Prof. 
an der Univ. in Bonn. Erster Band, Bonn bei Adolph Marcus 1873. — 
336 S. — Zweiter Jahrgang, erstes Heft. Bonn, bei A. Marcus 1874. — 
100 S. 

Neben den eigentlich germanistischen Fachzeitschriften, die das gelehrte 
Material deutscher Sprache, Litteratur und Alterthümcr wissenschaftlieh zu be- 
arbeiten bemüht sind, und die dabei gelegentlich auch auf die lebendige Volks- 
überlieferung Bücksicht nehmen, ohne dieß jedoch — ihrer ganzen Anlagenach 

— anders als ausnahmsweise thun zu können, hat es seit längerer Zeil kleinere 

chriftett' und Vereinsblätter gegeben, die auf einem beschränkteren <> 

— zunächst meistens von historischen Int nend — die Kunde der 

oheil zu erschließen, und dabei gern auch auf Sitten und Ausdrücke 
des Volks! bens Bücl ichl u n bmen pflegen. Ohne daß wir darum derai 
Beiträge ganz entbehren möchten, wird im Allgemeinen doch wohl der! [rgb. derAlem. 
mit den Worten (S. V : ,nacb den heul I ihrungen sind die historischen 

Vereine und Zeitschriften nichl mehr im Staude, auch sprachlich den gl 
GEBMANIA. Nene Reihe VII. (XIX. J | 24 



370 LITTERATUR: L. DIEFENBACH, HOCHD. U. NIEDERD. WÖRTERBUCH. 

wattigen wissenschaftlichen Anforderungen Rechnung zu tragen" kein zu hartes 
Urthcil gefüllt haben. Seinerseits sucht der Hrgb. nun zunächst immer von der 
sprachlichen Seite aus das litterarische und eulturhistorische Interesse zu ver- 
mitteln, was sicher im Ganzen der richtige Weg ist, wenngleich mehrfach auch 
die sprachliche Erklärung ihre Unsicherheit behält, vgl. hier namentlich die 
interessante Untersuchung über den Namen Hohenzollern (I, 278 ff.). Sehen 
wir von diesem, ja ganz unvermeidlichen, Bedenken ab, so muß die Wahl des 
Hrgb., gerade das in jeder Beziehung so interessante Gebiet der alten Alemannen 
in einer regelmäßig erscheinenden Zeitschrift mehr und mehr durchforschen zu 
wollen, ansprechend erscheinen, um so mehr als ja hier wie überall eine wirk- 
lich warme, lebendig eingehende Behandlung eines Stoffes — ganz abgesehen 
von dem eigenen Werth desselben — schon einen gewissen Reiz ausübt, und 
mit der Zeit leicht auch da regeres Interesse wirkt, wo dasselbe anfangs nur 
in schwächerem Maße vorhanden sein mochte. Wir hoffen demnach, daß Bir- 
lingers schätzbares Unternehmen bei den Germanisten überhaupt, nicht bloß in 
den eigentlichen Bezirken Alemanniens und Schwabens die verdiente Beachtung 
finden wird*). E. WILKEN. 



Hoch- und niederdeutsches Wörterbuch der mittleren und neueren Zeit zur 
Ergänzung der vorhandenen Wörterbücher, insbesondere des der Brüder 
Grimm. In 2 Bänden. Von Lorenz Diefenbach und Ernst Wülcker. 
1. und 2. Liefg. Frankfurt a. M. 1874. Chr. Winter. 4. 288 Sp. 
L. Diefenbach, dem wir schon das so reichhaltige Novum Glossarium 
latino-germanicum , eine unerschöpfliche Fundgrube für das mhd. Wörterbuch, 
verdanken, beabsichtigt in vorliegendem Werke in Verbindung mit E. Wülcker, 
den seine archivalische Stellung in Frankfurt zum Mitarbeiter besonders ge- 
eignet machte, eine Ergänzung zu den vorhandenen Wörterbüchern, namentlich 
aus den Sprachschätzen des 14. — 16. Jahrhs. zu geben. Nicht die eigentlichen 
Litteraturdenkmäler bilden die Quelle, aus welcher geschöpft ist, sondern haupt- 
sächlich Vocabularieu und Archivalien. Es sind dabei die im Grimm'schen 
Wörterbuche noch nicht belegten Worte mit einem Stern bezeichnet, so daß 
man auch bei rascher Durchsicht sich von dem Reichthum an neuem Material 
leicht überzeugen kann. Unter den neuen Worten sind viele niederdeutsche, so 
daß das mnd. Wörterbuch mit Nutzen von diesem Werke wird Gebrauch machen 
können. Auch vieles mundartliche älterer und neuerer Zeit hat Aufnahme ge- 
funden. Einen eklektischen Charakter muß ein solches Werk nothwendig tragen 
und trägt ihn hier mit bewusster Absicht. Im Ganzen wird man den Grund- 
sätzen, welche für die Auswahl des Materials maßgebend waren, nur beistimmen 
können. Ein bei der Benutzung sich herausstellender Mangel scheint mir das 
Aufgeben der streng alphabetischen Ordnung, indem die nächsten Ableitungen 
eines Wortes ohne Rücksicht auf die alphabetische Reihe der folgenden Worte 
dem Stammwort angeschlossen sind. Da ein Wörterbuch doch zunächst zum 



*) Wir erlauben uns hier schließlich noch auf ein anderes Unternehmen des 
selben Hrgb., die altdeutschen Neujahrsblätter für 1874, mittel- und nieder 
deutsche Dialectproben , hrgb. von A. Birlinger und W. Crecelius, Wiesbaden 
Killinger, hinzuweisen, für das gleichfalls eine periodische Fortführung in Aussicht ge- 
nommen ist. 



LITTEEAT1 B: SCHREYER, ÜBER HARTMAN» VON AUE. 371 

raschen Nachschlagen dienen soll, zumal eines, das aus meist ganz kurzen 
Artikeln besteht, die selten zu einem längeren Nachlesen veranlassen, so hätten 
wir gewünscht, daß das Alphabet genau maßgebend gewesen wäre. Ein zweites 
Bedürfniss ist die Herstellung eines vollständigen Quellenverzeichnisses. Die 
Quellenverweisungen bilden ein etwas compliciertes System, in das man sich je- 
doch bei einiger Übung bald hereinfindet. Was zuerst beim Citieren am meisten 
auffällt sind die einfachen, theils cursiv, theils in antiqua gedruckten Zahlen, 
welche die benutzten Quellen bedeuten. Das Vorwort verweist allerdings auf 
die frühereu Glossarien von Diefenbach, in denen diese Zahlen ihre Erklärung 
linden, aber zweckdienlich wäre es doch gewesen, dem neuen Wörterbuche eine 
Übersicht auch der früheren Quellcnbezeichnungen beizufügen. Wir möchten 
an die Herausgeber die Bitte richten, wenn nicht früher, so doch am Schluße 
des Ganzen ein vollständiges Quellenverzeichniss zu geben. Kein Germanist wird 
dieß Wörterbuch entbehren können, auch Archivaren und Historikern wird es 
ein unentbehrliches Hilfsmittel werden. Vom Buchstaben D an wird Wülcker 
allein, unter Benutzung von Diefenbachs Vorarbeiten, die Redaction